Dienstag, 12. Januar 2021
LdF Folge Ess–Fis

Esselbach, Ernst 31 (1832–64), Sohn der bekannten Schleswiger Gastwirtin Doris Esselbach (Hotel Stadt Hamburg und mehr), Dr. phil. sowie Physiker, zunächst bei Siemens und Halske in Berlin, dann für ein englisches Unternehmen tätig. Mit der Verlegung von Seekabeln nach Indien beschäftigt, soll er am 6. Februar 1864 westlich der pakistanischen Hafenstadt Gwadar „im Fieberwahn“ über Bord gesprungen und ertrunken sein. So mag es ja in ein paar älteren gedruckten Nachschlagewerken stehen, die mir nicht zugänglich sind – ob diese jedoch Belege anführen, wage ich zu bezweifeln. Zwei Anfragen nach Schleswig und Kiel brachten nichts ein.


Etzdorf, Marga von 25 (1907–33), deutsche Pilotin. Die erste Frau, die einen Alleinflug von Deutschland nach Japan vorgelegt hatte, endete zwei Jahre darauf mit erst 25 Jahren in einem Flughafengebäude bei Aleppo in Syrien, wo man ihr nach schiefgelaufener Zwischenlandung ein Zimmer zur Verfügung gestellt hatte. Bis dahin hatte sie auch als Reklame- und Kunstfliegerin und erste Co-Pilotin der Lufthansa Aufsehen erregt. Nun erschoß sie sich.

Der Grund für ihren überraschenden, krassen, sogar mit einer Schmeisser-Maschinenpistole ausgeführten letzten Husarenstreich ist unklar. Von Etzdorf befand sich auf dem Weg nach Australien. Nach einem vergleichsweise differenzierten und nüchternen Zeit-Porträt* stand sie unter Erfolgs- und Erwerbsdruck. Mit reparierter Maschine hätte sie ihre Reise vielleicht fortsetzen können, doch ihr jüngster Flugfehler bei der Landung wäre mitgereist, vielleicht schämte sie sich zu sehr. Ferner lag ihr womöglich auch noch die erwähnte Waffe im Magen. Eigentlich war diese Maschinenpistole nämlich als Lockmuster, nicht als Selbstmordgerät gedacht. Ein Agent der neuerdings vom regierungsfähig gewordenen Hitlergruß beflügelten deutschen Rüstungsindustrie hatte die Fliegerin zusätzlich zur Waffenschieberin auserkoren. Auch diese Aufträge und Aussichten bedrückten sie vielleicht – von ihrem eher schwermütigem Wesen einmal abgesehen. Von Etzdorf hatte ihre Eltern früh verloren; eigene Liebesbeziehungen der zierlichen, aber etwas kantig-bäuerlich wirkenden jungen Frau aus dem Offiziers- und Gutsherrenmilieu sind nicht bekannt.

Dies alles rüttelt freilich nicht an ihrer gemeingefährlichen, auch durch Unfallverletzungen nicht zu heilenden Besessenheit, die viele Leute sogar bewundern, darunter FemBio-Autorin Sybille Dörr. Die Nazis vertuschten die Ungereimtheiten und trugen Von Etzdorf mit großem Pomp und vielen Hakenkreuzen auf dem Berliner Invali-denfriedhof zu Grabe. „Der Flug ist das Leben wert“, läßt sich dort auf Von Etzdorfs Grabstein lesen. Da erübrigt es sich fast, auf ihrer Maschinenpistole herumzureiten. Die kleine erlauchte deutsche Waffenschmiede Schmeisser GmbH, laut Firmenwebseite mit Hugo Schmeisser († 1953 in Erfurt) auf „einen der innovativsten Waffenkonstruk-teure des 20. Jahrhunderts“ zurückgehend und heute in Krefeld ansässig, verdient nach wie vor an der Schieß-freudigkeit der Welt.**

* Alice Bota, „Der Flug ist das Leben wert“, 23. Januar 2014
** „Waffenhändler / Meister der Camouflage“, Spiegel 41/2014



Eufémia, Catarina 26 (1928–54), südportugiesische Landarbeiterin des Alentejo, Polizeiopfer, Analphabetin und antifaschistischer Mythos. Dieser wurde vor allem von der Kommunistischen Partei in Umlauf gebracht. Nach Diana Gomes Ascenso gibt es jedoch inzwischen einige kritische Aufarbeitungen der Angelegenheit. Die zu den Todesumständen der dreifachen Mutter vorliegenden Dokumente stützten „verschiedene Hergänge des Geschehens vom kaltblütigen Mord bis zum tragischen Unfall“, schreibt die Kölner Romanistin.* Eufémia war, wohl als Wortführerin, am 19. Mai 1954 in Baleizão bei einem Streik um mehr Lohn von einem Polizeioffizier erschossen worden. Eine Schwangerschaft wurde ihr angedichtet, um die Brutalität des Salazar-Regimes möglichst dick zu unterstreichen. Ähnliches dürfte für den acht Monate alten, prompt verletzten Buben gelten, den sie bei der englischen Wikipedia im Arm hielt, als der Scherge schoß. Leider ist auch Ascenso schon tot. Die 36jährige Geistesarbeiterin erlag am 20. März 2020 einer kurzen schweren Krankheit, wie ihre Universität im Internet mitteilt.

* Poetischer Widerstand im Estado Novo, Berlin/Boston 2017, S. 83


Eugens, Arthur Fritz 13 (1930–44), Nazi-Kinder-Filmdarsteller, Zugunglück. Von ihm ist nicht viel bekannt, obwohl er zwischen 1936 und 1942, als Knabe!, an über 20 Kinofilmen mitwirkte. Der Titelliste nach war er, in ideo-logischer Hinsicht, bestenfalls ein kleiner Heinz Rühmann, also keinesfalls ein Rebell. Eugens letzter Film, dessen Fertigstellung vermutlich schon von Kriegsanstrengungen bedroht war, trug ausgerechnet den Titel Ein Zug fährt ab. Regie: Johannes Meyer. Eugens, der inzwischen 13jährige Kinderdarsteller, starb am 18. Januar 1944 bei einem Eisenbahnunglück in Dahmsdorf-Müncheberg, Märkische Schweiz. Ein aus Küstrin kommender D-Zug prallte im dortigen Bahnhof, wohl aufgrund eines Irrtums des Fahrdienstleiters, auf einen anderen Personenzug – 56 Tote und rund 160 zum Teil schwer Verletzte. Vermutlich war Eugens nicht das einzige minderjährige Opfer – seiner Eltern, möchte man fast sagen. Ich nehme an, er lebte, in Ufa-Nähe, im Raum Berlin.*

Eugens Berufs- und wohl auch Gesinnungskollege Klaus Detlef Sierck (1925–44), Sohn von Berliner Theaterleuten, wurde nur geringfügig älter. Er spielte mit Begeisterung Kadetten, preußische Prinzen und vom NS-Staat erfolg-reich umerzogene Stromer – und dann noch richtigen Krieg. 1943 eingezogen, „fiel“ er im März 1944 als 18- oder 19jähriger in der Ukraine. Einige Webseiten behaupten (wohl nach Frank Noacks Veit-Harlan-Biografie von 2000), der von seiner systemfreundlichen, inzwischen geschiedenen Mutter Lydia gemanagte Sprößling sei „in der Pubertät“ bei Goebbels in Ungnade gefallen, als „schwul“ geschnitten (auch aus bereits gedrehten Ufa-Filmen entfernt) und schließlich „an die Ostfront“ geschickt worden. Trifft das zu, könnte ich mir zum Beispiel denken, Schürzenjäger Goebbels hatte von Mutter Lydia einen Korb bekommen. Man findet aber kaum Angaben über die Schauspielerin. 1947 soll sie gestorben sein, in Berlin.

