Samstag, 23. Januar 2021
LdF Folge Fries–Geh

Friesen, Friedrich 29 (1784–1814), Turn- u. Vater-landsfreund. Wir dürften in Deutschland ähnlich viele Friesen- wie Jahnstraßen haben, wahlweise Sportstätten oder Schulen. Berlin weist sogar im Namen von Friesen hauende oder stechende Karate-KämpferInnen auf, Stilrichtung Shotokan. Der Sohn eines Magdeburger Feldwebels und Buchhalters geriet zunächst an die Berliner Bauakademie, warf sich aber bald, von Kants und Fichtes Schriften beflügelt, auf Philosophie und Pädagogik und unterrichtete ab 1808 an der Plamannschen Erzie-hungsanstalt, einem Knabeninternat in Berlin, das Pesta-lozzis Grundsätzen verpflichtet war. Dabei erwärmte er sich, im Fahrwasser des Salzmann-Pädagogen Johann Christoph Friedrich GutsMuths und dessen Schüler Friedrich Ludwig Jahn, besonders für die Turnkunst, wie man damals dazu sagte. Der Name ist allerdings etwas irreführend, weil es bei dieser Veranstaltung, die auch Dauerläufe, Schwimmen, Reiten, Fechten und Schieß-übungen einschloß, mindestens zur Hälfte nicht um Kunst oder Gymnastik, vielmehr um Wehrertüchtigung ging.

Ein aktuelles Anwendungsgebiet gab es auch: praktisch halb Deutschland, das 1806 von Napoleons Truppen besetzt worden war. In den später so genannten „Befrei-ungskriegen“ sollte der General und Kaiser wieder zum Teufel oder in die Arme seiner Pariser Mätresse gejagt werden. Friesen war daran führend beteiligt. 1810 gründete er mit Jahn, Harnisch und anderen den Deutschen Bund, einen Geheimbund, der sowohl die Vertreibung der Franzosen wie eine „sittliche Erneuerung“ des „Vaterlandes“ anstrebte. In diesem Rahmen verfaßte er zusammen mit Jahn auch die Denkschrift Ordnung und Einrichtung der deutschen Burschenschaften, die das Burschenschaftswesen oder -unwesen entscheidend beförderte. Bis 1813, als Preußen Frankreich den Krieg erklärte, hatte Friesen gemeinsam mit Adolf Freiherr von Lützow an einer Freischar gebaut, die er nun als Offizier und Adjutant Lützows mitbefehligte. Nachdem bei Gadebusch, Mecklenburg, Mitstreiter Theodor >Körner gestorben war, angeblich sogar in Friesens Armen, kam dieser selber ein Jahr darauf in den Ardennen an die Reihe. Nach Norbert Heise von der Magdeburger Universität (2004) hatte der 29jährige Turnlehrer aus Berlin den Anschluß an seine Schwadron verloren, geriet Mitte März bei Rethel in einen Hinterhalt und wurde nach Gefangennahme durch zwei einheimische Bauern von einem französischen Nationalgardisten im Handgemenge getötet. Die deutsche Wikipedia spricht von „erschlagen“. Am genausten wußte es 1864 die beliebte Leipziger Familienzeitschrift Die Gartenlaube: „Von wälscher Tücke fiel er durch Meuchelschuß in den Ardennen. Ihn hätte auch im Kampfe keines Sterblichen Klinge gefällt.“


Fris, Maria 28 (1932–61), Hamburger Ballettänzerin. Hier sind die Quellen durchaus angemessen so mager wie meist die Balletteusen. Fris war zuletzt Primaballerina an der Hamburgischen Staatsoper und 28 Jahre alt. Spiegel 24/1961: „Sie stürzte sich vom Schnürboden des Opernhauses achtzehn Meter tief auf die Bühne. Nach einer Sehnenzerrung an beiden Fußgelenken hatte sie längere Zeit pausieren müssen.“ Eine andere dürre Quelle behauptet, der Sturz habe bei einer Probe zu Romeo und Julia stattgefunden. Vermutlich ist das bekannte Ballett von Sergei Prokofjew gemeint. In dieser Inszenierung hätte eine gesunde Fris selbstverständlich die Julia gegeben. Nun stelle man sich vor, sie fällt der Ersatzfrau genau vor die Füße oder gar auf den Kopf! Solche Details sind freilich so wenig zu erfahren wie Angaben zu denkbaren weiteren Sorgen der Tänzerin, die nicht nur ihren Knöcheln und ihrer Karriere erwuchsen. Aber kannte sie überhaupt etwas anderes als ihre Knöchel und ihre Karriere? Eine dritte dürre Quelle behauptet, die auch durch Fernsehshows berühmte Bühnenkünstlerin sei bereits „als Baby an der Seite ihrer Mutter“ in verschiedenen Filmen zu sehen gewesen.* Ob sie dann auch mit dem Jungmädelbund** durch die Wiesen hüpfte? Man kann schlecht nachfor-schen, weil „Filmreporter“ Thiele den Namen der Mutter nicht verrät.

* Heiko Thiele auf Filmreporter.de, 9. Dezember 2017
** Teil der Hitlerjugend, für Mädchen von 10 bis 14



Frisch, Lore 37 (1925–62). Als sich die erfolgreiche DEFA-Schauspielerin, ein Jahr nach Fris, in Potsdam umbrachte, war sie „schon“ 37. Sie hatte vor allem selbstbewußte, kämpferische Frauen verkörpert. So spielte sie etwa im DDR-Kassenschlager Der Ochse von Kulm aus dem Jahr 1955 die Frau eines bayerischen Bauern, der sich gegen die US-Besatzer auflehnt. In dem 1961 gedrehten satirischen Streifen Das Kleid, der erst nach der „Wende“ veröffentlicht wurde, soll sie eine staatstragende Beklei-dungsministerin gegeben haben. Über ihre privaten Verhältnisse, gar die Motive oder Anlässe ihres Selbst-mordes, habe ich nichts gefunden. Wer das wissen wollte, dürfte nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen suchen.

Frischs Westberliner Kollege Klaus Kammer (1929–64) starb zwei Jahre später, „unter nie ganz geklärten Umständen“, mit 35.* Er hatte vor allem auf der Bühne bedeutende Rollen gespielt. Sein „Affe“ in Willi Schmidts Ein-Personen-Kafka-Stück Ein Bericht für eine Akademie nahm Starkritiker Friedrich Luft 1962 schier den Atem. Seine Persönlichkeit? Zeit-Autor „Jac“ murmelt (am 15. Mai 1964) etwas von einem zerrissenem, ja dämonischem Menschen. Den Umständen des Todes widmet er kein Komma. Wurde Kammer überfallen? Starb er im Krankenhaus oder in Kafkas Schloß? Rolf Badenhausen (NDB 11, 1977) verschweigt sogar Kammers Garage. Dieser Lexikograf zieht die peinlich unklare Formulierung vor: „doch starb er während der Proben“ ... In Wahrheit starb der Schauspieler während in der Garage seines Hauses in Berlin-Lichterfelde, so jedenfalls der Spiegel (21/1964), der Motor seines Wagens lief – durch Abgase also.

* Buchhändlerkeller Berlin-Charlottenburg 2014


Fröhlich, Friedrich Theodor 33 (1803–36), schweizer Komponist. Wenn er sich 1833, für ein Gesangs-Quartett, der bekannten Eichendorff-Verse Wem Gott will rechte Gunst erweisen annahm, versuchte er womöglich den fehlgeschlagenen Zweckoptimismus seines Nachnamens zu übertrumpfen. Drei Jahre darauf, im kühlen Oktober, sah man „den hoffnungsvollsten Träger einer Schweize-rischen Romantik“, wie einige Kollegen urteilten, in den Fluten der Aare versinken. Er hatte sich ertränkt. Bis dahin konnte er sich in der Kleinstadt Aarau als Teilzeitlehrer an der Alten Kantonsschule, Leiter von Chören und einem Liebhaberorchester sowie mit privatem Einzelunterricht wohl nur mühsam über Wasser halten. Ursprünglich auf Wunsch oder Befehl der lieben Eltern Jurastudent, hatte der Sohn eines Baseler Lehrers und Stadtrats eine musikalische Ausbildung durchgesetzt – bei Friedrich Zelter, Bernhard Klein und Ludwig Berger in Berlin, wo er auch Felix Mendelssohn-Bartholdy, daneben seine eigene spätere Ehefrau kennenlernte, Ida von Klitzing.* Aber Fröhlichs Werke wurden kaum verlegt oder gar aufgeführt. Sie sollen durchaus reizvoll gewesen sein, wenn auch streckenweise zu formelhaft und mit Satzfehlern gespickt. Hinzu kamen Schwierigkeiten in der Ehe, die üblichen Schulden und die üblichen Depressionen. Diese waren wohl auch von Fröhlichs Befürchtung genährt worden, Leuten wie Mendelssohn-Bartholdy oder den maßgeb-lichen Kunstpäpsten mit ihren Weihrauchgefäßen nie das Wasser reichen zu können. Oder auch eher umgekehrt: sich nicht deutlich genug von ihnen absetzen zu können. Laut Pierre Sarbach (2018) liegen inzwischen einige CDs mit Kompositionen Fröhlichs vor. Ob er sich zurecht verkannt fühlte, scheint aber noch umstritten zu sein. Als er damals zum letzten Male in seinem Leben zur Aare hinunterging, soll er seine Vertonung des Hölderlin-Gedichts Rückkehr in die Heimat gesummt haben. „Und wenn im heißen Busen dem Jünglinge / Die eigenmäch-tigen Wünsche besänftiget / Und stille vor dem Schicksal sind, dann / Gibt der Geläuterte dir sich lieber.“

