Sonntag, 6. Dezember 2020
LdF Folge Coo–Daz

Cooke, Sam 33 (1931–64), US-Soul-Sänger, wohl Mord-opfer. Die Umstände, unter denen der erfolgreiche 33jäh-rige Künstler am 11. Dezember 1964 im Hacienda Motel in Los Angeles von der Motelmanagerin Bertha Franklin erschossen wurde, liegen ziemlich im Dunkeln, zumal Cooke ein Schwarzer war. So ließ das Interesse der Polizei von LA, Licht in den Vorfall zu bringen, stark zu wünschen übrig.* Cookes damalige Barbekanntschaft Lisa Boyer und die „Managerin“ des Stundenhotels machten Notwehr geltend, doch als man die Leiche des verheirateten, nun übel zugerichteten Freiers durchsuchte, wurden laut Rapp 5.000 Dollar vermißt. Woher man von der Existenz dieses angeblich für Weihnachtseinkäufe vorgesehenen Batzens wußte, hat mir bislang niemand verraten. Beträchtlich schwerwiegendere Mordmotive könnten sich freilich in Cookes Bemühungen verbergen, sich als erster populärer schwarzer Musiker von der Allmacht der von Weißen beherrschten Kulturindustrie zu befreien. Dort hatte der stolze Eigentümer eines roten Ferraris Feinde, die über die Kragenweite „Strichmädchen“ weit hinaus gingen, wie Rapp darlegt. Cookes jüngster eigener Manager, Allen Klein, gehörte wahrscheinlich dazu. Angesichts dieser Frontstellung kann es kaum verblüffen, wenn Cookes nur wenige Wochen nach seinem Tod veröffentlichter Song A Change Is Gonna Come zu einer der größten Hymnen der nordamerikanischen Bürgerrechtsbewegung wurde.

Von dem blutigen Motelbesuch einmal abgesehen, hatte Cooke einiges Pech an den Füßen. Seine erste Frau Dolores (sie sang und tanzte) starb 1959 mit 28, kurz nach der Scheidung, in Fresno, Kalifornien, bei einem Autounfall, den sie solo und anscheinend betrunken bewerkstelligte. Ferner soll sein anderthalbjähriger Sohn Vincent 1963, wohl gleichfalls in LA, in den heimischen Pool gefallen und folglich ertrunken sein. Cooke selber war im November 1958 in Missouri oder Mississippi in einen Autounfall verstrickt gewesen, bei dem er und zwei andere Musiker-Innen mit Verletzungen davonkamen, Fahrer Edward Cunningham jedoch getötet wurde. Dessen Alter ist mir nicht bekannt.

* Tobias Rapp, „Rollenmodell mit B-Seite“, taz, 11. Dezember 2004


Cooper, John 33 (1940–74), britischer Leichtathlet, Medaillen im Hürdenlauf. Um Mittag des 3. März 1974 scheiterte Cooper kurz hinter Paris an einer nicht ausreichend verriegelten Frachttür, die einfach zu Boden fiel. Sie hatte zu einer McDonnell Douglas DC-10-Linienmaschine Istanbul–London gehört, die in Paris zwischengelandet war. Die ganze Maschine, mit 346 Personen an Bord, stürzte dann wie die Tür in den Wald von Ermenonville. Es gab keine Überlebenden. Der Absturz soll für 10 Jahre das Weltrekord-Flugzeugunglück gewesen sein. Wie sich versteht, kam es zu hohen Schadenersatzklagen, zumal dem Hersteller das Türenproblem längst bekannt gewesen war. Allerlei Leute, Firmen und Behörden spielten eifrig Schwarzen-Peter-Schieben. Wozu es aber nicht kam, das war ein Verzicht auf den Bau solcher Riesenmaschinen, denn das hätte schon damals bedeudet, die Welt wieder deutlich zu verkleinern – und wie wäre das auch nur vorstellbar, geschweige denn machbar gewesen? Eben deshalb wagt die Vorstellung heutzutage schon gar keiner mehr.


Coppola, Gian-Carlo 22 (1963–86), US-Filmproduzent, Sprößling eines bekannten Regisseurs. Er raste gleichsam in eine Seilfalle. Sie war in der weitläufigen Ostküsten-bucht Chesapeake Bay, Maryland/Virginia, gestellt – eine sportliche Gegend, in der 10 Jahre später sogar ein Ex-CIA-Chef umkam, William Colby. Der junge Coppola war in schnelle Motorboote vernarrt. Ende Mai 1986 brauste er in der Rolle des Beifahrers mit seinem Branchenkollegen Griffin O‘Neal durch die Bucht. Sie waren beide in der Nähe an Dreharbeiten Francis Ford Coppolas beteiligt. Bei Edgewater nahm O‘Neal die enge Durchfahrt zwischen zwei langsam fahrenden Booten aufs Korn – angeblich ohne zu sehen, daß diese Fahrzeuge durch ein Schleppseil verbunden waren. Während sich O‘Neal noch in letzter Sekunde habe ducken können, wurde Beifahrer Coppola von dem Seil erfaßt und schwer aufs Deck geschlagen. Er erlag seinen Kopfverletzungen auf dem Weg ins Krankenhaus. Sein nur gering verletzter, ungefähr gleichaltriger Kollege wurde verhaftet. Der machte der Polizei zunächst weis, Coppola habe am Steuer gesessen. Das wurde von mehreren Zeugen widerlegt. Später soll O‘Neal sein „fahrlässiges“ Handeln bereut haben. Er kam mit 18 Monaten auf Bewährung und anderen geringen Bußen davon.

William Plummer erwähnt Behauptungen von Insidern, wonach O‘Neal vor dem Bootsunfall Ärger mit Coppola senior und die entsprechende Wut auf ihn hatte.* Nach verschiedenen Zeitungsberichten wanderte O‘Neal Anfang 2012, als inzwischen 47 Jahre alter Draufgänger, doch noch in den Knast: 16 Monate, weil er im Sommer zuvor in San Diego, Kalifornien, mit seinem Auto unter Drogen-einfluß einen anderen Wagen gerammt und dadurch einen Verkehrsteilnehmer verletzt hatte. Der prominente actor war auch ein Waffennarr, und er muß zumindest in jüngeren Jahren durchaus viel Sinn für Racheakte besessen haben. 1992 war er behördlich abgestraft worden, weil er auf das in Santa Monica geparkte Auto seiner „treulosen“ Ex-Geliebten Lynn Marie Oddo gefeuert hatte. Immerhin, sie saß nicht drin.**

* „Two Months After the Boating Accident ...“, People, 11. August 1986
** „Ryan O'Neal's son sentenced to drug program“, UPI, 10. Dezember 1992



Coquebert de Montbret, Ernest 21 (1780–1801), französischer Botaniker. Manche Belanglosigkeiten prägen sich aus unerfindlichen Gründen bis ins Greisenalter ein. Als ich um 1965, als Knabe, meinen ersten Dia-Film vollknipste, waren darauf unter anderem, in Nahaufnahme und gestochen scharf, orangefarbige Montbretien vor strahlend blauem Himmel zu sehen. Darauf war ich stolz wie Oskar. Die Montbretien mit ihren vielblütigen blattlosen Rispen sind eine Art zierlicher Gladiolen, die aus Afrika stammen. Ebendort war Coquebert de Montbret in jungen Jahren im Schlepptau des Eroberers Napoleon hingeraten. Da er vorwiegend die Flora Ägyptens studierte, übersah der junge Botaniker möglicherweise die dortigen Ratten oder jedenfalls deren Flöhe. Kaum 21, soll er in Kairo der Pest erlegen sein. Dafür steht er jetzt in meinem 24bändigen Brockhaus, unter Montbretie eben.


Correa-McMullen, Tara 16 (1989–2005), US-Nachwuchschauspielerin. Sie war erst kürzlich in einer erfolgreichen CBS-TV-Serie und in ihrem ersten Kinofilm zu sehen gewesen, Rebound aus dem Sommer 2005. Aber die Laufbahn blieb kurz. Sie brach am 21. Oktober jäh ab, weil das Mädchen vor einem Appartementhaus in Inglewood, Kalifornien, vom 20jährigen Junggangster Damien W. erschossen wurde. Es gab zudem Verletzte. W. bekam Lebenslänglich. Folgt man einem Bericht der Los Angeles Times aus dem Todesmonat*, war „Judging Amy“, so ihr Spitzname von jener Fernsehserie her, nicht unbedingt rein zufällig in einen mit Eifersucht gewürzten Bandenkrieg geraten. Die Serie spielt in dem gleichen Milieu. In ihr wird das von Correa-McMullen verkörperte Mädchen zuguterletzt im Gefängnis ermordet. Freunde meinten dem Blatt gegenüber, die Ähnlichkeit zwischen Correa-McCullens Rolle und ihrem Leben sei unheimlich. Vor 100 Jahren lagen zwischen diesen beiden Sphären noch Welten. Jetzt merzt die „Globallisierung“, wie ich gelegentlich zu kalauern pflege, eine Grenze nach der anderen aus, nur nicht die zwischen unten und oben.