Der Vater des Jungen hatte es dagegen 1937 vorgezogen, das ganze „Dritte Reich“ zurückzuweisen und gemeinsam mit seiner neuen jüdischen Ehefrau Hilde Jary in die USA auszuwandern, wo er als Filmregisseur Douglas Sirk Karriere machte. Wegen dieser Frau soll Lydia Sierck (geb. Brincken) gerichtlich ein „absolutes“ Kontaktverbot erwirkt haben, wie ich einem Pariser Wochenmagazin entnehme.** Dem Vater sei nichts anderes übrig geblieben, „als sich die Filme anzuschauen, in denen Klaus mitspielte, manchmal in der Uniform der Hitlerjugend“. Später sei das harte Schicksal seines Sohnes in Sirks vielgelobte Remarque-Verfilmung Zeit zu leben und Zeit zu sterben von 1958 eingegangen, wo der junge, nicht ganz unschuldige Held, wie ich andernorts lese, noch kurz vor seinem an der Ostfront auf ihn wartenden „tragischen“ Tod eine erfüllte Liebe (mit Liselotte Pulver) erleben darf. Diese ganze familiäre Angelegenheit, Sirks seltsame Art der Wiedergutmachung eingeschlossen, wäre sicherlich nicht das langweiligste Kapitel, schriebe ich eine Sirk-Biografie.

* Zwei Tage darauf, am 20. Januar, prallte in Porta Westfalica ein Schnellzug Aachen–Berlin auf einen anderen, stehenden Schnellzug. 79 Tote, 64 Verletzte. Das Unglück wurde einem Signal-Fehler des örtlichen Fahrdienstleiters angelastet. Dieser wiederum schimpfte auf die ständig aufheulenden Sirenen für Fliegeralarm, die ihn durch-einander gebracht hätten (Wilhelm Gerntrup im Mindener Tageblatt vom 20. Januar 2004).
** Pascal Merigeau, „Enfant-star sous le IIIe Reich: le fils perdu de Douglas Sirk“, L‘Obs, 2. Januar 2015



Eulenburg, Felix c.28 (1881–1909), Berlin/Düsseldorfer Tier- und Genremaler. Die biografischen Angaben über ihn, sein hartnäckig beschwiegenes frühes Ende einge-schlossen, scheinen ungleich magerer zu sein als die Zoo-Löwen, die er malte. Zwei Anfragen halfen mir nicht weiter. 2009 wurde ein Ölgemälde aus Eulenburgs Pinsel, Ruhendes Löwenpaar, in Salzburg für 2.000 Euro versteigert. Möglicherweise schnitt er zu Lebzeiten besser ab, denn es war damals durchaus Mode, sich ein Tierbild ins Wohnzimmer zu hängen. Ob er jemals einen Zeh auf den Boden „Deutsch-Ostafrikas“ setzte, ist mir nicht bekannt. Zu den Zoos in Berlin oder Düsseldorf hatte er es jedenfalls näher.


Evers, Käthe 24 (1893–1918), Braunschweiger Malerin. Die Lehrerstochter absolvierte ein Kunststudium in München. Bereits 1915 kamen (angeblich) ihre Freunde Albert und Hermann Hamburger als Kriegsfreiwillige an der Front um. Ob sie selber nun (1917?) genauso bereit-willig in die Rüstungsproduktion ging, ist nach freund-licher Auskunft des Braunschweiger Theatermanns Gilbert Holzgang nicht ganz klar. In einem Vortrag erläuterte er dazu 2018: „Es gab gerade in den bestgestellten Kreisen Frauen, die bereitwillig monotone, anstrengende, sogar gefährliche Fabrikarbeit auf sich nahmen, um ihren Teil zum Sieg Deutschlands beizutragen. Die Kriegslage war so prekär, das Denken so stark von der totalen Mobilisierung aller Kräfte geprägt, dass die Frauen – man kann sagen freiwillig – einen Beitrag leisten wollten. Die Möglichkeit sich der staatlich organisierten Frauenarbeit zu entziehen, bestand.“ Die Malerin wurde in Heimatnähe in einer im Harzort Rübeland gelegenen Pulverfabrik eingesetzt. Als diese am 10. Januar 1918 zum Teil in die Luft fliegt, bleiben 14 Tote plus neun Schwerverletzte auf der Strecke. Später kamen wahrscheinlich noch zwei Tote hinzu. Ironischerweise wirkt die verlinkte Ansichtskarte ähnlich wie das Werk der Künstlerin, die sich dem „Pointilismus“ verschrieben hatte. Die meisten Leichen soll man gar nicht mehr ordentlich wiedererkannt haben: zerfetzt, atomisiert.

Evers‘ Engagement erinnert mich stark an die Heldin von Meta >Scheeles Roman Frauen im Krieg von 1930. Die Schriftstellerin Scheele kam mit 37 in einer faschistischen Tötungsanstalt um. Das jüngste Opfer der Explosion in Rübeland soll die einheimische Frida Schneider gewesen sein, 16 Jahre alt. Während wir über Evers sicherlich wenig wissen, wissen wir über Schneider gar nichts.


Ezerins, Janis [Ezeriņš Jānis] 33 (1891–1924), lettischer Lehrer und Schriftsteller, das x-te Opfer der Tuberkulose. Nach einem Porträt, das die Bibliothek von Valmiera gibt*, war Ezerins vor allem ein hervorragender Vertreter der lettischen Kurzgeschichte. Bei ihm hatte sie Tempo, ansonsten sozialkritische, tief psychologische und absurde oder jedenfalls verblüffende Züge. Ein Sammelband erschien auch in Ostberlin. Ezerins übersetzte selber viel; zudem war er zeitweise Redakteur. Er betätigte sich auch als Theatermann, Geiger und Chorleiter, soweit es seine Krankheit zuließ. Nach Kriegsbeginn wurde er wegen dieser bald wieder nach Hause geschickt. Er lebte mit seiner Frau, gleichfalls Lehrerin, meist in Riga. 1916 unterzog er sich einer Kur in Abchasien (am Schwarzen Meer) und besuchte auf der Rückreise auch Moskau. Zwei Jahre darauf steckten ihn die deutschen Besatzer für einige Wochen ins Gefängnis. Anscheinend war er freiheits-liebend, dafür eher arm. 1924 versuchte er es wieder mit Auslandskuren, diesmal in Österreich, Schweiz, Deutsch-land – offensichtlich vergeblich, denn es war sein Todes-jahr. Es wird ihm auch Humor bescheinigt, was sich nicht unbedingt mit diesem Bildnis deckt. Orwell war gewiß nicht völlig unverkrampft, aber mit solchen Händen hätte er sich niemals vor einem Fotografen blicken lassen. Dafür sah Ezerins vielleicht gefälliger aus.

* Bibliothek Valmiera o. J.


