Montag, 1. Februar 2021
LdF Folge Gei–Gold

Geib, Ferdinand 30 (1804–34), rheinpfälzischer Rechts-anwalt und Politiker. Obwohl er nicht hingerichtet wurde, könnte man den patriotisch und demokratisch gestimmten Juristen aus Zweibrücken als einen Vorläufer Martin >Gaugers auffassen. Für Ernst Ludwig Heim* war er unzweifelhaft, wenn auch in „verzeihlicher Schwärmerei“, von Gemeinsinn und entsprechenden Idealen durch-drungen, zudem ein guter Redner. Geib glaubte unerschüt-terlich an Aufklärung durchs freie Wort. 1832 war er an der Gründung des Deutschen Preß- und Vaterlandsvereins und der Organisation des bekannten Hambacher Festes beteiligt. Eben deshalb bekam er, mit vielen anderen, prompt eine Anklage (durch die bayerische Justiz) wegen „Aufreizung zum Umsturz der Staatsregierung“ an den Hals.** Einer Verhaftung entzog er sich zunächst (1833) durch Flucht nach Frankreich, weil ihn leider auch die Schwindsucht gepackt hatte. Das erläuterte er den Behörden brieflich und teilte dabei gleichwohl seine Bereitschaft mit, sich dem Prozeß in Landau zu stellen. Die Ärzte sollen ihm jedoch abgeraten haben. Im August des Jahres wurde er, in Abwesenheit, sogar freigesprochen. Das nützte ihm persönlich nur noch wenig. Anfang 1834 nach Lambsheim bei Mannheim zurückgekehrt, wo sein Elternhaus stand, erlag er seiner Krankheit noch im selben Jahr.

Von Liebschaften fällt kein Wort. Es sei denn, man glaubt dem folgenden Erguß aus Heims Feder: Das Glück seiner MitbürgerInnen habe Geib mehr als das eigene gegolten; seine Seele sei zu groß gewesen, „um von den gewöhn-lichen Gefühlen der Liebe und der Freundschaft sich beherrschen zu lassen, er liebte die ganze Menschheit mit gleicher Wärme und der Niedrigste aus dem Volke war sein Freund.“

Angenommen, sie hätten Geib im Herbst 1833 unters Richtschwert des Henkers gestoßen – was wäre dann eigentlich der wesentliche Unterschied zu seiner Erdrosse-lung durch die Schwindsucht gewesen? Der Unterschied hätte sich auf einige Monate belaufen, die Junggeselle Geib noch im Wechselbad von zunehmender Schwächung und abnehmender Hoffnung zubringen durfte.

* Neuer Nekrolog der Deutschen, Zwölfter Jahrgang (1834), Zweiter Theil, Weimar 1836, S. 920–24
** Wilhelm Kreutz (Mannheim), „Pfälzische Rechtsanwälte im Vor-märz und während der Revolution von 1848/49“, Anwaltsblatt Online 2018, S. 1018



Gekkijew, Kasbek 28 († 2012), russischer Nachrichten-sprecher, erschossen. Im wilden Kaukasus, wo neben dem Riesen-Bärenklau Fanatismus und Korruption gut gedeihen, werden bekanntlich hin und wieder sogenannte Stellvertreterkriege veranstaltet. Ansonsten hagelt es Jahr für Jahr politische Morde. Gekkijew, der 28jährige Nachrichtensprecher des staatlichen, russisch gelenkten Fernsehkanals WGTRK, war keineswegs ein „investiga-tiver“ Journalist, betonen einige Quellen.* Zeugin seiner Ermordung am 5. Dezember 2012 in Naltschik, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Kabardino-Balkarien, wurde eine Freundin, die sich unmittelbar vor der Tat auf einer Straße mit ihm unterhalten hatte. Nach ihrer Aussage hatten ihn Unbekannte gefragt, ob er Gekkijew, der bekannte Nachrichtensprecher sei. Als er das bejahte, wurde er mit drei Schüssen in den Kopf getötet. Die TäterInnen verschwanden, angeblich spurlos. Vielleicht hatte Gekkijew etwas verlesen, das ihnen nicht genehm gewesen war. Oder denen, die für ihr Entkommen sorgten.

* Ulrich Heyden, „Todesrisiko für Nachrichtensprecher“, Telepolis,
8. Dezember 2012



Gensler, Jacob 37 (1808–45), Hamburger Maler von vorwiegend Volksszenen und Landschaften. Aus einer Künstlerfamilie stammend, studierte Gensler unter anderem an den Akademien in München und Wien. Er war Gründungsmitglied des Hamburger Künstlervereins von 1832, von dem ein Gemälde seines Bruders Günther Eindruck gibt. Jacob Gensler ist der mitten am Tisch sitzende Herr mit dem sandfarbenen Zylinderhut. Man sieht also, Gensler war kein Gammler. Mehr noch, hatte der Club einem bekannten Kunstförderer, der sogar von Adel war, wichtige Anregungen und wiederholte Gastfreundschaft zu verdanken: dem „Freiherrn“ Carl Friedrich Ludwig Felix von Ruhmor, der aus der Lübecker Gegend stammte und dort ein Landgut besaß. Wie ich Auskünften der Hamburger Kunsthistorikerin Silke Reuther entnehme, empfahl er den norddeutschen Nachwuchskünstlern beispielsweise, sich der Ostsee und der Elbe zu widmen. Damit habe er ihnen „eine gewinn-bringende Alternative zu Italien“ eröffnet, „denn viele konnten sich eine Reise in das Land der künstlerischen Sehnsucht nicht leisten.“

Laut Reuther war Gensler zwar kein Eigenbrötler, hatte sich jedoch schon in der Jugend entschieden, nie zu heiraten. Er scheute die Verpflichtung, bei zumeist „magerer Auftragslage“ auch noch eine ganze Familie ernähren zu müssen, wie er jedenfalls im Briefwechsel mit seinen Brüdern versichert. In seinem Nachlaß fand sich immerhin ein Liebesbrief der auswärtigen Hausange-stellten Susanna S. an Gensler – darüber hat er jedoch mit seinen Brüdern lieber nicht korrespondiert. Man nimmt meistens an, S. sei sogar vor Gensler gestorben. So oder so kann niemand ermessen, welche libidinösen Wonnen der junge Künstler erfuhr, bevor ihn mit 37 eine Lungenent-zündung ergriff.

Genslers Ende sei in der Familienkorrespondenz gut dokumentiert, teilt mir Reuther mit. Einer seiner Brüder weilte nämlich gerade in Rom und empfing dort entspre-chende briefliche Berichte. Danach habe sich Gensler im Winter 1844 eine schwere Erkältung zugezogen. „Daraus wurde erst eine Bronchitis und dann eine Lungenent-zündung, die im Januar 1945 zum Tod führte. In Zeiten ohne Antibiotika geschah so etwas häufig.“


Gerhardt, Rainer Maria 27 (1927–54), Karlsruher Übersetzer, als „Wegbahner Moderner Lyrik“ zunächst gescheitert. Um 2012 stellte ich einen Bericht über meinen fehlgeschlagenen Plan, einige ehemalige Oberhäupter meiner ehemaligen „Partei“ um mich zu versammeln, auf meine Webseite: „Die Kaderschmiede bleibt dicht“. Er findet sich neuerdings unter dem Stichwort „Maoismus“ in meinem sogenannten Schein-Lexikon Blick vom Ziegenberg. Jene „Partei“ hatte sich um 1970 von der in Hamburg residierenden Sekte KPD/ML abgespalten, deren ZK-Chef Ernst Aust den Roten Morgen herausgab. Unsere Abspaltung wurde meist KPD/ML-ZB oder KPD/ML-Rote Fahne genannt, nach unserem neuen „Zentralbüro“ und unserem neuen „Zentralorgan“. Wir, die Rote-Fahne-Leute, thronten in Bochum, also im Herzen des proletarischen Ruhrgebiets, lag uns doch, im Gegensatz zu den Aust-Leuten, die Massenarbeit am Herzen. Die Aust-Leute schworen mehr auf Abwarten & Teetrinken, also Theorie und Schulung. Im Grunde stritt man sich zweifelsohne um die Haare im Barte des Propheten und wetteiferte um den dickeren Katalog an Schimpfworten. Oft nannten wir unsere Erzfeinde klangvoll Ezristen. Die Anspielung auf „Trotzkisten“ war gewollt. Unfreiwillige Quelle des Namens war ein Häuptling der Roten Garde, der Jugendorganisation der Hamburger Mutter- oder Vaterpartei. Ich glaube, der junge Funktionär, geboren 1951, wirkte damals vor allem in Westberlin, wo er wohl auch zur Schule gegangen war. Er hieß Ezra Gerhardt und hatte noch einen zwei Jahre älteren Bruder, Titus. Das waren die gemeinsamen Kinder von Renate und Rainer Maria Gerhardt.