* Amanda Covarrubias & David Pierson, „Slain Young Actress Is Mourned“, 29. Oktober 2005


Corrie, Rachel 23 (1979–2003). Vorsorglich war die US-Studentin leuchtend gekleidet, während sie in Rafah, Gaza, auf verschiedenen Trümmerbergen umherkletterte. Es war am 16. März 2003. Zudem hatte Corrie ein Megaphon um-hängen. Sie versuchte auf diese Weise, einen israelischen Planierraupenfahrer daran zu hindern, das Haus des palästinensischen Apothekers Samir Nasralla zu zerstören. Im ganzen standen an diesem Tag des Widerstands acht ausländische Aktivisten gegen zwei Planierraupen, die übrigens Funkkontakt mit einem Armeepanzer hatten. Laut mehreren Augenzeugen war die junge dunkelblonde Frau aus dem Bundesstaat Washington unübersehbar. Schließlich ging sie, ihrem rund 10 Meter entfernten Mitstreiter Tom Dale zufolge, auf einem Wall in die Hocke, während sich die Raupenschaufel unaufhaltsam näherte. Durch den Schub der Raupe rutschte sie den Wall hinab und der Raupe gleichsam in die Fänge. Sie wurde überrollt und blieb blutüberströmt liegen. Im Krankenhaus eingetroffen, war sie bereits tot. Mehrere von Corries Eltern angestrengte Klagen gegen den Staat Israel wurden abgeschmettert, zuletzt 2012. Es war ein bedauerlicher Unfall. Wie Craig Corrie, der Vater des Opfers, im März 2013 anmerkt*, stammte das Unfallwerkzeug zufällig von der US-Firma Caterpillar, und bezahlt wurde es, wie er meint, von seinen Steuergeldern, nämlich mit Israel gewährter US-Militärhilfe.

* Laut Adam Horowitz, „On the tenth anniversary of Rachel Corrie’s death ...“, Mondoweiss, 16. März 2013


Cozma, Marian 26 (1982–2009), rumänischer baum-langer Handballer. Es half dem Mann freilich wenig, daß er immerhin 2 Meter 11 maß. Er stand zuletzt beim unga-rischen Club MKB Veszprém unter Vertrag. Im Februar 2009 wurde der 26jährige Hüne bei einer Geburtstags-feier, die just in der Veszprémer Diskothek Skorpio stattfand, in eine gewalttätige Auseinandersetzung verwickelt. Dabei fuhr ihm ein Messer ins Herz. Er starb noch am selben Tag im Krankenhaus. Zudem waren zwei Clubkameraden schwer verletzt worden. Die Anteilnahme in beiden Ländern, Ungarn und Rumänien, war überwältigend. Mehrere Täter, aus Unterweltkreisen stammend, erhielten 2011 hohe Haftstrafen. Auslöser des Blutbads sollen Handgreiflichkeiten von Zechprellern gegen eine Kellnerin gewesen sein.* Möglicherweise war auch Fremdenhaß im Spiel. Cozmas Trainer Lajos Mocsai versicherte: „Marian war wie ein großes Kind, so friedlich und freundlich. Er konnte niemandem etwas tun.“

Cozma war noch nicht auf der Welt, als der Torhüter des damals führenden ghanaischen Fußballclubs Asante Kotoko, Robert Mensah, mit 32 Jahren ebenfalls einem Kneipenstreit zum Opfer fiel. Das geschah Ende Oktober 1971. Anscheinend waren mehrere Personen beteiligt.** Den populären Torhüter, vierfacher Vater, traf dabei die zerbrochene Flasche eines Widersachers vor der Credo Bar in der Küstenstadt Tema so brutal im Bauch, daß seine Gedärme herausquollen. Er starb kurz darauf im Kranken-haus. Der Täter, ein 31jähriger Elektriker, soll 1972 zu acht Jahren Haft mit Zwangsarbeit verurteilt worden sein. 2003 wurde das Fußballstadion der Großstadt Cape Coast nach dem Opfer benannt.

2009, als Cozma getötet worden war, nutzte Israel die Ge-legenheit seines x-ten Waffengangs gegen den unablässig Raketen speienden Gazastreifen dazu, gleich auch die furchterregende palästinensische Fußballnationalmann-schaft zu schwächen. Deren Angehörige Ayman Alkurd, Wajeh Moshtahe und Shadi Sbakhe, wohl durchweg unter 30, wurden im Januar 2009 innerhalb von 72 Stunden jeweils in ihren bombardierten Wohnhäusern getötet. Im selben Aufwasch wurde das Fußballstadion in Rafah-Stadt schwer beschädigt.*** Jetzt können es die Palästinenser nicht mehr als KZ mißbrauchen.

* „Tod vor der Discothek“, Spiegel, 23. März 2009
** Jonathan Wilson, „Big man, big hands, big heart: remembering Robert Mensah, one of Africa's greats“, The Guardian, 31. Oktober 2008
*** „Fußball: Drei palästinensische Teamspieler getötet“, Die Presse (Wien), 14. Januar 2009



Crabtree, William c.34 (1610–44), wohlhabender eng-lischer Kaufmann und Astronom, gehörte einem privaten Zirkel Himmelsseliger im Raum Manchester an, zu denen auch der deutlich jüngere Jeremiah Horrocks zählte. Diese beiden Männer waren die einzigen ErdbewohnerInnen, die den Vorübergang der Venus vor der Sonne Ende 1639 sowohl vorhersagten wie beobachteten.* Woran der himmelskundige Kaufmann starb, erzählt Funkautor Lorenzen nicht. Er besitzt im Gegenteil das dicke Fell, beiläufig zu erwähnen, Crabtrees Mitstreiter Horrocks, wahrscheinlich als Hauslehrer erwerbstätig, sei bereits (1641) mit 22 gestorben. Andere Quellen sprechen allenfalls von einer „plötzlichen Erkrankung“ Horrocks‘, sehr aufschlußreich. Biograf Peter Aughton (2004) scheint auch nicht klüger – oder eher: wißbegieriger zu sein. Ich habe ja nicht zum ersten Mal den Eindruck, die Langlebig-keit von Bulldoggen wie Winston Churchill (90) interessiere mehr als die Kurzlebigkeit der Dackel, die ich hier versammele. Man faßt Langlebigkeit als Leistung auf; Kurzlebigkeit dagegen als bedauerliches Pech, das nicht weiter der Rede wert ist. Nebenbei behauptet Namens-vetter R. Horrocks von der Auckland University, Neuseeland (2012), der mutmaßliche Hauslehrer sei auch ein bemerkenswerter Schriftsteller gewesen.

* Dirk Lorenzen, „William Crabtree und der erste Venus-Transit“, Deutschlandfunk, 6. Juni 2020


Crazy Horse um 38 († 1877), Lakota-Häuptling, gefallen. In seinen Jugenderinnerungen Wir sind Gefangene von 1927 berichtet Oskar Maria Graf von dem wichtigen Ein-fluß, den ein Buch über den „Untergang der Seminolen“ auf die Rachefeldzüge der dörflichen Kinderbande ausgeübt habe, die er damals mit seinem Freund Martin und seiner Schwester Anna gebildet hatte. Am Ergreifendsten sei der Schluß des Buches gewesen. Da trinkt der letzte Seminole aus einer aufgeschlitzten Ader das Blut des toten Häuptlings, „das nach ewiger Rache schreit. Dann geht er zu den Sioux und zieht gegen die Weißen ...“ Nach dem Tod ihres Vaters hatten Oskar und Anna vor allem unter der Tyrannei ihres ältesten Bruders Max gelitten. Ich habe schon gelegentlich auf die verräterische Rede vom „Vater Staat“ hingewiesen, wobei es am Wesen der Sache nicht rüttelt, wenn neuerdings verstärkt Frauen an den Rudern stehen. Unsere erwachsenen bevollmächtigten ErzieherInnen sind die ersten Obrigkeiten, die uns das Leben mit Winkelzügen, Verboten, Erpressungen aller Art zur Qual machen. Zwischen Bruder Max und dem Angela-Merkel-Minister-präsidenten-Club, der gegenwärtig mit dreisten Ermäch-tigungsgesetzen regiert, besteht nicht der geringste nen-nenswerte Unterschied. Im Grunde ist es mir unbegreif-lich, wie das einer nicht sehen kann; es ist mir folglich unbegreiflich, wie einer nicht Anarchist sein kann.

