Mittwoch, 4. November 2020
LdF Folge Breu–Can

Breuer, Hans 34 (1883–1918), aus Schlesien stam-mender Arzt, Zupfgeigenhansel, Vaterlandsfreund. Zuletzt in Gräfenroda am Thüringer Wald praktizierend, ehe er sich 1914 (angeblich) freiwillig zum Dienst am Vaterland meldete, war Breuer als Aktivist der deutschen Wandervogel-Bewegung und Herausgeber des bis heute vielmals aufgelegten Liederbuchs Zupfgeigenhansel bekannt geworden. Den knapp 35jährigen Oberarzt, wohl zuletzt des Lazaretts Merles bei Verdun, erwischte es im April 1918 an der Westfront, als ein Sanitätsunterstand durch Beschuß verschüttet wurde. Ein gutes Jahr darauf unterzeichnete Friedrich Ebert im „Kaisersaal“ des Schlosses Schwarzburg bei Rudolstadt die sogenannte Weimarer Verfassung. Das Schloß liegt auf einem schmalen, schroffen Bergrücken des Thüringer Waldes in einer Schlaufe der wilden Schwarza, womit sich der Ort Schwarzburg auch für Maßnahmen der Jugenderholung anbietet. Als „Weimar“ in Schutt und Asche lag und die FDJ-ler die Ärmel aufkrempelten, tauften sie die Schwarzburger Jugendherberge auf den Namen des bekannten Goebbels-Gegenspielers Georgi Dimitroff. Um 1990 wurde diese Einrichtung erneut umbenannt – sie heißt nun Jugendherberge Hans Breuer. Laut Lutz G. Wetzel* hatte der neue Namenspatron 1915 vom Elsaß aus im Vorwort zur Neuauflage seines Zupfgeigenhansels geschrieben: „Draußen, an der Brustwehr, lehnen schweigend die Feldgrauen in der Morgensonne, spähen wohl hinüber, wo Tod und Wunde aus den Stahlschilden bricht. Bald wird Mittag sein. Wandervögel, an die Arbeit.“ Als diese Auflage schließlich erschien, meldete sie noch vor dem Vorwort Breuers pflichtbewußtes Ende.

* „Die schlichte, schöne Art des Volkes“, Die Welt, 24. März 2009


Briat, Sébastien 22 (1982–2004). Der französische Student und Rugbyspieler war Mitglied einer anarchosyn-dikalistischen Gewerkschaft und Atomkraftgegner. Im Herbst 2004 wollte er mit einer Gruppe einen Atommüll-zug stören, der von La Hague nach Gorleben unterwegs war. Die Gleisblockade in der Nähe der nordwestfranzö-sischen Großstadt Nancy (einstmals Hauptstadt des Herzogtums Lothringen) kam jedoch aufgrund von Fahrlässigkeiten sowohl auf Seiten der Demonstranten wie der Bahn nicht zustande. Als der mit Gift beladene Güterzug mit rund 100 km/h an der wartenden Gruppe vorbeibrauste und sie dadurch zurückscheuchte, wurde Briat vom Fahrtwind auf die Schienen geschleudert und vom Zug überfahren. Er verblutete noch vor Ort.*

Soweit ich sehe, fanden keine juristischen Ahndungen statt. Über die Person des Getöteten ist wenig zu erfahren. Der dunkelhaarige hübsche junge Mann stammte aus einem Dorf in Lothringen und trainierte mit seinem Club in der dortigen Kleinstadt Bar-le-Duc. Neben Rugby schätzte er Musik, Straßentheater, Zirkus. Er mag bescheiden, hilfsbereit – und von seinem Sport her gleichwohl ein Draufgänger gewesen sein. Dennoch starb er immerhin nicht am Steuer seines Wagens nach einem Disco-Besuch, wie eine Webseite richtig anmerkt. Unsere gleichaltrigen Fußballstars beziehungsweise ihre Angehörigen werden dafür noch mit fetten Renten und Ehrungen auf Straßenschildern belohnt.

Diesbezüglich hätte ich sogar ein Beispiel an der Hand, das gerade ins Alphabet paßt, nämlich den kanadischen Eishockeyspieler Michel Brière (1949–71). Laut verschie-denen Quellen war der damals 20jährige Profi von den Pittsburgh Penguins Mitte Mai 1970, übrigens kurz nach seiner Hochzeit, in Quebec im eigenen Wagen mit zwei Freunden unterwegs. Brière lenkte. In der Nähe von Malartic, seiner Heimatstadt, flog der Wagen jedoch aus einer Kurve und überschlug sich mehrmals. Während seine beiden Freunde, Yvon Toupin und Raynald Bilodeau , zufällig mit vergleichsweise leichten Verletzungen davon-kamen, landete Brière mit schweren Kopfverletzungen im Krankenhaus und im Koma. Nach knapp einem Jahr aufwendiger Fürsorge, mehrere Gehirnoperationen eingeschlossen, starb der nun 21jährige Kämpfer. Daraufhin benannte seine bestürzte Zunft zwei regelmäßig verliehene Auszeichnungen nach ihm.

Zur Krönung dieser Geschichte wagt das auflagenstarke Blatt Le Journal de Montréal in einem jüngsten Gedenk-artikel** den Hinweis, es habe damals noch einen zweiten Toten gegeben. Auf dem Weg ins Hospital habe der Krankenwagen, in dem Brière lag, am Stadtrand von Malartic einen 18jährigen Radfahrer angefahren und getötet, Raymond Perreault. Der sei sogar ein Freund des Schwerverletzten gewesen.

* Reimar Paul in der taz am 21. Dezember 2019
** Alain Bergeron, „La fin tragique du conte de fées de Michel Brière“, 29. Mai 2020



Briban, Roxana 39 (1971–2010), erfolgreiche rumä-nische Opernsängerin. Ihr Fall ähnelt dem von Filmstar Jonathan >Brandis, nur war sie schon deutlich älter. „Sie lebte für ihre Stimme, und sie starb wegen ihr“, versichert ein Wiener Blatt.* Laut ihrem Ehemann Alexandru beging sie Selbstmord, weil sie seit ungefähr anderthalb Jahren an Stimmproblemen litt. Im Vorjahr hatte sie ihre Festan-stellung an der Bukarester Nationaloper verloren – ob wegen der Stimmkrise oder ob wegen der Wiener Staatsoper, wo Briban wiederholt aufgetreten war, ist umstritten.** Möglicherweise achtete die Künstlerin auch bei ihrem Selbstmord auf eine gewisse Bühnenwirksam-keit. Gatte Alexandru habe im Computer ihre Nachricht „Verzeih mir“; im blutroten Badewasser dagegen sie selber gefunden. Sie hatte sich die Pulsader aufgeschnitten. Der arme Mann. Oder sollte er ein Exemplar seines Geschlechts gewesen sein, das nichts Besseres verdient hatte? Dazu sagen die Blätter nichts.