* Titus J. Meier, „Der Unbekannte, dessen Musik dem damaligen Zeit-geist voraus war“, Aargauer Zeitung, 12. Oktober 2016


Gabl, Gertrud 27 (1948–76), Skirennläuferin. 1972, als eine schlechte Saison hinter ihr lag, hängte die mehrmalige Weltcupsiegerin aus Österreich verärgert ihre Skistöcke an den Nagel und trat schon mit 23 Jahren von ihrem Profisport zurück. Aber sie hatte sich zu früh geärgert. Gemeinsam mit Alfons Büttner (40), einem Münchener Kaufmann, den sie bald nach ihrem Rücktritt geheiratet hatte, und dem Skilehrer Josef F. war die inzwischen 27jährige am Sonntag den 18. Januar 1976 um Mittag in ihrer engsten Heimat, nämlich am Arlberg bei St. Anton, Tirol, erneut auf Skiern unterwegs. Bei einer Abfahrt im Tiefschnee, außerhalb der Pisten, löste sich eine Lawine, die Gabl mitriß und verschüttete. Die beiden Männer konnten sich halbwegs über Schnee halten, kamen aber an die Verschüttete nicht heran. Skilehrer F., vorausgefahren, war sogar noch rechtzeitig „aus dem Lawinenstrich“ abgebogen, nachdem er in seinem Rücken den „Abbruch“ der Schneelast gehört hatte. Vermutlich bekam er später noch manches Donnerwetter zu hören. Da die Lawine selbst von St. Anton aus beobachtet worden war, wie anderntags die Presse berichtete, brachten drei Hubschrauber umgehend ein Rudel aus Rettungskräften, Gendarmen, Ärzten einschließlich sechs Lawinenhunden zum Unglücksort.* Wer das bezahlte, bleibt unerwähnt. Nach drei Stunden war Gabl ausgebuddelt – erstickt. Neben ihren nur leicht verletzten Begleitern ließ sie eine kleine Tochter zurück, Barbara.

* „Weltcupsiegerin Gertrud Gabl von Lawine verschüttet“, Volkszei-tung (Klagenfurt), 19. Januar 1976, S. 6


Gadiel, James 23 († 2001), Mordopfer in New York City. Der Finanzexperte fiel demselben Schwerverbrechen zum Opfer wie zwei US-Eishockey-Spieler, die ich neulich erwähnte. Darf man verschiedenen einheimischen Bloggern trauen, hatte der hochgewachsene, dunkelhaarige junge Mann aus dem Städtchen Kent, Connecticut, Sinn für Humor und eine feste Freundin. Vor allem aber hatte er einen „dream job“ ergattert, nämlich in NYC bei Cantor Fitzgerald, dem „global financial services powerhouse“, wo er ohne Zweifel „a very successful career“ vor sich hatte. Sie wurde am 11. September 2001 brutal unterbunden, residierte das „powerhouse“ doch im 23. Stock des Nordturms des World Trade Centers.

James Gadiel zählte also zu den rund 2.700 Todesopfern der berüchtigten Anschläge. Einer, der offenbar von Anfang an wußte, auf wessen Konto dieser Massenmord ging, war der Immobilieninvestor im Ruhestand Peter Gadiel, James‘ Vater. Gadiel war mit den Oberhäuptern Kents darin einig geworden, den getöteten Sohn der 3.000-Seelen-Stadt durch eine Tafel am Rathaus zu ehren, hatte jedoch einen jahrelangen, sogar überregionale Wogen schlagenden Streit über den Wortlaut der Gedenkbotschaft durchzustehen. Zeitweise drohte selbst Fox-News-Moderator Bill O‘Reilly an, einen Reisebus zu chartern, um Gadiels Version mit vereinten Kräften ans Rathaus zu bringen. Gadiel wünschte eigens den Hinweis „murdered by Muslim Extremists“ unter den Namen seines Sohnes zu setzen. Andere fanden das überzogen; es gefährde das tolerante religiöse Miteinander im Städtchen. Jetzt, seit 2014*, werden auf dem endlich enthüllten Gedenkstein (des Kompromisses) „Islamist Extremists“ gebrandmarkt, die James Gadiel und all die anderen teils nur „töteten“, teils aber auch ermordeten. Es lebe der Kentburgerstreich.

Leider sind die 9/11-Schurken, die Peter Gadiel so gut zu kennen glaubt, bis zur Stunde noch nicht enttarnt. Nebenbei soll Gadiel Anfang 2013 in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Vereinigung 9/11 Families For a Secure America erklärt haben, er besitze nach wie vor nicht die geringsten Überreste seines Sohnes und wisse auch sonst nichts von dessen letzten Lebensstunden; streng genommen muß James Gadiel somit als vermißt gelten, nicht als tot. Hier winkt ein Phänomen, das dem Vater und Vorsitzenden eigentlich zu denken geben sollte: Bis 2017 waren erst 60 Prozent der Todesopfer identifiziert; von über 1.000 Leichen fehlt bis heute jede Spur, wie sogar die Welt einräumt.** Selbst von den identifizierten waren oft nur winzige Partikel vorhanden. Schon dieser eine Gesichtspunkt des Anschlages macht die offizielle Version, die Türme seien durch Rammung und/oder Brand eingestürzt, sehr unwahrscheinlich. 2019 erhielten die „SkeptikerInnen“ gewichtige Schützenhilfe von Fachleuten der Universität Alaska Fairbanks (UAF). Diese hätten in einer dicken Studie*** nachgewiesen, die offizielle Version, auch der dritte Turm, das nie von einem Flugzeug berührte WTC 7, sei durch Feuer eingestürzt, sei unhaltbar. Ihre Studie lasse vielmehr nur den Schluß zu, der Wolken-kratzer wurde gesprengt. Davon vernahm man natürlich in den Mainstream-Medien kein Wort – und jetzt brausen sie nur noch Corona.

Ein gewisser Hermann Göring hatte dereinst allen Reprä-sentanten des Guten geraten****, rechtzeitig für Böse-wichter zu sorgen, die das Gute anzugreifen trachteten. Unter solcher Drohung lasse sich jedes Volk, ob es nun Stimmrecht besitze oder nicht, problemlos auf den Kurs seiner FührerInnen einschwören. „Diese Methode funktioniert in jedem Land.“ Aber in den 1990er Jahren drohte den Repräsentanten des Guten eine empfindliche Lücke, weil mit „der Mauer“ das damals so verläßliche und nützliche Reich des Bösen gefallen war. Also mußte, nach dem (angeblichen) Kommunismus, ein neues Feindbild her. Es ist heute als „Terrorismus“ und „Islamismus“ nur gar zu gut bekannt. Der 2012 gestorbene Autor Robert Kurz, wahrscheinlich ein Opfer sogenannter ärztlicher Kunstfehler bei einer Nieren-Operation, hatte bereits 1994 (in seinem Aufsatz Realisten und Fundamentalisten) den Verdacht, an diesem neuen Feindbild werde seitens westlicher Militärs und Geheimdienste schon seit einigen Jahren eifrig gezimmert. Wahrscheinlich verhält es sich hier wie mit den durch Drogen aufgeputschten Amok-läufern oder den mit Dynamitstäben gespickten Freiheits-kämpfern: Treten sie nicht naturwüchsig auf, muß man sie züchten, weil sie gar zu viele Vorteile bieten. Unter anderem bündeln sie den Haß an der richtigen falschen Stelle. Gegen diese Vorteile kommt der angebliche „eman-zipatorische Ansatz“ des Feindbildes, falls vorhanden, nie und nimmer an. Kurz dürfte der Ansicht gewesen sein, der Ansatz sei schon beim „Kommunismus“ bestenfalls als Blinddarm vorhanden gewesen. Inzwischen hat sich das ganze Problem jedoch stark vereinfacht, weil der neue die Welt bedrohende Terrorist das Corona-Virus ist. An dem ist nun kein Schimmer Gutes mehr. Umso erbitterter muß man impfen.