Crazy Horse mußte nicht zu den Sioux gehen, weil er selber einer war. Er fiel jedoch nicht in der berühmten sieg-reichen Ausnahme-Schlacht vom 25. Juni 1876, die im heutigen Montana am Little Bighorn River ausgetragen worden war, und zwar unter Führung der Lakota-Häuptlinge Sitting Bull, Crazy Horse und Gall. Sehr wahr-scheinlich wurde Crazy Horse, noch heute jedem dritten Kind geläufig, nur 37 bis 39 Jahre alt. Im September 1877 zwecks Verhandlungen mit General Crook in Fort Robinson, Nebraska, eingetroffen, wurde er „heimtückisch ermordet“, wie es in Wolfgang Lindigs/Mark Münzels Standardwerk heißt.* Das war natürlich wieder einmal durch die üblichen Meinungsverschiedenheiten und Verrätereien in den eigenen Reihen begünstigt worden.

In jener Schlacht hatte auch die Gegenseite eine Art Triumvirat zu bieten, sogar ein familiäres. Chef der am Bighorn aufziehenden US-Truppen war Hauptmann George Armstrong Custer (36) gewesen, oft auch als General bezeichnet. Er fiel dort genauso wie seine beiden Brüder Thomas (31) und Boston (27). Das heißt, Hauptmann Thomas Custer fiel auf ausgezeichnete Weise, indem ihn nämlich Rain in the Face erschlug, der aufgrund einer früheren Festnahme durch den Hauptmann noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hatte. Ja, die Rache kann schon ziemlich süß sein, da mögen Orwell oder irgend-welche „Gewaltfreien“ sie zehnmal verdammen.

Vor gut zwei Jahren hatte ich ein hübsches – wie ich mir einbildete – Buchmanuskript zum Thema Indianer-Innen/USA zusammengestellt. Es hatte kaum 100 Seiten. Die längsten Stücke waren mein Aufsatz über Liselotte Welskopf-Henrich Rot ist das Blut des Adlers und mein Kurzroman mit 12 Liedern Reise nach Fort Lashermink. Um es kurz zu machen: es interessierte keinen, weder Freunde noch Lektoren. Damals dämmerte mir bereits, wie themenlastig unsere Welt ist, den Literaturbetrieb also eingeschlossen. Du kannst gut, verblüffend, glänzend schreiben wie du willst – ist dein Thema nicht genehm, wird es gar nicht erst gelesen. Fast schon ein Synonym für „Thema“ ist „Trend“. Alles Abseitige hat nicht die geringsten Chancen. Selbstverständlich hat es durchaus Chancen, falls du Aichinger, Enzensberger oder Kappacher heißt. In diesen Fällen könntest du den Lektoren beziehungsweise Geschäftsführern schleimigen Corona-Husten-Auswurf unterbreiten; sie würden es zu flüssigem Silber erklären.

In Wahrheit dürfte die Hintergehung und Ausrottung der amerikanischen IndianerInnen zu den 70.000 großen Schweinereien der Weltgeschichte zählen. Nähme man auch noch alle kleineren Schweinereien dazu, wäre die Gesamtzahl geradezu unlesbar. Aber die IndianerInnen-Frage lockt eben keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Etwas anders sähe die Sache aus, wenn ein mit Reservations-Rothäuten und ein paar Tonnen Sprengstoff besetztes U-Boot unter den US-Flugzeugträger schlüpfte, in dem der neue Präsident der Staaten gerade eine Parade abnimmt. In diesem Fall bräuchte ich mein Buchmanu-skript lediglich mit einem „aktuellen“ Einleitungsstück versehen, und schon wäre es an den Verlag gebracht. Ich rate allerdings von der U-Boot-Unternehmung ab. Person und Amt des US-Präsidenten sind völlig unerheblich. Maßgeblich ist der „digital-finanzielle Komplex“, wie Ernst Wolff neuerdings dazu sagt. Und der ist weder gewählt noch gekauft, noch wechselt er ungefähr täglich seine Farbe, ganz im Gegensatz zu beispielsweise Florian Rötzers profilloser Schwatzbude Telepolis, die wie derzeit fast alle gebannt nach Washington starrt und das Erspähte fleißig auf den Bildschirm schmiert. Selbst Rubikon ist für meinen Geschmack noch zu sehr dem sogenannten Zeitgeschehen verhaftet. Geben Sie mir 70.000 Euro, und ich setze ein Blatt in Gang, das das Zeitgeschehen eher schneidet und sich gerade dadurch Achtung verdient. Man darf sich die eigene Marschroute nie vom Gegner diktieren lassen, sonst wird man früher oder später wie er.

* Die Indianer von 1976, Band 1 Nordamerika, dritte deutsche Auflage München 1985, S. 173


Crescentini, Federico 24 (1982–2006), sanmarine-sischer Fußballer, taucht in Mexiko. Der selten gewürdigte Staat San Marino liegt bei Rimini an der italienischen Ostküste. Crescentini jedoch, Fußballprofi in Diensten des sanmarinesischen Rekordmeisters SP Tre Fiori, genügte die Adria nicht. Er mußte im Dezember 2006, 24 Jahre alt, mit seiner Geliebten Tauchurlaub in Acapulco machen, dem mexikanischen Touristenparadies am Pazifik. Er mußte auch bei tückischem Wellengang tauchen oder schwimmen, und als er, sogar erfolgreich, versuchte, seine Geliebte vorm Ertrinken zu retten, wurde er selber von einer Strömung erfaßt und fortgespült.* Seine Leiche fand sich nach zwei Tagen. Das Mitglied der Regierung von San Marino Fiorenzo Stolfi soll sich bei einer offiziellen Gedenkfeier zufrieden gezeigt haben: „Ein junges und schönes Leben, das uns allen viel gegeben hat. Seine Opferbereitschaft, seine Großzügigkeit sind ein Beispiel für die jüngere Generation.“ Besser hätte es auch die ehema-lige deutsche Kriegsministerin Von der Leyen, gegenwärtig EU-Obergeierin, nicht sagen können. Crescentini bekam posthum den Ritterorden seines 60 Quadratkilometer großen Zwergstaates.

* „Murió en Acapulco el futbolista de San Marino Federico Crescentini“, mediotiempo.com, 19. Dezember 2006


Crispin, Alexander 35 († 2013), US-Dompteur, arbeitete vornehmlich mit Raubkatzen. Anfang Februar 2013 mit dem Zirkus Suarez in der Kleinstadt Etchojoa des mexikanischen Bundesstaates Sonora zu Gast, wurde der 35jährige während seines Auftritts von einem Bengal-Tiger angegriffen, zu Boden gerissen und dann vor allem am Hals schwer verletzt. Es gelang, ihn zu befreien und ins Hospital von Huatabampo zu schaffen, wo er allerdings kurz darauf starb. Einige Zuschauer flüchteten vor Entsetzen aus dem Zelt.* Andere rissen geistesgegenwärtig ihre Videokamera ans Auge. Die Filme können im Internet genossen werden.

* Leon Watson, „Bengal tiger savages his American trainer to death in front of horrified audience watching circus performance in Mexico“, Mail Online, 5./6. Februar 2013


Cuesta, Jorge 38 (1903–42), mexikanischer Chemiker und Schriftsteller, Selbstmord. Wie es aussieht, benötigte Cuesta keine Tiger, weil er schon selber welche in sich hatte, wie Tony Hancock vielleicht. Der umwerfende britische Komiker schluckte sich 1968 mit 44 Jahren mit Wodka und Tabletten tot. Vorhaltungen, er saufe zu viel, hatte er wahlweise mit der Erklärung gekontert, er trinke um seine inneren Dämonen zu ersäufen oder to send away the tigers – wovon eine britische Rockgruppe prompt einen hübschen Albumtitel entlehnte.