Vater Gerhardt, ursprünglich Versicherungskaufmann, hatte sich spätestens nach Kriegsende als Gasthörer an der Uni in Freiburg im Breisgau für Moderne Lyrik erwärmt, voran die nordamerikanische, darunter die von Ezra Pound. In der Prosa schätzte der Nachwuchs-Literat James Joyce und Arno Schmidt. Westdeutsche Schriftsteller wie Curtius, Andersch, Enzensberger lobten Gerhardts poetischen Blickwinkel, und so wagte er es im Verein mit Übersetzerin und Gattin Renate, in seiner Heimatstadt Karlsruhe einen Poesie-Verlag zu eröffnen. Offenbar strandete das Unternehmen rasch im Ruin. Ob sich Gerhardt vor allem deshalb mit 27 Jahren (1954) umbrachte, kann ich nicht beurteilen. Alfred Andersch soll dazu bemerkt haben*, der „ebenso begabte wie gefährdete junge Mann“, der zeitweise in einem Zelt wohnte, sei „vom eisigen Wind des wirklichen Hungers, der Schulden, der inneren Schwierigkeiten und von der Kälte des Wartens auf ein Echo“ ausgelöscht worden, „das er, ein sehr Ungeduldiger, nicht vernahm.“ Demnach fühlte er sich verkannt, wie so viele. Jedenfalls ließ er, je nach Quelle, 20.000 bis 40.000 DM Schulden zurück – von den beiden Söhnchen nicht zu schweigen.

Renate Gerhardt scheint sich später auch in Westberlin als Übersetzerin und Verlegerin durchgeschlagen zu haben. Sie starb 2017, um 90 Jahre alt. Die beiden Söhne dürften noch leben. Ich habe lange überlegt, ob ich sie anschreiben und um Auskünfte bitten sollte, denn die Quellenlage ist wieder einmal schlecht. Ich verzichte jedoch darauf. KünstlerInnenkinder sind grundsätzlich sehr schwierig, von ihrer Befangenheit einmal abgesehen, und warum sollten Ezra und Titus eine Ausnahme darstellen? Zumal in dem Alter, in dem sie jetzt sind? In meinem. Aber ich bin kein KünstlerInnenkind ...

* „Rainer Maria Gerhardt“ bei literatur-live.de


Géricault, Théodore 32 (1791–1824), französischer Maler, Reitunfall. Das Schicksal, wegen rasch schwinden-der Trinkwasser- und Nahrungsmittelvorräte von einem mit Schiffbrüchigen überfüllten Floß in den Atlantischen Ozean gestoßen zu werden, blieb ihm erspart. Über dieses historisch verbürgte Ereignis von 1816, das mindestens 130 Todesopfer forderte und zu eifrigen Vertuschungsver-suchen der Verantwortlichen führte, malte Géricault drei Jahre später sein vermutlich berühmtestes Bild Das Floß der Medusa. War die Erinnerung an die nationale „Tragödie“ einerseits peinlich, wurde doch andererseits auf diesem gemalten Floß derart theaterreif gelitten und gestorben, daß jedem Besucher des Pariser Salons von 1819 nur das Wasser im Munde nach einem vergleichbar schönen Tod zusammenlaufen konnte. Aber Géricaults eigentliches Metier war nicht die See. Aus wohlhabendem und reitbesessenem Hause stammend, stellten Pferde und Wettkämpfe oder militärische Maßnahmen mit Hilfe von Pferden das Lieblingssujet des malenden Dandys dar.* Dieser Leidenschaft – und nicht etwa der Syphilis – wird meist auch sein betrübliches Ende zugeschrieben. 1821/22 seien dem Künstler mehrere Stürze vom Pferd unterlaufen, an deren Folgen er, trotz oder wegen verschiedener Operationen, im Januar 1824 gestorben sei. Er war 32 Jahre alt. Ironischerweise ging seinem letzten Atemzug ungefähr das qualvolle Siechtum voraus, das er einst auf jenes Floß verlegt hatte. Berufskollege und Tagebuch-schreiber Eugène Delacroix, der ihn am Krankenlager öfter besuchte, soll entsetzt gewesen sein.

* Ekkehard Tanner, „Eine Leidenschaft für Pferde“, Schirn-Magazin, 26. Dezember 2013


Gerresheim, Lutz 21 (1958–80), Herner und Bochumer „offensiver“ Profi-Fußballmittelfeldspieler. In einer Sam-stagnacht des Januars 1980 gerät der 21jährige „Sonny-boy“, der bereits als Star in den finsteren Ruhrpott leuchtet, auf der Rückfahrt von einem Mannschaftsbankett mit seinem grünen BMW 525 auf der angeblich spiegel-glatten Bochumer Universitätsstraße ins Schleudern und prallt gegen einen Betonpfeiler. Seine Begleiterin überlebt. Ralf Piorr legt den Verdacht nahe*, Gerresheim sei nur deshalb nach fünf Wochen Koma im Langendreerer Knappschaftskrankenhaus gestorben, weil ihn die BergungsarbeiterInnen nach dem Herausschälen aus dem Wrack seines Prominentenschlittens bis zum Eintreffen des Notarztwagens auf den Seitenstreifen gebettet hätten. Denn bald darauf sei ein weiterer Pkw „auf der Eisplatte“ ins Schleudern geraten und „in den ungeschützten Körper des jungen Fußballers“ gekracht. „Hier erleidet Gerres-heim seine fatalen Verletzungen.“ Die Verletzungen und Schreckensbilder der Begleiterin klammert Piorr aus Platzgründen aus. Dafür versichert er (beleglos), Speku-lationen über Alkohol und überhöhte Geschwindigkeit als Unfallursachen hätten sich als haltlos erwiesen. Damit sind der Offensivfußballer und sein Offensivwagen hinreichend entlastet: das Wetter, die Retter und ein fremder Verkehrsrowdy waren schuld. Den Letzteren hatte vermutlich Fortuna Düsseldorf geschickt.

* „Was für ein Fußballer ...“, WAZ / Der Westen (Essen), 25. Januar 2011


Gerstl, Richard 25 (1883–1908), Wiener Maler, aufgrund seiner zum Teil geretteten Hinterlassenschaft zum „pointillistischen Expressionisten“ erklärt. Er starb schon mit 25. Das klingt kurz, doch dafür hatte sein Erdendasein theatralische Kragenweite. Vom Vater über Kunsterzieher bis zu seinen Malerkollegen – Gerstl eckte an. Wahrscheinlich war der Sohn gut betuchter Eltern etwas eingebildet. Da er sich auch für Philosophie und Musik interessierte, knüpfte er um 1906 Beziehungen zu verschiedenen prominten Wiener Komponisten an, darunter Arnold Schönberg. Dabei beließ es der 23jährige allerdings nicht, trat er doch auch mit Schönbergs Frau Mathilde in nähere Verbindung. Im Sommer 1908 mit Mathilde von Arnold in flagranti erwischt, drohte Gerstl für den Fall seiner Ausbootung mit Selbstmord. Dennoch entschlossen sich die Schönbergs ihre Ehe zu retten, offenbar, wie üblich, dem Wohle der gemeinsamen Kinder zuliebe. Prompt hielt Gerstl Wort: nachdem er seine im Atelier greifbaren Gemälde und Aufzeichnungen verbrannt hatte, erhängte er sich. Man fand ihn ebendort von einem Messer durchbohrt vor einem Spiegel baumelnd.* Was sein Motiv für den Selbstmord angeht, argwöhnen einige BeobachterInnen, er habe sich auch als verkanntes Genie gefühlt. Völlig zurecht! entnehme ich der FAZ, die ihn zum „radikalen Stilverweigerer der Moderne“ ausruft. Selbst Georg Baselitz bewundere ihn.** Entsprechend zahlt man heute für Gerstl-Werke, soweit noch vorhanden, Phantasiepreise – für Abwesenheit von Stil. Ein Gemälde mit dem Titel „Obstgarten“ kam beispielsweise 2016 im Wiener Auktionshaus Kinsky auf 530.000 Euro. Da freuten sich alle Wiener KleingärtnerInnen und Pfand-flaschensammlerInnen.