Fabian, Dora 33 (1901–35), linke Sozialdemokratin, zuletzt Journalistin in London, wo sie für verläßliche Be-richte von der faschistischen Aufrüstungspolitik bekannt war. Sie galt als tatkräftig und mutig. Von ihrer Erschei-nung weiß ich nichts. Doch ausgerechnet am 1. April 1935, knapp 34 Jahre alt, wurde sie mitsamt ihrer Freundin Mathilde Wurm (40), einer Politikerin, durch Tabletten vergiftet tot in der gemeinsamen Wohnung aufgefunden. Während die Nachschlagewerke, Scotland Yard folgend, in der Regel von einem mutmaßlichen Doppelselbstmord sprechen, hält die australische Romanschreiberin Anna Funder – wohl im Fahrwasser der britischen Exilfor-scherin Charmian Brinson segelnd – einen Handstreich der Nazis zur Ausschaltung der Journalistin Fabian für viel wahrscheinlicher.* Wurm stellte dabei wohl eher „nur“ einen Kollateralschaden dar, wie man heute sagen würde. Überdies war Fabian zumindest zeitweise die Sekretärin wie auch die Geliebte eines Schriftstellers, den die Nazis haßten: Ernst Toller. Um ihn hatte sich in London geradezu ein kleiner antifaschistischer Club aus einigen Emigranten gebildet, die sich wohl vor allem aus Berlin kannten, wo Toller zuletzt ein paar Theatertriumphe gefeiert hatte. Dazu gehörte auch Ruth Blatt (1906–2001), eine Kusine von Fabian. Sie versorgte, schon hochbetagt, Funder mit vielen Einzelheiten. Ausgerechnet Blatts damaliger Gatte, der zum Nazi-Lockspitzel umgeschulte Ex-Sozialdemokrat Hans Wesemann, wird verdächtigt, auch im Mordfall Fabian mitgemischt zu haben. Nach einer kurzen Haftstrafe wegen der Entführung des Journalisten Bertold Jacobs seilte er sich nach Südamerika ab, wo er noch 75 Jahre alt wurde.

* „Die Einsamkeit des Exils“, Volksstimme, 29. April 2014


Fabricius, Johannes 30 (1587–1617). Sowohl Johannes wie sein Vater David waren durchaus namhafte ostfrie-sische Astronomen, doch der Laie kennt sie kaum. Der Sohn gilt meist als Entdecker der „Flecken“ auf der Sonne. Bis dahin hielt man unsere Erleuchterin für makellos. Da sich die Lage der Sonnenflecken im Lauf der Beobach-tungen veränderte, konnte man nun auf die bereits von Kepler vermutete Eigenrotation des Sternes schließen und die Dauer einer Umdrehung berechnen. Johannes hatte erst kurz zuvor aus Leiden das neuartige Fernrohr mitge-bracht, „die holländische Brill“. Sein Vater, lutheranisch gestimmter Pastor in einem Dorf bei Emden, bestätigte die Beobachtung, wenn auch nur zerknischt, weil sie sozusa-gen sein frommes Weltbild befleckte. Noch im selben Jahr, 1611, legte der Sohn eine Schrift über die Entdeckung vor.

Viel mehr ist über den Filius leider nicht bekannt. Gerade 30 geworden, will Johannes, unter anderem studierter Mathematiker, seinen medizinischen Dr. in Basel machen. Im Januar 1617 aus Wittenberg kommend, erreicht er aber die Schweiz nicht. Er stirbt vorher, wahrscheinlich in Dresden. Woran, verrät kein Mensch. 1598 war Johannes, als Knabe, einer heimischen Pestepidemie entgangen. Kepler schätzte die schmale Schrift des jungen Fabricius über Sonnenflecken und sprach dem Vater auch sein Beileid zum Tod des Sohnes aus. Diese briefliche Beileids-bekundung verpaßte der Pastor jedoch aus Gründen „höherer Gewalt“. Er wurde, wie immerhin aus seinem Grabstein hervorgeht, wenige Monate nach Johannes‘ Ableben von einem gewissen Frerik Hoyer ermordet. Über die Umstände gibt es etliche Legenden – und keinen Beleg. Der Soziologe und Erzähler Hermann Korte* hält die Version für am wahrscheinlichsten, der genannte Bauer sei von der Kanzel herab des Diebstahls bezichtigt worden, weshalb er dem Pastor David Fabricius am Abend auflauerte, um ihm hinterrücks mit einem Torfspaten den Schädel zu spalten. Ob die Anschuldigung vielleicht ein Rufmord gewesen war, weiß erneut kein Mensch. Verbürgt sei dafür die Strafe: Hoyer kam unters Rad.

Für mich ist der Umstand am traurigsten, daß beide Tode so sehr im Dunkel liegen. Vom Junior weiß noch nicht einmal jemand zu sagen, ob er zum Beispiel einer Krankheit erlag, versehentlich unter eine Kutsche kam oder gar Selbstmord beging. Korte weist beiläufig auf die Zerstörung vieler Akten und Kirchenbücher durch den soeben entfachten Dreißigjährigen Krieg hin, das schon. Aber man sollte doch meinen, es hätten zumindest ein paar private Briefe oder Aufzeichnungen mit entspre-chenden Erwähnungen überdauert – beispielsweise bereits die Botschaft, durch die der Senior vom Ableben des Juniors erfuhr. Falls sie nicht in mündlicher Form eintraf, durch Boten. Heute hätte man die Aufzeichnung eines entsprechenden Telefonats; schließlich wird der Mobilfunk längst „flächendeckend“ abgehört, also auch zwischen Emden und Dresden. Mit den Speicherkapazitäten, die man für die Archivierung allen irdischen Spionage-Materials benötigt, ließe sich wahrscheinlich, sobald sie einmal erlischt, die Sonne neu aufladen.

* David und Johannes Fabricius und der Roman meines Vaters. Eine biographische Erzählung, Münster 2011, bes. S. 101–4


Fabritius, Carel 32 (1622–54), Schüler Rembrandts, Katastrophenopfer. Ein Selbstporträt in Öl, um 1645 entstanden, zeigt den jungen Fabritius mit prächtigen und sicherlich auch echten braunen, schulterlangen Locken, schließlich war er kein Barockkönig. Immerhin, mit ungefähr 20 Jahren war er Schüler oder Mitarbeiter des Amsterdamer Meisters Rembrandt geworden und hatte sich kurz darauf auch schon verheiratet: mit Frau Aeltje Herrmensdr van Hasselt. Hat er auf seinem Selbstporträt gleichwohl keinen Grund zum Lachen, liegt es vielleicht daran, daß er 1642 sein erstes Kind und ein Jahr darauf, bei der Geburt des dritten Kindes, auch seine Frau verlor. Das Würmchen starb ebenfalls. So nahm er seine ihm noch verbliebene Tochter Aeltje an die Hand und ging oder fuhr mit ihr in seine Heimatgemeinde Midden-Beemster zurück, wo sein Vater Schulmeister war. Der Ort auf dem Polder liegt rund 20 Kilometer nördlich von Amsterdam. Ob Fabritius weiter bei Rembrandt beschäftigt war, ist ungewiß. Jedenfalls plagen ihn öfter Geldsorgen, von denen ihn leider auch die Heirat mit der Delfter Witwe Agatha van Pruyssen im Jahr 1650 nicht erlösen kann. Vermutlich auf deren Wunsch läßt sich die Familie in Delft nieder (südlich von Amsterdam), wo sich Fabritius ab Oktober 1652 im Meisterbuch der St. Lukasgilde als Maler eingetragen findet. Niemand warnte ihn vor diesem Umzug. Auch die Delfter Kirchtürme tun es nicht, die sich nach der kommenden Katastrophe geradezu unverschämt aus den Ruinen und Aschehaufen recken werden.

Fabritius schafft in diesen drei oder vier Delfter Jahren nur wenige, aber heute hochgelobte, da über Rembrandt hinausführende Gemälde. Jeder sagt, er hätte ein ganz Großer werden können. Es kam nicht dazu, weil Delft am 12. Oktober 1654 um kurz nach 10 von einem Knall erschüttert wurde, der angeblich noch auf der 150 Kilometer entfernten Insel Texel zu hören war. Durch die Fahrlässigkeit des Arsenalverwalters Cornelius Soetenser, der die Schwarzpulvervorräte mit einer Funken sprühen-den Laterne in Augenschein genommen hatte, war ein staatliches, eigentlich geheimes und auf die Engländer gemünztes Munitionsdepot im altehrwürdigen Pulverturm explodiert. Die Wucht des Delfter Donnerschlags – nach Angaben der Behörden durch rund 40 Tonnen Schwarz-pulver bewirkt – zerstörte, neben dem Turm, 500 Gebäude der Stadt schwer bis vollständig und tötete, von den zahlreichen Verletzten einmal abgesehen, ähnlich viele EinwohnerInnen. Zu diesen zählte auch der 32jährige Fabritius, der in seinem Haus und Atelier in der Doelen-straat gerade den ehemaligen Küster der Delfter Oude Kerk Simon Decker porträtiert hatte. Zudem hielten sich, neben seinem Lehrling Martias Spoors, auch zwei Familienmitglieder im Haus auf, die in den Quellen unterschiedlich oder gar nicht benannt werden. Möglicher-weise befand sich entweder seine Frau Agatha oder aber seine Schwiegermutter Judick van Pruyssen darunter. Alle fünf Anwesenden kamen um.