* Krone 25. November 2010
** Wichita Eagle 22. November 2010



Brieger, Lolita 18 (1964–82), Mordopfer in der Eifel. David Klauberts ausführliche Darstellung* dieses erst nach 30 Jahren halbwegs aufgeklärten Mordfalles ist geradezu niederschmetternd. Der Fall ist zu gewöhnlich; die Beteiligten sind zu bedauernswert, zu beschränkt, zu gehässig; an diesen abgelegenen ländlichen Tatorten leben zu müssen, kommt bereits in der bloßen Vorstellung einer Verbannung nach Sibirien gleich. Man möchte am liebsten gar nicht mehr viel dazu sagen. Als „Vertriebene“ und „Evangelische“ wurden die Briegers im Dorf geschnitten. Gleichwohl gelingt es Lolita, den Sohn eines reichen Bauern Josef K. für sich zu interessieren. Man ahnt es bereits: er schwängert sie – und weder sein Alter noch er selber möchten sie und gar noch ein Plag im Hause haben. Aber auch im Häuschen der Briegers (fünf Kinder) herrscht kein Idyll. Lolita flieht vor ihrem rohen Vater und kommt auf einem Nachbardorf als Näherin unter. Ihre Vermieterin bezeugt die wiederholten lautstarken Auseinandersetzungen zwischen Lolita und ihrem Besucher Josef. Am 4. November zu einer Aussprache zum Hof K. unterwegs, verschwindet die 18jährige unvermutet und wird für 30 Jahre nicht mehr gesehen. Man darf darauf wetten, die Eifel lag an jenem Tag, wie so oft, unter bleiernem Nebel. Die DörflerInnen bevorzugen die Annahme, das Mensch habe sich umgebracht oder mit einer Abfindung von Bauer K. versehen in ein hollän-disches Freudenhaus aufgemacht. Dann, 2011, rollen ein Kriminalhauptkommissar und ein Staatsanwalt aus Trier die Sache wieder auf. Und auch das ist niederschmetternd: Lolitas in einem Plastiksack steckendes Skelett wird nahe am Dorf auf einer Müllkippe ausgebaggert. Ein Kumpel des Josef K., Michael, hatte endlich gesungen. Josef hatte sein Liebchen erwürgt. Jetzt schwieg er eisern. Und da ihm das Gericht weder Heimtücke noch sonstige „niedere Beweggründe“, also keinen Mord nachweisen kann, verläßt er den Gerichtssaal im Juni 2012 aufgrund eines inzwischen verjährten Totschlags als freier Mann.

Na, wenn wir schon einmal dabei sind, wir haben es noch dicker. Es war erneut im November, diesmal 2013, also nur ein Jahr nach Josef K.s Freisprechung vor dem Landge-richt Trier. Die 14jährige Oberschülerin Alyssa X aus Eichwalde bei Berlin hatte via Internet einen wohl 19jährigen aus NRW kennengelernt. Sie lud ihn wiederholt in ihr Elternhaus ein, konnte sich aber nicht richtig für ihn erwärmen. Maurice M. ließ sich allerdings nicht abwimmeln. Nachdem er zuletzt die erbetene Abreise vorgetäuscht hatte, lauerte er seiner neuen Angebeteten auf einer Wiese unweit des S-Bahnhofs Eichwalde auf, um sie mit sage und schreibe 78 Messerstichen grausam für ihre mangelhafte Zuneigung zu bestrafen. Ein Versuch des Täters, sich nach vollzogener Rache vor einen nahenden S-Bahnzug zu werfen, mißglückte. Sein Opfer starb noch auf der Wiese.

Diesmal sah das Gericht die „niedrigen Beweggründe“ als gegeben an, rechnete Maurice M. jedoch eine „narzißtische Persönlichkeitsstörung“ an. Er bekam 13 ½ Jahre Gefängnis. Alyssas Mutter war im Gerichtssaal mehrmals weinend zusammengebrochen. Einen für mich befremd-lichen Geist offenbarte der Verteidiger des Angeklagten, Michael S. Er meinte, man dürfe die Tat „nicht moralisch“ bewerten; sie dürfe ausschließlich „nach streng juristi-schen Kritierien“ beurteilt werden.** Da hat man, nach den Messerstichen des Gestörten, die schwachsinnige Grausamkeit des bürgerlichen Rechts.

* „Lolita und Josef“, FAZ, 27. Mai 2012
** „13 1/2 Jahre Gefängnis ...“, Der Tagesspiegel, 30. April 2015



Brinkmann, Rolf Dieter 35 (1940–75), Schriftsteller, Straßenverkehrsopfer. Der in der Regel als „Dichter“ bezeichnete 35jährige aus Vechta (bei Oldenburg) wurde schnöde überfahren, falls den überreichlich vorhandenen Quellen zu trauen ist. Es soll ihn im April 1975 als Fußgänger in London erwischt haben, nachdem er, in Cambridge, bei einem international besetzten Lyriker-Innentreffen aufgetreten war. Angeblich mißachtete er beim Überqueren einer Straße den landesüblichen Linksverkehr. Er starb vor den Augen seines Zunftkollegen Jürgen Theobaldy, der ihn beim Stadtbummel begleitet hatte, noch an der Unfallstelle. Theobaldy soll versichert haben, Brinkmann und er seien an jenem späten Nachmittag unweit des Shakespeare Pubs, den sie aufsuchen wollten, keineswegs bereits betrunken gewesen.* Brinkmann war anscheinend ein paar Schritte vorausgegangen. Von einem gerichtlichen Nachspiel ist mir nichts bekannt. Spätestens durch diesen oft als „sinnlos“ beklagten Tod war der Weg für eine ausgedehnte Sinngebungs-Industrie frei, die Brinkmann, den unerschrockenen „Erneuerer“ unserer Lyrik, den Schmied „freier Verse“ und sogenannter „Prosa-Gedichte“ (beides Arten schwarzer Schimmel) inzwischen als Kultautor etablieren konnte.

* Nicola Bardola, „Lyrik-Revue Folge 10“, Das Gedicht (Blog), 20. Februar 2019


Brise, Tony 23 (1952–75). Der englische Autorennfahrer ist eigentlich nur bemerkenswert, weil er in berufsfremder Materie starb. Dabei war er trotz seiner Jugend durchaus schon mehrere Formel-1-Rennen gefahren. Doch der Sportlertod ereilte ihn, im Verein mit fünf Teamkame-raden, Ende November 1975 in der Luft. Damals kehrte eine von Rennfahreras Graham Hill persönlich geflogene sechssitzige Piper Aztec, die diesem auch gehörte, aus Frankreich zurück. Beim Versuch, in dichtem Nebel auf dem Londoner Flughafen Elstree zu landen, ging sie drei Meilen vorher auf dem Golfplatz von Arkley zu Bruch. Ich nehme an, von dieser anderen Sportart kam niemand zu Schaden, weil die Schläger wegen der Tageszeit – nachts – und des Nebels ruhten. Pilot Hill hatte sich zwar schon vom aktiven Wettkampf zurückgezogen, trat aber noch als Rennstalleiter auf. Bei dem Flugzeugabsturz – der auch ihm das Leben kostete – war er genau doppelt so alt wie sein mit Hoffnungen behängtes junges Pferd Brise: 46.


Brooke, Rupert 27 (1887–1915). Der englische Dandy, Altphilologe und Lyriker, vom Berufsgenossen Yeats als „bestaussehender junger Mann“ der britischen Insel gepriesen, war möglicherweise bisexuell gestimmt, litt jedoch mit Sicherheit an Verfolgungswahn, was neben etlichen Freunden oder Kollegen auch das Alter betraf. Da bot sich eine militärische Lösung geradezu an: mit „Kriegs-ausbruch“ ging er zur Königlichen Marine. Allerdings wurde er nie in Schlachten verwickelt. Stattdessen machte ihm angeblich eine Mücke den Garaus. Vom vielen Kreuzen im Mittelmeer auf dem Truppentransporter Grantully Castle bereits durch Sonnenstich geschwächt*, soll er Ende April 1915 an Bord eines französischen Krankenhausschiffes, das die griechische Ägäis-Insel Skyros anlief, einer durch Mückenstich bewirkten Blutvergiftung erlegen sein. Man begrub ihn noch am Todestag in einem Olivenhain der genannten Insel. Es geschah dem 27jährigen Unterleutnant eigentlich recht, hatte er seinen größten Ruhm zu Lebzeiten doch mit ein paar Sonetten erzielt, die den (vaterländischen) Krieg verherrlichten. Offenbar war auch Bescheidenheit seine Zier. In Rugby, seiner Geburtsstadt, setzte man ihm ein Denkmal mit einem wohl aus seinem berühmten Gedicht The Soldier stammendem Sockel-Zitat: „If I should die, think only this of me; / That there‘s some corner of a foreign field / that is for ever England.“

* laut Michael Gassenmeier, in: Theo Stemmler (Hrsg): Krieg und Frieden in Gedichten, Mannheim / Tübingen 1994, S. 182


Brown, Clifford 25 (1930–56), US-Jazz-Trompeter. Brown kam im Verein mit dem Pianisten Richie Powell (1931–56) und dessen Gattin Nancy, die am Steuer saß, im Sommer 1956 bei einem Autounfall nahe Bedford, Pennsylvania, ums Leben. Die beiden schwarzen Jungstars waren von Philadelphia aus zu einem Auftritt in Chicago unterwegs gewesen. Bei Dunkelheit und strömendem Regen geriet der Wagen ins Schleudern, prallte gegen einen Baum und fiel auch noch eine Böschung hinab. Der arbeitssame, hilfsbereite und angeblich völlig drogenfreie Brown war 25, Powell 24. Nancy Powell soll erst 19 gewesen sein. Der Schock in der Ostküsten-Jazzgemeinde war groß.


