Mittwoch, 25. November 2020
LdF Folge Chat–Con

Chatterton, Thomas 17 (1752–70). Nach gängiger Meinung brachte sich der heutzutage recht bekannte englische „Dichter“ und Fälscher, mittels Gift, schon mit 17 Jahren aus Gram über seine Verkennung um. Sicherlich sei auch Geldnot hinzugekommen, hatte sich doch sein Lehrvertrag mit dem Bristoler Rechtsanwalt John Lambert erübrigt, nachdem dessen Lehrbub von Philologen als literarischer Betrüger entlarvt worden war. Ferner habe sich Chattertons Vorstellung, dafür in London einen „Durchbruch“ als Literat oder wenigstens Journalist zu erzwingen, im bekannten dortigen Nebel aufgelöst.

Die Vorgeschichte: Rund zwei Jahre vor seinem „Freitod“ hatte Chatterton mit angeblichen Funden aufhorchen lassen. Er wollte in Bristol Gedichte und Trauerspiel-Fragmente entdeckt haben, die ein Mönch namens Rowley im 15. Jahrhundert verfaßt hatte. Auch in diesem Fall von Hochstapelei ließen sich zunächst etliche Fachleute täuschen, darunter der berühmte Erfinder der gothic novel (des Schauerromans) Horace Walpole. Mehr noch, der blutjunge Advokatengehilfe soll den Geist der betreffenden verflossenen Zeiten derart gekonnt nachempfunden und außerdem schöpferisch bereichert haben, daß mancher sogar an überragende Wiedergeburts-Fähigkeiten Chattertons zu glauben begann. Allerdings entsprach dessen gothic revival auch dem Zeitgeist des englischen Frühkapitalismus. Dieser Mode folgend, hatte Chatterton, der ohnehin ein Träumer gewesen sein soll, wahre Berge der entsprechenden Literatur verschlungen. Nebenbei bemerkt, hatte er seinen Vater, einen Küster mit starken musikalischen und okkulten Neigungen, schon vor der Geburt verloren, da klammert man sich vielleicht an überlieferte großartige Gestalten, sofern kein Ersatz in Sicht ist.

Immerhin gingen die Geniestreiche des Jünglings nach und nach in zahlreiche Kunstwerke ein, darunter die 1956 in Hamburg uraufgeführte Tragödie Thomas Chatterton von Hans Henny Jahnn. Vermutlich hatten es Jahnn, neben der Genie-Frage, auch die engelshaften Züge des Knaben angetan, wie sie auf zeitgenössischen Bildnissen zu bewundern sind. Andere Quellen geben Chatterton als bedauernswerten, im Elend lebenden Sohn einer Näherin aus, während aus wieder anderen eher auf einen zynischen und hochnäsigen Jüngling geschlossen werden kann.

Jedenfalls soll er sich zuletzt als überflüssig empfunden haben. Der 11. Ausgabe der Encyclopædia Britannica von 1911 zufolge hatte er sich in seiner Dachkammer einen Trank mit Arsenik bereitet. Vorher habe er, was von seinen Manuskripten eben greifbar war, in kleinste Stücke geris-sen. Möglicherweise hatte das der Autor des betreffenden Artikels auf einem 1856 von Henry Wallis geschaffenen Gemälde gesehen. Wie man vielleicht bestätigen wird, hat sich Chatterton bei Wallis derart wohlgefällig auf der schäbigen Liege hingestreckt, daß sich alle lebensmüden Kunstfreunde eigentlich nur nach einem Tütchen Arsenik sehnen können. In Wahrheit dürfte er über Stunden hinweg an Übelkeit, Krämpfen, Durchfall, inneren Blutungen, schweren Koliken gelitten haben. Meist stirbt der Vergiftete an Nieren- und Kreislaufversagen – unter Umständen erst nach Tagen. Ein sachgemäßes möglichst schonendes Vergiften ist eine Kunst für sich, mindestens so schwer wie das Fälschen von Altertümern, und es steht zu befürchten, diese Kunst habe Chatterton nun nicht auch noch beherrscht.

Freilich gibt es auch in diesem Fall wieder ein paar wissenschaftlich angestrichene Legenden-AnkratzerInnen. So habe ein Team der University of Bristol aufgrund umfangreicher Durchforstung der vorhandenen Quellen den starken Verdacht, maßgebliche romantische Interpreten hätten Chattertons Situation und Ableben verzerrt dargestellt, meldet 2004 ein britisches Blatt.* Zum einen habe sich der junge Literat in London durchaus gut von Veröffentlichungen ernähren können; zum anderen sei sein angeblicher Selbstmord sehr wahrscheinlich ein Unfall gewesen. Fälscher Chatterton, ohnehin Opiumesser, habe wohl versehentlich eine falsche Dosis Arsen als Medizin gegen eine Geschlechtskrankheit eingenommen. Wie er sich letztere zugezogen habe, verrät Dr. Nick Groom, der Teamchef, natürlich nicht.

* Danielle Demetriou, „Reports of 18th century Romantic icon's suicide were 'greatly exaggerated'“, Independent, 26. August 2004


Chávez, Alan 18 (1990–2009). Wieder ein Kinderdar-steller und eine große Hoffnung der Kinostar-Manager-Branche. Allerdings scheint man so gut wie nichts von dem Werdegang des hübschen jungen Mexikaners zu wissen. Seinen „Durchbruch“ soll er 2007 mit einer Hauptrolle im Spielfilm La Zona erzielt haben, den außer mir alle Welt kennt. Vorher, um 2003, war Chávez vom Himmel direkt in die Arme eines TV-Aufnahmeleiters gefallen, also ungefähr mit 13. Fünf Jahre später ging er den umgekehrten Weg. Nach zwei jeweils undatierten Zeitungsartikeln, die die spanische Wikipedia anführt, entspann sich im September 2009 auf einer Party im „Künstlerviertel“ Coyoacán von Mexiko-City ein Streit zwischen zwei Parteien, an dem auch der Nachwuchsstar beteiligt war. Mindestens einer von den Streithähnen muß eine Schußwaffe hervorgezaubert haben, vielleicht aus seinem Auto. Die anhebende Schießerei lockte einen Streifenwagen herbei, der sie anscheinend noch tüchtig anheizte. Der Polizeibeamte Valentín Guerrero, 39, habe den 18jährigen Schauspieler durch Herzschuß erledigt, dabei jedoch in Notwehr gehandelt, weshalb er wohl nicht belangt werde. Noch ein zweiter junger Mann sei auf der Strecke geblieben. Von denkbaren Nachspielen ist im Internet nichts zu hören, geschweige denn von dem vermutlich nichtigen Anlaß der Schlacht. Schauspieler-kollege Adrián Alonso habe später versichert, Chávez sei ein guter, lebenslustiger, friedlicher Bursche gewesen, der sich sogar Drogen verkniffen habe – falls ich die Übersetzungsmaschinen nicht mißverstehe. Jedenfalls habe er dieses schreckliche Los nicht verdient.


Cheung, Sai-ho 35 (1975–2011), Ex-Fußballprofi in Hongkong. Wäre ich in der dortigen Steinwüste Journalist, würde ich mir siebenmal überlegen, ob ich Cheungs im Internet namenlose Witwe aufsuchte, falls ich sie auf-triebe. Vermutlich zog sie um. Tat sie das, wäre sie im 36. Stockwerk jenes Wolkenkratzers, in dem sie gemeinsam mit dem abgemusterten Mittelfeldspieler gewohnt hatte, nicht mehr anzutreffen. Am 22. April 2011 hatte es offenbar den üblichen Ehestreit gegeben. Ein paar Agenturmeldungen sprechen von Liebe und Geld. Cheung riß das Fenster auf und sprang hinaus.