Daneben dürften, vom Küster-Porträt einmal abgesehen, etliche weitere, im Atelier verwahrte Arbeiten des Meisters verloren gegangen sein. Zu den wenigen Ausnahmen zählt der im Todesjahr entstandene Distelfink (Stieglitz), ein Ölgemälde, das heutzutage durch Reproduktionen massen-haft verbreitet ist. Der betrübte Vogel hat ein goldenes Kettchen am Bein – sein Schöpfer flog in die Luft. Die Szenerie mit den erwähnten frivolen Kirchtürmen wurde von Fabritius‘ Kollege Egbert van der Poel überliefert, der das Bild der Verwüstung damals auf über 20, meist ähnlichen Gemälden festhielt. Den Vordergrund bilden StädterInnen, die Trümmer oder Leichen fortschaffen. Van der Poels Gemütszustand beim Malen möchte man nicht geteilt haben, denn unter den Todesopfern der Katastrophe befand sich auch ein Kind dieses Künstlers.


Falck, Cats 31 (1953–84), schwedische Journalistin, zuletzt für die Nachrichtensendung Rapport des Ersten Schwedischen Fernsehens tätig. Wer sich hier an den Fall Fabian erinnert fühlt, liegt nicht falsch. Wie es aussieht, war Falck gegen Ende 1984 großangelegten illegalen schwedisch-ostdeutschen Waffengeschäften auf der Spur. Kollegen gegenüber machte sie auch entsprechende Andeutungen. Übrigens wurden diese Geschäfte möglicherweise etwas später, 1986, vom schwedischen Regierungschef Olof Palme gestört oder gar unterbunden, weshalb er, wie manche glauben, im selben Jahr erschossen worden ist. Was nun Falck angeht, traf sie sich 1984 an einem Novemberabend mit ihrer Freundin Lena Gräns (32) zum Essen im beliebten Stockholmer Restau-rant Öhrns Hörn. Anschließend spurlos verschwunden, wurden die beiden jungen Frauen erst Monate später, im Mai 1985, auf dem Grund des in der Nähe liegenden Hammarby-Kanals gefunden – tot. Die Leichen steckten in Gräns Auto, wobei freilich Falck am Steuer saß, die Stöckelschuhe trug und ihren Freunden zufolge ohnehin eine schlechte Fahrerin gewesen sei, zu der ein solches Verhalten schlecht passe. Dagegen führen andere die halbe oder ganze Flasche Rotwein ins Feld, die den beiden Frauen das Essen bereichert haben soll. Außerdem seien die Straßen schlüpfrig gewesen. Diese Stimmen bezweifeln auch die angebliche „heiße Spur“ der unerfahrenen Journalistin und halten sie eher für eine Wichtigtuerin. Das kommt natürlich vor. In der Tat räumt auch Arne Lapidus vom Boulevardblatt Expressen Falcks Ehrgeiz ein.* Sie war bei Rapport „nur“ Programmsekretärin, wünschte mit Enthüllungs-Reportage zu glänzen. Aller-dings blieben ihre für den Fall wesentlichen, womöglich von einigen Leuten gefürchteten Aufzeichnungen bis heute verschwunden, wenn ich Lapidus richtig verstanden habe. Und was hatten die Freundinnen gerade in der abseitigen Hafengegend zu suchen? Von daher war der „Unfall“, den die Polizei der Öffentlichkeit aufband, doch eher unwahrscheinlich.

Die meisten BeobachterInnen nehmen denn auch an, die Sache war arrangiert. Manche glauben, der Versenkung im Kanal sei eine Entführung und Betäubung oder gar Tötung der Opfer vorausgegangen. Laut schwedischer Wikipedia stellten die Obduzenten der Leichen einige Merkwürdig-keiten fest. Zum Beispiel fanden sich keinerlei Spuren von einem Versuch der am Kai Abgestürzten, sich aus ihren Gurten und dem Auto zu befreien. Stattdessen hätten sie erstaunlich „ordentlich“ in ihren Sitzen gelehnt. Gleich-wohl gaben die Obduzenten der Annahme „Tod durch Ertrinken“ Priorität. So oder so, es kam zu verschiedenen Verdächtigungen, teils in einem anonymen Brief, ansonsten in etlichen Zeitungsartikeln sowie Verneh-mungen, aber letztlich wurden die Ermittlungen sowohl der schwedischen wie der deutschen Polizei spätestens 2006 eingestellt. Ob auf Wink „von oben“, ist nicht bekannt.

Ein Verdacht wies nach Ostdeutschland. Tatsächlich hatte die DDR-Führung durch Waffenschmuggel an Staaten oder Kampfverbände, die zum Teil reaktionär sein durften wie sie wollten, viele begehrte Millionen an Devisen einge-strichen.** Sie schreckte also keineswegs vor kriminellen und blutigen Machenschaften zurück. Andererseits sollte man bei entsprechenden Zuweisungen bedenken, wie gern „die Stasi“ im Westen als Bock für eigene Sünden vorgeschoben wird. Oder wenigstens damit rechnen, auch im Agentenmilieu kommen mitunter trittbrettfahrende Wichtigtuer vor, wie Lapidus mit einem Beispiel andeutet.

Das betrüblichste Kapitel des Quellenstudenten ist Lena Gräns. Sie scheint völlig unwichtig zu sein. Man erfährt noch nicht einmal, welchem Beruf sie nachging. Aber tot ist sie schon.

* „Dödsgåtan: Cats Falck och väninnan hittades i bilen i hamnbas-sängen“, 26. April 2018
** Patrik Baab / Robert E. Harkavy, Im Spinnennetz der Geheim-dienste. Warum wurden Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby ermordet?, Frankfurt/Main 2017, S. 63/64 und 202–10



Falloppio, Gabriele 39 (1523–62), italienischer Medi-ziner aus Padua. Im besten Mannesalter wurde er selber eine Leiche. Bis dahin hatte der Hochschullehrer für Anatomie, Chirurgie und Pharmazie Hunderte von Leichen seziert und damit wesentlich zur Bereicherung unserer Heilkunst beigetragen.