Brown, Michael 18 (1996–2014). Der junge Afroameri-kaner wurde im August 2014 in Ferguson, Missouri, von einem weißen Polizisten erschossen, worauf es zu beträchtlichen Unruhen kam. Diese wiederholten sich im November, nachdem verkündet worden war, der Schütze werde nicht belangt.

Während zwei Drittel der rund 20.000 EinwohnerInnen dieses Vorortes von St. Louis schwarz seien, gebe es in Ferguson fast ausschließlich weiße Polizisten, versicherten Nachrichtenagenturen. Der schwarze Oberschüler, offenbar bis dahin nie „straffällig“, war um Mittag mit einem Freund in der Stadt unterwegs gewesen. Wahrscheinlich hatten die beiden kurz vor dem tödlichen Vorfall versucht, in einem Laden Zigarillos zu stehlen. Die Zeugenaussagen ergeben kein klares Bild. Als sich Brown, 1,93 groß, womöglich bedrohlich einem Streifenwagen näherte, gab der Polizist Darren Wilson im ganzen 12 Schüsse auf den allerdings unbewaffneten jungen Schwarzen ab. Da sich große Teile der „Öffentlichkeit“ an eine Hinrichtung erinnert fühlten, strengten sich die Behörden umso emsiger an, das Bedrohungsszenario glaubwürdig erscheinen zu lassen. Nach vielen Quellen waren die örtlichen uniformierten „Ordnungskräfte“ freilich schon länger für ihren Rassismus bekannt. Unter anderem belegten sie die meist armen (und schwarzen) Sünder der Stadt mit einem Hagel aus Strafmandaten, der Geld in die Stadtkasse schwemmte. Im Rahmen der jüngsten Unruhen gingen sie auch „robust“ gegen Journalisten vor, von denen unliebsame Dokumente zu befürchten waren. Einige US-Senatoren beklagten aus Anlaß der Erschießung Browns die unaufhaltsame, bundesweite Militarisierung der Polizei.

Anfang 2016 behauptet Die Zeit in grammatisch bedenk-licher Weise: „Schwarze junge Männer werden [in den USA] fünfmal so oft von Polizisten erschossen wie weiße junge Männer.“ 2015 sei diesbezüglich ein Rekordjahr gewesen. Somit hatte Browns Todesjahr noch eine Steigerung erfahren. Im ganzen hätten US-Polizisten im Rekordjahr 1.134 Menschen erschossen.*

2017 berichtet der schwarze Rechtsanwalt Jerryl Christmas einem Spiegel-Korrespondenten**, inzwischen seien bereits drei prominente Aktivisten der jüngeren Proteste unter fragwürdigen Umständen ums Leben gekommen. Außerdem habe es soeben den Pastor und Bürgerrechtler Carlton Lee erwischt. Lees Kirche, die auch Michael Browns Vater besucht habe, sei während der Unruhen in Flammen aufgegangen und erst kürzlich wiederaufgebaut worden. Der 34jährige Mann erlitt einen tödlichen Herzinfarkt. „Es ist der stille Stress dieser Stadt“, sagt Christmas. „Er bringt einen um.“

* „Polizeigewalt an schwarzen Menschen erreicht einen Höchststand“, Zeit Online, 1. Januar 2016
** Marc Pitzke, „Wir bleiben Zielscheiben“, Spiegel, 8. August 2017



Browning, David 24 (1931–56). Der US-Olympiasieger im Wasserkunstspringen von 1952 fiel in der Regel weich und gekonnt. Allerdings gehörte er nicht nur Schwimm-riegen, sondern auch der heimischen Kriegsmarine an, als Pilot. In dieser Eigenschaft stürzte er mit seinem Jäger im März 1956 bei Rantoul in Kansas ab. Das war vielleicht immer noch angenehmer als in Korea – wenn auch nicht unbedingt für die Dorfbewohner bei Rantoul. Einzelheiten sind jedoch nicht zu bekommen.

Brownings Spartenkamerad und Landsmann Bruce Harlan (1926–59) kam lebend aus seiner aktiven Laufbahn. Er ließ es mit seiner Gold- und Silbermedaille bei den Londoner „Olympischen Spielen“ von 1948 gut sein, blieb der Branche jedoch als Trainer erhalten. Ab 1954 betreute er den Spring-Nachwuchs an der Universität von Michigan in Ann Arbour. Am 21. Juni 1959 an einem Schauspringen in Fairfield, Connecticut, beteiligt, half der inzwischen 33jährige gegen Abend tatkräftig beim Abbau eines Gerüstes, das am Sprungturm benötigt worden war. Dabei stürzte er aus gut acht Meter Höhe ab.*

* „Bruce Harlan“ in der International Swimming Hall of Fame, Stand 1. Oktober 2020


Brübach, Tristan 13 (1984–98), Schüler und Mordopfer in Frankfurt/Main. Der ausgesprochen grauenvolle Fall ist bis heute ungeklärt. Tristan wuchs seit drei Jahren bei seinem Vater und seiner Großmutter auf, denn seine Mutter Iris Brübach hatte sich 1995 umgebracht.* Der Vater war in einem Kiosk des Frankfurter Hauptbahnhofs vollzeitbeschäftigt. Bernd Brübach ist Ende 2014 mit 59 Jahren gestorben; möglicherweise aus Gram. Sein Sohn Tristan hatte am 26. März 1998 mit der Entschuldigung, er habe Rückenschmerzen, vorzeitig den Hauptschulunter-richt verlassen. Am Nachmittag wurde seine Leiche in einem Bach-Tunnel am Bahnhof Höchst entdeckt. Der erwürgte blonde Junge war halb geschlachtet; unter anderem fehlten die Hoden; das Blut hatte der Mörder kurzerhand in den Liederbach laufen lassen. Verschiedene Spuren und Zeugenaussagen führten ins Leere.

Einige Quellen deuten an, Einzelkind Tristan habe es sowohl zu Hause wie in der Schule nicht eben leicht gehabt. Er wird freilich als „aufgeweckt“ beschrieben, kann also kaum besonders schüchtern gewesen sein. Möglicher-weise war er ins Drogen- und Strichermilieu geraten. Seine früh verstorbene Mutter soll zumindest zeitweise drogen-süchtig gewesen sein. Das BKA macht keine näheren Angaben zum Tod der Mutter. Auch deren Alter ist offen; vermutlich 30 bis 35.

Die Belohnung für Hinweise, die zur Lösung des Falls führen, steht auf 20.000 Euro. Ohne „materielle Anreize“ ging es ja schon im einstigen Ostblock nicht. Der vollstän-dige Sieg des dinglichen Denkens ist ähnlich traurig wie Tristans Ermordung.

* Julia Jüttner, „Kommissar Fey und das Rätsel vom Liederbach-Tunnel“, Spiegel, 24. März 2018


Büchner, Georg 23 (1813–37). Der revolutionär gestimmte hessische Schriftsteller und Mediziner ist weithin bekannt; ich will ihn deshalb nur streifen. Leider fiel er ja nicht im Gefecht, sondern erlag mit 23 in Zürich dem Typhus – weil er sich, wie meistens angenommen wird, bei seiner Arbeit mit selbstangefertigten Pflanzen- und Tier-Präparaten angesteckt hatte.

Bekanntlich wurde der Name des blonden Südhessen für einen renommierten Literaturpreis beschlagnahmt, der alljährlich von der in Darmstadt sitzenden, derzeit rund 190 Mitglieder zählenden sogenannten Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vergeben wird. 1953 bekam ihn Ernst Kreuder. In seiner Betrachtung Georg Büchner, Existenz und Sprache, vorgetragen und gedruckt im Herbst 1955, reklamiert Kreuder den Landsmann für die naturmystische, „imaginative“, kurz gefühlsduselige Warte, die er selber hartnäckig bis zum letzten Roman Der Mann im Bahnwärterhaus (1973 posthum) einnahm. Damals war dieser „spirituelle“ Zug natürlich längst abgefahren, aber heutzutage, da man ringsum an die Wunderwirksamkeit von Anti-Viren-Programmen und Microsoft-Algorithmen glaubt, hätte Kreuder sicherlich wieder eine gute Chance.