Im Grunde folgen all unsere Wohl- oder Schandtaten wenigen Mustern, die sich endlos wiederholen. Interessant wird es erst, wenn wir untersuchen, wie soundsoviele andere darauf reagieren. Das kann vom unmittelbar Betroffenen, etwa der Hongkonger Witwe, bis zum fernen Beobachter reichen. Sie zum Beispiel haben den Fall Cheung, sofern er Ihnen im Internet begegnet ist, nach drei Sekunden vergessen. Der erwähnte Steinwüsten-Journalist dagegen hält es für nicht unwahrscheinlich, die Witwe leide nach neun Jahren noch immer an Schlaflosig-keit wegen Schuldgefühlen – aber er kann es nicht sicher wissen; das Gegenteil, die Witwe mache sich längst in London oder Torquay einen schönen Tag, kommt zuweilen ebenfalls vor. Die schlechteste Karte hätte er, wenn sie in neun Jahren das Schlimmste mühsam „verdrängt“ hätte – und just durch seinen unangekündigten Besuch alles wieder hochkäme. Obwohl das manchmal auch heilsam sein kann. In jedem Fall wäre es für alle Beteiligten mehr oder weniger anstrengend. Hat sich der Steinwüsten-Journalist noch ein Ding bewahrt, das man früher, vor Einführung der „Globalisierung“, Gewissen und Anstand nannte, wird er also kein leichtes Leben haben. Davon sprach ich kürzlich auch in dieser Rubrik unter dem Titel „Die Last der eingebildeten Verantwortung“.

Vom Chinesen Sai-ho Cheung trennte den indianisch-kanadischen Bildenden Künstler Benjamin Chee Chee (1944–77) immerhin der Umstand, daß der Indianer meist und auch gerade wieder zum Zeitpunkt seiner letzten Randale bindungslos war. Seine Kindheit läßt sich nur verkorkst nennen. Das hatte schon gleich gut angefangen, als er im Alter von zwei Monaten seinen Vater verlor: Autounfall. Was Wunder, wenn Chee Chee auch als Künstler gern dem Alkohol und anderen Drogen zusprach. Zwar kam er mit seinen Arbeiten halbwegs ins Geschäft, aber wie es aussieht, nur um den Preis, Spielball einiger Kunstagenten zu sein. Das Faß lief nach einer Kneipen-schlägerei in Ottawa über. Von der Polizei „in Gewahrsam“ genommen, soll sich Chee Chee, knapp 33, in seiner Zelle mit Hilfe seines Hemdes aufgehängt haben.

Das hätte dem zwei Monate alten Chee Chee gefallen: Nach einer Feier seines Clubs Carolina Hurricanes fuhr sich der 32jährige kanadische Eishockeyprofi Steve Chiasson (1967–99) in oder bei Raleigh, North Carolina, solo in betrunkenem Zustand tot – zum Glück nur sich.* Er hinterließ eine Frau und drei Kinder. Seine Geburtsstadt Peterborough, Ontario, beeilte sich daraufhin, in ihrem vielbesuchten Millennium Park zu Ehren des vorbildlich verunfallten Sportlers den Steve Chiasson Memorial Pond einzurichten – einen Teich also, der vielleicht sogar einen Bade- oder Eislaufmeister hat ..? Möglicherweise ist es auch nur eine Skulptur. Ferner stiftete Chiassons Club einen nach ihm benannten Preis, der jeweils dem Spieler des Clubs zukommen soll, der „am besten Führungs-qualitäten, Ausdauer, Entschlossenheit und Hingabe demonstriert“, heißt es in der englischen Wikipedia. Sind diese Perversitäten noch wesentlich zu steigern?

Im Fall des Nigerianers Emmanuel Chidi Namdi (1980–2016) blieb ebenfalls eine Frau zurück, von deren Schicksal nichts mehr zu erfahren ist. Sie deutete es lediglich selber an, nachdem ihr wohl 36 Jahre alte Gatte, Bootsflüchtling wie sie, am 5. Juli 2016 in Fermo, Mittel-italien, von rassistischen Fußballfans beschimpft und auf offener Straße zusammen geschlagen worden war. Er starb anderntags im Krankenhaus. Bei einer Mahnwache** wenig später soll Chimiary Chidi an den Ermordeten gerichtet verzweifelt ausgerufen haben: „Why do you leave me in this wicked [bösen, verruchten] world?“

* „Test shows Chiasson was driving drunk“, News Tribune (wohl Jefferson City, Missouri), 11. Mai 1999
** Ashitha Nagesh, „Man who escaped Boko Haram beaten to death for defending wife against racism“, Metro (UK), 8. Juli 2016



Chlumberg, Hans 33 (1897–1930), Wiener Dramatiker. Ich könnte mir denken, der Mann ist wahrscheinlich zu unrecht ziemlich unbekannt. Sein 1930 uraufgeführtes Stück Wunder um Verdun nimmt in antimilitaristischer Absicht den Schlachtfeldtourismus aufs Korn, woraus sich ein Riesenkonflikt zwischen den Lebenden und Millionen wiederauferstandener Kriegstoten ergibt. Von diesen möchten jene nichts wissen. Die merkwürdigste Satire gelang Chlumberg allerdings im selben Jahr bei einer in Leipzig stattfindenden Theaterprobe: er stürzte in den Orchestergraben. Das kostete dem 33jährigen Dramatiker das Leben.* Knapp 30 Jahre später bekam er in Wien die Chlumberggasse.

* laut Christa Karpenstein-Eßbach, in: Guilhamon / Meyer (Hrsg): Die streitbare Klio, Frankfurt/Main 2010, S. 120


Chökürian, Dikran 31 († 1915). Chlumbergs Schatten-dasein ist ja noch gar nichts. In den Jahrzehnten um 1900 fand die eigentlich bekannte – nur an der offiziellen, muslimisch geprägten türkischen Geschichtsschreibung vorübergegangene – Ausrottung weiter Teile des armenischen Volkes durch Türken und Kurden statt. Unter den etlichen Hunderttausenden an Toten befanden sich auch zahlreiche Intelektuelle, von denen man in Mittel-europa gewöhnlich noch heutzutage keinen Schimmer hat, beispielsweise die gleichaltrigen, wahrscheinlich 31 Jahre alten Schriftsteller Dikran Chökürian und Krikor Torosyan, die beide im April 1915 verschleppt und noch im selben Jahr ermordet wurden, in oder nahe Ankara.* Der Kapitalist, Politiker und Großschriftsteller Walther Rathenau, 1922 auf dem Weg ins Berliner Außenmini-sterium ermordet, mag in diesem Fall saubere Hände haben – aber was ist etwa mit Major Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenberg, geboren 1875, der sich in jenem Jahr 1915, laut Wikipedia, zufällig mit deutscher Artillerie in Armenien aufhielt? Folgendes scheint mit ihm zu sein: als er 1954 in Würzburg das Zeitliche segnete, war er 79 und ohne Tadel, obgleich er sich in Briefen zum lustigen Kugelpfeifen und Zertrümmern ganzer (christlicher!) Stadtviertel bekannt hatte.**

* Torosyan wird in dieser lesenswerten Spurensuche erwähnt: Pinar Ogunc, „97 Years Later, on the Road to Ayash …“, Radikal (Türkei) und Massis Post (USA), 2012
** So auch bei Judith Perisic von der Uni Mainz, obwohl der Major hier etwas besser wegkommt: „Osmanisch-deutsche Verflechtungen und die Armeniergräuel im Ersten Weltkrieg“, Stand 6. März 2018