Am meisten hatten es ihm Ohren, genauer der Bau des menschlichen Gehörs angetan. Außerdem trat er mit bis dahin ungekannten Beschreibungen des weiblichen Eileiters hervor, der deshalb auch als Fallopp’sche Tube oder Tuba uterina (Fallopii) – im englischen Sprachraum: Fallopian tube – bezeichnet wird. Da verwundert es nicht mehr, wenn ihm auch die erste, so weit bekannt, wissen-schaftliche Erwähnung der oft schamhaft verschwiegenen Krankheit zu verdanken ist, die noch bis über Goethe hinaus so manchen Dichter und Denker ins Grab oder an den Rande des Wahnsinns bringen sollte: der Syphilis. Über diese von einem Bakterium verursachte „Franzö-sische Krankheit“ (De morbo Gallico) schrieb er ein ganzes Buch. Bekanntlich wird sie hauptsächlich bei sexuellen Kontakten übertragen, weshalb sie im Volk auch „Lustseuche“ hieß – allerdings gibt man heute weniger den leichtfüßigen deutschen Erzfeinden die Schuld; man nimmt eher an, das Bakterium sei im Dunstkreis von Kolumbus aus Amerika eingeschleppt worden, sozusagen als Rache für die Pocken, den schottischen Whisky und die parlamentarische Demokratie. Als Gegenmaßnahme empfahl der kühne Professor mit Medikamenten und anorganischen Salzen getränkte Leinensäckchen, die man heute Kondome nennen würde. Das wäre etwas für die zeugungstrunkenen Nürnberger Pfeffersäcke gewesen, versicherte Falloppio doch (laut Öncel) bei einem Kongreß, er habe bereits eine Versuchsreihe mit 1.100 Männern hinter sich, von denen sich, aufgrund seines neuen Verhütungsmittels, nicht einer mit Syphilis angesteckt hätte. Ob der Erfinder aus Padua selber Kinder hatte, ist mir nicht bekannt.

Spätestens 1616 (Verlag des Christian Gensch in Frank-furt/Main) konnten auch eingefleischte Deutsch-LeserInnen von Fallopios Erkenntnissen zehren. Ein Jahrhundert später, 1715, verkündete ein am selben Ort erschienenes Werk auf dem Buchdeckel: „Gabrielis Falopii Hochberühmten Medici zu Padua in Italien Neu eröffnete vortreffliche und rare Geheimnisse der Natur: Darinnen In zehen Büchern gehandelt wird, Von Allerhand Olien, Cerotten, Ungventen, Pillulen, Electuarien, Weinen, gebrandten Wassern, zu unterschiedlichen Gebrechen und Kranckheiten ... Sambt etzlichen sehr nützlichen Geheimnissen aus der Chymia, Vormahls vom Authore in Italiänischer Sprache publiciret, itzo aber männiglich zum besten ins Teutsche übersetzet und vermehret mit einem Anhange Von gifftigen Fiebern, Lendenstein, Colica oder Darmgrimmen ... Nützlich zu gebrauchen.“

Ja, woran nun der Wohltäter selber gestorben ist, das wäre noch die Frage. Die meisten Quellen übergehen sie kurzer-hand. Die Enzyklopädie Treccani bringt (1994) zwar einen ausführlichen Artikel, der länger als ein Pferdeschwanz ist, aber zum Tod Falloppios speist sie uns, soweit ich sehe, mit zweieinhalb Zeilen ab. Anfang Oktober 1562 sei der Anatom jäh von „Kopfschmerz“ ereilt worden, „und die Schärfe dieser wahrscheinlichen Pleuropneumonie“ habe ihm binnen weniger Tage den Garaus gemacht. Das kursiv Geschriebene soll eine Kombination aus Lungen- und Rippenfellentzündung sein. Dagegen behauptet Mediziner Çağatay Öncel* aus der türkischen Großstadt Denizli neuerdings, wenn auch nicht weniger knapp, Falloppio sei schon seit einigen Jahren chronisch sowohl erschöpft wie lungenkrank gewesen. Er tippt auf Tuberkulose.

* „One of the Great Pioneers of Anatomy: Gabriele Falloppio“, Bezmialem Science 2016; 3: 123-6


Farinet, Joseph-Samuel 34 (1845–80), schweizer Falschmünzer. Im April 1880 im Kanton Wallis auf der Flucht, wurde der gelernte Schmied und anerkannte Lieb-ling der einheimischen Frauen in einer Schlucht des Flüß-chens Salentze nahe Saillon von Gendarmen eingekesselt. Auf welche Weise er dabei zu Tode kam, ist umstritten. Während die Polizei von einem Unfall sprach, weil Farinet abgerutscht und in die Tiefe gestürzt sei, neigte die Bevölkerung zu der Ansicht, die Hüter des Gesetzes hätten den Gauner mit dem roten hängenden Schnauzbart wie eine Gemse abgeschossen. Eine Obduktion verläuft nach Darstellung der Behörden ergebnislos, weil Farinets zertrümmerter Schädel kaum noch kenntlich gewesen sei. Der junge Augenzeuge Camille Desfayes, später Ober-gerichtspräsident des Kantons, sah dies laut Willi Wottreng* anders: „Ich hob seine Haare auf, und ich sah auf der Stirne ein Loch, in welches ich meinen Bleistift eintauchte. Er kam hinten am Schädel wieder heraus.“

Und was hatte der Gejagte auf dem Kerbholz gehabt? Schmuggel und Falschmünzerei. Er hatte mit seinen Gehilfen vor allem 20-Rappen-Münzen hergestellt, die bei der Bevölkerung rasch beliebter als das Papiergeld der Kantonalbank waren. Der angesehene schweizer Autor Charles-Ferdinand Ramuz gab den Verbrecher 1932 in seinem Roman Farinet oder das falsche Geld als Freiheits-helden aus. Für Wottreng fanden die beiden zueinander, weil auch Ramuz das Fälschen liebte, beispielsweise Farinet auf eine Goldader stoßen ließ. Aber große Sympa-thien genießt der Ganove schon – nicht zuletzt in dem Bergstädtchen Saillon, das mit einem Falschgeldmuseum glänzen kann. Andrej Abplanalp behauptet prompt**, Farinet habe damals so manches Rappenstück unter arme Leute geworfen, sodaß es ihm gelungen sei, sich den Ruf eines „Robin Hoods der Alpen“ zu erarbeiten. Neuerdings kursiere im Wallis sogar eine Alternativwährung zum Franken, der Farinet, der in zahlreichen Geschäften als Zahlungsmittel anerkannt werde. Als „Historiker und Kommunikations-Chef des Schweizerischen National-museums“ muß es Abplanalp ja wissen.

Das Geld ist sicherlich ein vertracktes Phänomen. Die Frage, warum es betrügerische Faulpelze wie die Fliegen anzieht, ist allerdings keineswegs vertrackt. Man versuche einmal, eine Salatgurke, eine Kaffeemühle oder ein Chorwerk des schweizer Komponisten Frank Martin zu fälschen – ein mühsames und oft verfehltes Geschäft! Am leichtesten läßt sich selbstverständlich Buchgeld fälschen, deshalb werden die Schlaumeier meistens Bankiers. Zumal in der Schweiz.

* Farinet, Zürich 2008
** „Der Geldfälscher aus dem Wallis“, Nationalmuseum CH (Zürich), April 2020



Farrokhzad, Forough 32 (1935–67), iranische Schrift-stellerin, Filmerin – und Lebensretterin? Die Offiziers-tochter erfuhr einige Bildung, löste sich um 1955 aus einer frühen Ehe und begann Gedichte zu schreiben. Die einen verdammten, die anderen feierten die moderne, freizügige, sozialkritische, zufällig auch bildhübsche Autorin und Frau. Farrokhzad veröffentlichte mehrere Lyrikbände und arbeitete gelegentlich mit der Filmkamera. Sie reiste viel, darunter in Europa, hatte demnach nicht am Hungertuch zu nagen. Ihre letzte Reise beschränkte sich auf ihren Wohnort Teheran. Weil das wenig hermacht, heißt es in etlichen, vermutlich Wikipedia-geleiteten Darstellungen, sie habe (im Februar 1967) mit 32 Jahren einen Autounfall gebaut, weil sie den Zusammenstoß mit einem „Schulbus“ vermeiden wollte. Ich halte das keineswegs für undenkbar, ziehe aber die folgende persisch-englische Darstellung vor. Danach kam Farrokhzad in ihrem Jeep Station Wagon von einem angenehm verlaufenden Mittagsbesuch bei ihrer Mutter. An einer Kreuzung in Darrous (einem nördlichen Stadtteil von Teheran) versuchte sie, warum auch immer, einem ihr entgegen kommenden Fahrzeug („vehicle“) auszuweichen. Dadurch prallte sie vor eine Hauswand, wurde auf die Straße geschleudert, zog sich schwere Kopfverletzungen zu.* War sie am Ende zu schnell oder zu gedankenverloren gefahren? Oder ein Opfer des gegne-rischen, rowdyhaften Fahrers? Solche Details (vom riesi-gen „Schulbus“ also abgesehen) werden nirgends mitge-teilt. Jedenfalls starb die Lyrikerin noch am Unfalltag. Damit war sie reif für den Aggregatzustand der Ikonen.

