Montag, 1. Februar 2021
Nachhutgefechte II

Abschied von Iberien

Falls Sie es noch nicht wußten: Die Unterlegenen im Spanischen Bürgerkrieg waren (1939) die Franco-Leute. Daraufhin zogen diese es verständlicherweise vor, die Iberische Halbinsel in Scharen zu verlassen, was der anarchistisch geprägten Volksfront nur recht sein konnte. Sie rief sofort die Freie Republik Iberien aus, schaffte das Geld ab, riet den Republikanern, die eigenen und erbeu-teten Schußwaffen gut zu reinigen und einzufetten, und teilte die Halbinsel in rund 70 Tinas auf. Die Tinas, auf deutsch Wanne oder Kübel, waren entfernt den nordamerikanischen Countys vergleichbar. Die Algarve, Südportugal, in der sich schon wenige Monate nach der siegreichen Schlacht am Ebro der aus Paris herbeigeeilte Russe Victor Serge niederließ, war zum Beispiel auch eine Tina. Jede Tina hatte einen von den Grundorganisationen (GOs) gewählten regionalen Rat. Darüber gab es nur noch den Republikrat, der stets, schön zentral gelegen, in der ehemaligen spanischen Hauptstadt Madrid saß. Hier winkt leider schon ein großes Problem (das der Größe), auf das ich noch zurückkommen werde.

Wie man sich denken kann, war der Sieg nur geglückt, weil die Volksfront auf die Unterstützung der Sowjetunion bauen konnte. Diese Unterstützung wiederum fußte auf einer Aktentasche, die AnhängerInnen Nestor Machnos, der kürzlich in Paris gestorben war, gleich am Beginn der Kampfhandlungen der Volksfront zugespielt hatten. Die Aktentasche enthielt Fotografien von verschiedenen Dokumenten, darunter ein Obduktionsbericht und ein Sitzungsprotokoll georgischer Bolschewiken. Diese Unter-lagen bewiesen: die junge Tifliser Schneiderin und Modistin Ketewan Swanidse war im Jahr 1907 mitnichten an Typhus oder Tuberkulose gestorben, wie es später in allen Nachschlagewerken hieß. Vielmehr hatte der nicht minder junge Genosse Stalin, damals vorwiegend Bank-räuber zugunster der Parteikasse, sie vergiftet. Die beiden waren seit gut einem Jahr verheiratet gewesen. Es lag auf der Hand, daß sich Stalin nun, als Staatschef, zähneknir-schend ins Unvermeidliche fügte, als ihn Unterhändler-Innen in das Geheimnis dieser Aktentasche einweihten. Er, der Kapitän des Bollwerks des Kommunismus, mußte der ersten nennenswerten anarchistischen Republik auf Erden unter die Arme greifen und ihr auch in der Nachkriegszeit wohl oder übel die Stange halten. Das bescherte Iberien unter anderem einen eher lästigen Sitz in der UNO und einen Höflichkeitsbesuch des Genossen Walter Ulbricht, Ostberlin.

Sie ahnen es womöglich schon: mit der Auflösung der DDR und des gesamten Ostblocks um 1990 waren die Tage der so hoffnungsfroh stimmenden Freien Republik Iberien gezählt. Den Abschluß entsprechender Wühlarbeit bildet schon 2003 ein „Luftschlag“ der Nato. Damit ist Iberien ins Reich der Westlichen Tauschwertgemeinschaft heimgeholt. Putin läßt es zu. Die in Berlin residierende Schröder-Fischer-Bande hatte mitgewühlt, wie noch zu belegen wäre. Diese Geschichte gedachte ich, beispiels-weise, 2023 aus der Sicht des letzten iberischen Rates für Auswärtiges zu erzählen, der seinen Lebensabend in Abchasien am Schwarzen Meer verbringen darf. Er stammt aus einem Dorf bei Faro, Algarve, just im letzten Bürger-kriegsjahr geboren. Seine Geschichte ist auch ein gramvolles Requiem auf die Katalanin Alba Pedrell, seit 1983 (oberste) Schiedsrätin der Republik. Sie hatte am vorletzten Tag der Republik darauf bestanden, sich anstelle ihres deutlich älteren Genossen aus dem Außen-amt, bei angeblich „freiem Geleit“, zwecks Verhandlungen ins Hauptquartier der von der Nato gesponserten „Rebellen“ zu begeben. Sie wurde gedemütigt und heimtückisch ermordet.

Wenn ich nun von diesem Schreibvorhaben Abstand nehme, hat es mehrere Gründe. Zunächst beschlich mich der Verdacht, ich würde mich dadurch in Wiederholungs-gefahr begeben, und das auch noch völlig nutzlos. Immerhin habe ich in 10 zurückliegenden Jahren drei „utopische“ Erzählungen verfaßt, die just um Freie Republiken kreisen: in Konräteslust, in der Mollowina, auf Pingos. Während mir Konräteslust noch drei Stimmen einbrachte, erzielten die beiden jüngeren Texte null Echo. Das schließt selbst Freunde und Bekannte ein. Man gibt sich Mühe mit hübschen und wahrscheinlich sogar originellen Erfindungen – die Welt scheißt darauf.

