Freitag, 1. Januar 2021
LdF Folge Eba–Esp

Ebossé Bodjongo, Albert 24 (1989–2014), Berufsfuß-baller. Sein letzter Club, der JS Kabylie aus Tizi Ouzou, Algerien, machte Ende August 2014 durch irgendein Wurfgeschoß von sich reden, jedenfalls in der amtlichen Version. Das Objekt sei – mit zahlreichen anderen Gegenständen, darunter anscheinend Bruchstücke von Dachziegeln – kurz nach einer Heimspiel-Niederlage gegen USM Algier (1:2) auf den Platz geflogen und habe den dunkelhäutigen 24 Jahre alten kameruner Stürmerstar des Heimspielclubs so schwer am Kopf verletzt, daß er kurz darauf im Krankenhaus gestorben sei. Hinter dem Hagel von Wurfgeschossen auf die in die Kabinen flüchtenden Spieler der Heimmannschaft sollen enttäuschte Fans gesteckt haben. Zwar hatte just Ebossé das Tor zum Ausgleich erzielt, doch das war beim Abpfiff schon vergessen. Allerdings wurde diese Darstellung ein paar Monate später aufgrund einer von den Eltern veranlaßten Autopsie angezweifelt. Möglicherweise sei der „Publikums-liebling“ aus nächster Nähe angegriffen und erschlagen worden, meldete der Guardian unter Berufung auf den kamerunischen Pathologen André Moune.* Dieser verlegt den Tatort sogar in die Umkleidekabine und bringt aufgrund einer Schulterwunde zudem ein Messer ins Spiel. Am selben Tag äußert sich BBC ähnlich** – nur läßt sie das Messer weg, führt dafür jedoch ein von Moune erwähntes Video ins Feld. Es zeige den Stürmerstar beim Abgang Richtung Umkleidekabinen schützend von Polizei umringt und unversehrt. Ohnehin hätte ein Wurfgeschoß von den Rängen her niemals die Wucht besessen, die aus den Verletzungen spreche. Es müsse ein Kampf stattgefunden haben.

Über die Stichhaltigkeit oder gar den Sieg dieser Theorie kann ich nichts finden. Auch von Rassismus ist nirgends die Rede. Die AnhängerInnen des JS Kabylie sind ganz überwiegend Berber, die möglicherweise auf einen „Neger“ ähnlich schlecht wie auf den erfolgreichen Club USM aus der algerischen Hauptstadt zu sprechen sind. Aber ein Motiv für einen Mord oder jedenfalls einen tödlich ausgehenden Streit in einer Umkleidekabine unmittelbar nach einem Fußballspiel ist schon ziemlich schwer vorstellbar.

* „New autopsy claims Albert Ebossé was stabbed and beaten to death in Algeria“, 18. Dezember 2014
** „Albert Ebosse: New tests claim Cameroonian died after beating“, 18. Dezember 2014



Eckhardt, Jenny 34 (1816–50), westschweizer Porträt- und Stillebenmalerin aus der „Düsseldorfer Schule“, wenig bekannt. Wie es aussieht, verdanken wir das biografische Material über Eckhardt im wesentlichen einem ausführ-lichen Porträt aus der Feder des vielseitigen Gelehrten Louis Favre, das er im Sommer 1880 (auf französisch) für das von ihm mitgegründete Musée Neuchatelois verfaßte. Ich bekam es freundlicherweise vom benachbarten Musée des beaux-arts La Chaux-de-Fonds. Favre, geboren 1822, hatte die Künstlerin noch persönlich kennengelernt. Das war 1846 gewesen, just in der Gebirgsstadt La Chaux-de-Fonds, Kanton Neuenburg, die schon fast in Frankreich liegt. Favre weist zurecht daraufhin, eine Malerin war damals noch Ausnahme, und wenn sie dann auch noch aus ärmlichen Verhältnissen stammte, konnte man nur staunen. Der junge Gelehrte sieht sich einer hochgewach-senen, dunkelhaarigen Dame gegenüber. Sie beeindruckt, „ohne sehr hübsch zu sein“, durch charmante Züge, Anmut, Vornehmheit – und Zweisprachigkeit. Dabei hatten die Briefe an ihre Schwester über Jahre hinweg nur so von Fehlern gewimmelt, weil sie bereits mit 14 zu einer Näherin in die Lehre gegeben worden war. Ihre Kindheit nennt Favre kurz und schmerzhaft „miserabel“. Mit 10 hatte sie ihre Mutter verloren. Nach dreijähriger Ausbildung fehlen ihr die Mittel für eine eigene Werkstatt. Aber seit sie im Haus einer Kundin von einem Gemälde Léopold Roberts gepackt worden ist, will sie sowieso Malerin werden. Pech, wenn La Chaux in dieser Hinsicht einer Wüste gleicht, von ihrer Armut einmal abgesehen. Mit 20 verdingt sie sich in Deutschland, zuletzt, um 1840, als Kindermädchen irgendeines Doktors im weit entfernten Königsberg.

Offenbar war der Mann ihr Glück. Er gestattet ihr, am Zeichenunterricht seiner Kinder teilzunehmen, und unterstützt dann sogar ihr Bestreben, in der Malerstadt Düsseldorf zu landen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Von Liebschaften oder entsprechenden Sehnsüchten der Jenny Eckhardt fällt bei Favre im ganzen Text kein Komma, falls mich die Fremdsprache nicht narrt. Und diese Beobachtung setzt einem Dritten von heute schon ziemlich zu. Selbst in der „Malerstadt“ scheint das Komma nicht zu fallen. Dort hat Eckhardt ab 1842 Privatunterricht bei Carl Ferdinand Sohn (1805–67), seit 1838 Akademieprofessor. Ende 1845 „muß sie“ heim-kehren – vielleicht aus finanziellen, vielleicht aus libidinösen Gründen. Wir wissen es nicht. Die Schwester tritt der frischgebackenen Malerin ein Zimmer ab. Eckhardt verlegt sich zunächst auf kleine, sehr ähnliche Porträts, die guten Anklang finden. Man bedenke dazu, es gab noch keine Fotografie. Ohne Atelier, zieht Eckhardt von einem Kunden zum nächsten, wobei sie auch bewirtet wird. 1847 drängt es sie noch einmal nach Düsseldorf zurück; sie lernt viel, spürt aber auch schon Erschöpfung. Das Angebot einer Frau von Brandt in Stuttgart muß sie scheints ausschlagen; wahrscheinlich scheitert es an revolutionären Wirren. Die erleidet Eckhardt freilich kaum selbst. Wie Favre sie malt, geht ihr Politik völlig am Naturell vorbei, obwohl sie ja Elend und wohlhabende Kundschaft zur Genüge kennt. Sollte er richtig liegen, trennten sie beispielsweise von der Revolutionärin und Schriftstellerin Amalie >Struve, die kurz nach dem gescheiterten badischen Aufstand vorübergehend in Genf wohnte, mehr als nur ein paar Höhenzüge.

Bald nach ihrer Rückkehr nach La Chaux im Sommer 1848 setzt, so Favre, eine nicht gut- oder nicht auskurierte Erkältung den Keim der Krankheit, an der sie zwei Jahre später, mit 34, sterben wird. Am ehsten steckte wohl das Tuberkulose-Bakterium dahinter, das sich ihren seit Kindheit angegriffenen Zustand zunutze machte. Zur Erkältung kommt das rauhe Gebirgsklima und das schwierige Naturell ihrer Schwester, wohl auch Ärger mit anderer Verwandtschaft, vielleicht der Vater. Von diesem erfährt man ebenfalls kein Wort. Bei der Tochter schlagen Kurkliniken nicht an. Sie hustet und friert viel. Kurz vor Weihnachten 1850 stirbt sie schließlich. Aber das geschah wohl kaum in einem Verschlag. In der Familie eines Hauptmann Vougas scheint Eckhardt zuletzt noch Fürsorge gefunden zu haben. Favre behauptet, sie klagte nie, sie langweilte sich nie. Sie sei religiös, einfach, bescheiden gewesen; entsprechend habe sie nicht ein Porträt hinterlassen, das sie selber zeigte. Was sie laut Fabre verabscheute, waren Klatsch und Intrigen und ähnliche zeitraubende, sinnlose oder für andere schädliche Vergnügen. Eher als die Arbeit habe Trauer sie getötet. Ob sie „eine große“ geworden wäre, sei schwer zu ermessen. Jedenfalls habe sie wie kaum einer mit Eifer und Selbst-losigkeit der Kunst gedient. Naja … Diese „Selbstlosigkeit“ hätten Camille Claudel oder Alberto Giacometti wahrscheinlich mit einem Augenzwinkern dargestellt.