* „Forough Farrokhzad / The most famous woman in the history of Persian literature“, Iran Chamber Soceity, abgerufen Ende 2020


Fassbinder, Rainer Werner 37 (1945–82), Filme-macher. Für den Vorspann will ich den Metzgergesellen Armin Meier (1943–78) mißbrauchen. Dessen Start hätte kaum schlechter sein können: man sagt, er sei in einem von der SS betriebenen Lebensborn-Kinderheim aufge-wachsen. Im Mai 1978 nahm sich der ungefähr 35jährige in München mit einer Überdosis Schlafmittel das Leben, angeblich aus Liebeskummer. Möglicherweise hätte dieser Umstand niemals einen Hund hinter dem Ofen hervor-gelockt, hätte sich Meier nicht vier Jahre zuvor, in der bekannten Münchener Homosexuellen- und Künstler-gaststätte Deutsche Eiche, an einen Stammgast namens Rainer Werner Fassbinder geschmiegt.* Meier war zu diesem Zeitpunkt Kellner oder Zapfer, Fassbinder ein umstrittener und deshalb berühmter Filmemacher gewesen. In der Folgezeit ging Meier in etliche Werke des Meisters ein, doch 1978 entzweiten sich die beiden.

Fassbinder selber, inzwischen 37, aber im Charakter so schwierig wie immer, trat vier Jahre darauf in München während der Schlußarbeiten an seinem Film Querelle ab. Die meisten Quellen halten seinen durch Überarbeitung, Kokain, Schlaftabletten und Alkohol bewirkten „Herzstillstand“ für einen Selbstmord, jedenfalls einen „auf Raten“, womit er mit Meier gleichgezogen hätte. Querelle hatte er übrigens Meiers Vorgänger El Hedi Ben Salem gewidmet, der sich 1977, laut Guardian vom 8. Januar 1999, in einem französischen Gefängnis erhängte, in das er durch eine Messerstecherei oder einen Raubüberfall geraten war. Andere Quellen sprechen von Herzinfarkt beim Gefängnisfußball; für die Stuttgarter Zeitung vom 9. Juni 2012 hat er sich totgetrunken. Wie auch immer, der schwarzbärtige Hauptdarsteller von Fassbinders Angst essen Seele auf, ein Nordafrikaner, starb mit ungefähr 42 und war von Fassbinder sehr wahrscheinlich „nach Verwendung“ so vernachlässigt worden, wie man es von Fassbinder kannte. Andererseits scheint Salem das Wohlergehen seiner Frau und seiner Kinder der Filmkarriere geopfert zu haben. Man ist hier verlockt, an einen bekannten Italo-Western aus 1968 zu denken: Leichen pflastern seinen Weg. Oder, Fassbinder, Salem und die laut Bild-Zeitung „unschönen Graben-kämpfe“ ums Erbe von Fassbinder zusammengezogen, ihren Weg.

* Michael Stadler, „Das zweite Wohnzimmer“, Münchener Abend-zeitung, 2. April 2012


Favretto, Giacomo 37 (1849–87), venezianischer, mög-licherweise etwas gefälliger Genremaler. Für sein hübsches Ölgemälde Fahrende Musikanten finde ich kein Entste-hungsjahr. Der Sprößling eines kinderreichen Schreiners oder Zimmermanns war von einem Grafen gefördert worden. 1878 Paris-Reise (Weltausstellung), eigene Austellungs-Erfolge bereits ab 1873. Eine „schwere Krank-heit“ bringt ihm allerdings schon mit knapp 30 (1877) den „Verlust eines Auges“ ein und sorgt auch für seinen Tod mit 37.* Favretto, offensichtlich sehr begabt, malt natur-getreu, aber nicht glatt. Seine Szenen haben etwas Flocki-ges, gar Zerbröckelndes. Brockhaus spricht von „typischem venezianischem Realismus“. Man wüßte natürlich gern, wie sich der Künstler welche todbringende Krankheit zugezogen habe, doch das Internet verrät es nicht.

* Rossella Leone im Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 45 (1995)


Fedotow, Pawel A. 37 (1815–52). Der Russe wandte sich erst nach einer Militärzeit, die er (in Sankt Petersburg) als Fähnerich abschloß, der Malerei zu. Im Vergleich zu Favretto war er jedenfalls der bissigere Genremaler. Tatsächlich galt er später als Pionier des kritischen Realismus. Zu Lebzeiten fand er nicht viel Beachtung – wenn auch gelegentlich, wegen der satirischen Züge seiner Gemälde und seiner Nähe zu aufmüpfigen Geistern wie Dostojewski oder Herzen, durch die zaristische Zensur. Ob diese auch dabei nachhalf, ihn in einer Irrenanstalt (wohl in Petersburg) zu versenken, kann ich nicht beurteilen. Laut englischer Wikipedia war er in seinen letzten Jahren, die er offenbar zurückgezogen in seiner Heimatstadt Moskau verbrachte, recht gebrechlich geworden. Er alterte sichtlich und litt an Kopfschmerz und Sehschwäche. Vielleicht ein Fall für Falloppios Leinensäckchen ..? 1852 habe sich zu seiner zunehmenden Melancholie auch noch Liebeskummer gesellt. Ja, mehr noch, fiel Fedotow nun sogar durch „seltsames“ Verhalten auf, etwa Geld zum Fenster hinaus zu werfen, obwohl er geringe Einkünfte hatte, und etlichen Damen gleichzeitig Heiratsanträge zu machen. Schließlich holte ihn die Polizei und verfrachtete ihn in die Anstalt. Die dortigen brutalen Kuren trugen nicht gerade zu seiner Genesung bei. Einige Freunde sollen ihn besucht und sich für ihn eingesetzt zu haben – offensichtlich vergebens. Ende November lag er im Sarg.


Fenslau, Torsten 29 (1964–93). Der südhessische Disc-jockey, Songschneider und Musikproduzent soll etlichen „Klassikern des deutschen Techno“ ans Licht der Öffent-lichkeit verholfen haben, darunter dem Titel Heute ist ein guter Tag zum sterben. Das war 1992 und damit nur geringfügig verfrüht. Im folgenden Jahr, genauer am Samstag den 6. November 1993, wurde Fenslau, inzwischen 29, der Besuch einer Geburtstagsparty zum Verhängnis, die in der zwischen Frankfurt/Main und Darmstadt gelegenen bekannten Discothek Paramount Park, Rödermark, stattfand. Auf der nächtlichen Heimfahrt kam er bei Messel mit seinem Mercedes 500 SL von der Fahrbahn ab und prallte gegen einen Baum. Fenslaus Begleiterin überlebte – wenn auch vermutlich nicht ganz unbeschadet. Angeblich hatte ihr Fahrer „übermüdet“ am Steuer sitzen müssen, sei er doch noch am Morgen für „Promotion“ in New York City gewesen. Jedenfalls war er kein Lahmarsch, wie ja auch der Wagen zeigte, den er fuhr.