* Susan Tuz, „Kent man to be remembered with 9/11 memorial“, NewsTimes (Danbury, Connecticut), 10. September 2014
** Michael Remke, „Terror-Opfer 16 Jahre nach 9/11 identifiziert“,
9. August 2017
*** „Hulsey-Studie“, 3. September 2019
**** Laut dem Psychologen und Dolmetscher Gustave M. Gilbert, Nürnberger Tagebuch, ursprünglich NYC 1947, zitiert in der Zeit 32/1986 nach der Fischer-TB-Ausgabe von 1985, S. 453



Gaetano, Rino 30 (1950–81), italienischer Lieder-macher, Autounfall. Die Klippen, die seine Lieder in harmonischer und melodischer Hinsicht vermissen ließen, versteckte er in ihren vorgeblich „leichten“ Texten, die dadurch ironische, zuweilen sogar bittere Züge bekamen. Als Ironie, nämlich auf seine nette schlacksige Erschei-nung, konnte man auch die kehlige Ochsentreiberstimme des jungen Mannes aus Kalabrien auffassen, mit der er seine Lieder vortrug. Möglicherweise verleitete sie Tom Waits, der inzwischen schon erheblich älter als sein italienischer Kollege ist, zum Irrglauben, auch er selber, der Krächzer aus Kalifornien, habe das Zeug zu einer großen Bühnenkarriere.

Neben den Beatgruppen und Sängern wie Adriano Celentano und Bob Dylan schätzte Gaetano Beckett, Ionesco, Majakowski und spielte auch selber in Stücken von diesen mit. Er machte sich in Rom, wo er zur Schule gegangen war, einen Namen als Kabarettist und „Entertainer“ und schaffte es bald nach seinem aus dem Alltagsleben gegriffenen Hit Ma il cielo è sempre più blu (Aber der Himmel wird immer blauer) von 1975 auch ins Fernsehen. Der Unterhaltungskünstler Gaetano nahm biedere Familienväter und glühende Anarchisten gleichermaßen für sich ein. Nach dem Schunkel-Preislied Aida (1977) legte er mit Nuntereggae più (1978) eine Satire auf die korrupte Elite seines Landes vor. Mit Gianna (wohl über Liebe und Ernüchterung) belegte er im selben Jahr den dritten Platz auf dem züchtigen San-Remo-Festival, auf dem damit erstmals das Wort „Sex“ gefallen war.

Als er drei Jahre darauf in Rom verunglückte, saß der 30jährige Sänger und Komponist allein in seinem neuen silberfarbigen Volvo 343. Möglicherweise oder sogar wahrscheinlich durch Übermüdung, vielleicht auch durch einen Schwächeanfall (Autopsie) aus der Spur gekommen, prallte Gaetano in den frühen Morgenstunden des 2. Juni 1981 gegen einen Kleinbus oder Lastwagen, fiel ins Koma und starb noch am selben Tag. Der „gegnerische“ Fahrer blieb offenbar am Leben, führen doch einige Quellen, darunter die italienische Wikipedia, Aussagen von ihm an. Von Verdachtsmomenten oder gar Anklagen gegen ihn ist nichts zu lesen – dafür umso mehr* von den üblichen Orakeln, der zugleich aufmüpfige wie erfolgreiche Künstler sei Opfer eines Anschlages geworden.

* „Der Tod eines ‚Helden‘“, Wiener Zeitung, 17. Juli 2013


Gagarin, Juri 34 (1934–68), berühmter SU-Kosmonaut. Der 1,57 Meter große und 34 Jahre alte Oberst der Luftwaffe und „Held der Sowjetunion“ stürzte am 27. März 1968 bei einem Testflug in einem Waldgebiet bei Wladimir, Zentralrußland, mit einer MiG-15 ab. Auch sein Co-Pilot Wladimir Serjogin (Jahrgang 1922) kam dabei um, was oft vernachlässigt wird; schließlich hatte nicht Serjogin am 12. April 1961 als erster Mensch in einem Weltraumschiff die Erde umrundet. Kosmonaut Gagarin soll als Flieger unerfahren gewesen sein. Der Absturz sei jedoch, schreibt Boris Reitschuster*, vor allem aufs Konto verschiedener Fahrlässigkeiten der Luftwaffe gegangen. Wie sich versteht, vermied es das Politbüro, diese Dinge an die große Glocke zu hängen. Gagarin sollte ein Held und die SU ein Überstaat bleiben. Um 2011 gelang es Gagarins Familie leicht verspätet, dem Umstand Rechnung zu tragen, daß sich der russische Wind inzwischen auf Kapitalismus gedreht hatte. Sie ließ sich nun die Rechte am Namen des „Helden der Sowjetunion“ sichern. Experten, so Reitschuster, schätzten den Wert der Handelsmarke Juri Gagarin auf rund 25 Millionen Euro.

Wollte ich Gagarin leibhaftig Achtung erweisen, nicht nur schreibend, brauchte ich lediglich mit der Eisenbahn in meine Landeshauptstadt zu reisen. Ich bin aber nicht sicher, ob das zur Stunde noch erlaubt wäre. Merkels und Ramelows Verordnungen überschlagen sich ja derzeit, man kommt kaum noch mit. Die genannte Strecke beträgt immerhin fast 40 Kilometer, vielleicht wäre das selbst gut maskiert schon zu viel. Gestern wollte ich die einzige hiesige Buchhandlung betreten – verboten. Ich darf nur noch von der verschneiten Vortreppe aus Bestellungen durch den Türspalt rufen. Sie haben Angst, ich stecke die Lagerbestände an. Selbst bezahlen darf ich noch durch den Türspalt – mit jenem Bargeld, das sie doch eigentlich abschaffen wollen, weil es so unhygienisch ist. Man wird schon von ziemlich merkwürdigen Zweibeinern regiert. Vielleicht haben unsere PolitikerInnen durchweg an üblen Jugenderlebnissen Marke Phineas Gage zu tragen.

* Boris Reitschuster, „Absturz einer Ikone“, Focus, 15. November 2013 ? (eher 12. April 2011)


Gage, Phineas 36 (1823–60), US-Gleisbauarbeiter, dem ein schnödes Stopfeisen „das vielleicht berühmteste Trauma der Medizingeschichte“ einbrachte.* Die Sache trug sich im September des Jahres 1848 zu, als Gage erst 25 war. In der Nähe von Cavendish, Vermont, beim Gleisbau für die Rutland and Burlington Railroad eingesetzt, hatte er Bohrlöcher im Fels mit Schießpulver und anschließend mit Sand zu füllen. Dazu wurde jenes „Stopfeisen“ benutzt: ein rund ein Meter langer Metallstab von drei Zentimeter Durchmesser und 6 Kilogramm Gewicht. Als Gage den Stab am Unglückstag versehentlich in ein Loch stieß, in dem der Sand noch fehlte, schlug der Stab Funken und wurde durch die Explosion des Schießpulvers raketenähnlich fortgeschleudert. Da war freilich Gages Schädel im Weg. Der Stab durchbohrte diesen vom linken Auge her in steiler schräger Bahn und flog noch dem Wiederaustritt noch 20 Meter weiter.

Obwohl der junge Gleisarbeiter durch die Attacke ungefähr „eine halbe Teetasse voll“ an Gehirnmasse verloren hatte, büßte er erstaunlicherweise weder sein Leben noch auch nur sein Bewußtsein ein. Man schaffte ihn in den nächsten Gasthof und alarmierte die Ärzte, die Gage sogar mit Humor begrüßt haben soll. Das wildgewordene Stopfeisen hatte ihm zunächst „nur“ das linke Augenlicht geraubt. Der Wundkanal heilte mit der Zeit. Nach verschiedenen Zurschaustellungen des sensationellen Pechvogels (und seines Stopfeisens) soll Gage sogar wieder auf herkömm-liche Weise erwerbstätig gewesen sein, dieses Mal als Postkutscher in Chile. Allerdings war eine unvorteilhafte Veränderung von Gages Persönlichkeit zu beklagen: er sei „ungeduldig, leicht erregbar, vulgär“ geworden. Das habe sich allmählich wieder gemildert, vielleicht wegen seiner „Integration“ ins gesellschaftliche Leben. Doch dafür suchten ihn zuletzt epileptische Anfälle heim, die sich rasch verstärkten. Daran starb er knapp 12 Jahre nach dem makaberen Unfall, wahrscheinlich knapp 37 Jahre alt, in San Francisco, Kalifornien, wo ihn seine Mutter aufgenommen hatte. Anschließend machten sich die Forscher über sein Hirn her. Wie sich versteht, war jene halbe Teetasse voll, die er verloren hatte, in den nächsten Jahrzehnten für die Ausfüllung zahlreicher Zeitschriften- und Buchseiten gut.