Cholodow, Dmitri Jurjewitsch 27 (1967–94), russischer Physiker und Journalist, ermordet. Soweit ich sehe, werden uns noch mehrere Leidensgefährten dieser post-sowjetischen Art begegnen. Cholodow soll lediglich der erste gewesen sein.* Ab 1992 bei der Moskauer Tageszeitung Moskowski Komsomolez angestellt, hatte er unter anderem über ethnische Säuberungen in Abchasien und korrupte Geschäfte beim Abzug der SU-Armee aus Ostdeutschland berichtet. In diese sei „Verteidigungs-minister“ Pawel Gratschow höchtspersönlich verwickelt. Man glaubt es gern, wenn man bei Hoogerbeets liest, Gratschow habe später als Zeuge vorm Militärgericht sogar eingeräumt, auf Nestbeschmutzer Cholodow gemünzt so etwas wie „brecht seine Beine“ und „schließt seinen Mund“ zu Mitarbeitern geäußert zu haben – wohl kaum das Kantinenpersonal.** Tatsächlich ersparten sich die mutmaßlichen MitarbeiterInnen aber alle Faustarbeit. Sie ließen Redakteur Cholodow wissen, im Bahnhofsschließ-fach soundso stehe ein Koffer mit weiteren enthüllungs-trächtigen Dokumenten, und als er den Koffer in der Redaktion öffnete, zerbarst dieser, weil er eine Bombe enthielt. Cholodow, 27, wurde getötet, eine Kollegin verletzt. In der Fernwirkung schwächte die Bombe auch das erwähnte Militärgericht genug, um es an einem Schuldspruch gegen sechs angeklagte Geheimdienstoffi-ziere der Armee zu hindern – „Mangel an Beweisen“. 2005 wurde auch eine Revision abgewiesen. Hier hackt keine Krähe einer anderen die Augen aus.

* „Journalist murder still unsolved 15 years on“, RT (Russia Today), 17. Oktober 2009
** Heidi Hoogerbeets, „Justice on Trial: Dmitry Kholodov“, CPJ (New York City), September 2006



Chongzhen 33 (1611–44), letzter Ming-Kaiser. Sofern keine Schergen der jeweiligen Obrigkeit oder mißgünstigen Nachbarn dahinter steckten, starben ein paar der in Altertum und Mittelalter geschundenen Sklaven, Landarbeiter, Fischweiber sicherlich auch von eigener Hand – nur wissen wir von denen nichts, weil sie nicht der Rede oder Schreibe wert waren. Bemitleiden wir also notgedrungen einen Kaiser von China. Als junger Prinz, erst 16 Jahre alt, hatte Chongzhen das Pech, das sagen-hafte Riesenreich der Ming-Dynastie (1627) zu über-nehmen, als es gerade zerfiel. Von Norden her drangen die Mandschus über die berühmte Mauer, überrannten seine Generale, die sich lieber untereinander bekämpft hatten, und nahmen 1638 sogar den Vasallenstaat Korea ein. Wo der letzte Ming-Kaiser auch hinguckte: Niederlagen, leere Staatskassen, abtrünnige Provinzen, anmaßende Eunuchen sowie Minister, die von nichts eine Ahnung hatten, außer von Betrug. Er tauschte sie ungefähr jährlich aus und bedachte die Abgesetzten mit den grausamen Strafen, die er auch allen anderen Untertanen gegenüber liebte. Unterdessen blieb die Finanzlage so verheerend, wie sie war, weil die Europäer einen später so genannten Dreißigjährigen Krieg in Gang gesetzt hatten, der den Löwenanteil des in Amerika geraubten Silbers verschlang. Dieser Anteil war bis dahin vor allem der Ming-Dynastie zugute gekommen, hatten sich doch die Europäer damit in China mit luxeriösen Waren wie Seide oder Porzellan eingedeckt. Ansonsten litt China kaum anders wie Europa unter der „Kleinen Eiszeit“ und den entsprechenden Ernteausfällen, unter sich häufenden Bauernaufständen, die sich nicht zuletzt Chongzhens drückenden Steuern verdankten, ja es litt sogar unter der Pest, die auch in Fernost Millionen von Menschen dahinraffte.

Im April 1644 stießen aufständische Bauern und Soldaten gegen Peking vor. Als sie in die ersten Außenbezirke einströmten, läutete Chongzhen die Glocke, die üblicher-weise das Zeichen für seine Minister war, sich zu einer Konferenz einzufinden. Doch kein Minister erschien. Selbst die Palastgarde hatte es vorgezogen sich dünne zu machen. Da dämmerte ihm, die Dynastie war verloren. Nach deutscher Wikipedia befahl er seinen Söhnen zu fliehen, dem Rest der Familie dagegen, sich umzubringen; nach englischer Wikipedia zückte er sein Schwert, um die Weiber und Kinder eigenhändig fertigzumachen. Nachdem auch die Kaiserin, je nach dem, an einem Torbogen baumelte oder in ihrem Blute lag, verließ der Kaiser die Verbotene Stadt und begab sich in den Jingshan Park. Dort erhängte, vielleicht auch: erwürgte sich der 33jährige Herrscher. Darüber sind sich alle Quellen im Prinzip einig. Umstritten ist, ob er beim Gang in den Park nur von einer Schnapsflasche oder dazu von seinem Leibeunuchen begleitet worden war. Möglicherweise erhängte er sich an einem Pagodenbaum. Der kam später unter Denkmal-schutz und dient noch heute als Touristenmagnet. Allerdings soll es sich inzwischen um einen nach 1970 eingepflanzten Ersatzbaum handeln. Die Art heißt unter anderem auch Perlschnurbaum, nach den mehrfach eingeschnürten Fruchtschoten. Insofern hing sich Chongzhen standesgemäß auf.


Choris, Ludwig 33 (1795–1828), Expeditions-Maler, Mordopfer. Der Sohn eines Hochschullehrers in Charkow, Ukraine, profitierte davon, das Licht der Welt vor dem Siegeszug der Fotografie zu erblicken, aber es war auch just dieser Umstand, der ihn nicht älter als einen bekannten Kaiser von China werden ließ. Als er 1815 in Sankt Petersburg an Bord der Brigg Rurik zu einer bald darauf weltberühmten Weltumsegelung aufbrach, war er gerade einmal 20. Aber er konnte zeichnen und malen und war auch in Naturkunde beschlagen. Und da er auch der Naturgetreuheit verpflichtet war – jedenfalls entschieden mehr als etwa imperialistischem Dünkel oder Rassenhaß – leistete er mit seinen Abbildungen aus Übersee, darunter die Philippinen, Hawaii und die Beringstraße, unschätz-bare Dienste zur Kenntnis und Erforschung fremder Flora, Fauna und Menschen.

Einige gebildete LeserInnen werden die rund dreijährige Reise um die Welt durch Adelbert von Chamissos Bericht kennen, der knapp 20 Jahre später, 1836, als eigenstän-diges Buch des Berliner Schriftstellers erschien. Offiziell „Titulargelehrter“ der Expedition, war der junge Chamisso mit Zeichner Choris eng befreundet. Etwas weniger harmonisch gestaltete sich nebenbei Chamissos Verhältnis zum Leutnant der russisch-kaiserlichen Marine Otto von Kotzebue, der das Unternehmen leitete. Der war ein Sohn eines wieder anderen, jedoch viel berühmteren (Mannheimer) Mordopfers. Otto war oft schlecht gelaunt. Beide, Kapitän wie Titulargelehrter, hatten auch ihre Plage mit dem gemeuchelten Alten, brauste ihnen doch aus jedem Hafen, in dem sie in Übersee anlegten, dessen ruhmreicher Name entgegen, wie Chamisso erwähnt. Selbst die Bibliothek auf den Aleutischen Inseln (bei Alaska) habe im wesentlichen aus einem ins Russische übersetzten Band mit Werken von August von Kotzebue bestanden.