Fernandão 36 (1978–2014), brasilianischer Fußballer. Er kam bei einem Luftverkehrsunfall in der Nähe seines in Aruanã gelegenen Landsitzes um. Verstehe ich den Bericht* eines einheimischem Portals richtig, wollte man in die knapp 400 km östlich gelegene Hauptstadt Brasilia reisen, kam aber nur ein paar Kilometer weit. Der 36jäh-rige einstige Stürmer, anschließend Vereinsmanager und Fernsehkommentator, hatte mit vier Bekannten, darunter ein Stadtrat aus Palmeiras de Goiás, einen Hubschrauber bestiegen, der kurz nach dem mitten in der Nacht erfolgten Start, ansonsten aus ungenannten Gründen, aufs Ufer des Rio Araguaias fiel – offenbar wie ein Stein. Der Hub-schrauber brach auseinander. Obwohl er anscheinend nicht in Flammen aufging, gab es keine Überlebenden. Am Steuer hatte ein Militärpilot gesessen, Milton Ananias. Ein Untersuchungsbericht ist nicht aufzutreiben. Nach NBC Sports (USA) vom selben Tage meinte ein Feuerwehr-mann, der Ex-Fußballer sei routinemäßig im Hubschrau-ber eines Geschäftspartners unterwegs gewesen, „was er ungefähr jede Woche“ getan habe. Der Absturz war nicht eingeplant.

* Paulo Ludwig, „Fernandão, ídolo do Internacional, morre em acidente de helicóptero“, Globo Esporte (São Paulo), 7. Juni 2014


Ferris, George W. G. 37 (1859–96), US-Bauingenieur in Pittsburgh, der Stahlkocherei von Pennsylvania. Um etwas auszuholen: Straßenpflaster, damit die Gäule der Republik nicht im Schlamm versinken, und eine leicht gewölbte Steinbogenbrücke, die (1904) den eher schmalen Hauptfluß Kus der Mollowina überspannt – das wäre ihm bestimmt zu langweilig gewesen. Zwar hatte er zunächst im Eisenbahn- und Brückenbau gearbeitet. Um 1890, inzwischen verheiratet, gründete er eigene Firmen. Doch dann nahte die für 1893 in Chicago, Illinois, geplante sogenannte Weltausstellung. Die Organisatoren suchten fieberhaft nach einem ungewöhnlichen Bauwerk, das imstande wäre, den Pariser Eiffelturm (von 1889) in den Schatten zu stellen – und Ferris hatte den entscheidenden Geistesblitz: ein großes Rad, das statt Wasser Menschen beförderte. Man genehmigte sein Projekt schließlich unter der Bedingung, er habe es selbst zu finanzieren. Nun waren solche Dinger nicht unbedingt brandneu, aber das von Ferris war einzigartig riesig. Das Ferris Wheel oder Riesenrad maß im Durchmesser 75 Meter und wies 36 breite Gondeln auf, in denen jeweils 60 Personen Platz finden konnten. Allein die auf zwei Zwergeiffeltürme gehievte Achse wog fast 90 Tonnen.* Tatsächlich fand Ferris‘ Ding regen Publikumszuspruch – aber nachdem das Fest gelaufen war, verstrickte er sich in Rechtsstrei-tigkeiten wegen seiner Verbindlichkeiten an Lieferanten und seiner Forderungen an die Eintrittsgeld-Einzieher-Innen und verschuldete sich deftig. Davon litt seine Gesundheit mehr, als wenn man ihn in einer Kabine seines Rades an den Sitz gefesselt hätte. Und als er 37 war, gab ihm eine Typhus-Erkrankung den Rest.

* Jamie Malanowski, „The Brief History of the Ferris Wheel“, Smithsonian Magazine, Juni 2015


Fields, Herbie 39 (1919–58), weißer US-Jazzmusiker (Bläser), anfangs beim Militär, lebte meist in NYC oder Chicago. Für AllMusic war Fields „a fine swing era player who wasn‘t able to fully switch over to bop“, also ein Hinterwäldler mit Schlappen, der den Trend zum Stöckel-schuh verpaßt hat. Pianist Evans hielt ihn für einen ausgezeichneten Vorläufer des Rock 'n' roll – diese Welle war im Anrollen, sie brachte Millionen an Dollars, „but nothing for Herbie Fields“ … Der umtriebige Fields kannte durchaus viele Leute, neben Bill Evans etwa Lionel Hampton und den jungen Miles Davis; er leitete etliche, unterschiedlich große eigene Bands, schaffte aber ersichtlich nie den berüchtigten „Durchbruch“. Zuletzt hatte er eine Kneipe in Miami, Florida, wo er auch noch auftrat. In dieser recht aufgeheizten Stadt brachte er sich als 39jähriger mit Schlaftabletten um. In einer Selbstmord-Note soll er versichert haben, „I have completed my mission in life“. Das klingt nach Selbstironie. Während man von der Kneipe immerhin hört, sie habe The Rancher geheißen, erfährt man über Fields Gemütshaushalt und Schlafzimmerdunst gar nichts. Der Vorhang bleibt zu.


Filtsch, Carl 14 (1830–45), Pianist, altösterreichisches Wunderkind. Auch an ihm, Sprößling eines siebenbür-gischen Pfarrers, von Gräfin, Kaiser, Chopin, Liszt gefördert, gingen die Millionen vorbei. Er war erst knapp 15, als er in Venedig der Tuberkulose erlag. Obwohl der Musikerzieher Ernst Irtel 1993 ein ganzes Büchlein über ihn verfaßte (was Fields gleichfalls nicht schaffte), droht Filtsch anscheinend ins Vergessen abzurutschen. Dagegen läuft neuerdings die Drehbuchautorin und Regisseurin Brigitte Drodtloff Sturm, die entschlossen ist, „dem Musikgenie die Unsterblichkeit zurückzugeben“.* Sie ist empört, weil der zartbesaitete, vielleicht etwas manische Knabe schließlich zu seiner Zeit „ein Star“ gewesen sei, mit beifallumrauschten Auftritten von London bis Neapel. Sie führt eine Bemerkung von Größenverehrer Stefan Zweig ins Feld: „Niemand ist fort, den man liebt; Liebe ist ewige Gegenwart.“ Drodtloffs Liebe scheint erst zu greifen, wenn einer schon einmal ein Star gewesen ist.

* So Nina May, „Das vergessene Wunderkind aus Siebenbürgen“, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien (Bukarest), 9. Juni 2017


Fischer, Adolph 29 (1858–87), Schriftsetzer unter anderem der Arbeiter-Zeitung (Chicago), US-Justizopfer „Haymarket“. Um den 1. Mai 1886, damals noch kein offizieller „Kampftag der Arbeiterklasse“, fanden in etlichen Städten der USA Streiks und Unruhen statt. Im Mittelpunkt stand die Forderung nach einem Acht-Stunden-Tag. Besonders blutig verliefen die Unruhen in Chicago, wo es auf beiden Seiten, ArbeiterInnen oder BürgerInnen und Polizei, im ganzen etliche Dutzend Tote gegeben haben dürfte, dazu Unmengen an Verletzten. Ein Teil dieser Opfer ging auf das Konto einer Bombe, die am 4. Mai auf dem Haymarket-Square explodierte. Obwohl der Werfer der Bombe von nicht einem Zeugen gesehen geschweige denn erkannt worden war, wurden acht „Rädelsführer“ der Unruhen, die man schon seit langem hatte loswerden wollen, verhaftet und sieben von ihnen zum Tode verurteilt. Es waren überwiegend Anarchisten. Vier der Verurteilten wurden im November 1887 gehängt, während ein Fünfter (Lingg) vorher Selbstmord begangen haben soll. Außer George Engel (51) – gelernter Schuh-macher, später Spielzeugladeninhaber; Mitgründer der Sozialistischen Arbeiterpartei Nordamerikas; Vater von zwei Kindern – waren alle Todesopfer unter 40: Neben dem 29jährigen Adolph Fischer handelte es sich um Albert Parsons (39), Schriftsetzer und Herausgeber des anarchistischen Wochenblatts Alarm; August Spies (31), Chefredakteur der sozialistischen Arbeiter-Zeitung; Louis Lingg (23), Tischler und Redakteur der Zeitschrift Der Anarchist.