Berufskollege Carlos Mauricio Valenti Perrillat (1888–1912) erschoß sich etwas später, in Paris, bereits mit 23 Jahren. Seine Diabetis, an der er von Kind auf litt, hatte ihn neuerdings mit Erblindung bedroht. Trotz dieses frühen Todes, vielleicht auch wegen ihm, gilt Valenti Perrillat als Wegbereiter der modernen Kunst Guatemalas, wo er aufgewachsen war. In Paris hatten ihn unter ande-rem Picasso und Kees van Dongen gefördert.

* Olga Kronsteiner, „Von und für Richard“, Wiener Standard, 26. April 2013
** Stefan Trinks, „Der österreichische van Gogh?“, 6. Oktober 2019



Gilbert, Jessie 19 (1987–2006), britisches Schach-As, vermutlich Selbstmord. Weiter unten werde ich ihren thüringischen Berufskollegen Carl Theodor Göring behandeln, der sich, rund 120 Jahre vor Gilbert, auch schon umgebracht haben soll. Zumindest Görings Beweggründe sind undurchsichtig. Man glaube aber nicht, im Falle des „chess girls“ seien wir klüger, weil wir inzwischen auf Sensationsjournalismus und Internet bauen könnten. Immerhin darf man vielleicht annehmen, Jessie hätten nicht nur die großen Hoffnungen gedrückt, die auf ihr ruhten. Mit 12 Jahren hatte das britische Mädchen als jüngste Spielerin aller Zeiten die Schach-Amateurweltmeisterschaft der Frauen gewonnen. Darauf Sportminister Tony Banks: „We are extremely proud of what Jessie Gilbert has achieved for chess and for this country.“ Das war 1999 gewesen. Jessie errang weitere Titel und ein Stipendium, um in den USA mit Großmeister Edmar Mednis zu trainieren. Nebenbei erwarb sie sich das Anrecht, ab September 2005 Medizin in Oxford zu studieren. Im Dezember 2005 schlug sie in ihrem Heimatclub Coulsdon den englischen Großmeister Danny Gormally. Im Februar 2006 gewann die inzwischen 19jährige die Korean International in Südkorea. Alexander Baron bescheinigt der stämmigen, sommersprossigen und „unscheinbaren“ jungen Frau, die stets in Jeans auftrat, sie sei zwar hochintelligent gewesen, aber auch schüchtern – ihr Selbstbewußtsein habe „die Stärke einer Briefmarke“ besessen. Damit eilte sie also von Erfolg zu Erfolg. Nach-dem sie im Mai desselben Jahres an der Schacholympiade in Turin teilgenommen hatte, wo die Frauen und Männer aus Großbritannien keinen Medaillenrang belegen konnten, fuhr sie in die ostböhmische Stadt Pardubice, um an den alljährlich ausgetragenen Czech Open teilzuneh-men. Das Ende dieses angesehenen Turniers erlebte sie nicht mehr. Sie fiel in der Nacht vom 26. auf den 27. Juli 2006 unter bis heute ungeklärten Umständen aus dem Fenster ihres im achten Stockwerk gelegenen Hotel-zimmers, wobei sie zu Tode kam.

Jessie hatte sich das Zimmer mit ihrer besten Freundin A. geteilt, einer erst 14jährigen Nachwuchsspielerin. Das Fenster war wegen der Sommerhitze (oder aus kühler Berechnung) offen geblieben. Angeblich nahm die Freundin von dem tödlichen Vorgang nichts wahr, weil sie unterdessen mit Übelkeit im Bad verschwinden mußte. Die beiden hatten einiges getrunken. Die Quellen schweigen darüber, ob Dritte Zugang zum Zimmer hatten und ob sie, wenn ja, ein Mordmotiv gehabt hätten. Was das Opfer betraf, brachte man auch Jessis Neigung zum Schlafwan-deln ins Spiel. Zudem stellte sich heraus, daß sie Medika-mente gegen Depressionen nahm und bereits mindestens einen Selbstmordversuch mit Tabletten hinter sich hatte. Sie war damals, 2004, aufgrund einer Überdosis Paracetamol im East Surrey Hospital aufgewacht. A. sagte aus, Jessie habe sich in jüngster Zeit wiederholt Schnitt-wunden beigebracht, ohne darüber mit ihrer Mutter zu sprechen. Solche Wunden wurden auch gefunden. Allerdings sind für Jessies Tage in Pardubice keine mündlichen oder schriftlichen Äußerungen bekannt, die eine selbstmörderische Absicht bekundet hätten. Englische Gerichte führten eine Untersuchung durch. Im September 2007 erklärten sie den Fall zum open verdict, was bedeudet, aufgrund von Ungereimtheiten läßt sich der betreffende Tod vorläufig nicht zweifelsfrei der einen oder anderen üblichen Todesursache zuordnen.

Die Mutter der toten Schachhoffnung glaubt an Selbstmord.* Jessies Eltern Angela and Ian Gilbert, sie Wissenschaftlerin, er Bankmanager, hatten sich 2003 getrennt. Jessie lebte mit ihren drei Schwestern bei ihrer Mutter in Reigate, Südostengland, der Vater in London. Wenige Tage nach dem mysteriösen Tod seiner Tochter stellte sich Ian Gilbert als Angeklagter in einem Verfahren um sexuelle Gewalt heraus. Es soll um wiederholte Vergewaltigungen und unzüchtige Handlungen, auf mehrere Opfer verteilt, gegangen sein. Was Wunder, wenn die Presse daraufhin bald argwöhnte, auch Gilberts Tochter könne zu diesen Leidtragenden zählen. Die Verhandlungen gegen Ian Gilbert begannen erst Ende August des Jahres 2006. Seine Tochter konnte also nicht mehr aussagen, weil sie schon einen Monat vorher gestorben war.

Allerdings legte der Staatsanwalt im November ein Tonband-Vernehmungs-Protokoll der Polizei vor, wonach Jessie ihren Vater schon vor längerer Zeit bezichtigt hatte, sie erstmals als Achtjährige und dann über Jahre hinweg nachts belästigt und geängstigt zu haben. Er sei auch ins Bad gekommen, wenn sie duschte, und einmal, im Januar 2003, habe er sie, aus nichtigem Anlaß zornig geworden, mit einem Kabel zu erdrosseln versucht. Sie hatte gemault, weil ihr Vater leihweise ihren Laptop benutzen wollte. Bei diesem Vorfall war sogar Polizei ins Haus gekommen, ohne daß er gerichtliche Folgen nach sich gezogen hätte. Er löste nur die Scheidung der Eltern aus.

