Samstag, 26. September 2020
LdF Folge Benu–Blag

Benziane, Sohane 17 (1984–2002), französisches Mord-opfer. Die Tochter kabylischer (algerischer) Einwanderer wurde im Oktober 2002 im Pariser Vorort Vitry-sur-Seine in einem Kellerabteil für Mülltonnen von einem örtlichen Jugendbandenboß, 19, mit Benzin übergossen und angezündet. Laut NZZ war es eine Strafaktion wegen mangelhafter Unterwürfigkeit nach einer Prügelei des Täters mit dem Geliebten Benzianes.* Es gelang dem Opfer noch, brennend aus dem Keller zu fliehen, vor dem ein Kumpel des Täters Schmiere gestanden hatte. Dadurch wurde eine Gruppe von Schülern, die gerade ihren Unterricht hinter sich hatten, Zeuge von Benzianes Todeskampf. Sie starb kurz darauf im Krankenhaus. 2006 wurden Jamal D. und Tony R., beide von maghrebinischer Herkunft, zu 25 beziehungsweise acht Jahren Gefängnis verurteilt. Eine nahe Verwandte des Opfers soll die Lage in den Vorstädten mit den Worten kommentiert haben: „Zuerst haben sie die Mülleimer angezündet. Dann die Autos. Jetzt die Mädchen.“ Sie nahm später an der Einweihung einer Gedenktafel für Benziane teil. Eine Marianne >Bachmeier war offenbar nicht im Gerichtssaal aufgetaucht – man liest nichts dergleichen. Aber immer-hin, es kam zu einigen Zusammenschlüssen von Frauen.

* „Prozess gegen Banlieue-Machismo in Paris“, 10. April 2006


Bergen, Monika 20 (1941–62), Berliner Schauspielerin, Tochter der Volksbühnen-Schauspielerin Erna Breitspre-cher. 1962 war Bergen drauf und dran, sich sowohl auf der Bühne (in Wismar) wie im Film (bei der DEFA) von ihrem Ruf als Kinderstar zu lösen, als sie Ende August an den Folgen eines bei Kyritz geschehenen Verkehrsunfalls ums Leben kam, wie einer Kurzmeldung der Märkischen Volksstimme vom 24. August 1962 zu entnehmen ist. Auf die näheren Umstände des Ereignisses geht die sozialistische Zeitung mit keinem Komma ein – wo käme da das Volk hin! Ohne Autos möglicherweise! Immerhin führt sie mehrere Titel aus der Filmografie der „jungen Künstlerin“ an, darunter, 1960 herausgekommen, Die heute über 40 sind. Bergen schaffte genau die Hälfte: 20.


Berger, Lore 21 (1921–43). Die Baseler Lehrerstochter war eine unbekannte Schriftstellerin – bis sie sich im stadtnahen, auf einer Anhöhe gelegenen Bruderholz sozusagen drehbuchgemäß von einem Wasserturm stürzte. Prompt erbarmte sich daraufhin ein Züricher Verleger eines Romanmanuskriptes der 21jährigen Selbstmörderin und brachte es im folgenden Jahr unter dem Titel Der barmherzige Hügel als Buch heraus. Dessen weibliche Hauptfigur verzweifelt an einem treulosen jungen Rechtsanwalt, ihrem braven, biederen, von Flammen umloderten Vaterland, ihrem mit Todessehnsucht geschwängerten, maßlosen Glücksstreben und ihrer Magersucht, die sie schließlich auf den erwähnten Turm treibt, wenn ich verschiedene BerichterstatterInnen richtig verstanden habe. Somit hatte sich das Werk, wenige Monate nach seiner Vollendung, als Muster oder Generalprobe für den Aufsehen erregenden Abgang seiner Schöpferin erwiesen. Es wurde verschiedentlich gelobt*, 1981 auch verfilmt, wodurch es vermutlich nicht noch besser wurde. 1994 hatte es anscheinend das Glück, von Luise F. Pusch gepusht zu werden. Damit wurde Berger zur Wahnsinnsfrau.

* Iris Meier, „Lieben und leiden auf dem Wasserturm“, bz Basel, 10. November 2017


Berger, Nicole 32 (1934–67), französische Schauspie-lerin. Die Liste ihrer Filmrollen ist bunt und lang, trotz ihres vorzeitigen Todes. Über diesen wissen wir, wie es aussieht, etwas mehr als über das Ende ihrer fünf Jahre früher verunglückten Kollegin Monika Bergen. Danach kam am 8. April 1967 bei Duranville, Eure (Nordfrank-reich) ein Auto von der Straße ab, in dem zwei attraktive Künstlerinnen saßen. Das Auto prallte gegen einen Baum. Die Quellen streiten sich lediglich darüber, wer am Lenkrad saß, Nicole Berger oder die Sängerin Dany Dauberson. Das soll uns aber nicht weiter interessieren. Nur Berger kam um; Dauberson erlitt allerdings schwere Verletzungen, die ihr Karriereende nach sich zogen. Möglicherweise waren die beiden Frauen lesbisch gestimmt, wie man hier und dort liest, aber auch das spielt wohl keine Rolle. Die eine war tot; die andere verkrüppelt. En cas de malheur, Regie Claude Autant-Lara, 1958.

Täuschen mich einige Fotos nicht, war Berger eine meist eher kurzhaarige kecke Blondine, vor der wohl auch die meisten Männer nicht so leicht die Haustür zugeknallt hätten. Doch was hießt hier war? Sie bleibt es für alle Zeiten, jedenfalls solange die Menschheit nicht freiwillig abdankt, um den geplanten Zwangsimpfungen und den implantierten Gegenstücken der WHO-Gedankenlese-geräte zu entgehen. Mit Berger wird nie einer die Vorstellung einer verhärmten 54jährigen mit ausgedörrten Brüsten und Krampfadern verknüpfen. Hierin liegt ein Vorteil des Frühsterbens, der zwar bekannt ist, aber zu selten gewürdigt wird.