1970 ging der Büchnerpreis an Thomas Bernhard, worüber ich nicht meckern will, zumal der bissige österreichische Schriftsteller neun Jahre darauf seinen Austritt aus der Darmstädter Akademie erklärte. Anlaß war deren Wahl des Politikers Walter Scheel zum Ehrenmitglied. Etwas später soll Bernhard die erlauchte Institution jedoch in einem FAZ-Artikel grundsätzlich angezweifelt beziehungs-weise angepinkelt haben, wie ich 2009 dem Feuilleton der Jungen Welt entnahm.* Danach hatte er der Akademie bescheinigt, „letzten Endes“ sei sie (1949) „nur aus dem kühlen Grunde der Selbstbespiegelung ihrer eitlen Mitglieder“ gegründet worden, die deshalb jährlich auf Staatskosten zu Konferenzen der „Eigenbeweihräuche-rung“ zusammenkämen, um nebenbei „eine knappe Woche lang um ihren abgestandenen faden Literaturbrei herumzureden“. Aber diese Leute, die man Darmstädter Front nennen könnte, sitzen an den Kanonen des Kanons. Sie haben Einfluß wie Alfred Hugenberg und Paul Reusch zusammen; sie bestimmen, welche Literatur in Deutsch-land maßgeblich ist und folglich gemästet wird.

Ganz erheblich unbekannter als Büchner sind die folgenden beiden jungen Leute. Seinen engen Schul- und Studienfreund Hermann Trapp (1813–37) empfand er anscheinend mit der Zeit als lästige Klette. Dazu hat der Freund, der sich bereits vor Büchner aus politischen Gründen in die Schweiz flüchtete, dessen Danton anonym bei Gutzkow angeschwärzt, wie aus einem Brief von Büchner an Gutzkow vom September 1835 hervorgeht.** Daraufhin kündigte Büchner dem Trapp wohl einige Nachsicht auf. Ironischerweise wird Trapp im gleichen Alter wie Büchner, 23, nur wenige Wochen nach diesem von „derselben Typhusepidemie“ weggerafft, wie jedenfalls das Marburger Büchnerportal behauptet.

Richard Büchner (1908–29) wuchs mit acht*** Geschwi-stern in Erdmannsdorf bei Chemnitz auf. Als er von der Volksschule abging, stellte man einen Herzfehler bei ihm fest. Er wurde gleichwohl Andreher in einer örtlichen Baumwollspinnerei, Gewerkschaftsmitglied – und wie sein Bruder Rudolf leidenschaftlicher Aktivist im Arbeiter-schach. Dabei verlegte er sich zunehmend darauf, Problemschachaufgaben auszuknobeln, die beispielsweise auch in der Chemnitzer Volksstimme erschienen. Aber um 1927 klopfte sein Herzfehler an und steigerte sich zu einer Herzklappenentzündung. Die Ärzte konnten ihm nicht helfen. Anfang 1929 starb der vielversprechende „Schach-komponist“, nur 20 Jahre alt, in einem Chemnitzer Krankenhaus.

* „Unheil und Brei. Einer Akademie zum 60.“, jW 29. August 2009, zitiert bei Schrift & Rede 2009
** Georg Büchner, Werke und Briefe, Münchner Ausgabe, als TB 5. Auflage 1995, S. 309 + 729
*** Schwalbe Heft 285, Juni 2017



Buckley, Jeff 30 (1966–97), US-Rockmusiker. Die Metropole Memphis füllt im Südwesten eine ganze Ecke von Tennessee aus. Hier ging die oft als „sanft“ oder „weich“ gepriesene Stimme des 30jährigen Rockbarden an einem Abend Ende Mai buchstäblich im Wolf River unter, der in Memphis im Mississippi mündet.

Der Sänger und Gitarrist war nahezu vaterlos in Kali-fornien aufgewachsen. Gleichwohl trat er in mancherlei Hinsicht in die Fußstapfen seines meist abwesenden Erzeugers Tim Buckley, eines Folksängers, der 1975, als 28jähriger, auch schon an der U-Musik starb, im Verein mit Heroin. Sohn Jeff, ein bildhübscher, wenn auch etwas kurz geratener und eher schmächtiger Junge, hatte 1994 mit seinem ersten Studioalbum Grace und bei den üblichen Vermarktungstouren Aufsehen erregt. „Das ewige Leben liegt auf meinem Weg“, singt er darauf an einer Stelle. „Ich brauche nur noch einen letzten Nagel für meinen glitzerroten Sarg.“ Doch die Zeit verfloß und die Plattenfirma drängte. So saß er drei Jahre später in Memphis in einem gemieteten Haus, um endlich das zweite Album vorzubereiten, Arbeitstitel: My Sweetheart the Drunk. Während seine musikalischen Mitstreiter für die Einspielung bereits im Flugzeug anreisten, fuhr Buckley an besagtem Maiabend mit „Roadie“ Keith Foti an seine übliche Badestelle am Wolf River. Foti blieb am mit Müll übersäten Ufer sitzen und verfolgte (angeblich), wie sein Boß bekleidet und gutgelaunt ins Wasser watete und dabei Refrainzeilen einer Platte von Led Zeppelin mitpfiff, die Foti in den tragbaren Recorder geschoben hatte. Foti klimperte auch Gitarre dazu. Buckley zog inzwischen trotz vollgesogener Sommerkleidung in dem rund 100 Meter breiten Hafenbecken schwimmend seine Kreise. Foti rief ihm Warnungen vor einem Schlepper, dann vor einem Frachter zu. Buckley wich den Schiffen aus. Als Foti dann wieder einmal aufsah, konnte er freilich in der Abend-dämmerung keinen auf dem Wasser hüpfenden braunen Haarschopf mehr entdecken – sein kleiner Boß mit der engelhaft an- und abschwellenden Stimme war verschwunden.

Später hieß es, Buckley sei von den Wellen des Frachters mitgerissen und überwältigt worden. Foti hatte gleich den Tourmanager in dem gemieteten Haus alarmiert, doch die Leiche wurde erst nach Tagen in der Nähe an einem vertäuten Boot verfangen gefunden. Die lieben Hinter-bliebenen beeilten sich zu erklären, an diesem „tragischen“ Tod sei nichts „mysteriös“. Man habe, neben Mr. Fotis Aussage, den Polizei- und den Autopsiebericht, und aus alledem gehe klar hervor, daß sowohl weder Alkohol oder andere Drogen noch Geistestrübung oder Selbstmordplan im Spiel gewesen seien. Laut Andreas Joos* erkannten die Behörden in der Tat auf „Unfall“. Andererseits versteht es Buckleys Mutter Mary Guibert, die ihn als Teenager gebar, durchaus geschickt, eben den Mythos vom noch im Tode rätselhaften Sprößling am Leben zu erhalten und auszu-beuten. In einem Interview behauptet sie, am liebsten wäre ihr Sprößling Tierpfleger im Zoo von Memphis geworden. Da hat sie aber Glück gehabt.