Als die Gehängten schon fünfeinhalb Jahre unter der Erde lagen, zeigte der amtierende Gouverneur von Illinois John Peter Altgeld seltenen Mut: er begnadigte die restlichen Verurteilten im Juni 1893 – weil sämtliche acht Ange-klagten des Haymarket-Verfahrens unschuldig gewesen seien. Damit hatte er immerhin seiner eigenen politischen Karriere das Grab geschaufelt. Heute zählt die Haymar-ket-Affäre nahezu unbestritten zu den schwerwiegendsten und folgenreichsten US-Justizmorden. Nicht nur in den Staaten war sie ein willkommener Anlaß, die Repression zu verschärfen. Zugleich schuf sie selbstverständlich Tausende von neuen „Anarchisten“ – sowohl pazifistisch wie gewalttätig gestimmte. Zu ihnen zählten die späteren Theoretikerinnen Voltairine de Cleyre und Emma Goldman, die im Jahr der vier Hinrichtungen und des einen angeblichen Selbstmordes um 20 waren. De Cleyre wurde nur 45, weil sie selber noch Bekanntschaft mit einem Mordversuch machte, der zu ihrem Tod (in Chicago 1912) zumindest beitrug. Die Haymarket-Affäre hatte den USA überdies, Christian Dezer zufolge*, das erste tödliche Bombenattentat ihrer Geschichte beschert. LeserInnen von Tim Weiners umfangreichen CIA-Studie** werden getrost ergänzen können, es sei auch das erste „getürkte“ tödliche Bombenattentat in der Geschichte der USA gewesen.

Seit nunmehr vier Jahren quälen mich die wenigen Online-Portale, die ich einigermaßen regelmäßig aufsuche, mit Berichten über den großartigen Fortgang der amtlichen und journalistischen Untersuchung, wer eigentlich für die rund ein Dutzend Toten auf dem Berliner Weihnachts-markt von 2016 verantwortlich sei. Der als Top-Terrorist gehandelte Tunesier Anis Amri kann es leider nicht mehr verraten, weil ihn die Polizei „auf der Flucht“ erschossen hat. Die Ungereimtheiten in den Ermittlungen stapeln sich inzwischen in Gedächtniskirchenhöhe. Jedes Kind sieht deutlich, hier wurde um der Steigerung der lieben „Sicherheit“ willen wieder mal ein geheimdienstliches Ding gedreht, das so schmutzig ist wie das Schuhkalbsleder unserer PolitikerInnen nach einem Adventsspaziergang. Aber die fruchtlose Posse der sogenannten Untersuchung wird gnadenlos durchgezogen. Rechnen Sie sich einmal aus, wieviele Millionen die schon gekostet hat. Und wieviele Millionen nichtweißer Kinder man davon für Monate satt machen könnte. Gewiß ließe sich einwenden, dann würden aber soundsoviele PolitikerInnen, Journa-listen und Juristen arbeitslos. Ja, wunderbar! Die können wir nach Tunesien schicken, die Wüsten bewässern.

* Zeit-Online 1. Mai 2010
** New York 2007, deutscher Titel CIA. Die ganze Geschichte



Fisk, James 37 (1834–72). Die Sorgen der Anarchisten im Lande hatte Fisk nicht. Ihm schwebte eine große kapitalistische Karriere vor, nur kamen ihm schnöde Liebeshändel dazwischen. Nach kurzem Schulbesuch und einem Gastspiel als Zirkusarbeiter war der Sohn eines vermonter Hausierers zwar nicht Tellerwäscher, aber immerhin Hotelkellner geworden. Die wahre Entfaltung seiner Begabung und seines Fleißes bot sich ihm allerdings erst in einem Bostoner Textilgeschäft, das ihn als Verkäu-fer einstellte. Im Nu war er Mitinhaber dieser Firma. Da er die Bürgerkriegswirren in den USA außerdem zu überteuerten Restposten-Verkäufen an die Armeen beider Seiten und dem Schmuggel von Baumwolle zu nutzen verstand, kam er schon um 30 zu ansehnlichem Reichtum.

Doch jetzt stach Fisk, der zugleich grobschlächtig und schmerbäuchig gestrickt war, der Hafer erst recht. 1864 wurde er Börsenmakler in New York City und Partner von Daniel Drew, der seine Ärmel gegen den berüchtigten Eisenbahnmagnaten Cornelius Vanderbilt aufgekrempelt hatte. Durch Drew kam er gemeinsam mit Jay Gould, einem anderen windigen Geschäftsmann, in den Vorstand der Erie Railroad. Nun, da Vanderbilt abgeschmettert war, ging Fisk zum Nachtisch über: er trickste und bootete gemeinsam mit Gould Drew aus. Damit kontrollierten sie das Bahnunternehmen und machten sich daran, es systematisch auszuplündern. Das ging mit kühnen Schachzügen an der Börse und der Bestechung hoher Richter und Politiker einher, darunter William „Boß“ Tweed. Hätte sich nicht US-Präsident Grant im letzten Augenblick als wachsame Dogge erwiesen und ihnen einen Fallstrick gelegt, der als „Schwarzer Freitag“ (24. Septem-ber) des Jahres 1869 in die Annalen einging, hätten sie sogar, mit der Hilfe von Grants Schwager Abel Corbin, den ganzen Goldmarkt aufgekauft. Sie kamen mit einem blauen Auge davon; Corbin ging pleite. Allerdings wurde Gould, wenn ich die englischen Quellen richtig verstehe, im März 1872 aufgrund der ganzen Freibeuterei bei der Erie Railroad gefeuert. Das wäre ohne Zweifel auch Fisk passiert, hätte ihm der junge gutaussehende Geschäfts-freund Edward S. Stokes nicht schon vorher das Lebens-licht ausgeblasen. Das kam so:

Fisk liebte Pomp und Ausschweifungen. Zwar hatte er in jungen Jahren Lucy Moore geheiratet, ein Waisenkind, das möglicherweise lesbisch gestimmt war. Doch sie lebte längst mit einer Freundin in Boston und duldete alle Eskapaden ihres Räuberbarons*. Der hatte sich in NYC, wo er auch als Geldgeber für Broadway-Produktionen auftrat, inzwischen ein anrüchiges „Showgirl“ als Geliebte zugelegt, Josie Mansfield, was in der „guten Gesellschaft“ auf viel Mißbilligung stieß. Aber dann gab sie sowieso jenem Stokes den Vorzug. Stokes verließ Frau und Kinder, Mansfield ließ Fisk sitzen. Allerdings nahm sie Briefe von Fisk mit, in denen auch von einigen seiner kaufmän-nischen und politischen Gaunerstücken die Rede war. Doch Fisk hielt allen Erpressungsversuchen stand und zeigte sich auch in einem Rechtsstreit mit Stokes über eine gemeinsam betriebene Ölraffinierie unnachgiebig. Drohende Pleite im Verein mit seinem Haß auf den Ex-Aushälter Josies genügten dann offenbar, um Stokes am 6. Januar 1872 ins New Yorker Grand Central Hotel zu bewegen. Dort ersparte er dem 37jährigen Fisk den Raus-wurf aus dem Eisenbahnvorstand, indem er ihn erschoß. Stokes kam ins Gefängnis, Fisk auf den Hill Cemetery in Brattleboro, Vermont.

* Judith Lembke, „Vom Wanderzirkus zur Wall Street“, FAZ, 4. April 2009


Fortsetzung (Fit–Fried)
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