* Ronald D. Gerste, „Das Bildnis des Phineas Gage“, Neue Zürcher Zeitung, 9. September 2009


Gähler, Markus 31 (1966–97), schweizer Skispringer, stirbt als Feuerwehrmann. Möglicherweise hatte er dem Flieger Gagarin zumindest im uniformierten Nebenberuf einen sinnvollen Mut voraus. Im Mai 1997, rund fünf Jahre nach seinem Rücktritt als aktiver Halsbrecher-Sportler und inzwischen 31, wurde Gähler bei einem Wohnhaus-brand in Walzenhausen (AR) als eingesetzter Feuerwehr-mann von einer einstürzenden Zimmerdecke begraben. Laut Rolf Niederer, Lutzenberg*, hatte der gelernte Schreiner Gähler „bereits als Kindergärtler einen in den Feuerweiher im Weiler Haufen gefallenen Kameraden vor dem Ertrinken“ gerettet.

* „Markus Gähler, Lutzenberg 1966–1997“, Appenzellische Jahr-bücher, Band 125 (1997)


Gaidzik, Georg 32 (1921–53), DDR-Vopo, gefallen im Dienst. Am 17. Juni 1953 sind die drei DDR-Beamten (von der Volkspolizei und vom MfS) Georg Gaidzik, Gerhard Händler und Johann Waldbach zum Wachdienst in der Magdeburger Haftanstalt Sudenburg eingeteilt. An diesem Tag war, wie fast jeder weiß, in verschiedenen Städten der DDR, je nach Standpunkt, ein „Arbeiteraufstand ausgebrochen“ oder aber vom Grenzzaun gebrochen worden. Was Magdeburg angeht, versuchte eine Gruppe von Aufständischen zwecks Gefangenenbefreiung das genannte Zuchthaus zu stürmen. Diese Leute besaßen ein paar Schußwaffen, die sie der Vopo entwunden hatten. Bei ihrem Angriff auf die Wachhabenden kamen die drei Beamten um. Sie waren 24, 32 und 33 Jahre alt. Wer im einzelnen schoß, ist teils umstritten, teils unbekannt. Verluste auf Seiten der ErstürmerInnen gab es nicht. Sie zerstreuten sich, als ein sowjetischer Panzer aufzog.

Im ganzen sollen die damaligen Unruhen 50 bis 70 Todesopfer gefordert haben. Es ist natürlich anzunehmen, daß sich unter den „Aufständischen“ etliche Provokateure befanden. Wer sandte sie aus? Für die Linke besteht meist kein Zweifel: die AuftraggeberInnen konnten nur CDU, CIA, RIAS Berlin heißen – ein Rundfunksender, der die Unruhen kräftig schürte. Folgt man dagegen dem 2009 veröffentlichen Buch Deutsche Daten des aus der DDR stammenden Schriftstellers Friedrich Dieckmann, wurde der Aufstand von denen angezettelt, gegen den er sich richtete: Ulbricht und Semjonow. „Hochkommissar“ Wladimir Semjonow vertrat damals die UdSSR und deren Armee. Sie alle hatten sich im ostdeutschen Volk unbeliebt gemacht, durch krasse Normerhöhungen und Besatzer-Innengebaren etwa, hätten jedoch, so Dieckmann, durch Zugeständnisse keine Schonung mehr erlangt. Also mußte, wie üblich, ein massiver „feindlicher“ Angriff von außen her („westliche Provokateure!“), damit die Mannen um Ulbricht und Semjonow als Erretter der Nation auftreten konnten.

Den Hintergrund dieser Taktik gab für Dieckmann ein Kampf zweier Linien in der Sowjetunion ab, der die ge-samte europäische Friedensordnung betraf. Eine Fraktion um den Geheimdienstchef Lawrenti Berija habe, mit Einvernehmen Winston Churchills, auf die Beendigung sowohl des (kostspieligen) „Kalten Kriegs“ wie der deutschen Teilung, somit auf die Preisgabe der (kostspie-ligen) DDR gesetzt. Das war jedoch gar nicht nach dem Geschmack des Parteisekretärs Chruschtschow und der Roten Armee. Also konnte auch ihnen eine Gelegenheit, die Unverzichtbarkeit sowjetischer Präsenz in Ost-deutschland zu demonstrieren, nur willkommen sein. Der kräftig geförderte Aufstand wurde niedergeschlagen; Ulbricht saß wieder fest im Sattel; Berija wurde verhaftet und im Dezember 1953 erschossen; Adenauer (der „deutsche Einheit“ immer nur als Lippenbekenntnis gekannt hatte) gewann die westdeutschen Wahlen im September 1953 haushoch – die deutsche Teilung war zementiert.

Nebenbei eröffnet Dieckmann, sonst ein guter Stilist, seine Aufsatz-Sammlung mit einem langatmigen Essay über den idealen deutschen Nationalfeiertag, der zu allem Unglück (der Essay) ähnlich fruchtlos geraten ist, wie ich Kohls ostdeutsche „blühende Landschaften“ aus eigener Anschauung kenne. Zur Krönung verkündet Dieckmann in diesem Essay kategorisch, ohne uns auch nur ein Komma einer Begründung zu gönnen: „Wieder andere werden einen Staats-, einen Nationalfeiertag schlechthin für überflüssig erachten. Wer das tut, erkennt mittelbar Staat und Nation für entbehrlich, was keine realistische Position ist; wir brauchen beide so dringlich wie Kooperation und Verflechtung in kontinentalen und globalen Bezügen.“ Statt sich die Mühe dieses schlechthin überflüssigen Essays zu machen, hätte er genauso gut erklären können, ein Gestirn ohne Steueroasen sei undenkbar.

Ich will noch einen Blick auf die bald darauf (1961) errichtete Mauer werfen. Eins sollte klar sein: Hat es eine angebliche Volksrepublik nötig, ihre Bevölkerung gewalt-sam am Verlassen des Landes zu hindern, weil sich diese Bevölkerung weder aufgrund der republikanischen Zustände noch aufgrund der Argumentation der republi-kanischen Regierung mit dem Dableiben anfreunden kann, sollte diese „Volksrepublik“ ihren Laden lieber aus freien Stücken schließen, ehe sie zurecht in Verruf gerät. Von daher gibt es an den Todesopfern des DDR-Grenzregimes, möglicherweise über 1.000, nichts zu beschönigen.

Allerdings stelle ich es mir auch nicht angenehm vor, statt in der DDR in einer verschlossenen dunklen Transport-kiste zu ersticken. So erging es dem kleinen Holger H.. Dessen Vater, früher schon bei einem Fluchtversuch über die Ostsee gescheitert, schlug nun den Weg über den Kontrollpunkt Dreilinden nach Westberlin vor. Ein Westberliner Bekannter mit Lastwagen stellte sich, im Januar 1973, als Fahrer der Fuhre zur Verfügung. Der Vater kam in eine, die Mutter mit dem 15 Monate alten Holger in eine andere Kiste. Man hatte die Kontrollen schon fast durchstanden, als Holger zu brüllen anhob. Da es der Mutter nicht gleich gelang, ihn zu beruhigen, hielt sie ihm kurzerhand den Mund zu. Dummerweise litt ihr Holger zu dieser Zeit an einer Mittelohrentzündung und einer Bronchitis zugleich, sodaß er nicht durch die Nase atmen konnte. Der Lastwagen erreichte glücklich Westberliner Gebiet – aber mit dem erstickten Holger als Leiche.

