Sonntag, 15. November 2020
LdF Folge Cap–Chas

Capadrutt, Reto 26 (1912–39), medaillenschwerer Bob-fahrer aus der Schweiz. Im Gegensatz zu Bobanschieber Chrenkow, s.u., kam Capadrutt standesgemäß im Dienst um, nämlich bei den Weltmeisterschaften von 1939, die für den Viererbob in Cortina d’Ampezzo, Italien, für den Zweierbob in Sankt Moritz, Graubünden, ausgetragen wurden. Nach einer Kurzmeldung der Mariborer Zeitung vom 7. Februar des Jahres hatte sich der schweizer Zweier in einer Kurve der Rennbahn überschlagen. Capadrutt sei sofort tot gewesen, sein Mitstreiter dagegen „unversehrt“ geblieben. Dieser Glückspilz wird auf keiner Webseite namentlich genannt. Was Capadrutt angeht, war er laut einer „Totentafel“ in Heft 2 der damaligen Allgemeinen schweizerischen Militärzeitung Leutnant der Artillerie gewesen. Als „neutraler“ Schweizer hätte er ja wahrschein-lich vom Zweiten Weltkrieg, der gerade heraufzog, ohnehin nichts gehabt.

Nachdem es gekracht hatte, rühmte ihn sein Kollege Alexei Voyevoda als echt professionellen, großen Athleten. „He didn’t fear death.“ Gemeint war Nikolai N. Chrenkow (1984–2014), der Rußland bereits beim Einfahren von zwei Europameisterschafts-Silbermedallien geholfen hatte. Da sollte man vermuten, der 29jährige Bobanschieber sei wie Capadrutt im Dienst unter die Kufen geraten. In Wahrheit war er am 2. Juni 2014 in der sibirischen Region Krasnojarsk mit seinem Auto zu seinen Eltern unterwegs gewesen, die er mal wieder besuchen wollte. Dabei kam es jedoch, wohl beim Überholen, zu einem Frontalzusam-menstoß von Chrenkows Honda Accord mit einem anderen Auto, dessen Fahrer leider mitumkam. Ob dieser den Tod ebenfalls nicht gefürchtet hatte, verriet Voyevoda der Moscow Times nicht.*

* „Death of Russian Athlete Nikolai Khrenkov a 'Great Loss'“, 2. Juni 2014


Cappellini, Lili 18 (1909–28). Sie hieß neuerdings Capellini, weil sie entgegen dem Wunsch ihres Vaters Arthur Schnitzler – ein Wiener Schriftsteller, der viel auf Psychoanalye hielt – einen schönen, strammen italie-nischen Faschisten geheiratet hatte. Ob sie bald darauf nach einer Pistole griff, weil sie die Kälte des Gatten entsetzte oder aber aufgrund angeborener Melancholie, Magersucht, Exentrik und dergleichen mehr, ist unter Biografen und Romanschreibern, die sich nur zu gern mit ihr oder ihrem berühmten Vater beschäftigten, umstritten. Übrigens erschoß sie (in Venedig) nicht Arnoldo, den Gatten, vielmehr sich selbst.


Carion, Johannes 37 (1499–1537), Gelehrter und Trun-kenbold. Hätte es beispielsweise Ulrich von >Hutten gewollt, wäre er, Hutten, bereits mit 24 (statt 29) Hofrat gewesen. Mit 35 kam er in den Sarg. Wahrscheinlich entsprach dem einstigen Frühsterben eine Frühreife der Zeitgenossen, ob sie nun Ritter oder Schuster, Wissen-schaftler oder Säufer waren. Ein Zeitgenosse Huttens, Dr. Johannes Carion aus Bietigheim bei Stuttgart, war beides, wie man gleich sehen wird. Geboren 1499 als Sohn des Zimmermanns Nägele und kaum die Universität in Tübingen absolviert, wurde der Schwabe schon 1518 beim Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg als „Hofmecha-nikus“ angestellt, also mit bestenfalls 20 Jahren. Joachim war einerseits Gegner der Reformation, andererseits Bruder jenes Erzbischofs Albrecht von Brandenburg, der den zunehmend aufmüpfigen Hutten förderte. Auch Carion stand mit Reformatoren wie Philipp Melanchthon, Luther und Georg Sabinus auf durchaus gutem Fuß. Er lehrte am Spandauer Hofe Mathematik und Astrologie, befaßte sich auch mit Medizin und mauserte sich rasch zum engsten Berater und Vertrauten des galligen Kurfürsten.

Zu Carions Tübinger Lehrern hatte der zeitgemäß endzeitgestimmte Johannes Stöffler gezählt. Im Sommer 1524 ging Joachims Vertrauen bereits so weit, daß er sich von Carion davon überzeugen ließ, die Sündflut, die Stöffler schon für den Februar des Jahres vorausgesagt hatte, werde nun am St.Heinrichs-Tag eintreffen, nämlich am 15. Juli. Die Angelegenheit gestaltet sich spannend, geht aber glimpflich aus – so jedenfalls beim Schriftsteller Werner Bergengruen in seinem 1940 erschienenen Roman Am Himmel wie auf Erden. Erstaunlicherweise wurde dieser Roman von den Nazis geächtet, obwohl er im Grunde Staatstreue, Volksgemeinschaft und Schicksals-ergebenheit von vorne bis hinten predigt. Carion hatte, vordergründig betrachtet, wenig Grund zum klagen. Er wird auch in anderen Quellen als ausgesprochen trink- und tafelfreudig geschildert. Einem um 1530 entstandenen Ölgemälde von Lukas Cranach dem Älteren zufolge stand er dem Umfang von Bergengruens detailreichem 800-Seiten-Wälzer kaum nach. Da hatte sich der Fein-schmecker, damaligem Antikisierungs-Brauch gemäß, ohne Zweifel einen treffenden Namen ausgesucht, leitet sich doch „Carion“ von griech./lat. Caryophyllon ab, womit das indische Gewürz „Nußblatt“ gemeint war, bei uns „Gewürznägelein“, später (schwachsinnigerweise) „Gewürznelke“.

So weit ich sehe, ging am besagten St.Heinrichs-Tag, nach der Welt, auch das Vertrauensverhältnis zwischen Joachim und Carion nicht unter. Der Kurfürst verwendete den trotz seiner Leibesfülle „gewandten und weltkundigen“ Doktor selbst für diplomatische Missionen, darunter die Anbah-nung einer zweiten Ehe seines Sohnes und Thronfolgers Joachim II., nämlich mit Hedwig von Polen. Da diese Hochzeit (1535) erst zwei Jahre vor Carions Tod begangen wurde, dürfte er bis zuletzt in kurfürstlichem Dienst gestanden haben. Dieser gewährte ihm anscheinend genug Freiraum, um sich auch erfolgreich als Schriftsteller zu betätigen. Seine populären astrologischen Schriften, darunter etliche „Prognostiken“ (Voraussagen), wurden damals viel gelesen. Da für den „gemeinen“ Mann gedacht, schrieb der Ex-Nägele sie auf deutsch. Mit seinem Hauptwerk, 1532 in Wittenberg veröffentlicht, konnte er allerdings erst posthum hervortreten, nachdem es von Melanchthon und Caspar Peucer überarbeitet worden war: einer an der Bibel orientierten Weltgeschichte. Das überarbeitete Werk erschien 1572 als Chronicon Carionis und blieb für Jahrzehnte das beherrschende Kompendium für den universalgeschichtlichen Unterricht. Es erlebte auch außerhalb des Reiches zahlreiche volkssprachliche und lateinische Drucke.

