Freitag, 25. Dezember 2020
LdF Folge Dom–Dyb

Doorn, Tinus van 34 (1905–40), niederländischer Maler, den kaum einer kennt. Er stammte aus einer Lehrerfamilie und besuchte ab 1924 zumindest zeitweise die Kunstakademie in Den Haag. Wichtiger sollen ihm die Anregungen „vor der Natur“ gewesen sein. Nach Ausstel-lungs-Rezensent Stefan Kuiper* wird er unter Fachleuten den „kleinen“, außerdem den „naiven“ Malern zuge-schlagen. Kuiper scheint nicht viel von ihm (oder seinen handwerklichen Fertigkeiten) zu halten. Nur in den Farben sei er stark, wenn er sie so kontrastiert, daß die Szene von innen wie eine Laterne beleuchtet erscheint. Zur Biografie des Künstlers schweigt sich Kuiper aus. Einige Angaben finden sich immerhin in einem PDF, das mir freundlicher-weise eine bei Amsterdam gelegene Kunsthandlung überlassen hat.**

Danach lebte Doorn (Heirat mit Annie „Akkie“ Vermeulen) ab 1929 in Rotterdam, wo er sich mit Illustrationen, Plakaten, Werbung, Bühnenbild über Wasser hält. 1932 kauft ein Museum zwei Gemälde von ihm; er kommt ins Gespräch. 1933 bezieht er mit seiner Frau die Hütte De Pondok in Barchem, Gelderland. Das Dorf liegt östlich von Zutphen und damit unweit der Grenze zu Deutschland. Das Paar soll sich hier zunächst sehr wohl gefühlt haben; nur steigt im Osten der deutsche Faschismus auf. Doorns Arbeiten, teil als „kindisch“ abgetan, bekommen düstere, bedrohliche Züge. 1935/36 habe das Ehepaar in Spanien/Portugal verbracht, also vermutlich ohne Bürgerkriegsteilnahme, im Gegensatz zu der englischen Bildhauerin Felicia Browne (1904–36) oder dem Ehepaar Orwell. Anscheinend kehren die Doorns in ihre Hütte zurück. Aber im April 1938 weichen sie nach Brüssel aus. Hier schafft auch Doorn Skulpturen; außerdem antimili-taristische Zeichnungen. Mit Kriegsausbruch bereiten die Doorns eine Flucht nach Frankreich vor, doch die Flüchtlingsströme treiben sie zurück. Nun sind in ihrer Vorstadtwohnung Gas und Wasser gesperrt. Auch die Geldnot nimmt stark zu; schließlich liegen die Kunst-märkte brach. Die Nazis hätten Doorn natürlich sowieso als entartet eingestuft und eher auf Dornen als auf Rosen gebettet. Erhofftes Geld von den Eltern trifft nicht oder zu spät ein. Mit dem Einmarsch der Deutschen in Brüssel, am 17. Mai 1940, bringt sich das Ehepaar gemeinsam um. Wie, wird nicht gesagt.

Nach den Unterlagen aus Blaricum soll sich Doorn zuletzt, in einem Brief, recht selbstbewußt über sein Schaffen geäußert haben; für die Ignoranz vieler Leute könne er ja nichts. Dagegen behauptet die deutsche Wikipedia, er habe zunehmend unter Selbstzweifeln gelitten. Von seiner Ehefrau erfährt man auch aus Blaricum gar nichts, sofern ich es nicht übersehen habe. Einige Webseiten verkünden immerhin, Vermeulen sei Pianistin und 15 Jahre älter als Doorn gewesen. Trifft das erste zu, dürfte „Akkie“ im ehemaligen Residenzstädtchen Zutphen wenig Auftritts-möglichkeiten gefunden haben. Oder war sie Musik-lehrerin? Wir wissen es nicht. Und erst der Zündstoff des angeblichen Altersunterschiedes! In den Sümpfen um Barchem feucht geworden, verschimmelt. Vielleicht sollte sich einmal ein Fuchs an Vermeulens Fersen heften, die ist doch viel interessanter als Doorn.

* „Paradise Lost“, 8weekly (Utrecht), 1. November 2005
** Studio 2000 magazine, Blaricum (bei Amsterdam), 20. Jahrgang, Nr. 3 September 2015. Das Heft ist ausschließlich Doorn gewidmet, bietet einige Texte (leider auf niederländisch) und viele Abbildungen, ferner Literaturhinweise.



Dorléac, Françoise 25 (1942–67), französische Schau-spielerin. Mancher dürfte sie beispielsweise als Terese aus Polanskis Film Wenn Katelbach kommt (1966) kennen. Ein Jahr darauf war Dorléac 25. Älter wurde sie nicht, weil sie im Juni 1967 in einem gemieteten Renault 10 von Saint-Tropez zum Flughafen von Nizza jagte. An einer Autobahnabfahrt streifte ihr Wagen einen Masten, über-schlug sich und fing Feuer. Sie verbrannte in dem Wrack. Übrigens war sie eine Schwester von Catherine Deneuve. Die lebt zwar noch, soll aber kürzlich einen Schlaganfall erlitten haben.* Das blieb Dorléac erspart.

Die Karriere des bekannten blonden US-Leinwand-Busenwunders Jayne Mansfield (1933–67) endete erst mit 34. Bis dahin hatte sie fünf Kinder geboren, von denen drei auf dem Rücksitz schliefen, als sie in Begleitung ihres damaligen Liebhabers Sam Brody, einem Rechtsanwalt, nachts auf einem Küsten-Highway in Louisiana Richtung New Orleans fuhr. Die von Ronnie Harrison gelenkte Buick-Limousine prallte mit Karacho auf das Heck eines Trucks, den Mansfields 20jähriger Fahrer möglicherweise kaum gesehen hatte. Angeblich hingen nämlich neben natürlichen Nebelschwaden Dunstwolken über der Straße, die eine mobile Mückenbekämpfungsmaschine von sich gab, die vor dem Truck gefahren war.** Während die drei Erwachsenen auf den Vordersitzen des Buicks sofort tot waren, überlebten die Kinder mit geringen Verletzungen. Sicherlich erwartete sie noch ein großartiges Leben. Mansfields Vater war gestorben, als sie drei gewesen war.

Im selben Jahr, am 4. November, kam die 36jährige britische Schauspielerin June Thorburn (1931–67) im südenglischen Hügelland mit 36 anderen Insassen bei einem Flugzeugabsturz zu Tode. Es gab keine Über-lebenden. Die in Malaga gestartete Maschine der Iberia Airlines, aus ungeklärten Gründen zu tief geflogen, erlegte auch 65 weidende Schafe und verfehlte verschiedene Wohnhäuser nur knapp.*** 1961 hatte die offenbar eher vielseitige Schauspielerin am Streifen Don't Bother to Knock mitgewirkt, in deutschen Kinos als „Herein, ohne anzuklopfen“ vorgeführt. Eigentlich hatte so bereits 1954 ein Roman von Ernst Kreuder geheißen, nur ohne Komma. Aber Variierung ist ja beliebt. Donald „Don“ Campbell etwa, Mitgründer der Campbell Aircraft Company in Berkshire und zum Unfallzeitpunkt ihr Direktor, hatte vorwiegend Tragschrauber hergestellt, im Gegensatz zu Hubschraubern. Campbell landete, mit jener spanischen Linienmaschine, ebenfalls hinter der Schafweide und büßte sein tatkräftiges Leben ein.

Der 35 Jahre alte Sohn eines berühmten Filmschauspielers Dean Paul Martin (1951–87), Tennisspieler, Schauspieler und kalifornischer Air-Nationalgardist, prallte am 21. März 1987 bei Schneesturm mit seinem Phantom-Jäger auf eine Granitwand am Mount San Gorgonio. Dieser ist, mit rund 3.500 Metern, der höchste Berg in Südkalifornien. Neben Captain Martin, der offensichtlich gleichfalls zu tief geflogen war, kam auch dessen 39 Jahre alter Beiflieger Captain Ramon Ortiz um. Major Steve Mensik tröstete die Presse**** mit der Versicherung, „they slammed into the mountain and never knew what hit them“.

