Donnerstag, 15. Oktober 2020
LdF Folge Ble–Boss

Blin, Knut 35 (1968–2004), Sohn des Schwergewichts-Europameisters Jürgen Blin. Der Senior hatte es sogar zu einem Kampf gegen Muhammad Ali gebracht. Das war 1971 gewesen, in Zürich. Der gelernter Metzger Jürgen Blin lebt nach wie vor in Hamburg, jetzt im Ruhestand. Nach seiner Box-Karriere, die ihm nach eigener Aussage „rund eine Million Mark“ einbrachte, war er teils Vermieter, teils Gastwirt, vor allem aber unglücklicher Bürge gewesen – die Million ging wieder flöten.* Immerhin blieb ihm ein Haus und, nach Scheidung seiner Ehe, eine neue Gefährtin. Sohn Knut, seit 1987 ebenfalls Schwergewichts-Profi, bestritt 1990 einen großen Titelkampf, bei dem er dem braunhäutigen Mario Guedes gleich in der ersten Runde einen netten Rippenbruch beigebracht haben soll. In Runde Sechs gab der Deutsch-Portugiese auf. Doch der begabte, blonde, 1,88 große Knut sozusagen ebenfalls: Nach diesem Sieg dankte er etwas überraschend ab. Wikipedia behauptet, er sei „einer freien Christenge-meinde beigetreten“. Diese Maßnahme konnte ihm freilich auch nicht das Leben retten. Ende Mai 2004 stürzte sich der 35jährige aus dem 12. Stock einer psychiatrischen Klinik am Bodensee zu Tode. Laut Vater war er „schwer krank“ gewesen, „manisch depressiv“. Der Spiegel behauptet**, „ab dem 20. Lebensjahr“. Verschiedene Kuren, auch vom Vater unterstützt, schlugen offenbar nicht an. Bei seinem Todessprung sei Knut „mit Tabletten vollgestopft“ gewesen, meint Blin. Eigentlich hätte es der begabte Sohn „weit bringen können, bis zum Weltmeister“, versichert er dem Züricher Reporter.* Der bohrt rücksichtsvoll nicht nach. Jürgen Blins eigener Vater war ein Melker und Säufer gewesen, der seinen Sprößling mit Prügeln zur Mitarbeit trieb. In den häufig wechselnden Schulen wurde der „stinkende“ Melkersohn gehänselt. „Ich war vollkommen verstört“, zitiert ihn der Spiegel. „Oft ging ich in den Wald und heulte.“ Aber dann biß er die Zähne zusammen und zeigt es der Welt, darunter eine Million und drei Söhne.

* Gespräch mit dem Blick, Zürich, 30. August 2014
** Michele Coviello, „Der schlimmste Gegner ist die Langweile“, Spiegel, 26. Dezember 2011



Bliss, Philip Paul 38 (1838–76), frommer US-Kompo-nist. Am 29. Dezember 1876 kämpfte sich der Pacific Express von Erie aus durch die verschneiten Bundes-staaten Pennsylvania und Ohio. Aber der Schnee war noch nicht das Schlimmste. Vor dem Städtchen Ashtabula, damals 2.000 EinwohnerInnen, führte eine erst vor rund 10 Jahren errichtete schmiedeeiserne Fachwerkbrücke über die Schlucht des Ashtabula Rivers, Spannweite 47, Höhe im Schnitt 20 Meter. Als der mit rund 150 Personen besetzte Zug sie befuhr, brach sie aufgrund von Konstruktions- und Baufehlern, wie sich später herausstellte, zusammen und riß den Zug mit sich in die Tiefe. Wegen der Öfen in den Waggons ging er sofort in Flammen auf. Die Hitze des Infernos ließ selbst die Eisdecke des Flusses schmelzen; etliche in den Trümmern eingesperrte Insassen ertranken. Andere verbrannten oder brachen sich das Genick.

Im ganzen wurden wahrscheinlich 92 Menschen getötet, über 60 verletzt. Den für Bau und Wartung der Brücke verantwortlichen Chefingenieur der Lake Shore & Michigan Southern Railway, Charles Collins, fand man drei Wochen später mit einer tödlichen Schußwunde am Kopf in seinem Bett auf. Man sprach von Selbstmord aus Gewissensnot. Allerdings wiesen der Tatort und andere Umstände einige offensichtliche Ungereimtheiten auf, die die New York Times noch knapp zwei Jahre später veranlaßten, ein „foul play“ zu vermuten, also einen vertuschten Mord.* Vielleicht wollte jemand Racheengel spielen oder Enthüllungen vor dem amtlichen Untersuchungsausschuß verhindern. Collins‘ Vorgänger Amasa Stone, Mitkonstrukteur der Brücke und dann zum Direktor der Eisenbahngesellschaft aufgestiegen, brachte sich 1883, knapp sieben Jahre später um. Beide Männer – juristisch nie belangt – sollen in der Tat stark an Schuldgefühlen und Selbstzweifeln gelitten haben.

Zu den Todesopfern aus dem Zug zählten der 38jährige Komponist und Evangelist Philip Paul Bliss und dessen Frau Lucy Jane, geb. Young, 35. Mister Bliss aus Pennsylvania, ein Sohn der Unterschicht, hatte sich in seiner Jugend ziemlich zeitgleich für Musik und Religion erwärmt. Nun zog er schon seit etlichen Jahren mit methodistischen oder presbyterianischen Erweckungs-predigern im Nordosten umher, schrieb viele fromme Lieder, teils auf eigene Texte. Als sein Waggon über die Brücke ratterte, hatte er vielleicht gerade über so etwas wie „Eine feste Burg ist unser Gott“ nachgedacht. Den Gospelsong „Hold the Fort“, von Erzählungen des Majors Daniel Webster Whittle aus dem Bürgerkrieg angeregt, hatte er bereits geschrieben. Oder er beugte sich im Abteil gerade zu einem Kind vor, deutete mit dem Daumen auf seine eigene Brust und erklärte dem Kind unter Kopfnicken: „Jesus Loves Even Me“. So der Titel eines anderen Bliss-Liedes. Dann krachte es.

* NYT, 24. November 1878


Blochwitz, Martin c.27 (1602–29), sächsischer Mediziner und Holunderfreund. Er kam aus wohlhabender Familie in Großenhain, machte seinen Doktor der Medizin in Basel und ließ sich 1628 in Oschatz, damals 3.500 EinwohnerInnen stark, als „Stadtphysikus“ nieder, also gleichsam als Amtsarzt. Das Städtchen an der Döllnitz liegt auf halbem Wege zwischen Leipzig und Dresden. Nach Krüger-Mlaouhia war Blochwitz auf der Hohen Straße mit einem „Geschirr von fünf Pferden und drei Knechten“ aus dem damaligen Hayn eingetroffen. Doch schon ein Jahr darauf sei er, 27jährig, gestorben, möglicherweise an der damals in Sachsen wütenden Pest, man weiß es nicht genau. Jedenfalls habe ihm da auch der geliebte, von ihm hochgepriesene Holunder nicht mehr geholfen.*

Blochwitz‘ Arbeit Anatomia Sambuci, zwei Jahre nach seinem Tod von seinem Bruder Johann herausgegeben, gilt noch heute als wichtiges, erstaunlich gründliches Standardwerk über den Holunder. Es behandelt Botanik, Zubereitungsarten und Heilanwendungen des bekannten Busches, der bei uns Ende Juni an jeder Straßenecke blüht, weshalb man bequem seine Nase in ihn stecken kann, weil die weißen Doldenblüten recht lieblich duften. Mein Großvater Heinrich setzte aus den getrockneten Blüten Jahr für Jahr unermüdlich eine Art Limonade an, die wir „Holundersprutz“ nannten, wobei er es zur Freude der Bettenhäuser Zahnärzte nicht an Zucker fehlen ließ. Blochwitz‘ Heilempfehlungen sollen, Wikipedia zufolge, auf so gut wie alles abzielen: Brust- und Gebärmutter-erkrankungen, Erfrierungen, Geschwulstleiden, Infektionskrankheiten, Lungen-, Magen-, Darm-, Milz- und Gallenerkrankungen, psychischen Erkrankungen, Schlaganfall und Lähmungen, Steinleiden, Schwindsucht, unklares Fieber und Schmerzen, Vergiftungen, Verletzungen, Wurmbefall – und ja, sogar Zahnschmerzen.