Unerschrocken betrachtet, hätte man freilich auch den vielen westlichen Demokraten das Maul zuhalten müssen, die sich über das grausame DDR-Grenzregime ereiferten, während sie mit ihrem Hintern krampfhaft den Deckel des bodenlosen Fasses drückten, in dem die niedergemähten PrärieindianerInnen, die ausgepeitschten Kongo-Neger, die totgeschlagenen Chinesen des britischen Empires, die Verbrannten aus Hiroshima, die abermillionen Toten diverser Algerien- und Vietnamkriege, die Opfer bundesdeutscher Polizeipistolen und so weiter ächzten. Allein an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, die mit Zäunen, Mauern, US-Nationalgardisten und Abschiebegefängnissen gespickt ist, kommen jährlich, seit Jahrzehnten, zwischen 250 und 500 Menschen um. Hat sich da jemand entrüstet? Auf diese obszöne Doppelmoral weist Gert von Paczensky in seinem wichtigen Buch Weiße Herrschaft unentwegt hin. Man hätte unseren Faß-drückern ins Gesicht sagen müssen, sie seien „herzlose Mörder, Plünderer und Verschwörer, wie sie die Welt ihresgleichen noch nicht gesehen“ habe. So Hartley Shawcross, britischer Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen – auf die bösen Nazis gemünzt. Sollte das geflügelte Wort „Haltet den Dieb!“ im Englischen keine Entsprechung haben? Von Paczensky knöpft sich auch wiederholt* die unzulässige „Vereinzigartigung“ der faschistischen Verbrechen vor. Sie hat genau die angedeudete Funktion. Das wird ausführlicher in meinem Ziegenberg-Artikel „VerbrecherInnen“ behandelt.

* Etwa S. 125, 159, 240 in der Ausgabe Fischer-TB 1982


Gaines, Steve 28 (1949–77), US-Gitarrist, seit 1976 bei der Southern-Rock-Band Lynyrd Skynyrd aktiv. Nun bin ich erst bei G und habe doch schon Schwierigkeiten, die bei Verkehrsunfällen umgekommenen jungen KünstlerInnen auch nur zu zählen. Mitte Oktober 1977 brachte die genannte Band ihr jüngstes Album unter dem Titel Street Survivors heraus. Drei Tage nach der Veröffentlichung kamen vier Bandmitglieder, darunter Gaines (28) und seine Schwester Cassie (29), sowie zwei Piloten zu Tode – wenn auch nicht auf der Straße, so doch günstig genug, um die Absatzkurve der erwähnten Langspielplatte in höhere Luftschichten zu treiben. Die Band hatte sich mit im ganzen 26 Personen an Bord einer gecharterten Convair CV 240 auf einem Inlandsflug befunden. Bei Gillsburg, Mississippi, stürzte die Maschine über sumpfigem Gebiet in ein Gehölz, weil ihr angeblich das Benzin ausgegangen war. Der für den Abend geplante Auftritt der „Street Survivors“ in Baton Rouge, Lousiana, fiel aus.

Übrigens kam die Straße noch zu ihrem Recht. Keine zwei Jahre nach dem Unglück, im Februar 1979, wurde die 52 Jahre alte Mutter der Geschwister Gaines, die ebenfalls Cassie hieß, bei einem Autounfall getötet – zufällig nicht weit von dem Friedhof in Orange Park, Florida, entfernt, wo ihre Kinder Cassie und Steve bestattet worden waren. Prompt wurde auch sie dort begraben.*

Vergessen wir aber Bob Burns nicht, Schlagzeuger und als solcher Gründungsmitglied von Lynyrd Skynyrd. Er starb am 3. April 2015 mit 64 Jahren, weil er in Cartersville, Georgia, von der Straße abgekommen und vor einen Baum gefahren war, wie die New York Times am nächsten Tag berichtete.

* Find A Grave


Galimberti, Sándor 32 (1883–1915), ungarischer Maler, Selbstmord, angeblich aus Gram über den Tod seiner Kollegin und Gattin Valéria Dénes (1877–1915). Die beiden hatten seit 1910 in Paris gelebt, wo zumindest Galimberti, schon vorher, regelmäßig ausstellte. Dénes soll Matisse-Schülerin gewesen sein. 1914 war das Ehepaar jedoch mitsamt Söhnchen Mario vor dem Ersten Weltkrieg nach Ungarn zurückgewichen, wo es anscheinend in Budapest Wohnung nahm. Allerdings brach bei Dénes auf der Flucht eine Lungenentzündung* aus, die sich offenbar durch die nervliche Belastung noch verschlimmerte. Daran starb sie mit wohl 37. Nur wenige Stunden nach ihrer Beerdigung soll sich Galimberti umgebracht haben. Eine Quelle behauptet, er habe sich erschossen, und zwar hinter der Műcsarnok, der Budapester Kunsthalle. Was den kleinen Mario angeht, landete er vermutlich bei Verwandten.

* Katalin Gellér 2013


Gameiro, Ruy Roque 29 (1906–35), portugiesischer patriotisch und gigantisch gestimmter Bildhauer, der sich vor allem mit einigen monumentalen (steinernen) Denkmälern zu Ehren der fürs Vaterland „gefallenen“ Weltkrieger einen Namen machte. Mit jedem dieser Werke könnte man, falls man sie sprengte, ganze anrückende Kompanien erschlagen. Fürs eigene Ende bevorzugte der Sohn eines Malers aber mobile Maschinen. An einem Sonntag Mitte August 1935 mit seiner geringfügig jüngeren Gattin Maria Helena Castelo Branco auf einem Motorrad zwischen Lissabon und Sintra unterwegs, prallte der 29jährige in einer Kurve mit einem Automobil zusammen. Das Ehepaar starb. Das Schicksal der Gegenpartei wird nirgends erwähnt.


Gandhi, Sanjay 33 (1946–80), Indiras Sohn, Politiker wie sie, die langjährige bambusharte Premierministerin Indiens. Zudem muß der Sprößling ein echter gewissen-loser Maharadscha gewesen sein, wie man liest. Dummer-weise gab er sein Lebenslicht bereits vier Jahre vor seiner Mutter ab, die einem Anschlag zum Opfer fiel. Der 33jährige stürzte im Sommer 1980 bei Neu Delhi mit einem eigenhändig gesteuerten Flugzeug ab, als seine von Augenzeugen verfolgten akrobatischen Versuche* die physikalischen Kräfte der Natur oder seines eigenen Gehirns überstiegen. Seinen einzigen Begleiter, Captain Subhash Saxena vom gemeinsamen Fliegerclub, riß er mit in den Tod.

* Ranjan Gupta and Reuters, „Sanjay Gandhi dies in plane crash“, The Sydney Morning Herald, 24. Juni 1980, S. 1


Gandorfer, Ludwig 38 (1880–1918). Der bayerische Landwirt vom ansehnlichen Zollhof in Pfaffenberg, Landkreis Straubing, versuchte sich auch als Politiker, zunächst der SPD, dann ab 1917, als Kriegsgegner, der USPD. Seit 1912/13 war er vollständig erblindet. Das verdankte er aber wider Erwarten nicht seiner bekannten Streitlust und Hitzköpfigkeit. Nach Richard Dill* soll ihm ein Ochse schon in jungen Jahren ein Auge ausgestochen haben. Den Verlust des zweiten Augenlichts habe seiner Familie zufolge eine Netzhautablösung aufgrund einer aus „Deutsch-Ostafrika“ mitgebrachten Malaria bewirkt. Dort hatte sich Gandorfer kurzzeitig (1904/05) als Farmer versucht. So galt er später überall als „der blinde Bauernführer“, und zumindest die erste Hälfte dieser Bezeichnung stimmte.

Für sein Gut, wie man wohl schon sagen kann, hatte Gan-dorfer einen Verwalter. Ab ungefähr 1915 war das Xaver Seitz, der drei Jahre darauf auch in dem (angeblichen) Unfallauto neben seinem Dienstherren sitzen sollte. Gandorfer hatte zudem eine Gattin, seit 1908. Diese Ehe mit Katharina Lang blieb jedoch kinderlos und womöglich nie vollzogen. Manche munkelten, wenn (der blinde) Gandorfer mit Eisner, dem Chef des jungen bayerischen „Freistaats“ (der bald darauf in der „Räterepublik“ münden oder besser stranden sollte) Arm in Arm durch das „befreite“ München gezogen sei, habe sich darin nicht nur Gandorfers Nähe zur Revolution ausgedrückt. In dieser Sicht drückte sich vermutlich Schwulenhaß aus. Vielleicht war Gandorfer zu Katharina einfach zu ruppig gewesen. Als ihm sein Erzfeind Karl Pracher, seines Zeichens Bezirksamtmann, 1905 einen Jagdschein ver-weigert, tut er es mit Verweis auf Gandorfers beachtliches Vorstrafenregister: „wegen Körperverletzung, also Rauferei, und Sachbeschädigung“, wie Dill schreibt. Durch den kleinen Zusammenstoß, der sich aus Prachers Weigerung in dessen Mallersdorfer Bezirksamt ergibt, kommen gleich noch einmal zwei Monate Gefängnis hinzu, wegen „Störung des öffentlichen Friedens“.