Im Dezember 2006 wurde der 48jährige Gilbert, dem seine neue Ehefrau Sally beistand, die zufällig Rechtsan-wältin ist, von allen Vorwürfen freigesprochen. Was seine Tochter betrifft, hatte er während der Verhandlung vermutet, sie habe sich mit ihren Aussagen an ihm rächen wollen, etwa wegen der Trennung von ihrer Mutter oder wegen jenes Übergriffes mit dem Kabel. Was die Mutter angeht, berichtete die Presse zwei Tage nach der Urteilsverkündigung, die 53jährige sei vorübergehend von der Polizei verhaftet worden, weil sie angedroht habe, ihren Ex-Gatten zu töten. Der Staatsanwalt werde diese Sache aber auf sich beruhen lassen. Als Polizeipsychologe von Scotland Yard hätte ich die Gelegenheit genutzt, mich einmal bei der Wissenschaftlerin zu erkundigen, ob sie es für denkbar halte, gleichfalls einen Anteil am folgen-schweren Werdegang ihrer hochbegabten Tochter zu haben. Entrüstung! Dienstaufsichtsbeschwerde!

Obwohl er Ian Gilbert ausdrücklich für einen „schlechten Vater“ und einen nicht minder schlechten Ehemann hält, ist auch der Schachspieler Alexander Baron davon überzeugt, Gilbert habe seine Tochter weder mißbraucht noch sie getötet. Landsmann Baron, Jahrgang 1956, war einige Male gegen Jessie angetreten, wobei er offenbar auch Niederlagen einstecken mußte, obwohl er erheblich älter und erfahrener als seine Gegnerin war. Inzwischen hat er eine Bibliographie über Jessies Partien verfaßt und betreibt zudem die Webseite The Jessie Gilbert Virtual Archive zu ihrem Gedenken. Für Baron besteht kein Zweifel daran, daß sich Jessie geplant und eigenhändig aus jenem Fenster warf – die große Frage sei nur, wer oder was sie „geschoben“ habe, wie er 2011 im Internet schreibt.** Barons Antwort lautet: es waren Geister, Alpe, Dämonen. Man erinnere sich an Jessies Neigung zum Schlafwandeln – früher auch mit der Wendung umschrieben, jemand sei „vom Nachtschreck“ besessen. Jessies Sehnsüchte und Ängste sowie ihren Medikamentenmißbrauch hinzuge-nommen, könnte man natürlich auch kurzerhand von Wahnvorstellungen sprechen. Dazu neigen Schachspieler-Innen ohnehin gleichsam von Berufs wegen, wie der Autor Mathias Bröckers meint (siehe >Göring). Für Baron hat sich jener gewalttätige, nie geahndete Übergriff ihres Vaters (Versuch des Erdrosselns) auf eine Weise mit Alpträumen und Halluzinationen verbunden, die sie tatsächlich davon überzeugt sein ließen, er habe sich an ihr vergangen. Insofern hätte sie die vernehmenden Polizei-beamten keineswegs belogen.

Diese Vermutungen erklären freilich weder, warum sie nur den Ausweg des Selbstmordes sah, noch warum sie diesen – falls es einer war – ausgerechnet kurz vor Ende des hochrangigen Schachturniers in Pardubice beging (12.–29. Juli 2006). Mit vier Unentschieden und einem Sieg hatte sie sich bis dahin (26. Juli) in dem stark besetzten Turnier durchaus beachtlich gehalten. Ihre Mutter sagte dem Evening Standard 2007, durch das Match, das Jessie am Nachmittag vor der Unglücksnacht spielte, habe sie ihre Ranglistenposition im Women's International Master erneut verbessern können. Gleichwohl kann sie an „Versagensangst“ gelitten haben. Aber auch von diesem, eigentlich naheliegenden Gesichtspunkt ist in den Quellen nie die Rede.

Der Daily Mail zufolge neigte die tschechische Polizei zu der Annahme, die 19jährige habe Angst vor dem bevorste-henden Prozeß gegen ihren Vater gehabt. Das wäre auch kaum verwunderlich gewesen – zumal dasselbe Blatt nur zwei Tage nach dem Unglück fast die Hälfte seiner Titelseite mit einem Foto, das Jessie über Schachfiguren lächelnd zeigt, und der Balkenüberschrift ausfüllt Chess Girl‘s Father Is Accused Of Raping Her.*** War sie so scheu, wie Baron sie hinstellt, muß das Ganze ja eine Marter für die junge Frau gewesen sein. Möglicherweise bereute sie ihre Anschuldigungen inzwischen auch wieder. Vielleicht schämte sie sich vor ihren Schwestern oder Freundinnen. Vielleicht fürchtete sie auch, ihr eigenes Liebesleben, falls es denn vorhanden war, könne zur Sprache kommen. In allen Quellen fällt zu diesen Gesichtspunkten nicht ein Wort. Man fragt auch nie, warum sie sich, mit acht Jahren, ausgerechnet für das so scharfsinnige wie unsinnliche Schachspiel erwärmt habe. Gutskind Göring hätte es vielleicht erklären können. Hätte sich Jessie erst mit 18 aufs Schachspielen geworfen, läge die Angelegenheit womöglich einfacher: „Da bildet sich eine mal wieder ein, sie könne ein Trümmerfeld in ein Schachbrett verwandeln ...“

* „Abuse case chess girl Jessie Gilbert did kill herself, says mother“, Evening Standard, 28. September 2007
** „Op-Ed: Who killed Jessie Gilbert?“, Digital Journal, 14. Dezember 2011
*** („Vater des Schachgirls beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben“), Printausgabe 28. Juli 2006, online hier



Gilda 34 (1961–96), angeblich der erste weibliche Popstar Argentiniens. Von ihr, die ihre Cumbia-Schunkel-Rythmen trotz dunkler Mähne mit Engelsgesicht, Kirschmund und süßer Stimme vorzutragen pflegte, ist zu lesen, sie werde von vielen Fans bis heute „wie eine Heilige“ verehrt und angebetet – wohl auch deshalb, vermute ich, weil sich die populäre Sängerin aus Buenos Aires schon so jung, mit Anfang 30, auf dem im ganzen Volk beliebten asphaltier-ten Altar des Fortschritts opfern ließ. Günstigerweise will man in ihrem Unglücksgepäck eine frische Demo-Kasette gefunden haben, auf der sie im Acapella-Gesang versicherte, „no es mi despedida“ – dies sei nicht ihr Abschied ... So lebt sie denn in vielen Dummköpfen weiter. Ihr Schein-Abschied trug sich frühabends am 7. September 1996 zu, als sie auf einer Nationalstraße in der Provinz Entre Rios unterwegs war. Ihr Tour-Bus stieß mit einem Lastwagen zusammen, und zu den Todesopfern zählten auch die Mutter und die Tochter Mariel der „charisma-tischen“ Sängerin, ferner drei Musiker und der Busfahrer. Nach dem Ereignis schnellten die Verkaufsziffern von Gildas Platten binnen weniger Tage in Andenhöhe. Das war der Trost für ihr jüngeres Kind, das Söhnchen Fabrizio, das verschont blieb.


Gilly, Friedrich 28 (1772–1800). Möglicherweise faßte es nicht jeder als Unglück auf, als der preußische Bau-meister und Bauakademieprofessor schon mit 28 der Tuberkulose erlag. Das war genau 1800. Gilly hatte die sogenannte „Revolutionsarchitektur“ geliebt. Er liebte also Großes und Pompöses, somit liebte er auch Könige. Für den 1786 verblichenen Untertanenschinder und Obermili-taristen, den sie Friedrich den Großen nannten, entwarf er 10 Jahre später ein von einem dorischen Tempel gekröntes vielstöckiges Denkmal, das ein respektloser Karikaturist mit einer aufgebockten Reithalle verwechselt haben soll. Angeblich war es für den achteckigen Leipziger Platz am Potsdamer Tor gedacht. Seine Umrundung durch die VorstädterInnen hätte wahrscheinlich länger gedauert als deren Anfahrt mit der Postkutsche oder Pferdebahn. Dafür paßte der Kopf des Künstlers 1972 auf eine Briefmarke der Deutschen Bundespost Berlin. Das Gelungenste an Gillys Entwurf ist der aquarellierte blaue Himmel. Er war ein begabter Zeichner und Tuscher. Als der 17jährige Karl Friedrich Schinkel in einer Ausstellung diesen Himmel sah, war er beeindruckt genug, um sich stehenden Fußes bei den Gillys (zunächst bei Vater David) als Schüler zu bewerben. Sie nahmen ihn. Auch viele andere Kenner-Innen lobten den Entwurf als „genial“, aber zum Glück zogen sich die Diskussionen über die Finanzierung des Bauwerkes hin, bis Friedrich Gilly, nach vier Jahren, gestorben war.

