Sonntag, 7. Februar 2021
LdF Folge Golds–Groß

Goldsborough, Fitzhugh Coyle 31 (1879–1911), US-Geiger, der seinen Ruhm einem Wutausbruch verdankt. Dieser richtete sich im Jahr 1911 gegen den zuletzt in New York City lebende Journalisten und Buchautor David Graham Phillips, Sohn eines wohlhabenden Politikers , geboren 1867. Wie man nachrechnen kann, schrammte Phillips nur knapp an einem eigenständigen Eintrag in diesem Lexikon vorbei. Er hatte im Lauf seiner Lehrjahre seine „soziale Ader“ entdeckt und stürzte nun allein durch das Fächeln mit renommierten Blättern, die enthüllende Artikel von ihm gebracht hatten, etliche von Industrie-konzernen bestochene Senatoren von ihren Sesseln. Damit – und mit zahlreichen, vermutlich eher flüchtig geschrie-benen, damals durchaus vielgelesenen Erzählungen und Romanen – gehörte er zu jenen um 1900 aufgetretenen, später so genannten muckrakers, die heute als „Väter des investigativen Journalismus“ gelten. Gutaussehend und gutbetucht wie er war, ähnelte Phillips von der Erschei-nung her allerdings weniger einem (wahlweise) „Schmier-finken / Mistkratzer / Schmutzaufwühler / Nestbe-schmutzer“, vielmehr einem Dandy. Zu allem Überfluß soll er auch noch weiße Smokings bevorzugt haben. Jedenfalls hatte er Sinn für Inszenierung. Man könnte deshalb fast argwöhnen, er habe auch den Tod, der ihn mit 43 Jahren ereilte, bestellt.

Als Phillips am Nachmittag des 23. Januars 1911 auf den Princeton Club am Gramercy Park zuhielt, stand er unver-sehens nicht etwa einem von jenen Senatoren gedungenen Berufskiller, vielmehr dem Geiger des Pittsburgh Sympho-ny Orchestras Fitzhugh Coyle Goldsborough gegenüber. Wie sich später, als beide Beteiligten tot waren, heraus-stellte, war der Orchestermusiker davon überzeugt, der muckraker habe durch die Gestaltung verschiedener Figuren seines zwei Jahre zuvor erschienenen Romanes The Fashionable Adventures of Joshua Craig Goldsbo-roughs prominente Sippe, insbesondere seine Schwester, mit Schmutz beworfen. Nachdem er dem Autor nicht weniger als sechs Kugeln verpaßt hatte, tötete sich der 31jährige Musiker auf der Stelle auch selbst, wohl durch Kopfschuß. Phillips starb anderntags im Krankenhaus.

Während damals die meisten Blätter von den „Wahnvor-stellungen eines verrückten Geigers“ sprachen, unter-streicht Peter Duffy 100 Jahre später in der New York Times* den sozialen Hintergrund des Mörders. Die Goldsboroughs aus Maryland und Washington D.C. hätten genau jenen „vergoldeten aristokratischen Kreisen“ angehört, die Amerika nach Auffassung Phillips‘ ins Verderben führen würden. Auch sein genannter satirischer Roman habe eben diese Kreise aufs Korn genommen. Nebenbei behauptet Duffy, US-Präsident Theodore Roosevelt habe seine 1906 in einer im Gridiron Club gehaltenen Rede verwendete Bezeichnung „The Man With the Muck Rake“ [Mistgabel] ausdrücklich auf Phillips persönlich gemünzt, also nicht etwa „the men“ gesagt. Hat Duffy recht, könnte sich Phillips demnach für das heute nahezu erstorbene Echo seiner literarischen Werke mit dem Gedanken entschädigen, wenigstens dem Gattungs-begriff der muckrakers zum Durchbruch verholfen zu haben.

* „The Deadliest Book Review“, 14./16. Januar 2011


González Martin, Yolanda 19 (1961–80). Die blutjunge Studentin der Elektronik und Aktivistin einer „trotzkisti-schen“, trotz Francos Abgang (1975) noch nicht legalisier-ten Gruppe sah sich an einem Spätnachmittag im Februar 1980 an ihrer Wohnungstür in Madrid unversehens mehreren angeblichen Polizisten gegenüber, die sie in ein Auto zerrten, auf Ödland fuhren und dort erschossen. Auf der Anfahrt hatte sie auch Mißhandlungen und „Verhöre“ zu erdulden. Später, vor Gericht, sprachen die damals als Polizisten getarnten Rechtsradikalen von Vergeltung für ein Attentat der baskischen Untergrundorganisation ETA im Städtchen Ispaster vom Morgen desselben Tages und stellten ihr Opfer als heimliches Mitglied der ETA hin – möglicherweise „nur“ eine Verwechslung. Laut einer baskischen Webseite stammte González zwar aus dem proletarischen Milieu von Bilbao, doch ihre Gruppe, die kleine Sozialistische Arbeiterpartei (PST), sei nie ein Teil der baskischen Linken gewesen und habe die Militanz der ETA ausdrücklich abgelehnt.*

Haupttäter des Mordes in Madrid war Emilio Hellín Moro, Jahrgang 1947, von der Neonazipartei Fuerza Nueva. Er bezog eine lange Haftstrafe, mußte allerdings nur die knappe Hälfte davon absitzen, weil er bei den Behörden viele GönnerInnen hatte. Nach jüngeren Enthüllungen der Tageszeitung El País** durfte Hellíns „Sicherheitsfirma“ um 2010 sogar wiederholt für die spanische, sozialdemo-kratische Regierung tätig sein, mithin als Bock den Gärtner geben. Inzwischen sind kleine Plätze in Madrid und Bilbao nach dem Mordopfer benannt.

* „Yolanda González – Erinnerung“, baskultur.info, Stand 2018
** in Deutschland von Carmela Negrete aufgegriffen, „Mörder im Staatsdienst“, Junge Welt, 28. Februar 2013



Gördel, Larissa 21 (1995–2016), südhessische Berufs-fußballerin, 2. Liga, zuletzt in Mainz aktiv. In einer Okto-bernacht zog die blonde Abwehrspielerin im „Alter“ mit einer bereits (bei >Coltrane) behandelten australischen Kameradin gleich, der Stürmerin Ashleigh Connor, die sich fünf Jahre früher, 2011, totfuhr. An Gördels Autounfall bei Breuberg im nördlichen Odenwald waren allerdings noch vier weitere Jugendliche beteiligt. Neben ihr starben Marvin Hertel und Jonas Wolf, beide um 20, laut Presse-meldungen im „gegnerischen“, angeblich schuldigen Wagen sitzend, einem dunkel lackierten VW-Golf. Es gab einen Frontalzusammenstoß. Zwei Begleiterinnen der jungen Männer kamen schwer verletzt ins Krankenhaus. Gördel, in ihrem silbernen Toyota solo unterwegs, starb noch an der Unfallstelle.* Bild wußte jedoch, sie wollte in Kürze heiraten. Auf dem Platz hatte sie ihre blonde Mähne stets zum Pferdeschwanz gebunden. Julia Nothacker vom Onlineportal Gala nennt den Unfall zur Abwechslung einmal nicht tragisch, vielmehr schrecklich. Er geschah übrigens in der Nacht von Freitag auf Samstag. Daraufhin setzte Gördels Mainzer Club, vermutlich in Absprache mit dem DFB, das für Sonntag geplante Pokalspiel gegen Sand ab. Dadurch sind sicherlich viele junge FußballerInnen vor Verletzungspech bewahrt worden.