* „Abgetaucht in der Nacht“, Spiegel, 25. Mai 2012


Buckley, Peter 24 (1944–69), erfolgreicher britischer Amateur-Straßen-Radrennfahrer und angebliches Hunde-opfer. Wie mehrere Quellen, darunter diverse Wikipedias, übereinstimmend berichten, sei Buckley beim Training in West Yorkshire schwer gestürzt, weil ihm ein freilaufender Hund in die Quere kam. Den erlittenen Verletzungen sei der 24jährige bald darauf in einem Krankenhaus in Leeds erlegen. Nun sind weder Trainingsstürze von Radsportlern noch Angriffe von Hunden auf Radfahrer eine Seltenheit; das letzte kann ich mit einer allerdings schon verheilten Bißwunde am rechten Fußknöchel bezeugen. Die Angabe zu Buckleys Hundepech wird jedoch mit nur einer einzigen Quelle gestützt, die ich leider nicht finden und also überprüfen kann: „Gold medal cyclist dies“, The Guardian, 5. Juli 1969 (p.2). Zwar wird auch noch die Vereins-geschichte des Manx Road Clubs ins Feld geführt, aber in dieser ist lediglich von einem Trainingssturz Buckleys die Rede, nicht von einem Hund. Ich wäre also nicht verblüfft, wenn sich der angeblich vom Guardian gemeldete Vierbeiner als Ente erwiese. So oder so, erinnere ich an meine kürzliche Klage über Ungenauigkeiten unter >Batters, dem kanadischen Eishockeycrack.


Bugatti, Jean 30 (1909–39), Designer, Fabrikant und Fahrer berühmter schneller Automobile. Einige Leser-Innen sind vielleicht schon über das Schicksal der Tänzerin Lena >Amsel unterrichtet, die sich 1929 bei Paris in einem Bugatti überschlug. „Monsieur Jean“, seit 1936 Leiter der im Elsaß (bei Straßburg) gelegenen väterlichen Auto-mobilfabrik, erwischte es 10 Jahre darauf, als er unweit der Fabrik auf der Landstraße zwischen Duttlenheim und Entzheim im eigenen Testwagen einem angeblich „unvorsichtigem“ Radfahrer ausweichen wollte. Sein Bugatti 57 C Tank hatte „weit über“ 200 Sachen drauf!* In dieser Gemächlichkeit prallte der 30 Jahre alte Werksleiter (am 11. August 1939) gegen einen Baum. „Der explodie-rende Benzintank setzt den Baum und eine nahe Mühle in Brand, Monsieur Jean wird aus dem Rennwagen geschleudert und ist sofort tot.“ Die baumlose Stelle sah sich später durch einen klobigen Stein getröstet, der das Gedenken an den vorbildlichen Verkehrsteilnehmer Jean Bugatti bis zum heutigen Tage wachhält. Die deutsche Wikipedia zeigt ein Foto davon. Sie weiß übrigens auch genau, der Radfahrer, dem Bugatti „ausweichen musste“, kam „plötzlich aus einem Feld“ – so ein Schurke! Ich wette darauf, diese Ausschmückung ist frei zusammengelogen. Kommt sie jedoch gegen 200 Sachen an?

Die Fabrikation in Molsheim wurde 1963 eingestellt. Was blieb, war der legendäre Ruf, und siehe da, 1998, im Antrittsjahr des „rotgrünen“ Kanzlers Gerhard Schröder, ging die Marke Bugatti auf das deutsche Volk beziehungs-weise die Volkswagen AG über.

* Hans-Jörg Götzl, „Jean Bugattis Vermächtnis“, Auto Motor Sport, 16. Februar 2014


Bugatti, Rembrandt 31 (1884–1916), italienischer Bildhauer, Bruder des Vaters von Radfahrerfreund Jean Bugatti. Wechselnd in Paris und Antwerpen tätig, schuf Bugatti vorwiegend Tierplastiken, die zunächst ein gutes Echo fanden und ihm ein Auskommen verschafften. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges arbeitete er für das belgische Rote Kreuz freiwillig in einem Lazarett, das ausgerechnet im Antwerpener Zoo eingerichtet worden war. Hier hatte der „humorvolle Exzentriker“ oft beobachtet und sogar gebildhauert, und als die Zooleitung begann, aus Futtermangel Tiere zu töten, soll ihm das entsprechend nahe gegangen sein. Ende 1914 reiste er wieder nach Italien und später Paris. Jetzt geriet er anscheinend in Not, weil er durch den Krieg keine Käufer seiner Arbeiten mehr fand. Ob er wenigstens Trost durch Frau und Kind, falls vorhanden, wahlweise durch eine Geliebte oder einen Liebhaber empfing, wird in meinen Quellen nicht klar.

Vermutlich war einiges zusammen gekommen, als sich der 31jährige Tiernarr und Hundehalter im Januar 1916 in seinem Pariser Atelier mit Gas das Leben nahm. Die FAZ behauptet 100 Jahre später, am 20. November 2016, gleichermaßen theatralisch wie belegfrei, er sei am Leiden um alle Kreatur zerbrochen. Aber auch das Weltkriegs-gemetzel und die bekannten gummiartigen „Depressionen“ werden angeführt. Die sind ja immer für alles gut.

2006 hätte sich Bugatti den Griff zum Gashahn vielleicht noch einmal überlegt, denn bei Sotheby‘s ging sein „Mantelpavian“ (von 1909/10) für 2,6 Millionen Dollar über den Auktionstisch. Von den Abbildungen her scheinen seine Arbeiten durchaus viel Treffendes, dabei Witz und Einfalt zu haben. Doch hier und dort wird auch behauptet, er sei „zernagt vom Zweifel“ am eigenen Kunstkönnen von uns gegangen. In der Tat halten manche KritikerInnen seine brillanten Tierstudien für im Grunde ausdruckslos. Andere wieder loben gerade umgekehrt echte „Porträts“, die „das Tier“ gottseidank nicht überhöhten, sondern es als Individuum ernst nähmen.* Da kenne sich einer aus.

* Simone Guski, „Rembrandt Bugattis exotische Tiere“, Humanistischer Pressedienst, 16. April 2014


Bugatto, Lautaro 20 (1991–2012), argentinischer Fußballspieler, am frühen Morgen des 6. Mai 2012 vor seiner Haustür erschossen. Gut zwei Jahre darauf kam es deshalb in Lomas de Zamora zur Verurteilung eines Polizisten, nicht unbedingt landesüblich. Der Mann bekam 14 Jahre Haft.* Habe ich richtig verstanden, hatte David Ramón Benítez am verhängnisvollen Tag keinen Dienst, war vielmehr mit Gattin und Schwester, die ihn später wohl auch mit Lügen zu entlasten suchten, privat in seinem Renault 12 im Ballungsraum Buenos Aires unterwegs. Bugatto stand, wie gesagt, vor seiner Haustür, als ihn, aus nächster Nähe, sieben Schüsse des Polizisten durchsiebten. Nach eigener Darstellung hatte Benítez mutmaßliche Diebe erspäht und gejagt, die er nun, vor Bugattos Haustür, hatte stellen wollen. Entsprechend hieß es auch in den ursprünglichen Zeitungsmeldungen aus dem Tatmonat, der arme Junge sei in einen Schußwechsel zwischen Gesetzeshütern und Straßenräubern geraten. Die Dementis dagegen lese ich so gut wie nirgends. Vorbei; der Mann ist schon über zwei Jahre lang tot; vergeßt ihn gefälligst.

Der Vorfall unterstreicht zwei Grundzüge der modernen Welt: Gnadenlose Verteufelung des sogenannten Eigentumsdeliktes und unaufhaltsame Verrohung der sogenannten Sicherheitskräfte.

* „Catorce años de prisión para el policía que asesinó a Lautaro Bugatto“, Política del Sur, 18. September 2014


Bullenhuser-Damm-Kinder (5–12 Jahre), ermordet in Hamburg 1945. Es kostet mich stets Überwindung, bestimmte einzelne Mordopfer herauszuheben. So bietet mir meine Liste gerade den knapp dreijährigen Briten James Patrick Bulger an, der 1993 bei Liverpool von zwei 1ojährigen gefoltert und getötet wurde. Ganz Mitteleuropa war entsetzt. Aber die Millionen Kinder, die Jahr für Jahr in Übersee verhungern, überging Mitteleuropa. Oder die beispielsweise in der Gegend des Berufsfußballers Bugatto, in Süd- und Mittelamerika nämlich, allerdings meist in Elendshütten, von Raubwanzen mit dem Erreger der sogenannten „Chagas-Krankheit“ infiziert werden. Diese Krankheit entstellt die Kinder zunächst, und ein paar Prozent der Befallenen verrecken regelmäßig daran.