Seine letzte ausgeführte Arbeit war ein 1799/1800 in Königsberg errichtetes Theater. In dieser Zeit brachte er von einer Studienreise durch Großbritannien, Frankreich und Österreich einen Besorgnis erregenden Husten mit. Man bewilligte ihm eine Kur in Sachsen und Karlsbad, obwohl er gerade erst zum „Oberhofbauinspektor“ ernannt worden war. In Karlsbad „entschlief er nach einem kurzem Kampfe“, wie sich Konrad Levezow 1801 in einer Gedenk-schrift ausdrückte. Für die Witwe Marie Ulrique bot sein neuer Titel, neben dem Geld, wahrscheinlich wenig Trost: ihr erstes Kind, Sohn Edouard, starb als Säugling einen Monat vor ihrem Ehemann.


Ginsberg, Adolf 26 (1856–83), Sohn eines jüdischen Schulleiters in Niedersachsen. Es mangelte der Familie nicht an „Vermögen“, wie man ja sagt, doch dafür fehlte Ginsberg von Geburt an das Gehör. Er wurde Maler. Angeblich sind seine Werke sämtlich verschollen. Freilich können es nicht allzuviele gewesen sein, denn im Rahmen seiner wiederholten Italienaufenthalte wurde Ginsberg bereits mit 26 von den Knochenhänden „der Natur“ gepackt. Schlimmer noch: sein gleichaltriger Freund Gottlieb Boß (1857–83, auch: Gottfried Boss) aus Interlaken, ein bereits mehrmals ausgezeichneter schweizer Maler, der zuletzt in Rom tätig war, mußte gleichfalls daran glauben.* Die Freunde hatten sich 1883 auf der beliebten Kur- und Ferieninsel Ischia im Golf von Neapel in der Villa Verde einquartiert. Dort wurden sie am Abend des 28. Juli, gegen 22 Uhr, jäh verschüttet. Die Insel war von einem kurzen, heftigen Erdbeben heimge-sucht worden. Dabei wurden rund 1.200 Häuser zerstört, viele weitere beschädigt, und mehr als 2.300 Menschen getötet. Schwerverletzt wurde damals der spätere Philosoph Benedetto Croce, 17. Aber auch dessen Eltern und seine Schwester Maria kamen just unter den Trümmern der im meistbetroffenen Badeort Casamicciola gelegenen Villa Verde um. Croce selber wurde noch 86.

* Hans-Michael Körner (Hrsg), Große Bayerische Biographische Enzyklopädie, Band 1, München 2005, S. 211


Girdler, William 30 (1947–78), US-Entertainer aus Louisville, Kentucky. Der erfolgreiche Regisseur und Produzent von einträglichem Unterhaltungsmüll, der Action-, Horror- oder SF-Film genannt wird, hatte vielleicht doch die feineren Fäden/Fallen der Zivilisation unterschätzt. Kaum die 30 überschritten, stürzte er auf der Suche nach geeigneten Drehorten für sein nächstes Filmprojekt in oder nahe der philippinischen Hauptstadt Manila mit einem tieffliegendem Hubschrauber ab. Es heißt, die Rotorblätter hätten sich in Stromleitungen verfangen. Neben dem Zebra Killer (1974) der Prärie soll auch der vermutlich einheimische Pilot sein Leben eingebüßt haben. Oder hatte sich Girdler einen Mann von den schätzungsweise 1.000 US-Militär-Stützpunkten ausgeliehen, mit denen unser Planet gespickt ist? Wie auch immer, hatte die Welt mit diesem „tragic crash“ (...) „a true martyr“ seines Handwerks verloren, stellt die Startseite der „offiziellen“ Girdler-Webseite fest – offensichtlich nicht auf den Piloten bezogen.


Giuliani, Carlo 23 (1978–2001), italienischer Globali-sierungsgegner, im Nordöstlichen Sozialzentrum Genuas aktiv. Er gehörte keiner politischen Organisation an, war aber trotzdem schon vorbestraft – wegen Beleidigung eines Polizisten. An dem Tag, da sein Leben enden sollte, zog der 23jährige eine Badehose unter, weil er und ein Freund noch unschlüssig waren, ob sie angesichts des guten Wet-ters nicht zum Strand gehen würden. Dort würde Carlo an diesem Tag kaum Gefahr laufen, den nächsten Polizisten zu beleidigen. Doch dann entschieden sie sich zu einer Stippvisite bei den Protesten gegen den sogenannten G8-Gipfel, der gerade in Genua abgehalten wurde. Die entfesselte Staatsmacht, die Carlo dabei erlebte, empörte ihn nicht weniger als Tausende anderer Demonstranten. Er wehrte sich. Und dabei wurde er, am späten Nachmittag des 20. Juli 2001, getötet.

Nach offizieller Darstellung wurde Carlo Giuliani aus einem eingekeilten Polizeifahrzeug heraus erschossen. Dieser Jeep war von sogenannten gewaltbereiten Demon-stranten mit verschiedenen Gegenständen beworfen und gerammt worden. Nachdem Giuliani zusammengebrochen war und seine MitstreiterInnen aus Angst vor weiteren Schüssen flüchteten, überfuhr ihn das Polizeifahrzeug außerdem im Rahmen eines Wendemanövers zweimal: erst im Rückwärtsgang, dann vorwärts. Ob das „nötig“ war, ist umstritten. Jedenfalls sind sowohl der durch die Reifen und das Fahrzeuggewicht eingedrückte Bauch wie die nicht minder platten Oberschenkel des stark blutenden, eher schmächtigen jungen Mannes auf Fotos und Videos vom Tatgeschehen deutlich zu erkennen. Und die Mienen der später um ihn stehenden behelmten und gepanzerten Hüter der Ordnung auch: gleichgültig bis belustigt.

Ob Giuliani einen aufgeklaubten Feuerlöscher wurfbereit erhoben hatte und ob er daraufhin von einem Quer-schläger, also zufällig, oder aber geradewegs von einer Polizeikugel in den Kopf getroffen wurde, ist ebenfalls unter Laien wie Fachleuten umstritten. Eine Richterin entschied sich für die nachsichtige Version und stellte das Strafverfahren gegen den zur Tatzeit 20jährigen wehr-pflichtigen Carabineri Mario Placanica im Mai 2003 ein. Ende November 2006 – er hatte inzwischen einen gleichfalls mysteriösen Autounfall überlebt – versicherte Placanica in einem Gespräch mit der Tageszeitung Calabria Ora, er habe damals, aus dem Wagen heraus, lediglich zwei Warnschüsse abgegeben, beide in die Luft. Der tödliche Schuß müsse von außen gekommen sein. Er beschuldigte mehrere Vorgesetzte der Lüge oder der Vertuschung, sprach von der gezielt erzeugten Kriegs-stimmung unter den Truppen und dem enormen Druck auf ihn selbst nach dem blutigen Zwischenfall, durch Vorgesetzte, Psychologen, Ärzte und die Medien ausgeübt. Er habe erst jetzt gesprochen, weil ihm bislang der Mut dazu und auch der richtige Anwalt gefehlt habe. Giulianis Mutter Haidi forderte aufgrund dieser Äußerungen Personenschutz für Placanica. Möglicherweise war der junge Wehrpflichtige, der aus einfachen süditalienischen Verhältnissen stammen soll, tatsächlich nicht der Mörder ihres Sohnes, vielmehr von einem anderen Schützen oder von Vorgesetzten „gebeten“ oder dazu ausersehen worden, wenn nötig, die Rolle des Sündenbocks zu übernehmen: als bedauernswerter Trottel vom Land. In der Tat soll sich Placanica bis dahin, vor dem Calabria Ora-Interview, in der Darstellung des Vorfalls widersprüchlich geäußert und somit wenig glaubwürdig gezeigt haben.* Alles in allem jedoch fällt die hohe Rate der Ungereimtheiten bei den Ermittlungen der Behörden auf, die einer Gipfelkonferenz alle Ehre macht. Im übrigen erschreckt nicht nur die Wucht der polizeistaatlichen Maßnahmen von Genua, sondern auch die Zufälligkeit, mit der sie das einzige Todesopfer des Tages fanden.