Cuesta betätigte sich streckenweise als Laborant in der Zucker- und Alkoholindustrie, ansonsten als linksge-stimmter „Dichter“ und (1932) Gründer einer Zeitschrift, die angeblich Examen hieß. Er hatte entsprechende Anregungen in europäischen Künstlerkreisen empfangen, darunter André Breton. Gegen 1930 nach Mexiko zurückgekehrt, heiratete er Lupe Marín, die eine Zeitlang Gattin vom berühmten Maler und Schürzenjäger Diego Rivera gewesen, aber nun auf diesen wütend war. Dieser Schritt des dichtenden Chemikers war möglicherweise ein Fehler. Während die spanische Wikipedia nur recht allgemein versichert, Cuesta habe schubweise unter Wahnvorstellungen gelitten (die ein Psychiater auf seine „verdrängte Homosexualität“, er selber jedoch auf seinen beruflich bedingten Drogenkonsum zurückgeführt haben soll), behauptet die US-Galeristin Mary-Anne Martin, Cuesta sei „kurz nach seiner Hochzeit“ mit der übrigens „stürmischen“ Lupe psychisch erkrankt.* Jedenfalls kam es zu Klinikaufenthalten, und zuletzt offenbar zu einem „Entmannungs“-Versuch Cuestas, der darin mündete, daß sich Cuesta, inzwischen wohl wieder von Lupe geschieden, mit 38 im Sanatorium mit Hilfe von Bettlaken an irgendeinem Gitter erhängte.

Was die Galeristin zu der Rivera-Grafik sagt, die sie präsentiert, zeugt ohne Zweifel von Belesenheit, erinnert mich freilich auch an ein ganzes Rudel von Tiger-Welpen, die in einer Waschmaschinentrommel routieren. Kurz, es verwirrt mich. Ansonsten bestätigt es jedoch meinen bereits als Berliner Künstlermodell gehegten Verdacht, es gebe anscheinend keinen ästhetischen Haken, an dem man nicht kiloweise zungenfeuchte Wäsche aufhängen könne.

Der mexikanische Maler Amado Cueva, ein Kumpel von Rivera und an allerlei revolutionären Wandgemälden beteiligt, hatte seinen Tiger im Tank. Laut englischer Wikipedia stieß er bereits 1926, mit 34 und ausgerechnet am 1. April, in oder bei Guadalajara mit seinem Motorrad (und einem Beifahrer) mit einem Auto zusammen. Tod noch in der Unfallnacht.

* mary-anne martin | fine art (NYC), „Diego Rivera (..) Illustration for La Unica“, o. J.


Curschmann, Friedrich 36 (1805–41), von Hause aus betuchter, auch sonst erfolgreicher Berliner Sänger & Komponist, vor allem Lieder. Rochus von Liliencron urteilt (in der ADB, 1876) recht streng über den Erfolgreichen: „C. war eine musikalische Natur und ein gut geschulter Tonsetzer, doch fehlte es ihm an Tiefe und Originalität, auch ließ er sich durch den Beifall, den seine Lieder beim großen Publicum fanden, zur Vielschreiberei verlocken.“ Dieses Problem habe ich jedenfalls nicht. Curschmann soll „unerwartet“, sogar auf einer Reise, an einer Blinddarm-entzündung gestorben sein. 1837 hatte er sich mit der „anmuthigen Sängerin“ Rose Eleonore Behrend (1818–42) verheiratet. „Sie überlebte den geliebten Gatten nur ein Jahr“, teilt Von Liliencron mit. Warum, verrät er natürlich nicht. Aber Peter Oliver Loew weiß es.* Er stellt überein-stimmend mit dem Lexikonautor fest, die „entzückende“ Tochter eines wohlhabenden Danziger Kaufmanns sei bereits kurz nach Curschmanns Tod gleichfalls gestorben „– vor Sehnsucht“. Jedenfalls in dem Roman Rose aus dem Werder (1940), den Loew in seinem Werk streift, verhalte es sich so. Der sei allerdings „auf viele Quellen und familiäre Überlieferungen“ gestützt. Was Wunder, die aus Danzig stammende Verfasserin hieß Dora Eleonora Behrend, und wer ihr glaubt, wird selig.

* Das literarische Danzig 1793 bis 1945, Ffm 2009, S. 157/58


Curtens, Helena 16 (1722–38), niederrheinische Hexe. Der Justizmord an der 16jährigen Helena Curtens und der 48jährigen Agnes Olmans im August 1738 gilt als letzter Fall von Hexenverfolgung am Niederrhein. Curtens wuchs in Gerresheim auf (heute zu Düsseldorf) und war von der Wiege an für körperliche und geistige Krankheiten anfällig. Bis zum Herbst 1736 war sie mit ihrem Vater schon mehrmals nach Kevelaer (bei Kleve) gepilgert, dem bedeutendsten Wallfahrtsort am Niederrhein, um Heilung zu finden. Im selben Jahr bezichtigte die damals 14jährige ihre Nachbarin Olmans, Mutter von zwei Kindern, der Betätigung als Hexe, wobei Olmans den „Schwarzen“ (Teufel), der sie dauernd besuche, auch Curtens auf den Hals gehetzt habe. Das scheint Curtens freilich im Laufe der Verhöre immer günstiger oder interessanter gefunden zu haben, denn sie schmückte ihren Umgang mit dem Satan von Mal zu Mal aus. Olmans dagegen „leugnete“ konsequent – bis zur Folter.

Die „treibende Kraft“ der Voruntersuchung ist nach Erika Münster-Schröer* der Amtsrichter Johann Sigismund Schwarz aus Mettmann gewesen. Diesbezüglich steuert die Düsseldorfer Historikerin einen beinahe witzigen Gesichts-punkt bei. Curtens oder ihr Vater hatten sich unter anderem mit Geistererscheinungen und Wundern gebrüstet, die sie angeblich im erwähnten Wallfahrtsort Kevelaer erfahren hatten. Schwarz jedoch war dem noch jungen, vom Münsteraner Fürstbischof eingerichteten Wallfahrtsort Neviges (bei Mettmann) und wahrscheinlich auch dem Abt von Essen-Werden eng verbunden. Durch seine Anschwärzung der „Hexe“ Curtens wurde automatisch auch Kevelaer in Mißkredit gebracht, was Neviges und damit der Werdener Reichsabtei nur recht sein konnte, stärkte es doch deren Position.

Ende Juli 1738 empfahl der Düsseldorfer Hofrat Eckarth eine Verurteilung beider Frauen zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Das Urteil erging in diesem Sinn und wurde vom damals zuständigen Kurfürsten Karl III. Philipp von Pfalz-Neuburg bestätigt. So wurden die Frauen am 19. August in Gerresheim öffentlich verbrannt. Seit 1989 steht am Hinrichtungsort zu ihrem Gedenken Gabriele Tefkes Skulptur Befreiung, auch „Gerresheimer Hexenstein“ genannt. Mehr noch, heißt dieser Ort seit April 2012 Helena-Curtens-und-Agnes-Olmans-Platz. Der Düsseldorfer Stadtrat rehabilierte beide Frauen im November 2011 ganz offiziell. Um sich dazu durchzu-ringen, hatte er gut 270 Jahre benötigt.

* Aufsatz „Ein vorgetäuschtes Wunder, ein Hexenprozess und eine Wallfahrt“, in: Rainer Walz (Hrsg): Anfechtungen der Vernunft, Essen 2006, S. 97–115


Curtis, King 37 (1934–71), vielgefragter dunkelhäutiger US-Saxophonist. Der bullige Jazz- und Rockmusiker wohnte und wirkte seit 1956 in der friedliebendsten Stadt der Freien Welt, New York City. An einem vermutlich heißen Augusttag wollte er einen möglicherweise fast mannshohen Ventilator in seine Wohnung schaffen, doch im Treppenhaus lungerten zwei Drogendealer herum, die ihm angeblich den Weg versperrten. Es kam zu einem Streit, in dessen Verlauf Curtis erstochen wurde. Der Täter, Juan Montanez, kam mit gut fünf Jahren Gefängnis davon. Soweit ich sehe, war Curtis unverheiratet. Die Anteilnahme in der Branche war groß. Es wird sogar behauptet, der Musikverlag Atlantic Records habe am Tag der Beerdigung seine Büros geschlossen, also eine Stockung im Geschäft in Kauf genommen. Die abschließenden Musikstücke auf der Beerdigung trugen Aretha Franklin und Stevie Wonder vor.