Berna, Georg 29 (1836–65), südhessischer Erbe. Was würden Sie machen, wenn nicht Ihre Mutter, vielmehr Ihr Vater schon wenige Tage nach Ihrer Geburt ins Gras bisse? Und wenn er steinreicher Seidenhändler (in Frankfurt am Main) gewesen wäre und Ihnen deshalb ein beträchtliches Vermögen hinterlassen hätte? Gut, Sie würden erst einmal Ihre Volljährigkeit abwarten, vielleicht auch noch Jura studieren, in Bonn. Und dann? Würden Sie das fette Erbe in den Kauf eines Rittergutes stecken, um ebendort eine mustergültige anarchistische Landkommune zu gründen? Nicht ganz. Dr. Georg Berna, inzwischen promoviert, erwarb im Frühjahr 1860 den Familienstammsitz der Freiherren von Edelsheim* in Büdesheim (nordöstlich von Ffm, an der unteren Nidder), weil er es als Ausweis fortschrittlicher landwirtschaftlicher Gesinnung und gleichsam als Stützpunkt für eine Aufsehen erregende Forschungsreise benötigte. Er war nämlich auch geologisch und botanisch interessiert, zudem noch Junggeselle und entsprechend abenteuerlustig. Die Unternehmung fand im nächsten Sommer statt und führte Berna sowie einen Maler und drei anerkannte Wissen-schaftler über Hamburg per Schiff zum Nordkap und wieder zurück. Wissenschaftlicher Leiter der Gruppe war Professor Carl Vogt, Gießen und Genf, ein bekannter 48er Demokrat und Materialist (Spitzname der Gießener Affen-Vogt), der anscheinend gewisse preußische, angeblich auch rassistische Neigungen besaß.** Jedenfalls hatte er kurz vor der Forschungsreise die Ehre, öffentlich von Herrn Karl Marx angepinkelt zu werden.

Nach zeitgenössischen Stichen, die einer jüngeren gründ-lichen und unterhaltsamen Darstellung der Nordlandfahrt beigegeben sind***, trug auch ihr 25jährige Finanzier, wie damals fast jeder liberal oder sozialistisch gestimmte Mann, einen Vollbart. Autor Rolf Haaser schreibt, Berna habe als liebenswürdiger und außerordentlich vielbegabter Mann gegolten. Mit der Reise wollte er sich vorm Eintritt ins knechtende Guts- und Familienleben einen lange gehegten Jugendtraum erfüllen. Der Reiseplan wird im großen und ganzen gut erfüllt. Ende Oktober 1861 trifft Berna wieder in Büdesheim ein, das ihm einen „großen Empfang“ bereitet. Nun packt er zielstrebig die Moderni-sierung von Schloß und Gut an, Dampfmaschinenhalle und neue Wasserversorgung eingeschlossen. „Im Mai 1863 wurde er zum k.u.k. Österreichischen Generalkonsul für das Großherzogtum Hessen ernannt. Im Juni 1864 heiratete er in Kesselstadt die erst 18jährige Marie Christ, Tochter eines wohlsituierten New Yorker Kaufmanns.“ Allerdings hätten die Ehefreuden nicht lange angehalten, weil Berna im Oktober 1865, anderthalb Jahre nach der Hochzeit, in seinem Büdesheimer „Schloß“ der Diphterie erlegen sei. Da war er noch keine 30.

Die bakteriell verursachte Infektionskrankheit Diphterie galt damals noch zurecht als lebensgefährlich. Womöglich hätte man ähnliches von Ehen mit beträchtlich jüngeren Partnern sagen können, aber diese Nagelprobe blieb Berna erspart. Die Witwe lockte später einen echten Grafen auf ihr Schloß, Waldemar Joachim Freimund Graf von Oriola, weshalb sie dann genauso hieß: Anna Marie von Oriola. 1880 soll sie den Maler Arnold Böcklin mit der zweiten Version der heute weltberühmten Toteninsel beauftragt haben. Etwas Geld war also noch da.

* WAS Schöneck, „Kurzer Abriss der Historie des Alten Schlosses“, wohl 2016
** Sarah Scholl im Historischen Lexikon der Schweiz, Stand 2015
*** Rolf Haaser, „Von Bären und Bärten – Carl Vogt und die Nordlandreise des Dr. Georg Berna“, in: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen, 102. Band, Gießen 2017, S. 201–88



Bernall, Cassie 17 (1981–99). Die US-High-Schülerin zählte zu den jungen Leuten, die ihren schwer bewaffneten Mitschülern Eric Harris (18) und Dylan Klebold (17) an einem blutigen Apriltag in der Bibliothek in die Quere kamen. Nach den ersten Schüssen und Verletzten in diesem Teil der Columbine High School (bei Littleton, einem Vorort von Denver, Colorado) muß jemand so etwas wie „Lieber Gott, lieber Gott, laßt mich nach Hause!“ ausgestoßen haben. Damit drängte sich die angebliche Gegenfrage eines ungläubigen Attentäters an Cassie auf: „Du glaubst doch nicht etwa an Gott?“ Doch, habe Cassie erwidert, sie glaube an Gott – und er liebe den Attentäter gleichfalls. Der zögerte aber nicht länger, auch diese fromme Mitschülerin zu töten. Im ganzen kostete der langgeplante Amoklauf 12 Schülern, einem Lehrer und den beiden Attentätern das Leben. Die griffige Geschichte von Cassies Bekennermut wurde alsbald von etlichen Zeugen dementiert beziehungsweise zurechtgerückt, aber da war es schon zu spät. Sie hatte sich bereits in Zeitungen und Fernsehsendungen festgesetzt und bildete dadurch das günstige Fundament für das noch im selben Jahr 1999 veröffentlichte Werk von Cassies frommer und geschäftstüchtiger Mutter Misty Bernall: She Said Yes: The Unlikely Martyrdom of Cassie Bernall. Es wurde zu einem Verkaufsschlager.