Vielleicht hat Familie Bulger nichts dagegen, wenn ich es hier bei einem Hinweis auf Die 20 Kinder vom Bullen-huser Damm belasse, bei denen in der Spanne 5 bis 12 jedes Alter vertreten war. Ihre Namen finden sich auf verschiedenen Webseiten. Auch sie sind heute fast berühmt, was sie im wesentlichen dem damaligen stern-Reporter Günther Schwarberg zu verdanken haben, der sie um 1980 aus dem Totschweigen riß. Ein gewisser Dr. Josef Mengele hatte die 20 Kinder im November 1944 von Auschwitz zu seinem Kollegen Kurt Heißmeyer ins Hamburger KZ Neuengamme schicken lassen, weil dieser sie als Versuchskaninchen in der Tuberkulose-Forschung zu verwenden gedachte. Sie wurden qualvollen Experi-menten unterworfen. Ende April 1945, als der Feind immer näher rückte, ließ Heißmeyer seine Opfer zwecks Verwischung der Spuren seiner Forscherarbeit in die Keller der leerstehenden Schule Bullenhuser Damm verfrachten, wo sie erdrosselt oder erhängt wurden. Auch Dutzende erwachsener Zeugen, Pfleger zum Beispiel, wurden in dieser Schule stumm gemacht. Viele Lehrkräfte anderswo schwiegen dann ebenfalls hartnäckig.

In seinen 2007 veröffentlichten Erinnerungen Das vergess ich nie berichtet Schwarberg von seiner Aufrollung des Falls (S. 295–304). Das Buch ist auch sonst lesenswert.


Burdutschenko, Inna 21 (1939–1960), SU-Schau-spielerin. Oft ist es wichtiger, fesselnde Kinoromanzen zu drehen, als häßliche Raubwanzen zu bekämpfen. Burdutschenko, in der Ukraine aufgewachsen, hatte eigentlich dem Theater zugeneigt. Aber dann hatte sie jemand für den Film Iwanna entdeckt, und mit dem kam die dunkelhaarige Hübsche, 1959, groß heraus. Das Drehbuch ihres zweiten Films, Die Steinblume, sah gegen Ende eine brennende Holzbaracke vor. Laut russischer und ukrainischer Wikipedia sollte sie, als Heldin, aus dieser Baracke eine Flagge retten. Anscheinend schickte sie der Regisseur mehrmals hinein, weil ihm die Szene noch nicht makellos genug war. Man ahnt es jedoch: früher oder später stürzte die brennende Baracke über der Schau-spielerin ein. Ein anwesender Bergmann rannte, die Heldin ihrerseits zu retten. Der Film spielte im Zechen-milieu. Dann fand sich Burdutschenko mit schweren Verbrennungen in einem Krankenhaus von Stalino (heute Donezk) wieder, und mit der Hübschheit war es vorbei. Sie starb zwei Wochen später.


Burgmüller, Norbert 26 (1810–36), rheinischer Komponist. Der junge Mann, meist in seiner Heimatstadt Düsseldorf ansässig, galt als große Begabung – als Komponist. Er war mit Größen wie Mendelssohn und Grabbe befreundet, erfreute sich der Förderung durch einen echten Grafen und wurde posthum von Schumann gelobt. In der Liebe dagegen erlitt er eher Schiffbruch. Eine Verlobung mit der gefeierten Kasseler Opernsängerin Sophia Roland (1804–30) blieb vorübergehend und schmerzhaft, zumal die Braut kurz nach ihrem Abschied (von ihm) in genau dem Alter (26) starb, das auch Burgmüller nur erreichen sollte. Woran, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls soll ihr Tod dem Ex-Bräutigam zumindest streckenweise Trunksucht, ansonsten wiederkehrende epileptische Anfälle eingebrockt haben. Gleichwohl verlobte sich Burgmüller 1835 erneut, dieses Mal mit der französischen Kinderhüterin des ihn fördernden Grafen. Aber auch an Josephine Collin hatte er nicht lange Freude, weil ihn nun selber der Tod ereilte. Im Mai 1836 zur Kur in Aachen, ertrank er im Quirinusbad, wohl „in Folge eines epileptischen Anfalls“.* Daraufhin schuf Mendelssohn einen Trauermarsch, op. 103 in a-Moll, für Burgmüllers Beerdigung. Allerdings soll es auch Selbstmord-Gerüchte gegeben haben. Das Naturell des hageren, wenig zupackenden Komponisten neigte zu Melancholie und machte ihm die Einordnung ins biedermeierliche Sittenkostüm ausgesprochen schwer.** Vielleicht saß ihm im Kurbecken die gräfliche Kinder-hüterin im Nacken, die in der Düsseldorfer Zeitung endlich das Aufgebot lesen wollte.

* Klaus Martin Kopitz im Portal Rheinische Geschichte, Stand 2017
** Klaus Zehnder-Tischendorf, „Lebenslauf ...“ bei Klassika, 1. Mai 2004



Burnette, Johnny 30 (1934–64), US-Rocksänger. Mit dem kalifornischen Clear Lake, nordwestlich von Sacramento gelegen und 180 Quadratkilometer groß, fand Burnette ein deutlich geräumigeres nasses Grab als Pentti Haanpää (1905–55), ein finnische Fischer, der keine schlechten Bücher geschrieben hatte. Auch der Musiker, ein weißer Sänger und Gitarrist, soll geangelt haben, offenbar bei Dunkelheit. Der englischen Wikipedia zufolge wurde sein kleines und leider unbeleuchtetes Boot am 4. August 1964 versehentlich von einer Motorjacht gerammt. Burnette ging über Bord und ertrank. Ob er schwimmen konnte, weiß ich nicht. Er war 30 Jahre alt und hatte es bis dahin zwar zu zahlreichen Platten, darunter die Single What a Summer Day in seinem Todesjahr 1964, nicht jedoch zum Starruhm seines Zeitgenossen Elvis Presley gebracht.


Burton, Cliff 24 (1962–86), kalifornischer Rock-Bassist. Er kam aber nicht in seiner Heimat um, vielmehr in Schweden. Wie es aussieht, hatte er am 27. September 1986 Glück im Spiel und Pech beim Schlafen. Er war mit seiner Band Metallica in der Nacht per Tourbus von Stockholm nach Kopenhagen unterwegs. Es hatte sich eingebürgert, die beiden Schlafkojen durch Kartenziehen zu verteilen; wer gewann, durfte wählen. Burton zog gegen Kirk Hammett Pik-As und entschied sich für die obere, vermeintlich behaglichere Koje.* Gegen Sieben in der Frühe, in der Nähe von Ljungby, wurde er jäh durch ein zerberstendes Busfenster nach draußen geschleudert und Sekunden später unter dem Bus begraben, als dieser auf die Seite fiel. Der Bus war aus ungeklärten Gründen, möglicherweise wegen einer dünnvereisten Stelle, von der Autobahn abgekommen und nach hektischen Stabilisie-rungsversuchen des Fahrers in den Graben gekippt. Burton starb auf der Stelle. Alle anderen Insassen zogen sich höchstens leichte Verletzungen zu. Die Polizei vermutete aufgrund der Spuren zunächst, der Fahrer sei am Steuer eingenickt, doch dieser beteuerte seine Unschuld und entging einer Anklage. Der Vater des Unfallopfers, Ray Burton, wurde fast 71 Jahre älter als sein Sohn; er starb in diesem Januar (2020) mit 94. Die Band soll ihn sehr geschätzt haben.