Was Choris betrifft, begab er sich 1819, nach Bewältigung der großen Reise, nach Paris, wo er sich unter anderem in Lithographie ausbilden ließ, damit die verschiedenen gedruckten Reiseberichte um Illustrationen bereichert werden konnten. 1821 wurde sein „Lithographisches Reisewerk“ auch im Stuttgarter Morgenblatt für gebildete Stände vorgestellt oder besprochen. Im folgenden Jahr veröffentlichte er einen eigenen Reisebericht in franzö-sischer Sprache (Voyage pittoresque autour du monde), der Textbeiträge von Chamisso und dem bekannten Pariser Naturforscher Georges Cuvier einschloß. 1826 erschienen 24 weitere Lithographien unter dem Titel Vues et paysages des régions équinoxiales. Ein Jahr darauf tappte Choris in die Falle. Er ließ sich im Auftrag des Musée des Jardins des Plantes auf eine Mittel- und Südamerikareise ein, um dortige Pflanzen zu sammeln und Porträts der Indios zu liefern. Über die Antillen, New Orleans und Veracruz kam er 1828 nach Mexiko. Die Hauptstadt erreichte er nicht mehr, wurde der begabte 33jährige Künstler und Forscher doch bei Xalapa von schnöden Strauchdieben überfallen und ermordet. Einzelheiten sind anscheinend nicht bekannt. Hier winkt unter Umständen eine reizvolle Forschungsaufgabe für hiesige Doktoranden, die sich schon seit Längerem einmal das eindrucksvolle Land zwischen Texas und dem Golf von Kalifornien ansehen wollten. Mordopfer gegenwärtig, ohne Dunkelziffer, im Schnitt 95 pro Tag. Die Vergleichszahl für Deutschland ist ungefähr 0,8.


Chubbuck, Christine 29 (1944–74). Die studierte US-Journalistin aus Ohio legte mit knapp 30 einen wohl bis heute einzigartig krassen Dienstschluß vor. Sie war zuletzt als Reporterin und Moderatorin in Sarasota, Florida, beim Fernsehsender WXLT-TV tätig, auch Channel 40 genannt. In ihrer Vormittagssendung Suncoast Digest des 15. Juli 1974, einem Montag, faßte Chubbuck einen folgen-schweren, offensichtlich halb spontanen Entschluß. Als die Filmrolle mit dem Bericht über eine Schießerei in einem Restaurant des örtlichen Flughafens klemmte, schaltete die Technikerin zur Moderatorin der Show zurück. Daraufhin teilte Chubbuck ihrem Publikum schlagfertig mit, gemäß der Tradition des Senders, sie stets mit den frischsten Blut- und Ekelvorfällen „in living color“ zu versorgen, sähen die Damen und Herren zu Hause nun alternativ einen Selbstmordversuch. Schon setzte sie sich, laut Sarasota Herald-Tribune vom nächsten Tage, den Lauf einer Pistole hinters rechte Ohr, drückte ab und fiel, von ihrem wehenden langen schwarzen Haar begleitet, mit dem Oberkörper vornüber, also gleichsam dem Fernseh-publikum in den Schoß. Dann sorgte der geistesgegen-wärtige Technische Leiter dafür, daß auch der Bildschirm schwarz wurde. Aber von dem vorausgehenden Knall dürften noch alle Teelöffel in Floridas Küchen gezittert haben. Chubbuck hatte die Pistole aus einer unter ihrem Pult verborgenen Einkaufstasche gezogen. Nun tobten die Telefone des Senders. Chubbuck starb noch am selben Tag im Krankenhaus.

In den zurückliegenden Wochen hatte sie in Überein-stimmung mit ihren Vorgesetzten an einer Sendung zum Thema Selbstmord gearbeitet und sich in diesem Rahmen beiläufig beim Sheriff nach der sichersten Methode des Sicherschießens erkundigt. Angeblich hatte sie seit Jahren mit „Depressionen“ zu kämpfen und war deshalb auch schon häufig in Behandlung gewesen. Ihr jüngerer Bruder Greg spricht im Rückblick* von „bipolar disorder“. Sie sei Perfektionistin mit makaberem Humor gewesen; vielseitig begabt, jedoch unstet; viel bewundert, aber mit Selbst-zweifeln geschlagen. Ein Kollege behauptet, die attraktive Frau habe nicht verhehlt, noch immer „Jungfrau“ zu sein. Chubbucks Versuche, dem abzuhelfen, schlugen offenbar fehl. Wahrscheinlich litt sie an diesem Mangel an engen Freundschaften am meisten. Dem Bruder zufolge bastelte sie Kinderpuppen, von denen sie immer welche mitsich-führte. Auch in der Einkaufstasche mit der Pistole hätten sich zwei Puppen gefunden.

Horatia Harrod** glaubt, die „Krankengeschichte“ von Chubbuck werde meist überbewertet. Man gehe dabei den Vorurteilen der zeitgenössischen Quellen auf den Leim. In Wahrheit sprächen Chubbucks letzte Worte (vor der Kamera) deutlich von ihrem Unbehagen an dem Seifen-oper-Kurs ihres Senders. Einige Arbeiten von ihr waren zugunsten von Geschichten gekippt worden, die mehr „Sensation“ hatten. Selbst ihr Bruder Greg habe bestätigt, daß Chubbuck diese Tendenz im US-Journalismus verabscheute. Ich wage hier nicht zu richten, spreche mich aber unbedingt dafür aus, Chubbucks mutige Tat insbe-sondere kerngesunden heutigen Nachrichtensprechern von Fernsehsendern zur Nachahmung ans Herz zu legen. Das Ekelhafteste an diesen Sendungen sind ja keineswegs die Bilder und Nachrichten, von denen Chubbuck sprach, vielmehr ist es die gefolgstreue, karrieredienliche Ungerührtheit, mit der diese Bilder und Nachrichten, etwa aus dem zertrümmerten Jemen oder von der Raumfähren-abschußrampe auf Kap Canaveral, Florida, von der einen oder anderen aufpolierten Knechtsvisage dargeboten werden. Die adrette, blonde Münchener Fernsehansagerin Ulla >Melchinger, Selbstmord 1969 außerhalb des Dienstes, bildete in dieser Hinsicht sicherlich keine Ausnahme, aber womöglich verstand sie sich lediglich auf den Anschein von Ungerührtheit. Ihre heutigen Kollegen dagegen sind abgestumpft. Wegen dem millionenfachen Elend, das eine bis ins Mark kalte deutsche Kanzlerinnen-maschine seit Jahren über weite Teile dieses Planeten bringt, würden sie sich noch nicht einmal einen Finger-nagel abbeißen. Dazu lieben sie sich selber viel zu viel.

* Christine Pelisek, „Brother of TV Journalist Christine Chubbuck ...“, People, 11. Februar 2016
** „Death by television ...“, The Telegraph, 2. Oktober 2016