Eine enge Nachfahrin in mancherlei Hinsicht dürfte Madeleine Woog gewesen sein, 1892–1929. Nach Angaben aus einem jüngeren Museums-Katalog* besuchte Woog die Kunstschule in La Chaux-de-Fonds. In Paris (ab 1911) lernt sie ihren späteren Gatten kennen (1920), den Maler Charles Humbert, mit dem sie auch noch Italien besuchen wird. Sie hat einige Ausstellungen. Sie hat auch Neigung zu Poesie, Musik und Tanz, wird jedoch um 1924 von Tuberkulose befallen, woran sie schließlich, nach langen Krankenhausaufenthalten, 36jährig in Zürich stirbt. Der Katalog zeigt ein beeindruckendes, eher dunkel gehaltenes Selbstporträt von 1926, wohl in Öl. Es wirkt beinahe belustigend, obwohl die breitbeinig sitzende Dame mit Hut und Mantel bereits dem Tod ins Auge zu blicken scheint. Eine derart gefaßte Trauer ist selten.

* Katalog der Sammlung des Musée des beaux-arts La Chaux-de-Fonds, Institut suisse pour l'étude de l'art, Lausanne 2007, S. 200–1


Eddy, Fannyann 30 (1974–2004), sierra-leonische Lesbe, ermordet. Im April 2004 hatte die Gründerin des ersten Lesben- und Schwulenverbandes in Sierra Leone vor der UN-Menschenrechtskommission gesprochen und dabei die nahezu straflose Duldung von sexistisch motivierter Gewalt in ihrem Heimatland angeprangert. „Angst ist unser ständiger Begleiter.“ Im September war die 30jährige tot. Man fand sie vergewaltigt, verstümmelt, mit gebrochenem Genick im Büro des Verbandes in Freetown. Sie hinterließ einen neunjährigen Sohn und ihre Lebensgefährtin.*

Im selben Jahr wurde die aus Tunesien stammende 23jährige Boutique-Angestellte Ghofrane Haddaoui, die kurz vor ihrer Hochzeit stand, auf einem Ödland am Rand von Marsaille durch zwei wohl noch minderjährige Männer gesteinigt und dadurch getötet. Die grausam entstellte Leiche wurde erst nach einigen Tagen gefunden. Wahr-scheinlich hatte sich der Haupttäter, ebenfalls Tunesier, zurückgewiesen gefühlt. Ein Gericht verhängte 2007 hohe Haftstrafen. Ist meinem Brockhaus in dieser Frage zu trauen, läßt sich der Brauch „Steinigung“ nicht so leicht den modernen Teheraner Mullahs in die Schuhe schieben, wurde er doch bereits bei Griechen, Juden und Germanen gern geübt, dabei keineswegs ausschließlich gegen Frauen. Den Jesus hätte es auch fast erwischt. Frau Merkels Kabinett denkt bereits über die Verordnung nach, zu jeder Corona-Schutzmaske gleich einen Pflasterstein auszu-geben, gegen die Unmaskierten.

* Hirschfeld-Eddy-Stiftung


Edwards, Duncan 21 (1936–58), englischer Berufs-fußballer. Der als großes Talent gefeierte Außenläufer von Manchester United kam blutjung in München um. Er hatte mit seiner Mannschaft ein erfolgreiches Auswärtsspiel bei Roter Stern Belgrad hinter sich. Vor allem wegen Schneematsch auf der Startbahn, heißt es meist, mißlang es der Maschine, die 44 Menschen an Bord hatte, am 6. Februar 1958 nach dem Auftanken in München wieder abzuheben. Sie brach durch eine Gärtnerei, zerschellte und fing Feuer – 23 Tote, zuzüglich der Verletzten. Neben Edwards verloren sieben weitere Fußballer des englischen Clubs ihr Leben.

Da wir schon einmal in der Gegend sind, trage ich einen eher mageren Unfall nach, den ich neulich übersehen habe. Mit 25 war Leopold Friedrich Franz Erbprinz von Anhalt (1938–63) nicht viel älter als Edwards, gleichwohl schon Chef eines alten Adelsgeschlechts. Soweit ich weiß, hatte sich seine Familie, nach empfindlichen Ostgebiets-verlusten, um 1950 in Garmisch-Partenkirchen eingebürgert, kurz GAP, wo auch Friedrich wohnte und einstweilen als Autoverkäufer bei einem NSU-Händler angestellt war. Zumindest in dieser Hinsicht war sein Ende standesgemäß: Autounfall. In der Nacht vom 7. zum 8. Oktober 1963 in GAP verunglückt, wurde der Prinz, laut damaliger Lokalpresse* aufgrund eines gebrochenen Halswirbels querschnittsgelähmt, nach München gebracht, wo er aber schon am 9. Oktober verstarb. Er sei in der Unglücksnacht aus Richtung Murnau gekommen und südlich des Eschenloher Tunnels, „vermutlich wegen zu hoher Geschwindigkeit und glatter, nasser Fahrbahn“, aus einer leichten Rechtskurve getragen worden und vor einen Baum geprallt. Die Begleiterin des Prinzen hatte Glück: sie sei mit geringfügiger Kopfverletzung davongekommen. Der mit wr gezeichnete Artikel schließt mit der kühnen oder speichelleckerischen Behauptung, der Familie des Verunglückten gelte „besondere Teilnahme“, habe sie doch „zu Kriegsende ein schweres Schicksal bei der Vertreibung von ihren Gütern erlitten“ und außerdem „vor einiger Zeit“ bereits ein anderes Mitglied durch tödlichen Unfall verloren. Dem gehe ich aber nicht auch noch nach.

* „Ein junges Leben ausgelöscht“, Garmisch-Partenkirchner Tagblatt, 10. Oktober 1963


Effrosse, Georges c.34 (1910–44), jüdisch-französischer Geiger, meist in Paris, Oper und „Gypsy-Jazz“. 1943/44 von den Besatzern aufgespürt, wurde er ungefähr in jener Gegend, aus der man etwas später, nach Kriegsende, die Von Anhalts „vertrieb“, ins KZ Mittelbau-Dora, Unterharz, Thüringen, gesteckt, wo er (angeblich) dem Typhus erlag. Kurz zuvor, 1942, hatte er Titel mit dem gefeierten Gitarristen Sarane Ferret aufgenommen, darunter diesen Royal Blues. Effrosses Ende dürfte beträchtlich weniger feierlich gewesen sein; in Dora wurde unterirdisch für die Rüstung geackert.

Ein fast verblüffender Leidensgenosse war Faustkämpfer: Leone Efrati (c.1916–44), im faschistischen Italien anscheinend durchaus erfolgreich. Er boxte selbst in den USA. Das nutzte er 1938 allerdings dazu, gleich dort zu bleiben. Doch dann kam der Krieg, und als „feindlichen Ausländer“ zwang man Efrati zur Rückkehr. Prompt wurde er nun in Rom, vielleicht auf Betreiben der Nazis, verhaftet, weil er schließlich jüdischer Abstammung war. Er landete im KZ Auschwitz. Dort hatte Leichtgewichtler „Lelletto“, nach Martin Krauss*, unter anderem grausame Schaukämpfe gegen weitaus überlegene Gegner auszutragen, zur Kurzweil seiner deutschen Wächter. Das hielt er aus. Dann jedoch sei sein Bruder brutal zusammen geschlagen worden, worauf er die Täter verwünschte und Rache schwor. Das habe Efrati nicht überlebt. Er war knapp 30.