* „Cliff Burton: Die Hintergründe ...“, Rolling Stone, 20. Januar 2020


Cabezas, José Luis 35 (1961–97), ermordeter argenti-nischer Bildjournalist, mutmaßlicher Drahtzieher: Alfredo Yabrán. Während der mächtige und zwielichtige Ge-schäftsmann einerseits gelegentlich (1995) von Wirt-schaftsminister Domingo Cavallo öffentlich als Mafiaboß bezeichnet worden war, erfreute er sich andererseits, wie viele glaubten, der Gunst des damaligen argentinischen Präsidenten Carlos Menem. Im übrigen hatte sich Yabrán wiederholt mit der Behauptung gebrüstet, es gebe keine ihn zeigenden Fotos, selbst in den Beständen des Geheimdienstes nicht.* Im Frühjahr 1996 gelang es José Luis Cabezas, an einem exklusiven Badestrand bei Buenos Aires solche Fotos anzufertigen, und sie erschienen in dem halbwegs kritischem Wochenmagazin Noticias, für das er arbeitete. Enthüllungen eines Kollegen über Yabráns Umstriebe folgten. Aber Cabezas, überall als anziehender Witzbold geschildert, sollte seine Beute teuer bezahlen: ein Jahr darauf war er tot. Er hatte bereits entsprechende Drohungen empfangen. Nun entführte man ihn nach einer Geburtstagsfeier und verpaßte ihm in einem Versteck zwei Kopfschüsse. Damit waren seine drei Kinder Waisen. Vermutlich diente dieser Mord weniger der Rache, mehr der Abschreckung. Immerhin wurden im Lauf der nächsten Jahre etliche Leute zu hohen Haftstrafen verurteilt, darunter mehrere Polizisten. Um 2010 waren sie freilich fast alle wieder auf freiem Fuß, sofern sie nicht in der Haft starben.** 1998 war sogar nach Alfredo Yabrán höchstpersönlich gefahndet worden; doch er erschoß sich, ehe die Handschellen klicken konnten. Davon wurde Journalist Cabezas natürlich auch nicht wieder lebendig.

* Mauricio Caminos, „La foto que le costó la vida a Cabezas“, La Nacion, 25. Januar 2012
** „José Luis Cabezas: no se olviden“, Noticias, 24. Januar 2020



Cafà, Melchiorre 31 (1636–67), maltesischer Bildhauer in der Nachfolge Berninis. Hat man je von einer Statue oder Säule aus Marmor gehört, die zu Ehren schier unzählbarer Gefallener der industriellen Arbeitswelt auf einem öffentlichen Platz oder Friedhof errichtet worden wäre? Dabei sterben ja auch die Soldaten nur im Dienst. Aber sie gelten nicht als Opfer von Arbeitsunfällen, vielmehr als Helden.

Um als Opfer eines Arbeitsunfalls nachhaltige Aufmerk-samkeit zu erregen und beispielsweise in die Kunstge-schichte einzugehen, muß man schon als Tiepolo vom Deckengerüst im Treppenhaus der Würzburger Residenz fallen oder wenigstens wie Cafà in der Gießerei des römischen Petersdoms verunglücken, falls es so war. Damals, im September 1667, soll der 31 Jahre alte Barock-Bildhauer von der Insel Malta, der neuerdings an einer Altar-Dekoration für die St. John’s Co-Cathedral in Valletta arbeitete, bereits am Beginn einer großen Karriere gestanden haben. Schon war sie vorbei, stürzte sich doch von einem Gerüst oder Podest aus ein schweres Gußmodell auf Cafà, das ihm tödliche Verwundungen beibachte. Einen Anschlag durch andere Karrierewillige scheint keine Quelle in Betracht zu ziehen.

Cafà hatte eine Vorliebe für Heilige aller Art, bei seiner Zunft und seiner Zeit vielleicht nichts Ungewöhnliches. So hatte er gerade erst die Glorie der Heiligen Katharina von Siena für die Kirche Santa Caterina a Magnanapoli in Rom vollendet: ein riesiges, reliefartiges, von zwei Säulen aus weißgeädertem dunklem Marmor flankiertes Altarbild. Es drückt ohne Zweifel Hoffnung aus – kaum dagegen die Erwartung, der oberste Schöpfer stelle einem harmlosen Nacheiferer ein Bein. Ferner zählte eine Marmorskulputur für das Grab der Märtyrerin und Missionarin Rosa von Lima zu Cafàs letzten Arbeiten. Laut Kenner Rudolf Preimesberger wurde sie erst nach seinem Tode gen Amerika verschifft.* Die verrückte Dame, schon 1617 just in Cafàs Alter vor lauter Entsagung oder Liebe zu Gott von der Menschheit gegangen, war von Papst Clemens IX. Rospigliosi am 15. April 1668 im Petersdom „seliggespro-chen“ worden. Sicherlich hatten ihm seine spanisch-peruanischen Gewährsleute alles haarklein erzählt. Kurz darauf wurde sie auch zur ersten Heiligen der „Neuen Welt“ erklärt. Zur ersten christlichen Heiligen, genauer gesagt. Später gesellten sich Weibsbilder wie Calamity Jane, Evita Perón, Marilyn Monroe zu ihr. Auch Hillary Clinton rechnet sich noch Chancen aus.

* „Ein Liebestod für die Christianisierung Amerikas?“, Humboldt, Stand 2020


Calabresi, Luigi 34 (1937–72), italienischer Polizei-kommissar in Mailand, ebendort auf dem Weg zur Arbeit erschossen. Ein unermüdlicher Diener und Schützer des kapitalistischen Staates war im Dienst gefallen. Deshalb soll ihn Rosa von Lima neuerdings zum Kumpel bekommen: der Vatikan leitete 2007 ein Verfahren zur Überprüfung der Frage ein, ob Calabresi nicht seliggespro-chen werden müsse.* Zwei Jahre vorher hatte der gute Mann bereits eine Briefmarke bekommen. Seitdem erwägt Washington, auch eine Marke von Al Capone auszugeben, der ja sozusagen fast aus Neapel stammte.

Im Dezember 1969, zweieinhalb Jahre vor Calabresis Tod, hatte der berüchtigte Bombenanschlag auf die Mailänder Landwirtschaftsbank stattgefunden: 16 oder 17 Tote, rund 100 Verletzte. Die Polizei verdächtigte sofort die Anar-chisten. Unter den Festgenommenen und Verhörten war auch der 41 Jahre alte Eisenbahnmonteur Giuseppe Pinelli. Er stammte aus proletarischem Milieu, hatte sich eigenständig gebildet und zählte in den 60er Jahren zu den angesehensten Köpfen verschiedener lokaler anar-chistischer Gruppen. Obwohl er ein Alibi vorwies, wurde er widerrechtlich drei Tage lang ohne Beiziehung eines Richters verhört. Dann sprang oder eher fiel er gegen Mitternacht aus einem Fenster des Mailänder Polizeiprä-sidiums. Die Selbstmordtheorie (=Schuldeingeständnis) wurde später von den Behörden fallengelassen, doch sie bestanden darauf, es sei ein Unfall gewesen. Ich nehme an, Pinelli wollte die Geranien auf dem Fenstersims gießen, weil sie ihn durch ihre Blütenfarbe so herzlich gegen seine Vernehmer bestärkten. Damit gingen die drei beteiligten Polizeioffiziere unbescholten aus der Angelegenheit hervor. Zu ihnen zählte just Calabresi, der Chef, der von der Linken massiv beschuldigt worden war. Ein schwacher Trost: auch die Unschuld des angeblich Verunglückten am Bombenanschlag wurde amtlich festgestellt. Zudem mußte man den Anarchisten Pietro Valpreda (nach 15 Jahren Knast!) wieder laufen lassen, „mangels Beweisen“. Man machte schließlich verschiedene Faschisten für das Massaker verantwortlich. Selbstverständlich muß es im Rahmen jener „Strategie der Spannung“ gesehen werden, die etliche DrahtzieherInnen aus der Politik und den Geheimdiensten, voran der CIA, Italien für eine ganze Nachkriegsperiode verordnet hatten. Hier paßte der ehrgeizige Karatekämpfer Calabresi ausgezeichnet hinein. Nach Alfredo M. Bonanno** hatte er sich den Ruf eines unschlagbaren Jägers linker StaatszersetzerInnen erarbeitet, frömmelte eifrig und war selbst bei vielen Mitarbeitern verhaßt. Vieles davon habe er bei einem Studienaufenthalt in den USA gelernt.