* Sebastien Catroux, „Françoise Dorléac (L'Homme de Rio) morte à 25 ans: «le grand drame» de Catherine Deneuve“, Gala, 10. April 2020
** Zeitzeuge Bob Walker (wohl New Orleans), „The Night Jayne Mans-field died“, 20. März 2006
*** The Fernhurst Society (UK), „Blackdown air crash“, Stand 2017
**** „Dean Paul Martin‘s body found“, The Pittsburgh Press, 26. März 1987



Dorner, Christopher 33 (1979–2013), dunkelhäutiger kalifornischer Ex-Polizist, erleidet Wutausbruch. Vermut-lich hat diese Eruption keine nennenswerten Läuterungen im Berufsgebaren der Polizei von Los Angeles bewirkt, dafür führte sie aber zur raschen „unbürokratischen“ Auslobung eines Kopfgeldes in Höhe von einer Million Dollar, um das sich verschiedene Kandidaten später noch ausgiebig raufen konnten. Die Summe war im Februar 2013 auf Dorner ausgesetzt worden, nachdem er (angeb-lich) vier Polizisten oder deren Angehörige getötet und die Flucht ergriffen hatte. Die von allen verfügbaren Massen-medien verfolgte „Jagd“ nach ihm erstreckte sich über mehrere Tage und beförderte, durch die VerfolgerInnen, mehrere Zivilisten ins Krankenhaus. Am 12. Februar wurde Dorner in einer Waldhütte der San Bernardino Mountains gestellt. Es kam zu einem Feuergefecht. Nachdem die Hütte in der Tat in Flammen aufgegangen war, entzog sich der 33 Jahre alte Flüchtige (angeblich) seiner Festnahme, indem er sich selbst erschoß. Damit waren die Akten so gut wie geschlossen.

Bemerkenswerterweise hatte Dorner, der nach einer Scheidung wieder bei seiner Mutter in La Palma wohnte, den geplanten Rachefeldzug sogar im Internet angekün-digt. Als Grund gab er das ihm widerfahrene Unrecht, zudem allgemein das im Polizeiapparat herrschende rassistische und korrupte Klima an. Die Vorgeschichte: Dorner, sowohl Akademiker (Politikwissenschaft und Psychologie) wie Ex-Soldat (Leutnant), war 2005 in Los Angeles als Polizist eingestellt, allerdings 2008 schon wieder entlassen worden. Man warf ihm vor, fälschlich eine Kollegin beschuldigt zu haben, sie hätte einen psy-chisch kranken Verdächtigen mißhandelt. Dieser und des-sen Vater bestätigten das immerhin, andere (sogenannte) Zeugen jedoch nicht. Seine Vorgesetzten, die meisten Kollegen und die zuständigen Gremien hatte Dorner ohnehin gegen sich. Als er dann auch im Zuge einer langwierigen gerichtlichen Untersuchung mit seiner Sicht den Kürzeren zog, verfaßte er das erwähnte Internet-„Manifest“ und lud seine Waffen.

Die beiden kalifornischen Zeitungszustellerinnen Margie Carranza und Emma Hernandez dürften am 7. Februar 2013 das Geschäft ihres Lebens gemacht haben. Als sie mit ihrem Pick-Up in Torrance, einer Vorstadt von LA, wie immer auf der falschen Straßenseite im Schrittempo die Häuserfronten abfuhren, wurden sie im Rahmen der „manhunt“ auf Dorner hinterrücks von einem Rudel Polizisten beschossen. Der jähe Kugelhagel brachte ihnen, neben dem Schrecken, heilbare Schüsse in Hals und Schultern – und eine Entschädigung seitens der lokalen Behörden von 4,2 Millionen Dollar ein, zuzüglich der Erstattung der Kosten für die Instandsetzung ihres durch-siebten Pick-Ups. Die Entschädigung ging vermutlich zu Lasten der Staatskasse, somit der SteuerzahlerInnen Marke ZeitungszustellerInnen. Selbst die beteiligten acht Polizisten hatten Glück, wie sich drei Jahre nach dem Vorfall erwies.* Die zuständige Staatsanwaltschaft verwarf eine Anklageerhebung gegen sie, denn sie hätten irrtüm-lich und angesichts der undurchsichtigen Lage durchaus angemessen gehandelt. Hätten sie die beiden werktätigen Frauen versehentlich erschossen, hätten diese also Pech gehabt. Man hätte den Zustellerinnen mit bekannter Formel vorgehalten, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.

* Willian Avila, „No Charges for LAPD Officers Who Shot Delivery Women During Christopher Dorner Manhunt“, NBC Los Angeles, 28. Januar 2016


Douglas, David 35 (1799–1834), britischer Pflanzen-jäger, stirbt im Dienst. Nach ihm sind mehrere Pflanzen benannt, darunter die Douglasie, eine in Nordamerika beheimatete Kiefernart. Der Sohn eines schottischen Stein-metzen hatte sich bereits als Knabe für die einheimische Flora erwärmt. Nach seiner Studienzeit entdeckte und sammelte er in Übersee viele hundert Pflanzen oder deren Samen. Während Europa zum Beispiel bis dahin keine 10 Nadelholzarten kannte, führte Douglas allein über 200 neue Arten aus Amerika ein. Ob stets zu unserer Bereicherung, ist eine Frage des ökologischen Standpunkts und des Geschmacks. Wahrscheinlich zeigt sich der lange Fangarm des sammelwütigen Schotten auch noch auf dem Territorium der ehemaligen DDR, das 1990 aufgrund der dichten Blaufichtenverhaue von den westdeutschen heutigen Dauergästen nur mit Hilfe von zahlreichen Stihl- oder Husqvarna-Motorsägen erschlossen werden konnte. Die Blaufichte stammt aus Colorado und Utah. Sehr ähnlich hatten sich schließlich schon die Exkursionen des Schotten gestaltet, der am laufenden Kilometer unter Unwettern, Raubüberfällen, kenternden Booten und entsprechend vielen Verletzungen zu leiden hatte. Aber nichts konnte ihn abschrecken. In Oregon entdeckte er die Pantherlilie. Heute kann dieser US-Staat mit der David Douglas High School glänzen.

1833 erreichte Douglas Hawaii, wo er die Berge Mauna Kea und Mauna Loa bestieg. Das Verhängnis lauerte jedoch am Boden. Im Juli 1834 stürzte der 35jährige Botaniker jäh in eine wahrscheinlich nicht eigens für ihn ausgehobene Fallgrube, in der sich bereits ein wilder Stier verfangen hatte. Man fand Douglas übel zugerichtet und tot. Als Mörder wurde zunächst der Stier verdächtigt, obwohl angesichts der Art der Wunden Zweifel aufkeimten. Man wußte auch, dem erfahrenen Forscher waren die Tierfallen der Gegend keineswegs fremd gewesen. Wie sich herausstellte, hatte er noch am Morgen seines Todestages ein Frühstück in der Hütte des Engländers Edward „Ned“ Gurney eingenommen, eines Stierjägers und entflohenen Sträflings. Aus späteren Zeugenaussagen ließ sich auch schließen, die Kleider des toten Douglas seien um einen gehörigen Batzen Geld erleichtert worden. Douglas‘ Führer John, ein anderer englischer Ex-Sträfling, konnte nicht befragt werden, da er sich abgesetzt hatte. Möglicherweise war Douglas gar nicht gestürzt, vielmehr erst nach seinem Ableben in die Fallgrube befördert worden.

Die Sache ist ungeklärt. Aus Tagebüchern von Missionaren oder Missionarstöchtern der Insel geht hervor, daß der teesüchtige Brite mit dem kleinen Terrier unter ihnen gern gesehen war. Er wurde in Honolulu begraben. Laut Betty Fullard-Leo* fanden sich die angeführten Aussagen und Deutungen um 1900 in den Blättern Hilo Tribune und Hawai'i Herald – während vermutlich auch die Verdäch-tigen schon in die ewigen Jagdgründe eingegangen waren. Andererseits führt die englische Wikipedia eine 2009 veröffentlichte Studie von Jack Nisbet** ins Feld, der Gurney für glaubwürdig hält. Danach hatte der Stierjäger mit der Leiche auch etwas Geld bei den Behörden abgeliefert und seine Unschuld beteuert.

Der österreichische Fabrikant, Bergsteiger und Natur-kundler John Sholto Douglass (1838–74) erreichte 4o Jahre nach dem Schotten das gleiche Alter. Vielleicht wäre er besser in seinem Geburtshaus geblieben, der Villa Falkenhorst bei Feldkirch, Vorarlberg. Aber seine Gattin Wanda von Poellnitz verlangte es eines Septembertages nach Gemsenbraten, und da Douglass auch Jäger war, zog er also los. Er soll ausgerechnet unterhalb der Gamsboden-spitze (knapp 2.300 Meter, Nähe Spullersee) aus einer 300 Meter hohen Felswand gestürzt sein. Die Witwe heiratete einen Maler, der auch nicht viel älter wurde.