Ferner schreckt, ja entmutigt mich, wie bereits angedeutet, das Problem der Größe. Gewiß war die iberische Halbinsel mit rund 30 Millionen bis zum Bürgerkrieg vergleichs-weise dünn besiedelt – allerdings nur von der kapita-listischen, parlamentarischen Warte aus verglichen. Für meine Zwecke sind es zuviel. Zwar fiel durch den Bürgerkrieg Blutzoll von fast einer halben Million an, während es ähnlich viele Leute, siehe oben, ins Ausland trieb. Doch den Platz dieser Toten und Geflohenen nehmen jede Wette Antifaschisten aus zahlreichen europäischen Ländern, ja sogar aus Japan ein, die man auch, für den Aufbau, ohne Zweifel benötigt. Aber ich kann mir nicht helfen, 30 Millionen sind zuviel. Freie Repu-bliken müssen überschaubar bleiben.

Als dickste Brocken hat man sicherlich die Großstädte am Hals. Was soll man mit Lissabon, Sevilla, Madrid, Bacelona und so weiter anstellen, die jeweils mehrere Hunderttausend oder gar über eine Million Bewohner-Innen haben? Auf die Zertrümmerungen durch den Bürgerkrieg zu setzen, wäre nur eine wenig durchgreifende Verlegenheitslösung. Für mich wären schon Städte mit 10.000 EinwohnerInnen viel zu groß. Soll man die über-nommenen Großstädte also eigenhändig zertrümmern, nach dem Sieg? Das wird teuer. Oder soll man sie den Ratten überlassen? Aufschrei der WHO – und die UNESCO schimpft den Republikrat einen Hort der Barbaren, weil er die prachtvollen Schlösser und die prachtvollen Gemälde, die den iberischen Adel zeigen, verkommen lasse. Auch das gehört selbstverständlich zum Problem: die unumgängliche „Einbindung“ in die Strukturen unserer verkommenen spätkapitalistischen Welt. In der Mollowina habe ich es mehr oder weniger elegant umgangen.

Hier bietet sich eine Abschweifung zu Oskar Maria Grafs angeblich utopischem Roman Die Erben des Untergangs an, der mir, in der Zweitfassung von 1959, erst in diesem Winter untergekommen ist.* Behandelt wird die Reorganisation der Menschheit nach einem verheerenden Atomkrieg. Um es gleich zu sagen, dieses Werk des in New York City gelandeten bayerischen Schriftstellers ist rundum mißglückt. Das Thema einmal ausgenommen, fesselt es von der ersten bis zur letzten Seite durch nichts. Die Sprache schwankt zwischen UNO-Protokoll und Schülerzeitungspoesie; das anfängliche Chaos auf der Erde verläßt den Autor nie, denn dazu hätte er einer Richt-schnur bedurft; statt ein paar Hauptfiguren zu profilieren überschwemmt er uns mit einer Personenflut, die mit der Unterscheidung der Leute auch unsere Anteilnahme verhindert; die geografische Lage der Leute und ihrer „Agrostädte“ oder Reiserouten hängt meistens in der Luft – man bekommt einfach kein Bein auf den Boden. Um uns bei der Stange zu halten, durchsetzt er seine langweilende Planlosigkeit mit ein paar Liebesgeschichten und Hinrich-tungsszenen der Marke Groschenroman.

Dies alles hängt ohne Zweifel mit Grafs Globalisierungswut zusammen, wie man heute dazu sagen würde. Er will die Welt retten. Ergo bedarf es vor allem erst einmal einer Weltregierung. Dieser Globalisierungswut entspricht wiederum Grafs typisch nordamerikanische Besiedelungs-meise. Er ist alles andere als ein „Stiller“, wie er die buddhistischen ErdulderInnen nennt; er duldet im Gegenteil kein freies Fleckchen auf Erden und keinen Rückschlag in der Nachwuchserzeugung. Den Alten macht er den Mund nach „Verjüngungskuren“, den Agrostädtern nach künstlich erzeugtem Regen wässrig. Übrigens haben seine „Agrostädte“ angeblich nie mehr als 20.000 EinwohnerInnen, was natürlich auch schon zuviel wäre. Die EinwohnerInnenzahl der in Nordamerika liegenden Welthauptstadt Peacetown nennt er nie, falls ich es nicht übersehen habe, doch aus Indizien wie ein neues 30stöckiges Regierungsgebäude allein für die Plan-Kommission, „breiten Autostraßen“ (Marke Brasilia, nehme ich an) und überhaupt kaum umreitbaren Herden von Bürokraten darf man wohl auf einen kleinen Moloch schließen. Auf Seite 399 teilt Graf befriedigt mit, trotz des Atomkrieges und einer hausgemachten, niedergeschla-genen „Rebellion“ in Asien sei man schon wieder bei 450 Millionen Erdbewohnern angelangt. Angesichts „der inzwischen unendlich reich gewordenen, völlig erschlos-senen Erde“ sei das freilich noch immer viel zu wenig. „So mußte es dem Rat vor allem darum gehen, die furchtbaren Verluste wieder aufzuholen und neue zu vermeiden.“ Jene krasse Dezimierung als Chance zur Verkleinerung menschlicher Verhältnisse zu begreifen, kommt dem stämmigen, eher untersetzten Bayern nie in den Sinn. Das hat er vielleicht Robert Merle überlassen (Malevil, 1972), der in der Tat auch der bessere Schriftsteller ist.