Cushman, Clifton 28 (1938–1966), 400-Meter-Hürden-läufer und Pilot für die USA. Ihn hat der Vietcong auf dem Gewissen. Nachdem Cushman 1960 in Rom eine olympische Silbermedaille errungen hatte, trat er im folgenden Jahr in die US-Luftwaffe ein. Es war ihm zu wenig, immer nur an 91,44 Zentimeter hohen Hürden zu straucheln. Am 25. September 1966 erhielt Major Cushman, einst Absolvent der University of Kansas in Lawrence, den Auftrag, eine im Norden Vietnams gelegene Eisenbahnbrücke zu bombardieren. Bei diesem Flug wurde sein Jäger abgeschossen. Major Cushman galt zunächst nur als vermißt. Als seine Gattin Carolyn davon hörte, angeblich Musiklehrerin, soll sie laut englischer Wikipedia erklärt haben, Cushman laufe da unten gerade das größte Rennen seines Lebens. Es sei so groß, daß man allerdings das Zielband nicht sehe. Cushman sei in ausgezeichneter körperlicher Verfassung. Er habe zudem einen sehr tiefen Glauben an Gott. „Welche bessere Kombination könnte es geben?“ Die mit seiner Gattin vielleicht. Einen Sohn, geboren 1965, hatte Cushman auch noch. Ich nenne seinen Namen aber lieber nicht; er könnte ja noch leben.

Dem Schwerverbrechen „Vietnamkrieg“ fielen, neben rund 60.000 ausländischen Soldaten, mehrere Millionen Vietnamesen zum Opfer. In ähnlicher Höhe wird die Anzahl der Verwundeten, Verstümmelten, Verseuchten geschätzt. Zu den Todesopfern zählte die 27jährige Ärztin Đặng Thùy Trâm, die es im Juni 1970 auf einem Urwaldpfad erwischte, wohl in einem Feuergefecht. Ein ungehorsamer US-Soldat, Fred Whitehurst mit Namen, rettete jedoch ein Tagebuch der Ärztin. Nachdem es ihm schließlich gelungen war, Trâms Angehörige zu finden und sich mit ihnen zu verständigen, wurde das Tagebuch (2005) veröffentlicht. Es wäre interessant zu wissen, ob Cushmans Sohn es gelesen hat. Eine deutsche Ausgabe erschien 2008.


Cybulski, Zbigniew 39 (1927–67), der „polnische James Dean“, meist mit Sonnenbrille, nicht aber am Steuer eines schnellen Autos, vielmehr auf Bahnsteig 3 des Breslauer Hauptbahnhofs tödlich verunglückt. Der polnischen Wikipedia zufolge hatte er gerade Dreharbeiten am Streifen Morderca zostawia ślad (Der Mörder hinterläßt eine Spur) hinter sich, erschienen im selben Jahr 1967, und wurde schon wieder für eine Bühnenprobe in Warschau erwartet. Durch den Bahnhof geeilt, wollte er, wie schon so oft, auf seinen bereits anfahrenden Zug springen. Der erwähnte Eintrag wirft einen ganzen Abschnitt über Cybulskis Auf-den-Zug-spring-Meise in die Waagschale, die sich auch in etlichen Filmen geltend gemacht habe. Nun jedoch rutschte der verheiratete Künstler (39, einen sechsjährigen Sohn) unplanmäßig auf dem Trittbrett aus und fiel unter den betreffenden Zug. Er starb am selben Tag im Krankenhaus.


Cyrano de Bergerac 36 (1619–55), französischer Rauf-bold und Schriftsteller. Man sollte immer mal wieder an den großen Totschläger Krieg erinnern. Im 17. Jahrhun-dert beispielsweise tobten allein in Mitteleuropa unzählige Schlachten, die später dem „Achtzigjährigen Krieg“ (um die Niederlande) oder dem bekannten „Dreißigjährigen Krieg“ zugeordnet wurden. Eine Begleiterscheinung beider Kriege war der sogenannte „Französisch-Spanische Krieg“ der Jahre 1635–59, der mal in den Pyrenäen, mal in der Picardie ausgetragen wurde. Ebendort, im Nordwesten Frankreichs, schlug sich um 1640 ein junger Pariser Hilfs-Adeliger mit, der bis dahin vor allem als Dandy und Duellist, weniger mit seinen Versen und seiner angeblich monumentalen Hakennase geglänzt hatte: Cyrano de Bergerac.* Nach der zweiten Verwundung quittierte er den Kriegsdienst und ging nach Paris zurück. Hier warf er sich nicht nur aufs Tanzen und Fechten, sondern zudem auf breitgefächerte Studien, darunter der Astronomie und der Alchemie. Grundsätzlich litt er unter Geldnöten, möglicherweise auch an einer Syphilis-Erkrankung. Eine kleine Erbschaft vom verstorbenen Vater war rasch durchgebracht.

Als Frucht seiner Studien wie seiner angeblich vornehmen Herkunft vermischten sich in Cyranos Positionen freigeistige mit konservativen Anwandlungen, was sich auch in seinen Schriften niederschlug. 1652 als eine Art Edeldomestik in den Dienst des Herzogs und Offiziers Louis d'Arpajon getreten, widmete er diesem seine Ende 1653 uraufgeführte Tragödie La Mort d’Agrippine (Der Tod der Agrippina). Das historische Stück im Stile Corneilles erregte vor allem durch etliche religionskritische Tiraden Aufsehen und Anstoß. In der Tat lassen einige Literaturgeschichtler Cyrano als einen bemerkenswerten Vorläufer der Aufklärer des 18. Jahrhunderts gelten, während ihn gewisse Literaturfreunde zu den höchstvereh-rungswürdigen Erfindern des Science-Fiction-Romans zählen. Spätestens 1650 hatte Cyrano nämlich einen zweiteiligen Roman in Angriff genommen, der sein Hauptwerk werden sollte, L'autre monde (Die andere Welt). Sein Ich-Erzähler berichtet von seiner Fahrt zum Mond und zur Sonne und von seinen Erlebnissen mit den dortigen Bewohnern, wobei er diesen Fremden philoso-phische, naturkundliche, religiöse und gesellschaftspoli-tische Ansichten in den Mund legt, deren Äußerung auf Erden von Strafe bedroht war. Näheres referiert Petri Liukkonen.** Während Cyrano den Mond-Teil noch vollenden konnte, blieb der Sonnen-Teil unabgeschlossen. Daneben veröffentlichte er 1654 einen Sammelband mit kleineren Prosaarbeiten, aus denen später sogar Molière geschöpft haben soll.

Im selben Jahr ereilte ihn allerdings ein Mißgeschick, das wieder mal alle tragisch, einige zudem einen Mordan-schlag nennen. Die Umstände, unter denen ihm im Stadtpalast seines Brotherren ein Balken auf den Kopf fiel, sind bis heute ungeklärt. Falls dies überhaupt der Fall war ... Ein Jahr später starb Cyrano mit 36 Jahren im Hause von Verwandten in Sannois (bei Paris) – ob an dem Balken, einem gegnerischen Holzprügel oder vielleicht doch an Syphilis, ist ebenfalls nicht bekannt. Nach einigen Quellen hat es der „Dandy“, in sexueller Hinsicht, mit beiden Geschlechtern getrieben. Da man ihm ein kirchliches Begräbnis gewährte, muß er sich vor seinem Tod noch mit der Kirche arrangiert haben. Damit war sein Seelenheil gerettet. Zu seinem Ruhm trug 1897 sein Landsmann Edmond Rostand mit der romantischen, in Versen gesetzten Komödie Cyrano de Bergerac bei, die auch wiederholt verfilmt wurde. Nach Liukkonen sieht sie von historisch Verbürgtem weitgehend ab.

1994 erblickte im Schwabenland ein brauner Hengst die Welt, der sich einige Jahre später als Cyrano de Bergerac unter dem Hintern des bekannten Springreiters Franke Sloothaak wiederfand. Er starb 2009 – der Hengst. Im Saarländischen gibt es seit ungefähr 2005 eine Hunde-zucht, die der erwähnten profilierten Nase des Duellisten Cyrano ziemlich Hohn spricht. Sie züchtet unter dem Titel „... von Cyrano de Bergerac“ Möpse.

* Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 4, Leipzig 1906 (!) ver-sichert, Cyrano habe in seinem kurzen Leben „mehr als 1.000 Duelle“ bestanden. Die meisten davon hätten sich an seiner Nase entzündet.
** Authors' Calendar 2008–20



Czaplicka, Maria Antonina 36 (1884–1921), polnisch-britische Kulturanthropologin. Sie wohnte zuletzt, 1921, in Bristol oder Oxford, vielleicht auch zwischen diesen beiden südenglischen Städten. So oder so, muß sie ziemlich ver-zweifelt gewesen sein. Gut 10 Jahre früher hatte sie Polen in Begleitung ihres Studienkollegen Bronisław Malinowski verlassen, der wie sie aus inzwischen verarmtem polnischem Adel stammte, um ihre Ausbildung in London und Oxford abzuschließen. Da sie russisch sprach, bewilligte man ihr nach dem Diplom ein Stipendium für Forschungsarbeit über Sibirien. Ihr besonderes Interesse galt dem Schamanismus der Eingeborenen. Zwar hatte sie noch nie einen Fuß auf sibirische Gefilde gesetzt, doch ihr 1914 erschienenes Buch Aboriginal Siberia fand die Anerkennung ihrer Zunft. Man bewilligte ihr daraufhin auch Forschungsgelder für Feldarbeit vor Ort. Übrigens soll ihr das in verständlichem Englisch geschriebene Werk selbst außerhalb der akademischen Zirkel viel Beifall eingebracht haben.