Was Carions Hausstand an der Spree, vielleicht auch an der Elbe in Magdeburg, und gar sein Gemüts- und Liebesleben angeht, zeigt sich (2014) selbst der langjährige Bietigheimer Stadtarchivar Stefan Benning überfragt. Die Quellenlage ist das Gegenteil einer Überschwemmung. Nebenbei wurde dem Hofastrologen, dem einige Kollegen eine ausgeprägte nekromantische Neigung ankreideten, die Doktorwürde (als Mediziner), laut Johannes Schultze (1957) und entgegen der Unterstellung Bergengruens und anderer Autoren, erst 1535, nämlich durch Sabinus ver-liehen. Einig sind sich die ForscherInnen immerhin über Carions „lasterhafte“ Trunksucht, so Luthers Rüge. Ihr soll er auch am 2. Februar 1537 mitten bei der Ausübung (in Magdeburg) zum Opfer gefallen sein. Die erstaunlich weihelos und launig verfaßte Grabinschrift hält fest: „Dr. Johannes Carion, Vertilger ungeheurer Weinkrüge, Wahr-sager aus den Gestirnen, hochberühmt bei Machthabern, ist beim Gelage im Wettkampf erlegen. Christus verzeihe gnädig dem so plötzlich aus dem Kreise der Zechenden Zusammengebrochenen.“ Benning behauptet, sie stamme von Georg Sabinus, aber laut Wikipedia ist diese Zuweisung fragwürdig.

Vielleicht hätte sich Carion mit Begeisterung die soge-nannte Madonna mit dem langen Hals, entstanden 1534/35, übers Bett gehängt, wenn er bereits davon gewußt hätte. Sie war dem in Parma, Oberitalien, wirkenden Meister des Manierismus Francesco Mazzola, genannt Parmigianino, gelungen, der seinen Pinsel aufgrund einer nicht genau überlieferten Krankheit 1540 für immer sinken ließ. Mit 37 war er nicht älter und nicht jünger als der Weinkrug-Vertilger Carion gewesen.


Carrel, Armand 36 (1800–36), französischer Offizier, Publizist, Duellist. Im Naturell offensichtlich drauf-gängerisch gestimmt, bemühte Carrel die bereits in den jungen USA beliebte Form „Duell“ auch und gerade im politökonomischen Kampf gegen die Reaktion. Nach einer militärischen Phase war der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns um 1825 Sekretär des Historikers Augustin Thierry in Paris und auch selber schriftstellerisch tätig geworden. Im Jahr der bürgerlichen „Julirevolution“ (1830) gründete er mit Kollegen das Blatt Le National, das unter seiner Leitung auch nach der Verjagung der Bourbonen unermüdlich gegen die Regierung schoß und entsprechend verfolgt wurde. Schon um 1833 verteidigte Carrel seine republikanische Gesinnung gegen zwei Rivalen aus der Zeitungsbranche in Duellen. 1834 schickte ihn ein regierungsfreundlicher Richter für ein halbes Jahr ins Gefängnis. Dies alles machte den Hitzkopf nicht sanftmütiger, wobei er sich wahrscheinlich auch bei der Vergabe hoher politischer Ämter übergangen fühlte. 1836 führt ein Streit mit dem Herausgeber der neu gegründeten Zeitung La Presse, Émile de Girardin, zu Carrels drittem und letzten Duell. Carrel wirft seinem Konkurrenten „unlauteren Wettbewerb“ vor, dieser kontert mit Carrels amourösen Beziehungen zu einer verheirateten Frau. Man trifft sich folglich Ende Juli am Ufer des Sees in Saint-Mandé, einem Pariser Vorort, um einander aufs Korn zu nehmen. Der 36jährige Carrel zieht den Kürzeren: von Girardins Pistolenkugel schwer im Unterleib verwundet, segnet er wenige Tage darauf das Zeitliche. Aus seinem Begräbnis machen die Liberalen eine machtvolle Demonstration. Von einer Familie ist nirgends die Rede, aber Carrel hinterließ etliche Bücher und Manuskripte. Er soll ein ausgezeichneter Stilist gewesen sein.* In Paris sind mehrere Örtlichkeiten nach ihm benannt. Der Bildhauer David d'Angers hatte schon zwei Jahre nach dessen Ableben eine Bronzebüste geschaffen, die Carrel italo-western-reif zeigt.

* 1911 Encyclopædia Britannica Volumne 5


Carrión, Daniel Alcides 28 (1857–85), berühmter peruanischer Medizinstudent und Nationalheld. Das Oroya-Fieber kommt vorwiegend in höheren Lagen der Anden vor. Bis zur Entwicklung der Antibiotika führte es oft zum Tod. Das auslösende Bakterium wird von Mensch zu Mensch durch bestimmte Sandmücken übertragen. Das Fieber bringt nach einiger Zeit teils nuß- oder apfelgroße blutgefüllte „Peru-Warzen“ hervor, deren Anblick allein jeden Vampir in die Flucht schlagen kann. Man wußte bereits aus spanischen Militärberichten seit Jahrhun-derten von diesem vermutlichem Zusammenhang, doch es mangelte der Medizin an einem untrüglichen Nachweis. Daniel Alcides Carrión, Sproß einer Mischehe und Medizinstudent in Lima, schickte sich im Jahr 1885 an, ihn zu liefern. Er bat einen mit ihm befreundeten Arzt, ihm ein wenig Blut eines erkrankten, je nach Quelle, Jungen oder Mädchens zu injizieren – und prompt entwickelte er die vermuteten Symptome und starb sogar, wohl drei Wochen nach Ausbruch der Krankheit, an seinem anscheinend nicht anrüchigem Selbstversuch.

Der genaue Grund seines Ablebens scheint allerdings umstritten zu sein. Nach David Salinas-Flores wurde Carrión von den Ärzten, die ihn behandelten, in der Agonie eine Pheninsäure verabreicht, die sich neuerdings gegen Milzbrand bewährt hatte und die sie auch in diesem Fall gern einmal auszuprobieren wünschten. Sie hätten jedoch die Giftigkeit dieser Säure verkannt. Wahrscheinlich sei Carrión also keineswegs am Oroya-Fieber, vielmehr an einer Pheninsäurevergiftung gestorben.*

Die befremdliche Experimentierfreude dieser Ärzte lenkt gleichsam zwanglos auf die Frage nach den Beweggründen des Selbstversuchers Carrión. Die spanische Wikipedia sieht ihn von Forschergeist und Patriotismus getrieben. Jedenfalls heuchelt sie kein Mitleid … Liegt sie richtig, darf man aber zumindest mutmaßen, dem Forschergeist habe es nicht an einer kräftigen Dosis Ehrgeiz und Ruhmstreben gefehlt. Das wird von den beiden texanischen Medizinern Jose Cadena und Gregory M. Anstead bestätigt. Ihrem Artikel zufolge war damals auch ein Preis ausgesetzt, der Carrión zur Verwirklichung seines Traumes verholfen hätte, nach Europa zu gehen.** Carrión verpaßte den Preis, kam jedoch in den Genuß der sogenannten Unsterblich-keit. Zunächst wurde das Oroya-Fieber in Carrión-Krankheit umbenannt. Sodann gibt es seit 1944 in Zentralperu eine ganze Provinz Daniel Alcides Carrión, und 1991 schließlich wurde der brave Student durch Regierungserlaß zum Héroe Nacional erhoben.