* „Ums Überleben kämpfen“, Jungle World, 15. November 2012


Egede, Carl 34 (1924–59), grönländischer Fischer, Funktionär der Branche und Politiker (Mitglied des Parlaments). Sein Vater soll von Hause aus Priester gewesen sein, was dem aufgestiegenen Sohn aber mit 34 nichts mehr nützte. Am 30. Januar 1959 befand sich Egede junior mit 94 weiteren Personen an Bord des nagelneuen, angeblich winterfesten, als „unsinkbar“ geltenden dänischen Fracht-, Fahrgast- und Kriegsschiffs Hans Hedtoft. Es wollte von Grönland aus nach Kopenhagen zurück. Weit kam es jedoch nicht, weil es unweit der Südspitze der riesigen Insel mit einem Eisberg zusammenstieß. Es gab keine Überlebenden. Dafür gab es Staatstrauer und viele Ermahnungen. Das Wrack der „dänischen Titanic“ wurde nie gefunden. Nur ein Rettungsring wurde aufgefischt. Neben Kanonen und Salzfisch hatte Hans Hedtoft tonnenweise Kisten mit unersetzlichen historischen Dokumenten und Akten aus Grönland, darunter Kirchenbücher, an Bord. Ob Carl Egede als Abgeordneter ähnlich unersetzbar war, wage ich zu bezweifeln.


Eggers, Daniel 26 (1975–2001), mecklenburgischer Liedermacher und mutmaßlicher Selbstmörder.* Eggers galt als rechtsradikal; so trat er etwa öfter bei NPD-Veranstaltungen auf. Warum er sich erhängte, und zwar Anfang August 2001 im Kiebitzmoor bei Grevesmühlen, ist ungeklärt. Die Quellenlage könnte kaum schlechter sein. Der Lokalpresse zufolge fand die Polizei keinen Abschieds-brief, dafür „indizierte“ CDs in Eggers Wagen. Spekulati-onen, der 26jährige braune Barde habe einen Ausstieg aus seinem Dunstkreis geplant, blieben Spekulationen.

Der Spaziergänger oder die Technikerin der Wasserschutz-behörde, die sich unvermutet der an einem Ast schau-kelnden Leiche gegenüber sahen, rochen wahrscheinlich nicht zuerst deren Rechtsradikalität. Sie rochen ihren eigenen Angstschweiß. Später hatten sie vielleicht Glück, weil die Polizei sie von der Verdächtigen-Liste strich. Einem Mann aus meiner Gegend ist es einmal anders ergangen.

Dasselbe „Alter“ wie Eggers erreichte 20 Jahre früher der erfolgreiche, ja unter Eingeweihten berühmte Münchener Synchronsprecher Peter Ehret (1954–81). Seine Witwe Birgit Zamulo schildert ihn als ausgesprochen wider-sprüchlichen Menschen.** Entsprechend sei er auch ständig zwischen Lebensfreude und Todessehnsucht balanciert. Sie preist ihn auch als Schauspieler und Grafiker. Aus seinem Abschied macht sie kein Geheimnis. Trotz Entzug sei er nicht von den harten Drogen losge-kommen, und da habe er sich schließlich ein Krampfmittel gespritzt, woran er gestorben sei.

* „Nazi-Liedermacher Eggers begeht Selbstmord“, monitor (apabiz e.V.), Nr. 2 Oktober 2001, S. 6
** Marc Hairapetian, „Ehret Peter!“, spirit-fanzine.de 2016



Elizalde, Valentín 27 (1979–2006), drogenfeindlicher Sänger, beseitigt. Wer sich in Mexiko auf musikalischem Wege gegen die Drogenkartelle stellt, lebt ähnlich gefähr-lich wie der entsprechende kritische Journalist. Elizalde, auch als „Gallo de Oro“ (Goldener Hahn) bekannt, wurde im November 2006 nach einem Konzert in Reynosa niedergeschossen, einer Grenzstadt zu Texas. Der Angriff auf den Lastwagen des zu wenig kleinlauten „Hahns“ und seiner BegleiterInnen erfolgte mit automatischen Waffen aus zwei schwarzen Chevrolets heraus. Im ganzen blieben drei oder vier Tote auf der Strecke. Angeblich fanden die Spurensucher mehr als 70 Projektile. Allein Elizalde, 27 Jahre alt, war 28 mal getroffen worden. Der Frauen-schwarm hatte mit seiner Gattin Camila Valencia sechs Kinder. Der Washington Post zufolge* krönten die Feinde Elizaldes – welche, ist ungeklärt – ihre Schadenfreude ganz im Sinne postmoderner Gläsernheit durch ein Internet-Video mit Bildern des Übergriffs und sogar der amtlichen Obduktion des blutüberströmten, nur mit Cowboystiefeln bekleideten Leichnams Elizaldes. Die Drogenkartelle nutzten das Internet ohnehin schon exzessiv zu Propaganda- und Aufmarschzwecken, behauptet das Blatt. Einige andere Quellen versichern, ein besonderer Dorn im Auge (oder Ohr) der Attentäter sei der Corrido A Mis Enemigos gewesen. Na, das wundert mich nicht ...

* Manuel Roig-Franzia, „Mexican Drug Cartels Leave a Bloody Trail on YouTube“, 9. April 2007


El-Sherbini, Marwa 31 (1977–2009). Die muslimische Ägypterin wurde 2009 während einer Gerichtsverhand-lung in Dresden, bei der sie Zeugin war, vom Angeklagten Alex W. erstochen. Der aus Rußland stammende erklärte Ausländerfeind, vielleicht ein Fan von Eggers-Liedern, hatte sie früher (auf einem Kinderspielplatz) „nur“ beschimpft und beleidigt. Sein Rassismus wurde in der deutschen Presse zunächst weitgehend übergangen. Befremdlich zudem, daß er seinem Opfer im Gerichtssaal sage und schreibe 16 Messerstiche beibringen konnte, bevor ihn „Sicherheitskräfte“ überwältigten.* Er bekam später Lebenslänglich. El-Sherbini, von Hause aus Pharmazeutin und Handballerin und seit 2005 in Deutschland ansässig, hinterließ ihren vom Täter und einem Polizisten schwerverletzten Ehemann und den gemeinsamen dreijährigen Sohn. Beide waren Zeuge der Bluttat gewesen. Der Ehemann, ein Chemiker, hatte versucht El-Sherbini beizustehen. Während das Gericht tatenlos zusah, hatte der Polizist auf den Ehemann gefeuert, weil er ihn angeblich für den Angreifer hielt.* Ein Verfahren gegen den Schützen wurde eingestellt. Die ägyptische Verwandtschaft, die sich um die Hinterblie-benen kümmerte, fragt sich bis heute, wie trotz dem Gericht bekannter Morddrohungen ein 18 Zentimeter langes Messer in den Gerichtssaal kommen konnte.**

* Andrea Dernbach, „Marwa el-Sherbini wurde ermordet, weil sie ein Kopftuch trug“, Tagesspiegel, 1. Juli 2019
** Elif Zehra Kandemir, „Meine Schwester Marwa hatte dem Ange-klagten vergeben“, IslamiQ, 1. Juli 2020



El Touni, Khadr Sayed 39 (1916–56), ägyptischer Gewichtheber. Dieser Mann hatte womöglich gar keine Feinde – nur Gegner. Dazu zählte zuletzt auch die häus-liche Elektrizität. Als überaus erfolgreicher Mittelge-wichtler (zahlreiche Weltrekorde und Turniersiege, darunter „Goldmedaille“ in Berlin 1936 vor zwei deutschen Stemmern, wie Adolf Hitler zerknirscht mitansehen mußte) hatte sich El Touni nach seinem 1951/52 erfolgten Rücktritt ein Haus in der nahe Kairo gelegenen Großstadt Helwan erbaut, das er mit seiner Frau Gamalat bezog und hurtig mit weiteren Sprößlingen bevölkerte. Ab 1953 soll er bei der Polizei gearbeitet haben. Als El Touni Kind Nr. 8 gemacht und gefeiert hatte, konnte aber selbst seine neue Berufstätigkeit den angedeuteten tödlichen Stromschlag nicht verhüten, der ihn nach verschiedenen Quellen mit knapp 40 Jahren beim üblichen Versuch traf, eine Leitung oder Steckdose zu reparieren. Die arabische Wikipedia weiß es sogar genau: es habe sich um die Beleuchtung im Kinderzimmer gehandelt. Aber in welchem? Bei acht Kindern?