Graf erweist sich als treues Kind des Fortschrittsgedan-kens, der Technikbegeisterung, des Glaubens an Politik. Läßt er den „Hohen Rat“ der Welt sich am Buchende für das Provinzielle und die Abdankung erwärmen, mutet er uns eine völlig unglaubwürdige Läuterung zu, die vom Himmel fällt. Lenin machte uns schon das Gleiche weis: ist der Sozialismus erst einmal aufgebaut, werden die bolschewistischen Strukturen absterben. Vom Sachzwang und vom Geschmack an Machtpositionen hat Graf so wenig Ahnung wie von Politischer Ökonomie und Anarchismus. Seine neue Welt ist staatskapitalistisch eingerichtet und bedient sich all der Instrumente der Entfremdung, die man sattsam kennt: Schule, Geld, Polizei, Justiz, Geheimagenten, Lautsprecher, Verkehr (meist per Luftfahrt) ohne Ende. Und auf diesem schädlichen Krempel hockend, redet er uns unverfroren ein, jetzt sei die Menschheit, im großen und ganzen, endlich glücklich.

Sein Grundfehler ist, wie schon angedeutet, die verbohrte Absicht uns vorzuführen, die Befriedung unseres lückenlos besiedelten oder jedenfalls durchforsteten Planeten sei durchaus möglich. Das gelingt ihm selbstverständlich nicht, und so windet er sich in Krämpfen und Wunsch-denken. Heute, 60 Jahre nach Grafs mißglücktem Wurf, mit kapitalistischen und bürokratischen Monstern und einer Weltbevölkerung von demnächst acht Milliarden gesegnet, ist jene Befriedung so gut wie unvorstellbar. Ich wüßte auch keinen Schriftsteller oder Wissenschaftler, der sich ernsthaft an einer Lösung dieser gewaltigen Aufgabe versuchte. So popeln die Reformisten der Welt an lächerlichen Verbesserungsvorschlägen herum, die es vielleicht, in der Summe, schon irgendwann einmal richten werden. Das Eingeständnis, das Projekt Menschheit sei gescheitert, fürchten sie ähnlich krankhaft wie Impotenz oder Gebärmutterkrebs. Nur Corona finden sie schlimmer.

Ich erwähne abschließend noch einen dritten Grund, mein Projekt Iberien zu verwerfen: dummerweise habe ich leider ausgerechnet von Spanien und Portugal wenig Ahnung. Selbst von Rafael Chirbes habe ich bislang keine Zeile gelesen. Da war ich nie. Ich müßte mich also unter beträchtlichem Aufwand in alle wichtigen Eigenarten der Iberischen Halbinsel und ihrer BewohnerInnen einar-beiten – und das bei der guten Aussicht, auch weiterhin ignoriert zu werden. Übrigens müßte ich vor allem ganz schnöde Dinge wissen: Wetter, Hausbau- und Heiz-material, Eßgewohnheiten, Laster, Flüche und dergleichen mehr. Mein Wissen über „den“ Spaniern (beiderlei Geschlechts) beschränkt sich im Augenblick auf folgendes: Er spricht mit Händen und Füßen und immer schnell; er heiligt die Siesta; er ist gesellig; er schätzt die Folterung von Stieren; leider liebt er auch den Lärm; dafür übt er viel Nachsicht mit Kindern.

Das letzte wäre für meine Zwecke natürlich sehr brauchbar gewesen. Es vergeht kaum ein Tag, wo ich beim Einkaufen oder Spazierengehen nicht die Fäuste in den Taschen balle, weil irgendein Erwachsener seinen kleinen Sprößling gängelt. Das verhält sich „natürlich“ schon immer so. Aber neuerdings zischt er auch noch: „Hörst du jetzt endlich auf, an deiner Gesichtsmaske herum zu fummeln!“ Wenn ich wüßte, wie ich die in Erfurt, München, Berlin residie-renden obersten KinderquälerInnen wirksam beleidigen könnte, ich würde es tun. Aber an denen prallt alles ab.

* hier als dtv-Ausgabe München 1994
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