* „Who killed David Douglas?“, Coffee Times (Kauai, Hawaii, USA), Winter 2001/2
** The Collector: David Douglas and the Natural History of the Northwest, Sasquatch Books, 2009



Downing, Andrew Jackson 36 (1815–52). Der US-Architekt und Schriftsteller, eine Berühmtheit insbeson-dere im Bereich des ländlichen Bauens, hatte am 28. Juli 1952 zunächst das Vergnügen, dann das Pech, sich mit über 500 anderen Leuten und seiner Gattin auf dem Dampfer Henry Clay auf dem Hudson bei NYC zu befinden. Es kam zu einem vom Maschinenraum ausgehenden Brand, der für rund 50 Tote sorgte. Ein Teil der Todesopfer kam in den Flammen des Mittschiffs um, ein anderer ertrank beim Versuch, das Ufer zu erreichen, wobei es auch Prügeleien gegeben haben soll, bei denen wiederum ein Teil der Leute auf der Strecke blieb. Zu den Opfern zählte beispielsweise Maria Louisa Hawthorne, geboren 1808, eine Schwester des bekannten Erzählers Nathaniel Hawthorne. Vom Schicksal der Gattin Downings, Caroline Elizabeth geb. DeWint, liest man bei Wikipedia nichts. Sie dürfte jedoch überlebt haben, denn sie verheiratete sich später mit dem Richter John J. Monell und wurde noch fast 90 Jahre alt. Bei der Untersuchung des Unglücks wurden Sicherheitsmängel gerügt, etwa zu wenig Löscheimer und Rettungsboote. Zudem deutete sich eine Überfeuerung der Kessel an, befand sich Henry Clay doch gerade in einem Wettrennen gegen den Dampfer Armenia, das der Geschäftsförderung, vielleicht auch nur der Eitelkeit der Kapitäne Isaac Smith und John Tallman geschuldet war.* Es gab jedoch keine gerichtlichen Verurteilungen; nur die Dampfboot-Rennen auf dem Hudson wurden bald darauf verboten.

* Jonathan Palmer, „The burning of the Henry Clay“, The Vedder Research Library (Green County, New York), 5. November 2019


Draparnaud, Jacques 31 (1772–1804), südfranzösischer Naturforscher, insbesondere Weichtierkundler (Schnek-ken, Muscheln, Tintenfische und dergleichen), zuletzt Professor bei den Medizinern der Universität Montpellier, daneben Leiter des dortigen Botanischen Gartens. Die Quellenlage zu ihm gleicht dem leergepumpten Mittel-meer. Die französische Wikipedia ist immerhin für etwas Poesie gut. Zunächst verrät sie uns, die mit der Revolution verbundenen Wechselfälle hätten den jungen Gelehrten ins Gefängnis geführt, „wo er dreizehn Monate ver-brachte“. Sie wissen Bescheid? 1802 habe er sich mit Marie-Anne-Gabrielle Seneaux verheiratet. Und nun der Gipfel. 1804 habe er „zu seinem Unglück“ eine Professur an der Medizinischen Fakultät angenommen, „eine Falle, die ihm ein alter Freund, der Chemieprofessor an der Me-dizinischen Fakultät Jean-Antoine Chaptal (1756–1832), gestellt hatte, der zu seinem Feind wurde; tatsächlich verlor Draparnaud einige Zeit später unter einer neuen Regelung alle seine Funktionen. Überwältigt von Krankheit, seiner Entlassung und mehr noch vom Verlust seines Kindes am 10. von Nivôse, starb er im folgenden Monat.“ Näheres darf man sich zusammen reimen.

In der Tat soll Chaptal streckenweise Arzt und Chemie-professor, dann sogar Fabrikant in Montpellier gewesen sein. Er galt als Fachmann für die Herstellung verschie-dener Säuren und der Weinzubereitung. 1798 ging er offenbar fest nach Paris, weil ihm Aufstieg winkte. Die Zentralregierung hatte seine Forschungen und Fabrika-tionen mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen. Prompt wurde er bald nach Napoleon Bonapartes Staatsstreich Ende 1799 Innenminister, tat sich als kapitalfreundlicher Reformer hervor und versäumte es auch nicht, sein Privatvermögen zu vermehren. 1802 etwa erwarb er das üppige Schloß Chanteloup im Loiretal und ließ im Schloßpark etwas stilwidrig Rüben anbauen, für die Zuckerproduktion. Angesichts dieses kometenhaften Aufstieges wäre es natürlich nicht verblüffend, wenn er dem einen oder anderen alten Kumpel aus revolutionären Tagen, mit dem er noch ein Hühnchen zu rupfen hatte, ein Bein – oder eben jene „Falle“ gestellt hätte.


Drauth, Samuel von c.33 (1706–39). Der rumänien-deutsche Mediziner promovierte 1734 in Halle, verun-glückte aber schon fünf Jahre darauf in Kronstadt, Sieben-bürgen, wo er sich als praktischer Arzt niedergelassen hatte. Laut Joseph Trausch* hielt er sich an einem Septembertag in einem „neuen Gewölbe“ auf, bemerkte die Gefahr eines Einsturzes, warnte die Bauleute noch recht-zeitig, vereitelte dadurch jedoch die eigene Flucht, sodaß man ihn nur noch tot unter dem Schutt hervorziehen konnte. Vielleicht hatte es sich um einen ganz gewöhn-lichen Neubau gehalten, etwa für das Eigenheim des Arztes oder für eine Unfallklinik ...

* Schriftsteller-Lexikon oder biographisch-literarische Denk-Blätter der Siebenbürger Deutschen, 1868, Nachdruck Ffm 2020, S. 266


Dreier, Frederik 25 (1827–53), dänischer sozialkri-tischer Autor, Selbstmord? Das Schicksal, einen Vater zu haben, ist ohnehin schon schlimm, aber Dreiers Vater, ein Kopenhagener Hofgerichtsrat, war eine besonders harte Nuß. Dessen „Melancholie“ steigerte sich im Laufe von Dreiers Kindheit zu religiösem und Verfolgungswahn, sodaß man ihn 1840 pensionieren, 1847 in die geschlos-sene Schleswiger Heilanstalt einliefern mußte. Zu diesem Zeitpunkt war Dreier junior um 20. Vielleicht hatte er sich ja in erster Linie aufgrund der „Psychose“ seines Erzeugers zu einem Medizinstudium entschlossen. Daneben legte er sich allerdings eine breitgestreute Bildung zu, durch die er imstande war, ein vergleichsweise umfangreiches philosophisch-politisches Werk zu schaffen. Auch dieses fungierte wahrscheinlich vordringlich als Bollwerk gegen die Gefahr, verrückt oder sonstwie krank zu werden. Es half nur begrenzt.

Dreiers Gedankenwelt war atheistisch, materialistisch, rational gegründet. Er zehrte vor allem von Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer, Max Stirner, Pierre Joseph Proudhon. Der bäuerlich-provinziellen dänischen Wirklichkeit war er mit seinen Vorstellungen weit voraus – und entsprechend stieß er bei Kollegen und Lesern auf Ablehnung, wenn nicht gar Nichtbeachtung. Nur der angesehene Kritiker Georg Brandes erkannte, Dreier sei ihnen allen „um Kopfeslänge“ überlegen. Später wurde Dreier als „Dänemarks erster Sozialist“ bezeichnet, wovon er selber freilich nichts mehr hatte. Nach einem Einsatz als Sanitäter im Bürgerkrieg 1848/49 bestand er im Frühjahr 1853 die ersten Zwischenprüfungen an der medizinischen Fakultät. Wenige Wochen später, im Mai, war der 25jährige designierte Arzt tot. Warum, scheint ungeklärt zu sein. Mehrere Quellen halten jedoch einen Selbstmord für wahrscheinlich. Dem Dansk Biografisk Leksikon zufolge* litt Dreier seit etlichen Jahren an einer „nie diagnostizierten“ Krankheit, zuletzt wohl außerdem an Liebeskummer. Übrigens hatte er eine Zeitlang mit einer Geliebten, nämlich Ida Ekeroth, Tochter eines Gold-schmiedes, zusammen gelebt. Mit ihr hatte er sogar einen Sohn. Meine zahlreichen des Dänischen mächtigen Leser-Innen verweise ich auf Svend Erik Stybes Buch Frederik Dreier von 1959, in dem womöglich Näheres steht.