Für Johann Kirchinger** wurzelt die Wandlung des Großbauern Ludwig Gandorfer zum „Linken“ just in solchen, von Gandorfer so empfundenen „Willkürakten“ der Obrigkeit, und nicht etwa in seinem Glauben an den Sozialismus. Zudem sei er gegen 1918 hochverschuldet gewesen. Im Gegensatz zu seinem gleichfalls bekannten und begüterten, erheblich behutsamer taktierenden Bruder Carl habe der in Trennung von seinem Weib lebende, kinderlose Gandorfer also durch „die Revolution“ nicht viel zu verlieren gehabt. Was die Brüder teilten, war wohl die Wut auf die kriegsbedingten Abgaben und Einschränkungen, die selbst Agrarkapitalisten ins Fleisch schnitten. Allerdings hatte Ludwig Gandorfer „der Revolution“ auch nicht viel zu bieten, findet Kirchinger. Sein Einfluß unter der Landbevölkerung sei sehr gering gewesen. Die Sicherung der Versorgungslage (Land ernährt Stadt), die sich die Revolutionäre von ihm versprachen, hätte Gandorfer wahrscheinlich niemals gewährleisten können. Eisner habe vornehmlich auf den „symbolischen“ Wert Gandorfers und auf die Zugkraft des brüderlichen Namens gebaut. Konsequent sei er nach seinem, für viele „verdächtigen“ Unfalltod von Eisner & Genossen zum Ideengeber, ja zum „blinden Seher“ und selbstverständlich zum Märtyer der Revolution ausgerufen worden.

Sei es nun mit Gandorfers Motiven und Potenzen wie auch immer bestellt gewesen, jedenfalls stieg er im Laufe der Weltkriegsjahre auf. Sein Gutshof mauserte sich zum beliebten Treffpunkt der Revolutionäre; er selber zum engen Mitstreiter Kurt Eisners, den man nach den Münchener Aufständen am 8. November 1918 zum bayerischen Ministerpräsidenten erkor. Anders wie Eisner, der vier Monate darauf durch Anschlag ermordet wurde, kam Gandorfer aber bereits zwei Tage nach dem Umsturz, am 10. November, durch einen (angeblichen) Autounfall um. Andernfalls wäre der breitschultrige 38jährige „Bauernführer“ und vermeintliche Garant für die Lebensmittelversorgung des roten Münchens sehr wahrscheinlich Vorsitzender des „Zentralen Bauernrats“ geworden. Diesen Posten übernahm dann sein Bruder Carl. Genau aus diesem Grund, Sicherung der Ernährung, hatten sich, Dill zufolge, am Unfalltag sieben Personen in den vom Münchener Soldatenrat beschlagnahmten geräumigen, dreibänkigen Fiat des Prinzen Joachim Albrecht von Preußen gezwängt. Man sicherte diesem die Rückerstattung nach dem Ende der Überlandfahrt zu. Beide Vorhaben zerschlugen sich jedoch.

Hauptaugenzeuge der gewaltsamen Fahrtunterbrechung war Gandorfers schon erwähnter Gutsverwalter Seitz, der zu den immerhin sechs Überlebenden des Unfalls zählte. Nach Dill hat es sogar, wegen verschiedener Klagen auf Entschädigung, ein Gerichtsverfahren gegeben, doch seien die vorhandenen Unterlagen „durchaus lückenhaft“ – wobei nicht die geringste Lücke darin bestehen dürfte, daß der erlauchte Fiat nach dem Unfall, so Dill, verschwand und nie mehr auftauchte. Am frühen Vormittag des besagten Sonntags kam der Wagen kaum über Schleißheim hinaus, das im Norden nahe bei München liegt. Nach Seitz‘ Aussage ging Sebastian Scharrer, ein erfahrener Kraft-fahrer, die Landstraße in „gehörigem Tempo“ an. Vor einer Kurve habe der Wagen plötzlich „einen Ruck bekommen“, worauf er hinten ins Schleudern geraten und gegen einen Alleebaum gestoßen sei. Dadurch seien die drei Männer auf der hintersten Sitzbank aus dem Wagen gefallen. Der Wagen selber landete im Graben. Von den Gestürzten kam lediglich Gandorfer um – Schädelbruch. Er starb auf der Stelle. Zufällig war er die Hauptperson des Unternehmens gewesen.

Sogar Dill räumt ein, wenn auch mit anderen Worten, jeder kritische Kopf werde sich angesichts solcher Unfallmeldung fragen, ob die Revolution „nur“ zu schnell gefahren sei, oder ob ihr jemand ein weißbestrumpfes Bein gestellt habe. Kirchinger behauptet jedoch, eben Dill habe die „vor allem von dem Straubinger Heimatforscher Rupert Sigl kolportierten Gerüchte“, Gandorfer sei ermordet worden, „eindeutig widerlegt“. Offenbar baute Sigl*** auf Aussagen oder Gerüchte, wonach eine Leichenfrau von Anzeichen einer Schußwunde auf der Stirn des toten Gandorfers gesprochen hatte. Allerdings kommt mir Kirchingers Behauptung über Dills Eindeutigkeit mehr als kühn vor. Zur Stützung führt er einen Satz von Dill an, den man glatt für krank oder verunglückt halten könnte: „Alle Mordtheorien kranken daran, daß es zu viele Beteiligte gab, die nicht in eine Täter- oder Mitwissergruppe eingeordnet werden können.“ Ja nun – und wenn schon? Warum sollen sich unter den „vielen“ Beteiligten, ob innerhalb oder außerhalb des fürstlichen Fiats, nicht jede Menge Uneingeweihte befunden haben, deren Leben möglichen Attentätern scheißegal gewesen wären?

Selbstverständlich hätte ein Anschlag bei diesem (Un)Fall nichts Verblüffendes. Dill selber stellt sogar fest, Gandorfer habe ohne Zweifel zu den Personen gehört, die die abgesetzten Machthaber in Regierung und Militär am meisten fürchteten und haßten. Deshalb sei ihnen der bedauerliche Unfall sicher sehr gelegen gekommen. Das nun weist Kirchinger, übrigens Kirchengeschichtler an der Universität Regensburg, wiederum zurück. Gandorfers Tod habe der völkischen Rechten so gut wie keinen Nutzen gebracht: weil er ja ohnehin, wie schon gesagt, kaum Einfluß besessen habe und sofort durch seinen Bruder Carl ersetzt worden sei. In dieser Rechnung hat Haß keinen Platz. Oder die kaltblütige Erwägung: je mehr potentielle Staatsfeinde wir kaltmachen, um so besser. Sie bekundet nebenbei auch wenig Ahnung von dem rachedurstigen blutigen Wüten, das die „Weißen“ nach der Niederlage der Räterepublik an den Tag legten.

Gewiß scheidet ein Verdacht auf einen Saboteur unter den sieben Wageninsassen aus. Die Blütezeit des unbedenk-lichen Selbstmordattentates war noch nicht gekommen. Ähnlich skeptisch sollte man sicherlich auch Erzählungen über „weiße“ Heckenschützen oder Bombenverstecker-Innen aufnehmen, ist es doch recht unwahrscheinlich, daß es für einen Schuß oder eine Explosion, ja selbst für ein Reifenplatzen, nicht mehrere Ohrenzeugen gegeben hätte. Was aber nach einer Erklärung dürstet, sind mindestens zwei (angebliche) Tatbestände: Welchen rätselhaften „Ruck“ (so Seitz) erlitt der Wagen – und wie, warum und wohin verschwand er denn nur, dieser Wagen? Wobei wir noch nicht einmal wissen, in welchem Zustand er sich befand. Man kann lediglich darauf wetten, der gute Fürst hätte ihn am liebsten nicht als Wrack zurückerstattet bekommen. Es sei denn, sein Fiat war gut versichert.