Vor Jahren beging ich in einem Herbst beim Wandern aus Durst den Fehler, die kleinen blauschwarzen Beeren des Holunders in mich hineinzustopfen. Das ließ ich rasch sein, weil mir auf der Stelle schlecht wurde. Jetzt weiß ich, man sollte die Beeren nie roh essen, weil sie ein Gift enthalten. Hätte ich schon damals stets ein Fläschen Olbas mit mir geführt, wäre meine Leidenszeit von zwei Stunden auf zwei Minuten verkürzt worden. Ein paar Tropfen dieses Destillats aus Pfefferminz-, Cajeput- und Eukalyptusöl wirken fast immer Wunder – gerade so, wie Blochwitz zufolge beim Holunder. Sie glauben es nicht? Ja, wenn Sie ungläubig sind, hilft ihnen überhaupt kein Medikament, und schon gar nicht eine Atemschutzmaske. Der geschäftsführende Ausschuß des in Deutschland maßgeblichen Kapitals, derzeit mit Merkel-Scholz-Seehofer besetzt, wird uns den Unglauben schon noch austreiben.

Nebenbei soll Bruder Johann Blochwitz, Physikus in Großenhain, gleichfalls schon frühzeitig heimberufen worden sein: 1634 mit 29. Auch in seinem Fall wird die Pest verdächtigt.

* Kathrin Krüger-Mlaouhia, „Warum ein neuer Holunder Blochwitz heißt“, sächsische.de (Dresden), 26. Juli 2013


Blodek, Vilém 39 (1834–74), tschechischer Flötist und Komponist, der im Irrenhaus landete. Vielleicht ist das kein Wunder, denn ehrlich gesagt, ist die Flöte auch dann zumindest streckenweise eine Nervensäge, wenn sie einer 20 mal besser beherrscht, als es mir selber vergönnt war. Vor allem in der zweiten und dritten Lage klingt sie oft unangenehm schrill. Blodek machte vor allem durch ein D-Dur-Flötenkonzert und seine einaktige komische Oper V studni (Im Brunnen) auf sich aufmerksam, Libretto vom Schlawiner Karel Sabina, der auch für Smetana schrieb. Ab 1860 war Blodek bestallter Flötenlehrer am Prager Konservatorium. Ich muß einräumen, sein Flötenkonzert, veröffentlicht 1862, stammt sicherlich nicht von einem Stümper, und man könnte mir drei Bläserquintette von Franz Danzi dafür bieten, ich würde sie als Produkte eines Langweilers zurückweisen. Aber das Grundproblem klassischer und romantischer Konzertmusik ist dadurch nicht behoben: sie ist für spätkapitalistisch geprägte Gemüter zu spannungslos. Fährt dann ein Blitz in die Idylle, dürfte es so manchen Schäfersmann überfordern. 1865 verheiratete sich Blodek mit seiner Schülerin Marie Doudlebská, und wenige Jahre darauf „brach bei ihm eine Nervenerkrankung aus“, um es mit einem jüngeren Rundfunkbeitrag möglichst schonend und nichtssagend zu formulieren.* Ab 1871 wohnte er im schon erwähnten Irrenhaus. Wenn er in dieser Einrichtung schon bald darauf, mit 39 Jahren, starb, ist man zwar nicht verblüfft, gleichwohl hätte man es gern ein bißchen genauer gewußt.**

* Markéta Kachlíková für Radio Prag, 6. April 2014
** Möglicherweise findet sich Näheres in: Ratibor Budiš, Vilém Blodek, SHV, Prag 1964



Blüher, Peter 32 (1941–74), Fußballtorwart in der DDR-Oberliga, zuletzt beim 1. FC Union Berlin. Wüßten so manche Kandidaten meiner Liste, welchen Aufwand ich treibe, um an ein paar magere Auspolsterungen ihres Internet-Gerippes zu kommen, wären sie möglicherweise gerührt – oder erbost. Torsteher Blüher soll 1,85 lang gewesen sein, das erfährt man immerhin. Wo seine Wiege stand, habe ich erst mit Hilfe einer freundlichen Stadtarchivarin aus Finsterwalde herausgefunden: ebendort. Im Internet hieß es nämlich, die Laufbahn des Fußballers habe, wohl vor 1960, bei der BSG Motor Finsterwalde Süd, Bezirk Cottbus, begonnen. In der Tat wuchs Blüher, nach den Recherchen jener Stadtarchivarin Sohn eines Müllermeisters, in Finsterwalde auf. Dort seien die Eltern später auch gestorben. Der Sohn dagegen landete, über die Station SC Motor Jena, 1965 bei der ruhmreichen Union in Ostberlin. Anscheinend wurde er allerdings schon nach drei Jahren, trotz seiner Jugend, von seinem Stammplatz zwischen den Pfosten verdrängt – es riecht stark nach Konkurrenzkampf, in der DDR mindestens so geadelt wie im Goldenen Westen. Blüher soll dem Verein aber noch bis ungefähr 1971 als untergeordneter Trainer gedient haben. Ob er dann wieder in seinem angeblichen Beruf tätig war, Diplom-Physiker, und wenn ja, bitteschön: wo?, verrät keine Maus. Schlimmer noch wiegt jedoch der Umstand, daß sich niemand bemüßigt fühlt, den Unfall- und/oder Sterbeort des Ex-Fußballers mitzuteilen. Es heißt lediglich, er habe im Frühjahr 1974 einen tödlichen Motorradunfall gehabt, gestorben am 18. Mai. Es muß also keineswegs in Ostberlin, es kann auch in Sibirien oder auf den Bermudas gewesen sein.

Gegenwärtig bemühe ich mich weiterhin unerschrocken um Einzelheiten. Einen Korb holte ich mir bereits am 16. September bei einem Funktionär der Union, der möglicherweise dereinst zu den persönlichen Referenten Walter Ulbrichts zählte: Sie schreiben von einem „angeblichen Motorradunfall“ – ich versichere, dass Peter Blüher bei einem Motorradunfall ums Leben kam. / Darüber hinaus gebe ich Ihnen keine Auskünfte, denn ich erkenne keinen Sinn darin, Peter im Internet wie auch gedruckt in einem „Lexikon der Frühverstorbenen“ darzustellen, auch wenn er als prominenter Sportler durchaus als Person der Zeitgeschichte gelten kann. Ihre Frage zu Einzelheiten des angesprochenen Unfalls schätze ich zudem als eine Unseriosität ein. / Ferner unterhält auch Peter Blühers Familie keinen Kontakt zu uns, sodass ich keine Gelegenheit habe, hier Abstimmungen im Sinne Peters wie auch der Hinterbliebenen vorzunehmen.

Ich dachte zunächst, meinen LeserInnen (falls vorhanden) ersatzweise Trost mit Hilfe eines Musikers bieten zu können – ein klassischer Trugschluß. Der britische Jazzschlagzeuger John Butts (1941–66) spielte eine Zeitlang in England mit etlichen namhaften Gruppen, etwa in den Bands von Ronnie Scott und Tubby Hayes. Im Juni 1966 soll er jedoch nach Bermuda gegangen sein – man könnte glauben, um sich dort so rasch wie möglich totzufahren. Wie zu lesen ist, wirkte er nun in der Combo von Joe Wylie mit. Laut einem Artikel der NYT vom 1. Februar 1985 präsentierte der Pianist aus Schottland rund 25 Jahre lang Musikshows im dortigen Hotel Princess. Die zum UK gehörende Inselgruppe Bermuda(s) liegt auf Höhe der US-Südstaaten im Atlantischen Ozean. Die langge-streckte Hauptinsel, „Grand Bermuda“, mißt ungefähr zwei mal 19 Kilometer. Auf ihr soll der 25jährige am Jahresende einen Motorradunfall erlitten haben. Jegliche Einzelheiten sucht man (auch in diesem Fall) vergebens.