* „La muerte de Daniel Alcides Carrión: una revisión crítica“, Anales de la Facultad de Medicina, Juni 2009
** „A Medical Student Named Daniel A. Carrión and His Fatal Quest for the Cause of Oroya Fever and Verruga Peruana“, Nachdruck aus antimicrobe.org, PDF o. J., wohl nach 2007



Carter, Kenny 25 (1961–86), britischer Motorrad-Renn-fahrer aus West Yorkshire, nebenbei leidenschaftlicher Snookerspieler und Tontaubenschütze. Carter soll es zu einem stattlichen Farmhaus in Bradshaw bei Queensbury gebracht haben. Wie ich den Schlußsätzen eines Artikels* im Bradforder Regionalblatt Telegraph & Argus entneh-me, war der 25jährige in seinem Todesjahr ehemaliger Star des Speedway-Teams Bradford Dukes und amtierender britischer Speedway-Meister. Er starb freilich nicht im Dienst, wie beispielsweise knapp 10 Jahre früher sein 27jähriger Branchenkamerad Josef >Angermüller. Im Gegensatz zu diesem war Carter auch verheiratet. Im Mai 1986 griff er zu seiner doppelläufigen Schrotflinte und erschoß zunächst seine gleichaltrige Gattin Pam Carter, dann sich selbst. Die Gründe? Angeblich war er im guten Glauben gewesen, Pam hätte „eine Affäre“, wie das Blatt es nennt. Also das Übliche? Biograf Tony McDonald soll diese Erklärung stark in Frage stellen, falls einer Besprechung** seines 2007 veröffentlichten Buches Tragedy zu trauen ist. Das scheint aber nicht der Schönfärbung des zuletzt offenbar auch verschuldeten Rennfahrers zu dienen. McDonald stelle nämlich unmißverständlich fest, Carter habe keineswegs „spontan“ zur Flinte gegriffen. Es habe sich um einen kaltblütigen, geplanten Mord an seiner Frau gehandelt.

Carter soll eine alles andere als heile Kinderstube genossen haben. Das glaube ich gern. Wird überall betont, er sei außerstande gewesen zu verlieren, liegt für mich jedoch auf der Hand, wer die schwärzesten Peter nach vollbrachtem Doppelmord zugeschoben bekam: Malcolm Carter, 2, und Kelly-Marie, 3, die beiden Kinder des Ehepaars. Ob sie bei McDonald nennenswert behandelt werden, kann ich nicht sagen. Im Sommer 2003 ist immerhin von Malcolm Carter, nun 19, in der Zeitung, nämlich in dem schon erwähnten Regionalblatt zu lesen.* Zu diesem Zeitpunkt gilt der junge Mann ebenfalls als Hoffnung der Renn-branche, ganz wie sein Vater – nur steht er jetzt in Bradford vor Gericht. Laut Anklage war der Motorrad-sportler im Juni 2002, wohl mit 18, privat in seinem Vaux-hall Corsa unterwegs gewesen. Mit diesem Kleinwagen prallte er im Städtchen Denholme nach einem Überhol-manöver gegen eine Wand und einen Laternenpfahl. Er hatte in einer 60-Kilometer-Zone 110 Sachen drauf gehabt. Er hatte zwei Bekannte im Wagen mitgenommen. Der eine von ihnen, Paul Clarke aus Queensbury, 19 Jahre alt, kam bei dem Unfall um – Carter selber offensichtlich nicht. Der Richter verhängte fünf Jahre Jugendstrafanstalt und 10 Jahre Fahrverbot gegen die Hoffnung der Rennbranche.

Die letzte Meldung von ihr erreicht mich 2013 durch ein Portal*** aus Huddersfield, West Yorkshire. Diesmal war Malcolm Carter, inzwischen 28, an einem frühen Montagmorgen (18. Februar) in einem Vauxhall Insignia von Manchester nach Halifax unterwegs gewesen – anscheinend solo, jedoch betrunken. Als er sein Fahrzeug gegen eine Leitplanke gesetzt hatte, stieg er aus, warf den Zündschlüssel in ein Feld und entfernte sich zu Fuß von dem Unfallort. Der Wagen sei rundum stark zerdellt gewesen. Der Fahrer kam erneut vor Gericht. Er soll sich zuletzt schuldig bekannt, allerdings „Aquaplaning“ ins Feld geführt haben. Ob sein 2003 verhängtes 10jähriges Fahrverbot bereits abgelaufen war, wird nicht gesagt. Ob er nach wie vor beziehungsweise erneut Motorradrennen fährt, verrät das Portal ebenfalls nicht. Seine Rechtsan-wältin habe ihn als erfolgreichen Geschäftsmann, wohl in der Fahrzeugbranche, mit Niederlassungen in London, Manchester, Leicester und Newcastle bezeichnet. Er habe am Tattag ein geschäftliches „Fotoshooting“ in Manchester gehabt und anschließend mit dortigen Mitarbeitern noch ein wenig gezecht. Das Gericht verhängte eine glimpfliche Geldstrafe und diesmal 20 Monate Fahrverbot.

Angenommen, Carter hätte bereits am Stadtrand von Manchester einen wegen Unwohlseins vorzeitig aus der Nachtschicht kommenden, zu Fuß gehenden Fabrik-arbeiter auf die Hörner genommen und zermalmt. Da wäre ihm die (angebliche) Kaltblütigkeit seines Vaters sicherlich nützlich gewesen.

* „Bike ace's son gets five years for death crash“, Telegraph & Argus, 19. Juni 2003
** auf speedway plus, 19. Juli 2007
*** „Man who killed teen in crash appears in court again after motorway drink-drive smash“, Yorkshire Live, 2. Mai/15. Juli 2013



Carter, Kevin 33 (1960–94), südafrikanischer Foto-journalist. Ein Jahr, bevor er sich umbrachte, hatte Carter im Sudan ein Foto geschossen, das um die Welt ging. Ein etwa zweijähriges dunkelhäutiges Kind ist, wohl vor Entkräftung, im Sand zusammengebrochen. Wenige Meter hinter ihm hat sich ein Geier niedergelassen, der es lauernd beobachtet. Carter will seinerseits noch bis zu 20 Minuten darauf gelauert haben, ob der Aasjäger womög-lich auch noch wirkungsvoll seine mächtigen Schwingen ausbreiten würde. Das tat er nicht.* In der ganzen Zeit hätte Carter das Kind beispielsweise aufheben und zur nahen Ausgabestelle der UN-Hungerhilfe tragen können, mit deren Flugzeug er an diesem Tag eingetroffen war.

Die sicherlich erschütternde Aufnahme brachte Carter im folgenden Jahr, 1994, den begehrten Pulitzer-Preis ein. An anderer Stelle erwähnte ich (2006) ein ähnliches Beispiel abgebrühter Beobachtungstätigkeit aus England: Bei einer Panik in einem Sheffielder Fußballstadion werden Fans lebensgefährlich ans Schutzgitter gepreßt. Ein Fotograf betätigt geistesgegenwärtig den Auslöser – und erringt gleichfalls den Pulitzer-Preis. Ich nehme an, es war die „Hillsborough-Katastrophe“ vom 15. April 1989, die fast 100 Todesopfer und rund 750 Verletzte forderte. Die Welt zeigt davon Bilder, darunter wohl auch das von mir gemeinte Foto vom Schutzgitter. Den Namen des preis-gekrönten Fotografen kann ich nicht finden.