Hätte der Hort des Kapitals, der Konkurrenz und der Wertvernichtung dergleichen Amokläufe in Schulen oder Kindergärten nicht ohnehin von sich aus, aufgrund seines aggressiven Wesens hervorgebracht, hätte er sie erfinden müssen. Sie erleichtern die Trauerarbeit. Welche Mühe würde es kosten, all die vielen Tausend, ja Millionen Kinder festzustellen und namhaft zu machen, die zu Hause oder in Übersee zeitig zu verrecken haben, weil es an Frieden, Wasser, Nahrung, Medikamenten, Ärzten oder Geigerzählern fehlt! Hier dagegen, nach einem Amoklauf zu Hause, hat man schon wieder 15 filmreife, mehr oder weniger junge Katastrophenopfer auf einen Schlag, so 2009 in Winnenden bei Stuttgart dank des 17jährigen Tim Kretschmer, oder sogar 26, so 2012 in der Grundschule von Newtown, einer Kleinstadt in Connecticut, wo der 20jährige Adam Lanza seinen großen Auftritt hatte. Lanza hatte zur Eröffnung erst einmal seine Mutter erledigt, eine steinreiche Waffennärrin, mit der er in einer Villa leben mußte. Als die „Tragödie“ vorbei war, weinte sogar Drohnen-Dompteur Barack Obama.

Böse Zungen behaupten, die erwähnten Medikamente fehlten in Übersee, weil die eigenen Leute damit vollgepumpt würden. Da ist etwas daran. Den enormen massenhaften Verbrauch an Psychopharmaka in der Postmoderne bestreitet heute niemand mehr, vom Doping der SportlerInnen, Soldaten und PolitikerInnen einmal völlig abgesehen, und beim Studium der Amokläufer-Biografien drängt sich der Verdacht auf, das große Pillen-Schlucken machte auch vor diesen wahlweise „labi-len“/„depressiven“/„autistischen“ Zeitgenossen nicht Halt. Nimmt man den selten beachteten Umstand hinzu, daß schon der zeitgenössische Säugling mit einer „Basisimp-fung“ zugedröhnt wird, die jedes Fohlen von den vier Beinen würfe, muß man die Postmoderne sogar zu ihrer erstaunlichen Zählebigkeit beglückwünschen.

Lanzas Opferzahl, 26, war übrigens schon vor Cassie Bernalls Tod überboten worden: von dem Australier Martin Bryant. Der 28jährige hübsche blonde Lockenkopf, angeblich geistig minderbemittelt, dafür aber wohlhabend, erschoß am 28. April 1996 in Port Arthur, Tasmanien, nach einem mißlungenen Hauskauf, der ihn ärgerte, an verschiedenen Stellen des beliebten Touristenziels (früher Strafkolonie) wahllos im ganzen 35 Menschen. Am Ende verschanzte er sich just in dem ihm entgangenen Haus und versuchte dasselbe wie auch sich selbst zu verbrennen, was ihm ebenfalls mißlang. Er wurde in das Krankenhaus der Hauptstadt Hobart eingeliefert, in dem bereits rund ein Dutzend Schwerverletzte lagen, die er gleichfalls hinterlassen hatte. Das jüngste Todesopfer Bryants war Madeline Mikac, drei Jahre alt. Das Gericht, das ihn für schuldfähig hielt, verurteilte ihn zu 35 mal Lebenslänglich.


Berneri, Marie-Louise 31 (1918–49), italienische Anarchistin, ab 1936 in London, wo sie als Redakteurin für die Zeitschrift War Commentary arbeitet und einige Bücher schreibt. Sie stirbt unerwartet an einer Infektion im Wochenbett. Das ist natürlich haarsträubend; erinnert nebenbei an Eileen >O‘Shaughnessy. Berneris Vater soll (1937) in Barcelona von Kommunisten erschossen worden sein, wo ja auch Orwell und dessen genannte Gattin mitmischten, erfreulicherweise auf der anarchistischen Seite. Später, in England, war die Tochter angeblich mit Orwell befreundet. Möglicherweise war sie auch Emma Goldman begegnet. Es hätte ihr nicht geschadet, wenn die Bekanntschaften mit solchen Schriftstellern etwas stärker auf sie abgefärbt hätten.

1950 erschien, posthum, Berneris Studie Reise durch Utopia, mit der sie eine recht gründliche Besichtigung von utopischen Gesellschaftsentwürfen aller Epochen vornimmt, von Platons Staat bis zu Huxleys Schöner neuen Welt von 1932. Bei der Abfassung meiner eigenen Utopien (Konräteslust, Mollowina, Pingos) kannte ich Berneris Buch noch nicht; ich glaube jedoch, dadurch sind mir keine wesentlichen Erkenntnisse oder Anregungen entgangen. Der widerwärtige autoritäre Zug der meisten Utopien, die bislang auf uns kamen, war mir sowieso schon klar. Daneben stellt Berneris Werk nicht gerade einen literarischen Hochgenuß dar. Ich denke dabei am wenigsten an die bekannte schlampig Art, in der die deutsche Übersetzung (Renate Orywa) 1982 in einem bekannten Berliner „linken“ Verlag zwischen zwei Buchdeckel gebracht worden ist, also an typografische und editorische Gesichtspunkte. Zum Beispiel bricht der Rücken bereits beim Hineinschnuppern; für den Satzspiegel bedarf es einer Lupe und eines Kompasses; die Fußnoten bieten einen Salat, bei dem man nie weiß, ob sie jetzt von Berneri oder dem sogenannten Herausgeber stammen, dessen Name pietätvoll verschwiegen wird. Berneris stilistisches Vermögen ist eher gering. Man glaubt, die übliche Diplomarbeit zu lesen, was mit Berneris akademischer Ausbildung zusammenhängen mag; sie studierte in Paris Psychologie. Aber gerade an der mangelt es. Zurecht weist Berneri auf die Gleichschaltungsfreude vieler Utopisten hin, doch sie selber ist nur anflugweise imstande, jenen „persönlichen Ausdruck“ zu entwickeln, den Orwell wiederholt anmahnte. Dieser persönliche Zug allein, nicht zu verwechseln mit einer dadaistischen Masche, macht ein Buch wirklich fesselnd. Aber er ist den wenigsten Schriftstellern gegeben. Berneris Darstellungs-kunst stellt also leider die Regel dar, und man sollte nicht länger auf sie einhacken.