* „Ex-FFC-Spielerin stirbt bei Verkehrsunfall“, Frankfurter Rund-schau, 8. Oktober 2016


Gordon, Adam Lindsay 36 (1833–70), australischer Lyriker und Sportreiter. Für den Brockhaus (Band 8 von 1989) zeigt seine Lyrik neben volkstümlich-balladenhaften Zügen eine Neigung zur „viktorianischen Melancholie“. Gordons Selbstmord ging am Brockhaus vorbei. Obwohl er oft als Draufgänger erschien, dürfte der hochgewachsene und gutaussehende Schotte im Kern ungefestigt gewesen sein. Als Zögling der Royal Grammar School in Worcester, Mittelengland, hatte er nur Pferde und Unfug im Kopf, die seinem Erzeuger, einem britischen Offizier, empfindlich auf die Nerven und aufs Bankkonto gingen. 1853 ver-bannte dieser den Sprößling nach Australien zur Berit-tenen Polizei. Das war wenig geeignet, Gordon die Unrast zu nehmen. Zwei Jahre später zieht er als Viehtreiber, Zureiter und Pferdetrainer durch den Kontinent. Dabei trifft er allerdings den katholischen Missionar und Naturforscher Julian Tenison-Woods, der ihn zum Schreiben ermutigt. 1862, mit 29, heiratet Gordon die 17jährige Schottin Maggie Park. Sie reitet vorzüglich, während sie seinen Versen, die er nun erstmals veröffent-licht, wenig abgewinnen kann. Tatsächlich erzielen sie kaum ein Echo. Kurz zuvor hat Gordon seine Mutter beerbt und die beträchtliche Summe in einen Rennstall gesteckt. Nun erobert er sich den Ruf, Australiens bester Hindernisreiter zu sein. Im Juli 1865 unterstreicht er seine Tollkühnheit durch einen Sprung mit dem Pferd über einen alten Zaun, der einen schmalen Felssims oberhalb des Blue Lakes quert, einem Kratersee unweit der südaustralischen Kleinstadt Mount Gambier. Daran erinnerten Bewunderer nach seinem Tode durch Errichtung eines alle Karpfen vertreibenden Obelisken.

Bei seinen geschäftlichen Vorstößen, darunter in großangelegter Schafzucht, macht Gordon viel Bruch. Vorübergehend auch Mitglied des südaustralischen Parlaments in Victoria, zieht er sich 1867 nach Mount Gambier zurück, um sich nur noch dem Schreiben und allenfalls dem Pferdetraining zu widmen. Doch er trinkt, spielt, prallt auf dem eigenen Hof dank eines unwilligen Pferdes mit seinem Kopf gegen einen Pfosten, hat den Tod seiner noch nicht einjährigen Tochter Annie zu beklagen, kommt von seinen Schulden nicht los. Dafür lebt er von seiner Gemahlin streckenweise getrennt. Im März 1870 stürzt er bei einem Hindernisrennen in Flemington und zieht sich erneut Kopfverletzungen zu. Er konnte es nicht lassen. Inzwischen wohnt der 36jährige mit Maggi nahe Melbourne im Küstenort Brighton. Als neues Mitglied des in der Metropole ansässigen Yorick Clubs freundet er sich unter anderem mit den Schriftstellern Marcus >Clarke und Henry Kendall an. Im Juni ereilt ihn jedoch die Nachricht, seine Erbansprüche auf ein familiäres Anwesen in Schottland seien abgeschmettert worden. Zwar wird im selben Monat sein dritter Gedichtband Bush Ballads and Galloping Rhymes gedruckt. Kendall zeigt ihm sogar den Entwurf einer begeisterten Besprechung. Dennoch begibt sich der „Galloper“, Leonie Kramer zufolge*, am Tage nach dem Erscheinen des Bandes mit seiner Flinte zum Strand und erschießt sich.

Wahrscheinlich hätte Gordon kaum die Druckkosten des genannten Werkes begleichen können, das heute zum Kanon australischer Lyrik zählt. So brachten ihn sicherlich auch seine Mißerfolge als Reiter des Pegasus zu Fall. Auf dem Sockel einer 1934 preisgekrönten Melbourner Bronze, mit welcher Paul Raphael Montford den Galloper Gordon als Reiter eines Biedermeierstuhles zeigt, sollen dessen Verse zu lesen sein: „Life is mainly froth and bubble / Two things stand like stone / Kindness in another’s trouble / Courage in your own.“ (Das Leben ist vor allem Schaum und Blase / Zwei Dinge stehen wie Stein / Güte gegenüber fremden Sorgen / Tapferkeit angesichts der eigenen.)

Von den tapferen Taten des Moralpoeten haben wir ja gehört; von seinen gütigen ist leider nirgends etwas zu lesen. Ihn zu bedauern, dürfte unangebracht sein. Zu vieles riecht danach, er sei nur die australische Ausgabe des Wildwest-Helden gewesen.

Zu den Nachfolgern, vielleicht auch Epigonen Gordons – was er womöglich bei längerer Lebenszeit nicht geblieben wäre – zählen die Lexika den aus New South Wales stammenden Landvermesser und Farmarbeiter Barcroft Henry Thomas Boake (1866–92). Laut Cecil Hadgraft (1969) neigte er schon als Kind zur Schwermut. Seine Verse wurden im wesentlichen erst posthum veröffentlicht. Boake, der auch gern als „stockman“ (cowboy) gearbeitet hatte, erhängte sich 1892 in Sydney mit 26 Jahren an einem Ast – standesgemäß mit Hilfe der Schnur seiner Peitsche. Möglicherweise waren Liebeskummer oder die kontinentweite „Depression“, sprich: Arbeitslosigkeit jener Jahre im Spiel.

* Australian Dictionary of Biography, Band 4, 1972


Göring, Carl 37 (1841–79), Philosoph & Schachmeister aus Thüringen. Mein Landsmann wurde in Brüheim an der Nesse geboren – und damit in nächster Nachbarschaft zu meiner Republik Konräteslust ... Allerdings wuchs er dann südlich von Eisenach im Thüringer Wald auf, nämlich auf dem Gut Epichnellen, das seine Eltern um 1845 erworben hatten. Die Eltern galten als vermögend. Der einzige Sprößling studierte Geisteswissenschaften und war zeitweise Gymnasiallehrer, bis er sich als Privatgelehrter in Leipzig niederließ. In Rudolf Eislers Philosophen-Lexikon, Berlin 1912, wird Göring als Vertreter des „kritischen Empirismus“ und „Positivismus“ ausgegeben. Die wenigen Zeilen des Eintrags legen selbst Uneingeweihten, sofern sie nur SkeptikerInnen sind, bereits zur Genüge die Ahnung nahe, bei solcher durchaus zeitgemäßen und salonfähigen philosophischen Forschung, wie sie also auch Göring betrieb, handle es sich um ein ziemlich müßiges, abwegiges, fruchtloses Sandkastenspiel. Aber dieses Mal war es eben ein akademisches. Unter Görings Werken oder Vorhaben werden auch ein System der Kritischen Philosophie genannt, von dem bei seinem Tode immerhin zwei Bände vorgelegen haben sollen, erschienen Leipzig 1874/75, sowie die Schrift Über die menschliche Freiheit und Zurechnungsfähigkeit, 1876. Offenbar gab es damals noch zu wenig philosophische Systeme. Überdies soll Göring auch regelmäßiger Mitarbeiter oder gar Redakteur verschiedener philosophischer oder literarischer Zeitschriften gewesen sein.

In einem recht ausführlichem und wohl auch ziemlich sachkundigem Nachruf, der im Juni-Heft 1879 der Deutschen Schachzeitung zu lesen war, wird behauptet, der soeben „aus dem Leben Geschiedene“ habe bereits als Anwärter auf einen „ordentlichen“ Lehrstuhl gegolten. Einstweilen hatte er als „außerordentlicher“ Professor an der Leipziger Universität gewirkt. Daneben galt er jedoch als „genialer“ und unter Kameraden „ungemein beliebter“ Schachmeister und Förderer dieses Spiels. Ein Gruppen-foto von einem 1877 in Leipzig stattfindenden Schach-kongreß zeigt den hünenhaften und vollbärtigen, dafür stirnglatzigen Professor etwas steif in vorderster Reihe sitzend. Der Nachruf hebt seine „herkulische Stärke“, seine in Gesellschaft „gemessen-heitere“ Art des Auftretens und seine „vielen“ Freunde sowohl in Leipzig wie in Eisenach hervor. Zwei Jahre nach diesem Kongreß soll sich Göring nahe Eisenach, der Stadt seiner Schulzeit, im „Reservoir“ der Knöpfelsteiche umgebracht, also vermutlich ertränkt haben – knapp 38 Jahre jung. Hatten ihn Schaffensfreude und Kampfgeist jäh verlassen?