Damit zurück zu Kevin Carter. Immerhin scheint er durch sein über Nacht berühmtes Foto sowohl unter Freunden wie seitens der Öffentlichkeit einiges Befremden geerntet zu haben, das ihm arg zusetzte. Manche KritikerInnen drückten dies recht treffend mit der Bemerkung aus, Carter habe wohl früher oder später geahnt, auf dem Foto seien zwei Geier zu sehen; einer davon sei er selber gewesen. Gleichwohl glaube ich nicht, daß sich Carter hauptsächlich aus diesem Grund schon zwei Monate nach der Preisverleihung am Ufer des Johannesburger Flüßchens Braamfonteinspruit, an dem er aufgewachsen war, in seinem Wagen mit Kohlenmonoxid vergiftete. Nach Scott MacLeod, Johannesburg*, der auch wiederholt aus Carters Abschiedsbrief zitiert, dürfte wieder einmal ein ganzes Bündel von Motiven vorliegen. Dessen Grundfarbe ist „natürlich“ die Angst. Ich greife hier lediglich den ökonomischen Gesichtspunkt heraus, weil er mir Carter nicht gerade sympathischer macht. Der Fotograf beklagt seine drückenden Ausgaben und Verbindlichkeiten, etwa Miete, „Unterhaltszahlungen“, Schulden, sicherlich auch enorme Reisekosten, und er stöhnt „Geld!!!“. Die Aus-gaben für die großkalibrigen Drogen, mit denen er seinen „Streß“ bekämpfte, scheint er pietätvoll zu übergehen. Was die Unterhaltszahlungen betrifft, wurde er sie jedenfalls los; er ließ eine 7jährige Tochter zurück, von der man ganz gern wüßte, ob sie nicht im Sand zusammenbrach. Geldnot also bei diesem Erfolg? Gerade erst muß ihm doch der renommierte Pulitzer-Preis eine Menge Geld beziehungs-weise die Anwartschaft darauf eingebracht haben, weit über das (mutmaßliche) Preisgeld von 15.000 Dollar hinaus. Ich fürchte jedoch, auch dieser Mann bestand auf dem aufwendigen Lebenstil, den man von mindestens jedem dritten namhaften Journalisten kennt. Für diese Vampire sind 15.000 Dollar nicht mehr als ein Fingerhut voll Negerblut.

Das ausführliche Porträt, das Macleod gibt, ist ohne Zweifel lesenswert – wenn es auch in vielem an den Fall des schwedischen Filmemachers und Oskar-Preisträgers Malik >Bendjelloul erinnert. Durch diese Parallele wird Carter schon gleich wieder etwas sympathischer: der Fotograf aus Johannesburg warf sich wenigstens nicht vor einen Zug.

* Scott MacLeod, „The Life and Death of Kevin Carter“, TIME Magazine, 24. Juni 2001


Cassignard, Georges 20 (1873–93), französischer Radsportler, beiläufig auch Reiter. Das Radfahren übte der Sohn eines Weinhändlers in Bordeaux bereits mit 16 Jahren professionell aus. 1892 wurde er französischer Meister auf dem Dreirad, im Sprint und über 50 Kilome-ter. Ein Jahr darauf gewann er – auf dem Zweirad, nehme ich an – in Mailand den Großen Preis von Italien über 10 Kilometer. Aber das war auch schon der letzte Sieg des 20jährigen Sportlers, der inzwischen in Paris lebte. Sein Verhängnis war, daß man in diesem Hexenkessel aus Zweirad- und Autobesessenen immer noch reiten durfte. Er hatte sich nämlich von der Mailänder Prämie ein Pferd zugelegt. Zwar soll er schon als dörflicher Dreikäsehoch geritten sein, doch sein neues edles Roß scheute und bockte auf einer belebten Straße, sodaß der sieggewohnte Pionier des Radsports kopfüber auf den Bürgersteig fiel. Das war am Morgen des 28. September 1893. Aus einer Apotheke eilte sofort Hilfe herbei, doch vergebens, am Abend war Cassignard tot. Als er im Städtchen Izon bei Bordeaux begraben wurde, fanden sich 2.000 Trauergäste ein. Der Webseite von Izon zufolge, die auch Fotos vom Zweirad fahrenden Sohn der Stadt präsentiert, versicherte damals Maurice Martin, wohl ein heimischer Sportre-porter, den Trauergästen, der Gestürzte sei nicht nur ein großartiger Athlet, sondern auch, in seinem Privatleben, ein „einfacher und ehrlicher Junge“ gewesen. Als Aner-kennung dafür bekam Cassignard später über seinem Grab ein protziges Mausoleum. Darin hätte er glatt eine Familie gründen und Radsportnachwuchs großziehen können, sofern er nicht die Meise mit dem Pferd bekommen hätte.

Vielleicht hat mancher bei der Eröffnung, um 1890 habe es bereits Fahrradsport gegeben, die Stirn gerunzelt. Aber es stimmt. Schon vor 1870 waren Zweiräder mit Tretkurbel-antrieb aufgekommen. Und der sächsische Böttcher und/oder Stellmacher Michael Caßler (1733–72) soll das erste Laufrad dieses Planeten schon um 1760 gezimmert und (von Braunsdorf zum Schloß Bedra) gefahren haben. Wikipedia behauptet jedoch, wahrscheinlich stamme das nach wie vor erhaltene Fahrzeug von einem Leipziger Mechanikus namens Hoffmann, der es erst 1817 baute. Dieser Streit rüttelt allerdings nicht daran, daß wir über Caßlers Tod überhaupt nichts wissen. Er starb mit 38 in Braunsdorf, heute Braunsbedra. Das Städtchen liegt ungefähr in Höhe Leipzig südlich von Halle.


Castillo, Otto René 32 (1934–67), guatemaltekischer Patriot, Autor, Partisan; gefallen. Einige Quellen geben als Geburtsjahr 1936 an.* In Guatemala tobte während der gesamten Nachkriegsjahrzehnte ein Bürgerkrieg zwischen den wechselnden, wenn auch stets US-gestützten Regimen der Landbesitzer und Militärs und den Armen. Castillo hatte in der DDR Literatur und Film studiert. Um 1965 in sein Heimatland zurückgekehrt, schloß er sich der Guerilla Fuerzas Armadas Revolucionarias (FAR) an. Bald darauf wurde er bei Kämpfen in der Sierra de las Minas gefangen genommen. Anschließend soll er in der Kaserne der Stadt Zacapa über Tage hinweg gefoltert worden sein, ehe man ihn, wie auch schon Erich Hackl behauptet**, bei leben-digem Leib verbrannte. Er starb – im März 1967 – ein halbes Jahr vor Guevara und Cuba. Ähnlich erging es wahrscheinlich mehreren mitgefangenen Genossen. Es gibt Gedichtbände von Castillo und einen Dokumentarfilm über ihn. Er hatte in der DDR Aufgaben und sogar Geliebte. Warum blieb er nicht? Hackl zitiert Verse Castillos: „Aber das Schlimmste von allem / ist die Gewohnheit. / Der Mensch verliert seine Menschlichkeit, / und schon ist der ungeheure fremde Schmerz / für ihn nicht mehr von Bedeutung. // Und er ißt, / und er lacht / und vergißt alles.“

Das ist natürlich hochgegriffen – wie jede Mission. Jeden-falls macht Castillo das Vermögen mitzuleiden, das ja in der Tat bei Feldhasen oder Füchsen nicht zu beobachten ist, zum Kern und Prüfstein der Menschlichkeit, was ich nicht wirklich kritisieren kann. Hier wurzelt schließlich auch das Gerechtigkeitsstreben von unsereins. Trotzdem ist diese Haltung problematisch. Zunächst sieht sie sich wieder einmal vor der Schwierigkeit der Grenzziehung. Wie weit muß ich in meinem Mitleid gehen? Bis zur häppchenweisen oder schlagartigen Selbstaufgabe? Sodann kann die (angeblich) aus Mitleid geborene Aufop-ferung leider nicht immer selbstlos genannt werden, wie schon zahlreiche Fälle gezeigt haben. Hier können zum Beispiel märtyrerhafte oder anmaßende Motive mitschwin-gen, nach dem Motto, das Volk warte händeringend auf seine BefreierInnen, man habe zu sterben, damit das Vaterland lebe*, und dergleichen mehr; ferner karrieri-stische, erpresserische oder schlicht fahrlässige Beweg-gründe. Man nimmt der gebrechlichen Oma die schwere Tasche ab, flüstert ihr tröstliche Worte ins Ohr – und schon hat man sich mit Corona angesteckt, weil man die von Söder oder Ramelow verordnete Atemschutzmaske nicht trug ...

