Mittwoch, 16. Dezember 2020
LdF Folge De–Dol

De Fauw, Dimitri 28 (1981–2009), belgischer Radrenn-fahrer. Man muß hier etwas ausholen: 2006 hatte es beim Genter Sechstagerennen einen tödlichen Unfall gegeben. Damals erwischte es den 31jährigen Bahnradsportler Isaac Gálvez (1975–2006) aus Spanien, nachdem er in der Nacht zum 26. November, einem Sonntag, auf dem schräg gebauten Hallenrundkurs im Rahmen einer „Jagd“ beim Ausscherversuch eines Konkurrenten von diesem gestreift worden war – der Konkurrent hieß De Fauw. Beide Sprinter stürzten, doch nur der Spanier, um 50 Stunden-kilometer schnell, brach sich an der oberen Bande der Bahn mehrere Rippen, die teils sein Herz verletzten. Daran verblutete er noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Das Rennen wurde abgebrochen. Drei Wochen vorher hatte der im Naturell ruhige, gleichwohl an Siegpokalen reiche Spanier geheiratet. Die Ehe war kurz.*

Obwohl ihm in der Branche anscheinend keiner Vorwürfe machte, konnte De Fauw den Zwischenfall nie so richtig verwinden, wie er auch in Interviews einräumte. Er werde „zeitlebens“ daran zu tragen haben. Drei Jahre nach Gálvez‘ Tod soll der einst erfolgreiche, inzwischen 28jäh-rige Radprofi in seinem Wohnort Heusden bei Gent nur wenige Tage nach einem Sechstage-Rennen in Grenoble (Platz 7 zusammen mit dem Dänen Marc Hester) von eigener Hand gestorben sein. Wie, blieb offenbar unbe-kannt. Selbst die Gründe sind undurchsichtig. Freunde zeigten sich überrascht.** Möglicherweise spielte neben jener Unfall-Hypothek auch De Fauws „Leistungsabfall“ eine Rolle, hatte er doch zuletzt Schwierigkeiten gehabt, überhaupt noch Verträge zu bekommen. Außerdem scheint er zu den Quellen des Abgeordneten Jean-Marie Dedecker gehört zu haben, der (in manchen Augen haltlose) Anschuldigungen über Doping-Kuren prominenter belgischer Radprofis in Italien vorgebracht hatte. Auch das Team Quickstep, dem Fauw vorübergehend angehört hatte, kam ins Gerede. Eben deshalb, meinte Dedecker, sei De Fauw zuletzt geschnitten worden. Das „Milieu“ habe ihn „kapot gemaakt“.*** Dagegen verwahrte sich wiederum De Fauws Mutter Claudine: ihrem Sohn seien von „Enthüllungs-Journalisten“, die sich als Kumpels ausgaben, die Worte im Munde herumgedreht worden. Neben der fürsorglichen Mutter hinterließ De Fauw seine Gefährtin Joke. Ich erinnere mich dunkel, sie hätte sich irgendwo einmal zu der Angelegenheit geäußert – sollte man ihr aber glauben?

Kommt es hoch, gräbt der nächste Enthüller sogar einen Mord aus. Denn wo sind die Belege für den angeblichen Selbstmord? Die Blätter geben als Quellen die Nach-richtenagentur Belga oder den Sender Sporza an, doch deren entsprechende Berichte sind im Internet zumindest heute nicht aufrufbar. Was der Enthüller vermutlich zuerst sehen wollte, wären Bescheinigungen von Ärzten und Polizisten.

* Leonie Specht im Münchner Wochen Anzeiger, 11. Nov. 2007, S. 8
** Jens Hungermann, „Belgier rätseln über De Fauws Selbstmord“, Welt, 9. November 2009
*** „Dedecker: De Fauw is kapot gemaakt door het milieu“, Wieler-Flits.nl (Fahrradblitz), 10. November 2009



De Giorgi, Emanuele 14 (1973–88), italienischstäm-miger Schüler in Bremen, Opfer des berüchtigten „Glad-becker Geiseldramas“, aus nächster Nähe kaltblütig durch Kopfschuß getötet. 20 Jahre darauf gibt ein bekanntes Wochenblatt* eine ausführliche Rückschau auf das Ereignis, weist dabei auch auf beträchtliche Versäumnisse der Polizei und grobe Verfehlungen ganzer Meuten sensationslüsterner Journalisten hin. Zwei Männer Anfang 30 hatten eine Gladbecker Bank überfallen, später in Bremen einen gut besetzten Linienbus gekapert. Die vier Rückschau-Autoren liefern auch einen ganzen Abschnitt über „Die Opfer“ – widmen ihn jedoch befremdlicherweise ausschließlich Tatiana, der 9jährigen Schwester Emanueles, sowie den Eltern der Geschwister. Sie sorgen sich also um das harte Schicksal der Überlebenden. Dem 14jährigen konnte schließlich nichts mehr geschehen, weil er bereits tot war. Er gehörte mit Tatiana zu den zufälligen, ursprünglich rund 30 Fahrgästen des Busses. Die Räuber hatten den Jungen ausgelöscht, um die Rückkehr einer Komplizin zu erzwingen, die beim Austreten verhaftet worden war. Nach einigen Darstellungen erwischte es den eher schmächtigen Dunkelhaarigen an Stelle seiner kleinen Schwester, die er hatte schützen wollen. Möglicherweise war er dem betreffenden Geiselnehmer auch „zu wenig unterwürfig“ gewesen, wie Richter Rudolf Esders glaubt.** Das ist alles, was ich dem Internet zu dem erschossenen „Schüler“ abpressen konnte. Die beiden Haupttäter bekamen übrigens Lebenslänglich.

Leider gab es bei dem ganzen „Drama“ sogar noch zwei weitere Tote, und auch sie werden in der Rückschau des Wochenblatts lediglich gestreift. Zunächst war der 31jäh-rige Polizist Ingo Hagen bei der hektischen Fahndungs-arbeit in einen Straßenverkehrsunfall verwickelt worden, der für ihn tödlich ausging. Und zuletzt, beim abschlie-ßenden Befreiungsschlag der Polizei auf der A 3 bei Bonn, wurde die 18jährige, im Bus gefangene Geisel Silke Bischoff erschossen – angeblich ebenfalls von den Räubern, also nicht etwa durch eine von draußen kommende Polizei-kugel. Von dieser jungen Frau, nach Fotos eine hübsche blonde, ist aus einigen anderen Quellen lediglich zu erfahren, sie sei in Bremen bei ihren Großeltern aufgewachsen und habe beim dortigen Amtsgericht eine Lehre zur Staatsanwaltsgehilfin gemacht. Eindringlicher konnte sich die Lehre kaum gestalten.

Prallt eine Prinzessin von Wales in Paris gegen einen Betonpfeiler der Stadtautobahn (1997), werden umgehend 2.000 Anekdoten aus ihrer Kindheit ausgegraben und 200 Bücher über sie auf den Markt geworfen. Was dagegen die drei Opfer des „Gladbecker Geiseldramas“ angeht, sind keinerlei Schilderungen aufzutreiben, die auch nur anflug-weise einem Porträt ähneln. Das nenne ich eine Tragödie.