Hat sich ein verzärtelter Mensch in ein Rockkonzert ver-irrt, signalisieren ihm die auf der Bühne emporragenden Verstärkertürme eigentlich schon, bevor es richtig losgeht, daß er es mit einigen Gewalttätern zu tun haben wird. Im Falle der von Maggi Bell (Sängerin) und Leslie Harvey (Gitarrist) 1969 aus der Taufe gehobenen britischen Bluesrockband Stone the Crows war sogar das weibliche Element mitvertreten. 1971, mit dem dritten Album Teenage Licks, kam der Durchbruch. Künftig sorgte die Band bei verschiedenen Rockfestivals für volle Säle. Aber nicht mehr lange. Bekanntlich wendet sich die Gewalt nur zu gern gegen ihre AusüberInnen, Maggis Vorbild Janis >Joplin hatte es ja auch schon erfahren. Als die Band am 3. Mai 1972 im Top Rank Ballroom, Swansea, Wales, Soundcheck für ihren dort bevorstehenden Auftritt machte, wurde Gitarrist Leslie Harvey (1944–72) sozusagen jäh elektrisiert, als er mit schweißnasser Hand einen ungeerdeten Mikrophonständer berührte. Der 27jährige starb am selben Tag im Krankenhaus an den Folgen dieses Schlages, den ihm das Schicksal verpaßt hatte. Im nächsten Jahr segneten auch Stone the Crows das Zeitliche. Der Gruppenname bediente sich einer Redewendung, die Verblüffung oder Verärgerung ausdrücken kann, etwa im Sinne von „Was du nicht sagst!“ oder „Teufel nochmal!“.

Ein ähnliches Schicksal wie Harvey ereilte wenig später einen Landsmann und Kollegen: Keith Relf (1943–76), bis 1968 Sänger der Yardbirds, zuletzt in der Bluesrockband Armageddon tätig. Der 33jährige, angeblich schon seit längerem unter Asthma und Ähnlichem leidend, wurde im Mai 1976 in seinem Londoner Übungskeller das Opfer seiner ungeerdeten Elektrogitarre beziehungsweise seines ungeerdeten Verstärkers beziehungsweise des mutwillig (durch den Bandnamen) heraufbeschworenen „Jüngsten Gerichts“. Möglicherweise atmete da der eine oder andere Zeitgenosse auf, der über oder neben dem Übungskeller wohnte.


Engelmann, Michael 37 (1928–66), erfolgreicher Grafiker, in Nordamerika und Mitteleuropa tätig, zuletzt in Deutschland, wo er auch umkam. Engelmann war gleichsam schwarz-weiß gestrickt; er liebte den Kontrast, das Minimale, das Pure, wie man auch sagen könnte. In der Tat trug seine Werbekampagne (ab 1955) für eine angeblich „naturreine“ schwarze Zigarette nicht unerheblich zu seinem Ruhm bei: es war die Roth-Händle. Vor diesem Hintergrund betrachtet, wäre es vielleicht anständig von Engelmann gewesen, an Lungenkrebs zu sterben, aber dazu wurde er wahrscheinlich nicht alt genug. Vielmehr kam er, zwei Jahre nach seiner documenta-Teilnahme und mit knapp 38, in Düsseldorf „durch einen Verkehrsunfall“ um. So steht es jedenfalls in der leider immer maßgeblicheren (deutschen) Wikipedia. Dagegen ist in einer Fachpublikation von 2004 unum-wunden von Engelmanns „Freitod“ am 24. Januar 1966 die Rede.* Aus Künstlerkreisen verlautet, Engelmann sei in ein Auto gelaufen. Einzelheiten sind anscheinend nicht bekannt. Engelmanns Neigung zur Depression sei aber damals unter Kollegen ein offenes Geheimnis gewesen. Er habe sich auch zeitweise in Behandlung befunden. Wahrscheinlich sei seine Verzweiflung damals noch durch die Ablehnung seines Antrages auf die deutsche Staatsbürgerschaft verstärkt worden. Engelmanns Tochter Natascha habe allerdings, im Gegensatz zu ihrer Mutter Echo, stets die Version vom „Unfall“ vertreten. Offenbar bot das Geschehen Spielraum für Interpretation.

* Bettina Richter (Hrsg), Michael Engelmann, Poster Collection 10 des Züricher Museums für Gestaltung, mit Beiträgen von Anita Kühnel und Felix Studinka, Lars Müller Publishers 2004


Enke, Robert 32 (1977–2009), deutscher Fußballtor-hüter. Als sich der Sohn eines sportbegeisterten Psycho-therapeuten im November 2009 mitten in einer zwar bewegten, im ganzen jedoch sehr erfolgreichen Karriere als professioneller, 1,86 messender Fußballtorhüter an einem Bahnübergang in Niedersachsen vor einen Zug warf, löste er nahezu eine Staatskrise aus. Für den Augenblick war die Nation vor Entsetzen gelähmt. Natürlich nicht aus Mitge-fühl für die Zuginsassen, LokführerIn voran. Vielmehr hatte die Nation nicht nur einen wichtigen Wirtschafts-kapitän verloren, wie etwa im Falle des Industriellen Adolf Merckle, der sich ein knappes Jahr vor dem Startorwart auf dieselbe soziale Weise das Leben nahm. Vielmehr hatte sie den publikumswirksamen und einschaltquoten-magnetischen Hüter der häuslichen Heimatfront verloren. Die außerhäusliche lag damals in Afghanistan.

Am nächsten Tag nahmen 35.000 Menschen an einem Trauermarsch, vier Tage später 40.000 an einer Trauerfeier im Stadion des Bundesligisten Hannover 96 teil, für den der Thüringer Enke zuletzt zwischen den Pfosten gestanden hatte. Er war beliebt gewesen. Und wenn er in den zurückliegenden Jahren wiederholt mit „Depressionen“ zu kämpfen hatte, wie nun von den Angehörigen eingeräumt wurde, hatte er dies den Fans und Managern, denen er seine gehobene Lebensführung verdankte, verständlicherweise nicht auf die Nase gebunden. Da war dann eher von „Infektionen“ die Rede gewesen. Dabei hatte Enke, mit seiner Frau Teresa, nicht nur den Gram um eine schwerkranke und nach zwei Jahren verstorbene Tochter zu tragen; vielmehr fiel es ihm offenbar grundsätzlich schwer, das Hauen und Stechen um Ehre, Geld und das berüchtigte Nummer-1-Podest in der Fußballnationalmannschaft als Deckchensticken zu begreifen. Sein Vater Dirk sagt dem Spiegel*, Gesprächs-angebote habe Robert wiederholt ausgeschlagen. Für ihn, den Vater und Seelenfachmann, ist die Angst der wesentliche Nährboden von Roberts Depressionen gewesen. Der Sohn habe bereits als jugendlicher Fußballer immer wieder Angst davor gehabt zu versagen, also den Ansprüchen der Kameraden, Trainer, Bewunderer, die man sich bekanntlich auch selber gern zu eigen macht, nicht zu genügen. Zwar habe Robert in jüngster Zeit einen Klinikaufenthalt erwogen – aber auch davor habe er sich gefürchtet. Zum einen nahm er wohl nicht zu unrecht an, damit wäre der schöne runde Ball, der die Rubel oder Dollars gezielt in wenige Taschen rollen läßt, für ihn garantiert im Aus gewesen. Und zum anderen, deutet der Vater an, dürfte Robert den Blick auf die Wurzeln seiner Angst, seine wunden Stellen, seine „Schwäche“ befürchtet haben. Schließlich stehen zwischen den Pfosten ausschließlich Helden.