Chudjakow, Iwan Alexandrowitsch 34 (1842–76), russischer revolutionärer Völkerkundler, hauptsächlich mit heimischen Märchen und Liedern befaßt. Der Sohn eines westsibirischen Lehrers, Raum Tobolsk, studiert in Kasan und Moskau, forscht und schreibt zeitweilig auch in Westeuropa, wobei er sich mit antizaristischen Schrift-stellern wie A. I. Herzen und N. P. Ogarjow befreundet. In St. Petersburg verheiratet er sich mit Leonila Lebedewa, angeblich mehr zum Schein, um ihr ein Entkommen aus der Hölle ihres Elternhauses zu ermöglichen. Sein wiederholter Ärger mit der Zensur wird 1866 durch Verhaftung und Anklage gekrönt. Man hält ihn für einen Mitverschwörer bei Attentaten und verbannt ihn nach Ostsibirien. Selbstverständlich ist er dort isoliert; prompt erschleicht sich einmal ein Spitzel sein Vertrauen und horcht ihn aus. Laut russischer Wikipedia war auch die Ehefrau der Verschwörung angeklagt; es bleibt jedoch offen, ob sie mitverbannt wurde. Man hört kein Tönchen mehr von ihr. Ähnlich unklar bleibt, ob Chudjakow (körperliche) Zwangsarbeit zu leisten hatte oder wie er sich sonst ernährte. Bis 1874 soll er teils in Jakutsk, überwiegend jedoch in Werchowjansk, ein noch übleres klirrendes Kälte- und Verbannungsörtchen, meteoro-logische Bobachtungen angestellt sowie Sprache und Sitten der Jakuten studiert und ein jakutisch-russisches Wörterbuch verfaßt haben. Allerdings sei er bereits 1868 „psychisch krank“ geworden. Schließlich habe man ihn im Sommer 1875 gen Süden verlegt, nämlich nach Irkutsk am Baikalsee – in eine dortige Irrenanstalt. In dieser sei er schon im nächsten Jahr verstorben, 34 Jahre alt. Alle Einzelheiten der Erkrankung und des frühen Todes liegen unter sibirischem Eis. Hier und dort wird freilich auf das Werk von A. W. Adrianow Der berühmte Sibirier Iwan Alexandrowitsch Chudjakow hingewiesen, erschienen in St. Petersburg 1911. Ich wünsche viel Vergnügen.


Cienfuegos, Camilo 27 (1932–59), kubanischer Revo-lutionsheld, Flugzeugabsturz? Die Sache trug sich Ende Oktober 1959 zu. Der 27jährige befand sich gerade auf einem Nachtflug von Camagüey nach Havanna – jedenfalls angeblich. Dabei verschwand er mitsamt seiner Cessna 310 spurlos über dem Ozean. Er wurde weder bei einer schnell eingeleiteten Rettungsaktion noch später jemals gefunden. Die offizielle Darstellung nimmt einen Unfall an.

Nun war aber Cienfuegos nicht irgendwer. Erst im Januar des Jahres war der blendend aussehende Sohn eines Schneiders als erster kubanischer Guerillaführer an der Spitze von 500 Kämpfern in Havanna einmarschiert. Er galt als beliebt. In der Revolutions-Hierarchie (für empfindliche Gemüter ein schwarzer Schimmel) kam er gleich hinter den Castro-Brüdern und Che Guevara. Allerdings glauben einige BeobachterInnen, er habe, auch von seiner Herkunft her, zu anarchistischen Positionen geneigt und in den Monaten vor seinem Verschwinden auch schon Unmut am streng kommunistischen Castro-Kurs geäußert. Gleichwohl hatte Cienfuegos kurz vor seinem Nachtflug getreulich Fidel Castros Auftrag erfüllt, seinen eigenen Freund Huber Matos zu verhaften, der gerade aus Protest gegen die offizielle, kommunistische Linie von seinem Amt als Militärbefehlshaber der Provinz Camagüey zurückgetreten war. Manche halten deshalb Matos – der geschlagene 20 Jahre im Gefängnis zu verbringen hatte – für den Drahtzieher jenes „Unfalls“, der vielleicht ein Abschuß, aber vielleicht auch ein Unter-tauchen war. Andere tippen wahlweise auf CIA oder KGB.

Die meisten BeobachterInnen vermuten allerdings, die Regierungsspitze selber habe ihre Hände im Spiel gehabt. Immerhin kamen innerhalb kurzer Zeit nach dem Vorfall nachweislich etliche enge Vertraute Cienfuegos‘ sowie Zeugen und Beteiligte der Aufklärungskommission auf unnatürliche Weise zu Tode, darunter Cienfuegos‘ persönlicher Adjutant Hauptmann Cristino Naranjo. Es ist freilich auch möglich, daß falsche Spuren gelegt wurden, um ein schlechtes Licht auf die erfolgreiche Revolution zu werfen. Als Historiker sieht man sich wieder einmal mit einem Küchenmesser bewaffnet dem üblichen Dschungel aus Interessen, Intrigen und Lügen gegenüber. Nebenbei äußert sich so gut wie keine Quelle zu der naheliegenden Frage, ob der Verschwundene allein in der Cessna saß oder nicht, ob er überhaupt einen Pilotenschein besaß und so weiter. Da möchte man fast die Eindeutigkeit loben, mit der die Fassade des „Informationsministeriums“ in Havanna ein Porträt zeigt, das höher als das achtgeschos-sige Gebäude selber ist. Es stellt den verschwundenen Genossen Cienfuegos dar. 2015 ist die Kubanerin Yoani Sánchez schon soweit, ihn gar nicht mehr finden zu wollen.*

Nach einem Artikel, der im Januar 2017 im Monatsblatt Graswurzelrevolution zu lesen war, hatte sich der Berufsrevolutionär fliegen lassen. Im übrigen behauptet Autor „Coastliner“, laut den Aussagen verschiedener Zeugen, darunter ein ortsansässiger Fischer, seien Cienfuegos und sein Pilot Luciano Farinas in der Bucht von Masio durch einen Sea Fury 530-Abfangjäger der kubanischen Armee abgeschossen worden. Als Insassen des Jägers nennt er Osvaldo Sánchez und Kapitän Torres, „ein Vertrauter Raúl Castros“. Raúls Bruder Fidel habe von einem Sturm gesprochen, während andere Beteiligte heute versicherten, es habe damals klares Wetter geherrscht. Coastliner stützt sich bei diesen Angaben auf eine französische Fidel-Castro-Biografie, nämlich: Serge Raffy, Castro, L‘Infidèle, Paris 2003, S. 337 ff.

* „Ich möchte dich nicht mehr finden, Camilo“, Generación Y, 28. Oktober 2015


Clarke, Marcus 35 (1846–81), australischer Schrift-steller. Der Sohn eines Londoner Juristen war nach dessen Tod als 17jähriger nach Australien zu einem Onkel verschlagen worden. Ab 1867 fest in Melbourne stationiert, faßte er zunächst als Journalist, dann Romancier Fuß. Zuletzt siechte er als Bibliothekar dahin. Sein dicker Roman Lebenslänglich, ursprünglich in Zeitschriften-Fortsetzungen erschienen, wurde damals viel erörtert. Clarke kombiniert darin die Geißelung des britischen, um grauenvolle „Strafkolonien“ zentrierten Strafsystems mit Seifenoper. Das Werk, wohl erstmals 1874/75 unter dem merkwürdigen Titel His Natural Life in Buchform herausgebracht, erschien 1965 auch in Ostberlin (Volk und Welt), wobei Anselm Schlösser ein durchaus kritisches Nachwort beisteuerte. Aber das Werk sorgte für Clarkes Nachruhm.

Laut Brian Elliott* hatte der Romancier früh die Mutter verloren, war überdies mit einem linken steifen und verkürzten Arm geschlagen und wurde zeitlebens ein leichtes Stottern nicht los. Das habe er mit Charme und Witz wettgemacht. 1869 verheiratete er sich mit der Schauspielerin Marian Dunn und machte ihr im folgenden sechs Kinder. Wie es aussieht, erreichte er nie den Zustand einer gewissen Festigung und endete folgerichtig in Zerrüttung. Er lebte ähnlich dandyhaft wie sein Londoner Erzeuger, hatte stets Schulden, litt an Ängsten und trank wahrscheinlich viel. Was Wunder, wenn man ihm den Chefposten der Öffentlichen Bibliothek von Victoria vorenthielt; aber gerade das scheint ihn buchstäblich tief gekränkt zu haben. Offiziell erlag er mit 35 einer „Wundrose“. Gerüchte von Selbstmord hält Elliott für unzutreffend. Bedenkt man es freilich gründlich, läßt sich wohl mit einigem Recht davon sprechen. Zum Trost hievte die australische Post den Zerrütteten 1973 ins Reich der Briefmarken: 7 Cent.