* Altrogge / Dahlkamp / Kölling / Schrep, „Mach es weg, mach es weg“, Spiegel, 11. August 2008
** „Drei Tage im August“, Westfälische Nachrichten, 11. August 2018



Dean, James 24 (1931–55). Der überall angehimmelte US-Filmschauspieler hat es verdient gestreift zu werden, weil er sein junges Leben in Kalifornien als Fahrer eines deutschen Autos verlor – er fuhr einen silberfarbenen Porsche 550 Spyder. Er verunglückte bereits bei der Anfahrt zu einem in Salinas geplantem Rennen auf dem Highway. Ich nehme einmal an, die Firmenhintergründe seiner vierrädrigen Rakete waren Dean ähnlich wenig bekannt und wichtig wie zahlreichen Wirtschaftswunder-deutschen auch. Das Volkswagenwerk in Wolfsburg war um 1940 unter der Leitung Ferdinand Porsches mit Hilfe jener Gelder aus dem Boden gestampft worden, das die Faschisten den zerschlagenen Gewerkschaften geraubt hatten. Eckart Spoo behauptet (2013), Ingenieur und „Wehrwirtschaftsführer“ Porsche habe damals „so viele Fremdarbeiter, Arbeitssklaven, auch KZ-Häftlinge“ bekommen, wie er nur haben wollte. Dieses Projekt VW war nämlich Hitlers Herzenssache gewesen. Als es 1945 vorübergehend lahmgelegt wurde, machte sich Porsches Schwiegersohn Anton Piëch vor den bösen Russen nicht ohne rund 10,5 Millionen Reichsmark im Rucksack nach Zell am See in Österreich dünne.* Dort besaß der Clan seit 1941 eine erholsame Zufluchtstätte in Gestalt eines Guts-hofes. Ferdinand Porsche muß damals eine unglaublich gute Witterung oder aber blendende Beziehungen besessen haben, schlug man das Salzburger Land doch im Herbst 1943 und dann auch nach Kriegsende der US-Besatzungs-zone zu. Damit war alles wieder in Butter und der Autohandel mit dem großen Befreier aus Übersee konnte beginnen.

* Hans Leyendecker, „In Feindschaft eng verbunden“, Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010


Decraene, Igor 18 (1996–2014), belgischer Radrenn-fahrer aus Waregem, Westflandern, Nähe Gent. Möglicher-weise trat er in >De Fauws Fußstapfen, nur schon mit 18. Der Junioren-Weltmeister im Zeitfahren von 2013 (Florenz) galt als großes Talent und hatte für 2015 bereits einen Profivertrag in Aussicht – ironischerweise just mit De Fauws zeitweiligem Stall Omega Pharma-QuickStep, wenn ich nichts verwechsele. Es heißt, Decraene sei zwar durch Verletzungen zurückgeworfen worden, habe jedoch zuletzt wieder zwei Zeitfahren gewonnen. Kannte er eigentlich noch andere Interessen, diesseits des Radsportwahns? Kameraden empfanden ihn jedenfalls als gutgelaunt. Am 29. August 2014 nahm er in Zulte an einer Geburtstagsfeier teil und machte sich am frühen Morgen ziemlich betrunken auf den Heimweg – ob per Rad oder zu Fuß, bleibt selbst in der gründlichsten mir zugänglichen Quelle unklar.* Dabei wurde der hübsche junge Mann mit der dunklen Mauspelzfrisur rund sieben Kilometer vom elterlichen Bauernhof entfernt in einem Sperrgebiet von einem Zug überrollt und getötet. Wie es aussieht, gab es weder Zeugen noch Ankündigungen. Die ersten Berichte sprachen überwiegend von Selbstmord. Decraenes Verein selbstverständlich nicht. Auch die amtliche Untersuchung habe dann auf Unfall erkannt, was Decraenes wohl noch sechsköpfige Familie mit Genugtuung aufgenommen habe. Die Familie hatte die umlaufende Selbstmordtheorie von Anfang an zurückgewiesen. Das machen Familien immer.

Fünf Jahre darauf ist in einer belgischen Tageszeitung zu lesen**, ein Bruder des Frühverstorbenen sei, nicht zum ersten Mal, wegen Alkohols am Steuer mit den Behörden in Konflikt gekommen. Sein Anwalt habe jedoch ein „Alkoholproblem“ verneint. Sein Mandant sei noch immer vom Tod Igors verstört, benötige deshalb auch psycholo-gische Beratung. Vielleicht gibt es da ja für große Familien Mengenrabatt.

* „Parents, friends of late world junior TT champion Igor Decraene dismiss suicide claims“, CyclingTips, 2. September 2014
** Hans Verbeke, „Bijna vijf jaar na dood wielerkampioen plaatst broer zelf alcoholslot na ongeval onder invloed“, HLN (Het Laatste Nieuws), 19. März 2019



Dede, Diren 17 (1996–2014), deutsch-türkischer Schüler in Hamburg, bei Aufenthalt in den USA erschossen. Es ist natürlich nicht völlig auszuschließen, auch Igor Decraene sei ermordet worden, obwohl dies nirgendwo erwogen wird. Wenn ja, müßte jemand ein Mordmotiv besessen haben, beispielsweise Rassismus. Aber der Fahrradnarr war ja Belgier gewesen. Damit zu Diren Dede, der auch noch den Nachteil aufwies, sich lediglich als Gast, als Austausch-Highschüler in der gebirgigen Kreisstadt Missoula, Montana, aufzuhalten. Doch der 29jährige Hausbesitzer und Ex-Feuerwehrmann Markus K. dürfte für die Erscheinung des fremden Mannes in seiner Garage wenig Augen gehabt haben, nachdem ihm dieser von seiner Überwachungskamera gemeldet worden war. K. sprang sofort auf, griff nach seiner Schrotflinte und durchsiebte das Dunkel in seiner Garage mit vier Schüssen. Der Junge starb kurz darauf im Krankenhaus. Er war unbewaffnet gewesen. Er hatte sich mit Schul-kameraden dem beliebten „Garage Hopping“ hingegeben, einer Mutprobe, die nebenbei auf alkoholische Getränke aus war, die ja in den Staaten erst ab 21 erlaubt sind. Beim Prozeß stellte sich heraus: K. war kürzlich wiederholt bestohlen worden und hatte deshalb bereits Rache geschworen. Er stand sozusagen Gewehr bei Fuß. Er versuchte, Notwehr und das Selbstverteidigungsrecht von Haus- und Grundeigentümern geltend zu machen, holte sich jedoch erstaunlicherweise bei Richter McLean eine böse Abfuhr. Mit K. stehe er offensichtlich einem wenig umgänglichen, ja haßerfüllten Zeitgenossen gegenüber. Der Schutz von Dosenbier, Haus und Familie sei nur vorgeschoben; man müsse vielmehr die Gesellschaft vor Menschenjägern wie ihm schützen. K.s Gefährtin war offenbar von gleichem Schrot und Korn. In einem abgehörten Telefongespräch hatte sie Dede als „dreckige Ratte“ bezeichnet. K. bekam 70 Jahre Haft.

* Assmann/Kollenbroich, „Es bringt mir den Sohn nicht zurück ...“, Spiegel, 13. Februar 2015


de Menezes, Jean Charles 27 (1978–2005), hellhäu-tiger Brasilianer in Großbritannien, Polizeiopfer. Der 27jährige Elektriker war im Juli 2005 auf dem Weg zur Arbeit in einem Londoner Ubahnhof von Terroristenjägern mit sage und schreibe sieben Kopfschüssen getötet, genauer gesagt: hingerichtet worden, weil sie ihn für einen gesuchten Bombenattentäter hielten. Gemacht hatte er nichts. Allerdings hatte er „mongolische“ Augen, weshalb er bereits beschattet worden war. Es war eine „Verwechs-lung“, die Scotland Yard zunächst mit zahlreichen Lügen zu verbrämen suchte, wie später in der gerichtlichen Untersuchung zumindest teilweise eingeräumt werden mußte. Unter anderem wurde ihm ein höchst verdächtiger Fluchtversuch angedichtet, ein Sprung über die Absperrung im Bahnhof.* Die meisten Medien logen gerne mit. 2007 wurde Scotland Yard wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu hohen Geldbußen verurteilt, doch bestimmte Polizeibeamte, geschweige denn Schützen, wurden nie belangt. Im Gegenteil soll die damalige Einsatzleiterin, Cressida Dick, um 2007 in bewußtem Vertrauenserweis wiederholt befördert worden sein. Der Familie des Verwechselten wurde eine vergleichsweise erbärmliche Entschädigung gegönnt. Mit ihrer Klage vor dem Europäischen Menschenrechtshof, wegen der ausbleibenden Strafverfolgung, holte sie sich 2016 eine Abfuhr. Dafür wurde Frau Dick ein Jahr darauf sogar auf den Chefsessel von Scotland Yard gehievt, ein Novum in der Geschichte dieser „besten“ aller Polizeien, wie die 56jährige nach ihrer Amtseinführung meinte.** De Menezes ist tot; die Emanzipation der Frau, die Wandlung der Ladies ins Eiserne, ist quicklebendig.