Dem baumlangen australischen Abwehrspieler Tyler Simpson (1985–2011), zuletzt bei den Blacktown City Demons unter Vertrag, war es nicht gelungen, in der Ersten Liga Fuß zu fassen. Auch ein Versuch, sein Glück in Europa zu machen, scheiterte. Zwar zählte er beim Zweitligameister der Jahre 2007 und 2015 Blacktown (ein Vorort von Sydney) zu den sogenannten Leistungsträgern, aber wie es aussieht, genügte ihm das nicht. Im Mai 2011 brachte sich der 25jährige um. Wie der frühere Erstligastar Chad Gibson, der Simpson kannte und schätzte, in einem Blog-Beitrag** durchblicken ließ, waren es auch in diesem Fall vor allem die „Dämonen“ des Ruhmstrebens, die den oft fröhlichen Hünen in den Tod geritten hatten – nicht etwa Liebeskummer oder Krebs. Die Krankheit heißt mindestens Karrierismus.

Enkes Frau Teresa setzt sich inzwischen in der neugegrün-deten Robert-Enke-Stiftung unermüdlich gegen „Depressi-onen im Spitzensport“ ein. Gegen den Spitzensport, wäre vielleicht zuviel verlangt. Aber sie könnte bei ihren Beratungen selbstmordgefährdeter SchwerverdienerInnen immerhin Bahnübergänge, Autobahnbrücken und dergleichen Tummelplätze zu „Tabuzonen“ erklären, Engelmanns Wirkungsort Düsseldorf eingeschlossen. Eine entsprechende Aufklärung läßt nebenbei auch der Psychotherapeut Dirk Enke vermissen, falls ich sie nicht übersehen habe. Zudem könnte Schwiegertochter Teresa vielleicht empfehlen, einmal über Javi Poves‘ Schritt nachzudenken. Der damals 24jährige Nachwuchsstar des spanischen Erstligisten Sporting de Gijon reichte 2011, wenige Wochen nach Simpsons Selbstmord, seinen Abschied ein. Er soll schon immer ein kritisch gestimmter Kopf und Gegner des Kapitalismus gewesen sein. Jetzt gedenke er zu studieren und die Realitäten solcher Konfliktherde wie dem Nahen Osten mit eigenen Augen zu erkunden. Da hat er freilich ebenfalls gute Chancen umzu-kommen. Laut dpa-Meldung vom August 2011 nannte Poves den Fußballbetrieb einen nicht unerheblichen Bestandteil der „Welt der Täuschung“, in der wir lebten. Von der Habgier und der Korruption einmal abgesehen, sei der ganze Zirkus darauf angelegt, die Menschen von ihren eigentlichen Sorgen und Bedürfnissen abzulenken. Brot & Spiele eben, wie seit altersher. Obwohl man neuerdings eher sagen müßte, Brot & Viren.

* „Er war in den eigenen Ansprüchen gefangen“, 14. November 2009
** „The Superman Effect“, Football Federation Australia, 11. April 2012



Epple, Richard 17 (1954–72), Opfer der RAF-Hysterie. Der 17jährige Landmaschinenmechaniker-Lehrling und Autofahrer fiel am Abend des 1. März 1972 in Tübingen, der Hochburg „roter“ Studenten, einer Polizeistreife auf. Da er keinen Führerschein besaß und zudem betrunken war, floh er überland, wobei er zwei Polizeisperren durchbrach und Menschen gefährdete. Schließlich wurde er durch die Heckscheibe seines nicht zugelassenen Ford Taunus 12 M von einem jungen, nie namentlich genannten Polizeibeamten erschossen, der sich einige Jahre später, wohl aus Gewissensnot, umbrachte.* Die Ordnungshüter-Innen versicherten, sie hätten den Flüchtigen für ein RAF-Mitglied gehalten – ein tödlicher Irrtum. Der Schießbefehl war von der Einsatzleitung gekommen. Niemand wurde vor Gericht gestellt. Epple zählt zu den Opfern der damals geschürten Terroristen-Hysterie. Seinem 20jährigen Bruder Erich war am Ort des „Unfalls“ von Polizisten aufgetragen worden, den Vorfall zu Hause zu melden. 30 Jahre später erklärt Erich Epple im Gespräch mit dem Schwäbischen Tagblatt*, niemand von der Polizei sei jemals bei seiner Mutter gewesen, um ihr zu sagen: „Wir haben Ihren Buben erschossen, es tut uns leid.“

* „Thema der Woche: Richard Epple“, 1. März 2002


Erdost, İlhan 35 (1944–80), türkischer Publizist und Verleger, kurz nach einem Militärputsch verhaftet und im Mamak-Gefängnis, Ankara, beim Marsch in die Zelle zu Tode mißhandelt. Er starb am 7. November 1980, knapp 36 Jahre alt. Offenbar hatte sein Vergehen darin bestan-den, marxistische Texte zu veröffentlichen, voran eine Übersetzung von Friedrich Engels Dialektik der Natur. Mehrere Täter sollen zu längeren Haftstrafen verurteilt worden sein, während man den damals befehlshabenden Unteroffizier (1987) mit lediglich sechs Monaten bedient habe. Die Ahndung im ganzen stelle aber schon eine rühmliche Ausnahme dar. Laut einer Statistik der Zeitung Cumhuriyet seien nach dem Putsch mindestens 171 Menschen durch Folterung umgekommen, teilt Jan Keetman mit.* Erdosts älterer Bruder Muzaffer, der damals ebenfalls verhaftet und verprügelt worden war, nannte sich später ihm zu Ehren Muzaffer İlhan Erdost. Der Schriftsteller starb erst kürzlich, Anfang 2020, nach langer Krankheit, mit 87 Jahren.** Die türkische Justiz hatte ihn unter anderem mit einigen Gefängnisstrafen und dem Verbot eines Buches beglückt. Er war auch in der Rechtshilfe aktiv gewesen.

* „Deutsche Waffenexporte in die Türkei“, in: Freispruch, Heft 12, März 2018, hier bei Strafverteidigertag.de
** „Muzaffer İlhan Erdost yaşamını yitirdi“, Cumhuriyet, 25. Februar 2020



Erlanger, Carlo von 31 (1872–1904), Ornithologe und Afrikaerforscher – kommt in Salzburg um. Der Junge hatte sich bereits im Park der elterlichen Villa Carolina für die Vögel erwärmt. Vater Wilhelm, Jurist aus einer Frankfurter Bankiersfamilie, auch Jägersmann, hatte sich im nahen Ingelheim (bei Mainz) niedergelassen, wo er durch fleißige Ankäufe zum größten Grundbesitzer des Rhein- und Weinstädtchens geworden war.* Den Sohn drängte es nach Studium und Militärzeit (Leutnant der Reserve) in die Ferne. Damit hatte er gute Aussichten, in Afrika zu sterben, doch überstand er nicht weniger als drei Expeditionen, die ihn zuletzt bis zum Äquator (in Somalia) geführt hatten, unbeschadet – um einen Tag vor seinem 32. Geburtstag in Salzburg durch einen Autounfall umzukommen. Die Sache ging durch die Wiener und Ingelheimer Presse, weil der junge Baron von Erlanger als Naturforscher einige Veröffentlichungen und Sammlungen sowie einen in Berlin stattgefundenen Gedankenaustausch mit dem Kaiser vorzuweisen hatte: dort hatten sich beide Herren 1902 auf der Deutschen Geweihausstellung getroffen. In Salzburg saß Von Erlanger zwei Jahre darauf, am 4. September 1904, neben seinem chauffierenden Vetter in einem Automobil, das in einer Kurve am Hotel Kaiserin Elisabeth mit einer „Tramway“ zusammenstieß. Besonders die Ingelheimer Presse unterstrich nur zu gern die Behauptung des Vetters, der Lokomotivführer der gemeingefährlichen Dampfstraßenbahn habe es versäumt, „das an dieser Stelle unbedingt notwendige Glockenzei-chen“ zu geben. Die „Tramway“ fuhr dem Baron so heftig in die Seite, daß er noch am Unglückstag verstarb. Wohl hätte dessen Erzeuger kaum finanzielle Gründe gehabt, einen Rechtsstreit zu fürchten, zumal er ja Jurist war, aber davon ist in den Quellen nicht die Rede. Der verstorbene Filius kam unter beträchtlicher Anteilnahme in die Ingelheimer Familiengruft.