Ein wahrscheinlich im Todesjahr Dreiers entstandenes Gemälde von Carl Fiebig zeigt den jungen Denker zwar mit rötlichem Vollbart, jedoch zarten Gesichtszügen, allerdings auch mit einer leichten Hakennase. Brandes dürfte noch andere Gründe besessen haben, wenn er einmal von „dem einen wilden Vogel mit dem scharfen Schnabel“ sprach. Laut Niels Finn Christiansen** hatte sich Dreier auch unmißverständlich und unter den gegebenen Umständen einzigartig gegen den überall wuchernden Nationalismus gewandt. Bekanntlich hatte dieser nicht zuletzt den erwähnten Bürgerkrieg befeuert, dänische gegen deutsche Fraktion. In Dreiers 1848 veröffentlichter Schrift Folkenes Fremtid (Die Zukunft der Völker) sei zu lesen: „Dem Vaterland zuliebe opfert der gute Bürger mit Freuden alles, selbst das Leben; z. B. wenn die Gefahr herrscht, daß ein Teil der Menschen nicht länger dem Vaterland angehören will, sein Land nicht mehr nach dem Namen des Vaterlandes nennen will, dann sollten sich lieber alle Bürger totschlagen lassen, als daß dem Vaterland solche Schmach widerfahre. Das sind sonderbare Grillen.“ Dreier hielt den „Patrioten“ die allgemeinen, viel wichtigeren Werte entgegen, die alle Menschen, zumindest alle freiheitsliebenden und antiautoritär gestimmten, ungeachtet ihrer „Nationalität“ teilen. Die Ideologie des „heiligen Wettbewerbs“ als einzig möglicher Triebfeder menschlicher Tätigkeit zählte er ausdrücklich nicht dazu. „Wir kennen eine andere“, soll er im selben Jahr in einer Schrift über Volkserziehung versichert haben, „nämlich das Interesse an der Tätigkeit an sich, die Freude an der Arbeit.“

* Artikel von Oluf Bertolt und Vagn Dybdahl, Stand 11. August 2014
** „Das kommunistische Gespenst – die dänische Linke und 1848“, in: NordeuropaForum 8 (Berlin), 1998:2, S. 49–63



Dressel, Birgit 26 (1960–87), totgespritzte BRD-Sieben-kämpferin. 1987 zählte die Leichtathletin vom USC Mainz zu den Assen im westdeutschen Frauen-Siebenkampf. Den Preis bekam die knapp 27jährige im April des Jahres anfallsartig zu spüren. Als sie nach etlichen verfehlten Roßkuren gegen ihre Schmerzen in der Mainzer Uni-Klinik lag, einigte sich ein Rudel von Weißkitteln endlich darauf, sie sei offenbar über geraume Zeit hinweg systematisch vergiftet worden – Doping. Obwohl dazu, in solchen Fällen, stets zwei gehören. Die eine war die Sportlerin mit dem kecken Kurzhaarschnitt, der andere der Freiburger „Sportmediziner“ Armin Klümper, Jahrgang 1935 und Intimus des NOK-Chefs Willi Daume. Klümper hatte Dressel binnen einiger Jahre mit diversen Spitzen geradezu gespickt. Dagegen kamen seine Kollegen von der Intensivstation jetzt nicht mehr an – Tod durch „toxisch-allergischen“ Schock. Klümper kam auch noch wegen Hilfreichungen in anderen Fällen ins Gerede. Aber es war alles gesetzmäßig, schließlich hatte er dereinst selber der Anti-Doping-Kommission des DLV angehört. So sprach er von einem „tragischen Fall“ und zog sich 1998 gleichwohl nach Südafrika zurück, da man ihm auch Krankenkassen-betrug und ähnliche unschöne Dinge vorwarf. In der neuen, von Gazellen durchschwirrten Urwüchsigkeit verfaßte er emsig hilfreiche Bücher. Zum Beispiel: Unkraut vergeht nicht. Phytotherapie (Pflanzenheilkunde). Ein Kompendium der Alternative für Ärzte und angeschlos-sene Heilberufe, Freiburg im Breisgau 2003. Das nenne ich tätige Reue, hat doch der Bremer Reederei-Kaufmann Hermann Dressel seine Tochter damals keineswegs für Klümpers, vielmehr pauschaler für „ein Opfer der Pharma-industrie“ gehalten. Alle Bemühungen um gerichtliche Klärung des Todesfalls wurden jedoch abgewürgt.* Und inzwischen hat die Pharmaindustrie wirklich andere Sorgen: sie muß den Anti-Corona-Impfstoff für ein paar Milliarden höchstgefährdeter BewohnerInnen dieses Planeten raushauen.

* „Der furchtbare Todeskampf der Birgit Dressel“, Stuttgarter Zeitung, 4. Mai 2020


Drippe, Eugen 33 (1873–1906), Berliner Bildhauer, laut dem bekannten Nachschlagewerk Thieme-Becker (Band 9 von 1913) „frühverstorben“ – sehr witzig. Man hätte das bei diesen Lebensdaten gar nicht gedacht. Einige Arbeiten sollen Drippe überlebt haben. Außerdem blieb uns eine eindrucksvolle kleine Porträtbüste aus Sandstein, die Drippe selber zeigt, 1905 von seinem Kollegen Hermann Joachim Pagels geschaffen, der später bei den Nazis gut ins Geschäft kam, wie man liest. Pagels, gut drei Jahre jünger als Drippe, wurde 82.

Eine Kuratorin der Berliner Museen bestätigt mir im Sommer 2018 in einem freundlichen Brief, in der Tat habe die Forschung Drippe bislang „sehr wenig Beachtung“ geschenkt. Die erwähnte Büste (Nationalgalerie) gebe „ein sehr persönliches Bild“ des älteren Künstlers. Der habe es verstanden, „seine leicht verwachsene Statur durch Humor zu kompensieren, und gerade diesen Wesenszug hat Pagels einzufangen versucht: Der zwischen die Schultern gezogene Kopf bewirkt einen schalkhaften bis kauzigen Gesamteindruck ... Drippe und Pagels kamen beide aus dem Atelier von Ernst Herter, wo Pagels von Drippe künstlerisch angewiesen wurde.“ Die Resonanz auf Pagels‘ Bildnis, das er wohl von seinem Modell unbemerkt angefertigt habe, sei „überaus positiv“ gewesen.

Die Aufgabe liegt auf der Hand: zeitgenössische Zeit-schriften, offizielle Dokumente und vor allem private Zeug-nisse, so denn vorhanden, nach Näherem durchforsten, dabei auch nach jenem „Handicap“, das möglicherweise zu Drippes frühem Tod beitrug. Humor hin, Humor her, wäre sicherlich auch ein Selbstmord nicht verblüffend.


Dschugaschwili, Jakow 36 (1907–43), Ingenieur und Offizier, Sohn Stalins, KZ. Seine Mutter, Stalins erste Ehefrau Ketewan Swanidse (1880–1907), soll tatsächlich eines sogenannten natürlichen Todes gestorben, nämlich mit 27 einer bakteriell verursachten Krankheit erlegen sein. Stalin liebte sie angeblich sehr. Es folgte ihr Nadeschda >Allilujewa, die ich weiter oben bereits zu würdigen versuchte. Dort streifte ich auch Swanidse schon. Um deren Sohn soll sich Stalin, nach Swanidses Ableben, nicht gerade fürsorglich gekümmert haben. Seine ganze Kinder- und Knabenzeit hatte Jakow ohnehin bei den mütterlichen Verwandten verbracht, weshalb er auch lediglich Georgisch sprach, als er mit 13 oder 14 in Moskau eintraf. Der SU-Chef soll ihn ziemlich schlecht behandelt haben. Wenn man so will, setzte sich das im Zweiten Weltkrieg für Jakow tödlich fort. Als Artillerieoffizier der Roten Armee am 16. Juli 1941 von der deutschen Wehrmacht gefangen genommen, landete er im KZ Sachsenhausen. Nach Boris Jegorow* hielt ihn Stalin zunächst für einen Verräter oder wenigstens Feigling, weil er weder verwundet war noch aus der Haft zu fliehen versuchte, änderte aber seine Meinung in dem Maße, wie Jakow allen Versuchen gegenüber, ihn für die faschistische Propaganda „umzudrehen“, standhaft blieb. Wiederholte Versuche spanienkriegs-erfahrener Kommunisten ihn zu befreien, sollen mißlungen sein. Ob und wie Stalin einen offiziellen Austausch ablehnte, sei umstritten. Schließlich scheint es der Sohn leid gewesen zu sein, die sich ständig verschärfenden Haftbedingungen und die entsprechenden Demütigungen auf sich zu nehmen. So machte er sich am Abend des 14. April 1943 am elektrisch geladenen Zaun des KZs zu schaffen – wohl eher in selbstmörderischer Absicht als mit dem Gedanken an Flucht. Es blieb unklar, ob der 36jährige dabei durch den Strom umkam oder aber vom Wachpersonal erschossen wurde. Im Grunde kann man nur eins mit Sicherheit sagen: er konnte nichts dazu, das Licht der Welt ausgerechnet als Sohn Stalins zu erblicken.