* Julian Sayarer, „Jean Charles de Menezes: 15 Years On“, Tribune Magazine (London), 22. Juli 2020
** „Scotland Yard bekommt erste Chefin“, FAZ, 9. April 2017



Depardieu, Guillaume 37 (1971–2008), französischer Schauspieler. Bestandteil seines bunten, sicherlich rebel-lischen, jedoch für mein Empfinden wenig vorbildlichen Werdegangs waren eine Schießerei (neun Monate auf Bewährung) und ein Motorradunfall. Dieser führte ihn im Oktober 1995 zwecks Operation am Knie in ein Kranken-haus. Ein vor ihm fahrendes Auto hatte einen Koffer verloren. Aus dem Krankenhaus brachte Depardieu das Bakterium MRSA mit nach Hause – Infektion. Er fütterte es mit starken Schmerzmitteln, hielt daneben am gewohnten Drogenkonsum fest, unterzog sich 17 weiteren Operationen und ließ das Bein im Juni 2003 amputieren. Nun hatte er als Einbeiniger – der gleichwohl weiter vor der Kamera stand – noch fünf Jahre zu leben. Im Oktober 2008 erlag der 37jährige in Garches bei Paris einer Lungenentzündung, die abzuwehren offensichtlich seine noch vorhandenen Kräfte überstieg.

Was Deutschland betrifft, haben wir derzeit, nach verschiedenen Quellen, mit jährlich mindestens 500.000 Krankenhausinfektionen und mindestens 15.000 durch sie bewirkten Todesfällen zu rechnen. Das räumt sogar die Webseite des Bundesgesundheitsministeriums ein. Da lacht sich das Corona-Mäuschen ins Fäustchen. Man stirbt also nicht unbedingt, leidet aber oft langwierig an seiner unbestellten Infektion. Mit anderen Worten, ohne den gutgläubigen Gang ins Krankenhaus wäre man, vom Rippenbruch oder Magengeschwür einmal abgesehen, putzmunter geblieben. Viele denkbare Schutzmaßnahmen fallen den sattsam bekannten „Kostengründen“ zum Opfer – und die Behandlung der Infizierten, siehe Depardieu, ist dann dreimal oder dreißigmal so teuer. Aber die Gesundheitsindustrie verdient. Eine andere denkbare Schutzmaßnahme wäre es gewesen, wenn der prominente Schauspieler Gérard Depardieu, Jahrgang 1948, darauf verzichtet hätte, Kinder in die Welt zu setzen. Aber so vorbildlich war er nicht. Ergo sandte er seine „tödlichen Blicke“ gegen den Taugenichts von Sprößling aus, wie dieser einmal in einem Interview behauptete*, und wagte schon nicht mehr, die Fernsehnachrichten einzuschalten.

Der Sprößling hat dann auch wieder vorsorglich ein Kind gezeugt, mit einer Berufskollegin. Die gemeinsame Tochter dürfte jetzt um 20 sein. „Mein Meisterwerk“, soll der stolze Vater einmal dazu gesagt haben. Ob die junge Frau selber ähnlich begeistert ist? Ich habe mir verboten, die Klatsch-spalten auch danach aufzuschlagen.

* „Bekenntnisse eines Pechvogels“, Spiegel, 13. November 2004


Depoorter, Richard 33 (1915–48), belgischer Radrenn-fahrer. Das Bündnis zwischen Radsport und Automobil-industrie wirkt sich mitunter nicht nur in den Reihen des gemeinsamen Feindes (der FußgängerInnen) schädlich aus. Im Juni 1948 startete Depoorter, gerade erst Fünfter der Luxemburg-Rundfahrt geworden, bei der Tour de Suisse. Vor der vierten Etappe von Thun nach Altdorf lag er sogar an aussichtsreicher Position für Platz 2 der Gesamtwertung. Doch oberhalb von Wassen (Kanton Uri) führte die vierte Etappe dummerweise durch den gekrümmten und zudem schlecht beleuchteten Tunnel im Fedenwald. In diesem Tunnel fand der 33jährige Belgier durch einen Sturz sein Ende.

Bei einer Autopsie in seinem Heimatland stellte sich allerdings entgegen dem Zeugnis des Unfallarztes Davide Staffieri und offizieller Verlautbarungen heraus, daß Depoorter nicht durch den Sturz selber und dabei angeblich erlittene Kopfverletzungen umgekommen war. Vielmehr fand man verdächtige Rippenfrakturen, die an Autoreifen denken ließen. 18 Rippen waren, teils mehrfach, gebrochen. Dann brachen auch Augenzeugen ihr Schweigen: Der gestürzte Rennfahrer war von einem belgischen Begleitfahrzeug überfahren worden. Nach Aussage des Sanitätschefs Adolf Huber hatte damals Rennleiter Carl Senn persönlich auf einer Vertuschung des wahren Unfallhergangs bestanden, wie Rolf Gisler-Jauch, Staatsarchivar des Kantons Uri, in einem Aufsatz* darlegt. Diese Betrugsversuche wurden anscheinend nie geahndet. Dafür kam es 1950 immerhin zu einem Gerichtsverfahren in Brüssel, gefolgt von langwierigen Streitigkeiten um Entschädigung. Wegen „Fahrlässiger Tötung“ wurde der Fahrer des belgischen Begleitfahrzeugs, Louis Hanssens, zu sechs Monaten Gefängnis (später zu einem Monat geschrumpft) und der Leistung von anderthalb Millionen Belgischer Franken Schadenersatz verurteilt. Diese Summe (wohl höchstens 40.000 Euro) soll allerdings bei Depoorters Witwe erst neun Jahre nach dem Tod ihres Mannes angekommen sein, 1957. Später (1998?) wurde dem Ort des Unglücks der Name Depoorter-Tunnel verliehen.

Begeisterte SchwingerInnen des Keulenwortes Verschwö-rungstheorie wird es kaum verblüffen, wenn unter etlichen Presseleuten von Depoorters Sturz an auch ein Mordver-dacht umlief, der sich noch heute auf einigen Webseiten hält. In diesem Fall müßten allerdings in beträchtlichem Maße Geistesgegenwart, Kaltblütigkeit und Bestechung im Spiel gewesen sein. Nach dem Sturz ging die vierte Etappe an den Franzosen Jean Robic, gefolgt von den Schweizern Ferdi Kübler und Hugo Koblet.** Kübler ist hier der entscheidende Mann. Als heimisches As wünschten ihn viele auf dem Siegerpodest der Schweiz-Rundfahrt zu sehen – und das gelang ihm denn auch. Schließlich war Depoorter leider „ausgefallen“. Nur der Belgier hätte Kübler den Triumph noch streitig machen können, argumentieren die Argwöhnischen. In dem gelblackierten belgischen Begleitfahrzeug saßen vier Personen: zwei Belgier aus dem Dunstkreis des Depoorter-Teams Mondia; der belgische Fahrer, ein bereits wiederholt vorbestrafter Typ aus der Autohandelbranche; und ein französischer Journalist. Dieser fiel im Zuge der Untersuchung um: er räumte das Überfahren ein. Aus seinen Aussagen kann sogar geschlossen werden, der gelbe Wagen hätte dem Gestürzten durchaus ausweichen können, der Spielraum war da. Das tat er aber bekanntlich nicht. Im übrigen war der Wagen auch nach Gisler-Jauchs Darstellung Depoorter entgegen einer Anweisung des schon erwähnten Sanitätschefs Adolf Huber in den Tunnel gefolgt.