Blume, Joaquín 25 (1933–59), erfolgreicher spanischer Turner. Mit Kameraden von Barcelona zu einer Sportschau in Madrid unterwegs, stürzt seine Maschine bei Cuenca in ein Gebirge. Angeblich hatte der Pilot wegen eines Unwetters und schlechter Sicht Höhe verloren und eine Bergspitze gestreift. Alle 28 Personen an Bord starben. Darunter befand sich auch Blumes Ehefrau, die Turnerin María José Bonet, die gerade mit ihrem zweiten Kind schwanger ging.* Abtreibungen sind verboten; Flugzeug-abstürze nicht.

* Xavier Catalán für FC Barcelona, 29. April 2009


Bocăneț, Alexandru 33 (1944–77), rumänischer Film-regisseur. Am Abend des 4. März 1977 wurde Rumänien von einem Erdbeben heimgesucht, das unter anderem in der Hauptstadt Bukarest für beträchtliche Zerstörungen sorgte. Hier zählten auch einige „Prominente“ zu den im ganzen rund 1.500 Todesopfern und über 10.000 Verletzten, unter jenen der 51jährige Bühnen- und Filmschauspieler Toma Caragiu. Dessen Stärke sollen komische Rollen gewesen sein. Laut Markus Bauer* stieß Caragiu am verhängnisvollen Freitagabend in seiner Wohnung gerade mit einem Freund, eben dem Filme- und TV-Show-Macher Bocăneț, auf das Ende von jüngsten Dreharbeiten an, als das Gebäude ins Wanken geriet. Beide Männer eilten sofort ins Treppenhaus, wurden jedoch auf ihrer Flucht unter Trümmern begraben, weil ein benachbarter Wohnblock auf Caragius Wohnblock kippte. Die Namen kleiner Leute unter den Opfern sind natürlich nicht im Internet zu haben. Vielleicht sollte man gleichwohl noch den Schriftsteller Anatol E. Baconsky erwähnen, der sich vom Kommunisten zum „Dissidenten“ gewandelt und während der 1970er Jahre eine recht rege Reisetätigkeit in Europa entfaltet hatte. Offensichtlich hatte er aber noch kein Einreiseverbot für sein Heimatland. Das war sein (und seiner Frau Clara) Pech. Zurück in Bukarest, geriet das Ehepaar just dem Erdbeben vom 4. März 1977 in die Klauen. Baconsky war 51. Aber auch der vielversprechende Pianist Tudor Dumitrescu kam bei dieser Katastrophe um*, und der war erst 19.

* „Naturgewalt und Staatswillkür“, NZZ, 4. Mai 2017


Bodrow, Sergei S. 30 (1971–2002), populärer nachsowjetischer Schauspieler und Filmregisseur. In seinem Fall war die Katastrophe ein paar Nummern kleiner; sie erwischte ihn jedoch im Dienst. Der Künstler hatte sich, nach eigener Formel, „Heldentaten, die du vollbringst“ auf die nicht mehr roten Fahnen geschrieben. Im Westen hieß des Genre, in dem er zum Star aufstieg, Actionfilm. Wenn Bodrow außerdem verkündete*, „wir müssen unsere Heimat lieben, allein schon weil sie unsere ist“, gab er den übelriechenden Kern allen Patriotismuses und allen Kapitalismuses zum Besten, den Stolz auf das Eigene. Ob er die mächtige, vor allem aus Eisblöcken, Felsgeröll und Schlamm bestehende Lawine vom 20. September 2002 ebenfalls dazu gerechnet hätte, darf bezweifelt werden. Sie löste sich von einem vergletscherten Kaukasus-Gipfel, in dessen Schatten Bodrow gerade sein jüngstes Werk drehte. Neben der rund 25köpfigen Film-mannschaft überraschte sie auch etliche Einheimische. Das in einer Schlucht liegende „romantische“ Bergdorf Nischni-Karmadon wurde überrollt. Die englische Wikipedia spricht von 125 Todesopfern, darunter der (vorher) blendend aussehende, 30 Jahre alte Bodrow, der Frau, zwei Kinder und vermutlich ein ansehnliches Dollar-Guthaben hinterließ.

* Jens Hartmann, „Sie nannten ihn Bagrow“, Die Welt, 12. Oktober 2002


Bohlen und Halbach, Claus von 29 (1910–40), Nachfahre von „Gründervater“ Friedrich >Krupp und Hitlersoldat, aufgewachsen in der bekannten Essener Villa Hügel. Nach dem sogenannten „Anschluß“ Österreichs (im Frühjahr 1938) war das dritte Kind von Bertha und Gustav Krupp endlich in der Lage, die Leitung der Berndorfer Metallwarenfabrik und die Führung Sita von Medingers zu übernehmen, die zufällig aus dem österreichischen Adel kam. Er heiratete sie – Ende September, und machte ihr gleich einen Sohn. Das war auch höchste Zeit gewesen, weil schon im folgenden Jahr ein Krieg ausbrach, den eigentlich keiner gewollt hatte. Zwar fiel der Oberleutnant der Luftwaffe Claus von Bohlen und Halbach nicht an der Front (er war bereits in Polen mit dabei gewesen)*, jedoch in der Eifel, wo er Anfang 1940, als Pilot, eine neue Atemschutzmaske zu testen hatte. Bei einem Flug am 10. Januar versagte sie leider, wohl wegen Vereisung, so gründlich, daß Von Bohlen, noch keine 30, in Ohnmacht – und seine Messerschmitt Bf 109, beim Dorf Metterich (bei Bitburg), fast kopfüber, wie ein Wanderfalke, in einen Wald fiel. So hatte der Faschismus einen Märtyrer mehr – oder zwei, denn ein Ko-Pilot soll ebenfalls gestorben sein. 1957 bekam Von Bohlen im Wald einen Gedenkstein: Genau an der Stelle, an der er „so tragisch ums Leben kam“, wie Herr Schloss- und Plattmacher betont.* Wieder war eine finstere Naturgewalt in den unschuldigen Wald gefahren.

Nebenbei war das neuentwickelte einsitzige Jagdflugzeug aus Bayern schon durchaus erfolgreich bei der berüch-tigten Legion Condor in Spanien und beim erwähnten Überfall auf Polen eingesetzt worden – dort vermutlich noch mit Cläuschen. War diese Waghalsigkeit nicht vermeidbar? In Freundeskreisen der Luftwaffe wird offenbar nicht völlig geleugnet, daß Sprößlinge von Industriekapitänen mitunter in den Genuß von Vergünsti-gungen kamen oder gar Verschonung erlangten.** Ich habe jedoch den Eindruck, in der Regel warfen sie sich durchaus ähnlich begeistert in die Schlacht wie die meisten Kleinen Männer. Vermutlich gilt das auch für Ludwig Opel, gleichfalls Oberleutnant, im übrigen Radrennfahrer. Er „fiel“ einen Weltkrieg früher (1916) mit 36 – ebenfalls an der Ostfront, möglicherweise vom Pferd, wenn nicht vom Fahrradsattel. Selbstverständlich sind bei diesen Sprößlingen auch Selbstmordmotive denkbar. Ich habe freilich wenig Lust, dieser Alternative nachzugehen.

* Gereon Schlossmacher, „Wo ein Krupp in der Eifel starb“, Trierischer Volksfreund, 8. April 2009
** Luftwaffe-Forum 12 O‘Glock High!, 26./27. April 2007



Böhm, Christine 25 (1954–79). Die Wiener Bühnen- und Filmschauspielerin erholte sich im Sommer 1979 am Lago Maggiore im Tessin. Sie hatte bereits in mehreren Filmen mitgewirkt, so 1976 an Fritz Umgelters Fernseh-krimi Ein Badeunfall, 1977 an Tod oder Freiheit, ein Kostümfilm nach Schillers Räubern, in welchem Böhm die Rebellenbraut Maria zu mimen hatte. Nun überkam sie ausgerechnet am letzten Urlaubstag, einem Sonntag, die Lust, mit zwei Freundinnen in einem „kristallklaren“ Bergsee oberhalb der Ortschaft Riveo zu schwimmen. Es war der 5. August 1979. Tags zuvor hatte BRD-Mittelstreckler Harald Schmid, Gelnhausen, etwas weiter südlich, in Turin, gerade einen neuen Europarekord über 400 m Hürden aufgestellt, 47,85 Sekunden. Die 25jährige „abenteuerlustige“ Wiener Schauspielerin dagegen erklimmt barfuß einen „turmhohen“ Felsen über einem Wasserfall, meldete die Krone am Dienstag.* Plötzlich sei sie wohl an einer glitschigen Stelle ausgerutscht und „30 Meter tief den Wasserfall hinabgestürzt“. Badegäste am unteren See hätten sie nur noch tot aus dem Wasser ziehen können. Gleichwohl habe sich ihr Vater Maxi Böhm nach Erhalt der Unfallnachricht noch in der Nacht mit seinem Sohn Max ins Auto geworfen und sei in die Schweiz „gerast“. Das ist die richtige Reaktion, sage ich dazu. Wie es aussieht, kamen die beiden sogar heil im Tessin an. Neuer Europarekord.