* Richard Dill: „Ein Unfall, der gelegen kam“, in: Friedrich Weckerlein (Hrsg.): Freistaat!, München 1994, S. 146–56
** Johann Kirchinger: „Symbolische Politik in den Revolutionstagen. Die Stilisierung Ludwig Gandorfers zum Helden des Umsturzes von 1918/19“, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte (ZBLG), Band 75, München 2012, S. 843–66
*** 1984; wo, wird nicht gesagt, falls ich es nicht übersehen habe



Garschin, Wsewolod Michailowitsch 33 (1855–88), russischer Schriftsteller, im Broterwerb Sekretär der Sankt Petersburger Eisenbahnverwaltung, stürzt sich eines schlechten Märztages, 33 Jahre alt, in den Treppenschacht des Hauses, in dem er zusammen mit seiner Frau wohnt, einer Ärztin. Aber in diesem Fall lag wohl kaum ein Ehedrama vor. Wie unter anderem Garschins Übersetzer Friedrich Fiedler in seinem berühmten Tagebuch* bezeugt, hatte der Erzähler bereits als Jugendlicher unter Anfällen von Wahnsinn gelitten. Davon zehrte insbesondere Garschins bekannte Novelle Die rote Blume von 1883. Hinzu kamen freilich die Brutalitäten des Krieges und der zaristischen Behörden, die Garschin, auch wenn sie „nur“ Gesinnungsgenossen trafen, so sehr zusetzten, daß er oft in Weinkrämpfe verfiel und kaum noch Schlaf fand. Um 1877 war der Offizierssohn selber Soldat und im Felde gewesen, doch er hatte sich offensichtlich zum Antimilitaristen gewandelt, denn er legte entsprechende Erzählungen vor. Sein Ruf unter Literaten war ausgezeichnet. Auch Tschechow verehrte ihn.

* Aus der Literatenwelt: Charakterzüge und Urteile: Tagebuch, Hrsg. Konstantin Asadowski, Göttingen 1996, S. 48–52


Gaudier-Brzeska, Henri 23 (1891–1915), avantgar-distischer französischer Bildhauer, seit 1910 in London. Mit „Ausbruch“ des Ersten Weltkrieges meldet sich dieser Tölpel freilich pflichtbewußt zur französischen Armee. Prompt „fällt“ er, jenseits des Kanals, im Sommer 1915 in der Gegend von Calais. Dabei hätte er eigentlich auch in Gestalt seiner polnischen Geliebten oder Ersatzmutter Sophie Brzeska ein kosmopolitisches Mahnmal gehabt. Aber vielleicht darf man nicht zu streng urteilen. Brzeska war erheblich älter als der Bildhauer und vom Anspruch her Schriftstellerin. Laut englischer Wikipedia war sie allerdings ähnlich wie Gaudier (und Garschin) für Wahnsinn anfällig gewesen. 1925 vermerkte die Presse, sie sei, wohl mit 52 Jahren, in einer Irrenanstalt in Barnwood, Gloucestershire, gestorben. Beide KünstlerInnen hatten zudem mit der Armut zu kämpfen. Als sich Gaudier (1909) in einer Pariser Bibliothek in die hübsche Frau verliebte, soll sie eine von einem Liebhaber sitzengelassene Erzieherin gewesen sein. In sexueller Hinsicht hielt sie ihren blutjungen Verehrer offenbar sehr kurz. So wanderte er in den Schoß der Erde.


Gauger, Martin 35 (1905–41). 1934 führte der damals knapp 30jährige Jurist und Pazifist bei der Staatsanwalt-schaft Mönchengladbach vor, was eine Gewissensent-scheidung ist. Aufgefordert, den „Treueeid auf den Führer“ abzulegen, schüttelte Assessor Gauger als einziger Mitarbeiter der Behörde, möglicherweise sogar als einziger namentlich bekannter deutscher Jurist überhaupt, seinen Kopf. Damit blieben dem hochgewachsenen und sportlichen, nun ehemaligen Staatsanwalt auf Probe noch sieben Jahre Galgenfrist. Anstellungen als Rechtsberater bei der „Bekennenden Kirche“ und dem „Evangelischen Rat“ Deutschlands in Berlin waren, offenbar wegen seiner mangelhaften Anpassungsfähigkeit, nur vorübergehend. Der „Rat“ hielt den Rasse- und Wehrgedanken hoch. Als sich Gauger im Frühjahr 1940 seiner Musterung durch die Reichswehr nicht mehr länger entziehen konnte, durchschwamm er den Rhein Richtung Holland. Prompt besetzten die Faschisten die Niederlande und verhafteten nebenbei auch Gauger. Nach einjährigem Gastspiel in der Düsseldorfer Strafanstalt wurde Gauger am 12. Juni 1941 ins KZ Buchenwald verlegt. Nach Klaus Schmidt* baten seine Angehörigen die Bischöfe Hans Meiser und Theophil Wurm, beide evangelisch, vergeblich, sich für den Sohn eines Wuppertaler evangelischen Pfarrers zu verwenden. Mitte Juli wird der knapp 36jährige Gauger mit anderen in die Vergasungsanstalt Schloß Sonnenstein in Pirna, Sachsen, geschafft – aus.

* „Martin Gauger“, Portal Rheinische Geschichte, Stand 2021


Gaulin, Huguette c.28 (1944–72), frankokanadische Lyrikerin. Sie erregte im Sommer 1972 mit einem Selbst-mord Aufsehen, den Nachschlagewerke gern auf ihre öko-logische Besorgnis zurückführen. Nach einem jüngeren Gedenkartikel* aus der Montrealer Tageszeitung Le Devoir war Gaulin erst vor wenigen Monaten einem einschnü-renden Dasein als Ehe- und Hausfrau entflohen. Ihren kleinen Sohn nahm sie mit. Jobbend, wirft sie sich aufs Schreiben, neben Gedichten eine Menge verschiedener Aufzeichnungen. „Ich wollte mit dem Feuer schlafen, da ich keinen stärkeren, zäheren Gefährten finden konnte. Ich wollte mich im Feuer verkehren, mich in der Asche waschen“, soll es in einem Text von ihr heißen. Mit Hilfe von Freunden kommt sie zu einigen Veröffentlichungen in Zeitschriften, die ihr sogar Lob einbringen. Warum sie sich gleichwohl an einem Sonntag im Juni mit einer blauen „Dose“ (die Benzin enthält) in die Montrealer Altstadt begibt, scheint bis heute niemand genau zu wissen. Im allgemeinen, von den Zeitumständen her, lag eine solche Tat natürlich in der Luft, wie auch Autorin David anmerkt. Auf einem Parkplatz am Château Ramezay tränkt Gaulin ihre Kleidung und zündet sich an. Dabei soll sie, vor etlichen Augenzeugen, gerufen haben: „Ihr habt die Schönheit der Welt zerstört!“ Rettungsversuche mißlingen; sie stirbt nach zwei Tagen im Krankenhaus. Die Tat zeigt eine gewisse „Werther-Wirkung“; laut David zieht sie einige andere Selbstmorde nach sich. Schon im Herbst erscheint, wie zu erwarten war, ein Sammelband mit Gedichten von Gaulin.

Dem mutmaßlichen Konkurrenzblatt La Presse entnehme ich, Gaulins Sohn François war damals sieben Jahre alt.** Er sei am Todestag mit seinem Vater zelten gewesen. Das Blatt streut auch ein Originalzitat ein, aus dem Gaulins Langweile als verheiratete Frau hervorgehe: „Es schaudert sie, wenn sie ihr Gesicht schön aus den Küchengeräten herausgeschnitten sieht.“ Dem ehemaligen Teilhaber ihrer Langweile scheint sie also ihren Sohn anvertraut zu haben – für immer.

* Carole David, „Huguette Gaulin, soeur de feu“, 13. Februar 2016
** Norman Rickert, „Vous avez détruit la beauté du monde“, wohl
4. Juli 2020



Geher, Robert 30 (1963–94). Der für mein Empfinden nicht sonderlich sympathische Wiener Schlawiner war studiert und tätowiert, Boxer und Billardspieler, Freund von Drogen, StrichgängerInnen, Zuhältern und Knastpo-eten, auch selber Autor, zudem Abkupferer. Nach seinem Doktor in Soziologie an der Wiener Universität 1990 hatte er die Wiener Unterwelt studiert. In seiner Ausbeute dieser „Feldstudien“, dem 1993 veröffentlichten Werk Wiener Blut oder Die Ehre der Strizzis. Eine Geschichte der Wiener Unterwelt nach 1945 wurden ihm einige Plagiate nachgewiesen. Ansonsten war diese „Mischung aus Herrenmagazinstil und nicht zu tief greifender Gesell-schaftsanalyse“ so „umstritten“, wie schillernde Galgen-vögel es brauchen, um gebührend gesehen zu werden.* Gehers zweites, auf den Nachlaß gestütztes Buch Galgen-vögel – Die im Dunkeln kriegt man nicht. Ungeklärte Kriminalfälle nach 1945 konnte erst (1994) posthum erscheinen, da der 30jährige Feldforscher am 21. Mai des Jahres in die Überwelt eingegangen war.