Der Staatsarchivar aus Altdorf stützt sich zum Teil auf ein offenbar bislang nicht übersetztes Buch, das 1997 in Flandern erschien.*** Ob Autor Vandenbussche den Mordverdacht behandelt, bleibt so offen oder unklar wie manches andere. Einige Webseiten behaupten, der Mordverdacht sei auch von Depoorters Bruder Willy öffentlich ausgesprochen worden. Diesen Mann finde ich im Internet so wenig wie den etwas zwielichtigen Fahrer des gelben Wagens. Nach jenen Webseiten soll Hanssens bald nach seiner Verurteilung gestorben sein, noch vor Haftantritt. Es wäre natürlich interessant zu erfahren, wie – und warum er nicht bereits vor den ersten Enthüllungen oder wenigstens vor Prozeßbeginn das Zeitliche segnete …

Das Auto, das dem belgischen Ex-Radrennfahrer Rudy Dhaenens (1961–98) an einem Aprilsonntag des Jahres 1998 zum Verhängnis wurde, war sein eigenes. Er hatte das Rennen schon mit 31, zwei Jahre nach seinem Straßenweltmeistertitel von 1990 (in Japan) aufgegeben, angeblich wegen Herzproblemen, und nun war er zum Ziel der Flandern-Rundfahrt unterwegs, weil ihn Eurosport als Kommentator angeheuert hatte. Der Job platzte, als der knapp 37jährige an einer Autobahnausfahrt bei Aalst, Ostflandern, „somehow lost control of his car“, wie sich Mr. Abt auszudrücken beliebte.**** Dhaenens kam von der Straße ab, prallte gegen einen Lichtmasten und starb anderntags im Krankenhaus. Er hinterließ Frau und zwei Kinder. Es ist sicherlich nicht zu abenteuerlich anzuneh-men, er hatte sich ein wenig verspätet, sodaß er entspre-chend kräftig auf die Tube drückte. Aber weder davon noch von Selbstmord ist irgendwo die Rede – obwohl Dhaenens von der FAZ schon 1991 zum „Weltmeister von der traurigen Gestalt“ ausgerufen worden war.

* „Der Aktenberg zum Tod des Radrennfahrers Richard Depoorter“, vermutlich 1998 verfaßt, hier als PDF o. J.
** Koblet hatte 1964, mit 39, einen tödlichen Autounfall. Wahr-scheinlich setzte er seinen weißen Alfa Romeo mit Absicht gegen einen Birnbaum, weil ihn etliche Probleme zermürbten, voran Verschuldung.
*** Koenraad Vandenbussche, Leven en dood van Richard Depoorter, Verlag Coemandruk-Bazuin, 1997
**** Samuel Abt, „Dhaenens: A Modest, Unselfish Cyclist“, New York Times, 9. April 1998



Déry, Juliane 34 (1864–99), Schriftstellerin, Selbst-mord. Die Tochter eines deutsch-jüdischen Kaufmanns kam mit neun aus Ungarn nach Wien, wo ihre Eltern zum Katholizismus übertraten. Kurz darauf brachte sich ihr Vater allerdings um. Juliane konnte trotz häuslicher Armut Lehrerin werden. 1888 gab sie ihr literarisches Debüt mit einer Novelle. Nach einem mehrjährigen Paris-Aufenthalt, der sie mit vielen Literaten zusammenbrachte, darunter Zola, machte die umtriebige Ungarin auch als Drama-tikerin auf sich aufmerksam. Ihr Einakter Verlobung bei Pignerols kam 1893 im Coburger Hoftheater heraus. Bis 1898 in München lebend, war sie an der Gründung des Intimen Theaters beteiligt. Vom „Malerfürsten“ Franz von Stuck wurde sie mehrmals porträtiert. Dann ging sie nach Berlin, wo sich offenbar Heiratspläne zerschlugen. Es kam hinzu, daß Déry bereits in Paris, vielleicht über Zola, in die berühmte „Dreyfus-Affäre“ verwickelt und der Spionage beschuldigt worden war. Man hatte den „jüdischen“ Hauptmann Alfred Dreyfus wegen angeblichen Landes-verrats (an „die Deutschen“) vor ein Militärgericht gestellt. 1899 hatte er gerade seinen zweiten Prozeß, in dem er noch immer nicht freigesprochen wurde. Das spielte womöglich bei Dérys Auflösung mit. Die 34jährige Schriftstellerin stürzte sich Ende März aus dem Fenster ihrer im vierten Stock gelegenen Berliner Wohnung. Als Dreyfus schließlich rehabilitiert und sogar zum Major befördert wurde, lag sie schon sieben Jahre unter der Erde. Nach verschiedenen Andeutungen war ihr Hauptmotiv allerdings Liebeskummer gewesen, womit „die nicht gerade schön zu nennende, aber überaus rassige und temperamentvolle Frau“ (Max Halbe) nur ihr leidenschaft-liches Wesen unterstrichen habe. Als Schriftstellerin dagegen, so Hans Schwerte (NDB 3, 1957), habe sie nie zu einem eigenen Stil gefunden.


Diabi, Jaja 21 († 2016). Der junge Afrikaner erhängte sich Mitte Februar 2016 in der Hamburger Untersuchungshaft. Das sagt jedenfalls der amtliche Obduktionsbericht, der von Freunden angezweifelt wird. Diese behaupten auch, Diabi habe bis zum letzten Tag keine Anzeichen für Selbst-mordabsichten gezeigt.* Man hatte den Asylbewerber und mutmaßlichen Kleindealer mit einer geringen Menge Marihuana aufgegriffen. Diabi war 2014 aus Guinea-Bissau geflohen. Eben deshalb, weil der Flüchtling eine auslän-dische Heimat mit ausländischer Verwandtschaft besaß, kam er wegen „Fluchtgefahr“ ins Gefängnis – eine übliche rassistische Konstruktion. Auch Katharina Schipkowski** berichtet, von engen Bekannten sei der Verstorbene als zuversichtlicher Mensch geschildert worden, der es immer verstanden habe, andere zum Lachen zu bringen. Den amtlichen Tatbestand einmal vorausgesetzt, hätten sie sich gefragt, was wohl geschehen müsse, damit ein so fröhlicher Mensch zur Verzweiflung bis hin zum Selbstmord gebracht werde.

Einige Monate später, am 21. Oktober 2016, wirft sich Mohamed F. († 2016) aus Somalia, mal als 15jähriger, mal als 17jähriger bezeichnet, in der ostthüringischen Klein-stadt Schmölln (zwischen Gera und Altenburg) aus dem 5. Stock eines Plattenbaus, in dem er in einer Jugendwohn-gemeinschaft lebt. Er stirbt kurz darauf im Krankenhaus. Angeblich seit Monaten in Behandlung, da er „psychische Auffälligkeiten“ und „aggressive Verhaltensweisen“ gezeigt habe, sei er erst am Vormittag aus der geschlossenen Abteilung einer Klinik in Stadtroda entlassen worden. Auch danach habe er wieder „randaliert“, weshalb die Polizei gerufen wird. Um 15 Uhr kauert F. auf dem Fenstersims. Nun trifft auch die Feuerwehr ein, die Matten auslegt und ein Sprungtuch ausspannt, doch der Somalier, heißt es in einer regionalen Zeitung***, springt mit Absicht an den Hilfen und Helfern vorbei. Laut MDR waren zumindest zeitweise ungefähr 40 Schaulustige zugegen. Bislang ungeklärt ist, ob aus ihren Reihen tatsächlich Aufforderungen gerufen wurden, der Junge möge doch endlich springen. Immerhin, ein Handyfilmer muß auf Geheiß der Polizei seine Aufnahmen löschen. Hinter dem toten Somalier, der im März in Frankfurt/Main eingetroffen war, lag eine „Reise“ über die Sahara, Libyen, das Mittelmeer und die schweizer Alpen. Heftete einer Filmaufnahmen sämtlicher vergleichbarer entbehrungs-reicher „Reisen“ der letzten paar Jahre aneinander, käme eine astronomische Filmlänge heraus, an der sich unsere Elite aus wendigen Geschäftsleuten und Politikern bis zum Mars hangeln könnte. Da ist noch Platz.