Nun zog sie während der ersten Kriegsjahre 1914/15 gemeinsam mit ihrem US-Kollegen Henry Usher Hall vom Museum der Pennsylvania University in Philadelphia monatelang durch Sibirien. Sie orientierten sich dabei am Fluß Jenissei, der immerhin 4.000 Kilometer lang ist. Streckenweise wurden sie auch von einer Ornithologin (Maud Doria Haviland) und einer Malerin (Dora Curtis) begleitet. Czaplicka brachte Stapel von Aufzeichnungen und Fotografien mit nach Oxford, wo sie nun sogar als Dozentin auftreten durfte – die erste an dieser Universität. Auch ihr nächstes Buch, My Siberian year von 1916, wurde viel gelesen. Obwohl sie inzwischen promoviert hatte und damit erst die zweite europäische Anthropologin mit Doktortitel war, verlor sie ihren Posten in Oxford 1918 zugunsten eines Professors, sprich: männlichen Kollegen, der aus dem Krieg zurückkehrte.* Sie konnte lediglich eine zeitlich begrenzte Lehrtätigkeit am anatomischen Institut der Universität Bristol übernehmen. 1919 veröffentlichte sie ihr drittes Buch The Turks of Central Asia. Zwar erkannte ihr die Royal Geographical Society im folgenden Jahr einen Murchison Award für ihre Arbeiten zu, doch dieser Preis war vermutlich nicht oder kaum dotiert, geriet sie doch zunehmend in Geldnot und Schulden. Auch ihr Versuch, ein neues Reisestipendium zu ergattern, blieb erfolglos. Im Mai 1921 wurde die erwerbslose 36jährige Erforscherin des Schamanismus tot in ihrer Wohnung aufgefunden, sie hatte sich vergiftet.

Erklärungen fanden sich offenbar nicht. Ihre Tagebücher hatte Czaplicka im Rahmen ihres „Nervenzusammen-bruchs“, so die Bezeichnung der polnischen Wikipedia, vermutlich vernichtet. Ihre wissenschaftlichen Aufzeichnungen vermachte sie testamentarisch Hall aus Philadelphia. Es gab Mutmaßungen über möglicherweise unglückliche persönliche Beziehungen zwischen den beiden, zumal sich Hall etwa zur Zeit von Czaplickas Selbstmord verheiratete. Aber vielleicht hatte sie sich ja gar nichts aus Männern gemacht. In polnischen Museen soll es einige private Briefe von Czaplicka an Manilowski und den Schriftsteller Władysław Orkan geben, aus denen möglicherweise Näheres hervorgeht. Mehr als ihre Einsamkeit.

* Jaanika Vider am 25. Juni 2016 in der Serie Women in Oxford's History


Dagerman, Stig 31 (1923–54), schwedischer Schrift-steller. Sein Weg zum Erfolg ist gleichsam mit Sprengstoff gepflastert– so etwas macht zerrissen und endet rasch tödlich. Seine Mutter, eine Telefonistin, verläßt ihn gleich nach der Geburt. Der Vater, ein Sprengmeister, gibt ihn zu den Großeltern, die einen ärmlichen Bauernhof betreiben. Mit 16 verliert Stig auch seinen Großvater, weil dieser von einem Geistesgestörten, wie es heißt, erstochen wird. Bald darauf erleidet seine Großmutter einen Schlaganfall. Mit 17 unternimmt Dagerman seinen ersten Selbstmordversuch, oder täuscht ihn jedenfalls vor. Auf dem Stockholmer Gymnasium gilt er als Tölpel vom Dorf. An den Wochenenden trägt er Zeitungen aus. Zwar gewinnt er in einem literarischem Schulwettbewerb eine Fahrt in die Berge, aber dort wird ein Freund und Zimmergenosse unter einer Lawine begraben. Nach der Schulzeit schlägt Dagerman die Laufbahn eines Journalisten und Erzählers ein. Er wird Gewerkschafter und regelmäßiger Mitarbeiter der anarchosyndikalistischen Tageszeitung Arbetaren. Hier begegnet er seiner ersten Ehefrau Annemarie Götze, die sich anscheinend im umgekehrten Verhältnis zum Anschwellen seines Ruhmes wieder von ihm absetzt. Mit 22 debütiert Dagerman mit seinem Roman Die Schlange, der die niederschmetternden Erfahrungen seines Militärdienstes verarbeitet. 1947 beeindruckt er durch die Frucht einer für Expressen unternommenen Reise durch das Nachkriegsdeutschland, dem Sammelband mit Reportagen Deutscher Herbst. Vom ermutigenden Echo getragen, folgen rasch mehrere Erzählwerke, gipfelnd in den Romanen Gebranntes Kind (1948) und Schwedische Hochzeitsnacht (1949).

Doch dann häufen sich die Schwierigkeiten. Dagerman kann nicht mit Geld umgehen; Schuldgefühle, Ängste und Zweifel, auch an sich selber, plagen ihn; seine Texte mißlingen; das unter Erfolgsdruck gesetzte „Wunderkind der schwedischen Nachkriegsliteratur“ wird dick; auch Dagermans zweite Ehe mit der prominenten Theater- und Filmschauspielerin Anita Björk scheitert. Eine Zeitlang sucht er sich mit Kino, Pokerspiel, Autofahren zu betäuben. Da liegt ein Unfall sozusagen in der Luft. An einem Novembertag 1954 begnügt sich der 31jährige mit der Garage seiner Villa im Stockholmer Vorort Enebyberg: er erstickt sich mit Autoabgasen. Einige Quellen schließen aus der Tatortbeschreibung, Dagerman sei, wie schon bei etlichen früheren Anläufen zum Selbstmord, in letzter Sekunde zurückgeschreckt („Fuß vom Gaspedal genommen“), nur diesmal vergeblich. Trifft das zu, wäre er wenigstens seiner Unschlüssigkeit treu geblieben. Eine Stiftung verleiht seit 1996 einen Literaturpreis, der Stig Dagermans Namen trägt. 2012 stirbt auch Björk – knapp 90 Jahre alt.

Andernorts führte ich schon einmal eine Bemerkung Dagermans über den Zweikampf an. Offenbar war ihm Alains Einsicht nicht fremd, der größte Feind eines Menschen sei dieser selber. „Ich habe keine Philosophie, in welcher ich mich bewegen könnte wie der Vogel in den Lüften und der Fisch im Wasser. Alles was ich besitze ist ein Zweikampf, und in jedem Augenblick meines Lebens tobt dieser Zweikampf zwischen den falschen Tröstungen, die bloß die Ohnmacht steigern und meine Verzweiflung vertiefen, und diesen echten Tröstungen, die mich hinführen zu einer flüchtigen Befreiung“, womit er wahrscheinlich Liebes- oder Schreibwonnen im Auge hatte.* Das Trügerische an diesen Echtheiten führte ihn mit 31 in die Garage, wie wir gesehen haben. Ilja Ehrenburg hätte Dagermans Leiden am „Zweikampf“ vermutlich verstanden. „Ohne überscharfe Sensibilität“, schreibt der Sowjetrusse in seinen Memoiren, „gibt es keinen Künstler – er mag Mitglied von zehn Verbänden sein. Damit gewöhnliche Worte erregen, damit die Leinwand oder der Stein lebendig wird, muß Leidenschaft am Werk sein. Der Künstler verbrennt schneller: Er lebt für zwei. Denn außer seinem Schöpfertum hat er ja noch sein verworrenes Leben – bestimmt nicht weniger als andere Menschen.“ Der echte Künstler ist der vom Scheitel bis zur Fußsohle gespaltene Mensch. Er ist die unmögliche Verkörperung der Unruhe.

* Zitiert nach Webseite Beat Mazenauer, o. J.