Göring dürfte bereits als Schüler „Primus“ gewesen sein. Der Nachruf führt sein Reifezeugnis vom Eisenacher Carl-Friedrich-Gymnasium an – man traut seinen Augen kaum. Es verzeichnet 11 Noten. 10 davon sind Einsen. Lediglich in Mathematik reichte es, merkwürdigerweise, nur zu einer Zwei. Der Text spricht aber auch von Krankheit und Überarbeitung. 1872 sei der kraftstrotzende Gutsbesitzersohn an Gelenkrheumatismus erkrankt, und trotz mancher Kuren und Linderungen habe ihn dieses qualvolle Gebrechen nicht mehr verlassen. Immer mal wieder habe sich „Schwermuth“ dazu gesellt. Im letzten Winter seines Lebens habe Göring gleichwohl hartnäckig „wissenschaftlich“ gearbeitet – vermutlich an seinem unvollendeten System. Kam er etwa mit der Fortsetzung nicht zurecht? Der anonyme Nachrufer, falls es ein Mann war, verrät es uns nicht. Mit dem Ende des Winter-semesters verlegte Göring seinen Arbeitsplatz ins Haus seiner betagten Eltern, die inzwischen in Eisenach wohnten. Plötzlich, Anfang April, hätten sich „höchst bedenkliche“ Symptome einer Geistesstörung bei dem Sohn eingestellt, Stichwort „Verfolgungswahn“. Von einem Spaziergang kam er nicht mehr zurück. Holzfäller fanden Görings Leiche am 3. April in dem erwähnten Wasserbecken.

Von einer amtlichen Untersuchung des Todesfalls ist nirgends die Rede. Dessen ungeachtet scheinen alle (spär-lichen) Quellen „todsicher“ einen Selbstmord anzuneh-men. Allerdings wird diese Bezeichnung genauso vermieden wie das Wort „ertränken“. Man sollte ja sowieso vermuten, ein athletisch gebauter Gutsbesitzerssohn sei des Schwimmens mächtig, zumal er am Ufer des Flüßchens Elte aufwuchs (wohl daher der reizvolle Guts- und Ortsname Epichnellen, heute Ortsteil von Förtha). Somit dürfte das Sichertränken nicht gerade kinderleicht zu bewerkstelligen gewesen sein. Man könnte jedoch argumentieren, der Schub des Wahns war eben riesig. Der unbekannte Nachrufer gibt die auf den 3. April datierte Todesmeldung aus der Eisenacher Zeitung wieder. Danach hatte sich Görings der Wahn bemächtigt, er werde verfolgt, man stelle ihm nach und trachte ihn zu vernichten. Warum und von wem solches Trachten, verrät das Blatt nicht. Es sind ja durchaus Feinde oder Mißgünstige denkbar, etwa aus literarischen oder sportlichen Kreisen. Dagegen scheiden die üblichen finanziellen Motive, beispielsweise Schuldentilgung, im Falle Görings wohl eher aus.

Hier bietet sich, eingeschoben, zur Tröstung ein verallge-meinernder Merkabsatz aus Mathias Bröckers Vortrag Schach und Paranoia von 2006 an: „Tiefe Skepsis und ständiges Mißtrauen gegenüber dem Offensichtlichen, große Vorsicht vor falschen Spuren und verborgenen Fallen, sowie die Kenntnis möglichst aller Fakten – diese Grundzüge des Schachs entsprechen exakt denen der Paranoia, des Verschwörungsdenkens. Deshalb kann es eigentlich nicht wundern, dass besonders geniale Schachspieler auch einen besonderen Hang zur Paranoia haben – auf dem Brett überleben nur die Paranoiden, wer im Schach nicht paranoid ist, spinnt. Erst wenn diese von Spitzenspielern in Perfektion praktizierte Paranoia vom Brett ins wirkliche Leben überschwappt, wenn sie nicht mehr nur der Stellung der Holzfiguren mit permanentem Mißtrauen begegnen, sondern auch ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt, wird es problematisch.“

Dafür streut der Nachrufer aus der Schachzeitung ein Detail ein, das mich, vielleicht zu unrecht, hellhörig macht. Vor seinem abendlichen „Spaziergang“ in den Tod habe Göring bereits am Nachmittag (des 2. April) einen Spaziergang gehabt, nämlich in Begleitung eines „ihm nahe befreundeten Arztes“, mit dem er sich sogar auf 18 Uhr „wie gewöhnlich“ zu einem „Rendez-vous verabredet“ habe. Nur habe Göring dann die elterliche Wohnung schon um halb fünf verlassen, um eben allein in den Wald zu gehen. Ob man dieser Wortverwendung den Beigeschmack eines amourösen Stelldicheins geben darf, kann ich schlecht beurteilen. Es würde mich aber nicht verblüffen. Nirgends ist von Görings Familienstand oder gar von seinem Liebesleben die Rede. Er erscheint als klassischer oder eingefleischter, zu allem Überfluß auch noch Philosophiebücher und Schacheröffnungen ausbrütender Junggeselle. Kurz, ich wäre nicht überrascht, wenn Göring homosexuell gestimmt, dabei einigermaßen enttäuscht und gebeutelt gewesen wäre. Das ist natürlich reine Spekulation. Nichts für biedere Publikationen des Jahres 1879, zumal ja Görings Eltern noch lebten.


Gould, Elizabeth 37 (1804–41), britische Tierzeichnerin und Gatten-Maus. Als die 24jährige Elizabeth 1829 in London den angesehenen Zoologen, speziell Ornithologen John Gould geheiratet hatte, war sie „nur“ Erzieherin eines Adelssprosses gewesen. Da es John jedoch an guten und zudem preiswerten Zeichnungen beziehungsweise Lithografien zur Illustration seiner Werke fehlte, eignete sie sich die erforderlichen Fertigkeiten rasch an und mau-serte sich beiläufig zu einer Naturmalerin, die vielleicht den Vergleich mit Audubon nicht hätte scheuen müssen. Aber vermutlich trafen sie sich nie. Während John James Audubon den Vögeln Amerikas auf den Fersen war, hatte sich John Gould auf Asien und Australien verlegt. Elizabeth begleitete ihn auf einigen Expeditionen, als Künstlerin, Trösterin und Bettgefährtin. Den Hauptruhm – von beispielsweise sieben Bänden The Birds of Australia – hatte natürlich er, der Entdecker und Beschreiber, wie auch A. H. Chisholm* bemerkt. Die Lithografien waren nur Beiwerk; oft belief sich die Erwähnung der Künstlerin auf ein „E.“. Auf den Buchdeckel, etwa einer Abhandlung ihres Gatten über die von Charles Darwin mit der H.M.S. Beagle heimgebrachten Vögel (50 Abbildungen), schaffte sie es anscheinend nie.**

Alle Quellen heben auch Elizabeths (Doppel-)Rolle als Mutter hervor. Im ganzen machte ihr Gatte John acht Kinder, von denen allerdings zwei schon als Säuglinge starben. Das siebte Kind reifte auf dem Weg nach Tasmanien in der Künstlerin; es kam in Hobart zur Welt und wurde auf Franklin getauft. Nach London zurückge-kehrt, durfte sie 1841 an der Geburt des achten Kindes, Sarah genannt, mit 37 Jahren verenden. Die „Mutter-schaft“ im Verein mit den Reisestrapazen und immerhin rund 600 Buchillustrationen hätten wohl ihre Kräfte aufgezehrt, befürchtet Chisholm. Nach der australischen Erzählerin Melissa Ashley, geboren 1973, dürfte ihr zudem der Umstand zugesetzt haben, daß viele tausend Vögel vom Himmel geschossen werden mußten, damit sich die „Firma“ Gould ihnen wissenschaftlich und künstlerisch hinreichend nähern konnte.***

Elizabeths Nachfolger im Illustrieren, Henry Constantine Richter, soll etliche ihrer Arbeiten als seine eigenen ausge-geben haben. Wenn der britische Zoologe George Robert Waterhouse ihr zu Ehren ein australisches Nagetierchen auf „Gould-Maus“ (Pseudomys gouldii) taufte, tat er immerhin einen bedeutungsschwangeren Griff, hatte sie doch als graues Mäuschen im Schatten ihres Gatten zu stehen, obwohl sie wahrlich Gold für ihn war. Zwei Jahre nach ihrem Ableben wurde der Witwer in die Royal Society berufen. Er starb mit 76.