* „Demonstration in Gedanken an Jaja Diabi“, gewstudis, 15. Juni 2016
** „Suizid in U-Haft wirft Fragen auf“, taz, 17. März 2016
*** Cordula Fischer, „Jugendlicher Flüchtling stirbt nach Fenstersturz in Schmölln“, Thüringer Allgemeine, 24. Oktober 2016



Diallo, Bakary 34 (1979–2014), Filmregisseur aus Mali. Man kann ihn gleich in einem Atemzug mit seinem zwei Jahre älteren Freund und Berufskollegen Lorenzo Mbiahou aus Kamerun behandeln, kamen die beiden schwarzen Künstler doch auch gemeinsam zu Tode. Am 24. Juli 2014 saßen sie in einer algerischen Linienmaschine, die von Burkina Faso nach Algier unterwegs war. Sie hatten in Bobo-Dioulasso, einer Großstadt in Burkina Faso, an einem Workshop der UN-geförderten AfricaDoc teilge-nommen und dann noch auf dem Lande Ferien gemacht. Beide galten in Fachkreisen als große Hoffnungen des afrikanischen Films.* Doch die McDonnell Douglas MD-83 kam nicht sonderlich weit. In einem Wüstengebiet in der Gegend der Stadt Gao, Mali, stürzte sie ab. Wie ein Jahr darauf der Spiegel unter Berufung auf einen französischen Untersuchungsbericht meldete**, waren weder Gewitterstürme noch die bekannten ausländisch befeuerten Kriegswirren in Mali schuld, vielmehr ein Versäumnis der Piloten, das zu „vereisten Sensoren“ geführt habe. Es gab keine Überlebenden. Zu den 116 Todesopfern zählte auch die vierköpfige Familie einer deutschen sogenannten Entwicklungshelferin. Vielleicht hatte sie Kurse zur Vermeidung des Zufußgehens oder zur Enteisung von Sensoren abgehalten.

* Josias Gassesse, „Air Algérie: two young African film-makers died in air crash“, Africa Top Success, 28. Juli 2014
** „Vereiste Sensoren verursachten Flugzeugunglück“, 4. April 2015



Diehl, Melek 31 (1976–2008), Schauspielerin in Berlin. Ebendort wurde sie im Dezember 2008 von einem vorschriftswidrig schnell fahrenden Auto erfaßt, dessen Fahrer flüchtete. Die knapp 32jährige hatte nach Proben leichtsinnigerweise auf der Mittellinie der Konstanzer Straße gestanden, womöglich auch schon geringfügig die Fahrspur des Täters betreten. Andere AutofahrerInnen, die später zum Teil als Zeugen auftraten, sahen sie durchaus* und verhielten sich entsprechend umsichtig, nicht dagegen der Täter, der sie mit seinem Golf gleichsam „unterfahren“ habe. Sie wirbelte durch die Luft, lag in einer Blutlache auf dem Asfalt, starb noch an Ort und Stelle. Zuletzt hatte sie ausgerechnet in Rosa von Praunheims Film Rosas Höllenfahrt mitgewirkt, der erst 2009 in die Kinos kam. Am fraglichen Feierabend wollte sie gemeinsam mit einer Freundin kochen und dafür auf der anderen Seite der Konstanzer Straße Gemüse einkaufen. Der mehrmals vorbestrafte Täter, ein 30jähriger gelernter Automobil-kaufmann ohne gültigen Führerschein, dafür mit dickem Strafpunktekonto in Flensburg, stellte sich später noch. Von seiner Richterin wurde er wegen „Fahrlässiger Tötung“ glimpflich mit gut drei Jahren Gefängnis bedient. Trotz Fahrerflucht. Dazu kamen allerdings noch knapp zwei Jahre aus widerrufenen Bewährungsstrafen. Der „kräftige“ Mann brach in Tränen aus. Bis dahin soll er kaum Gefühl gezeigt haben. Immerhin gab er an, sich für die Flucht zu schämen. Nebenbei räumte er ein, beim Unfall hätten seine zwei kleinen Söhne im Auto gesessen, wohl vier und sechs Jahre alt. Da hatten sie den zeitgerechten Verkehrsunterricht.

* „Melek Diehl-Prozess: Haft für Autofahrer“, BZ, 19. Juni 2009


Dietsch, Andreas c.38 (1807–45), schweizer Bürsten-binder und US-Kommunarde. Der sozialistisch gestimmte Handwerker war die treibende Kraft des Versuchs, mit zukünftigen Kommunarden in die USA auszuwandern, um dort die Siedlung New Helvetia / New Aarau zu gründen. Die Auswanderung gelang, und zwar im Jahr 1844 mit 43 Teilnehmern. Die „Kommune“ dagegen löste sich schon im folgenden Jahr endgültig auf, nachdem sie, durch Blauäugigkeit, Erschöpfung, Krankheit, Geldmangel, Wintereinbruch und den üblichen Streit unaufhaltsam zerbröckelt und ihr vielfach gebeutelter Anführer (wohl Anfang 1845) gestorben war. Man hatte am Osage River in Missouri, westlich von St.Louis, Land gekauft, das freilich nur noch von sieben Erwachsenen und elf Kindern erreicht worden war. Der 37jährige Bürstenbinder und Chef-Organisator war vermutlich völlig ausgelaugt, vielleicht auch, wie manche andere, durch Fieber geschwächt, und wahrscheinlich verbittert. Halder/Limmat schreiben, man wisse nichts von den näheren Todesumständen Dietschs, und dabei werde es wohl auch immer bleiben. Das ist das eine Erschreckende: diese Schlampigkeit oder Gleichgültigkeit vieler Beteiligter, Nold Halder und den Limmat-Verlag eingeschlossen, der ja immerhin eine Literaturliste gibt und Wilhelm Weitlings Besuch in Iowa (1851) erwähnt. Dietsch war mit dem kommunistischen Agitator bekannt gewesen. In Iowa hatten ein paar Schiffbrüchige vom Osage River erneut eine Kolonie gegründet, Communia. Auch sie hielt nicht lange. Übrigens hatte Dietsch zwei kleine Töchter mit auf die Auswande-rung genommen. In seinem Tagebuch werden sie gelegentlich erwähnt; von ihrem weiteren Schicksal erfährt man jedoch auch von Halder oder den Verlagsleuten nichts.* Irre ich mich nicht, wissen wir von der älteren Tochter noch nicht einmal den Namen. Sie soll bereits, wie ihr Vater, wenige Monate nach der Ankunft in Missouri gestorben sein** – ein böses Erwachen im Märchenland USA.

Immerhin: drei Jahre vor den Neujahrsblättern von 2017 bot bereits eine schweizer Zeitung*** einen Schimmer von Recherche an. „In alten Grundbüchern ist der Landkauf von Andreas Dietsch und anderen Mitgliedern der Auswanderungsgruppe bestätigt. Ebenso aktenkundig ist, dass die jüngere Tochter von Dietsch namens Rosetta, die nach dem raschen Ende von Neu Aarau nach Iowa weitergewandert war, das väterliche Land am Osage River 1859 verkaufte.“ Vielleicht hatte sich Rosetta der erwähnten Communia im Clayton County angeschlossen, die allerdings, wie eben angedeutet, im Lauf der 1850er Jahre zerfiel. Für 1859 gibt Mary Lou Schulte**** als Aufenthaltsort Rosettas das Madison County in Illinois an. Ansonsten werden die Mädchen von Schulte (2010) nicht erwähnt. Gleichwohl liegen damit wenigstens ein paar Anhaltspunkte für eine echte, sicherlich nicht ganz billige Spurensuche vor. Nebenbei: Rosettas Mutter, Susanna geb. Hagnauer, war bereits in Aarau gestorben, wohl 1843, mit 35, bei oder nach der Geburt des dritten Kindes.