* Angelika Schulz-Parthu: Carlo von Erlanger, Ingelheim 2004, bes. S. 4 und 24


Ermarth, Fritz 38 (1909–48), Politiker. Obwohl Ermarth ein interessanter Fall ist, wie ich finde, läßt die Quellenlage viel zu wünschen übrig, nimmt man einmal spärliche Hinweise auf Wolfgang Schivelbuschs verdienst-vollen FAZ-Aufsatz* aus, der im Internet allerdings nicht aufrufbar ist. Weitere wichtige Aufschlüsse verdanke ich Auskünften, die mir 2014/15 freundlicherweise Hans Michael Ermarth, damals um 70, aus den USA per Email gab. Er ist Ermarths jüngster Sohn.

In einigen fragwürdigen Quellen heißt es, der damals ebenfalls noch junge Ermarth senior sei 1933 ins nord-amerikanische Exil gegangen, weil er der SPD angehört und an den Unis Reden gegen die Nazis geschwungen habe. In der Tat erzählte das Ermarth selber auch dem FBI – nur finden sich dafür laut Schivelbusch im Nachlaß des Emigranten keine Belege. Es klingt ohnehin ziemlich unwahrscheinlich, wenn man Ermarths wissenschaftliche Veröffentlichungen aus der Weimarer Zeit bedenkt. Der glänzende Jurastudent hatte nicht ohne Sympathien über die Wirtschafts- und Sozialpolitik des italienischen Faschismus promoviert und trat auch in der Folge für den starken Staat ein, der die Interessensgegensätze im Griff hält. Er veröffentlichte unter anderem Artikel in der italienischen faschistischen Elitezeitschrift Gerarchia. Weit davon entfernt, Rebell zu sein, also das Aufbegehren von unten zu verkörpern, verehrte er Männer wie den Prinzen Max von Baden, der 1918 kurzzeitig kaiserlicher Reichskanzler gewesen war. Man hatte diesen adligen Herrn übrigens streckenweise im Verdacht, seinen Bewunderer Fritz Ermarth sogar gezeugt zu haben. Aber auch das ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil der Prinz schwul gestimmt war und sich seine offiziellen Kinder nur aus Gründen der Karriere und der Staatsräson (mit Hilfe seiner „Gattin“ Maria-Luise von Hannover-Cumberland) abgerungen hatte.

Fritz Ermarth kam fünf Jahre vor „Kriegsausbruch“ als uneheliches Kind der damals 27jährigen Karlsruher Bühnenschauspielerin Melanie Ermarth zur Welt. Diese 1881 geborene Tochter eines Münchener Schauspielers war von 1904 bis 1935 am Karlsruher Hof-, später Landes-theater engagiert und im übrigen zeitlebens ledig. 1948 würdigt Staatsschauspieler und Dramaturg Felix Baumbach die Leistungen Melanie Ermarths am Theater in einem kleinen Nachruf** und schreibt zu den Todesumständen lediglich das folgende. „Der Heimgang dieser bedeutsamen künstlerischen Persönlichkeit ist von Tragik umwittert. Frau Ermarth verlor ihren einzigen Sohn. Mit großen idealistischen Plänen war Dr. Fritz Ermarth aus der Emigration zurückgekehrt. Sie sollten sich nicht erfüllen. Der hochbegabte, zukunftsreiche Sohn schied jäh aus dem Leben, und die Mutter, für deren alternde Tage dieser Sohn alles bedeutete, versank in ausweglos erscheinender Nacht.“

Den Vater erwähnt Baumbach nicht. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um einen Major namens Johann Gottlieb Fritz Steindamm, wie laut Schivelbusch in einem 1938 ausgestellten Ahnenpaß zu lesen ist. Doch wer auch immer, er dürfte der einzige Mann oder Liebhaber im Leben der beifallsgewohnten Schauspielerin Ermarth geblieben sein. Vielleicht machte sie sich ja gar nichts aus Männern. Ihren schlanken und schmalgesichtigen Sohn mit den energisch zurückgekämmten dunklen Haaren freilich ausgenommen. Der war nach seiner Promotion als Rechtsreferendar im badischen Justizdienst angestellt, doch schon ein Jahr darauf, 1933, als „politisch unzuverlässig“ wieder entlassen worden, worauf er, wie schon angedeutet, seine akademische Karriere in den USA fortsetzte. Allerdings kehrt er während der Zeit des deutschen Faschismus wiederholt in seine Heimat zurück, um vor allem seine Mutter zu besuchen. Und dabei bleibt er dem roten Bären zum Trotz, den er dem FBI aufband, unbehelligt. Ermarths Verhältnis zu seiner Mutter, stolze Besitzerin eines BMW-Cabriolets, soll ungewöhnlich eng gewesen sein – zuweilen, bei gemeinsamen Reisen, bis ins selbe Hotelzimmer hinein. Jedenfalls ist anzunehmen, daß sie auf ihn noch mehr als auf ihr Auto gab.

Was Melanie Ermarth von der Heirat (1935) ihres Sohnes mit der US-Bürgerin Margareth hielt, einer Historikerin, ist mir nicht bekannt. Es scheint echte Liebe gewesen zu sein. Dafür wird Fritz Ermarths Verhältnis zu seinem Gastland zunehmend gestört. Man glaubt behördlicher-seits etliche Anhaltspunkte über Ermarths Nähe zu den Nazis zu haben, darunter geopolitische Erwägungen in Veröffentlichungen, undurchsichtige Konsulatskontakte und eine aufwendige Weltreise, von der niemand weiß, wie er sie finanzierte. Zudem ist sein nordamerikanischer Schwager, der NS-Sympathisant Edward Sittler, im Berliner Propagandaministerium angestellt. Aus diesen Gründen verliert Ermarth 1939 seinen Posten an der University of Oklahoma in Norman. Schon dieser Posten hatte übrigens einen „Abstieg“ für den inzwischen doppelten Doktor bedeutet, der vorher, an der Ostküste, mehrere prominente Forschungs- und Lehraufträge genossen hatte. Nun sieht sich Ermarth in Deutschland nach Stellen um, wird erstaunlicherweise nicht zur Wehrmacht eingezogen, erhält im Gegenteil eine Ausreisegenehmigung. Ab 1940 lebt er, als mehr oder weniger Verfemter, mit Margareth und auf deren Kosten (sie ist zu jener Zeit als Lektorin berufstätig) in Chicago. Die beiden Söhne Fritz und Hans Michael werden 1941 und 1944 geboren. Fritz junior wird später – in einer Art reuevollem Wiedergutmachungsdrang, wie man unken könnte – für Jahrzehnte Mitarbeiter („Analysist“) in meinem weltweiten Lieblingsverein CIA.