* im Australian Dictionary of Biography, Volume 3, (MUP), 1969


Claßen, Barbara 32 (1957–90), badensische Judoka, im Jahr 1982 immerhin erste deutsche Weltmeisterin. 1988 trat sie zurück. Zwei Jahre darauf, mit 32, brachte sie sich um, vermutlich in ihrer Heimatstadt Grenzach-Wyhlen (bei Freiburg). Einzelheiten sind nicht zu erfahren. Die vergleichsweise große Frau (1,78) galt sowohl als „labil“ wie „eisern“ diszipliniert. In ihrem Buch Judo: Der sanfte Weg?, das rund ein Jahr vor ihrem Tod erschien, soll sie neben Mißständen im Judoverband die verbohrte Einseitigkeit der Athletinnen anprangern. Sie nimmt sich dabei nicht aus. Mit dem Karriereende – dem Fortfall dieser „Droge“ – habe sie sich einer furchtbaren inneren Leere gegenüber gesehen. Den „Leistungssport“ selber (oder gar die Konkurrenzgesellschaft) scheint sie aber nicht in Frage zu stellen.

Ich fahre drei weitere weibliche Judokas auf. Sie alle sprangen aus einem Fenster, natürlich weder gemeinsam noch durch dasselbe Fenster: die 29jährige Claudia Heill (2011) in Wien, die 28jährige Jelena W. Iwaschtschenko (2013) in Tjumen, Westsibirien, und die erst 20jährige Eleni Ioannou (2004) in Athen. Dort standen damals die sogenannten Olympischen Spiele bevor, bei denen die dreimalige griechische Meisterin in der Sparte Schwer-gewicht eigentlich antreten sollte. Doch am 6. August stürzte sie sich nach einem Streit mit ihrem Geliebten Giorgios Z. (24) vom Balkon. Gut zwei Wochen später erlag sie ihren Verletzungen. Wenn ich in mehreren Quellen übereinstimmend lese, die betreffende Wohnung hätte im 3. Stock gelegen, also nicht gerade hoch, befürchte ich allerdings, für eine Olympiateilnahme hätte es der jungen Schwerathletin wohl doch an taktischer Umsicht gemangelt.

Hier ist der Fall aber noch nicht zu Ende. Wie BBC Sport berichtete*, legte sich die Polizei auf Selbstmord fest. Der Streit, bei dem es auch zu Handgreiflichkeiten beider Seiten kam, hatte sich am Samstag an Ioannous Absicht entzündet, während der „Spiele“ im Olympischen Dorf zu wohnen. Als ehemaliger Drogensüchtiger, der seinen Entzug seiner Geliebten verdankte, sei Z., übrigens ein Boxer, sehr abhängig von ihr gewesen. Er habe sie geradezu „krankhaft“ geliebt. Nachdem die stämmige Ioannou im Verlaufe jenes Streites zurückgeschlagen hatte, war sie auf den Balkon gerannt … Verständlicherweise entwickelte Z. Schuldgefühle, während seine Geliebte im Krankenhaus mit dem Tode rang. Am Montag saß er mit seiner Großmutter Evangelia M. in der Tatwohnung beim Essen. Plötzlich sei er aufgestanden und habe gesagt: „Ich will zu Eleni gehen.“ Er ging auf den Balkon und warf sich hinab. Wegen der schon erwähnten Fragwürdigkeit des Tatortes kam er freilich, trotz schwerer Verletzungen, mit dem Leben davon, wie ich derselben Quelle entnehme. Das nenne ich Pech.

* „Tragic judo star dies“, 24. August 2004


Cless, Rod 37 (1907–44), weißer US-Jazzmusiker (vor-wiegend Klarinette). Ab 1944 war Cless regelmäßig mit der Dixilandband seines Freundes Max Kaminsky (Trompete) im New Yorker Pied Piper Club zu hören, wenn auch nur bis Anfang Dezember. Seine Wohnung lag irgendwo im dritten oder vierten Stock. Vom Auftritt heimgekehrt, stürzte der 37jährige beim Treppensteigen rücklings über das Geländer, vermutlich mitten in der Nacht. Er starb vier Tage darauf an den Folgen. Der etwas bulldoggenhaft wirkende Klarinettist, wohl nicht ganz freiwillig Jung-geselle, war für seine Eß- und Trinkfreudigkeit bekannt, und laut Kaminsky hatte er den Club in der verhängnis-vollen Nacht alles andere als nüchtern verlassen. Nach Frederick J. Spencer* berichtete Kaminsky, den schwankenden Cless noch bis zur nächsten Ecke begleitet zu haben. Dort habe ihm Cless jedoch versichert, er sei völlig in Ordnung, worauf Kaminsky wieder zum Club zurückgegangen sei. Er habe sich deshalb noch lange Vorwürfe gemacht.

Knapp 10 Jahre später fielen vier andere US-MusikerInnen tiefer. Die Country-Sängerin Patsy Cline (1932–63) hatte gerade erst ihren „Durchbruch“ erzielt, 1961, mit der Schnulze I Fall to Pieces (vor lauter sehnsüchtiger Liebe). Es war eine Provokation, ein Pyrrussieg. Zunächst hatte Cline einen schweren Autounfall, der sie für Wochen ins Krankenhaus beförderte. Das konnte sie freilich nicht davon abhalten, am 5. März 1963, auf Heimreise (800 bis 900 Kilometer) nach einem Konzert in Kansas City und inzwischen 30, trotz schlechter Sicht und Sturmwarnung in Dyersburg, Tennessee, in ein zwischengelandetes Kleinflugzeug zu klettern, das sie und Kollegen über den Rest der Strecke nach Nashville bringen sollte. Die MusikerInnen waren erschöpft und wollten dringend nach Hause. Cline wurde dazu von einer Erkältung geschüt-telt.** Das in Kansas City gestartete Flugzeug gehörte Clines 34 Jahre altem Manager und gelegentlichem Gitarristen Randy Hughes (1928–63), der es auch eigenhändig steuerte. Allerdings war er zumindest im Instrumentenflug wenig erfahren. Prompt stürzte die gelbgrün-gestreifte Piper Comanche am frühen Abend während eines Unwetters rund 140 Kilometer westlich von Nashville ab und zerschellte (bei Camden, Tennessee) in einem Waldgebiet. Mit an Bord waren, neben Hughes, Clines Kollegen Cowboy Copas, 49 Jahre alt, und Hawkshaw Hawkins, der erst 41 war. Alle Vier kamen um. Die Suche nach ihnen gestaltete sich wieder einmal teuer: sie dauerte die ganze Nacht. Unterdessen trafen bereits die ersten „souvenir hunters“ ein.**

* Jazz and Death: Medical Profiles of Jazz Greats, University Press of Mississippi, Jackson, USA, 2002, S. 198–201
** Larry Jordan, „What really happened in the Patsy Cline plane crash“, boardhost.com, 5. März 2013



Cochran, Eddie 21 (1938–60). Ruhm durch Rockmusik ist ohne ein weltweites Netz unterschiedlichster Transport-mittel, darunter Rundfunkwellen, Fahrzeuge aller Art und Laserstrahlen, undenkbar. Live-Konzerte sind dabei keineswegs unabdingbar, wie uns gerade die Corona-Regime dieses von Wahnsinnigen bevölkerten Planeten beweisen. Selbstverständlich zählen auch die Fans zu den Wahnsinnigen. Wie es aussieht, sind Rock- und Popmusik so wenig totzukriegen wie Profifußball. Wenn sich dem-nächst ein Mensch (oder ein Roboter) dazu entschließt, die nächste Atombombe zu werfen, werden auf Milliarden Computern perfekt gestylte Musikvideos laufen, bis die Computer geschmolzen sind.