* Australian Dictionary of Biography, Volume 1, (MUP), 1966
** Alexandra K. Alvis, „Elizabeth Gould: An Accomplished Women“, Smithsonian Libraries, 29. März 2018
*** Kate Evans, „Elizabeth Gould, illustrator of Birds of Australia, brought out of her husband's shadow“, ABC News, 24. November 2016



Grabbe, Christian Dietrich 34 (1801–36), erfolgloser Dramatiker, ausgebrannt. Er mußte 70 oder 80 Jahre unter der Erde liegen, ehe ihn Theaterwissenschaftler zu den Wegbereitern des deutschen realistischen Dramas zählten, wobei er auch schon Elemente des grotesken Theaters vorweg genommen haben soll. Da er, als Sohn eines Gefängniswärters, im Schatten des Detmolder Zuchthauses aufwächst, lernt Grabbe die Kehrseite bürgerlicher Wohlanständigkeit frühzeitig kennen. Er macht Examen als Jurist (1823), findet aber keine Stelle. Auch in Karrieren als Justizbeamter („Kriegsgerichtsrat“) der Detmolder Garnison und als Dramaturg, dies zuletzt unter Karl Immermann in Düsseldorf, scheitert er. Daran sind seine Liebe zum Alkohol, zum selbstverfertigten Drama und zum Suhlen im Stimmungstief nicht unbeteiligt. Als einziges Grabbe-Stück, das zu seinen Lebzeiten aufgeführt wird, kommt 1829 in Detmold Don Juan und Faust auf die Bühne, doch es hält sich nicht. Grabbe, ohnehin von schmächtiger Gestalt, schnurrt zusehends ein. Eine Verlobung mit Henriette Meyer wird wieder aufgelöst. 1833 verheiratet er sich, in Detmold, mit der um 10 Jahre älteren Louise Christiane Clostermeier, doch in seinem Todesjahr, nach seiner Rückkehr aus Düsseldorf, reicht sie die Scheidung ein. Der 34jährige erliegt im September 1836 seiner allgemeinen Zerrüttung, wahrscheinlich mit Rückenmarkschwund als Folge einer Syphilis-Erkrankung gepaart.

Nach meinem Eindruck war Grabbe ein Zertrümmerer, ein Nihelist mit dem Pathos der Französischen Revolution. Ein paar Jahrzehnte später geboren, wäre er vermutlich begeisterter Anhänger von Nietzsche geworden. So aber gelangen ihm immerhin noch Anflüge von Komik und Selbstironie. Das heutzutage am meisten gespielte Grabbe-Drama trägt den Titel Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Uwe Ruprecht behauptet (1994 in der Zeit), am Schluß dieses Stückes habe sich Grabbe, der eine Zeitlang vergeblich Schauspieler werden wollte, selber einen Auftritt verschafft: „Das ist der vermaladeite Grabbe, oder wie man ihn eigentlich nennen sollte, die zwergigte Krabbe, der Verfasser dieses Stücks! Er ist so dumm wie‘n Kuhfuß, schimpft auf alle Schriftsteller und taugt selber nichts, hat verrenkte Beine, schielende Augen und ein fades Affengesicht!“ Da drängt sich unweigerlich die Frage auf, was sich dereinst im Hause des Detmolder Gefängnis-wärters Adolph Henrich Grabbe abgespielt haben mag. Doch wäre dadurch viel erklärt?

Herbert Eulenberg († 1949), selber kein sonderlich erfolg-reicher Dramatiker aus Düsseldorf, gibt seinen Vorgänger Grabbe in seinen Schattenbildern als verschrobenen geistreichen Aufschneider und dämpft, um ihn liebens-würdiger zu machen, Grabbes offensichtlich neid- und haßerfüllte Ausfälle gegen alles mögliche, darunter Immer-mann, Goethe, die Juden, zu erheiternden Bonmots. Übrigens pinkelt sein Grabbe, wohl wahrheitsgetreu, auch Shakespeare an, auf den ich, unter Christopher >Marlowe und Mihail >Sebastian, noch gern zurückkommen werde. Was nun den Schöpfer von Stücken über Aschenbrödel und Napoleon Grabbe angeht, habe er zeitlebens zwischen Selbsterniedrigung und Größenwahn geschwankt, ist oft zu lesen. Aber für wen gälte das nicht? Nur belassen es die meisten bei einer Schwankungsbreite, die den Betref-fenden nicht gleich zerreißt.


Graf, Emma 28 (1889–1917), nur als Schwester des bayerischen Schriftstellers Oskar Maria Graf gelegentlich erwähnt. Auch der berühmte Bruder verrät zumindest in seinen 1927 veröffentlichten Jugenderinnerungen* nicht eben viel von ihr. Sie hatte in München Damenschneiderei gelernt, half dann aber offenbar im Hause der elterlichen Landbäckerei mit: in Berg am Starnberger See. Ebendort war sie zuletzt fast zwei Jahre bettlägerig. Oskar nennt ihre Krankheit nicht. Ich tippe auf Tuberkulose oder die sogenannte Spanische Grippe, die damals umging. Die Schwarzhaarige sei heiter und hübsch gewesen, einst sogar Ballkönigin. Von einem Heiratswunsch wird nichts gesagt. Dem Tod, wohl Ende August, habe sie ziemlich gefaßt ins Auge gesehen, im Gegensatz zu ihm. Über seine Mutter soll er übrigens später ein ganzes Buch geschrieben haben.** Über Emma nicht.

Ein Jahr darauf ereilt es, in München, auch die Gefährtin von Grafs engem Freund „Schorsch“ Georg Schrimpf, die 26jährige Bildende Künstlerin Maria Uhden. Die Tochter eines „herzoglichen Baurates“ war zeitweise in der Residenzstadt Gotha aufgewachsen, Waltershäuser Straße 9. Sie galt als einfallsreich und hochbegabt. In ihrem Todesjahr war sie gerade Mutter geworden, „überglück-lich“. Trotz aller Not habe sie sich ihre „echt frauliche Heiterkeit“ bewahrt. „Plötzlich mußte sie sich hinlegen und starb nach wenigen Tagen infolge einer Gebärmutter-infektion.“

Ein Verdienst von Uhden kann ich zumindest versichern: Sie hält Oskar einmal (S. 374) eine ausgezeichnete Strafpredigt, die von ihrer Menschenkenntnis zeugt. Sie schimpft ihn einen Selbstbetrüger, der fast nur aus Angst und Illusionen bestehe; er prahle gern, sei jedoch der unglücklichste Mensch, der in München herumlaufe. In der Tat muß er ein selten törichter Taugenichts gewesen sein, zwischen Klein- und Übermut schwankend wie ein Schilfrohr am Starnberger See, 30 Mal jährlich zerknirscht und reuig, ohne sich in seiner ganzen Jugend jemals nennenswert zu bessern. Er macht immer wieder die gleiche Scheiße, darunter der Schleichhandel und die Sauf- und Freßgelage. Das ist, auf die Dauer, selbst für den Leser peinlich, und wenn Graf es ohne Beschönigung eingesteht, wird es gleichwohl nicht sympathischer. Vielleicht liegt es nur daran, daß seine Schilderung tatsächlich echte Längen hat. Die Wiederholung der Scheiße hat keinen Erkenntnis-wert. Man findet sie irgendwann auch nicht mehr spannend; sie nervt. Das rüttelt nicht an dem hohen Wert der unmittelbaren Eindrücke, die Graf von der Münchener Revolution gibt.

* Wir sind Gefangene, 1927, hier dtv-Ausgabe München 1984, bes. S. 295–301, 374, 381
** Statt seinem Buch über die Mutter habe ich neulich Grafs spätes Werk über die glänzende Zukunft einer demokratisch globalisierten Welt gelesen – ein Fehler. Ich meine: sowohl meine Wahl wie Grafs Werk Die Erben des Untergangs, Neuausgabe 1959. Ich halte es für rundum mißglückt. Vielleicht werde ich noch einmal an anderer Stelle darauf zurückkommen.