Unvorsichtigerweise habe ich die Namen von zwei berühmten Guerillakämpfern erwähnt, Simeón Cuba Sanabria (32) und Che Guevara (39). Ich will sie deshalb vorziehen. Die beiden starben 1967 als Gefangene in Bolivien. Guevara, bei einem Gefecht im Hochland verwundet und festgenommen, war nicht sofort ermordet, sondern über Nacht im Schulhaus des Dorfes La Higuera eingesperrt worden. Genauso geschah es mit seinem Genossen Cuba, einem einheimischen Bergarbeiterführer, der Guevara beim letzten Gefecht mehrmals aus der Schußlinie gezogen und gedeckt hatte. Nun wurden beide in getrennten Schulräumen gefangen gehalten. Am Vormittag des 9. Oktober 1967 traf der Hinrichtungsbefehl des bolivianischen Präsidenten General René Barrientos Ortuño ein. Die drei Soldaten des Kommandos suchten zunächst Cuba auf. „Ich bin stolz, in der Nähe von Che zu sterben!“ soll er ausgerufen haben, bevor die Salven krachten. Das ist natürlich gutes Futter für erhebende Bücher. Guevara, der den Ausruf vermutlich mitbekom-men hatte, folgte seinem Genossen 20 oder 30 Sekunden später ins Grab. General Barrientos (49) kam übrigens zwei Jahre darauf bei einem etwas undurchsichtigem Absturz seines Hubschraubers ums Leben – ebenfalls ohne Gerichtsverhandlung. Ein kleiner Trost.

* So bei Anjan Basu, „Rene Otto Castillo: The Guatemalan Poet Who Took on the CIA“, The Wire (Indien), 15. Oktober 2018
** „Gut zu sterben wissen“, Die Zeit, 22. Oktober 1982



Catoul, Jean-Pierre 37 (1963–2001). Wieder ein unschuldiges Opfer ungezügelten Straßenverkehrs? An einem Sonntagabend soll der namhafte belgische Jazzgeiger in Kraainem, einem Vorort von Brüssel, als Autofahrer tödlich von einem von der Polizei verfolgten, betrunkenen anderen Autofahrer gerammt worden sein, meldete eine große belgische Tageszeitung.* Ich nehme an, nach dem Unfall wurde man des Betrunkenen habhaft und kümmerte sich vergeblich um den bereits am Tatort verstorbenen Musiker. Darüber ist aber nichts zu finden.

* Dominique Simonet, „Jean-Pierre Catoul, le violoniste de Sheller, nous a quitté“, La Libre Belgique, 23. Januar 2001


Caturla, Alejandro García 34 (1906–40), kubanischer Jurist, Geiger und Komponist aus wohlhabendem, spanischstämmigem Hause. Zu seiner Wirkungszeit war Kuba schon seit Jahren eine kaum verbrämte, mehr oder weniger korrupte US-Kolonie. Caturla gilt zum einen, mit Amadeo Roldán, als Pionier der nationalen sympho-nischen Musik, zum anderen als unbestechlicher Richter – wohl wegen der zweiten Eigenschaft wurde er ermordet. Um 1926 hatte Geiger Caturla bei Nadia Boulanger in Paris Komposition studiert. Anschließend gründete/leitete er in seiner Heimatstadt Remedios oder in der benachbarten Küstenstadt Caibarién verschiedene Orchester beziehungs-weise Jazzbands. In Remedios ist ihm ein wenn auch anscheinend vernachlässigtes* Museum gewidmet. Nach unterschiedlichen Quellen wurde Caturla 1940 Opfer eines jungen Angeklagten – wohl Glücksspieler, Zuhälter oder ähnliches – der ihn, womöglich irrigerweise**, für seine Verfolgung oder zu erwartende Bestrafung für verant-wortlich hielt. Offenbar erschoß der junge Gauner den 34 Jahre alten Richter auf der Straße. Es sollte mich nicht wundern, wenn Caturla Bestechungsgeld ausgeschlagen hatte. Wenn ja, Hut ab, war der gute Mann doch eheähnliche Liebschaften mit zwei schwarzen Frauen eingegangen, woraus ihm manche gerümpfte Nase und immerhin 11 Kinder erwuchsen, die er ja wohl auch zu unterhalten hatte. Die zweite Liebschaft folgte leider dem Thyphus-Tod der ersten Geliebten, Manuela Rodríquez, wie sich einer Magisterarbeit aus Kalifornien entnehmen läßt.** Sicherlich war Caturla auch wegen seiner großen Zeugungsfreude auf sein Anwalt-, später Richtergehalt angewiesen. Ohne diese ganze Misere hätte er vielleicht noch Jahrhundertwerke geschaffen. Vergleichsweise bekannt sollen Caturlas Tres danzas cubanas für Orchester von 1927 sein. Nebenbei wurde der erwähnte Geiger und Komponist Amadeo Roldán ebenfalls keine 40; er starb 1939 in Havanna als 38jähriger an Krebs.

* María Aleyda Hernández Suárez, „Alertan sobre deterioro del Museo Alejandro García Caturla en Remedios, Villa Clara“, Granma,
9. Dezember 2016
** Leilani Marie Dade, „Alejandro Caturla and Alejo Carpentier’s La Manita en el Suelo: A Creative (Re)Staging“, University of California, Riverside, Dezember 2017



Caudwell, Christopher 29 (1907–37), britischer Journalistensohn und Schriftsteller mit Vorliebe für Marxismus, Luftfahrt und Verbrechen. Von einer Lektüre seines 1934 veröffentlichten angeblich „gelungensten“ Krimis Das perfekte Alibi, 1975 auch auf deutsch in Ostberlin erschienen, kann ich nur abraten. Hauptanliegen ist die Kniffligkeit, ja die Überspitzfindigkeit des Mord-falles; entsprechend unklar, unanschaulich und belanglos fällt das Werk aus. Nicht eine Figur, nicht eine Szene können überzeugen. Aber der Hauptverdächtige, angeblich flüchtig, stellt sich als das Opfer; das vermeintliche Opfer dagegen als der von Eifersucht getriebene Mörder heraus, das ist wichtig. Die umstrittene Gattin ist eine hohle Puppe, die von Caudwell auch noch ernst genommen wird! Dafür sind die Rüstungsgeschäfte der beteiligten Kaufleute unwichtig: nur Kulissengeschiebe, „der Partei“ zuliebe. Caudwell gehörte nämlich seit 1935 der britischen KP an und zog Ende 1936 pflichtbewußt in den Spanienkrieg. Es ist natürlich eine Schweinerei, wenn er schon im kom-menden Februar in der berühmten Schlacht am Jarama (bei Madrid) umkam, obwohl uns dadurch vermutlich noch so manches schlechte Buch aus seiner Feder erspart blieb.