Ein Jahr nach dem Tod seiner Schwester muß Max Böhm, laut Krone Diplomkaufmann, geboren 1949, allerdings verdammt ungemütlich zumute gewesen sein, denn am 7. Mai 1980 soll er sich erschossen haben. Als Motiv wird der beliebte Gummigrund „Depressionen“ angeführt. Daran soll schon sein zumindest in Wien berühmter Vater Maxi gelitten haben, ein Schauspieler, Kabarettist und Komiker, der 1982 mit 66 Jahren einem Herzinfarkt erlag. Lustig war er also, der Senior, vor allem, als er drei Kinder zeugte.

* Hannes Krautzer / Karl Wendl: „Tochter von Maxi Böhm stürzte in Wasserfall!“, Neue Kronen Zeitung, Wien, 7. August 1979


Böhm, Hans c.20/25 († 1476), genannt Pauker/Pfeifer von Niklashausen, fränkisch-schwäbischer Viehhirte, Musiker, Prediger, Massenagitator. Wie es der Zufall so will, liegt Niklashausen im schönen Taubertal, dabei nur 10 Kilometer nördlich der Kreisstadt Tauberbischofsheim, in welcher der Degenfechter Elmar >Beierstettel bekanntlich bis 1985 das Rauschgift-Dezernat der Kripo leitete. Was hätte Beierstettel wohl mit dem Aufwiegler Böhm gemacht? Der hatte in wenigen Monaten Zehntausende von armen Schluckern begeistert und zu seinen Anhängern gewonnen, weil er gegen die Habgier der Fürsten und Pfaffen wetterte und eine Ausbreitung von Gemeineigentum und überhaupt Gleichheit forderte – fast ein frühkommunistisches Programm. Immerhin 16.000 seiner Anhänger sollen im Juli 1476 sogar nach Würzburg gewallfahrtet sein, um beim Fürstbischof die Freilassung des jungen, als „Schwärmer“ getarnten Agitators zu erwirken. Der Herrscher ließ sie zunächst trösten, dann jedoch beim Abzug blutig verjagen. Ihr Leitstern, Böhm, wurde wenige Tage später als Ketzer verbrannt.

Um auf Beierstettel zurück zu kommen, soll er hin und wieder einen gewissen „autoritären“ Zug seines berühmten Trainers Emil Beck beklagt haben.* Ich fürchte jedoch, zu einer Fluchthilfe für den gefangen genommenen Böhm, ihn etwa mit dem Degen herauszuhauen, hätte das nicht ganz gereicht. Über Böhm, von dem wir wenig wissen, ist schon viel geschrieben worden. Einen guten Überblick scheint mir der Artikel über ihn in der deutschen Wikipedia zu geben.

* Richard Möll, Die Fecht-Legende von Tauberbischofsheim, Elztal 1987, S. 123


Bohnke, Emil 39 (1888–1928). Sowohl die Bankiers-tochter Lilli von Mendelssohn, 30, wie ihr Gatte Emil Bohnke, Sohn eines Textilfabrikanten, spielten Geige. Er trat zudem als Dirigent und Komponist hervor. Sie lebten in Berlin, wo sie sich zuletzt eine potthäßliche Villa erbaut hatten. Im Frühjahr 1928 reisten sie per Auto durch Mecklenburg, um nach einem umso hübscheren Sommerquartier Ausschau zu halten. Nach einer Meldung des Berliner Tageblatts vom 12. Mai hatten sie einen Chauffeur. Bei Pasewalk (Nähe Stettin) erlitten sie einen tödlichen Unfall, weil sie es wegen der nahenden Dunkel-heit eilig hatten, zudem, angeblich, einen „Steuerbruch“ hinnehmen mußten. Der schleudernde Wagen sei gegen einen Baum „gerast“ und mit Überschlägen im Chausseegraben gelandet. Das war „ein schwerer Verlust für das Berliner Musikleben“, stellte das Tageblatt fest. Der Chauffeur kam offenbar mit vergleichsweise glimpflichen Verletzungen davon. So hatte das Berliner Proletariat keinen schweren Verlust zu beklagen.

Das Ehepaar ließ drei Kinder zurück. Sohn Robert-Alexander war damals ein Jahr alt. Der Junior wurde Pianist, lehrte in Freiburg/Breisgau, wohnte jedoch in Tübingen, wo er 2004 mit 77 starb. Arm und besonders einsichtsvoll kann er nicht gewesen sein. Bohnkes langjähriger Mechaniker Bösl erzählt* von mehreren Nobelkarossen der Marke Rolls-Royce, die der Künstler im Laufe der Jahre gefahren – und mit denen er mehrere Unfälle erlebt habe. Einmal durfte ihn Bösl sogar mit nach London begleiten, um ihn beim Kauf zu beraten und den neuen Wagen halbwegs sicher nach Tübingen zu bringen. „Wissen Sie, warum er immer Rolls-Royce fuhr? Seine Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben. Er hat gesagt, ich fahre ein so stabiles Auto, dass das nicht nochmal passiert.“

* Laura Herrmann, „Zum Rolls-Royce-Kauf nach London“, Schwäbisches Tagblatt, 6. Juni 2009


Böken, Jenny 18 (1989–2008), Sanitätsoffiziersan-wärterin der Deutschen Marine. Die knapp 19jährige Jungsoldatin geht am 3. September 2008 gegen Mitternacht unter bis heute umstrittenen Umständen vor Norderney auf einem bekannten sogenannten Schulschiff über Bord und kommt in der Nordsee um, falls sie bis dahin noch lebte. So oder so, alle Welt faselt wieder einmal von einem „tragischen“ Un- oder Vorfall. Wenn hier aber etwas tragisch war, dann die folgenden Entschlüsse Jennys: 1. sich ihre Brötchen ausgerechnet emanzipato-risch, nämlich als Soldatin zu verdienen, 2. ihre Ausbildung ausgerechnet im Geiste des schreibenden Seehelden Gorch >Fock vornehmen zu lassen, 3. die Ranghöhe anzustreben, die es Arschlöchern gestattet, als Dr. der Germanistik oder als Oberstabsärztin der Marine gebührend auf alle anderen Arschlöcher herabzusehen.

Das Unglück geschah in mäßig stürmischer, ansonsten stockdunkler Nacht bei Fahrt unter vollen Segeln. Augenzeugen gab es angeblich nicht. Ein Kamerad sah bloß einen Schatten über der Reling des Oberdecks verschwinden und zog daraus die beinahe richtige Schlußfolgerung: Mann über Bord. Trotz sofortiger Rettungsmaßnahmen wurde die junge blonde „Kadettin“ aus dem Raum Aachen, die zur Segelwache vor Mitternacht gezählt hatte, erst nach rund 11 Tagen bei Helgoland, 120 Kilometer entfernt, aus dem Meer gezogen, von einem Fischerei-Forschungsschiff, natürlich als Leiche. Bei der Obduktion soll sich in der Lunge der angeblich Ertrunkenen erstaunlicherweise nicht ein Tropfen Wasser gefunden haben. Die Eltern bezweifelten die Güte der Rettungsmaßnahmen und verwiesen in den folgenden Jahren auf weitere (angebliche) Ungereimt-heiten, bissen mit ihren juristischen Anstrengungen jedoch auf Granit.