Ernest Callenbachs Werk Ökotopia von 1975 (auf deutsch im Rotbuch Verlag erschienen) konnte naturgemäß von Berneri noch nicht berücksichtigt werden. Ich dagegen kannte es durchaus, als ich 2009 Konräteslust in Angriff nahm. Mit diesem Vorhaben – eine zeitgenössische anarchistische Zwergrepublik in Romanform vorzustellen – trug ich mich seit mehreren Jahren und sammelte entsprechend Material. Diszipliniert, wie ich bin, quälte ich mich also auch durch Callenbachs schmalen angeblichen Roman hindurch. Der Berkeley-Lektor und Dozent für Filmfragen siedelte seine im Jahr 1999 spielenden Handlung im Westen der USA an. Zwar legt der abtrün-nige Freistaat Ökotopia mit der Hauptstadt San Francisco Wert auf Dezentralisierung, doch scheint er eine ziemlich gewöhnliche Regierung zu haben. Die Präsidentin an der Spitze gibt die starke Frau. Einmal zeigt sie sich gar bereit, gewisse außenpolitische Maßnahmen „zu verheimlichen“ – nicht unpassend, denn Ökotopia wird ein ausgezeichnet arbeitender Geheimdienst nachgesagt. Das hätte einer anarchistischen Zwergrepublik gerade noch gefehlt.

Auch Recht und Geld spielen bei Callenbach die übliche Rolle. Der Freistaat garantiert ein geringes Grundein-kommen, doch fast alle ÖkotopianerInnen sind offenbar darauf erpicht, es durch Lohnarbeit beträchtlich aufzustocken. Recht befremdlich die ritualisierten Kriegsspiele unter Lebens- oder Arbeitsgemeinschaften, die für Aggressionsabfuhr sorgen sollen. Sie fordern durchschnittlich 50 Tote im Jahr. Gegen äußere Feinde hat Ökotopia Streitkräfte; es sieht oder sah sich ja vor allem von Washington bedroht. Einen guten Eindruck habe ich von den selbstorganisierten und lebensnahen Schulen gewonnen. Interessant auch noch die genormten Wohnröhren (mit ovalem Querschnitt, aber waagrechtem Fußboden), die beliebig kombiniert werden können. Hauptsiedlungsform sind Kleinstädte um 10.000 EinwohnerInnen. Für mein Empfinden schon viel zu groß.

Der Erzähler, ein US-Reporter und -Sonderbotschafter, ist mir unsympathisch; zu eitel. Er läßt sich bekehren und bleibt in Ökotopia. Aber vor allem ist das Buch schlecht geschrieben. Es hat wenig Anschaulichkeit und gar keine Atmosphäre. Entsprechend unglaubwürdig und konstru-iert wirkt dieses Ökotopia. Als Lektor hätte ich Callenbach zu einem Posten als Wohnröhren-Prüfer beim TÜV geraten.


Bernoulli, Jakob II 29 (1759–89), schweizer Gelehrter und Diplomat. Als Sproß einer berühmten Baseler, vor allem aus Mathematikern bestehenden Gelehrtenfamilie, die über die entsprechenden Referenzen und Verbin-dungen verfügte, hatte es Bernoulli keine große Mühe bereitet, 1786 ins „Paradies der Gelehrten“, nämlich in den engsten Gunstbereich des in St. Petersburg regierenden Zaren einzudringen.* Er wurde zunächst Assistent, dann Vollmitglied der dortigen Akademie der Wissenschaften, außerdem Professor für Mathematik und zugleich Lehrer am kaiserlichen Kadettenkorps. Davon hatte er freilich nicht mehr viel, obwohl er auf Anraten von Freunden darauf verzichtete, sich einer von Moulovsky befehligten Expedition über die Meere als Schiffsastronom anzuschließen. Dafür sei seine Gesundheit zu schwach, sagten sie Moritz Cantor zufolge.**

Auch Rudolf Mumenthaler erwähnt die Anfälligkeit des Mathematikers, die ihm schon nach einjährigem Aufenthalt ein lebensbedrohliches Fieber eingebracht habe. Wieder leidlich auf den Beinen, vermählte sich Bernoulli Ende April 1789 mit Charlotte Euler, einer Enkelin des berühmten Mathematikers Leonhard Euler, und verbrachte die folgenden Wochen des ungewöhnlich heißen Frühsommers mit Lotte und wechselnden Gästen überwiegend in einer „Datscha“, die außerhalb des Stadtzentrums, unweit der „Apothekerinsel“, am Ufer der Newa lag. Laut Mumenthaler pflegte er von dort aus mehrmals täglich zu seiner „privaten“, kaum einen Kilometer entfernten Badestelle zu gehen, um zu schwimmen und sich zu erfrischen. Am 3. Juli, nach dem Mittagessen, verfuhr er in Begleitung seines Schwagers Niclaus Fuß nicht anders. Dieser muß allerdings vom Ufer aus unerwartet und mit entsprechendem Entsetzen feststellen, daß Bernoulli, nach dem er sich umgesehen hat, im Begriff ist, „mit starrem Blick“ unterzugehen! Fuß kann ihn mit Mühe bergen und aufs Ufer ziehen, doch die alarmierten Ärzte treffen vor einer Leiche ein. Den 29 Jahre alten, seit sieben Wochen glücklich Verheirateten habe offensichtlich im Wasser der Schlag getroffen, wohl wegen der Hitze im Verein mit einem eben erst gefüllten Magen. Ist dieser Darstellung des Sachverhalts durch den anscheinend einzigen Zeugen zu trauen, hätte sich Bernoullis „schwache Gesundheit“ somit auch ohne Seereise gerächt. Ob Schwager Fuß einen Grund gehabt hätte, Bernoullie zu Tode zu erschrecken oder zu „ducken“, kann ich nicht beurteilen.