* „Warum rettete Josef Stalin seinen Sohn nicht aus deutscher Kriegsgefangenschaft?“, Russia Beyond (Moskau), 9. November 2020


Dsneladse, Roman 32 (1933–66). Die nächsten beiden Georgier fielen im Kampf auf den sozialistischen Straßen. Beide waren erfolgreiche Ringer, anschließend Trainer der SU. Sie fielen auch gemeinsam, nämlich auf dem Weg zu ihrer Trainingsstätte durch einen Unfall im Wagen Awtandil Koridses bei Terdschola, Imeretien, Georgien. Kamerad Koridse war knapp 31. Einzelheiten zum Unfall sucht man vergeblich.


Dubovský, Peter 28 (1972–2000), slowakischer Berufs-fußballer. In seiner Heimat wiederholt Torschützenkönig, war Dubovský anschließend weniger erfolgreich in Spanien tätig. Immerhin reichte es im Sommer 2000 noch für ein Flugticket nach Thailand, wo Urlauber Dubovský, inzwischen 28, einen Wasserfall hinabstürzte. Die Fallhöhe wird hier und dort mit 20 Metern angegeben. Angeblich hatte der Stürmer aus der Slowakei lediglich versucht, den Wasserfall zu fotografieren. Vielleicht ließ er sich von dem Gedanken leiten, wo ein Wasserfall ist, müsse auch noch Platz für Bilderflut sein – ohne freilich die Frage der Tritt-festigkeit zu erwägen. Seine Braut, die ihn begleitet hatte, blieb anscheinend verschont. „Nach einem zeitaufwen-digen Abtransport ins Kreiskrankenhaus von Surat Thani“, so der Spiegel am 23. Juni, starb Dubovský wegen seines Blutverlustes und schwerer Hirnverletzungen.


Duehring, Cindy 36 (1962–99), MCS-Aktivistin (Che-mie), Opfer einer Schlacht gegen Flöhe. Den Fehler ihres Lebens beging die aus Bismarck, der Hauptstadt North Dakotas stammende US-Bürgerin als junge Medizinstu-dentin in Seattle, Washington, indem sie (1985) Flöhe in ihrer Wohnung und ihrer Bekleidung von einem Kammer-jäger mit einem, wohl auch vorschriftswidrig eingesetzten, Insektizid bekämpfen ließ. Dadurch vergiftete sie sich selber und entwickelte einen sogenannten Autoimmun-defekt, der ihr zunehmend Beschränkungen auferlegte und das Leben zur Hölle oder Öde machte. Sie wohnte abgeschirmt in einem eigens für sie errichteten „sauberen“ Haus bei Epping, North Dakota, wo sie ihren vielen Krankheiten schließlich mit 36 Jahren erlag.* Soweit es ihre Kräfte zuließen, hatte sie sich dem Kampf gegen die von diversen Chemikalien ausgehenden Gefahren gewidmet, wofür sie zwei Jahre vor ihrem Tod den „Alternativen Nobelpreis“ bekam. Sollten uns unsere Roboter noch ein- oder zweihundert Jährchen auf Erden umherkrauchen lassen, sind die Duehrings unter uns wahrscheinlich schon in der Mehrheit.

Einen Vorgeschmack davon bekam bereits der franko-kanadische Steward Gaëtan Dugas (1953–84) zu spüren, der zu den frühsten zweibeinigen Verbreitern und Opfern von HIF/Aids gezählt wird. Der hübsche Fluggastdiener war auch in sexueller Hinsicht recht umtriebig gewesen. Die Frage, wo das Virus, dem er mit 31 erlag, eigentlich herkommt, ist bekanntlich sehr umstritten – der Umlauf an Theorien darüber entspricht Dugas‘ Umtriebigkeit. Ähnliches gilt neuerdings für allerlei Corona-Viren. Ein Ende ist nicht in Sicht. Das heißt, unseres schon – die Viren werden uns todsicher überleben, und seien sie selbst unseren eigenen Laboratorien entsprungen.

* Deena Winter in der Bismarck Tribune am 30. Juni 1999


Duggan, Mark 29 (1981–2011), britisches Polizeiopfer. Sein Tod löste die mit Brandstiftungen und Plünderungen verbundenen Unruhen aus, die im August 2011 für Tage zunächst London, dann auch noch einige andere britische Städte erschütterten. Der aus der Drogenszene bekannte 29jährige dunkelhäutige Duggan wurde am 4. August im Londoner Elendsbezirk Tottenham beim Versuch der Polizei erschossen, ihn nach dem Stoppen seines Taxis festzunehmen. Die Behörden äußerten sich wie üblich: der zu Fuß flüchtende Ganove habe zuerst geschossen. Das schienen etliche Leute aus dem Quartier anders zu sehen, denn zwei Tage darauf fanden sich rund 200 Personen vor dem betreffenden Polizeirevier ein, um eine Aufklärung des Falles zu fordern. Die Polizei wiegelte ab, die Menge schwoll an, und der Protest eskalierte. Wenige Tage später sah sich die für Einsätze mit Schußwaffengebrauch zuständige Kommission IPCC gezwungen einzuräumen, es gebe keine Beweise für einen Schußwechsel zwischen Duggan und den Fahndern. Die anfängliche gegenteilige Verlautbarung der Presse gegenüber beruhe auf einem Versehen. Da waren freilich zwischen London und Manchester schon soundso viele Autos und Supermärkte ausgebrannt, ohne daß Duggan wieder lebendig geworden wäre.

Später war in einigen britischen Blättern zu lesen, die Waffe, die Duggan mutmaßlich kurz vor seinem Tod erworben hatte, sei nach dem angeblichen Schußwechsel abseits des Taxis am Rand der Straße gefunden worden. Sie habe noch in einer Socke und in einem Schuhkarton gesteckt und sei nicht abgefeuert worden. Vorher war diese Waffe in der Presse gern so dick und rauchend wie möglich herausgestrichen worden. Aber solche Ungereimtheiten fochten eine 10köpfige Jury nicht an, die Anfang 2014 nach einer 8:2-Abstimmung im Londoner High Court vor der Presse verkündete, der uniformierte Schütze habe in Notwehr gehandelt, da er den aus dem Taxi kletternden Duggan bewaffnet glaubte. Somit seien seine Schüsse auf diesen rechtmäßig gewesen. Damit löste sie selber, die Jury, zwar keine neuen Krawalle in Großbritannien, jedoch „Entsetzen“ aus, wie es in der Frankfurter Rundschau hieß. Während die Anwältin der Familie Duggans spontan von einem „perversen“ Urteil sprach, rief seine Tante Caroline einige Tage später zur Besonnenheit auf. Mark sei nie ein „Gangster“ gewesen, und man werde weiter den Rechtsweg gehen. 2020 hält es sogar der Spiegel für wahr-scheinlich, daß Duggan auf offener Straße hingerichtet wurde.* Vielleicht ist das die Rache des Wochenblatts für Londons ruchlosen „Brexit“.

Die Kürze des öffentlichen Gedächtnisses, das „gewalt-tätige Ausschreitungen“ nie „fassen“ kann, leuchtet auch aus einem Vorfall aus 1985 hervor. Damals hatten just in Tottenham vier Polizeibeamte die Wohnung Cynthia Jarretts, der Mutter eines Verdächtigen gestürmt. Dabei kam die 49jährige schwarze Frau um – angeblich durch einen Herzinfarkt. Auch darauf erfolgten empörte Demonstrationen – bei denen der Polizist Keith Blakelock getötet wurde. Jedoch: die drei Männer, die 1987 für diesen „Mord“ an einem Polizisten verurteilt worden waren, mußten vier Jahre später wieder freigelassen werden, weil die Polizei Verhörprotokolle nachträglich gefälscht hatte. Auch Jarretts Tod bei jenem Polizeieinsatz wurde nie aufgeklärt.