Daniloski, Antonio „cyx“ 20 (1990–2010), professio-neller E-Sportler aus Lüdenscheid, trotz oder gerade wegen seiner Jugend ein namhafter Counter-Strike-Spieler, also sozusagen ein Champion des Computer-Killerspiels. Seit 2007, da war er 17, beim Club mousesports unter Vertrag, errang Daniloski etliche internationale Erfolge, nebenbei auch mit der deutschen Nationalmannschaft. Er selbst wurde „auf seiner Reise an die Spitze“, so ein Gedenkartikler 2020, nicht in virtuellen Feuergefechten, vielmehr im Straßenverkehr gekillt. Für den 28. Juli 2010 hatte der inzwischen 20jährige geplant, von Frankfurt/Main aus mit seinem Club zu einem Turnier in Shanghai zu fliegen, doch er verpaßte das Flugzeug. So reiste er, als Beifahrer, im Auto auf der A 45 zurück ins Sauerland, um es am folgenden Tag erneut zu versuchen. Allerdings kam er nicht zu Hause an, weil der Mazda MX 5, laut Bericht der Polizei Dortmund aufgrund eines Reifenschadens, in Höhe der Ausfahrt Lüdenscheid-Süd unter der Leitplanke durchgeschleudert wurde und gegen oder auf eine Böschung prallte. Beide Fahrzeuginsassen erlitten dabei schwere Verletzungen, doch nur Daniloski, soweit ich weiß, erlag ihnen kurz darauf im Krankenhaus. Am Steuer soll eine 22jährige Freundin des E-Sportlers gesessen haben.

Man könnte seufzen: Nun ja, die gebeutelte Frau hatte sich eben auf dieses Mord- und Totschlagfeld begeben. Sie hätte ja auch Kräuterhexe auf einer Alm in der Schweiz werden können. Oder hätte sie nicht? Eine Frage des Glaubens oder Nichtglaubens an „Willensfreiheit“. Sehen Sie dazu notfalls meinen entsprechenden Ziegenberg-Artikel.


Dārziņš, Emīls 34 (1875–1910), lettischer Komponist, vorwiegend Vokalmusik. „Dārziņš“ soll (verniedlichend) „Gärtchen“ heißen, aber die Angelegenheit gestaltete sich wenig idyllisch. Der als Kind oft kranke, außerdem eher arme Lehrerssohn studiert entgegen dem väterlichen Willen Musik in Riga und Petersburg, kehrt jedoch ohne Abschluß nach Riga zurück. Da er als Komponist nicht so recht Fuß fassen kann, hält er sich notdürftig mit Unter-richt und musikkritischen Artikeln, ferner als Organist und Chorleiter über Wasser. 1930 verheiratet er sich mit der Lehrerin Mariju Deiders; das Paar bekommt zwei Kinder. Der Haussegen scheint meist schief zu hängen, wegen Geldnot und Vaters Trunksucht. Dessen Verzweiflung an der Behäbigkeit des nationalen Musiklebens kommt hinzu. Er hat sich inzwischen einige Feinde gemacht. 1908 wird Dārziņš‘ wohl schon älteres Symphonisches Gemälde Vientuļā priede (Einsame Kiefer) aufgeführt und zumindest teilweise von der Kritik verrissen, wobei auch Plagiatsvorwürfe erhoben werden, die Jean Sibelius höchsteigen bestätigt, Alexander Glasunow dagegen zurückgewiesen haben soll. Fachmann Arnolds Klotiņš behauptet*, Dārziņš habe von Sibelius überhaupt nichts gekannt. Der Fall ist umstritten. Damals vernichtete Dārziņš sämtliche Manuskripte seiner symphonischen Arbeiten, und wenn er bald darauf, Ende August 1910, im Rigaer Zasulauka-Bahnhof „unter die Räder eines Personenzugs fiel“, riecht es sicherlich stark nach Selbstmord des 34jährigen Enttäuschten. Aber auch dieser Vorfall soll ungeklärt sein.

Später rekonstruierte der Dirigent Artūrs Bobkovics aus Instrumenten-Auszügen Dārziņš‘ Valse mélancolique von 1904, der dadurch geradezu berühmt wurde. Um es richtig romantisch zu machen, stelle ich das eher kurze Werk in einer Anverwandlung des Kokļu-Ensembles Raksti vor, dargeboten im Palmenhaus des Botanischen Gartens der Universität von Lettland, Riga, wohl 2016. Die Kokļu, auch Kokle geschrieben, ist eine Art der baltischen Zither, wenn ich mich nicht irre, und in Lettland durchaus beliebt. Es mag natürlich sein, daß sie einen ebenfalls in den Selbst-mord treibt, falls man sie zu oft und zu geballt hört. Man sollte dann seinen Verdruß aber nicht an den Bediensteten und den Fahrgästen der Eisenbahn auslassen.

* Eintrag in der Nacionālā enciklopēdija, Stand 15. September 2020


Dase, Zacharias 37 (1824–61), deutscher Rechen-künstler. Der Sprößling eines kleinen Hamburger „Schankwirts“, wie Moritz Cantor mitteilt (ADB, Band 4, 1876), war vor allem Kopf- und Schnellrechner. Mit Mathematik hatte er wenig am Hut.* Auf ausgedehnten Veranstaltungsreisen, die ihn durch ganz Mitteleuropa führten, verblüffte er vor allem in seiner Jugend als das übliche „Wunderkind“. So multiplizierte er etwa in Affengeschwindigkeit zwei Zahlen, die länger als Lianen waren, beispielsweise 79.532.853 × 93.758.479 in 54 Sekunden. In München soll er einmal in 20 Minuten die Quadratwurzel aus einer 60ziffrigen Zahl gezogen haben. Lärm machte ihm nichts aus, und oft begleitete er sein Rattern im Kopf mit Konversation.* Ging er spazieren oder Leute besuchen, stellte er die Anzahl von Schafen in einer Herde oder von Büchern in einer Regalwand in Blitzes-schnelle fest. Ein Genie der Menge, der Beschleunigung, des Quantitativen also. Heutige Handyhurtige müssen ihn mit Neidhammel-Augen betrachten.

Um 20 hatte Dase anscheinend verschiedene Anstellungen in Wien, Mannheim und Berlin inne, darunter einen Posten im preußischen Finanzministerium, der ihm eine kleine, vom König gestiftete Pension einbrachte. Die konnte er freilich nicht mehr lange genießen, weil er, möglicherweise aufgrund der Überschärfe seines Rechen-verstandes, eines nachts, 37 Jahre alt, einen Schlaganfall erlitt, sodaß er morgens als Leiche in seinem Bett vorgefunden wurde. Das war wieder in Hamburg. Nach O'Connor/Robertson hatte Dase von Kind auf an Epilepsie, möglicherweise zusätzlich am Asperger-Syndrom gelitten.

* J. J. O'Connor / E. F. Robertson für die University of St Andrews, Scotland, Stand Juli 2009


Daube, Helmut 19 († 1928), Gladbecker Abiturient, wohl schwul, ermordet. Dieser Fall ist bis heute ungeklärt. Der 19jährige Sohn eines Gladbecker Schuldirektors war in einer Märznacht nach dem Besuch einer werbenden Burschenschaftsveranstaltung im Hotel zur Post zunächst gemeinsam mit seinem Freund Karl Hußmann nach Hause gegangen. Das letzte Stück des Weges legte er allein zurück. Man fand ihn im Morgengrauen unweit seines in der Schultenstraße gelegenen Elternhauses mit durchschnittener Kehle und ohne Geschlechtsteil in seinem Blute liegend auf. Hußmann wurde aufgrund einiger Verdachtsmomente angeklagt, jedoch „mangels Beweisen“ freigesprochen. Vor allem hatte man ihm leider keine Homosexualität „nachweisen“ können, womit er gleichsam automatisch ein Bösewicht gewesen wäre, dem alles zuzutrauen sei. Später trumpfte ein bereits wegen Mordes an einem Stricher vorbestrafter Häftling, Rolf vom Busch, mit einem „Geständnis“ auf, doch es soll wenig glaubwürdig gewirkt haben. Der Mann galt als Prahlhans und, wegen Rachegelüsten, als befangen. Selbst auf Daubes Vater, den Rektor, war vorübergehend Tatverdacht gefallen, wobei sich als Motiv Haß oder Scham wegen des Sohnes vermeintlicher oder tatsächlicher „Abartigkeit“ angeboten hatte. Eben dies war jedenfalls das Hauptmotiv des damaligen großen Publikumsinteresses an dem Fall, der streckenweise sogar den Transatlantikflug des Luft-schiffes Graf Zeppelin aus den Schlagzeilen verdrängte. Neuerdings wurde er von den Autoren Kettler/Stuckel/Wegener in einem Buch ausgebreitet: Wer tötete Helmut Daube?, Gladbeck 2001/2015. Wie Mitverfasser Franz Wegener 2020 versichert, fährt es nicht weniger als 10 Mordtheorien auf.