* Rudolf Mumenthaler: Im Paradies der Gelehrten, Zürich 1996, Badeunfall S. 13–14, Sonstiges S. 234–40
** Allgemeine Deutsche Biographie, Band 2 (1875)



Berry, Bryan 36 (1930–66), britischer Science-Fiction-Autor, angeblich wie im Sternendunst verschwunden. Dabei hatte er als kommender Star gegolten. Doch nach etlichen in rascher Folge veröffentlichten Romanen verstummte er um 1955, ohne daß es dafür eine Erklärung gegeben hätte. In Petts Wood, Kent, lebend, einem südöstlichen Vorort von London, pflegte er bis dahin unregelmäßig bei Fan-Treffen oder Verlegern in der City aufzutauchen, doch nachdem er einige Wochen nicht erschien, hielten ihn viele Fans oder Fachleute für tot. Recherchen, etwa bei seiner Mutter, wurden offenbar nicht angestellt. Die Gerüchte gingen vom Motorradunfall über Drogen- oder Rauchertod bis hin zum Selbstmord, wobei auch Berrys zuletzt erschienene Erzählung Strange Suicide ins Feld geführt wurde. In Wahrheit lebte er aber noch gut 10 Jahre länger, falls Steve Holland, offensichtlich ein Kenner, mit einem Blog-Beitrag von 2009 richtig liegt.* Danach wurde Berrys Tod (mit 36) im dritten Quartal 1966 amtlich in London-Hampstead registriert. Näheres sei noch nicht erforscht.

Holland weist richtig darauf hin, der Sohn eines „Distil-lers“ (Schnapsbrenners?!) sei in kriegerischen Zeiten aufgewachsen. Er schreibt, Berrys Helden tauchten wiederholt nach einem Atomkrieg auf und strebten danach, meist mit Hilfe in Vergessenheit geratener Technologien, eine weniger brutale und unwirtliche Welt aufzubauen. Trifft das zu, könnte der Brite ein angenehmerer Zeitgenosse als sein österreichischer Kollege Walter Brandorff gewesen sein. Eine andere Frage ist, ob ihm ein sanfteres Ende beschieden war als dem Kärntner, der hauptsächlich im Horror-Fach tätig war, von seinen weltlichen Ämtern einmal abgesehen. Brandorff verbrannte (1996) in einem abgestürztem Hubschrauber.

Wie es aussieht, wissen wir noch nicht einmal, ob Berry es wünschte, à la Ambrose Bierce und B. Traven als spurlos Verschwundener zu gelten. Und wenn ja, warum? Auf ForscherInnen wartet hier ein Schatz, der möglicherweise aus dem Loch Ness geborgen werden muß, wahrscheinlich aber deutlich weniger Honorar einbringt als Orwells 1984.

* Bear Alley, 30. November 2009


Bertram, Theodor 38 (1869–1907), deutscher Opernsänger. Der stattliche Schwabe aus musischem Hause, meist ins Fach „Heldenbariton“ sortiert, machte steile Karriere. Mit seiner kraft- und klangvollen Stimme galt er um 1900 als Inbegriff des Wagner-Sängers. Zu den Dingen, die ihn mit knapp 40 umwarfen, zählte sicherlich das Riesenpech, das seine beiden Ehefrauen heimsuchte. Seine erste Gattin, die Sopranistin Fanny Moran-Olden, rund 14 Jahre älter als er, starb 1905, mit knapp 50, „geistig umnachtet“ in einer Berliner „Privatirrenanstalt“, falls die Autoren Müller/Beck nicht irren.* Als Grund führen sie überreizte Nerven wegen der ruhelosen Gast-spielreisen an – ob das die Kranke auch selber glaubte ..? Was den Gatten angeht, war er möglicherweise schon zu dieser Zeit von Geldnöten und Liebe zum Alkohol geplagt. Allmählich litt seine gepriesene Stimme; zuletzt wurde er sogar von Intendanten verschmäht, die ihm einst geschmeichelt hatten.

Zur zweiten Frau nahm sich Bertram (1906) erneut eine Sängerin, Lotte Wetterling, über die so gut wie nichts zu finden ist, Alter eingeschlossen. Diese Ehe war bereits nach einigen Monaten vorbei, weil Wetterling bei der Überfahrt von England nach Holland in einen bösen Sturm geriet. Das war am 21. Februar 1907. Der Sturm schmetterte das gut 90 Meter lange Linienschiff Berlin, ein Dampfer, vor Hoek van Holland gegen eine Mole, sodaß es zerbrach. Das war kein Sturz vom Fahrrad. Von den 143 Personen an Bord starben 128. Unter den Toten befanden sich 19 deutsche BühnenkünstlerInnen vom Mannheimer Nationaltheater und der Dresdner Semperoper, die ein Engagement in London hinter sich hatten. Dazu zählte, neben Wetterling, beispielsweise auch die Sopranistin Hilde Schöne (Gantzer), geboren 1875, wohl 31 Jahre alt. Dieser Vorfall habe „dem sensiblen“ Bertram den Boden unter den Füßen weggezogen, schreiben Müller/Beck. Ende November habe er sich unweit des Bayreuther Bahnhofs am „offenen“ Fenster seines Hotelzimmers erhängt. Vom Erhängen im Bahnhofshotel ist auch in anderen Quellen zu lesen, doch nur bei Müller/Beck, die schließlich Bayreuther Schauergeschichten versprechen, ist die Leiche am offenen Fenster sogar „nackt“. Vielleicht kam es auf die winterliche Kälte und die guten Sitten nicht mehr an.

Außer dem Klobrillenwort „sensibel“, ungefähr so allum-fassend, abgenutzt und beliebt wie „lecker“, fahren die beiden fränkischen Autoren nichts auf, was uns der Persönlichkeit, zumal der Antriebskräfte Bertrams näher bringen könnte. Warum mußte er unbedingt Helden-bariton werden? Trösten wir uns: die restlichen Quellen wissen es anscheinend genauso wenig. Oder es interessiert sie nicht.