Graf, Udo 27 (1942–69), Diplom-Ingenieur. Er war zuletzt Assistent des Münchener Architekten und Bauforschers Helmut Schläger. Dieser Sohn eines Lehrers, geboren 1924, hatte sich im Laufe seiner Karriere, die ihn vor allem in Ägypten und Italien nach Altertümern graben ließ, der noch jungen Unterwasserarchäologie zugewandt, war also auch Taucher. Er untersuchte vor allem Häfen. Im Sommer 1969, inzwischen 45 Jahre alt und Vize-Direktor der römischen Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, war Schläger mit seinem erst 27 Jahre alten Assistenten mit der Untersuchung eines antiken Schiffwracks befaßt, das vor der italienischen Insel Lipari auf dem Meeresgrund lag. Dabei kamen beide um. Nach damaliger, auf Mitteilungen der römischen Polizei gestützten dpa-Meldung* erstickten Schläger und Graf, weil ein Pumpenmotor ausgefallen war. Dadurch seien ihre Tieftauchausrüstungen, in knapp 100 Metern unter Wasser, von der Sauerstoffzufuhr abgeschnitten worden. Ein dritter tauchender Forscher habe sich retten können, weil er näher der Wasseroberfläche war. Im ganzen waren fünf deutsche und mehrere italienische Taucher an dem Unternehmen vor Lipari beteiligt, wobei es offenbar Span-nungen in der Gruppe gab. Eine ausführliche Darstellung lieferte Marcus Prell, Berufsschullehrer und Fluß-archäologe in Neuburg an der Donau, aus Anlaß des 30. Jahrestages.** Danach sind die genauen Unfallursachen umstritten und wohl nicht mehr zu klären. So war etwa hinsichtlich der Geborgenen von abgetrennten oder fehlenden Atemschläuchen beziehungsweise Mundstücken die Rede. Doch wie auch immer, sei das Unglück jedenfalls von mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen und anderen Nachlässigkeiten, zudem Komplikationen „zwischen-menschlicher“ Art begünstigt worden.

Die vulkanische Insel Lipari, nördlich von Sizilien nahe Messina gelegen, mißt ungefähr fünf mal acht Kilometer und ist noch von mehreren Zwerginseln umgeben. Neben einigen Fischerdörfern gab es auf Lipari seit ungefähr 1890 auch eine Strafkolonie, vornehmlich für „gemeine“ Ver-brecher. Um 1924 kam noch eine winzige Künstlerkolonie hinzu, der feder- und pinselführend der schweizer Maler Edwin Hunziker angehörte, der dort sogar, in hohem Alter, starb.*** Wahrscheinlich wäre es nicht jedermanns Sache gewesen, sich aus freien Stücken unter Herrn Mussolinis Fuchtel zu begeben. Der südtiroler Rechtsanwalt Josef Noldin beispielsweise, Initiator der von Staats wegen mißbilligten, weil deutschsprachigen sogenannten „Katakombenschulen“, wäre lieber in Salurn geblieben. Er bekam fünf Jahre Verbannung aufgebrummt und landete Anfang 1927 unter Fußtritten auf Lipari. Dort hatten die Faschisten nämlich im Vorjahr eine bald darauf berüch-tigte Strafkolonie für „Politische“ eingerichtet. Zwar wurde Noldin Ende 1928 amnestiert, doch er hatte sich ein malariaähnliches Fieber zugezogen, „Liparitis“ genannt. Dazu gesellten sich weitere komplizierte Krankheiten. Eine Ausreise zwecks ihrer Behandlung wurde dem unbeug-samen Rechtsanwalt allerdings verweigert. So starb er schon ein Jahr darauf, mit 41 Jahren, bei Bozen in einem Sanatorium.

Soweit ich weiß, war Lipari die flächenmäßig größte faschistische Strafinsel. Ende 1932 „beherbergte“ sie rund 38o Gefangene. Bis zum 29. Juli 1929 hatte sie zudem als die ausbruchssicherste Strafinsel gegolten, daher der Beiname „Teufelsinsel“. An diesem Tag gelang dem Republikaner Francesco Fausto Nitti, der bereits 1926, im Gründungsjahr der „politischen“ Strafkolonie, auf der Insel eingetroffen war, im Verein mit seinen Freunden Emilio Lussu und Carlo Roselli die Flucht. Er schildert die haarsträubenden Lebensbedingungen der Verbannten und sein Entkommen in einem Buch, das schon im folgenden Jahr auch auf deutsch erschien.****

* Süddeutsche Zeitung vom 11. Juli 1969
** im Nachrichtenblatt Arbeitskreis Unterwasserarchäologie, Band 6, 1999, S. 72–75
*** Etienne Strebel, „Sehnsucht nach freiem Schaffen“, swissinfo.ch,
7. Juli 2010
**** Flucht, Potsdam 1930



Granjo, António Joaquim 39 (1881–1921), portugie-sischer republikanischer Rechtsanwalt und Politiker, zuletzt Ministerpräsident. Hätte er Alexander Herzens Erinnerungen gelesen, wäre er möglicherweise nicht Poli-tiker geworden. Der russische, emigrierte Radikaldemo-krat Herzen, gestorben 1870 in Paris, neigt zwar zur Weit-schweifigkeit, aber was die Zänkereien, Mißgünstigkeiten, ja selbst die Niedertracht im großen schillernden Lager der mitteleuropäischen RepublikanerInnen angeht, folgt man seinen, oft spöttischen, Schilderungen gern. Vielleicht hätten zu Granjos Errettung auch schon ein paar der bissigen Aphorismen des US-Schriftstellers Ambrose Bierce genügt, die um 1910 gesammelt in Wörterbuchform zu haben waren. Dem Konservativen bescheinigt Bierce Vernarrtheit in existierende Mißstände, während der Liberale sie, im Gegensatz dazu, „durch neue ersetzen“ wolle. Politik sei der bevorzugte Lebensunterhalt des verkommenen Teils unserer kriminellen Schichten. Sie sei auch ein „Interessenkonflikt, maskiert als Prinzipienstreit. Die Leitung öffentlicher Angelegenheiten zu privatem Vorteil.“ Das gilt selbstverständlich nicht für Lichtgestalten wie Joschka Fischer, Angela Merkel, Bodo Ramelow.

Während Merkel zur Stunde bereits die methusalemsche Regierungszeit von Adenauer übertrumpft hat, sah das Portugal der sogenannten Ersten Republik, genauer zwischen 1911 und 1926 (also in 15 Jahren), laut meinem Brockhaus 44 Regierungen unter acht Staatspräsidenten. Allein was die finanziellen Kosten dieser Schwemme angeht, hätte man davon wahrscheinlich ganz Angola und Mosambik zu einer Kohlschen „blühenden Landschaft“ bewässern können. Einer von jenen Staatspräsidenten war, von 1919–23, A. J. de Almeida. Ihn bat Ministerpräsident Granjo am 19. Oktober 1921 um Mittag, in Lissabon, um Entlassung aus der Regierungsverantwortung. Dann zog er sich in sein Privathaus zurück. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Hauptstadt schon weitgehend unter Kontrolle der sogenannten Guarda Nacional Republicana, einer wenig regierungstreuen Elitetruppe. Während Granjo versucht hatte, den Ex-Ministerpräsidenten Riberio Pinto, einer der Häuptlinge dieser Truppe, unter anderem wegen Bestechlichkeit vor Gericht zu bringen, hatte die Guarda flugs eine Junta gebildet und Granjo für abgesetzt erklärt. Gegen Abend wurde die Lage für Granjo brenzlig genug, um sich lieber ins Haus des mit ihm befreundeten Politikers Franciso Pinto da Cunha Leal zu flüchten, von dem er wußte, er genoß bei den Aufständischen einigen Kredit. Das Haus wurde umstellt. Die deutsche Wikipedia behauptet, nach einigen Verhandlungen sei ein Marineoffizier mit dem Angebot erschienen, Granjo an Bord des Kriegsschiffes Vasco da Gama zu begleiten, wo er sicher sei. Er habe sogar sein Ehrenwort gegeben, Cunha Leal, der mitwollte, und Granjo würden nicht getrennt. So bestiegen sie ein Auto – das nicht zum Hafen, sondern zum Hauptquartier der Putschisten fuhr. Die Freunde wurden prompt getrennt, sodann der eine verwundet, der andere, Granjo, erschossen. Ein Soldat der Nationalgarde habe dem bereits tödlich verletzten Ministerpräsidenten einen Säbel in den Bauch gerammt und ausgerufen: „Venham ver de que cor é o sangue do porco!“ Auf deutsch: Kommt und seht, welche Farbe das Blut des Schweines hat!