* Maria Stöhr, „War es Notwehr - oder Mord?“, 13. Juni 2020


Duncker, Karl 37 (1903–40), Berliner liberaler Psycho-loge von marxistischen Eltern, im Gegensatz zu diesen eher unpolitisch, ab 1936/38 Emigrant in England und den USA, wo er mit seiner geflüchteten Mutter Käte zusam-menwohnte. Duncker wird zu den Kapazitäten der „Gestaltpsychologie“ der Berliner Schule gezählt. Er galt als ausgesprochen begabt und fruchtbar, brachte es freilich, wohl wegen einiger Feindschaften gegen ihn und seine Arbeitsstelle, nie zu einem Lehrstuhl. Bis zu seiner Amtsenthebung im Sommer 1935 war er am Psychologi-schen Institut der Berliner Universität „nur“ Assistent gewesen. Seine Habilitation wurde blockiert, obwohl er ausdrücklich versichert hatte, „nie Kommunist oder Sozialdemokrat“ gewesen zu sein (Wendelborn S. 104). Zuletzt, ab 1938, hatte er sich, am US-Swarthmore College (bei Philadelphia, Pennsylvania), mit dem Posten „Instructor“ zu bescheiden. Folgt man Sören Wendelborns gründlicher, wenn auch üblich fremdwortlastiger Studie*, hatten die Belange der beruflichen Laufbahn keinen unerheblichen Anteil an Dunckers Schritt, sich Ende Februar 1940 in einem Waldstück bei Baltimore zu erschießen. Ich nehme an, die nahe Großstadt im benachbarten Staat Maryland ist gemeint, wo sich Duncker nach Vermutung seiner Mutter zuvor die Schußwaffe besorgte (S. 140). Man fand den Emigranten nebst „wirr“ beschriftetem Zettel in seinem unter Bäumen geparkten Wagen. Für die Nachschlagewerke erfolgte sein Schritt aus der bekannten, alles und nichts sagenden „Depression“ heraus.

Dunckers Eltern Käte und Hermann, beide Lehrer, waren stramme Kommunisten, versuchten jedoch, die politisch „neutrale“, vielleicht sogar „einfältige“ Warte ihres ältesten Sohnes in Kauf zu nehmen. Bei der Mutter hatte er sogar einen dicken Stein im Brett. Man konnte zuweilen glauben, Karl sei ihr Liebhaber. Mit Hermann war sie eher unglücklich. Was ihren Liebling angeht, tat sich der mit anderen Frauen offensichtlich ziemlich schwer. Seine 1929 mit Gerda Naef geschlossene Ehe hielt keine drei Jahre lang (S. 37). Die wissenschaftliche Arbeit war ihm viel wichtiger. Man gewinnt den Eindruck, Dunckers geschlechtlichen Begierden seien entweder von Natur aus mager oder aber von ihm selber in eine Flasche eingekorkt gewesen, die er manchmal in sicherer Entfernung auf dem Wasser schwimmen ließ. Jedenfalls scheute er, obwohl als durchaus „charmant, liebenswürdig und gutaussehend“ beschrieben (S. 34), Nähe. Wendelborns Material legt den Verdacht nahe, dafür sei Duncker einfach zu stolz, hoch-mütig, ja selbstverliebt gewesen. Es ist kein Widerspruch dazu, wenn er es auch wieder schätzte, zu leiden und Opfer zu sein. Bei seinem Ehrgeiz war er darauf aus, der „Welt seinen Stempel aufzudrücken“, wie Wendelborn formuliert (S.40), doch seine Ängste und Arbeitsschwierigkeiten ließen ihn darin immer wieder stolpern. Er sei im Grunde ein Zerrissener, ein „Unentschiedener“ gewesen, sagt Wendelborn (S. 206). Somit entbehrte er einer inneren Festigkeit, auf der man einigermaßen sicher stehen konnte. Das wäre ihm wohl zu beschränkt gewesen. Schließlich wünschte er über den Dingen zu stehen. Wahrscheinlich war es Karlchen nie vergönnt, den Größenwahnsinn des Kindes abzulegen. Entsprechend behauptet Wendelborn, er habe sich nie ausreichend von seinen Eltern, zumal seiner Mutter, gelöst. Aber wem gelingt das schon.

Einem Brief der Mutter an ihren Gatten aus dem Todes-monat verdanken wir recht bündige Behauptungen über das Selbstmordmotiv. „Die Angst vor einem völligen Versagen seiner Arbeitskraft u. die Verzweiflung darüber; das Zusammentreffen unglücklicher Zufälligkeiten u. Umstände; der Wunsch Köhlers, ihm durch Stellung leichter Aufgaben zu helfen, was ihn nur noch mehr entmutigte (denn er meinte auch ihnen nicht mehr gewachsen zu sein) u. ihn demütigte; die Angst, dem College zur Last zu fallen; wohl auch die Verantwortung für uns beide – all das hat mitgewirkt, das Leben war einfach zu schwer für ihn.“ (S. 140)

Ein Eingehen auf die von Wolfgang Köhler und Max Wertheimer geprägte „Gestaltpsychologie“ bitte ich mir zu erlassen. Zum einen dürfte sie in solchen Problemfällen eine echt nebensächliche, zufällig gewählte Rolle spielen. Als Anfertiger bestimmter Gesundheitssandalen oder Erfinder eines neuen dreifach geschraubten Sprunges beim Eislaufen hätte Duncker die gleichen Probleme gehabt. Zum anderen gibt es ungefähr so viele psychologische, wahlweise philosophische Schulen, wie es spaltbare Haare auf einer gut durchbluteten Kopfhaut gibt. Sie alle teilen mit den Gesundheitssandalen und dem Eislaufsprung das Fruchtlose und somit Überflüssige. Aber für die Karriere sind sie oft nützlich, und deshalb folgt Abzweig auf Abzweig auf Abzweig, bis man von der Wirklichkeit und der Wahrheit kein Fitzelchen mehr sieht.

Neben Schwester Hedwig, die Ärztin und steinalt wurde, hatte der Gestaltpsychologe noch einen jüngeren Bruder – der auch jünger umkam. Wolfgang Duncker (1909–42) trat in die Fußstapfen seiner Eltern, wurde kommunistischer Journalist, wohl speziell Filmkritiker. Nach Wendelborn war er vorwiegend für Berlin am Morgen, eine Tageszei-tung aus dem „roten“ Münzenberg-Konzern, tätig. 1935 traf Duncker (mit Gattin Erika) im Gelobten Land ein, in Moskau also, wo er als Schnittmeister (Cutter) gearbeitet haben soll. Allerdings sah er sich bereits drei Jahre darauf verhaftet, angeblich wegen seiner Nähe zu Bucharin. Er soll mit 33 vor „Entkräftung“ im Gulag von Workuta, Nähe Nordmeer, gestorben sein. Frau und Sohn überlebten. Vermutlich bewog das über Jahre hinweg ungewisse Schicksal ihres Jüngsten die Mutter Käte Duncker mit dazu, sich nach dem Krieg in der DDR von der SED fern zu halten.

* Der Gestaltpsychologe Karl Duncker, Ffm 2003


Dunn, Ryan 34 (1977–2011), US-Schauspieler und Stunt-man, auch außerdienstlich leidenschaftlicher Autofahrer. Als Privatmann fuhr Dunn einen Porsche 911 GT3. Darin nahm er am frühen Morgen des 20. Juni 2011 gleich noch seinen etwas jüngeren Freund und Kollegen Zachary Hartwell mit. Nach einigen Quellen ist das keineswegs hintersinnig zu verstehen, vielmehr habe der Ältere freundlicherweise beabsichtigt, den Jüngeren nach einem gemeinsamen Barbesuch in Dunns Wohnort West Chester (bei Phildadelphia, Pennsylvania) nach Hause zu fahren. In einem Waldstück der West Goshen Township kam sein Porsche jedoch von der Schnellstraße ab, prallte gegen einen Baum, fing Feuer und sorgte dadurch auch für einen kleinen Waldbrand. Die Polizei meinte, Dunn habe an einer Stelle, die eine Höchstgeschwindigkeit von 90 vorschreibe, 212 bis 225 km/h draufgehabt, außerdem 1,96 Promille Alkohol im Blut. Dunns Wagen muß geradezu einen Abflug von der Straße vorgelegt haben.* Auch die Medien überschlugen sich. Offenbar war der TV-Star bei aller Welt beliebt gewesen. Jetzt war die Welt untröstlich. Teile des Porsche-Wracks werden noch heute als Reliquien gehandelt. Während Dunn mit seinem braunen Vollbart und seinen listigen Äuglein eher wie ein Flößer vom Ohio wirkte, der kein Wässerchen trüben kann, hätte man bei Hartwell eigentlich wissen müssen, woran man ist: der 30jährige Kollege war Irakkriegs-Veteran.*

* Glenda Kwek im Sydney Morning Herald am 22. Juni 2011


Duphorn, Hugo 32 (1876–1909), deutscher Seemann und Maler, vorwiegend Landschafter, zuletzt in Süd-schweden ansässig, wo er 1907 das Gehöft Lilla Backa am See Kärnesjö, Provinz Halland, erworben hatte. Duphorn war mit der dänischen Fotografin Herdis Odderskov verheiratet. Das Paar hatte zwei Töchter und zwei Söhne. Die Namen aller vier Kinder werden nirgends genannt; aber nur der älteste Sohn hatte außerdem das Pech, im Frühjahr 1909 seinen Vater und einen mit diesem befreundeten pensionierten Lehrer auf das bereits tauende Eis des genannten Sees zu begleiten. Die drei brachen ein und kamen allesamt um.* Die Mutter hatte Glück – viel-leicht. Offenbar wandte sie sich erst nach Duphorns Tod entschieden der Malerei zu. Nach einigen Umzügen scheint sie ihr Alter (ab 1931) wieder am Unglücksort verbracht zu haben, in Häljared. Sie starb mit 75.