Übrigens hatte es schon vier Jahre vor Patsy Clines end-gültiger Erkältung, nämlich am 3. Februar 1959 bei Mason City, Iowa, einen Aufsehen erregenden Kleinflugzeug-Absturz mit gleichfalls vier jungen Toten gegeben, davon drei Musiker, darunter Buddy Holly, 22. Das war nicht der erste und nicht der letzte „the day the music died“, so Don McLean 1971 in seinem Schlager American Pie. Gleichwohl bevorzugte der steinreiche 27jährige Kurt Donald Cobain, Frontman der US-Band Nirvana, die einsame Lösung. Er erschoß sich 1994 in seinem Haus in Seattle, Washington, vermittels Heroinspritze plus Gewehr. Cobain hinterließ Frau und Tochter, die auf diese Art ebenfalls steinreich wurden.

Für mein Empfinden ist aber Cochrans Ende interessanter. Der liebe Künstler und Landsmann (aus Minnesota) hatte zu jenem legendären Flugzeugabsturz in Iowa sogar einen Song aufgenommen, Three Stars von Tommy Dee. Ferner hatte er die Welt und etliche „covernde“ Kollegen unter anderem mit dem Stück Summertime Blues (1958) beglückt. Als Cochran im April 1960, erst 21 Jahre alt, mit seiner Geliebten Sharon Sheeley im Taxi von Bristol nach London fuhr (Strecke per Auto um 170 Kilometer), hatte er, wie es der Zufall so will, gerade das Stück Three Steps to Heaven aufgenommen, das sich verständlicherweise ebenfalls sogleich als Hit erwies. Der Musiker zog sich nämlich auf dieser kostspieligen und mutmaßlich verspätet angetretenen Anreise zum Flughafen Heathrow tödliche Kopfverletzungen zu, weil das rasant fahrende Taxi in Chippenham (östlich von Bristol) aus mir unbekannten, jedoch naheliegenden Gründen gegen einen Laternenpfahl prallte. Andere Fahrzeuge waren nicht beteiligt. Cochran wurde von der Hinterbank durch die aufspringende Wagentür nach draußen geschleudert. Zurück blieben, mehr oder weniger schwer verletzt, Tourmanager Pat Thomkins, Cochrans Freund Gene Vincent und seine bereits erwähnte Geliebte, ferner der unverletzte 19jährige Taxifahrer George M., der seines Berufes, womöglich auch seines Lebens, nie wieder froh wurde. Jedenfalls entzog man ihm, wegen „dangerous driving“, neben 50 Englischen Pfund für 15 Jahre die Fahrerlaubnis. Einer muß ja schließlich die Hauptschuld an dem ganzen Irrsinn tragen.


Cohn-Vossen, Stefan 34 (1902–36), deutsch-sowje-tischer Mathematiker. Liegt der Kölner Mathematiker Bernd Kawohl richtig*, kam Cohn-Vossen weder durch die bekannten finsteren sowjetischen Verhältnisse noch von der Hand seiner Gattin Elfriede oder dessen mutmaß-lichem Liebhaber Alfred Kurella um. Der aus Deutschland vertriebene jüdische Mathematiker, vor allem mit Geometrie befaßt, hatte in Leningrad/Moskau einen Lehrstuhl bekommen. Im Sommer 1936 erlag er jedoch einer Lungenentzündung, die er sich bei einer Zugfahrt zugezogen haben soll. Antibiotika standen damals nicht zur Verfügung. Wie mir Kawohl freundlicherweise brieflich erläutert, hat er sich für sein Porträt ausführlich mit Sohn Richard Cohn-Vossen unterhalten, geboren 1934, der später als Filmemacher und Journalist in Ost- und West-deutschland tätig war und der inzwischen, hochbetagt, bei Zschopau am Erzgebirge lebt. Der stützt sich „natürlich“ auf Erzählungen seiner Mutter. Richard habe zudem versichert, die Sache mit der Lungenentzündung sei ihm auch vom Mathematiker Alexandrov bestätigt worden, einem Schüler Cohn-Vossens.** Zwei Jahre nach der Lungenentzündung heiratet dessen Witwe Elfriede Cohn-Vossen, eine Ärztin, Don Kurella, wie ich den späteren hohen SED-Funktionär vor einigen Jahren getauft habe. Elfriede kam mit 48 (angeblich) bei einer familiären Wanderung im Kaukasus um. Sohn Richard habe sogar für ein Jahr (in Moskau) mit Alexandrov zusammengewohnt, bevor er, nach dem Unfall seiner Mutter, nach Leipzig zu seinem Stiefvater Kurella gezogen sei.

Ich spielte auf den Stalinismus an. Ich möchte deshalb einmal betonen: ob Lungenentzündung, Hirntumor oder Blutkrebs, man sollte dergleichen Übel selbst ausge-wiesenen Schurken nicht an den Hals wünschen. Es findet sich sowieso sofort der nächste Schurke, der sie ersetzt. Im Falle Stalins war das Chruschtschow, der nur von Dema-gogen oder Dummköpfen als Lichtgestalt ausgegeben wird. Das heißt freilich nicht, man habe solchen Erkrankten stets Tränen nachzuweinen, zumal wenn ihr Blut so kräftig braun gefärbt ist wie das von Ludwig Christ (1900–38). Der Mann bekleidete seit Herbst 1933 das Amt des Oberbürgermeisters von Trier. Fünf Jahre darauf, mit 37, erlag er der Leukämie. Nun nehme ich an, bei Franziska Leitzgen oder anderen Autoren ließen sich genügend Einzelheiten über Christs Wirken finden, aber für die Zwecke dieses Werkes dürfte der Hinweis ausreichen: die Bürgermeister der Nazizeit waren immer Schurken, wurden sie doch stets von oben eingesetzt und auch schon vorher ausersehen. Im konkreten Fall war „oben“ Gauleiter Gustav Simon (Koblenz-Trier), den wiederum Hitler ernannt hatte. Simon, Akademiker wie Cohn-Vossen, bloß kein jüdischer, soll sich Ende 1945, als 45jähriger, in Haft erhängt haben, um der Verurteilung zu entgehen.

* Vortrag „Was wissen wir von Stefan Cohn-Vossen?“ auf dem Kölner Erinnerungskolloquium vom 7. November 2014, hier als PDF o. J.
** Wohl Alexander Danilowitsch Alexandrow, 1912–99



Colas, Pierre Robert 32 (1976–2008), deutscher Alt- und Mesoamerikanist in den USA. Der Eintrag in der deutschen Wikipedia ist kennzeichnend für diese Enzyklo-pädie. Danach wurde Colas, der in Nashville, Tennessee, eine Assistenz-Professur inne hatte, ebendort Opfer eines häuslichen Raubüberfalls. Die Räuber erschossen ihn. Daß sie nebenbei auch seiner 27jährigen Schwester Marie Christine Colas einen Kopfschuß verpaßten, weshalb sie nach einigen Tagen ebenfalls starb, erfährt man bestenfalls aus kleingedruckt angeführten Blättern wie dem Bonner General-Anzeiger.* Die deutsche Wikipedia geht dienstfertig nach „Relevanz“=Bedeutung sowie nach mit bestimmten Namen beschrifteten Schubladen vor. Eine zufällige Besucherin aus der Schweiz, wie die Schwester, hat keine Aufmerksamkeit zu beanspruchen. Um zu erfahren, was sie eigentlich so in der Schweiz trieb und ob sie ein umgänglicher Mensch oder ein Arschloch war, müßte man wahrscheinlich tief in die schweizer Lokalpresse eintauchen. Vom Züricher Tages-Anzeiger ist nur zu erfahren, die Schwester sei neuerdings „beim Schweizerischen Jugendmusikwettbewerb in Zürich“ berufstätig gewesen. Laut Blick spielte sie Saxophon. Was den Bruder angeht, „Spezialist für die Kultur der Mayas“, rühmen diverse NachruferInnen immerhin, er sei bei seinen Schülern sehr beliebt gewesen – die Formel kennen wir, man liest sie in Nachrufen immer.