Eine Klage von Giulianis Eltern, dem Gewerkschaftler Giuliano Giuliani und der linken Politikerin Haidi Gaggio, und seiner älteren Schwester Elena vor dem sogenannten Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg endete im März 2011 in dem 13:4 gefaßten Urteil, weder einzelnen Polizisten noch dem italienischen Staat könne im Fall dieser Erschießung ein Fehlverhalten angekreidet werden. Vielleicht wollten sich die Straßburger Juristen vor dem Vorwurf der „Sippenhaft“ hüten. In Italien selber fanden nämlich in den zurückliegenden Jahren einige Gerichtsverfahren statt, in deren Verlauf mehrmals offiziell von kaum glaublicher Brutalität und gezielten Provokationen der „Sicherheitskräfte“ bei den G8-Protesten die Rede war. Zahlreiche Polizisten wurden inzwischen bestraft, darunter sogar Kommandanten, wenn auch zum Teil betrüblich mild. Die Verantwortlichen in den Führungsetagen der Polizei und Politik kamen wie immer ungeschoren davon. Im Gegensatz zu diesen sprach Amnesty International von „massiven Verstößen gegen die Menschenrechte“ sowie der „größten Außerkraftsetzung von demokratischen Rechten in einem westlichen Land nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges“. Im Juli 2002 brachte der WDR die Fernseh-Dokumentation Die Story – Gipfelstürmer, die diese Einschätzung eindeutig belegte. Sie wurde mit dem Deutschen Fernsehpreis als beste Dokumentation des Jahres ausgezeichnet. Zudem produ-zierte dieser Sender das Hörspiel Genua 01 von Fausto Paravidino, das den ARD Online Award 2004 erhielt.

Giulianis Vater Giuliano ist von einem Mord überzeugt, wie er vorm Abschluß des ersten Strafverfahrens gegen Placanica sagte. Allerdings sei der Mörder „nicht eine Einzelperson, sondern der Staat. Aber wahrscheinlich werden die Ermittlungen zu dem Ergebnis kommen, daß Carlo Selbstmord verübt hat, während die Polizei gleichzei-tig ein Tontaubenschießen auf dem Platz veranstaltete.“ Damit spielte er ohne Zweifel auf die schon erwähnte, nur leider noch zu wenig bekannte „Gewaltbereitschaft“ jener Kräfte an, die diesen Planeten und seine Reichtümer für ihr Privateigentum oder ihre Profitgarantieanstalt halten und die dann auch hin und wieder, je nach Bedarf, in der einen oder anderen „westlichen“ Großstadt „Gipfelkon-ferenzen“ veranstalten, die durch wahre Legionen von martialisch aufgerüsteten „Sicherheitskräften“ vor den Leuten beschützt werden, deren Wohlergehen und deren Seelenheil ihnen auf der Konferenz so sehr am Herzen liegt. Schon ein Pharmaziemanager, der bestimmte, in Afrika händeringend benötigte Medikamente aus „Rentabilitätsgründen“ nicht oder viel zu teuer herstellen läßt, ist x-mal „gewaltbereiter“ als ein junger Mann, der zu Hause unter einem Che-Guevara-Plakat schläft. Der schweizer Bundesrat, UN-Diplomat und Buchautor Jean Ziegler stellte am 16. November 2012 in einem Gespräch mit der Jungen Welt fest: „Laut ECOSOC-Statistik sind vergangenes Jahr 52 Millionen Menschen Epidemien, verseuchtem Wasser, Hunger und Mangelkrankheiten zum Opfer gefallen. Der deutsche Faschismus brauchte sechs Kriegsjahre, um 56 Millionen Menschen umzubringen – die neoliberale Wirtschaftsordnung schafft das locker in wenig mehr als einem Jahr.“

Im April desselben Jahres 2001 löste der Tod des alge-rischen Schülers Massinissa Guermah die wochenlangen Unruhen des „Schwarzen Frühlings“ aus. Der Zorn erfaßte vor allem die im Lande „traditionell“ unterdrückten Berber (Kabylen), zu denen der 18jährige gehört hatte. Er war in Beni Douala bei Tizi Ouzou als angeblicher Dieb und Bandit verhaftet und dann in Polizeigewahrsam durch angeblichen Unfall erschossen worden. Im Oktober 2002 bedachte ein Militärgericht einen am „Unfall“ beteiligten Gendarmen mit zwei Jahren Gefängnis. Guermahs Vater: „Jetzt haben sie meinen Sohn zum zweiten Mal getötet.“

* Michael Braun, „Auf der Piazza wollte man einen Toten“, taz,
6. Dezember 2006



Gladow, Werner 19 (1931–50), Berliner Gangsterboß. Der Sohn eines Fleischers war mit Sicherheit kein Anti-kapitalist – nur zu kurz gekommen. Obwohl stämmig und eher untersetzt gebaut, fehlte es ihm glücklicherweise nicht an Beweglichkeit. Zudem fand er in dem unübersicht-lichen, auch zweigeteilten Berlin der Nachkriegszeit ein für räuberische Umtriebe durchaus günstiges Betätigungsfeld vor. Man überfiel im Westen ein Leihaus oder eine Bank, teilte die Beute im Osten; erleichterte dort eine Vopo-Streife um ihre Pistolen, schlupfte wieder zurück, um ein Schmuckgeschäft am Kurfürstendamm oder wenigstens einen Hehler in Zehlendorf aufzusuchen. Mit unliebsamen Zwischenfällen ist zu rechnen. Hier kracht ein als Leiter benutzter Stapel aus Tonnen zusammen, dort springt die Fahrradkette vom Fluchtfahrzeug ab. Beim Pläne-schmieden in den einschlägigen Eckkneipen tritt der minderjährige Bandenboß, wegen einer Stippvisite auf einem Gymnasium Doktorchen genannt, gern im schwarzen Anzug mit weißer Krawatte auf. Da er seinem Vorbild Al Capone zunehmend auch im Schußwaffenge-brauch nacheifert, häufen sich die Schwerverletzten – und dann gibt es zwei Tote, womit sich die Gladow-Bande viele Sympathien seitens der Gesamtberliner Bevölkerung verscherzt. Mit Hilfe eines „Singvogels“ kommt die Ost-Kripo dem 18jährigen Bandenchef auf die Spur. Er hält sich in der elterlichen Wohnung in Friedrichshain auf. Nach ordnungsgemäßem Klingeln an der Wohnungstür und einem nachfolgenden einstündigen Feuergefecht – beides könnte erhebliche Zweifel an der Befähigung der FahnderInnen wecken – wird Gladow verhaftet und im März 1950 verurteilt. Wie Mitstreiter Sohni (11 Jahre Gefängnis) berichtet, kommentiert sein junger Boß das gegen ihn verhängte dreifache Todesurteil auf eine Art, die den Richter leichenblaß werden läßt.* „Wissen Sie, Herr Richter, hat Doktorchen gesagt, einmal laß ich mir das ja gefallen, die Birne abhauen, aber det andere beede Mal, würde ich sagen, det is Leichenschändung.“

Gladows Wirken wurde bis heute schon wiederholt ver-filmt oder auf die Bühne gebracht. Freilich sind die Wenigsten so Hartgesotten, wie sie vor Gericht abgekocht werden. Nun, nach der Verurteilung, bleiben ja Doktor-chen in seiner Gefängniszelle in Frankfurt an der Oder noch immerhin rund acht Monate Zeit, um sich seine bevorstehende Enthauptung auszumalen – während die beiden Menschen, die er auf dem Gewissen hat, bestenfalls für Sekunden ahnten, jetzt gehe es ihnen an den Kragen. Somit liegt im ersten Fall eindeutig Folter vor. Mit schönen Grüßen an China und die USA.