Solche wirkungsvollen Einzelheiten finden sich in der englischen Wikipedia nicht; dafür werden weitere, vor-wiegend prominente Todesopfer der Lissaboner Blutnacht angeführt.


Green, Keith 28 (1953–82), christlicher US-Popmusiker, lädt zu einem Rundflug über seine Farm ein, 12 Tote. Zwar hatte der „Star der christlichen CD-Produktion“ bereits im zarten Knabenalter (an der US-Ostküste) als Sänger und Pianist geglänzt, doch dann drohte er auf die schiefe Bahn zu rutschen, weil er sich in den Genuß von Drogen, Freier Liebe und esoterischer Weisheitslehren stürzte. Seine Rettung scheint eine gewisse Melody Steiner gewesen zu sein, die er 1973 heiratete, und zwar kirchlich-christlich. 1979 erwarben die beiden eine ausgedehnte Farm in Lindale, Texas, sodaß sie ihr (angeblich gemeinnütziges) Unternehmen Last Days Ministries (LDM) beträchtlich erweitern konnten. Green und Gattin waren nämlich inzwischen erklärte AnhängerInnen von Jesus geworden und widmeten sich hinfort der entsprechenden aufklärerischen Musik („O Lord, You‘re Beautiful“) sowie dem missionsdurchtränkten Samariterdienst an Armen, Drogenabhängigen und anderen Hilfsbedürftigen. Was Wunder, wenn auch Bob Dylan bald zu Greens Freunden zählte. Green selber wollte aber angeblich kein Superstar und kein Dagobert Duck mehr werden, sondern nur noch Gott dienen.*

Am 28. Juli 1982 hatte Dylan das Glück, nicht mit von der Partie gewesen zu sein. An diesem Tag veranstaltete der 28jährige christliche Farmer für ein paar BesucherInnen einen Rundflug über sein knapp 57 Hektar großes Anwesen – der vorzeitig in einem Absturz endete. Alle 12 Insassen der sechs- bis achtsitzigen Cessna 414 kamen um: Neben Green seine Kinder Josiah (3) und Bethany (2), ferner das Ehepaar John und Dede Smalley und dessen sechs Kinder sowie der Pilot Don Burmeister. Diesem wurde später die Schuld zugewiesen, weil seine Maschine um rund 200 Kilogramm überladen gewesen sei. Erinnere ich mich richtig an einen nicht mehr aufrufbaren Bericht** des Main-Echos von einer Gospel-Veranstaltung in Erlenbach 20o8, schrieb Green auch den Song „Gott breitet seine Arme aus“. In dem muß sich wohl ebenfalls ein Fehler befunden haben.

* Uwe Schütz, „Keine Kompromisse“, Radio AREF (Nürnberg), KW 43 / 2013
** „Aufrüttelnd, tonschön und eindrucksvoll / Gospel Freundeskreis Hof singt in der Erlenbacher Martin-Luther-Kirche Lieder von Keith Green“, 26. November 2008



Greif, Heinrich 39 (1907–46), kommunistischer Schauspieler, betroffen von Leisten- und Sauerbruch. Neben einem nach ihm benannten Film- und Fernsehpreis der DDR hat Greif die makabere Ehre, wahrscheinlich das erste von nicht wenigen Todesopfern der fortschreitenden Altersdemenz des berühmten Professors Ferdinand Sauerbruch (1875–1951) gewesen zu sein. Obwohl diese chirurgische Kapazität im Faschismus eine zumindest zweifelhafte Rolle gespielt hatte, nahm die junge SBZ/DDR Sauerbruchs Bereitschaft, sowohl an der Ostberliner Humboldt-Universität wie an der dortigen Charité zu wirken, gerne an, begriff sie ihn doch als glänzendes Aushängeschild für den real existierenden Sozialismus. Aus demselben Grund fiel man ihm auch, entgegen dem Wissen der teils entsetzten Eingeweihten, erst Ende 1949 in den Arm: da wurde er zwangspensioniert. Als der Buchautor Jürgen Thorwald die Latte der Sauerbruch-schen „Kunstfehler“ und das Scheunentor ihrer Deckung „von oben“ um 1960 enthüllte, gab es die zu erwartenden Aufschreie und gerichtlichen Auseinandersetzungen. Es wäre nebenbei interessant zu wissen, ob sich Thorwalds Enthüllungen bis in die 1974 in Ostberlin erschienene Biografie Heinrich Greif, Künstler und Kommunist von Curt Trepte und Renate Waack niederschlugen. Jedenfalls konnte ein Wochenmagazin bereits 1960 und offenbar bis heute* ungestraft feststellen, Mitte Juli 1946 habe sich der 39 Jahre alte Schauspieler in der Charité eingefunden, um sich von Sauerbruch an seinem Leistenbruch operieren zu lassen. Im Ergebnis lag Greif im Sarg. Er hatte eine tödliche Nachblutung erlitten, so das Magazin, weil Sauerbruch beim Operieren Greifs Hauptschlagader (am Bein) verletzt hatte. Die damalige Reaktion der Angehörigen oder Freunde ist mir nicht bekannt.

* „Tod des Titanen“, Spiegel 47/1960


Greth, Werner 31 (1951–82), technischer Zeichner und Fußballprofi. Er teilt mit dem Hertener Mittelläufer >Göbel den Vornamen, das Alter und den makaberen Abgang. Bis 1978 hatte Flügelstürmer Greth über rund 10 Jahre hinweg vorwiegend für verschiedene Zweitliga-Vereine gespielt, darunter auch im Ruhrgebiet. Anschlie-ßend arbeitete er in der Duisburg-Homberger Chemie-fabrik der Firma Sachtleben – als was, bleibt unklar. Ebendort erlitt er Ende Oktober 1982 laut einem kurzen Zeitungsbericht* einen Arbeitsunfall, der noch dem heutigen Leser den Atem raubt. In der Sandstrahlhalle des Unternehmens stürzte Greth gegen Mitternacht, also wohl auf Nachtschicht, in einen anscheinend größeren Behälter, der mit (vermutlich flüssigem) Stickstoff gefüllt war. „Bei einer Minus-Temperatur von 195,8 Grad“ sei der 31 Jahre alte „Arbeiter“ und „Junggeselle“ auf der Stelle tot gewesen. Zwei ältere Kollegen, die Greth retten wollten, wurden schwer verletzt. Man barg seine Leiche schließlich mit Hilfe von Isolierhandschuhen. Welcher Art die am Bottich ausgeführten Arbeiten gewesen seien und wer die Verantwortung für das Unglück trage, werde noch untersucht. Stickstoff, meist ein Gas, dient unter anderem bei der Herstellung von Düngemitteln; flüssiger Stickstoff als Kühl- und Vereisungsmittel oder als Quelle für später erwünschtes Gas. Von einem Mordverdacht ist nirgends die Rede.