Cebotari, Maria 39 (1910–49), weltberühmte Opern-sängerin, Sopran. „Frühzeitig aus einem schaffensfrohen Leben gerissen, vereinigte sie in idealer Weise den anmutigen Liebreiz der äußeren Erscheinung mit dem Zauber einer begnadeten Stimme“, endet der Eintrag über die rumänischstämmige Künstlerin im ÖBL.* Von einer Nazi-Operndiva ist da mit keinem Komma die Rede. Das war der „Akademie“ zu unfein.** Während Caudwell mit seinem Kumpel Clem Beckett vor Madrid im Maschinen-gewehrnest hockte und auf die anrückenden Faschisten feuerte, was die Läufe hergaben, unterhielt die anscheinend brünette und ohne Zweifel gut betuchte Cebotari die faschistisch betrommelten Massen in Berlin, Dresden, Prag, Salzburg, Wien und so weiter mit Mozart- oder Strauss-Arien. Nach der unglücklichen Kriegsnie-derlage konnte sie gleichwohl auch in London auftreten, so unantastbar war ihr Ruf. Deshalb bekam sie auch, nachdem sie 1949 mit 39 einem Leberkrebs erlegen war, Straßen in Dresden, Salzburg, Wien***, vorläufig aber noch nicht in Bukarest. 1994 wurde sie erst einmal von der „Republik Moldau“ mit einer Briefmarke geehrt. Wäre Caudwell statt am Krieg an Corona gestorben, hätte er es vielleicht ebenfalls auf die Kuverts geschafft.

* Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950, Band 1, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1957, S. 139.
** Etwas anders Thorsten Hinz auf Kulturportal West Ost, Stand 2020
*** Cebotariweg in Nußdorf, 1958



Cecilia von Griechenland 26 (1911–37), dunkelhaarige hessische Prinzessin aus einem nordfriesischem Adels-hause. Nach einer wenig harmonischen Jugend in Griechenland und Paris hatte sich Cecilia durch Heirat ähnlich gut im deutschen Faschismus eingerichtet wie die Sängerin aus Rumänien, wurde aber noch vor Kriegs-beginn Opfer der Luftfahrt – und gleich mit der ganzen Familie. Man war am 16. November 1937 von Hessen aus nach London aufgebrochen, um dort die nächste Adels-hochzeit zu feiern, doch kurz vor einer Zwischenlandung in Ostende, Belgien, war der Ausflug vorbei. Die belgische Junkers-Linienmaschine mit 11 Personen an Bord streifte bei Nebel einen Fabrikschornstein, ging zu Boden und dort in Flammen auf. Es gab keine Überlebenden.* Von der engeren Familie aus Hessen-Darmstadt starben neben der hochschwangeren 26jährigen Prinzessin deren Gatte Georg Donatus, seines Zeichens Erbgroßherzog von Hessen und bei Rhein, Luftwaffenoffizier (Leutnant) der Reserve und Mitglied des NS-Fliegerkorps sowie Anhänger der Jagd und des Automobils, ferner beider Söhne Ludwig und Alexander sowie deren Großmutter Eleonore. Das einjährige Töchterchen Johanna hatte man zu Hause gelassen.* Da die Eltern nach einigen Quellen (nicht dem Echo) noch in ihrem Todesjahr der NSDAP beigetreten waren, könnte man einen politisch begründeten Anschlag wittern, sogar aus den eigenen Reihen verübt. Schließlich war das Reiseziel eine feindliche Insel gewesen, Groß-britannien. Doch der Staatsanwalt in Brügge erkannte auf Unfall aufgrund von Piloten- und Lotsenfehlern.

* Otto Winterholler, „Vor 80 Jahren löschte ein Flugzeugabsturz fast die gesamte Familie Hessen-Darmstadt aus“, Echo (Darmstadt), 11. November 2017


Cetto, Lutz c.22 († 1963), Mitglied der vor allem in der Pfalz wirkenden „Kimmel-Bande“. Zwischen Neustadt und Lambrecht, knapp 500 Meter hoch, liegt die vom „Pfälzer-wald-Verein“ betriebene Hellerhütte, ein durchaus massives Haus mit Herbergsbetten und einer Terrasse zum Vorplatz hin. Als es dort in der Silvesternacht 1960/61 um drei Uhr früh reichlich spät erneut anhaltend knallte, ging der 49jährige Karl Wertz aus Haßloch mit einer Taschen-lampe hinaus, um nach dem Rechten zu sehen. Ein Porträtfoto* zeigt einen schmalgesichtigen Mann mit hoher Stirn, schütterem Haar und auffälligen Ohren, der möglicherweise nur zufällig recht verbittert in die Kamera blickt. Man denkt an einen Lehrer oder einen kaufmän-nischen Abteilungsleiter. Das war der ehrenamtliche Betreuer der Hellerhütte, über den leider ansonsten nichts zu erfahren ist, von den Schüssen einmal abgesehen. Seine heimischen Wanderfreunde schnarchten bereits. Auf dem Vorplatz dagegen ballerten etliche besoffene „Halbstarke“, wie es schien, mit Handfeuerwaffen herum, und als sie der Hüttenwart zu genau in den Kegel seiner Taschenlampe nahm, schossen sie auch auf ihn. Er starb auf der Fahrt ins Krankenhaus.

Wie sich später vor Gericht herausstellte, hatte ihn wahr-scheinlich der ungefähr 20jährige Lutz Cetto getötet. Er hatte befürchtet, Wertz könne Mitglieder der sogenannten Kimmel-Bande erkennen und verpfeifen, die in derselben Nacht die nahegelegene Totenkopfhütte angezündet und ansonsten in jüngster Zeit mindestens 100 Einbrüche und Banküberfälle verübt hatte. Denn um diese Bande handelte es sich bei den Lärmenden. Ihr Kopf war der „Al Capone der Pfalz“, Bernhard Kimmel, der Jahre später auch noch einen Polizisten getötet haben soll. Cetto, inzwischen 22, bekam im Februar 1963 vorm Landgericht in Frankenthal für die Geschichte im Walde Lebenslänglich**, brachte sich aber ein knappes Jahr darauf um. Sein genaues Alter und ein paar weitere biografische Einzelheiten, auch über Wertz, müßten sich eigentlich in einem 2008 veröffent-lichten Kimmel-Buch von Rainer Thielen finden, der mir leider nicht geantwortet hat. Genauso vergeblich schrieb ich die Stadtverwaltung von Bad Dürkheim an. Dem getöteten Hüttenwart setzte man am Tatort einen Gedenkstein.

* Fotos bei Blofeld 2012 (A. H. Marx, Hanau)
** „Lebenslänglich für Cetto“, Hamburger Abendblatt, 9./10. Februar 1963, S. 24



Chaland, Yves 33 (1957–90), erfolgreicher französischer Werbegrafiker und Comiczeichner mit nostalgischem 50er-Jahre-Blick. Aber Hand aufs Herz: Würden Sie noch die Comicbücher eines Künstlers kaufen, der sein Töchterchen beim Anzug eines Gewitters an eine einsame Feldulme bindet und dann verschwindet, um das Unwetter in seinem geparkten Auto abzuwarten? Richtig, Sie würden nicht. Deshalb entschied sich der 33 Jahre alte Chaland an einem Julitag des Jahres 1990 dafür, die mörderische Angelegenheit gleich im Auto abzuwickeln. Er nahm seine vierjährige Tochter und übrigens auch deren Mutter, Isabelle Beaumenay, auf eine Geschäfts- oder Vergnü-gungsfahrt mit, weiß der Teufel. Wir wissen auch nicht, wer am Steuer saß, wie sich das Unglück (bei Paris) entfaltete und wer im Sinne des Gesetzgebers, der ja den Autoverkehr grundsätzlich legalisiert hat, „schuld“ an dem Ausrutscher war. Das tote Töchterchen vermutlich nicht. Alle Webseiten, vor allem die sogenannten „offiziellen“, sparen die Unfallumstände wohlweislich aus. Auch der angebliche Schriftsteller und Musiker Aug Stone begnügt sich in einer ansonsten aufschlußreichen Betrachtung* mit der strohdummen „a-tragic-car-accident“-Formel. Schließ-lich ist doch bekannt, die Kunst lebt vom Weglassen, und die Witwe, die „lediglich“ schwer verletzt wurde, lebt von einem hohen Ruf ihres verblichenen Gatten, auf den kein schnöder Schatten oder, sagen wir einmal, Regen fallen darf.