Für die Behörden, darunter die Kieler Staatsanwaltschaft, war es ein Unfall, möglicherweise auf Übermüdung oder sonst einen Schwächeanfall der Wache schiebenden Kadettin zurückzuführen. Für eine Straftat hätten sich keine Anhaltspunkte gefunden. Einige BeobachterInnen weisen allerdings auf die Tatsachen, vielleicht auch nur Gerüchte hin, wonach Böken damals an Unterleibs-schmerzen und Schlaflosigkeit gelitten habe und erst am Unglückstag vom Schiffsarzt wieder diensttauglich geschrieben worden sei. François Duchateau zufolge* sind später, nach Böken, auch etliche Beweismittel über Bord gegangen, darunter Dokumente aus der Krankenakte, aber auch Bökens Unterwäsche und ihr privates Tagebuch. Der Fall bleibe „mysteriös“. In Bökens Umfeld ist von ihrem Ruf als wenig attraktives und eher unsportliches Objekt der Begierde beziehungsweise des Mobbings die Rede. Vielleicht befand sie sich ja bereits in dem Krieg, für den sie gerade erst ausgebildet wurde. Das hieße, jemand habe sie zur Verhütung unschöner Enthüllungen über besonders derbe Schiffssitten über die Reling springen lassen, oder aber, sie habe dasselbe Resultat „freiwillig“ erzielt. Vater Uwe Böken scheint nach wie vor das erstere zu glauben: man habe Jenny vergewaltigt und, zwecks Vertuschung, „entsorgt“. Er will in seinen Aufklärungsbemühungen nicht locker lassen.**

Gut zwei Jahre nach Jennys Tod, am 7. November 2010, kommt die Gorch Fock schon wieder ins Gerede. Die 25 Jahre alte Kadettin Sarah Seele stürzt am Vormittag beim „Aufentern“ in der Takelage aus 27 Metern Höhe aufs Deck. Diesmal lag das Schulschiff im Hafen von Salvador da Bahia in Brasilien. Seele starb am Unfalltag im dortigen Krankenhaus. Auch sie soll zum Unfallzeitpunkt dienstuntauglich gewesen sein. Außerdem hatte sie bestenfalls 1,58 Meter gemessen und damit eigentlich nicht den Zugangsbestimmungen entsprochen. An beiden buchstäblichen Fällen aufgehängt – denen von Böken und von Seele – äußert Ferdinand Knauß*** im Hinblick auf die „Tauglichkeits“-Prüfungen bei Marine und Bundes-wehr überhaupt einen starken Verdacht auf sachfremde oder sonstwie unlautere Motive bei den jeweiligen Verantwortlichen, sprich auf Korruption. Trifft das zu, wären die entsprechenden Vertuschungsbemühungen natürlich nicht sonderlich verblüffend. Auch bei Seeles Sturz konnte die Staatsanwaltschaft keine Fahrlässigkeiten Dritter erblicken.

* „Warum war Jenny Böken überhaupt an Deck?“, welt.de, 22. Oktober 2014
** „Vater von Jenny Böken ...“, rtl.de, 5. September 2020
*** „Was hat die Bundeswehr zu verbergen?“, WirtschaftsWoche, 23. Oktober 2014



Boldt, Erich 28 (1933–61). Vorausgesetzt, die Geschichte stimmt, traf der junge Feldwebel und Sprengmeister der Bundeswehr am 16. November 1961 die Entscheidung, sein Leben für andere aufs Spiel zu setzen, in ähnlicher Blitzesschnelle wie etwa US-Jäger-Pilot Richard W. >Higgins vier Jahre früher in seiner rauchenden Maschine über der bayerischen Stadt Fürstenfeldbruck. Boldt nahm auf dem Truppenübungsplatz Putlos, Schleswig-Holstein, gerade ein „Gewöhnungssprengen“ vor. Als er in diesem Rahmen mit zwei auszubildenden Soldaten im Deckungs-graben stand, rollte eine bereits gezündete Ladung, warum auch immer, in den Deckungsgraben zurück. Boldt warf sich sofort auf sie, wodurch er seinen beiden Schützlingen das Leben rettete. Sie blieben nahezu unverletzt, während Boldt starb. Kriegsminister Franz Josef Strauß, bekannter Hätscheler des „Witwenmachers“ Starfighter, versicherte Boldts Witwe umgehend, man werde dessen „vorbildliche Pflichterfüllung“ (!) nie vergessen. Zur Benennung einer Kaserne (und Unteroffizierschule des Heeres) in der sächsischen Kreisstadt Delitzsch nach dem holsteiner Helden kam es allerdings erst 1992, also nach der berüchtigten „Wende“ (vom kalten zum wiederaufge-wärmten Krieg). Bis 1990, so Ditmar Wohlgemuth*, trug diese Kaserne den Namen des in Eilenburg (bei Leipzig) geborenen kommunistischen Widerstandskämpfers Kurt Bennewitz, der noch kurz vor Kriegsende von der SS ermordet worden war.

* „Gedenkminute in der Kaserne“, Leipziger Volkszeitung, 15. November 2011


Böll, Raimund 35 (1947–82). Der Schriftsteller Heinrich Böll hatte vier Kinder, alles Söhne. Der erste, Christoph, soll bereits in seinem Geburtsjahr gestorben sein, 1945. Raimund war der zweite – und man kann nicht gerade sagen, er sei beträchtlich älter geworden. Er studierte in Köln Bildhauerei, bekam just wie sein Erzeuger im Zuge der Baader-Meinhof-Hysterie einige Kübel Jauche über den Kopf, wich 1976 in die Schweiz aus – aber das hinderte den Krebs, wie man liest, nicht daran, auch in den Alpen an ihm zu nagen. Daran starb er mit 35, wohl Leukämie. Seine jüngeren Brüder René und Vincent, um 70, scheinen noch zu leben. Die Bildhauerschule, die Raimund in Hochwald (SO) betrieb, soll sich erklärtermaßen als „anthroposophische“ Einrichtung verstanden haben. Somit war er Christ wie sein berühmter Vater. Auch das hat ihm offensichtlich nicht viel genützt. Aber dem werden sicherlich so manche LeserInnen widersprechen. Man könne die Schule des Leidens, auch Leben genannt, schließlich sowenig nach ihrem „Nutzwert“ wiegen wie die eine oder andere Erlösung, die uns, vielleicht, nach ihr winkt.


Bolotin, Jacob 36 (1888–1924). Um 2007 schenkte mir ein Gartennachbar hübsche leuchtend bunte Peperoni. Ich wusch sie in meiner Vogeltränke und dachte über das Pfannengericht nach, das ich mir vielleicht zubereiten könnte. Dabei rieb ich mir wohl unwillkürlich irgendeine Mißempfindung aus einem Augenwinkel, wie man es sicherlich dutzende Male am Tage tut. Aber schon meinte ich, in Flammen zu stehen. Ich knickte zusammen, wälzte mich im Gras und sah meinen Garten nur noch bruch-stück- oder nebelhaft. „Wasser! Wasser!“ durchfuhr es mich immerhin. Glücklicherweise mied ich die Vogel-tränke, tappte stattdessen stöhnend zu meinem 5-Liter-Kanister auf der Hütten-Veranda, der noch halb voll war. Ich goß ihn nach und nach in meine Schüssel und wusch mir in den nächsten Minuten halbwegs das brennende Auge aus. Nach einer Viertelstunde hatte ich den Eindruck, mein Auge sei gerettet.

Seit diesem Denkzettel fällt mir die „Empathie“ mit Einäugigen leichter – was es jedoch bedeutet, von Geburt an völlig blind zu sein, zumal um 1900, übersteigt nach wie vor mein Vorstellungsvermögen. Bolotin, Sohn von polnischen Einwanderern in Illinois, USA, erkämpfte sich damals sogar eine medizinische Ausbildung und, als erster US-Bürger überhaupt, die Zulassung als Arzt. Er soll sich große Verdienste erworben haben, schon durch sein Vorbild, ferner durch seine teils verblüffend treffenden Diagnosen, viele Vorträge, auch die Schaffung und Leitung einer ausschließlich aus blinden Knaben bestehenden Pfadfindergruppe.