Soweit Schivelbusch in sie Einblick gibt, deuten Fritz Ermarths geopolitische Erwägungen einen „machtbe-wußten“, man könnte auch sagen, in die Macht verliebten, ja sogar größenwahnsinnigen Zug an, der auch aus manchen Äußerungen seiner privaten Briefe sprechen soll. Jedenfalls dürften Ermarths Sympathien für imperiale und faschistische Lösungen kein Zufall gewesen, vielmehr seiner „Natur“ entsprossen sein – über die wir leider, trotz Schivelbuschs Arbeit, wenig wissen. Unter anderem liegt Ermarths Jugend bislang so gut wie im Dunkeln. Einmal bemerkt Schivelbusch zu Ermarths Naturell, offenbar sei er in politischer wie moralischer Hinsicht gleichermaßen „impassible“, was wohl gefühl- und rücksichtslos heißen soll. Möglicherweise hat es auch nur zu bedeuten, Ermarth habe sich nie lange geziert, oder Ermarth habe Sentimen-talität verabscheut. Nur auf seine Heimat läßt Ermarth nichts kommen. Zwar spricht er sich inzwischen für den Kriegseintritt der USA aus, doch er bleibt strenger deutscher Patriot, weil er zwischen Nation und Nazis unterscheidet. Nur die letzteren müssen weg. Ermarth übersteht verschiedene Inhaftierungen („feindlicher Ausländer“) recht glimpflich und wird, zurückgekehrt, 1946/47 erstaunlicherweise von den US-Besatzern beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart angestellt – zunächst als Redakteur, dann sogar als Direktor, wie die aktuelle SWR-Webseite bestätigt.***

Ermarth tritt nun als „entschiedener Anhänger der liberalen Demokratie und Vertreter eines christlichen Humanismus“ auf, so Schivelbusch. Ähnlich äußert sich Stefan Kursawe****, wenn er Ermarth bescheinigt, er habe in seinen Kommentaren eine „deutliche Frontstellung gegen den Nationalsozialismus“ bezogen, sich für „Säube-rung“ (Entnazifierung) eingesetzt und „die amerikanische Demokratie“ hochgehalten. Gleichwohl fällt der frischge-backene Rundfunk-Intendant Ermarth schon im Herbst 1947 bei der Militärbehörde wieder in Ungnade: am 7. November muß er seinen Hut nehmen. Die SWR-Webseite führt als Grund an, Ermarth habe auf der Einstellung nazistisch „belasteter“ Journalisten bestanden. Schivel-busch zieht dagegen die allgemeinere Formulierung vor, Ermarth sei nicht bereit gewesen, seinem Patriotismus abzuschwören und sich als Sprachrohr der Besatzungs-macht zu verstehen.

Nach diesem Rauswurf wechselt Ermarth ins Stuttgarter Wirtschaftsministerium, was Schivelbusch merkwür-digerweise gar nicht mehr erwähnt. Immerhin handelt es sich dabei um Ermarths letzte, nur kurzlebige und sicherlich sehr unbefriedigende Arbeitsstelle. Was seine dortigen Aufgaben waren, ist mir nicht bekannt, doch es liegt auf der Hand, daß man ihn nicht gerade auf den Posten eines Staatssekretärs hievte. Vielleicht war er Pressesprecher oder Archivleiter. Er selber wie auch seine im nahen Karlsruhe lebende Mutter hätten Fritz Ermarth vermutlich, früher oder später, viel lieber als Minister in Bonn oder wenigstens als Chef einer neuen Partei gesehen. Zwar hatte Ermarth kürzlich eine sogenannte „Arbeits-gemeinschaft für die deutsche Einheit“ ins Leben gerufen, doch wie der Spiegel nach Ermarths Tod schadenfroh mitzuteilen wußte*****, sei er auf deren jüngster Tagung „der einzige Besucher“ gewesen. Grundsätzlicher gesagt, dürfte sich der aus Übersee heimgekehrte Enddreißiger an der Jahreswende 1947/48 in beruflich-politischer Hinsicht als hoffnungslos Schiffbrüchiger gefühlt haben. Da er mit seinen Vermittlungsversuchen zwischen verschiedenen Staatsdoktrinen gescheitert war, winkten auch keine prestigeträchtigen wissenschaftlichen Entdeckungen auf akademischem Felde mehr. Gleichwohl hätte Ermarths in dieser Hinsicht vermutlich stark enttäuschter Ehrgeiz wahrscheinlich nicht allein für den Entschluß ausgereicht, sich umzubringen, wie es dann im Sommer geschah. Hinzu kamen Verwicklungen „im persönlichen Bereich“ – die nun wiederum für die SWR-Webseite ausschließlich für Ermarths krassen Schritt (aus dem Leben) verantwortlich gewesen sein sollen. Wahrer dürfte sein, daß wieder einmal alles zusammengekommen war.

Schivelbusch scheint nicht schief zu liegen, wenn er seinen Gegenstand beiläufig als „notorischen Frauenliebling“ bezeichnet. Sohn Michael verrät, seine Mutter Margareth habe während der im ganzen mehrjährigen Abwesenheit ihres Gatten gern über dessen 4-F-Club gewitzelt, nämlich über die „Former Female Friends of Fritz“, wobei sie allerdings wahrscheinlich eher verzweifelt als belustigt gewesen sei. Zu diesem Club zählte auch Ermarths „Braut“ (Verlobte) Lotte Planitz, eine Musikstudentin und Rebellin aus wohlhabendem rheinischem Hause, die er eigentlich um 1933 in die USA nachzuholen gedachte, dann aber rasch aus den Augen und dem Sinn verlor, wie Schivel-busch schreibt. Kaum wieder (auf Reisen) in Deutschland, flammte die alte Leidenschaft zwischen den beiden freilich erneut auf. Begleiterscheinung dessen war die Geburt von Goetz-Dieter im Frühjahr 1940. Fritz Ermarth erklärte die Vaterschaft, wozu er sogar das Einverständnis seiner Strohwitwe Margareth aus Chicago erringen konnte. Somit haben wir in Goetz-Dieter den dritten und ältesten Sohn Ermarths, der auch dessen Nachnamen bekam. Er wurde später bei der Lufthansa in Frankfurt am Main tätig und starb 2012.

Zum nun folgenden Drama liest man bei Schivelbusch: „Als Ermarth 1946 nach Deutschland zurückkehrte, kam es neben dem Wiedersehen mit seiner Mutter auch zur Wiederaufnahme der Beziehung mit Lotte Planitz, weil die geplante Übersiedlung von Ermarths amerikanischer Familie sich hinzog und Lotte Planitz, die inzwischen verheiratet und Mutter einer Tochter war, allein lebte, da ihr Ehemann sich in russischer Kriegsgefangenschaft befand. Wieder legte Ermarth seiner Frau gegenüber die Karten offen auf den Tisch. Die Antwort war diesmal nicht Einverständnis, sondern die Einreichung der Scheidungsklage.“

In der Tat wurde im Juli 1947 die Scheidung ausgespro-chen. Die beiden „ehelichen“ Söhne blieben offensichtlich bei der Mutter in den USA. Schivelbusch erwähnt, Ermarth, der inzwischen mit seiner Geliebten Lotte, deren Tochter und seinem „unehelichen“ Sohn in Stuttgart eine Wohnung teilte, habe seiner Ex-Gattin in mehreren Briefen versichert, an seiner Zuneigung zu ihr habe nichts rütteln können, doch diese Briefe habe Margareth mit Schweigen quittiert. Lotte gegenüber äußerte Ermarth seine Wunschvorstellung, die beiden Frauen mögen einander in Liebe zugetan sein. Michael Ermarth deutet seinen Verdacht an, sein Vater habe in jener Nachkriegs-zeit von einem in Deutschland stehenden Korb mit zwei Hennen und einem Hahn geträumt – von den vielen Küken einmal abgesehen, die nebenbei bemerkt eine Menge Geld kosten, von anderer wünschenswerter Zuwendung ganz zu schweigen.