In seiner Berliner Zeit war Duphorn eng mit dem natur-religiös und genossenschaftlich gestimmtem Schriftsteller Julius Hart befreundet, geboren 1859. Von diesem heißt es, er habe 1910 den Tod seiner Frau Martha und 1920 und 1921 den Tod seiner Töchter Eva und Lilith hinnehmen müssen.** Die Frau soll seit längerem „gemütskrank“ gewesen sein; ihr Alter wird nicht genannt. Die Töchter (von vieren) waren höchstens 20 und 23 Jahre alt. Von der Zeit her könnte man vermuten, sie erlagen der soge-nannten Spanischen Grippe.

* José Kastler, „Hugo Duphorn“, in: Hans Friedl (Hrsg), Biographi-sches Handbuch zur Geschichte des Landes Oldenburg, 1992, S. 161/62
** Thomas Dupke, „Leben und Werk der Brüder Heinrich und Julius Hart“, o. J.



Durković, Vladimir 33 (1938–72). Mit Anfang 30 bezahlte der oftmalige jugoslawische Fußball-National-spieler den Besuch eines „Kabaretts“, vielleicht auch nur Nachtclubs, in der schweizer Stadt Sion, Kanton Wallis, mit seinem Leben. Er war verheiratet, Vater zweier Kinder und neuerdings „Stopper“ beim örtlichen Club FC Sion, den alle Eingeweihten als schweizer Rekord-Pokalsieger kennen. Vorher hatte Durković schon streckenweise in der westdeutschen Bundesliga, dann für den französischen Club AS Saint-Étienne gespielt. Am frühen Morgen des 21. Juni 1972, einem Mittwoch, kam es vor besagter Vergnü-gungsstätte zu einem Streit zwischen dem 33 Jahre alten Durković und einem gleichfalls jugoslawisch-stämmigen Berufskollegen einerseits und einem jungen Gendarmen andererseits, wie ich einem damaligen österreichischen Zeitungsbericht entnehme.* Danach befand sich der Beamte auf Urlaub und in Zivil, führte aber offensichtlich seine Dienstwaffe mit sich. Der Streit endete mit einem Bauchschuß für Durković. Der Fußballverteidiger brach zusammen. Immerhin habe ihn der Schütze umgehend eigenhändig ins Krankhaus gebracht – wo Durković anderntags starb. Dem Untersuchungsrichter Louis de Riedmatten soll der Gendarm erklärt haben: „Ich war be-trunken, ich habe jemanden sinnlos getötet.“ Riedmatten ließ ihn festnehmen. Möglicherweise waren auch die Fußballer nicht mehr gerade stocknüchtern gewesen; gleichwohl dürfte es später zu einer Anklage und einer Verurteilung des Schützen gekommen sein. Davon ist nichts zu lesen.

* „Stopper Durković wurde erschossen“, Volkszeitung (Klagenfurt), 23. Juni 1972, S. 12


Dutschke, Rudi 39 (1940–79). Als er 1979 an den Spät-folgen der drei Pistolenschüsse starb, die Josef Bachmann am 11. April 1968 auf dem Westberliner Kurfürstendamm auf den nicht nur ihm verhaßten Revolutionär („dreckiges Kommunistenschwein“) abgegeben hatte, war auch Bachmann schon seit längerem tot. Er hatte sich 1970 mit 25 Jahren im Gefängnis umgebracht. Ich behandele ihn im folgenden sozusagen ersatzweise, weil Dutschke gar zu bekannt ist.

Was damals, 1968/70, hinter Bachmann gelegen hatte, sollte man nicht leichtfertig „ein verkorkstes Leben“ nennen, solange man nicht weiß, wen man, Gott einmal ausgenommen, für alle die verkorksten Leben, die sich die Sterne schon mitansehen mußten, verantwortlich machen könnte. Wir wählen unsere Geburt so wenig wie unseren Willen. Als Kind oft krank, war Bachmann auch noch mit einem Stoffel als Vater geschlagen. Der schwächelnde sächselnde Bub wird gehänselt; nach der „Hilfsschule“ kommen die „Hilfsarbeiten“; dann die Diebstähle und Vorstrafen, übrigens auch wegen unerlaubten Waffen-besitzes. Sowohl in der DDR wie im Ruhrgebiet hat er bereits als Halbwüchsiger offene Ohren für die Hetze aus faschistischer Ecke. Wobei zumindest für Linke felsenfest steht, auch die Springer-Presse habe gehörig dazu beigetragen, den blassen, schmächtigen, 1 Meter 60 kleinen Bachmann auf die Idee zu bringen, bei einem ehemaligen Peiner NPD-Mitglied Schießunterricht zu nehmen und am 10. April per Bahn von München nach Berlin zu fahren, um Dutschke, dem er noch nie begegnet ist, anderntags unweit des SDS-Büros aufzulauern. „Und man darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen“, so Bild am 7. Februar. Laut Gerhard Mauz* gab Bachmann am zweiten Verhandlungstag vor dem Moabiter Schwurgericht zu, unter den Blättern, aus denen er sein Wissen über Dutschke und überhaupt seine Informationen bezogen habe, hätte sich „die Bild-Zeitung vorneweg“ befunden. Nach dem Attentat (und einem Feuergefecht mit der Polizei) im Krankenhaus aus der Narkose erwacht, hatte er folgerichtig vermutet: „Ich möchte mit Ihnen wetten, daß sich jetzt 70 Prozent der Bevölkerung im Stillen die Hände reiben.“ So dumm war der Hilfsschüler also nicht.

Was die Motive für Bachmanns Selbstmord angeht, liegen sie nach wie vor im Dunkeln. Ein Abschiedsbrief ist nicht bekannt. Einige mutmaßen, Bachmann sei niedergeschla-gen gewesen, weil ihm Dutschke schon länger nicht mehr geschrieben hatte. Aber das ist ein verdammt heißes Eisen, für beide Seiten: das Opfer überlebt, kann jedoch nicht als Ersatzvater oder Busenfreund für den Täter genügen! Im übrigen lag dieser Selbstmord längst in der Luft. Schon in seinem ersten wohlwollenden Brief an Bachmann, am 7. Dezember 1968 in Mailand abgeschickt, hatte Dutschke den Häftling, nach einiger Agitation, abschließend gebeten, „mit den Selbstmordversuchen aufzuhören“, er werde noch gebraucht. Und Bachmann räumte in seinem zweiten, am 10. Januar 1969 verfaßten Brief an Dutschke ein: „Zurzeit geht es mir etwas besser als wie in den ersten Monaten, wo ich versucht habe, mit allen Mitteln aus dem Leben zu scheiden. Ich hoffe ja, daß ich alles durchstehen werde und für mich auch noch einmal die Sonne scheinen wird. Wenn nicht, bleibt mir noch immer Zeit, von dieser beschissenen Erde zu verschwinden.“**

Der Mordversuch hatte Bachmann, im Frühjahr 1969, sieben Jahre Haft eingebracht. Ein Jahr darauf, nach wiederholten Selbstmordversuchen, wenn auch, wegen der scharfen Bewachung, auf stets andere Weise (Erhängen mit Radiokabel, Halsschlagader mit Scherben des zerschlagenen Zellenfensters durchtrennen, Löffel oder Messer verschlucken) sühnte er seine drei Kopfschüsse auf Dutschke mit einer über den eigenen Kopf gestülpten Plastiktüte, in der er erstickte. Er hatte sie am Hals zugebunden. Schon die Vorstellung, auf diese Art zu sterben, ist alles andere als angenehm. Unter den Suizid-Arten soll sie selten sein. Vermutlich stand Bachmann in seiner gut durchsuchten Zelle keine andere Methode zur Verfügung. Prahlerei läßt sich darin jedenfalls nicht mehr sehen. Als Bachmann einmal in Frankreich mit verschlos-senen Handschellen ins Meer gesprungen war, tat er es weniger, um seinen Kumpels zu imponieren, wie man zuweilen liest, vielmehr um dem Gefängnis zu entgehen. Das mißlang; ein Berufstaucher fischte ihn wieder heraus.