* „Im Stickstoff umgekommen“, WAZ vom 27. Oktober 1982


Grigoropoulos, Alexandros 15 (1993–2008). Der griechische Schüler zählt zu den wenigen Todesopfern staatlicher Gewalt, deren unmittelbare Mörder nicht mit einem blauen Auge davongekommen sind. Er starb mit 15. Er war im Dezember 2008 mit einigen Tausend anderen Gegnern der sogenannten „Globalisierung“ und deren verheerenden Folgen für die griechische Volkswirtschaft im Athener Stadtteil Exarcheia auf die Straße gegangen – bei diesem Protest wurde er erschossen. Damit konnte das übliche Abwiegeln und Verleumden seitens der staatstragenden Kräfte beginnen. Was die beteiligten Polizeibeamten betrifft, beteuerten sie noch vor Gericht, sie seien mit Steinen und Flaschen beworfen worden und hätten nur Warnschüsse abgegeben. Den 15jährigen hätte es dummerweise durch einen Querschläger erwischt. Jedoch, das Wunder geschah: Im Oktober 2010 wurde der Polizist Epaminondas Korkoneas wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, was bedeudet, das Gericht billigte ihm noch nicht einmal mildernden Umstände zu. Er habe „mit unmittelbarem Vorsatz“ gehandelt, nämlich, entgegen eines Rückzugsbefehles aus der Einsatzzentrale, „in ruhiger Verfassung“ seine Pistole gezogen und zwei Schüsse auf Grigoropoulos abgegeben. Ein zweiter Polizist, Vassilis Saraliotis, bekam wegen Mittäterschaft 10 Jahre. Das Klima der Aufhetzung durch Vorgesetzte, PolitikerInnen, Medien stand freilich nicht zur Debatte.

Wie zu erwarten, hatten die tödlichen Schüsse in jenem Winter zu einer erheblichen Ausweitung der „Unruhen“ geführt. Es kam aber leider nicht zur Abschaffung der Polizei oder wenigstens dem Landesverweis aller Agenten der Weltbank und der Europäischen Zentralbank. Ganz im Gegenteil, nach seinem Mittäter befindet sich neuer-dings, seit Sommer 2019, auch der Polizist Epaminondas Korkoneas, der „Lebenslängliche“ also, wieder auf freiem Fuß. Er zehrte von einer strafmildernden Revision, die sich ihrerseits allein einer eiligst durchgepeitschten sogenannten „Justizreform“ der Regierung Alexis Tsipras (Syriza) verdankte.* Dieser Politiker, der im Himmel mit Bodo Ramelow, Gerhard Schröder und Tony Blair augenzwinkernd Doppelkopf spielen wird, ist inzwischen wieder einfacher „linker“ Parlamentsabgeordneter, wenn auch mit einigen schwerwiegenden Anschuldigungen überzogen, die sein Ex-Kabinett betreffen. Ich glaube, die „Justizreform“ gehört nicht dazu.

* Wassilis Aswestopoulos, „Der Auslöser der Jugendaufstände von 2008 ist frei“, Telepolis, 31. Juli 2019


Grillparzer, Adolf (1800–17), „kleptomanischer“ Bruder des Franz G., ertränkt sich mit 17 in der Donau. Zwei Jahre darauf erhängte sich die Mutter der Brüder. Über den lieben Franz sind wir „natürlich“ gut im Bilde. Folgt man der Berliner Germanistin Dagmar Fischer*, hatte der künftige Wortkünstler ein fast eheliches Verhältnis zu seiner schwermütigen Mutter, die mit Sorgen, dann Krank-heit und Geistesverwirrung geschlagen wurde. Der Vater, ein der Aufklärung verpflichteter und angeblich hochver-schuldeter Wiener Advokat, war bereits 1809 gestorben. Franz bringt es bis zum Hofkammerarchiv-Direktor und schon zu Lebzeiten berühmtem Dramatiker. Trotz Neigung zu Neurasthenie und Melancholie wird er 81.

Über Adolf ist im Internet so gut wie nichts zu finden, Fischer eingeschlossen.** Irgendwo meine ich gelesen zu haben, er sei erst Sängerknabe, dann Kaufmannslehrling gewesen. In Gerhard Scheits Rowohlt-Monografie*** über Franz G. wird dessen jüngster Bruder mit drei Zeilen gestreift. Er war eben vergleichsweise unwichtig. Aber er dürfte denselben gefühlskalten, abweisenden Vater (von insgesamt vier Söhnen) gehabt haben, und es wäre doch interessant zu wissen, warum er dann nicht auch einen ähnlich erfolgreichen Weg wie Franz einschlagen konnte. Ein knappes Jahr vor Adolfs Gang in die Donau war Franz, 26, durch die Uraufführung seines Stücks Die Ahnfrau schlagartig berühmt geworden. Wer weiß, ob das für den „Taugenichts“ nicht ein zusätzlicher Stachel gewesen war. Diese Vermutung legt auch der Wiener Musikwissen-schaftler Max Graf nahe, wenn er (1910) behauptet, Adolf habe sich ebenfalls als Stückeschreiber versucht, sei damit jedoch, „weniger dichterisch begabt als sein Bruder“, gescheitert.****

Meine briefliche Frage an Scheit, ob er vielleicht und freundlicherweise nähere Angaben über Adolf machen oder entsprechende Quellenhinweise geben könnte, blieb (2018) ohne Echo. Möglicherweise war der Anfrager ebenfalls „vergleichsweise unwichtig“.

* Franz Kafka, der tyrannische Sohn, Ffm 2010, S. 123–26
** Immerhin zitiert sie die auf einen Zettel gekritzelten „ergreifenden“ Abschiedsworte des jüngeren, 17jährigen Bruders. Lieber Franz oder Mama wer mich findet, da ich immer mehr in das Stehlen hineinge-kommen wäre, so habe ich den Entschluß gefaßt, mir selbst das Leben zu nehmen. Viel belogen habe ich die Mama und den Franz, doch ich bitte um Verzeihung, und mir nicht zu fluchen [...].
*** Reinbek 1989, in der 2. Auflage von 1994 auf S. 48
**** „Die innere Werkstatt des Musikers“, in: Bernd Oberhoff (Hrsg): Psychoanalyse und Musik, Gießen 2002, S. 31



Grimmie, Christina 22 (1994–2016), US-Popsängerin, vor allem durch „Cover-Songs“ auf YouTube berühmt, wird in Orlando, Florida, nach einem Konzert beim Auto-grammgeben von ihrem Fan Kevin James Loibl (27) erschossen, der sich wenig später, nach einem Ringkampf mit dem Bruder Marcus der Künstlerin, auch selber umbrachte. Hier und dort wird der rothaarige Mann als Arbeiter im Elektronikhandel ausgegeben. Seine Eltern hätten ihn als eigenbrötlerisch, nicht aber krank bezeichnet. Nach den polizeilichen Ermittlungen soll er von Grimmie, die bis dahin nichts von seiner Existenz gewußt habe, geradezu besessen gewesen sein. Für das Blatt Orlando Sentinel lag das Muster vor: wenn sie für mich unerreichbar ist, soll sie auch kein anderer kriegen.

Ende November 2020 wurde die 26jährige „Influencerin“ Alexis Sharkey, hier und dort auch als „Instagram-Model“ bezeichnet, tot und unbekleidet nahe ihrer Heimatstadt Housten, Texas, am Straßenrand der Interstate 10 gefunden. Ein Müllfahrer sah ihre Füße aus einem Gebüsch lugen. Laut Autopsie-Befund war sie erwürgt worden.* Die Ermittlungen laufen noch. Sharkeys Ehe mit einem erheblich älterem Mann soll in Trümmern gelegen haben. Ihre Freundin Tanya Ricardo machte dem Publikum des regionalen Senders KHOU klar, wie eine „Influencerin“ zu leben hat. „Sie ist immer an ihrem Handy. Sie ist eine Königin der sozialen Medien. Sie arbeitet von ihrem Handy aus.“ Was Sharkey angeht, habe sie aber plötzlich nicht mehr auf Anrufe und Text-Nachrichten reagiert. Da schwante Ricardo Übles.