Das andere Erschreckende ist die Ignoranz, die Dietsch und offensichtlich auch seine MitstreiterInnen der Indianer- und Sklavenfrage entgegenbringen. Die ist mit der Einfalt von Dietsch und anderen nicht zu entschul-digen. Allerdings lag sie leider ganz im kolonialen Trend jener Epoche, wenn ich mich nicht täusche. Auch die angeblich revolutionär gestimmten Geister unter den Auswanderern hatten keine Bedenken, ihre neuen Siedlungen und andere höchst demokratische Projekte, darunter Verlagshäuser, auf gestohlenem, mit Indianerblut getränktem Grund zu errichten. Sie wollten Freiheit – zunächst einmal für sich. Das Ergebnis sehen wir heute. Das ganze wiederholte sich übrigens knapp 100 Jahre nach Dietsch, als tausende von verfolgten Antifaschisten ihr Heil im angeblichen Hort der Demokratie suchten – ihr Heil. Dem eigenen Anspruch zuwider wirkten sie auf diese Weise sowohl an der Legitimierung wie an der Kräftigung des US-Imperialismus mit, ob als Geschäftsleute, KünstlerInnen, Professoren.

Noch viel ärmer als zu dem schweizer Bürstenbinder scheint die Datenlage im Fall des sächsischen Juristen Carl Theodor Dietzsch (1819–57) zu sein. Laut Wikipedia gehörte er 1848, auf der linken „Donnersberg“-Seite, der Frankfurter Paulskirchen-Schwatzbude an, setzte sich jedoch schon im nächsten Jahr gleichfalls in die USA ab, die er verehrt habe. Dort soll er als Redakteur tätig gewesen sein, zuletzt in Cincinnati, Ohio, wo er, mit 37, auch starb – warum, weiß möglicherweise kein Mensch.

* Dietschs schmales Tagebuch wurde 1978 unter dem Titel Die groß-artige Auswanderung des Andreas Dietsch und seiner Gesellschaft vom Züricher Limmat-Verlag herausgegeben. Darin findet sich auch Nold Halders Studie über Dietsch, die wohl zuerst in den Aarauer Neujahrsblättern 1960/61 erschienen war. Halder starb 1967. Leider kommen, soweit ich sehe, jüngere US-Publikationen nicht erheblich über das Limmat-Buch hinaus.
** Heidi Hess / Rudolf Iten, „Auf den Spuren von Andreas Dietsch“, Aarauer Neujahrsblätter, Band 91 (2017), S. 96–103. Für Iten hieß die überlebende Tochter Rosina. Wer sich hier irrt, weiß der Himmel.
*** Heinrich Rauber, „Vor 150 Jahren wollte Aarauer eigenes Reich gründen – nun wird er geehrt“, Aargauer Zeitung, 30. Juni 2014
**** „New Helvetia: The dream that died“, im Newsletter der Osage County Historical Society, Linn, Missouri, USA, Januar 2010



Distler, Hugo 34 (1908–42), Kirchenmusiker von Nazi-Gnaden. Der aus Bayern stammende Organist und Komponist wird zumeist als wichtiger Erneuerer der evangelischen Kirchenmusik seiner Zeit (um 1930), zudem rastlos tätiger und mitreißender Mann gerühmt. Nun ja. 1940 schuf er für das Chorliederbuch der Wehrmacht unter anderem das Werk für Männerchor Morgen marschieren wir in Feindesland. Im selben Jahr wurde Distler, schon seit 1933 Mitglied der NSDAP, Professor an der Berliner Staatlichen Musikhochschule. Im April 1942 übernahm er außerdem die Leitung des Berliner Staats- und Domchors und bezog, da er mit seiner Familie (drei kleine Kinder) ein Haus in Strausberg bewohnte, eine Dienstwohnung in der Nähe des Doms. Allerdings muß er im Apparat nicht nur Gönner gehabt haben. Fünfmal hatte er den Gestellungsbefehl der Wehrmacht abwenden können, doch am 14. Oktober 1942 kam die sechste Aufforderung. Am 1. November 1942 begab sich der 34jährige Professor nach dem Gottesdienst im Dom zu seiner Dienstwohnung in der Bauhofstraße und brachte sich um.

Wie, läßt sich der sogenannten Offiziellen Hompage Hugo Distler (Stand November 2016) nicht entnehmen. Einige andere Quellen sprechen davon, Distler habe, vermutlich in seiner Küche, „den Gashahn aufgedreht“. Gottseidank ist nirgends zu lesen, das ganze Wohnhaus oder der ganze Dom seien in die Luft geflogen. Es mißlang mir übrigens festzustellen, ob die Offizielle Homepage von Distler persönlich oder dem Berliner Senator für Kultur und Erbauung genehmigt worden ist. Was die Motive für Distlers Selbstmord angeht, vermutet Nick Strimple (2002) laut englischer Wikipedia, mehr als staatliche Repression habe dem Komponisten der eigene Gewissens-druck zugesetzt – und die Befürchtung, auf Dauer sei es nicht möglich, zugleich den Nazis und Gott zu dienen. Vielleicht ist dem kalifornischen Dirigenten und Autor nicht bekannt, daß es anderen durchaus möglich war, beispielsweise den Bischöfen Theophil Wurm und Otto Dibelius. Andere, offiziellere Quellen verweisen dagegen stets auf Distlers starke Lebens- und Versagensängste, die dem „unehelich“ Geborenen von Kind auf zugesetzt hätten. Nach Jürgen Buch* leistete sogar das Übliche, nämlich eine Liebschaft, einen nicht unmaßgeblichen Beitrag zu Distlers Verzweiflung. Er war diese Liebschaft in Stuttgart parallel zu seiner Ehe eingegangen, hatte dann aber mit der Berufung nach Berlin dem (Strausberger) Haussegen zuliebe auf sie verzichtet. Distlers Tochter und Biografin Barbara Distler-Harth sei der Ansicht, mit diesem Verzicht habe ihr Vater „den Todeskern in sich gelegt“. Oder sollte es Gott gewesen sein? Wenn schon nicht der Faschismus? Aus dieser Klemme hilft nur ein Glaube, der mir persönlich abgeht: an „Willensfreiheit“.

* „In der Welt habt ihr Angst“, in: 50 Jahre Hugo-Distler-Chor Berlin, Festschrift aus 2003, S. 7–11


Dittmar, Georg Friedrich Christoph wohl 21 (1795–1817), Student in Erlangen. Die einzige nennens-werte Quelle zu seinem Fall gräbt man bei Friedrich Butters* aus. Nach dessen Porträt eines Bruders von Friedrich waren am 17. Juni 1817 vier Erlanger Studenten zur Rednitz gegangen, um zu baden. Friedrich, aus dem nahen Ansbach stammend, sei zuerst in den Fluß gestiegen. Man habe ihn aber bald um Hilfe rufen gehört und „verschwinden“ gesehen. Theologiestudent Karl Ludwig Sand, noch angekleidet, wollte ihm nachstürzen, doch die beiden anderen hätten Sand, von dem sie wußten, er konnte nicht schwimmen, mit Mühe zurückgehalten, „indem sie ihn für ein noch tragischeres Geschick aufsparten.“ Daran sieht man nebenbei, Butters hat Humor. Seit diesem Vorfall gilt Friedrich Dittmar, sofern er im Zusammenhang mit Sand gelegentlich gestreift wird, als „ertrunken“. Bruder Heinrich nennt die Rednitz, laut Butters, „tückisch“, verrät aber weder die Badestelle noch, ob auch Friedrich, wie Sand, Nichtschwimmer war. Und wenn ja: Warum wagte er sich dann ausgerechnet als erster des Quartetts in den Fluß? Im übrigen war ja Heinrich Dittmar mitnichten Bestandteil des Quartetts. Er spricht vom Hörensagen – oder sollten ihm seine Eltern einen Polizeibericht vererbt haben?

Also wieder ein „Tod durch Ertrinken“, der mehr schwimmt als Sand. Diesen, Karl Ludwig Sand, soll der Tod des Freundes stark mitgenommen haben. Mußte er aber deshalb gleich einen berühmten Mann ermorden? Das war zwei Jahre darauf, in Mannheim. Angeblich erdolchte Theologe Sand den Dramatiker August von Kotzebue aus Freiheits- und Vaterlandsliebe. 1820 kam der 24jährige Attentäter unters Richtschwert. Seitdem ist er nicht weniger berühmt als sein Opfer. Von Sand kennt man jedes Körnchen. Und was kennt man von Dittmar? Ein Gerücht.