* Stephan Müller/Gordian Beck, Dunkle Geschichten aus Bayreuth / schön & schaurig, Gudensberg 2018, S. 11–13


Bhanot, Neerja 22 (1963–86). Die Tochter eines indischen Journalisten (der Hindustan Times) wurde Flugbegleiterin. Vielleicht hatte sich so mancher, der nur ihre glänzende Erscheinung sah, in ihr getäuscht – darunter Bhanots Gatte, von dem sie sich nach einer arg frühen Ehe getrennt hatte. Sie war eine Illustriertenschön-heit und wurde nun als „Sicherheitsprofi“ trainiert, aber dann „als Kellnerin getarnt“, um mit dem Luftfahrtmaga-zin Austrian Wings zu sprechen. Ihre Feuerprobe kam rasch. Am 5. September 1986 war die knapp 23jährige Kabinenchefin eines Pan-Am-Linienfluges (Nr. 73) von Mumbai/Bombay nach New York City. In Karatschi zwischengelandet, brachten vier (angeblich palästinen-sische) Attentäter die Maschine, die rund 380 Personen an Bord hatte, in ihre Gewalt, nicht jedoch die dreiköpfige Cockpit-Besatzung, die aufgrund eines just durch Bhanot ausgerufenen Warn-Codes durch eine Deckenluke entkommen konnte. Das indische Blatt The Tribune scheint diesen Rückzug als feige Fahnenflucht aufzu-fassen.* Jedenfalls war damit die eigentliche Entführung vereitelt. Das Kommando lag nun bei Bhanot. Es folgte ein 17 Stunden währendes „Geiseldrama“, das in einem kleinen Blutbad endete. Aber es gab eben „nur“ 20 Tote. Unter ihnen Bhanot, die sich, nach all der Tapferkeit und Besonnenheit, die sie in jenen zermürbenden Stunden gezeigt hatte, zuletzt im Kugelhagel schützend vor drei Kinder warf. Bei so vielen Überlebenden, sprich Zeugen, dürfte die Geschichte einigermaßen glaubwürdig sein. Bhanot wurde posthum mit Rühmungen und Auszeich-nungen überschüttet. 2004 kam eine indische Briefmarke zu ihrem Gedenken heraus.

* Illa Vij, „Brave in life, brave in death“, Tageszeitung The Tribune (Chandigarh), 13. November 1999


Bibb, William Wyatt 38 (1781–1820), US-Politiker. Ursprünglich Arzt, brachte er es immerhin noch bis zum Gouverneur des neuen Bundesstaates Alabama, ehe sein Pferd streikte. Alabama stößt im Süden an den Golf von Mexico. Zur Hauptstadt war damals Cahawba auserkoren worden, das recht zentral, zudem zwischen zwei großen Flüssen lag. Unter Bibb wurden einerseits Duelle, andererseits Fluchthilfe für Sklaven für strafwürdig erkannt. Mit besonderem Eifer betrieb der erste Gouver-neur Alabamas die Errichtung eines hauptstädtischen Capitols, doch dessen Fertigstellung erlebte er nicht mehr. Das Pferd warf ihn, angeblich während eines Unwetters, im Frühjahr 1820 in der Nähe seiner im Autauga County gelegenen Plantage ab. Da guckten sicherlich alle Sklaven entsetzt. Da Bibb bereits an Tuberkulose litt, mag sich allerdings Spott verbieten. Anscheinend hatte sich der 38jährige Staatschef noch durch Wochen mit den erlittenen Kopf- und Nierenverletzungen abzuquälen, ehe er im Juli das Zeitliche segnete.* Man baute das Capitol pflichtbewußt zu Ende – und entschloß sich 1825 wegen des von Stechmücken umschwärmten Hochwassers, das regelmäßig im neuen Capitol stand, den ganzen Regierungssitz kurzerhand nach Tuscaloosa zu verlegen. Bibb war tot; der Schildbürgerstreich lebte.

* Daniel S. Dupre in der Enzyclopedia of Alabama, 2008/14


Bider, Julie Helene 24 (1894–1919), auch Leny ge-nannt, schweizer Künstlerin, erschießt sich wenige Stunden nach dem Absturz ihres Bruders Oskar Bider, knapp 28, der gerade seinen Abschied als Jagd- und Kunstflieger des Militärs genommen hatte. Damit hätten wir wieder einmal zwei abenteuerlustige Gescheiterte auf einen Schlag. Offenbar waren sie beide auch ängstlich. Sie waren Geschwister, aus gut betuchtem Baseler Mittelstand stammend, nach dem recht frühen Tod der Eltern (1907/11) allerdings Vollwaisen, andererseits Erben. So lag eine eher mondäne oder „dadaistische“ als eine proleta-rische Lebensführung nahe. Dabei hatte Oskar ursprüng-lich Landwirt gelernt! Aber dann begeisterte er sich für die noch brandneue Fliegerei. Irre ich mich nicht, war er ein Vorläufer seiner Landsleute Walter Mittelholzer († 1937) und Walter >Ackermann († 1939). Er brachte es bis zum Oberleutnant und Chefpilot der schweizer Fliegertruppen, schon bewundert seit 1913, als er die Pyrenäen und die Alpen überflogen hatte. Selbstmord kam da offiziell nicht in Frage. So wurde sein Absturz bei einer akrobatischen Übung mit vermutlichem Schwindel (aufgrund der Drehungen) erklärt, denn die Maschine war in Ordnung gewesen. Somit lag der Schwindel eher auf Seiten der Offiziellen. Im übrigen dürfte Oskar, nach einer durchzechten Nacht, betrunken und übermüdet gewesen sein. Von daher wäre ein Unfall in der Tat kein Wunder gewesen.

Nach dem Thuner Kenner Johannes Dettwiler-Riesen* und dem NZZ-Autor Daniel Steffen** ist jedoch Absicht wahrscheinlich. Damit hätte sich der berühmte Kunst-flieger mutwillig, wohl fast kopfüber, ins Dübendorfer Flugfeld (bei Zürich) gebohrt, statt sich, bei einer sogenannten „Vrille“, geschickt abzufangen. Oskar habe damals offensichtlich eine persönliche Krise durchgemacht und unter Ängsten wegen seiner beruflichen Zukunft gelitten. In seinem Todesjahr stand er nämlich im Begriff, mit Partnern die zivile Fluggsellschaft Ad Astra zu gründen, die in der Schweiz ein Liniennetz aufzubauen gedachte, und das war schon aus ökonomischen Gründen ein gewagtes Unternehmen. Nebenbei hatte der ledige schneidige Chefpilot schon von mindestens zwei Damen heiratsfähigen Alters Körbe bekommen. Seine Schwester konnte er ja schlecht heiraten. Dettwiler betont sowieso, für eine inzestuöse Beziehung zwischen Oskar und Leny gebe es keinerlei Belege.