* „The Comet of Chaland“, Humanoids, 6. November 2015


Chance, John Barnes 39 (1932–72), US-Komponist, Opfer sowohl seiner Hundeliebe wie seiner Rücksicht-nahme auf denkbare Opfer seiner Hunde. Er bewohnte ein Haus mit Hinterhof oder Garten in Lexington, der größten Stadt Kentuckys, wo er seit 1966 Hochschullehrer war. Chance selber hatte Musik in seinem Heimatstaat Texas studiert, hatte Erfahrungen als Orchesterpauker und als Arrangeur für Orchester der US-Army gesammelt. Offen-bar machte er sich dabei auch für Völkerverständigung stark: „While serving in Seoul, South Korea, as a member of the Eighth U.S. Army Band, Chance came across a pentatonic Korean folk song that served as the inspiration for his 1965 composition Variations on a Korean Folk Song, which became his best-known work.“* Das Stück wurde ein Jahr darauf mit einem Preis bedacht. Sechs Jahre später, inzwischen knapp 40, stand Chance gewiß im Begriff, sich unter die namhaftesten Komponisten sinfonischer Blasmusik einzureihen. Da entschloß er sich Mitte August 1972, in seinem Hinterhof („backyard“) oder Garten ein Zelt zu errichten.** Vielleicht stand die übliche Geburtstagsfeier (mit Blasmusik) an, oder Chances Buben wünschten ferienhalber die UreinwohnerInnen des Landes zu spielen, falls er Buben hatte. Bei diesem Geschäft berührte der Komponist mit einer Zeltstange aus Metall versehentlich den Elektrozaun, mit dem er seine Hunde in die Schranken gewiesen hatte. Da der Zaun in Betrieb war, erlitt Chance einen tödlichen elektrischen Schlag.

Auch den reise- und austauschfreudigen Musiker Peter Trunk (1936–73), für Joachim Ernst Berendt der beste deutsche Jazzbassist seiner Zeit, erwischte es in den Staaten. Nach Darstellung*** seines Schwagers Patrick Pitelli kam er an Silvester 1973 in New York City auf dem Weg zum Abendessen um, als Pitellis Wagen von einem anderen, betrunkenen Fahrer gerammt wurde. Auch die Frau von einem Vetter Pitellis verlor bei diesem Unfall ihr Leben. Alle Beteiligten kamen zunächst ins Krankenhaus. Der 37jährige Trunk hinterließ seine Frau Stella Banks, eine Jazzsängerin, die von da an schwer unter dem Verlust des geliebten Mannes gelitten haben soll, bis sie 2008 verschiedenen Krankheiten erlag.

* William Pugatch im Handbook of Texas, Stand 2020
** Nach 2015 von mir aufgestöberten Angaben der Ridgewood Concert Band aus New Jersey, deren Webseite inzwischen nicht mehr aufruf-bar ist.
*** Laut freundlicher Auskunft des Weimarer Jazzbassisten und Mu-sikhochschullehrers Manfred Bründl.



Chaney, James Earl 21 (1943–64), schwarzer US-Bürgerrechtler. Bekanntlich holten sich einst besonders die US-Südstaaten viele Schwarze ins Haus, weil sie nicht mehr genügend Indianer hatten. Als dann auch die schwarzen Sklaven übermütig wurden, beispielsweise gerechte Löhne oder gar das Wahlrecht erbaten, schufen die Südstaaten zwecks Unterstützung der offiziellen Polizeikräfte mehr oder weniger geheim operierende Fememordgruppen wie den Klu-Klux-Klan. Nicht selten traf sich das sogar günstig, weil der örtliche Sheriff sowieso zum Klu-Klux-Klan gehörte. Chaney erwischte es im Verein mit Andrew Goodman und Michael Schwerner, und zwar am 21. Juni 1964 kurz nach Mitternacht bei Philadelphia, Mississippi. Die jungen Leute hatten gerade den Brandanschlag auf eine schwarze Schule untersucht und waren als Bürgerrechtler bekannt – Chaney (21) schwarz, Goodman (20) und Schwerner (24) weiß, aber jüdisch. Nun gerieten sie mit ihrem Auto in einen als „Straßenkontrolle“ getarnten Hinterhalt, den berufsfremde Klan-Mitglieder unter Mitwirkung von County Sheriff Lawrence Rainey und seinem Stellvertreter Deputy Sheriff Cecil Price gelegt hatten. Die drei Verkehrssünder wurden ins dunkle Gelände geführt und erschossen, der Schwarze Chaney zuvor schwer mißhandelt. Um die Leichen in einem Erdwall verbergen zu können, stand sogar ein Bulldozer bereit. Trotzdem kam die Sache ans Licht und die Empörung über diesen Gewaltakt schlug Wellen bis ins Weiße Haus, das ja nicht umsonst nicht Schwarzes Haus heißt, obwohl unlängst Barack Obama eine solche Umbenennung erwogen haben soll. Damals sah sich Obamas Amtsbruder und Schürer des Vietnamkrieges Lyndon B. Johnson gezwungen, seinerseits FBI-Chef Hoover zu nötigen, den Fall untersuchen zu lassen.* Wie schonend die Ermittlungen ausfielen, kann man sich denken. Auch die Bestrafung einiger Täter hielt sich überwiegend in milden Grenzen. Sheriff Rainey konnte sich sogar vollständig herausreden. Ein Foto zeigt ihn bei der Anklageerhebung Ende 1964 mit Chips-Tüte und grinsenden Hamsterbacken in seinen Stuhl gelümmelt. Bei Künstlern aller Art rief das Mississippi Burning (so ein Filmtitel) ein großes Echo hervor.

Am 4. April 1968 wurde der berühmte schwarze Bürger-rechtler Martin Luther King (39) auf einem Hotel-Balkon in Memphis, Tennessee, von tödlichen Schüssen getroffen. Als Täter verurteilte man später den angeblichen erklärten Rassisten James Earl Ray. Der Fall ist bis heute umstritten. Schon drei Jahre früher war in New York City ein populärer Gegenspieler Kings von ehemaligen Wegge-fährten (aus den Reihen der Black Muslims) erschossen worden: der gleichaltrige, aber ungleich radikalere Malcolm X, der King zu den zahmen „Hausnegern“ der USA gezählt hatte. Malcoms Vermächtnis ging in der bald darauf gegründeten Black Panther Party auf, wo übrigens auch Chaneys jüngerer Bruder Ben landete.