* Minyvonne Burke, „Instagram influencer Alexis Sharkey died of strangulation, death ruled homicide, report finds“, NBC News,
21. Januar 2021



Gröger, Walter 22 (1922–45). Zahlreiche Opfer des deutschen Faschismus hatten das Pech, nicht auf Betreiben eines Marinestabsrichters zum Tode verurteilt und erschossen zu werden, der Jahrzehnte später, in der Demokratie, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg wurde. Deshalb blieben sie bis heute mehr oder weniger namenlos. Anders Walter Gröger. Der junge Matrose der Kriegsmarine war 1943 in Oslo zunächst wegen Fahnenflucht zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nachdem Generaladmiral Otto Schniewind dieses Urteil ein Jahr darauf aufgehoben hatte, weil er die Todesstrafe für angebracht hielt, war der damals rund 30jährige Marinestabsrichter Hans Filbinger, im Verfah-ren gegen Gröger nun Vertreter der Anklage, beflissen genug, dieselbe auch zu beantragen. Zur Begründung führte er auf Basis einer Führer-Richtlinie aus dem Jahr 1940, neben „charakterlichen Schwächen“ Grögers, dessen militärischen Vorstrafen ins Feld. Marineoberstabsrichter Adolf Harms machte sich diese Sicht zu eigen und verurteilte Gröger am 22. Januar 1945 zum Tode als „einzig angemessene Sühne“. Nach der Bestätigung des Urteils durch das Berliner Oberkommando der Marine verfügte Filbinger am 15. März, also wenige Wochen vor Kriegsende, das Todesurteil und ließ den 22jährigen Matrosen noch am selben Tag in der Festung Akershus erschießen, wobei Filbinger persönlich anwesend war. In der „Niederschrift“ über die Vollstreckung heißt es abschließend: „Die Leiche wurde durch das Wachpersonal gesargt und zum Zwecke der Bestattung abtransportiert.“ Unterschrift: Dr. Filbinger.

Dummerweise hatte der Doktor diesen Schwabenstreich längst vergessen, als er sich 1966 in Stuttgart zum Ministerpräsidenten wählen ließ. 12 Jahre später beging er den Fehler, gegen den Schriftsteller Rolf Hochhuth, der ihn in einem vom Wochenblatt Die Zeit vorabgedruckten Text als „furchtbaren Juristen“ bezeichnet hatte, auf Unterlassung zu klagen. Schon wenige Monate nach dieser Veröffentlichung, im August 1978, sah sich Filbinger genötigt, von seinem Amt zurückzutreten. Zu allem Unglück wurden im Verlauf der Filbinger-Affäre vier weitere Todesurteile ausgegraben, die der Christdemokrat zwischen 1943 und 1945 als Marinerichter beantragt oder gefällt hatte. In die Enge getrieben, räumte er ihre zuvor von ihm bestrittene Existenz ein, hielt jedoch an ihrer Rechtmäßigkeit fest. Wie sich versteht, wurde Filbinger, gestorben 2007, nie seinerseits juristisch belangt. Das gilt gleichermaßen für den 1900 geborenen Adolf Harms, zur Zeit der Affäre Landgerichtsdirektor im Ruhestand in Oldenburg, wie für Hunderte andere „furchtbare Juristen“. Es gab einfach zu viele einflußreiche Deutsche, die Filbingers Sicht der Rechtmäßigkeit teilten – allerdings nicht mehr ab ungefähr 1990, als zahlreichen ostdeutschen Juristen der Prozeß gemacht wurde, weil sie sich unverschämterweise darauf berufen hatten, sie hätten in ihren Urteilen lediglich geltendes DDR-Recht umgesetzt. Nun galt die weltweit beliebte Doppelmoral. Das DDR-Recht sei „unmenschlich“ gewesen. Leider fallen auch viele angebliche Linke auf die Argumentation mit der Recht-mäßigkeit oder der Unrechtmäßigkeit herein. In Wahrheit verläuft die entscheidende Frontlinie nicht zwischen unterschiedlichen System-Rechtsprechungen, vielmehr zwischen Menschlichkeit und Buchstabengläubigkeit. Das Herz des „Deserteurs“ Gröger hatte völlig recht gehabt.

Allerdings kann Gröger, der 1940 unmittelbar nach einer Schlosserlehre zur Marine ging, schwerlich zum „Widerstandskämpfer“ erhoben werden. Er setzte sich ab, nachdem er wiederholt vergeblich um Heimaturlaub eingekommen war. In einer Kneipe traf er die 34jährige Putzfrau im Osloer deutschen Krankenhaus Marie Severinsen-Lindgren, die ihn bei sich aufnahm. Rund 35 Jahre später beschreibt die im Städtchen Nosst am Oslofjord lebende 69jährige Gröger (in der Zeit vom 12. Mai 1978) als höflichen, wenn auch niedergeschlagenen jungen Mann. „Ich wohnte in einem kleinen Zimmer im Zentrum. Walter blieb fast immer zu Hause. Wenn ich vom Putzen zurückkam, brachte ich immer was zu Essen mit. Wir unterhielten uns meistens mit der Fingersprache. Ich verstand kaum Deutsch. Walter war schwermütig. Er hatte furchtbares Heimweh. Manchmal sprach er vom Krieg. Er haßte ihn. Er wollte nicht mehr kämpfen. Alles war verrückt. Er wollte nach Hause. Ich dachte wie er. Allerdings dachte ich nie, daß er abgehauen sei. Hätte ich das gewußt, hätte ich ihn dennoch aufgenommen. Nach ungefähr einer Woche war die Gestapo da.“

Severinsen-Lindgren bekam zwei Jahre Zuchthaus. Abzüglich der Untersuchungshaft in Oslo, saß sie diese Strafe im Gefängnis Dreibergen-Bützow bei Schwerin bis kurz vor Kriegsende ab. Das Schlimmste müssen für sie die Beschimpfungen seitens der Polizisten, Richter und WärterInnen gewesen sein. Sie sei eine nichtsnutzige Nutte, eine Drecksau, eine Spionin und so weiter. „Ich wache oft nachts auf und sehe den Ankläger vor mir: Du bist ein Tier, schlimmer als eine Ratte. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.“ Dafür steht in ihrem Fall fest, sie blieb so arm und machtlos, wie sie schon damals war.


Groß, Pauline c.15 (1930–45), eine kleine „Zigeunerin“. Ihre Sinti-Familie lebte bereits seit mehreren Generati-onen in Deutschland. Ab 1940 wurde Pauline mit ihren Eltern und Geschwistern in verschiedene „Zigeunerlager“ der Stadt Frankfurt/Main gesteckt (Diesel- und Kruppstraße). Hier stand man unter polizeilicher Aufsicht; täglich 18 Uhr gab es Kontrollen. Soweit die Kinder nicht schon zur Arbeit gezwungen wurden, durften sie die Umzäunung nur zum Schulbesuch verlassen. In der Schule jedoch wurden sie in ihrer jeweiligen Klasse gesondert gesetzt, da sie zwar nicht mit Pest oder Corona, aber mit dem Aussatz ihrer „Rasse“ behaftet waren, also die rechtgläubigen deutschen Kinder anzustecken drohten. Die hänselten und hetzten denn auch, was das Zeug hielt.

Das Internet kennt diese Pauline nicht. Im ganzen werden die Todesopfer des deutschen Faschismus aus den Reihen der Roma & Sinti, je nach dem, auf 200.000 bis 500.000 geschätzt. Viele davon kamen in einem KZ um. Viele wur-den auch zuletzt noch in den „Zigeunerlagern“ ermordet. Was Pauline angeht, soll sie im Lager Kruppstraße kurz vor Kriegsende an Unterernährung gestorben sein.*

Das angeführte schmale Buch bringt ein Porträt-Foto, das die dunkelhaarige Pauline Groß, mit Schleife im Haar, wohl als ungefähr 10jährige zeigt. Der Gesichtsausdruck kann nur erschütternd genannt werden. Dabei spricht keineswegs nackte Angst, ja noch nicht einmal Einge-schüchtertheit aus ihm. Man blickt dem Leid und dem Mißtrauen in die leicht verkniffenen dunklen Augen, beides abgrundtief. Man mache sich einmal die elende Kindheit solcher Mädchen und Jungen klar – und sehe sich dann die geschätzt 30 bis 50 Millionen staatsfrommen Deutschen an, die ihren Dünnschiß vorm Tod hinter täglich desinfizierten oder gewechselten Gesichtsmasken verbergen.

* Barbara Bromberger / Katja Mausbach, Frauen und Frankfurt. Spuren vergessener Geschichte, Verlag VAS in Ffm, 1987, S. 72/73
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