Leny galt als Schönheit. Die aparte Erscheinung der Dunkelhaarigen mit den auffallend hochsitzenden Augenbrauen paßte sicherlich zu ihrem starkem Wunsch zu gefallen. Andererseits neigte sie schon als unfreiwillige Haushaltungsschülerin zur Aufmüpfigkeit. Ab 1915 in Zürich, wohl vor allem wegen des dort stationierten Bruders, nimmt Leny Kunst- und Schauspielunterricht. Sie arbeitet auch als Fotomodell und betreibt vorübergehend sogar ein kleines Mode-Atelier für eigenhändig entworfene Kleider und Hüte. Vor allem jedoch drängt es sie zum neumodischen Medium Film. Tatsächlich ergattert sie auch zwei Rollen in Stummfilmen, die sogar erfolgreich gewesen sein sollen, obwohl oder weil ihnen, mitten im Weltkriegsgeschehen, angeblich ein satirischer Zug gegen das Militär eignete. Dabei wurde Leny anscheinend mehr gefeiert als der noch junge, unerfahrene Regisseur des zweiten Films. Möglicherweise trug das zum Abbruch ihrer Kino-Laufbahn bei. Manche BeobachterInnen vermuten freilich, hier habe auch der Züricher Chemiker, Apotheker, Kavallerist, Fliegerbeobachter und Oberleutnant Ernst Theodor Jucker, ein Flugschüler und Kumpel Oskars, seinen nicht unbeträchtlichen Einfluß bremsend geltend gemacht. Oskar selber dürfte natürlich auch nicht von ihren Flausen erbaut gewesen sein. Schließlich war er hauptberuflicher Soldat.

Zu Jucker muß man wissen: der Mann hatte, wie so manche andere, ein Auge auf Leny geworfen, wobei er allerdings entschlossen war, eine ehrbare Offiziersgattin aus ihr zu machen. Das behagte der eigenwilligen und rampenlichtsüchtigen Leny zwar wenig, zumal sie nicht in Jucker verliebt war, aber offenbar sah sie keine Alterna-tive. Ihre Erbschaft ging zur Neige, die Kriegswirtschaft kriselte, und jünger wurde sie auch nicht. Damals mußten hübsche Frauen wie sie heiraten und Nachwuchs züchten. So kündigt sie mit Jucker am 5. Juli 1919 in einer Zeitung die bevorstehende Hochzeit an. Übrigens sollte der flotte Kavallerist, geboren 1889, im Juni 1921 noch einen dritten Frühverstorbenen für diesen Artikel liefern: sich selbst. Laut Dettwiler kam er, mit 31, durch einen tödlichen Reitunfall bei einem Jagdrennen mit Offizieren um. Das hatte Leny natürlich nicht ahnen können, sonst hätte sie die zwei Jährchen vielleicht tapfer abgesessen oder -gelegen.

Gleich nach dem Erscheinen der Zeitungsnotiz über die Hochzeitsabsicht spitzte sich die Lage erheblich zu. Es war der 6. Juli. Für den Abend dieses Sonntags hatte Oskar einige Kameraden zur Feier seines Abschiedes als Chefpilot der Armee eingeladen. Bis gegen Mitternacht war auch Schwester Leny mit von der Partie. Man zog durch verschiedene Züricher Lokale. Oskars Gemütsverfassung ist anscheinend nicht überliefert. Mit der Morgendämme-rung begab man sich aufs Flugfeld, wo Oskar, vor seinem letzten Unterricht, noch ein paar akrobatische Übungen vorführen wollte. Dabei stürzte er in den Tod. Es war der 7. Juli. Gegen Mittag erschien die benachrichtigte Schwester auf dem Flugfeld. Sie soll völlig aufgelöst gewesen sein. Sie kehrt in ihre Dachwohnung im ehemaligen Hotel Bellevue au Lac zurück, greift noch um Mittag zur ihrer Pistole und schießt sich in den Kopf.

Ob die berüchtigten „Kurzschlußhandlungen“ vorlagen oder ob es vielmehr zwischen den Geschwistern mehr oder weniger deutliche Winke mit dem Zaunpfahl oder gar Absprachen gab, weiß offenbar niemand. Dettwiler sagt, möglicherweise habe Jucker Lenys Verwandten einen Abschiedsbrief von ihr übergeben, doch der sei nicht aufzufinden. Die Pistole habe sie vermutlich schon auf ihrer Englandreise erstanden (1913/14), also nicht etwa von Oskar erbettelt. Vielleicht zum Schutz, denn damals war sie, blutjung, allein unterwegs gewesen.

So bleibt die Sache grundsätzlich, wie Steffen mit beliebter Formel sagt, „mysteriös“. Sicher ist, Leny Bider fürchtete Bevormundung. Insofern war sie von Oskars Absturz vor der sicheren Knechtschaft bei Jucker bewahrt worden. Nebenbei hätte der kriselnde Apotheker die Verfügungs-gewalt über ihr restliches ererbtes Vermögen bekommen, und auch das beschneidet ja wohl die Selbstständigkeit – während es Jucker vielleicht aus der Patsche geholfen hätte. Von Sexualität fällt, nimmt man Dettwilers Zurückweisung des Inzest-Vorwurfes einmal aus, in allen mir zugänglichen Quellen nicht ein Wort. Dabei wäre ich weder verblüfft, wenn sich Leny gar nichts aus Männern gemacht hätte, noch wenn die Wonnen sexueller Zweisamkeit bis zu ihrem Kopfschuß stets an ihr vorbeigegangen wären. Im Bruder liebte sie vermutlich vornehmlich den Helden (das Fliegeridol ihrer Zeit) und den Vaterersatz, den Führer oder Ratgeber also. Die Einsamkeit dagegen liebte sie vermutlich so wenig wie er.