* Ulrich Zander, „Mordkomplott der Kapuzenmänner“, Wiener Zeitung, 4. Juli 2014


Chang, Iris 36 (1968–2004), Tochter zweier aus Taiwan stammender US-Professoren, bringt es zur erfolgreichen kalifornischen Schriftstellerin mit Ehemann und Söhnchen (2), erschießt sich bei San Francisco im Auto. Ihr erstes Aufsehen erregte sie 1997 mit dem Buch The Rape of Nanking, das die Greueltaten der Japaner in China wäh-rend des Zweiten Weltkrieges ans Licht der Öffentlichkeit hob. Ähnliche Enthüllungs-Bücher rahmten den „Best-seller“ ein. Doch seit einigen Jahren hatte die hübsche Autorin vermehrt mit Ängsten und Schlaflosigkeit zu kämpfen, unter jenen wohl auch Verfolgungswahn, wie aus einem Abschiedsbrief hervorgeht. Sie hatte regelmäßig verschiedene Medikamente eingenommen und war zuletzt mit solchen auch in einer Klinik behandelt worden. Laut Kathleen E. McLaughlin* wirkte sie bereits bei ihren Recherchen in Nanking „körperlich schwach“. Sicherlich griffen auch die von ihr zutage geförderten Übel, möglicherweise überdies ihr jäher Ruhm ihre Gesundheit an – obwohl ihre enge Freundin Paula Kamen, gleichfalls Autorin, behauptet, Chang habe ihren Erfolg für normal und berechtigt gehalten, schließlich gebe es soviele Chancen, daß sie für alle ausreichten.** Das alte chinesisch-amerikanische Trugbild. Die entscheidende Auslösung von Changs „geistigem Verfall“ – von anderen „bipolare Störung“ genannt – scheint Kamen allerdings in hormonellen Ursachen zu sehen. Nach Darstellung des Witwers Brett Douglas habe das Paar vor 2002 eine Fruchtbarkeitsbehandlung durchlaufen und Sohn Christoph schließlich nur mit Hilfe einer Leihmutter zur Welt gebracht. Wie es ansonsten um die Ehe stand, geht aus dieser Buchbesprechung nicht hervor. Doch wie auch immer, nach Kamen hat sich ihre Studienkollegin (Journalismus, University of Illinois, Urbana) und Freundin keineswegs „spontan“ umgebracht; vielmehr sei sie so planmäßig vorgegangen wie auch sonst in ihrem Alltag. Das soll die sorgfältige Ordnung ihres Nachlasses eingeschlossen haben. „It has to be“, habe Chang der spöttelnden Freundin einmal erklärt. „This is for the biographers.“

* „Iris Chang's suicide stunned those she tried so hard to help -- the survivors of Japan's 'Rape of Nanking'“, SFGATE (San Francisco Chronicle), 20. November 2004 / 19. Januar 2012
** Nach Kerry Reid, „What Happened to Iris Chang?“, The Chicago Reader, 1. November 2007



Chaoui, Touria 19 (1936–56), arabische Pilotin. Vermut-lich büßte die junge Marokkanerin aus Casablanca ihr Leben aufgrund ihrer damals sicherlich ungewöhnlichen Rolle im gesellschaftlichen Leben ein. Als Tochter eines arabischen, jedoch französisch sprechenden führenden Journalisten und Theatermannes in Fès geboren, hatte sie eine Flugschule besuchen dürfen, die eigentlich der französischen Elite des Landes vorbehalten war. Sie erhielt die Fluglizenz bereits mit 16 – womit sie die erste Pilotin in Marokko und im arabischen Kulturkreis überhaupt gewor-den war. Was Wunder, wenn sie rasch zu einer „Ikone“ der marokkanischen Unabhängigkeitsbestrebungen wurde, die in Chaouis Todesjahr, 1956, ihren formalen Höhepunkt und Abschluß erreichen sollten. Sie verpaßte dieses historische Datum, den Tag der Unabhängigkeit, lediglich um wenige Stunden. Chaoui war zuletzt als Co-Pilotin bei einer kleinen Fluggesellschaft beschäftigt. Doch am 1. März 1956 ereilte sie der Tod, als sie gerade mit ihrem grünen Morris Minor vor ihrem Elternhaus in Casablanca vorfuhr. Unter den Augen ihres 11jährigen Bruders Salah Eddine, der sie begleitet hatte, sowie ihrer auf dem Balkon ste-henden Mutter erhält die kleine dunkelgelockte 19jährige noch durchs geöffnete Wagenfenster aus nächster Nähe zwei Schüsse in den Kopf. Der Täter, ein Marokkaner mit zurückgekämmtem Haar, flüchtet zunächst zu Fuß. Die Mutter bricht in Schreie aus.

Laut Josh Shoemake gründlicher Spurensuche* hatte Chaoui, die unübersehbar westlich, aufgeklärt und selbstbewußt wirkte, gleichermaßen in islamischen wie in französischen Kreisen zunehmend Feinde. Es gab Attacken auf ihren Wagen und auf ihr Elternhaus. Auch durch die Aufdeckung von Unregelmäßigkeiten in wohltätigen Clubs, denen sie angehörte, machte sie sich unbeliebt. Das Land wurde von Unruhen geschüttelt. Als Sultan Mohamed Ben Yousef im November 1955 aus dem Exil zurückkehrte, ließ Pilotin Chaoui aus einer Cessna kiloweise papierne Willkommensgrüße auf seinen Palast regnen. Anderntags wurde sie von einigen Zeitungen als neue Freiheitsheldin gefeiert.

Ob ihr Hauptfeind der Marrokaner Ahmed Touil war, ist ungeklärt. Shoemake zufolge war der Mann ein befehls-gewaltiger und machthungriger Gangster, zeitweise in Diensten des französischen Geheimdienstes. Hartnäckige Gerüchte** nennen ihn als Mörder Chaouis, aber das habe er stets bestritten. Oft kann das freilich nicht gewesen sein. Laut Shoemake geriet Touil nämlich schon einige Monate nach dem Mord in derselben Stadt Casablanca in einen Hinterhalt der neugegründeten marokkanischen Polizei. Dabei sei sein Wagen geradezu durchsiebt worden. Er kam also offenbar um. Trifft das zu, konnte er jedenfalls nicht mehr vor Gericht plaudern. Nach jenen Gerüchten soll er eine Affäre mit Chaoui gehabt und sie, wegen eines französischen Piloten, aus Eifersucht getötet haben. Dies alles hält Bruder Salah, bei Shoemakes Besuch in Vichy, Frankreich, inzwischen schon 70, für gleichermaßen lächerlich wie ehrabschneidend: chauvinistischen Marokkanerhirnen entsprungen, die es gerne hätten, die emanzipierte junge Frau sei selber schuld gewesen. Ferner werden der Gatte einer empörten Dame der Gesellschaft Casablancas – und die Franzosen als Täter gehandelt. Das letzte hält der Bruder, der Kunstmaler wurde, für das Wahrscheinlichste. Wie immer auch, dürfte der sozialpsy-chologische Hintergrund dieses brutalen Mordes auf der Hand liegen: der Haß auf weibliche Herausforderungen, die ja damals** in Wüstenstaaten noch echte Sakrilege waren.

* „The Amazing Aviatrix of Wartime Casablanca“, Narratively (New York City), 16. Februar 2015
** Latifa Babas, „Touria Chaoui, Morocco’s first female pilot and daring teenager“, Yabildai (Casablanca), 8. März 2018



Chase, Bill 39 (1934–74), italienischstämmiger US-Trompeter, privater Flugzeugabsturz. 1974 war man schon etwas weiter, zumal in den Staaten. Chase leitete die gleichnamige Jazzrock-Gruppe. Um von Texas aus, wo sie am vierten Album der Gruppe gearbeitet haben, möglichst flott und bequem zu einem Auftritt in Jackson, Minnesota, zu kommen, chartern einige Chase-Mitglieder am 9. August 1974 eine Piper Comanche. Unweit des Zieles geraten sie in schlechtes Wetter und stürzen ab. Die Gerichte urteilen später: „Pilotenfehler“ und „mangelhafte Funkabsprache“. Mit Chase und drei weiteren Bandmit-gliedern kamen auch die beiden Piloten um. Es gab keine Überlebenden.* Trompeter Chase war 39, Co-Pilotin Linda Swisher 26.

* Aviation Safety Network, Stand 2020
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