* Eine kurze Lebensbeschreibung Doktor Heinrich Dittmar‘s, Zweibrücken 1867, S. 19


Döblin, Wolfgang 25 (1915–40), Mathematiker und Schriftstellersohn. Die Phänomene Zufall und Wahrschein-lichkeit werden tagein tagaus als Beruhigungspillen oder Schreckgespenster verabreicht. Sie werden auch gern des langen und des breiten erörtert, obwohl sie meines Erachtens von keinem Sterblichen wirklich verstanden werden können. Das habe ich bereits im Ziegenberg-Buch unter „Wahrscheinlichkeit“ auf recht unterhaltsame Weise, wie ich mir einbilde, zu erläutern versucht. Arthur Koestler blies freilich schon vor bald 50 Jahren ins selbe Horn.* Die Gesetze der Wahrscheinlichkeit, die in den Naturwissen-schaften die Kausalität abgelöst hätten, funktionierten zwar – wie jeder Physiker, jede Versicherungsgesellschaft oder jeder Croupier bezeugen könnte – doch sei niemand imstande zu erklären, wie und warum sie funktionieren. Der große Mathematiker Johann von Neumann habe sie einmal schwarze Magie genannt. „Dabei können wir es belassen.“ Ich möchte jedoch hinzufügen: vielen inbrünstig Hoffenden oder Bangenden spiegeln sie eine Berechen-barkeit vor, die es unmöglich geben kann.

Als Sohn des bekannten Schriftstellers Alfred Döblin war Wolfgang Döblin, geboren 1915 in Berlin, zwangsläufig Jude. Er verstand sich außerdem als Sozialist – in erster Linie jedoch als Mathematiker, wobei er sich just der Wahrscheinlichkeitstheorie verschrieben hatte. In ihr soll er, trotz seiner Jugend, Erstaunliches geleistet haben. Dem Faschismus gemeinsam mit Eltern und Geschwistern über Zürich nach Paris entronnen, studierte er ab 1933 Mathematik und Physik an der Sorbonne. Zudem arbeitete er mit dem renommierten Wahrscheinlichkeitstheoretiker Paul Lévy von der École Polytechnique, der ohnehin mit seinem Vater befreundet war. Kaum hatte Wolfgang Döblin 1938 (mit 23 Jahren!) seinen Doktor gemacht, rief das Militär, weil seine Familie inzwischen (1936) einge-bürgert worden war. Und beim Wehrdienst holte ihn der Faschismus ein. Im Kampf an der Saar-Front errang Döblin, der als eher insichgekehrter Mensch beschrieben wird, sogar eine Auszeichnung. Doch im Juni 1940 wurde seine Einheit in den Ardennen oder Vogesen aufgerieben. Da die Kapitulation Frankreichs, nach den vorhandenen Informationen, unmittelbar bevorstand, trennte sich der 25jährige Döblin von seinen Kameraden und versteckte sich auf einem Bauernhof im lothringschen Dorf Housseras. Aber eben hier traf kurz darauf eine deutsche Vorhut ein, wie er, vielleicht von einem Heuboden aus, beobachten konnte.

Sicher war natürlich nichts. Solange Menschen im Spiel sind, bleibt immer ein Türchen für Ausnahmen von der Regel oder einfach nur für glückliche Zufälle offen. Gleichwohl war eine Gefangennahme und Folter durch die deutschen Eindringlinge ziemlich wahrscheinlich. So machte der junge Mathematiker eine frühere Ankündigung wahr und erschoß sich in der Scheune des besagten Bauernhofs.

Pikanterweise zogen es seine Eltern im selben Sommer vor, Richtung Lissabon und von dort aus in die USA zu flüchten. Die Mittel dazu hatten sie offensichtlich. Und später hatten sie, Marc Petit zufolge (2005)**, ein schlechtes Gewissen. Sie sollen erst in den Staaten erfahren haben, daß ihr Sohn Wolfgang schon gar nicht mehr kämpfte. Weil er unter der lothringschen Erde lag. Petit behauptet, dieser Gewissenskonflikt sei auch in Alfred Döblins letzten Roman Hamlet oder die lange Nacht nimmt kein Ende eingeflossen. Die Hauptfigur Edward habe Ähnlichkeit mit Wolfgang. Etwas später, 1957, sah sich der tote Sohn auf dem Friedhof von Hous-seras just von seinen gleichfalls verstorbenen Eltern Alfred und Erna flankiert. Sie wurden neben ihm begraben.

Es ist ein seltsamer Akt der Wiedergutmachung. Stephan Döblin, jüngstes Kind des Ehepaars, bestätigte Petits Feststellung von den Schuldgefühlen der Eltern vor einigen Jahren im Gespräch mit Christina Althen.*** Insbesondere der Vater habe ein schlechtes, ein kühles Verhältnis zu Wolfgang gehabt. Stephan glaubt, dieser Umstand habe die Entscheidung seines Bruder in jener Scheune, sich umzubringen, sozusagen begünstigt. Im übrigen macht Stephan, geboren 1926, keinen Hehl daraus: die Ehe seiner Eltern war seit vielen Jahren zerrüttet. Der berühmte Schriftsteller hatte eine dauerhafte Geliebte, das fand seine Gattin Erna gar nicht lustig. Nachdem Alfred, der unter anderem an Parkinson litt, in einer Schwarzwaldklinik gestorben war, habe sie sich sogar geweigert, Dritte von seinem Ableben zu unterrichten. Die so gut wie unbesuchte Beerdigung sei ein Albtraum gewe-sen. Gleichwohl vergingen keine drei Monate, und Erna Döblin (1888–1957) machte es wie ihr Sohn Wolfgang: sie nahm sich, in Paris, das Leben, wenn auch „erst“ mit knapp 70 Jahren. Näheres, die Gründe eingeschlossen, ist mir nicht bekannt.

Kürzlich, bei >Crazy Horse, erwähnte ich Oskar Maria Grafs Jugenderinnerungen von 1927. Zu den Gönnern des Wirrkopfes zählte ein Münchener Literatur-Professor, der es erfreulicherweise wagte, dem frischgebackenen Vater Graf zu sagen, für Künstler wären eigene Kinder nicht das Richtige (S. 379). Bei mir rannte er damit offene Türen ein, wie ich schon öfter bekundet habe. Es werden uns auch noch manche mehr oder weniger verkrachte Künstler-kinder begegnen – nur Annemarie Graf nicht, geboren 1918. Sie wurde nämlich geschlagene 90 Jahre alt. Das sagt natürlich noch lange nichts darüber aus, wie glücklich oder unglücklich sie war beziehungsweise wieviel Unheil sie angerichtet hat. Ich verzichte aber hier darauf, mich ersatzweise in das Schicksal von Nelly Dix (1923–55) zu knien. Die Tochter des berühmten Malers Otto Dix starb mit 31; wahrscheinlich an den Folgen einer Abtreibung, heißt es.