Etwas anders Ermarth selber. Laut Schivelbusch bezeichnete er sich in seinem letzten Brief an Lotte als „Zigeunerjungen“, der nie erwachsen geworden sei. Man bedenke dabei, der Mann wuchs ohne Vater auf. Seine Absicht, sich umzubringen, teilte Ermarth, nach Aktenlage, sehr wahrscheinlich niemandem mit. Das schließt auch Ermarths 67 Jahre alte Mutter ein, die im Juli 1948 nach zwei Tagen die Nachricht erhielt, ihr Fritz habe sich in der erwähnten Stuttgarter Wohnung das Leben genommen, indem er in der Küche den Gashahn aufdrehte. Vielleicht wußte er Lotte und die Kinder außer Haus oder auf Reisen. Vielleicht drohte dafür der „Besuch“ des erwähnten russischen Kriegsgefangenen? Oder davon unabhängig ein von Lotte ausgestellter Laufpaß für Fritz, wie der Spiegel behauptete? Sicherlich war die Lage verwickelt. Die Mutter beispielsweise gehörte ja auch noch dazu. Melanie Ermarth wählte, eine Woche darauf, in ihrer Karlsruher Wohnung eine für Dritte etwas ungefährlichere Methode als ihr Sohn: sie erhängte sich. Beide Toten wurden am 3. August in Karlsruhe in einem gemeinsamen Grab beigesetzt.

Nach meinen Beobachtungen zeigt Selbstmord grund-sätzlich dieselbe, in mehr oder weniger Bereichen wirkende Zwiespältigkeit wie der Mensch im allgemeinen. So erfordert er großen Mut, aber oft auch viel Feigheit. So kann er echten Anstand, aber auch brutale Rücksichts-losigkeit des „Täters“ bezeugen. Dabei dürften dieserart Gegensätze so gut wie niemals unvermischt zu haben sein, nur die Schwergewichte wechseln von Fall zu Fall. Beurteilungen solcher Fälle sind ungemein schwer – fast so schwer wie der Selbstmord selber. Man könnte in Ermarths Fall schimpfen, die Nachahmung durch seine Mutter hätte er wohl absehen können; aber was folgt daraus? Über Melanie Ermarth wissen wir noch weniger als über ihren Sohn – und damit auch darüber, was für ihr Wohlergehen erforderlich war oder gewesen wäre.

Wahrscheinlich könnte man Ermarth noch am ehesten vorwerfen, er habe seine drei Söhne im Stich gelassen. Da-bei haben ihn die beiden jüngeren, die aus Chicago, ohne-hin nur als Knirpse erlebt. Wie, weiß ich nicht. Michael ist jedenfalls in beruflicher Hinsicht in die Fußstapfen seiner Mutter getreten und Historiker geworden. Er lehrte zuletzt – 2011 emeritiert – in Hanover, New Hampshire, am Dartmouth College, das zu den „Elitehochschulen“ der Staaten zählt. Bei Michael Ermarth liegt der väterliche Nachlaß, der noch einer genaueren Sichtung und Zuberei-tung harrt. Das wäre viel Mühe, vom erforderlichen Geld zu schweigen. Und lohnte sich denn die?

Vielleicht sollte man lieber Mühe in Nachforschungen über die Schauspielerin Melanie Ermarth stecken.

* „Der Überlebende des Scherbengerichts. Ein Mann, drei Systeme: Fritz Ermarth studierte den New Deal, den Faschismus und die Wirt-schaftsordnung des Nationalsozialismus“, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. April 2006, S. 41
** Badische Neuste Nachrichten vom 3. August 1948
*** Chronik Intendanten
**** Aufsatz „Stimmen der Stunde Eins. Politische Kommentare im Stuttgart der unmittelbaren Nachkriegszeit“, in: Rundfunk und Geschichte Nr. 4 Oktober 1997, S. 208–23
***** Nr. 31/1948



Escousse, Victor um 19 (1813–32), französischer Dramatiker. Rund 20 Jahre nach dem berühmten Doppel-Selbstmord am Berliner Wannsee >Kleist/Vogel brachte der Paartod zweier junger Pariser Dramatiker, wohl 19 und 21 Jahre alt, den europäischen Kulturbetrieb zum Raunen. Es verebbte allerdings rasch, obwohl Béranger und Musset aus diesem Anlaß Gedichte verfaßten. Victor Escousse hatte im Sommer 1831 einen Achtungserfolg gelandet. Doch sein zweites Stück fiel durch. Nun setzte er gemein-sam mit seinem Freund Auguste Lebras alles auf die Karte Raymond – aber auch dieses Drama, im Februar 1832 im Theater Gaieté herausgebracht, wurde ein Mißerfolg. Sechs Tage nach der Uraufführung brachten sich die beiden „mit Kohlendampf“ um, wie Meyers 1906 mitteilt. Dem Frankreichkenner George W. M. Reynolds zufolge* waren Escousse und Lebras von Anfang an in „literary partner-ship“ verfahren, schrieben also gemeinschaftlich. Er bescheinigt ihren Werken Begabung und Unausgereiftheit. Er bemerkt außerdem, sie hätten am Schicksalsabend sogar zwei Eisen im Feuer gehabt, nämlich zusätzlich das Stück Paul, das im Theatre Feydeau uraufgeführt wurde. Mit beiden Stücken zogen sie Nieten – und hockten entsprechend niedergeschmettert in ihrem Stammcafe. Man habe die beiden Leichen Arm in Arm gefunden. Ob das Autoren- auch ein Liebespaar war, verrät Reynolds nicht. Er behauptet lediglich, während Escousse der Mut gefehlt habe, allein zu sterben, sei Lebras unfähig gewesen, allein zu leben. Das traf sich also.

* The Modern Literature of France, Vol. II, London 1839, S. 96–99


Esono, Teclaire Bille 22 (1988–2010), Fußballspielerin in Äquatorialguinea. Ein halbes Jahr vor ihrer bereits beschlossenen Teilnahme an der Frauenweltmeisterschaft 2011 in Deutschland erlitt die 22jährige Abwehrspielerin vom Club Bellas Artes im Nachbarland Kamerun, wo sie herstammte, auf der verkehrsreichen N 3 bei Edéa (zwischen den Großstädten Yaounde and Douala) zu nächtlicher Stunde einen tödlichen Autounfall, bei dem auch ihr Bruder Raymond Ewangué Arantes (32) und der 41 Jahre alte Trainer Ndong Essi Pablo ums Leben kamen. Der junge Fahrer des bulligen Geländewagens Marke Toyota überlebte. Anscheinend war er „heftig“ gegen einen Lastwagen geprallt. Das geschah am 14. Dezember 2010. Später, bei den erwähnten Weltmeisterschaften, ging Äquatorialguinea schon in den Gruppenspielen punktlos mit 2:7 Toren unter. Bei dieser Veranstaltung (Endspiel in Frankfurt am Main) siegte ausgerechnet das Land der Toyotas, Japan.

Das letzte Spiel, das der 38jährige russische Sportlehrer und Fußballschiedsrichter Wladimir L. Pettai (1973–2011) leitete, fand am 14. Juni 2011 zwischen Dynamo Moskau und Rubin Kasan statt. Es war sein 100. Einsatz in der Ersten Liga.** Keine Woche darauf starb er kurz vorm Erreichen seines Wohnortes Petrosawodsk, der Hauptstadt Kareliens. Seine aus Moskau kommende Linienmaschine der RusAir verfehlte am 20. Juni gegen Mitternacht bei Nebel und Regen die Landebahn, streifte Bäume und zerschellte unweit von Wohnhäusern auf einer Autobahn, wo sie in Flammen aufging. Von den 52 Insassen der Tupolew Tu-134 überlebten fünf – Pettai nicht. Opfer am Boden wurden wahrscheinlich durch das bekannte „Wunder“ verhindert. Der im September veröffentlichte Untersuchungsbericht erkannte voran auf Pilotenfehler; der Versuch zu landen hätte unterbleiben müssen. Aller-dings gelten die russischen Tupolews unter Fachleuten als hoffnungslos veraltet. Der ligaweit beliebte Schiedsrichter Pettai hinterließ Frau und zwei Kinder.

* „Guinée Equatoriale / Drame: Une Nzalang Nacional tuée dans un accident“, StarAfrica, 15. Dezember 2010
** „Flugzeugabsturz in Russland / 47 Tote – darunter auch der Top-Schiri Pettai“, Express (Köln), 21. Juni 2011



Fortsetzung (Ess–Fis)
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