Der ORF aus Wien äußert sich ähnlich.* Er betont überdies, das Verfahren, aus dem (um 2000) vier führende Leute der linksradikalen Lotta Continua als angebliche Mörder Calabresis hervorgingen, sei genauso „skandalös“ gewesen wie die Ermittlungen und Verurteilungen nach dem Bombenanschlag auf die Landwirtschaftsbank. In der kapital-, staats- und CIA-frommen Wikipedia ist das selbstverständlich nicht zu lesen. Wie es aussieht, stützte sich die römische Klassenjustiz hauptsächlich auf den beliebten „Kronzeugen“ – eine Figur also, die zum Verräter/Verleumder geworden oder schon immer eingeschleuster Spitzel gewesen ist. Und das übergeht auch der ORF, wenn er vom „Delirium“ jener Epoche der „Destabilisierung“ spricht: alle radikalen Gruppen, ob rechts oder links, waren kräftig mit Agenten der untadeligen Nato-Demokratien durchsetzt. Näheres läßt sich bei Regine Igel lesen, Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien, München 2006.

* „Der blaue Cinquecento“, ORF, 8. April 2017
** Ich weiss, wer den Kommissar Luigi Calabresi getötet hat, ursprünglich Italien 1998, Übersetzung Zürich 2017



Caligula 28 (12–41), römischer Kaiser, Scheusal vom Dienst. Für einen Prätorianer (Leibgardisten) Calabresi wäre er genau der richtige Brotherr gewesen. Wahrschein-lich hatte er von seinem Vater Germanicus schon gleich die passende Mitgift erhalten: der berühmte römische Feldherr wurde angeblich vergiftet, als Sprößling Caligula sieben Jahre alt war. Um 30 n.Chr. wurden auch Caligulas ältere Brüder ins Jenseits befördert. Damit blieb nur noch Caligula als Anwärter auf die Nachfolge des alten, auf Capri grollenden Kaisers Tiberius übrig. Ob der Alte dann im März 37 von dem Thronfolger oder sonstwem oder überhaupt auf dem Krankenlager mit einem Kissen erstickt wurde, ist in der Literatur so umstritten wie fast alles, was sich um „bedeutende Herrscher“ des Altertums rankt. Dabei sollten Heutige nie vergessen, daß wir von den jeweils vier oder sechs Sklaven, die die Lektika (geschlossene Sänfte) aus mit Edelmetallen gespicktem Ebenholz der Cäsaren, Konsuln, Senatoren und sonstigen Magnaten trugen, sowohl durch Zeitzeugen wie durch spätere HistorikerInnen unermeßlich weniger als von den Insassen der Sänften erfahren. Zu den wohltuenden Ausnahmen zählt Josef Tomans „historischer Roman“ Nach uns die Sintflut von 1963, der 1968 auf deutsch in Ostberlin nachgedruckt wurde. Der tschechische Autor breitet auch das ärmliche vorstädtische Leben jenseits des Tibers aus, der übrigens schon damals einer Kloake glich, aus der die Abwässer, Tierkadaver und Menschenleichen stanken. Am Tigris im heutigen von Nato-Bombern befreiten Bagdad soll man das gleiche Bild genießen können. Toman führt durch Fischerhütten, Goldschmiede-werkstätten, Weinspelunken – überall sitzt immer mindestens ein Spitzel. In dem Mimen „Fabius“ und dessen Wanderschauspieltrüppchen schafft er sogar fast einen Gegenspieler des ehrgeizigen blondgelockten Senatorensohns und Feldherrn „Lucius Curio“, der sich bald nach Caligulas Machtantritt zu dessen rechter Hand aufschwingt.

Aber was auch immer, Toman trägt dick auf und malt ausschließlich in Schwarzweiß. In psychologischer Hinsicht ist sein 700-Seiten-Roman dünner als die tägliche Suppe der Schauspielertruppe. Das gipfelt naturgemäß in dem – bei Toman – pferdegesichtigem, spinnenbeinigem, überaus eitlem, grausamen und mordsgeilem Tropf, der neuerdings auf dem Kaiserthron hockt. Dessen Fähig-keiten werden hauptsächlich in der Kunst gefordert, allem, was ihm zur Verfügung steht, noch ein Quentchen Lust abzugewinnen: dem von ihm angeordneten Auspeitschen oder Kreuzigen ungehorsamer oder zu dünn lächelnder Sklaven; seinen drei Schwestern Agrippina, Drusilla, Julia Livilla und anderen Hetären oder auch zarten Knaben; den von ihm wieder eingeführten Zirkusspielen, Wagenrennen, Gladiatorenkämpfen; dem Verhöhnen und Quälen beflissener Senatoren. So kommt es womöglich einer Erlösung vor allem für den 28jährigen Herrscher selber gleich, wenn er 41, nach vierjähriger Amtszeit, der von Cassius Chaerea geführten Prätorianergarde und den dahinter steckenden Verschwörern aus den Reihen unzufriedener Senatoren zum Opfer fällt. Für die besitz- und machtlose werktätige Bevölkerung ändert sich dadurch selbstverständlich so gut wie nichts. Das neuzeit-liche Parteien- und Personalkarussel, bei dem sich die Lederbezüge der Ministersessel wahlweise unter braunen, schwarzgeärgerten, gelben, grüngeschlagenen oder roten Gesäßen abwetzen, wurde in Athen erfunden und dann in Rom bis zum Erbrechen (der erwähnten Suppe) eingeübt.

Bekanntlich hatten schon Bismarck und sein goldenes Aushängeschild Kaiser Wilhelm II. Wert auf demokra-tischen Anschein gelegt. Dazu zählt eine angeblich unab-hängige Justiz. Als der pazifistisch gestimmte Historiker Ludwig Quidde 1894 „Eine Studie über römischen Cäsa-renwahnsinn“ mit dem Obertitel Caligula veröffentlichte, fanden nicht nur Pazifisten, diese Charakterstudie sei in Wahrheit auf den letzten deutschen Kaiser gemünzt. Sie brockte Quidde ein Ende seiner wissenschaftlichen Laufbahn und indirekt auch noch drei Monate Gefängnis wegen „Majestätsbeleidigung“ ein.* Er warf sich dann auf die Politik.

* Godehard Weyerer, „Sehnsucht nach Frieden“, Deutschlandfunk Kultur, 12. Dezember 2007


Canello, Ugo Angelo 34 (1848–83), Romanist in Padua. Wie man sieht, nehmen die ItalienerInnen kein Ende. Obwohl sie stets von Gefahren umstellt sind! Canello etwa soll im besten Gelehrtenalter an einer durch Armbruch erlittenen Blutvergiftung gescheitert sein. Das Interes-santeste dürfte dabei in der Geschichte der Anbahnung des Armbruchs liegen – aber sie wird von meinen Überset-zungsrobotern recht unterschiedlich erzählt beziehungs-weise angedeutet. Es war ein Sturz. Alle nennen den Sturz geringfügig oder gewöhnlich, obwohl der 34jährige, wahlweise, aus einem (fahrenden) Laufkinderwagen / Rennwagen / Streitwagen gestolpert sei. Bei Tullio De Mauro (1979; † 2017) heißt das Ding „per una banale caduta dal calesse in corsa“. Ein Gestell auf Rädern war es jedenfalls, sicherlich ein römisches. Der deutsche Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 kam erst drei Jahre später auf, 1886.

70 Jahre darauf lagen die Dinge einfacher. Der italienische Dirigent Guido Cantelli (1920–56), gerade zum Musika-lischen Direktor der Mailänder Scala berufen, stürzte in einer Douglas ab. Die Maschine aus Rom mit Ziel New York City hatte am 24. November 1956 bei nebligem Wetter gleich nach dem Abheben in Paris-Orly aus nie geklärten Gründen an Höhe verloren und ein Gebäude vom Rande des Flugfelds gestreift, ehe sie brennend zerschellte. Von 35 Insassen starben 34. Cantelli war nicht der Überlebende. Mit den Worten eines späten Nachrufers gesagt (2014), hatte der vielgefragte 36jährige den „Preis für eine internationale Karriere“ entrichtet, „die immer mehr das Leben im Jet-Set verlangt“. In meinem Buch Blick vom Ziegenberg erläutere ich die Unverzichtbarkeit musikalischer Dompteure im Artikel „Lully, Jean-Baptiste“ ausführlicher. Lully war ein französischer Tänzer, Kompo-nist und Dirigent des 17. Jahrhunderts. Todesursache: Blutvergiftung.


Fortsetzung (Cap–Chas)
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