An diesem Tag kletterte die Mordkommission in Gehers Wohnung über zwei Erschossene, war doch Gehers etwa gleichaltrige Frau Iris ebenfalls tot. Über sie ist (bei Oswald) lediglich zu erfahren: „Er hatte eine 10 Jahre dauernde Abhängigkeitsbeziehung zu einer süchtigen Frau, die einmal Modell gewesen war, was als unglückliche Liaison unverstanden blieb und Anfang 1994 dennoch in eine geheime Heirat mündete.“ Es fand sich außerdem jede Menge Kokain, dafür fehlte Gehers Computer. Auch eine mutmaßliche Zeugin des Geschehens hatte sich, mit Blutspur, dünn gemacht. Als Tatwaffe wurde eine 38er Smith & Wesson sichergestellt. Während Gehers Vater an einen Mord durch Personen glaubte, die von Seiten seines Sohnes Enthüllungen zu befürchten hatten, schloß die Mordkommission schließlich Fremdeinwirkung aus und erkannte auf „Gattenmord mit Anschlußsuizid im Affekt“. Der Affekt hatte Gehers an der Wand hängende Doktor-urkunde eingeschlossen, denn auch in dieser saß eine Kugel.

Marcus J. Oswald, „Dr. Robert Geher“, Rotlicht in Wien und der Welt, 4. Oktober 2008


Gehlen, Adolph Ferdinand 39 (1775–1815), Apotheker, Chemiker, Privatdozent und Fachschriftsteller. 1806–10 war der Sohn eines norddeutschen Apothekers als Heraus-geber für das in Berlin erscheinende Journal für Physik und Chemie verantwortlich. 1807 ging er nach München, wo ihn die Bayerische Akademie der Wissenschaften als Chemiker mit beträchtlichen Aufsichtsfunktionen einstellte. Das betraf zum Beispiel den heimischen Bergbau und die „königlichen“ Porzellanmanufakturen, für die er sogar Farben entwickelte. Da der König zu arm war, um seine Akademie mit geeigneten Arbeitsräumen auszustatten, war Gehlen gezwungen, seine Laborarbeiten in seiner Privatwohnung vorzunehmen. So oder so, habe der Umgang mit aggressiven Substanzen, darunter Blausäure und Arsenverbindungen, wohl schleichend seine ohnehin labile Gesundheit unterhöhlt, stellt Grete Ronge fest.* Den Rest gab ihm im Sommer 1815 eine akute Vergiftung aufgrund seiner Versuche mit Arsenwasserstoff, der Gehlen, noch keine 40, nach einigen qualvollen Tagen erlag. Prompt begann die Akademie noch in Gehlens Todesjahr mit dem Bau eines chemischen Laboratoriums.

In diesem schon wieder beinahe selbstmörderischen Zusammenhang dürfte es gestattet, ja geboten sein, den Physiker Johann Wilhelm Ritter (1776–1810) vorzuziehen, zumal er nicht nur öfter in dem erwähnten Journal Gehlens zu Wort kam, sondern den Junggesellen Gehlen zumindest zeitweise sogar in seiner Münchener Wohnung beherbergt hatte.** Ritter trat aufgrund allgemeiner Zerrüttung rund fünf Jahre vor Gehlen ab, und dies schon mit 33. Zwar hatte auch der Pfarrerssohn Ritter mit der Pharmazie begonnen, doch nach dem Abschluß seiner Apothekerlehre in Liegnitz, Schlesien, im Jahr 1795 schrieb er sich an der Universität in Jena ein und gab sich mit zunehmender Besessenheit seinen physikalischen Ahnungen und den romantischen Visionen hin, die in dem Städtchen von damals lediglich 5.000 Einwohnern kursierten. Ritter erforschte in seiner Studentenbude das Geheimnis elektrischer Ströme, speziell des Galvanismus. Inzwischen werden ihm etliche Entdeckungen oder Erfindungen auf physikalischem und chemischem Gebiet zugeschrieben, die damals wenigstens teilweise anderen Menschheitsbeglückern angeheftet worden waren, etwa das Spannungsgesetz (das angeblich „Voltaische“), die Trockensäule („von Zamboni“), den ersten Akku („Ritter-sche Ladungssäule“), die UV-Strahlung. Die Fachwelt schnitt den Anhänger Schellings überwiegend, obwohl er, mit Alexander von Humboldts Hilfe, etliche Abhandlungen in anerkannten Zeitschriften unterbringen und auch einige Bücher veröffentlichen konnte. Möglicherweise stellte sich Autor Ritter teils selbst ein Bein, weil er eine überfrachtete Weitschweifigkeit pflog, die jedes Senfkorn ins Natur-philosophische oder Metaphysische zu wenden suchte.

Nachdem sich Berufsaussichten in Jena und Gotha zerschlagen hatten, griff Ritter gerne zu, als man ihm 1804/05 die Aufnahme in die bereits erwähnte Bayerische Akademie der Wissenschaften antrug. So zu Ehren und vermutlich auch einigen Forschungsgeldern gekommen, heiratete er gleich, nämlich seine langjährige Geliebte Dorothea Münchgesang, und verdammte die Gute zu vier Schwangerschaften. Wie man sich denken kann, reichte das Geld hinten und vorne nicht, zumal sich Ritter durch ein neues Interesse an Wünschelrutengängen und Erzpendeleien schon wieder anrüchig machte. Neben den Schulden setzten ihm in seiner von Hause aus ohnehin schlechten Gesundheit wahrscheinlich auch galvanische Selbstversuche, also Experimente mit elektrischen Strömen am eigenen Körper zu. Laut Jürgen Daiber hatte er damit bereits in Jena begonnen.*** Auch Daiber versichert, der im Alltag wortkarge Studioso sei ein sozusagen süchtiger Forscher gewesen, der sich seinen Witterungen zuliebe bedenkenlos mit Alkohol, Opium und eben auch elektrischem Strom vollpumpte. Dabei bediente er sich jener stromstarken „Voltaschen Säule“ (=Batterie), die 1800 von Alessandro Volta erfunden worden war. Daiber erläutert: „So begann er damit, eine Hand in ein Gefäß mit Wasser zu tauchen, das mit dem negativen Pol verbunden war, und schloß mit der anderen Hand den Stromkreis zum positiven Batteriepol.“ Bei diesen wahrlich prickelnden Selbstversuchen machte Ritter auch vor seiner Zunge und seinen Augäpfeln nicht Halt. Durch Beobach-tung und Aufzeichnung seiner wechselnden Empfindungen bei ständigen „Umpolungen“ suchte er letztlich das unter Romantikern so beliebte Prinzip der „Polarität“ aller Dinge wie auch Novalis‘ Vermutung zu beweisen, auf höchster Seinsstufe fänden sich alle Gegensätze wieder aufgehoben. Auch das ultraviolette Licht, das er 1801 nachwies, hatte Ritter mit der Begründung vorausgesagt, schließlich müsse das ein Jahr zuvor von Herschel gefundene infrarote Licht von der anderen Seite des Spektrums eine Entsprechung haben.

Ritters Korrespondenz besteht zum Löwenanteil aus Bittbriefen an mögliche Mäzene. In seiner Münchener Zeit soll er so manchen Platin- oder Goldtigel, den er sich in der Akademie auslieh, zum Pfandleiher getragen**** und dann in Kaffee, Branntwein oder auch nur Brot umgesetzt haben. Möglicherweise hatte sich seine finanzielle Lage zusätzlich durch die damalige französische Besatzung verschlechtert. 1809 schickt er Frau und Kinder zu einem Freund nach Nürnberg, weil er sie nicht mehr ernähren kann. Körperlich und finanziell ruiniert, angeblich auch äußerlich völlig verwahrlost, stirbt er 1810 als 33 Jahre altes Wrack, unter dessen hochfliegenden Plänen sich die Gegensätze in der Tat aufgehoben hatten: zur Form des Sarges. Friedrich behauptet, mit der Nachricht von Ritters Tod habe Gehlen einen Lobpreis auf dessen „herrliches, seinen Freunden so überaus teures Gemüt“ in die wissenschaftlich-romantischen Kreise hinausgeschickt. Was wir uns unter einem solchen Gemütsgebilde vorzu-stellen haben, sagt Friedrich nicht.

* Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 132–33
** Christoph Friedrich, „Apotheker und die Liebe zur Physik“, Pharmazeutische Zeitung, 4. Juli 2005
*** „Der elektrisierte Physiker“, Die Zeit, 3. September 1998
**** Armin Hermann, „Vor 200 Jahren erfand Johann Wilhelm Ritter den Akkumulator“, Berliner Zeitung, 2. Dezember 2002



Fortsetzung (Gei–Gold)
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