Sein auffälliges Frühsterben scheinen die meisten Quellen zu übergehen. Selbst Deborah Kendricks Bemerkung dazu in ihrer Besprechung* einer Biografie riecht nach Ausflucht. Der blinde Mediziner habe sich offenbar buchstäblich totgearbeitet – „maintaining such a rigorous schedule of seeing patients and giving speeches that his body wore out.“ Zu Bolotins Liebesleben, falls vorhanden, sagt sie nichts. 5.000 Leute seien zu seiner Beerdigung erschienen. Vielleicht war Bolotin, mit 36, weder an Tuberkulose, Herzfehler, „Überarbeitung“, vielmehr an der Verzweiflung über das ihm verordnete Schicksal gestorben, für das es noch nicht einmal einen Hauch an Rechtferti-gung gibt. Vielleicht versagten seine krampfhaften Selbstbeschwichtigungen, nicht seine Organe.

* „The Blind Doctor“, Braille Monitor, Januar 2008


Bolten, Johann Christian 29 (1727–57), norddeutscher Mediziner, „Stadtphysikus“ in Altona. Vor allem aufgrund seines 1751 in Halle erschienenen Werkes Gedancken von psychologischen Curen wird der Sohn eines Pfarrers von Fachleuten unter die Vorläufer der Psychotherapie gezählt. Betrüblicherweise scheint man sich für sein eigenes Seelenleben, Haushaltsführung eingeschlossen, nirgends brennend genug interessiert zu haben, um sich einigen Forschungsaufwand zu verordnen. Auch sein selbst für damalige Verhältnisse recht früher Tod (mit knapp 30) liegt völlig im Dunkeln – dabei war der Mann Arzt! Hatte er sich vielleicht bei einem Kunden angesteckt? Oder an derart starkem Liebeskummer gelitten, daß er sich in die Elbe stürzte? Meine Anfrage ans Stadtarchiv Altona erzielte kein Echo.


Bonington, Richard Parkes 25 (1802–28). Ich schiebe kurz drei Maler ein, damit die Mediziner nicht überhand nehmen. Bonington, ein sehr begabter Landschafter in Öl und Wasserfarben, der teils in Frankreich, teils in seinem Heimatland England arbeitete, wäre sicherlich noch Millionär geworden, hätte ihm nicht mit 25 das Tuberkulose-Bakterium den Garaus gemacht. Sein Freund Eugène Delacroix hielt große Stücke auf ihn. Als Motive liebte Bonington Küstenstriche, und er malte sie so offen, wie es damals nicht die Regel war. Sie wirken weder seitlich noch über dem Meer und dem ausgesprochen hohen Himmel begrenzt. Damit scheinen sie das zu verspotten, was Gemälde und Kunstwerke überhaupt gerade ausmacht: ihre Begrenztheit. Ein Gemälde ist eine geschlossene und deshalb gut überschaubare und angenehm beruhigende Welt für sich – ganz im Gegensatz sowohl zur Natur wie zur Gesellschaft. Auf dem Gemälde, meist eingerahmt, ist die Welt in Ordnung. Wer das Gleiche von der Natur oder der Gesellschaft behaupten wollte, müßte schon blind sein wie >Bolotin.

Boningtons Landsmann Thomas Girtin wurde lediglich zwei Jahre „älter“, und wahrscheinlich starb er 1802, mit 27, gleichfalls an einer Lungenkrankheit, wenn nicht Tuberkulose, dann Asthma. Kenner wie Jay* halten ihn für einen wichtige Vorläufer Boningtons.

Den freizügigen Jugendstil-Illustrator Aubrey Beardsley (um das Wort „pornografisch“ zu vermeiden) braucht man wohl kaum vorzustellen. Der Brite starb 1898 nicht, wie die beiden anderen, in London, sondern in Menton, Südfrankreich: Tuberkulose. Er wurde ebenfalls nur 25, wie Bonington.

* „Richard Parkes Bonington“ im Blog Silvae, 25. Oktober 2010


Bontekoe, Cornelius oder Cornelis c.37 (1647–85), auch „Tee-Doktor“ genannt, also schon wieder ein Arzt, diesmal ein niederländischer. Als Knabe hatte er noch Dekker geheißen, wie sein Vater Gerrit Jansz. Da jedoch an dessen Lebensmittelgeschäft**** in Alkmaar ein Schild mit einer gefleckten Kuh hing, nannte sich Cornelius später mit Zunamen Bontekoe=Buntekuh. Den Grund der Umbenennung kennt auch Stan Verdult nicht.* Bemüht man die Brechstange, weht einen aus jenem Schild bereits der Duft von Heilkräutern an. Auch sonst erscheint die Umbenennung keineswegs abwegig, wenn man den bunten, ja sogar schillernden Werdegang des jungen Mannes bedenkt, der bald als der erwähnte „Tee-Doktor“ Aufsehen erregte, also zusätzlich auch noch einen Spitznamen angeheftet bekam.

Anhänger von Descartes und von heute sogenannten „Naturheilverfahren“, hatte sich Bontekoe vor allem auf die Empfehlung damals noch wenig verbreiteter (und entsprechend teurer) Drogen wie Tee, Kaffee, Kakao und Tabak verlegt. Diese Arznei- und Genußmittel waren zu seiner Zeit so umstritten wie Bontekoe selber. Wahrschein-lich praktizierte er nach seinem Medizinstudium in Leiden nicht zufällig an wechselnden Orten. Zwar hatte er aufgrund seiner neuen drogistischen Behandlungen viel Publikumszuspruch, aber auch viel Ärger mit Kollegen oder Apothekern, die fanden, er grabe ihnen und ihren eigenen, angeblich jeweils individuell zugeschnittenen Mixturen sozusagen das Wasser ab. Bontekoe ging zwei Ehen ein, die in Tod der Gattin und Scheidung endeten, und verfaßte mehrere diagnostische Bücher, die ihm fast aus der Hand gerissen wurden. 1681 zunächst in Hamburg niedergelassen, stieg er im folgenden Jahr in die Schar der Leibärzte des in Berlin oder Potsdam residierenden brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm auf und wurde dazu Professor in Frankfurt/Oder. Doch schon 1685, mit ungefähr 37 Jahren, nimmt er in Berlin ein jähes Ende – er stürzt auf einer Treppe und stirbt daran. War auch hier zuviel Tee im Spiel?

Bei der von Bontekoe in der Regel empfohlenen Dosierung schwanken die Quellen. Mal soll er seinen Patienten lediglich 50, mal 200 Tassen täglich, wahlweise acht bis zehn „Näpfchen“ pro Stunde (Kemper) verordnet haben. Manche skeptischen, vielleicht auch nur mißgünstigen Zeitgenossen hielten Bontekoe ohnehin eher für einen Agenten der holländischen Ostindienkompanie als für einen Arzt. Kemper behauptet**, wie viele Kartesianer habe Bontekoe scharf zwischen Leib und Seele getrennt und jenen als Maschine mit einem Blutkreislauf aufgefaßt, die im Grunde einfach zu bedienen und zu warten sei. Er habe alle Krankheiten auf den im Alter zunehmenden „Scharbock“ oder „Skorbut“ zurückgeführt, weshalb er auch nur noch ein Heilmittel benötigte – eben zum Beispiel das Schmier- und Treibmittel Tee. Auch Kemper merkt Unlauteres an, wenn er versichert, Bontekoe sei an den Tee-Importen nach Deutschland „beteiligt“ gewesen. Fest steht jedenfalls, daß der Holländer entscheidend dazu beitrug, die oben aufgezählten Genußmittel am Berliner Hof einzuführen. Nach Noack/Splett half seine Verord-nung von Tee sogar, das Nierenleiden des Kurfürsten höchstpersönlich „spürbar“ zu mildern (S. 67).*** Dafür scheiterte Bontekoe selber, wenn nicht am üppigen Teegenuß, an der Tücke des Objekts.