* Jens Brüning, „Vom Metzgersohn zum Gangsterboss“, Deutsch-landfunk Kultur, 8. April 2005


Glover, Shelley 17 (1986–2004), US-Skirennläuferin aus Madison, Wisconsin. Die „große Hoffnung“ der Skihasen-yankees trat noch jünger als Gladow ab, sorgte aber nicht durch Banküberfälle dafür. Bei den alpinen US-Ski-Meisterschaften ihres Todesjahres hatte Glover (im März) den achten Platz im Slalom gemacht – als 17jährige. Am 5. Mai 2004, nun fast 18, trainierte sie schon wieder fleißig, und zwar am über 2.700 Meter hohen Mount Bachelor, der bei Bend in Oregon liegt. Dort baute sie einen fetten Trainingssturz: schwere Kopfverletzungen, drei Tage Röcheln und letzten Gewinn abwerfen im St. Charles Medical Center von Bend, Schlußapplaus. Prompt schufen ihre Eltern im Verein mit Freunden, wohl beide Geld wie Schnee, die Shelley Glover Foundation zur Nachwuchs-förderung. „Please join us supporting Shelley’s dream that all kids have a chance to ski and swim.“ Und sich auf diese unterhaltsame Art umzubringen, falls die Irak- oder Afghanistankriege nachlassen.


Gluud, Hans 37 (1875–1913). Der Sohn eines Bremer Tischlers wurde Seemann und Kapitän, fand jedoch seinen frühen Tod erst in der Luft. Dafür bekam er dann in Bremen eine Straße. Gluud junior wurde also Luftschiffer im Dienste des Friedrich von Zeppelin, stationiert in dessen Friedrichshafener Werft am Bodensee, und damit zunehmend auch der kaiserlichen Marine. Im Oktober 1913 war es ihm, dem knapp 38 Jahre alten Luftschiffkom-mandanten, zunächst gelungen, LZ 18/L 2, das jüngste Produkt des greisen Zeppelins, ohne Zwischenfälle von Friedrichshafen nach Berlin-Johannisthal zu überführen. Erst bei einem neuerlichen Startversuch am 17. Oktober, der die Übergabe der 158 Meter langen Luftgurke an die Marine einleiten sollte, explodierte sie bereits in 200 Meter Höhe. Von 28 Menschen an Bord kamen 28 um. Es wären deutlich mehr gewesen, hätten die „technischen Mängel“, die man dann verantwortlich machte, noch mit dem Zuschlagen gewartet, bis das Luftschiff die ersten Johannisthaler Hausdächer streifte. Dabei hatte es sich weder um den ersten noch den letzten Schiffbruch eines Zeppelins gehandelt. Allein im Ersten Weltkrieg, der ja vor der Haustür stand, wurden knapp 90 Ungetüme gebaut, von denen rund 30 durch „Feindeinwirkung“, rund weitere 30 durch Unfälle verloren gingen. In einigen Fällen hatten sie wenigstens schon ihre Bombenlast auf England geworfen, sodaß man auf beiden Seiten des Ärmelkanals seufzen konnte, geteiltes Leid sei halbes Leid.

Immerhin, unter jenen 28 verkohlten Leichen auf dem Johannisthaler Rasen befanden sich auch die Überreste von Marine-Schiffbaumeister Felix Pietzker (34), der die betreffende Luftgurke entworfen hatte. Ein Kanzleibuckel des sogenannten Kaisers schrieb* Pietzkers Witwe Frieda, Mutter zweier Kinder: „Seine Majestät haben mich ferner Allerhöchst beauftragt Ihnen Allerhöchst sein wärmstes Beileid auszusprechen. Seine Majestät hoffen, daß es Ihnen und den Ihrigen ein Trost sein werde, zu wissen, daß Ihr Gatte in treuester Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes einen ehrenvollen Tod gefunden hat.“

* laut Peter-Philipp Schmitt, „Ein Traum der Lüfte explodiert“, FAZ, 16. Oktober 2013


Göbel, Werner 30 (1924–55, ursprünglich Goebel geschrieben), Fußballspieler der Oberliga West, 1953 deutscher Pokalsieger mit Rot-Weiß Essen, 1955 auch (auf der Krankenbank) deutscher Meister, zuletzt Mittelläufer beim Zweitligisten Spielvereinigung Herten. Offenbar noch kein Vollprofi, war der mittelgroße, knochige Abwehrspieler außerdem Betriebssportlehrer bei der Hertener Zeche Ewald. Im Rahmen dieses Lexikons könnte man ihn als unmittelbaren Vorläufer des 1956 gestorbenen ägyptischen Gewichthebers >El Touni auffassen, denn beide kamen (angeblich) durch häuslichen Stromschlag um. Göbels Ende ist durch Sterbeurkunde und die Lokalpresse gut belegt. Danach kam der fast 31jährige Sportlehrer am späten Nachmittag des 11. August in einem neuerrichteten Wintergarten seiner Hertener Wohnung am Wetterschacht beim Bohren, wohl aufgrund eines Defektes seiner elektrisch betriebenen Handbohr-maschine, mit dem Stromkreis in Berührung und fiel von einer behelfsmäßigen Bühne tot zu Boden. Die Bühne hatte aus Tisch und Stuhl bestanden. Göbel war seit vier Jahren mit Hannelore geb. Kübler verheiratet. Sie hatten ein zweijähriges Söhnchen, Volker. Bei der Beerdigung schätzte die Polizei 2.500 Trauergäste, die, laut Hertener Allgemeine, Göbels „große Beliebtheit“ bezeugten.


Goebel, Florian 35 (1972–2008), Astrophysiker auf La Palma, Unfall im Dienst. Zwischen einigen jungen Riesenchampions blühen am Gebirge Roque de los Muchachos auf der Kanarischen Insel La Palma in rund 2.200 Meter Höhe mehrere fragiler wirkende große Gebilde, die tags wie nachts in zahlreichen Farben aufblinken können, je nach den Lichtverhältnissen. Das sind die Spiegelteleskope des dortigen Observatoriums. MAGIC II, Rekord-Durchmesser des Spiegels 17 Meter, war am 10. September 2008 noch nagelneu. Von ihm versprach man sich fette Beute auf der „Jagd nach Gammastrahlen aus den Tiefen des Universums“, wie Goebel einmal schrieb.

Der 35jährige vom Münchener Max-Planck-Institut für Physik war Projektleiter dieses jüngsten am „Felsen der Jünglinge“ gelegenen Teleskops, das kurz vor der Einwei-hung stand. Kollegen rühmen ihn, vom Sachverstand einmal abgesehen, als begeisterungsfähigen, warmher-zigen, vielseitig interessierten und stets hilfsbereiten Menschen. Anscheinend lebte er mit eigener Familie auf der Insel. Am genannten Tag soll er, vermutlich von Gerüsten oder Laufstegen aus, in rund 10 Meter Höhe mit letzten Arbeiten an der Kamera des Teleskops beschäftigt gewesen sein. Dabei sei er tödlich abgestürzt. Augenzeugen waren zum Unfallzeitpunkt offenbar nicht zugegen. Bild zitierte zwei Tage später* die Vermutung eines örtlichen Polizeisprechers, der Wissenschaftler habe einen Schwindelanfall erlitten. Ein alarmierter Notarzt fand Goebel nur noch tot vor. Von der Möglichkeit eines Selbstmordes ist nirgends die Rede. Da ich lokalen deutsch-spanischen Blättern zwar die Ankündigung einer behördlichen Untersuchung einschließlich Autopsie, nicht jedoch einen Bericht über deren Ergebnisse entnehmen kann, wende ich mich mit der Bitte um entsprechende Auskünfte, Unterlagen oder Quellenhinweise per Email, Link auf meine Webseite eingeschlossen, an Goebels letzten Arbeitgeber, das Münchener Institut. Dessen Verwaltungsleiterin teilt mir (am 30. November 2015) postwendend mit, „dass die Max-Planck-Gesellschaft Daten an Privatpersonen oder an juristische Personen, die kein berechtigtes Interesse daran nachweisen können, nicht herausgibt. / Mit freundlichen Grüssen ...“

Statt fruchtlos auf meiner Unbefugtheit herumzureiten, mache ich meine geschätzten drei oder vier LeserInnen auf den von der Dame verwendeten Begriff der Daten auf-merksam. Wer heutzutage, in einer Welt der schon nahezu unbegrenzten Ausspionierung des Bürgers irgendetwas zu verbergen hat, braucht es lediglich mit dem Nobelmarken-namen Daten zu versehen, dann ist er auf der sicheren Seite.