Dawidenko, Alexander Alexandrowitsch 35 (1899–1934), sowjetrussischer Komponist, vorwiegend Vokalmusik. Das dicke Fell des Lexikografen Daniel Jaffé möchte ich einmal haben! Es wäre auch für Faulheit gut. Man müßte nicht mehr nach Flöhen gucken, die einen doch nur juckten. Das Wirken Dawidenkos, der in Odessa geboren wurde, in der Roten Armee diente und anschließend in Charkow und Moskau Musik studierte, schildert Jaffé noch einigermaßen nachvollziehbar als das eines musikalischen Massen-Agitators, der möglicherweise der Majakowski der Musik werden wollte. Aber dann kommt‘s. Am 1. Mai 1934 sei Dawidenko gestorben, in Moskau. Mehr sagt Jaffé dazu nicht.* Da muß man der russischen Wikipedia beinahe Üppigkeit bescheinigen. Sie weiß, der Junge eines „Telegraphenbetreibers“ verlor früh seinen Vater und büxte dann seinem Stiefvater aus, der ihn in ein Theologisches Seminar gesteckt hatte. Seitdem habe Dawidenko notgedrungen auf eigenen Füßen gestanden. Was nun sein Ende angeht, sei er, mit 35 und offensicht-lich in Moskau, „unerwartet unmittelbar nach der 1.-Mai-Demonstration“ gestorben, an der er „aktiv“ teilgenommen hatte. Bei seiner Beerdigung (auf dem Nowodewitschi-Friedhof) habe ein Chor aus Studenten des Moskauer Konservatoriums und aus Amateuren Lieder des Frühverstorbenen gesungen. Mehr nicht. Man hätte ja doch zumindest gern gewußt, ob der Chor auch durch musikalisch begabte Mitglieder der bolschewistischen Geheimpolizei verstärkt worden war.

* Daniel Jaffé, Historical Dictionary of Russian Music, Plymouth (UK) 2012, S. 99/100


Daza, Marcos 39 († 2007), Zirkusartist aus Kolumbien, am 1. April seines Todesjahres in Dortmund für den Zirkus Flic Flac tätig.* Die siebenköpfige Hochseiltruppe Camadi hat ihre spektakuläre Pyramide gebaut und klettert, vom Beifall umtost, wieder zur Erde. Letzter auf dem Seil ist der 39 Jahre alte Kolumbianer. Plötzlich stürzt er aus neun Meter Höhe ab und schlägt auf den harten Boden. „Macht weiter!“ soll er vor seinem Abtransport geflüstert haben. Daza erliegt seinen schweren Kopf- und Rückenverlet-zungen knapp zwei Wochen darauf im Krankenhaus. Eine Untersuchung ergibt, man hatte unter ihm bereits das Sicherungsnetz entfernt und ein Spannseil gelöst. Durch den Ruck verlor Daza das Gleichgewicht und fiel. Ein dafür verantwortlicher, eben erst eingestellter Zeltarbeiter wurde 2009 vom Dortmunder Amtsgericht mit einer Geldbuße von 3.000 Euro, zahlbar an die Eltern des Kolumbianers, belegt. Es sei schrecklich, daß das ausgerechnet ihm passiert sei, sagte der inzwischen 42jährige Kollege laut Bild. Hätte es lieber einem anderen passieren sollen?

* Angeblich ein bekanntes Unfall-Unternehmen: Rainer Morgenroth, „Drama in der Todeskugel“, Welt, 21. März 2013


Dazai Osamu 38 (1909–1948), japanischer Schriftsteller, Selbstmord-Rekordler. Sollte der Sohn eines wohlha-benden japanischen Landbesitzers und Reichstags-Abgeordneten als Schriftsteller so ungeschickt wie als Selbstmörder gewesen sein, ist er vielleicht verständlicher-weise in Europa nicht sonderlich bekannt. Dazai hatte in Tokio einige Semester Romanistik studiert und 1933 erste Kurzgeschichten veröffentlicht. Der Selbstmord gelang ihm erst 1948; es war in seinem 38jährigen Leben mindestens der fünfte Versuch. Andererseits erwies Dazai beträchtliche Schöpfungskraft beim Kinderzeugen. Vielleicht sollte man ihm zugute halten, daß die Methoden der Empfängnisverhütung zu seiner Zeit noch unent-wickelt oder totgeschwiegen waren. Er selbst war in der Landvilla in Kanagi mit etlichen Geschwistern (8 oder 10) sowie Bediensteten aufgewachsen und anscheinend von den Eltern vernachlässigt worden. Vermutlich nährte sich von daher sein Selbstmitleid. Als Erwachsener zeugte Dazai mit seiner zweiten Ehefrau Ishihara Michiko (Heirat 1939) die beiden Töchter Sonoko und Satoko (später Yūko) und den Sohn Masaki, und mit einer Geliebten namens Ōta Shizuko 1947 das Mädchen Haruko. 1927 war der junge Dazai empfindlich vom Selbstmord Ryunosuke Akutagawas (1892–27) getroffen worden, den er verehrte. Auch das war ein Schriftsteller, der nicht alt wurde: 35. Nach Akutagawa ist ein Literaturpreis benannt, der als Japans bedeutenster gilt.

Laut Brockhaus mauserte sich nun auch der „Bohemien“ Dazai zum „existentialistischen Idol besonders der studentischen Jugend“. Seine ersten drei Selbstmord-versuche unternahm er 1928 (Überdosis Schlafmittel), 1930 (Gang ins Wasser) und 1935 (erhängen). Sie mißlangen. Für den Gang ins Wasser hatte er sich mit der 19jährigen Kellnerin Shimeko Tanabe verbündet. Sie starb. Ihr überlebender Verbündeter blieb wahrscheinlich dank des Eingreifens seines Vaters von Strafverfolgung ver-schont. Wenige Wochen nach dem gescheiterten Erhängen mußte sich Dazai wegen einer Blinddarmentzündung operieren lassen. Dadurch sei er von Schmerzmitteln abhängig geworden, ist zu lesen. Er unterzog sich deshalb 1936 in einer Anstalt einer Entziehungskur, während derer ihn allerdings seine erste Ehefrau Oyama Hatsuyo mit einem engen Freund Dazais „betrogen“ habe, so die deutsche, stets „neutrale“ Wikipedia. Nachdem dies ans Tageslicht gekommen war, entschloß sich das Ehepaar zu einem gemeinsamen Selbstmord (Schlaftabletten). Er mißlang. Dafür gelang anschließend wenigstens die Scheidung.

Dazais zweite Heirat von 1939 habe ich schon erwähnt. Nach dem Krieg ins zerbombte Tokio zurückgekehrt, soll der Schriftsteller zunehmend dem Alkohol verfallen, gleichwohl „reihenweise“ Liebschaften eingegangen sein. Zudem sei ihm eine Tuberkulose-Erkrankung bescheinigt worden. Im Verein mit seiner bislang noch nicht erwähnten Geliebten Yamazaki Tomie (um 28), einer Kosmetikerin und Kriegswitwe, ertränkte er sich, diesmal erfolgreich, am 13. Juni 1948 im Fluß Tama. Zu seinem Gedenken vergeben die Stadt Mitaka und der Verlag Chikuma Shobō alljährlich den Dazai-Osamu-Preis an NachwuchsschriftstellerInnen. Schließlich soll man die Jugend anspornen ... zu schreiben. Für die Japanologin und Übersetzerin Irmela Hijiya-Kirschnereit steht „Jahrhundertautor“ Dazai als „Meister der Klarheit und stilistischen Geschmeidigkeit“ da. Aus dem Internet purzelt die Versicherung eines unbekannten deutschen Buchhändlers: „Ich habe ein schändliches Leben geführt. Was menschlich leben heißt, weiß ich nicht. Mit diesen Worten beginnen die Aufzeichnungen eines Unglücklichen über sein chaotisches Leben zwischen mehreren Frauen, Alkoholexzessen und Nervenheilanstalten. Dazai Osamus autobiographisch inspirierter Roman Gezeichnet gehört zu den meistgelesenen japanischen Büchern des 20. Jahr-hunderts.“

Eine erste vorbildliche Wirkung des Unglücklichen soll sich schon im nächsten Jahr unmittelbar an seinem Grabe (in Mitaka bei Tokio) gezeigt haben. Dort brachte sich Dazais 36jähriger Berufskollege und Jünger Tanaka Hidemitsu (1913–49) durch Öffnen der Pulsadern um.


Fortsetzung (De–Dol)
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