Die einzige mir bekannte Quelle, die die näheren Todes-umstände nicht mit der Formel vom „Treppensturz“ übergeht, kam gut 200 Jahre später als Zeitschriften-aufsatz eines just aus Alkmaar stammenden Schriftstellers heraus.**** Danach hielt sich Professor Bontekoe am 13. Januar 1685, von Frankfurt/Oder kommend, besuchsweise in Berlin und im Hause des kurfürstlichen Kunstmalers Jacob Vaillant auf, wo gespeist – und möglicherweise auch viel Tee, wahlweise Wein getrunken wurde. Täuscht mich das Niederländische nicht, wurde Bontekoe in diesem Hause, nachdem er einmal Austreten gegangen war, von seinem Diener und einigen besorgten Gästen am Fuße einer Treppe in einer Blutlache gefunden. Er hatte sich einen Schädelbruch zugezogen und konnte nicht mehr gerettet werden. Finstere Machenschaften werden nirgends geargwöhnt, aber vielleicht war es zu dieser Abendzeit recht dunkel im Haus. Wahrscheinlich sei der Professor auf der ihm unvertrauten Treppe gestolpert und anschließend so schwer abgestürzt, daß er zu Tode kam.

* „Cornelis Bontekoe nam afstand van ‚den Heyloosen‘ Spinoza“, Spinoza-Blog, 25. Mai 2011
** Hans-Georg Kemper: Komische Lyrik – lyrische Komik, Tübingen 2009, S. 56
*** Lothar Noack / Jürgen Splett: Bio-Bibliographien. Branden-burgische Gelehrte der Frühen Neuzeit. Berlin-Cölln 1640-1688, Berlin 1997, S. 65–72
**** Cornelis Willem Bruinvis, „Cornelis Bontekoe, de theedoctor“, in: Elsevier's Geïllustreerd Maandschrift. Jaargang 2, Amsterdam 1892, S. 404–16, bes. 405. Zwar ist das Porträt, das Bruinvis gibt, mit etlichen Fußnoten versehen, allerdings zum Treppensturz ausge-rechnet nicht. Man weiß also nicht unbedingt, woher der Schriftsteller die Einzelheiten weiß. Da er aber, unter anderem, auch Apotheker, Archivar und Stadtrat gewesen sein soll, will ich einmal hoffen, er hat sie nicht erdichtet.



Bontjes van Beek, Cato 22 (1920–43), Keramikerin, Segelfliegerin und Antifaschistin aus Worpswede bei Bremen. Für ihre Aktivitäten im Rahmen der sowjet-freundlichen Organisation Rote Kapelle wurde die Künstlertochter blutjung in Berlin-Plötzensee ermordet. Kopf ab für Plakate kleben, Juden verstecken, „Feindsender“ abhören und ähnliches mehr. Nach dem Krieg wurde die Rote Kapelle zum „monströsen KGB-Spionagering“ aufgeblasen, wie Katja Gloger 2004 in einem Wochenmagazin anmerkt.* Die Tänzerin und Malerin Olga Bontjes van Beek hatte 12 Jahre lang gegen das Land Niedersachsen zu prozessieren, bis sie eine Rehabilitierung ihrer Tochter Cato erwirkte.

Im Sammelband Recht ist, was den Waffen nützt, herausgegeben von Helmut Kramer und Wolfram Wette 2004, wird eins der äußerst dünngesäten Verfahren gegen die faschistische Wehrmachtsjustiz erwähnt, nämlich gegen Generalrichter Dr. Manfred Roeder, mitverant-wortlich für mindestens 45 Todesurteile (von über 70 Todesurteilen?) gegen WiderstandskämpferInnen der Roten Kapelle, die ich ja eben als „sowjetfreundlich“ bezeichnet habe. Das Verfahren wurde 1951 von der Staatsanwaltschaft Lüneburg eingestellt. In der ursprünglichen, nach öffentlichen Protesten etwas abgemilderten Begründung ist zu erfahren, diese Leute seien zu Recht zum Tode verurteilt worden, da Grundlage ihres Wirkens Landesverrat gewesen sei. „Landesverrat hat immer und zu allen Zeiten als das schimpflichste Verbrechen gegolten.“ Darauf, was in dem betreffenden Lande geschieht, kommt es also nicht an. Dein Land kann ein Jauchefaß sein; es kann im Laufe von 30 Jahren 15 Vietnamkriege exportieren – solange es dein eigenes ist, darf es niemand ungestraft beschimpfen.

Ich komme noch einmal auf die Widerstandskämpfer-Innen zurück. Gewiß schlug am 20. Juli 1944 im „Führerhauptquartier“ Wolfsschanze ein Bombenanschlag auf Hitler fehl, für den anschließend etliche hohe Amtsträger der zivilen oder militärischen Art mit ihrem Leben zu büßen hatten, darunter so junge Leute wie Major Egbert Hayessen (30) und Oberst Claus Schenk von Stauffenberg (36), die jedes Kind von Briefmarken oder Schulbüchern her kennt und für große Vorbilder hält. Waren sie also nur durch dumme Zufälle in diese führenden und viel Unheil anrichtenden Positionen des „Dritten Reiches“ gerutscht, während ihnen an der Wiege doch bereits revolutionäre Lieder gesungen worden waren? Selbstverständlich nicht. Diese Leute, die unverschämterweise seit vielen Jahrzehnten den Widerstand gegen den deutschen Faschismus repräsentieren dürfen, gehörten von Hause aus einem reaktionären Club an, dessen Mitglieder alle Mühe hatten, vor dem Einwickeln der Bombe in Butterbrotpapier und deren Verstauung in einer speckigen Aktentasche ihren Ekel vor dem roten Pöbel, dem Bolschewistengesindel, den Pazifistenschweinen zu unterdrücken, mit denen sie möglicherweise, nach Hitlers Beseitigung, gemeinsame Sache zu machen hatten. Diese Aktentasche stellte lediglich ihre nebenbei dilettantisch angebrachte Notbremse dar. Sie bäumten sich in ihren Clubsesseln in letzter Minute auf, um nicht mit in den Abgrund gerissen zu werden. Näheres dazu hat Engelmann schon 1975 ausgeführt.**

Ähnliches gilt für den christlichen, etwas liberaler gesinnten „Kreisauer Kreis“ um den Juristen und Mitarbeiter der Abwehr der deutschen Wehrmacht Helmuth James Graf von Moltke (mit 37 hingerichtet 1945). Dieser Club stand mit den Attentätern in Verbin-dung. Wenn ihn die Konrad-Adenauer-Stiftung auf ihrer Webseite kühn zur „führenden Gruppe des deutschen Widerstands“ gegen den Faschismus erhebt (den sie freilich beschönigend „Nationalsozialismus“ nennt)***, sind auf einen Streich „Hunderttausende“, wie Engelmann schätzt, aus Kreisen der Werktätigen und der linken Intelligenz vom Tisch gewischt, die im Sommer 1944 bereits seit mindestens 10 Jahren aufrichtig und mutig Widerstand geleistet hatten. Tausende davon kamen um.****

* „Die Legende von der ‚Roten Kapelle‘‘‘, stern 8. Juli 2004
** Bernt Engelmann: Einig gegen Recht und Freiheit, Göttinger Ausgabe 2001, S. 282 ff. Neuerdings siehe auch Jutta Ditfurths Börries-von-Münchhausen-Biografie: Der Baron, die Juden und die Nazis, Hamburg 2013, bes. S. 299–306.
*** Artikel „Kreisauer Kreis“ von Wilhelm E. Winterhager, o. J.
**** Ähnlich fragwürdig ist meines Erachtens der Rummel, der teils seit vielen Jahren um jung bis sehr jung ermordete Tagebuch-schreiberInnen gemacht wird, voran die allbekannte Deutsche Anne Frank, 15, ferner beispielsweise die Tschechin Věra Kohnová und die Ungarin Éva Heyman, beide 13. Ich möchte deshalb nicht näher auf diese Opfer eingehen.



Borowski, Tadeusz 28 (1922–51), polnischer Schriftsteller. Nachdem er mehrere deutsche KZs durchlaufen hatte, befreiten ihn US-Soldaten am 1. Mai 1945 in Dachau. Ein Jahr darauf kehrte Borowski nach Warschau zurück, wo er auch seine Jugendliebe Maria Rundo lebend vorfand. Er beeindruckte und schockierte seine LeserInnen zunächst mit sachlich-schmucklosen, dafür streckenweise frivolen Schilderungen der Entmenschlichung, die ihm selbst auf Seiten der Häftlinge begegnet war. Bitte, die Herrschaften zum Gas. Doch dann machte er sich zunehmend die nicht viel menschlicheren Direktiven der Kommunistischen Partei zueigen, die ihn dafür mit einigen Ämtern und Auszeichnungen bedachte. Offenbar bezahlte er diesen Halt mit Selbstverachtung. Vielleicht kamen private Enttäuschungen hinzu. Der polnisch-deutsche Historiker Arno Lustiger glaubt*, Borowski sei an dem Widerspruch zwischen seiner Wahrheitsliebe und seiner Anpassung an das kommu-nistische Regime zerbrochen. „Am 26. Juni 1951 wurde ihm die Tochter Malgorzata geboren, am 1. Juli unternahm er in seiner Küche einen Selbstmordversuch durch Gas.“ Zwei Tage später war „die große Hoffnung der durch Krieg und Verfolgung dezimierten polnischen Literatur“ gestorben.