* Johannes Seiler, „Bonner Maya-Forscher in Nashville erschossen“, 2. September 2008


Coleen († 2010), Kind aus Nordthüringen, im Alter von drei Jahren von vier Bullterriern getötet. Coleens Berufs-wünsche sind nicht bekannt. Vielleicht wäre sie Gärtnerin, Hartz-IV-Empfängerin oder Diät(en)planerin eines Erfurter Landtagsabgeordneten geworden. Sie stammte aus dem nordthüringischen Oldisleben, einem Nachbar-dorf von Sachsenburg, wo sie an einem Freitagnachmittag Ende Mai 2010 ihre 44jährige Tante besuchte, die ihr Haus nicht mit Kindern, dafür mit vier American Staffordshire Terriern teilte. Zum Tatzeitpunkt hielt sich das Kind im Haus, die Tante im Garten auf. Aus ungeklärten Gründen jäh von den Kampfhunden angefallen, flüchtet sich Coleen in die Arme ihrer ebenfalls im Haus anwesenden Urgroßmutter, die das kleine Mädchen zu schützen sucht, aber zu Fall kommt. Die 72jährige Frau wird von den Hunden schwer verletzt, das Mädchen buchstäblich zerfleischt. Es stirbt an Ort und Stelle, noch ehe der alarmierte Rettungswagen eintrifft.

Die Hunde, die keinen Zwinger besaßen, wurden noch am selben Tag von einem Amtsarzt eingeschläfert. Wie sich herausstellte, waren sie nicht angemeldet gewesen. Einige entsetzte DorfbewohnerInnen bekannten, sie hätten schon seit langem vor den kurzhaarigen bulligen Tieren Angst gehabt. Eine Gutachterin bezeichnete die vier Kampfhunde als „tickende Zeitbomben“. Trotzdem kam die illegale Hundehalterin ein Jahr darauf vorm Amtsgericht Nordhausen wegen „fahrlässiger Tötung“ mit einem Jahr Haft auf Bewährung und 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit davon. Ihr Verteidiger hatte sogar auf Freispruch plädiert.*

Nach Pressemeldungen registrierten die Ordnungsämter Thüringens für das folgende Jahr 2011 genau 482 „Beißangriffe“ von Hunden unterschiedlichster Rassen. Dabei seien in 281 Fällen Menschen verletzt worden, 73 von ihnen schwer. Daneben wurde ein 62jähriger Hofbewohner, im November desselben Jahres, in Wülfingerode, Kreis Nordhausen, von seinem eigenen Dobermann getötet. Er hatte ihn am späten Abend noch einmal aus dem Zwinger auf den Hof gelassen, wohl aus Gefälligkeit, zwecks Auslauf. Da fiel ihn der kurzhaarige schwarzbraune Wächter an. Das hatte schließlich den gleichen therapeutischen Effekt, für den Hund.

Bundesweit soll es jährlich zu ungefähr 30–40.000 Bißverletzungen durch Hunde kommen. Todesopfer: im Schnitt drei. Die meisten Opfer sind Kinder, betont ein Zeitungsredakteur.** Grundsätzlich stellt der Mann die Hundehaltung mit keinem Komma in Frage. Das ist krassen Unrelevanten wie mir vorbehalten***, die sich deshalb (und aus 100 anderen Gründen) vermutlich den Haß breiter Volksschichten zuzögen, sofern sie kein Schattendasein führten. Übrigens wächst das Hundevor-kommen in Deutschland. Derzeit hätten wir schon fast 9 Millionen Hunde, versichert der Redakteur. Ich nehme an, hier waltet dasselbe Gesetz, das die Verarmten und Entrechteten bislang in Krisenzeiten vermehrt an die Kinokassen trieb. Und da sie jetzt nicht mehr ins Kino dürfen und auch keine Partys mit Zweibeinern mehr gestattet sind, wegen der Ansteckungsgefahr, sind sie eben in der Lage, verstärkt Hundefutter einzukaufen. Online natürlich. Stets an der Leine.

* „Gericht verurteilt Halterin zu Bewährungsstrafe“, Spiegel, 31. März 2011
** Markus Brauer, „Beißattacken durch Hunde ...“, Stuttgarter Nach-richten, 12. April 2018
*** Artikel „Hunde“ im Buch Blick vom Ziegenberg



Coltrane jun., John 17 (1964–82). Der Sohn der US-Pianistin Alice Coltrane und des bekannten Saxophonisten John Coltrane – der auch nur 40 geworden war, Krebs – hatte sich, je nach Laune oder Quelle, auf Schlagzeug oder Kontrabaß verlegt. Er konnte es so oder so schwerlich zur Meisterschaft bringen, weil er mit 17 Jahren in Los Angeles bei einem Autounfall umkam. Es dürfte am Samstag den 7. August 1982 gewesen sein. Angeblich* hatte Coltrane junior für den Heimweg in die Woodland Hills seinen Kumpel Derrick T. gebeten, das Steuer von Coltranes noch neuem Wagen zu übernehmen, weil er selber zu müde sei. Allerdings hatte T. keinen Führerschein. Prompt prallte er frontal gegen ein geparktes Auto. Während Coltrane bei diesem „crash“ umkam, landete T. mit Kopf- und Bauch-verletzungen im Krankenhaus. Trifft die Geschichte zu, wäre T. vielleicht mit einem Sarg besser bedient gewesen.

Die US-Country-Sängerin Amie Comeaux (1976–97), laut Beverly Keel eine „zierliche, kecke Blondine“ aus Louisi-ana, wurde nicht viel älter: 21. Der englischen Wikipedia zufolge fuhr sie selber. Am 21. Dezember von einer familiären Weihnachtsfeier in Alabama heimkehrend, hatte sie zusätzlich die Großmutter und ein Patenkind im Wagen. Der sei nun unweit des Küstenstädtchens Lacombe, Louisiana, bei starkem Regen und anscheinend beim Überholen gegen einen Baum geprallt. Möglicher-weise war die Straße so glatt wie Comeaux‘ Musik. Großmutter und Patenkind verbrachten Weihnachten im Krankenhaus; Comeaux unter der Erde. Wenige Monate später erhob sich Comeaux‘ posthumes Album A Very Special Angel aus dem Markt.

Dasselbe Alter erreichte die australische Fußballkünstlerin Ashleigh Connor aus New South Wales, eine als „tempera-mentvoll“ geltende Stürmerin. Immerhin hatte sie aber, wie es aussieht**, keine Fahrgäste, als sie an einem Abend Ende Juli 2011 auf der Appin Road, Cataract, gleichfalls gegen einen Baum fuhr. Sie war von einem Meeting ihres in Wollongong ansässigen Teams Illawarra Stingrays gekommen – der „Stachelrochen“. Wollongong ist eine Küstenstadt südlich von Sydney, wo Connor offenbar wohnte. Einen etwas fragwürdigen Humor soll Melissa Barbieri, eine Kameradin aus der Nationalmannschaft, auf Facebook bewiesen haben. „Women's football has lost a bright star, RIP Ash Connor … Heaven must have needed a striker. Gone too soon.“ Obwohl ein anderes Blatt von einer zum Unfallzeitpunkt „einsamen“ Straße spricht, dürften auch in diesem dritten Fall Selbstmordabsichten ausgeschlossen sein. Die Familie war verzweifelt.

* „Son of jazz great Coltrane dies in car crash“, UPI, 9. August 1982
** „Promising soccer star dies in car accident“, The Age (Melbourne), 22. Juli 2011



Fortsetzung (Coo–Daz)
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