Wer nie Oberwasser verlor, das war der Mann, unter dessen Vorsitz Bachmann in Moabit verurteilt worden war. Das wurde damals von Brandts Tochter Heike enthüllt und hier und dort aufgegriffen, etwa durch Yaak Karsunke.*** Landgerichtsdirektor Heinz Brandt (56) war ein Regime früher Mitglied der NSDAP (Nummer 1436 536), Abtei-lungsleiter in der Reichsgruppe Junge Rechtswahrer und Kreisinspektor in Lebus an der Oder gewesen.

Der Presse-Fotograf Klaus Frings (32) und der Student Rüdiger Schreck (27) erlitten nach dem Attentat auf Dutschke bei einer Protestdemonstration in München im April 1968 tödliche Verletzungen. Durch wen, wurde nie aufgeklärt.****

* „Siebzig Prozent reiben sich die Hände“, Spiegel, Nr. 11, 10. März 1969
** Ausgerechnet laut Bild: „Diese Briefe schrieb Dutschke an seinen Attentäter“, 27. April 2010
*** Rotbuch Josef Bachmann / Sonny Liston, Berlin 1973
**** Ulrich Chaussy, „Keine Story“, taz 11. April 1998



Dworkin, Boris 39 (1904–44), kriegsgefangener SU-General. Der sowjetische Blutzoll im Kampf gegen den Faschismus wird gern vernachlässigt, obwohl er, nach verschiedenen Schätzungen, ungeheuerlich war, 25 bis 30 Millionen. Allein von rund fünf Millionen SU-Bürgern in deutscher Kriegsgefangenschaft kamen mindestens drei Millionen um: vor allem durch Zwangsarbeit und die verheerenden hygienischen Zustände in den Lagern, aber beispielsweise auch in Genickschußanlagen. Der knapp 40jährige General der Roten Armee Boris Dworkin, Aktivist der B.S.W. (Bratskoje Sotrudnitschestwo Wojennpleniich = Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen), wurde am 7. Oktober 1944, auf Befehl Himmlers, nach 37 weiteren, überwiegend russischen Häftlingen oder Bundesgenossen, die durch einen Spitzel aufgeflogen waren, im KZ Mauthausen (bei Linz) zu jener verbrämten Wand geführt, hinter der sich der Todes-schütze verbarg. Laut russischer Wikipedia war der General im Sommer 1942 in oder bei Sewastopol von den Deutschen gefangen genommen worden. Nun, als er Unheil witterte, sei es zu einem Wortwechsel über den Status von Gefangenen gekommen, worauf ihn Lager-kommandant (Franz) Ziereis über seine Schuld belehrt und eigenhändig erschossen habe, offenbar von vorn. Diese Erzählung wird von der Webseite Moosburg Online bestätigt, die in diesem Zusammenhang aus einem Urteil des Hagener Landgerichts vom 24. Juli 1970 (gegen Fassel und Roth) zitiert.* Immerhin, Ziereis wurde nicht älter als Dworkin. Er starb gleich nach Kriegsende aufgrund von Verletzungen nach einem mißglückten Versuch, den einrückenden US-Soldaten zu entkommen.

* „Die Aussonderung und Erschießung sowjetischer Kriegsge-fangener“, Stand 8. April 2002


Dybfest, Arne 23 (1869–92), norwegischer Schriftsteller, trotz bewegter Jugend drei erzählende Bücher, darunter den Roman Ira. Nach Thomas Andersen* war der Sohn eines offenbar engstirnig frommen Segelfrachtschiffers wegen geringfügigen Diebstahls und einer (angeblichen) Vergewaltigung schon als 15jähriger in Haft gekommen. Anschließend wurde er gleichsam in die USA verschickt. Dort von Anarchisten beeinflußt, besuchte er sogar Albert Parsons im Gefängnis, den man, mit anderen, fälschlich wegen der Bombe auf dem Chicagoer Haymarket Square (1886) eingesperrt hatte. Dybfest fing zu schreiben an, zunächst für norwegische und nordamerikanische Blätter. 1888, nach einem Besuch in Paris, wieder in Trondheim eingetroffen, kommt es zu einer kurzlebigen eigenen Zeitschrift. Ab 1890 in Kristiana (Oslo), gilt Dybfest als Dandy. Noch im Todesjahr heiratet er die fast sieben Jahre ältere Witwe Ella Krogh geb. Brodahl, von der man weiter nichts mehr hört. Sie soll erst 1935 gestorben sein. Dann kamen zwei Paukenschläge. Als sich der junge, 1871 geborene angehende Literat Vilhelm Solheim im März 1892 umbrachte, wurde Dybfest polizeilich und öffentlich beschuldigt, diesen Selbstmord nicht verhindert zu haben. Und am 7. Juli sprang er selber, bei Bergen, von einem Segelboot aus ins Meer – und in den Tod. Meist wird angenommen, dabei hätten ihm zumindest unter anderem die erwähnten Verfolgungen im Nacken gesessen.

Laut einigen Quellen, darunter die norwegische Wikipedia, war Solheim ein enger Freund von Dybfest und erhoffte sich ebenfalls eine literarische Laufbahn. Dybfest habe ihn am verhängnisvollen Tag, dem 17. März, zum Strand des Oslofjords begleitet, worauf ihn ein anderer Mensch zur Insel Hovedøya ruderte. Dann dürfte der zurückgebliebene Dybfest von dort her einen Knall gehört haben: der 21jährige Freund hatte sich erschossen. Der Kritiker Espen Søbye** weiß es sogar ganz genau: durch ein Auge.

Søbye hält Dybfest aufgrund von Aufzeichnungen eines Dritten, die 1999 gefunden worden seien, für unschuldig. Er nimmt an, Solheim habe sich wegen Schulden bei der Vermieterin seines Wohnheims umgebracht, die er nicht zahlen konnte. Aber Liebeskummer wegen einer 18jährigen, Clary Levy, war wohl ebenfalls im Spiel. Die hätte er kaum in den Schlafsaal des schäbigen Wohnheims lotsen können, um sie endlich zu verführen. Liegt Søbye richtig, saß Solheim in einer genauso tückischen wie typischen Klemme.

Ich folge nun erneut Wikipedia. Die von vielen bürger-lichen Blättern begrüßte polizeiliche Untersuchung, durch die eine Anklage drohte, bewog Dybfest offenbar, nach Bergen auszuweichen. Dort kam es keine drei Monate nach Solheims Tod zu einem Segeltörn, wohl auf einem Fjord nahe der Stadt. An Bord seien mehrere Personen gewesen. Unweit des Leuchtturms von Brattholmen, „in frischer Brise“, habe es einen Streit gegeben, bei dem Dybfest den Steuermann ohrfeigte. Das habe ein anderer Freund, Peter Egge, nach Augenzeugenberichten in seinen Erinnerungen mitgeteilt.*** Als der Steuermann mit Polizei drohte, sei Dybfest ins Wasser gesprungen. Beim Versuch ihn zu retten, sei das Boot auch noch mit seinem Kopf zusammen gestoßen. Dybfest versank. Anscheinend blieb auch seine Leiche verschwunden.

Mit Egge hatte er einst, in Trondheim, die kurzlebige Den nye tid (Die neue Zeit) gegründet. Vielleicht läßt sich Egges Erinnerungen sogar entnehmen, ob der Kompagnon und Kapitänsohn des Schwimmens mächtig war. Egge hatte ein langes erfolgreiches Schriftstellerleben; er starb 1959 mit 90.

* Artikel im Norsk biografisk leksikon, Stand 2009
** Arne Dvergsdal, „Sannheten om et ukjent geni“, Dagbladet (Oslo), 20. März 2000
*** Wohl: Minner fra barndom og ungdom, Oslo 1948



Fortsetzung (Eba–Esp)
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