* „Wer war Tadeusz Borowski?“, Die Welt, 20. Januar 2007


Borsig, Arnold 29 (1867–97). Der junge studierte Fachmann für Bergbau und Hüttenwesen kannte keine Angst vor Erwerbslosigkeit, weil er eine von seinem Großvater August gegründete Berliner Lokomotiv- und Maschinenfabrik, die auch Hütten- und Grubenbetriebe umfaßte, in seinem Rücken beziehungsweise unter sich wußte. Er übernahm die Leitung der Borsig-Werke, gemeinsam mit seinen Brüdern Ernst und Conrad, im Jahr 1894. Zudem fürchtete Borsig keine Arbeitsunfälle. 1897, noch keine 30, wird er, im Verein mit fünf Firmen- oder Kreis-Beamten*, das Opfer eines Grubenbrandes (wohl Gasexplosion) oder der entsprechenden Rettungsarbeiten in der oberschlesischen Hedwigswunschgrube nahe Gleiwitz, heute Gliwice. Die in dieser Gegend benötigten, mit Hilfe einiger Tausend ausländischer Zwangsarbeiter-Innen gefertigten „Kriegslokomotiven“ oder andere Zurüstungen lieferte sein Unternehmen ein paar Jahrzehnte später. Am 10. Dezember 1940, gegen Mittag, konnte man in den Berliner Rheinmetall-Borsig-Werken, so lärmend wie es dort auch sonst zuging, sogar exklusiv einer Rede des damaligen deutschen Reichskanzlers lauschen. Laut Spiegel (1. Juni 2010) war er dabei von Scheinwerfern, Rundfunkmikrophonen und „Geschützrohren“ umgeben.

* Traueranzeige im Zabrzer Kreis-Blatt, 3. April 1897


Bosl, Heinz 28 (1946–75). Er war ein begnadeter Tänzer – mit erbarmungslos kurzer Lebenszeit. Schon um 1970 galt der Badenser als „Kronprinz des deutschen Balletts“. Filmausschnitte zeigen einen ausgesprochen schönen und zudem bescheidenen jungen Mann. Unter schwarzer Mähne strahlten die blausten Augen des Münchner Nationaltheaters. Auf einem feurigen Pferd hätte er Winnetou oder einen Zigeunerbaron geben können. Bosl wird als lebhaft, klug und ritterlich geschildert. Angeblich wußten nur wenige Angehörige und sein Arzt von der niederschmetternden Diagnose, er selbst nie. 1975 starb er, mit 28, an Leukämie. Immerhin sei ihm, so Margot Werner, das Altern erspart geblieben – Schreckgespenst aller TänzerInnen. Werner selbst, die ja noch Sängerin wurde, brachte sich erst mit 74 um. Bosls häufige Bühnenpartnerin Konstanze Vernon rief 1978 die Heinz-Bosl-Stiftung ins Leben, die sich der Nachwuchsförderung im Ballett verschrieben hat.

Bosls Berufskollegin Maria Fris, Primaballerina an der Hamburger Staatsoper, hatte 1961 im selben Alter, 28, Selbstmord begangen. Der Spiegel (Nr. 24) meldete damals: „Sie stürzte sich vom Schnürboden des Opern-hauses achtzehn Meter tief auf die Bühne. Nach einer Sehnenzerrung an beiden Fußgelenken hatte sie längere Zeit pausieren müssen.“

Über Bosl und BerufskünstlerInnen im allgemeinen nachdenkend, Schriftsteller eingeschlossen, fallen mir zwei Gesichtspunkte auf. Zum einen unsere starke Voreinge-nommenheit, die uns jede Wette dazu verleitet, den frühen Tod eines wohlgestalteten und wohlerzogenen Tänzers als härter zu empfinden als den frühen Tod irgendeines Wurzelsepps. Mit Gerechtigkeit hat diese Empfindung wenig zu tun. Man könnte allenfalls behaupten, wenn er schon an Gestalt und Erziehung derart begünstigt wurde, kann er auch ruhig ein paar Jahre früher in die Kiste wandern.

Zum anderen will ich bekennen, daß ich mir aus Berufskünstlern eigentlich nicht mehr viel mache, seit ich Kommunarde wurde und meine antiautoritäre Weltsicht vertiefte. Deshalb muß ich mich auch zu einer „solida-rischen“ Haltung jenen mit mir befreundeten Berufs-künstlern gegenüber zwingen, die neuerdings unter den schwachsinnigen, gleichwohl verbrecherischen Notstandsmaßnahmen unserer Corona-Regime zu leiden haben. Ich muß mich auch zwingen, die Heerscharen von überzüchteten, eitlen und parasitären Geigenvirtuosen oder SpitzensängerInnen zu bedauern, die nun kein Beifall klatschendes Publikum mehr finden oder wenigstens beim Geigen Handschuhe und beim Singen Atemschutzmaske anzulegen haben. Diese Kritik des Berufskünstlertums und der Spezialisierung überhaupt etwas näher auszubreiten, würde im gegebenen Zusammenhang sicherlich zu weit führen. Ich verweise auf meine drei schon weiter oben erwähnten Erzählungen über Freie Republiken: Konräteslust, Mollowina, Pingos.


Bosse, Carl Ferdinand 38 (1755–93). Mein nächster Kandidat paßt hier wie die Faust aufs Auge, war er doch Landschaftsgartenkünstler, ein Friseur der Natur also. Der Niedersachse aus Wolfenbüttel stammte natürlich auch aus einem Gärtnerclan. Nach einigen Lehrjahren hier und dort, selbst in England, heuerte ihn 1784 der Prinz, später Herzog Peter Friedrich Ludwig von Oldenburg an. Im selben Jahr verheiratete sich Bosse mit der Arzttochter Johanne Christiane Friederice geb. Seuter. Sie bekam einen Sohn von ihm. Laut Eberhard Pühl* starb der Senior, mit 38, „nach längerer Krankheit“, Pest oder Corona, wer weiß ...

Für den fürstlichen Hampelmann hatte Bosse Schloß-gärten angelegt oder bereits vorhandene „verbessert“. Im zweiten Fall wird somit erst die Natur verbessert, dann deren Frisur. Als Großtat schreibt man Bosse die Einführung des Rhododendrons im Ammerland zu; Bosses Anpflanzungen unweit der Nordsee hätten das Ammerland überhaupt erst zum bunten Blütenmeer gemacht. Nach meinem Brockhaus (Band 18 von 1992) ist das besagte artenreiche, oft strauchartige Heidekrautgewächs ursprünglich in asiatischen Gebirgen und im gemäßigten Nordamerika beheimatet, also eigentlich weniger in Küstenstrichen wie Nord- oder Ostfriesland. Aber Bosse zwang es eben, sich auch dort heimisch zu fühlen, das nennt man Kultivierung. Die potthäßlichen lederartigen Blätter des Rhododendrons dürften die Anpassung ans rauhe Küstenklima sehr erleichtert haben. In Nordamerika rückte man gern ein Schock der Gattung heraus, um dafür ein paar muskulöse dunkelhäutige Sklaven einzutauschen. Erst lange nach Bosse führte man im östlichen, realsozia-listischen Teil Deutschlands die ekelerregende Blaufichte ein: auch sie ein Geschenk des nordamerikanischen Imperialismus‘, genauer der Rocky Mountains.

* im Biographische Handbuch zur Geschichte des Landes Oldenburg, Hrsg. Hans Friedl, Oldenburg 1992


Fortsetzung (Bot–Brent)
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