* Dirk Steinbach, „Todessturz vom Teleskop“, 12. September 2008


Gogh, Vincent van 37 (1853–90), wohl Selbstmord. Wahrscheinlich ist es unmöglich, die „Fußgängerzone“ einer beliebigen deutschen Kleinstadt zu durchqueren, ohne von einem Dutzend Reproduktionen seiner Gemälde auf Plakaten, Kalendern und Postkarten behelligt zu werden. Was Wunder, er soll der bekannteste und beliebteste Maler aller Zeiten sein. Wahrscheinlich liebt man vor allem seinen unkonventionellen und mythen-trächtigen Werdegang, Armut und weitgehende Verken-nung eingeschlossen, sowie die Preise seiner Bilder, die bis heute, nachdem er einmal tot war (Juli 1890), ziemlich stetig in astronomische Höhen stiegen. Man nimmt zumeist an, der „verrückte“ Maler aus Holland, der zeitweise in Belgien, später in einem südfranzösischen Irrenhaus lebte, habe sich mit 37 Jahren eigenhändig erschossen. Die Umstände seines Todes sind ähnlich umstritten wie die Frage, ob sich Van Gogh im Streit mit seinem Kollegen und kurzzeitigen Wohngenossen Paul Gauguin das ganze oder nur das halbe Ohr abgeschnitten habe, wobei gelegentlich sogar Gauguin als der Täter gehandelt wird. Auch darüber sind bereits etliche Aufsätze und einige Bücher geschrieben worden. War es eigentlich das linke oder das rechte Ohr? Man wird vielleicht erwi-dern, das sei relativ, je nach Standpunkt des Betrachters. Mit der „Bedeutung“ eines Menschen oder Werkes verhält es sich ähnlich, nur haben die PrägerInnen des Kanons, wie ich vielleicht schon einmal bemerkte, meist die Kanonen auf ihrer Seite – in Gestalt von Rotationsma-schinen, Lehrstühlen, Fernsehkanälen beispielsweise. Vor diese Kanonen gebunden, wird sich übrigens auch jeder junge Mensch, der als „Senkrechtstarter“ in den zeitgenössischen Literaturbetrieb einzugehen gedenkt, zweimal überlegen, ob er das sogenannte Hauptwerk des belgischen „Klassikers“ Charles de Coster, der 1879 mit 51 Jahren aus mir unbekannten Gründen von uns ging, in die Nähe von Lamme Goedzaks Schmerbauch und Thyl Ulenspiegels Esel rückt.

Essayist Herbert Eulenberg behauptete in einem kleinen, gut gemalten Porträt*, Van Gogh habe vielleicht unter Wahnsinn, nie jedoch an Ruhmessucht gelitten. Als Wanderprediger wie als Maler sei er einfach nur besessen von seinen Eindrücken gewesen. Er mußte sie also mit-teilen – und wäre das Echo noch so gering gewesen. Es war auch gering. Doch was soll man da erst von seinem vier Jahre jüngerer Bruder Theo van Gogh sagen! Er überlebte seinen schaffenswütigen Bruder lediglich um ein halbes Jahr. Der gelernte Kunsthändler, zuletzt Filialleiter einer Brüsseler Kunsthandlung in Paris, hatte Vincents „Verrücktheit“ in Kauf genommen, wenn nicht sogar geachtet und ihn über viele Jahre hinweg in jeder Hinsicht unterstützt – und zwar selbstlos, wenn mich meine Informanten nicht täuschen. Es wäre ein ermutigender Fall von Geschwisterliebe. Vincents Tod traf Theo hart. Aufgrund einer Syphiliserkrankung ohnehin bereits angeschlagen, zudem von seinem Einsatz für den Verstorbenen abgekämpft, erlitt er schon im Oktober 1890 einen Nervenzusammenbruch. Seine Familie ließ ihn in eine Utrechter Heilanstalt bringen, wo er im folgenden Januar im Alter von 33 Jahren starb.

* Ausgewählte Schattenbilder, Ostberlin 1951, S. 223–30


Goldbeck, Eva 34 (1901–36), US-Autorin, mit dem Komponisten Marc Blitzstein verheiratet, dem wir unter anderem die bemerkenswerte Oper Regina (1949) ver-danken. Die jüdischstämmige Kritikerin und Übersetzerin aus New York City hatte den charmanten Komponisten 1928 in einer Künstlerkolonie getroffen. Sie gab ihm in der Folge wesentliche künstlerische Anregungen, kam freilich mit eigenen erzählerischen Arbeiten nie zum Zug. 1933 verheiratete sie sich mit Blitzstein, obwohl oder weil dieser vornehmlich männliche Sexualpartner schätzte. Goldbeck selber war, nach Blitzsteins Biografen Howard Pollack*, anscheinend geradezu undefinierbar gestimmt. Sie starb 1936 bereits mit 34 Jahren in einem Bostoner Kranken-haus. Die zierliche, braunhaarige, ausgesprochen gewissenhafte Schriftstellerin und starke Konsumentin von Kaffee, Zigaretten und Alkohol war seit mindestens 10 Jahren immer erschreckender abgemagert, litt zudem an Brustkrebs. Nach Einschätzung ihres Kollegen und Freundes Lewis Mumford und dessen Freund Henry Murray, bei dem sich Goldbeck 1935 in psychologische Behandlung begeben hatte, stand sie unter einer dicken zweiendigen Knute aus Narzismus und Masochismus, die sie gleichsam in die Selbstzerstörung trieb. Die unerreich-bare Hauptquelle ihrer Enttäuschung und Gespaltenheit sei dabei vermutlich in ihrer Mutter Lina Abarbanell zu sehen. Die US-deutsche Opernsängerin (Sopran), die als Schönheit galt, soll gnadenlos in sich selbst verliebt und die entsprechende Rabenmutter für ihr einziges Kind gewesen sein. Die Tochter habe ihre ignorante Mutter zunehmend gehaßt – und dann in der Folge wohl das Weibliche in sich selber. Zuletzt habe es Goldbeck sehr wahrscheinlich auf einen „suicide from spite“, aus Trotz also angelegt, vermutet Murray. Zweck der Übung: den anderen, die einen nie genug beachtet und geliebt haben, die Schuld in die Schuhe schieben.

Der gewaltsame Tod von Goldbecks Gatten war auch nicht gerade „normal“. Der 58jährige Komponist hatte sich An-fang 1964 zur Erholung auf die Karibik-Insel Martinique begeben. Eines nachts, auf der Suche nach Drinks und anderen Vergnügen, im Hafenviertel der Hauptstadt Fort-de-France unterwegs, wurde er von drei jüngeren einhei-mischen Seeleuten, die er aufgegabelt hatte, beraubt und derart brutal zusammengeschlagen, daß er anderntags im Krankenhaus starb. Die Täter wurden zwar später gefaßt, kamen jedoch mit wenigen Jahren Gefängnis davon. Vier Jahre früher hatte Blitzstein eine sehr erfolgreiche, wie sich zeigte, englische Fassung von Brecht/Weills Dreigroschenoper vorgelegt – die mit dem Zuhälter Mackie Messer.

* Marc Blitzstein. His Life, His Work, His World., New York (USA) 2012, bes. S. 62 ff und 97 ff


Fortsetzung (Golds–Groß)
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