* Die Armut der Psychologie, deutsche Ausgabe Bern/München 1980, S. 270
** Laut Ursula Homann, „Wer war Wolfgang Döblin?“, literatur-kritik.de, Januar 2007
*** „Interview mit Stephan Döblin“, Berlin November 2008



Doc Holliday 36 (1851–87), Westernlegende. Der Apo-thekersohn aus Griffin, Georgia, USA, mausert sich zum Zahnarzt, Berufsspieler, Revolverhelden – wird jedoch von der Tuberkulose umgebracht, die er wahrscheinlich von seiner Mutter Alice erbte (1829–66). Sie starb mit 37. Beider Krankheit, die Tuberkulose, könnte auch hauptverantwortlich für Hollidays Zug nach Südwesten gewesen sein, in ein „gesünderes“ Klima. Das Klima in Texas oder Arizona brachte ihm vor allem Bleikugeln, jedenfalls den vielen Märchenbüchern nach. Immerhin trug es ihm auch eine dauerhafte Liebschaft mit Big Nose Kate ein. Das war eine Hure, die streckenweise auch selber Bordelle betrieb. Ferner ergab sich 1878 die Freundschaft und Waffenbrüderschaft mit dem berüchtigten zeitwei-ligen Gesetzeshüter Wyatt Earp – angeblich deshalb, weil Holliday ihm in einem Saloon von Dodge City, Kansas, wo ein paar betrunkene Cowboys randalierten, das Leben gerettet hatte. Wenn ja, muß Doc einigermaßen nüchtern gewesen sein. Der schmächtige Spieler und Schütze soff nämlich wie ein Loch. Die letzten Jahre, immer schwind-süchtiger, verbrachte er zurückhaltend in Colorado, wo er auch starb, im Rocky-Mountains-Kurort Glenwood Springs. Wie bereits angedeutet, starb er keineswegs „in den Stiefeln“, vielmehr im Bett. Nach den legendären Aufbauschungen hatte der 36jährige Zahnarzt bis zu einem Dutzend Erschossene und zahlreiche Verletzte auf dem Gewissen. In Wahrheit waren es allenfalls drei Tote, wie Wildwest-Verleger Kuegler versichert*, und die habe er stets „in Selbstverteidigung“ erschossen. Sein Schwarm Kate soll ihm bis zuletzt beigestanden haben. Glück ge-habt: weder Syphilis noch Hollidays Krankheit kamen bei ihr jemals zum Ausbruch; im Gegenteil, sie wurde fast 91.

* Dietmar Kuegler, „Wie war das mit John Henry ›Doc‹ Holliday?“, Zauberspiegel, o. J., vermutlich aus jüngster Zeit


Dohrn, Wolf 35 (1878–1914), Reformprojekt-Chef in Dresden, beim Skilaufen in der Gegend von Chamonix (Walliser Alpen) verunglückt. Die berühmte „Gartenstadt“ Hellerau, damals vor den Toren Dresdens, wurde 1909 vom lebensreformerisch gestimmten Möbelfabrikanten Karl Schmidt gegründet. Wichtiger Bestandteil waren Werkstätten und eine „Bildungsanstalt für Rhythmische Gymnastik“, später nur noch „Festspielhaus“ genannt. Man wollte im Grünen arbeiten, wohnen und feiern – kurz, man wünschte sich einen jugendstiligen Winkel, in dem der Kapitalismus gesünder und schöner auszuhalten sei. Dazu bedurfte es natürlich der Unterstützung durch zahlreiche lebensfroh und neuartig gesinnte Künstler-Innen, und wer sie alle anwarb oder koordinierte, war Schmidts „rechte Hand“ Wolf Dohrn.

Der Berliner Kunstkritiker Karl Scheffler war mit Dohrn befreundet. In seinem Lebensrückblick* schildert er Dohrn, der in einem gelehrten Hause Neapels aufgewach-sen war, als großzügig und draufgängerisch gestimmten Humanisten, dem offenbar ein „neues Griechentum“ vorschwebte. Einen besonderen Narren hatte Dohrn an dem französisch-schweizerischen Komponisten und Musikerzieher Jacques Dalcroze gefressen. Für ihn gab er beim Architekten Heinrich Tessenow die erwähnte „Bildungsanstalt“ in Auftrag. Sucht man sich ein eher unvorteilhaftes Foto dieses mit wuchtigem Säulenportal versehenen Gebäudes heraus, weiß jeder gleich: hier findet ein Unterricht hinter Gittern statt. Die zeitgenössischen Sachsen hätten es problemlos zu einer Besserungsanstalt für Corona-LeugnerInnen erklären können, doch es heißt, sie nutzten es wieder als Kunsttempel. Das ist womöglich im Sinne Schefflers, der merkwürdigerweise von einem „schlicht tempelartigen“ Gebäude, andererseits jedoch von einem gewissen Hochmut der SchülerInnen, Lehrkräfte und bevorzugt Werkenden und Wohnenden spricht. Laut Scheffler gab es in Hellerau trotz aller lebensfrohen Kund-gebungen zunehmend Unstimmigkeiten, Cliquenwirtschaft und einen Machtkampf zwischen Dohrn und seinem Gönner, dem Möbelbaron. Den eigentlichen Niedergang des Projekts habe Freund Dohrn „zum Glück“ nicht mehr erlebt. In der Weimarer Republik unaufhaltsam verwäs-sert, erkannten die Faschisten 1939 immerhin die Potenz des „Festspielhauses“ und nutzten es als Polizeischule. Später zog die rote SU-BeschützerInnenarmee dort ein.

Für Scheffler lag Dohrns Skiunfall in den Alpen sozusagen auf der Linie der Verwegenheit des Freundes. Dohrn habe stets alles aufs Spiel gesetzt, nebenbei für Dalcroze auch sein ganzes Vermögen. Nach Thomas Nitschke** war Dohrn am 4. Februar mit der Berliner Schauspielerin Mary Dietrich unterwegs. Unweit des Dörfchens Trient sei er einen 400 Meter langen, steilen Hang „bergab gerutscht und kopfüber gegen einen Stein gestürzt, wo er leblos liegen blieb.“ Zuvor habe Dietrichs, soweit Nitschke wisse, Dohrns Ehe „erschüttert“. Der Organisator hatte sich 1907 mit Johanna Sattler verheiratet, wohl eine Bildhauerin. Sie ging nach dem Bergunfall an seinen jüngeren Bruder Harald Dohrn. Von Dietrich, geboren 1896, heißt es, sie habe häufig für Theaterguro Max Reinhardt gearbeitet, auf den Scheffler übrigens nicht so gut zu sprechen war. Ihr Antifaschismus hielt sich anscheinend in Grenzen. Sie starb 1951 in den USA. Da der Bergunfall im Februar 1914 stattfand, blieb Dohrn auf diese Weise nicht nur die Entscheidung zwischen den Damen sondern auch der Frage erspart, ob es sich beim Ersten Weltkrieg um eine gymnastische oder doch eher dynastische Übung handele, nämlich der Krupps und Stinnes‘ und deren Arbeitnehmer-Innen. Jedenfalls führte die Übung zum Faschismus.

* Die fetten und die mageren Jahre, Leipzig 1946, S. 43–46
** Grundlegende Untersuchungen zur Geschichte der Gartenstadt Hellerau / Band 1 „Die Gründerjahre“, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2005, bes. S. 153, 170–72



Dolet, Etienne 37 (1509–46). Diesmal ein französischer Humanist – allerdings auch ein Ketzer, weshalb er grausam hingerichtet wurde. Der teils in Lyon, teils im Piemonter Exil wirkende freisinnige Drucker, Autor und Übersetzer war mehrmals verhaftet und eingesperrt worden. Ausgerechnet am 3. August 1546, seinem 37. Geburtstag, wurde sein Widerstand gegen die königlichen und kirchlichen Anmaßungen auf dem Pariser Platz Maubert endgültig gebrochen: er wurde öffentlich erdros-selt und verbrannt. Der Theologe und Kirchengeschichtler Hermann-Peter Eberlein* behauptet sogar, die Henker hätten Dolet vorm Erwürgen die Zunge herausgeschnitten. Das fügt sich ohne Zweifel gut mit der Überlieferung zusammen, auf dem Gang zum Gerüst habe der Unbeug-same seinen vielzitierten Pentameter Non dolet ipse Dolet, sed pia turba dolet erdacht und geäußert. Vermutlich wirkt dieses Wortspiel – ich bin des Lateinischen nicht mächtig – in der Übersetzung blasser, als sein dem Tode geweihter Schöpfer gewesen sein soll: „Nicht nur Dolet hat zu leiden, auch das fromme Volk.“

* „Non dolet ipse Dolet …“, Das Blättchen, 3. August 2009


Fortsetzung (Dom–Dyb)
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