* Johannes Dettwiler-Riesen: Oskar-Bider-Archiv
** „Oskar Biders letzter Flug“, 7. Juli 2019



Biel, Gottlieb von 38 (1792–1831), patriotischer Gutsherr und Pferdezüchter aus Mecklenburg (zweiteiliges Herzogtum), bekam nach Militärzeit und Befreiungskrie-gen anscheinend das Gut Weitendorf (nebst Neu Jasse-witz?), während sein älterer Bruder Wilhelm in Zierow saß. Zierow liegt unmittelbar an der Wismarer Bucht, Weitendorf (heute zu Gägelow) schließt sich südlich an. Gottlieb lebte zeitweise in England, nahm dann (1813?) an den „Befreiungskriegen“ teil und war zuletzt Generalstabs-Hauptmann in Braunschweiger Diensten, ehe er sich (1814) seinen Gütern zuwandte. Die Brüder griffen vereint die (englische) Vollblutzucht und die Einrichtung von Pferdewetten-Rennbahnen an. Der ältere Bruder wurde auch noch steinalt; Gottlieb jedoch starb mit 38, laut Nachrufer Friedrich Brüssow* „nach mehrjährigem körperlichem Leiden“. Er war unverheiratet. Um nähere Auskünfte oder Fingerzeige gebeten, falls möglich, ließ mir das Stadtarchiv Grevesmühlen das Schweigen im Walde zukommen, obwohl es zwischen Wismar und Klützer Winkel gar nicht so viele Wälder gibt.

Ich will gestehen, für einen kränkelnden Großgrundbe-sitzer bringe ich in der Regel weniger Mitleid als beispielsweise für den (angeblich) „manisch-depressiven“ Hamburger Boxer Knut >Blin auf, dessen Großvater Melker war. Schließlich wird der Junker von niemandem gezwungen, das väterliche Erbe anzunehmen, Dutzende von Landarbeitern auszubeuten und die „erwirtschafteten“ Möpse in die Zucht von Rennpferden zu stecken. Brüssow lobt die züchterischen und sportlichen Verdienste der Brüder über den Klee. Beide waren anscheinend „Freiherrn“ oder „Barone“. Und sie waren eben in Pferde und in Wettkämpfe vernarrt. Vielleicht ist nicht jedem Leser klar, daß er zur einzigen irdischen Tierart gehört, die es darauf anlegt, aus jeder Tätigkeit oder Fertigkeit, die ihm unterkommt, einen Sport zu machen. Wer ist als erster bis zum Spielplatzeingang gerannt? Wer vertilgt in 12 Minuten mehr Kartoffelklöße? Wer landet als erster auf dem Mond? Und so weiter. Diesem Sportwahn frönt der Mensch besonders gern ab ca. 1900, als der Wahn professionell, also einträglich wird. Gewiß hätte auch Knuts Vater Jürgen Blin nicht unbedingt Boxer werden müssen; er hätte Metzger bleiben oder gleich Gastwirt werden können. So oder so setzt die Berufwahl allerdings eine Freiheit vom ererbten und anerzogenen Naturell voraus, an die ich noch nie geglaubt habe.

Gleichwohl sind mir die Blins sympathischer als die Von Biels, weil sie in ihre Box-Besessenheit keine Tiere mit hereinziehen. Sie prügeln weder auf Eichhörnchen noch auf englische Vollblutpferde ein. Ausgerechnet das „edle“ Pferd für den Sportwahn zu mißbrauchen, das ist schon ein starkes Stück. Andernorts führte ich einmal den Scherz an, ein arabischer Schah habe bei einer Einladung zum Besuch eines Pferderennens nur abgewinkt: „Ich weiß schon, daß ein Pferd schneller läuft als ein anderes. Welches, ist mir egal.“

* in: F. A. Schmidt / B. F. Voigt, Neuer Nekrolog der Deutschen, 9. Jahrgang (1831), Ilmenau 1833, S. 409–11


Bierce, Day 16 (1872–89) und Leigh Bierce 26 (1874–1901). Die beiden Söhne des US-Berufssoldaten, Schürzenjägers, Journalisten, Saufkopps, Asthmatikers, Erzählers und mutmaßlichen Selbstmörders Ambrose Bierce machten, soweit die Quellen reichen*, ihrem Vater alle Ehre. Der 16jährige Day hatte eine Braut, wohl Eva Atkins mit Namen, die eines schlechten Tages mit seinem besten Freund durchbrannte, wohl Neil Hubbs. Als das abtrünnige Paar nach Chico (Kalifornien) zurückkehrte, stellte Day es zur Rede. Schon zogen beide Männer ihre Colts und ließen diese sprechen. Hubbs wurde getötet, während Eva möglicherweise nur einen Steifschuß ans Ohr abbekam. Daraufhin habe sich Day in ein höher gelegenes Zimmer zurückgezogen – um sich eigenhändig zu erschießen.

Bruder Leigh schaffte 10 Jahre mehr. Er bemühte sich gerade als Journalist Fuß zu fassen, als ihn, in New York City, eine Lungenentzündung niederwarf und tötete. Wahrscheinlich hatte er sich die Krankheit bei einer Sauftour geholt. Er soll eine junge Witwe hinterlassen haben, mit der er erst seit wenigen Monaten verheiratet war.

Nach einigen Quellen, die ich noch nicht gefunden habe, verbieten sich Abfälligkeit und Schadenfreude, weil die Brüder vor ihrer Geburt nicht gefragt worden waren, ob sie den Bauch von Ambrose Bierces Gattin Mary Ellen „Mollie“ Day wirklich auf eigene Verantwortung zu verlassen gedächten.

* hauptsächlich „Ambrose Bierce“ in der englischen Wikipedia, die üppige Literatur anführt.


Bigoni, Mario 27 (1984–2011), italienischer Profifuß-baller und Wettfreund, zuletzt beim schweizer Club FC Gossau (Kanton St. Gallen) tätig, dort jedoch 2009 vom Dienst suspendiert, weil er wahrscheinlich in betrügerische Spiel-Manipulationen verwickelt war, wie er selber angedeutet hatte. Der schweizer Fußballverband sperrte ihn. Zwei Jahre darauf war Bigoni tot. Er hatte am Samstag den 8. Oktober 2011 den Abend mit Freunden in einem schwimmenden Restaurant bei Gaißau, Vorarlberg, Österreich, verbracht. Er soll es in Begleitung eines Freundes zu Fuß und ziemlich betrunken verlassen haben. Das sei der letzte Anhaltspunkt. Zwei Wochen darauf wurde seine Leiche rund anderthalb Kilometer weiter, bei Rheineck (St. Gallen), aus dem Alten Rhein gefischt. Nach ersten Ermittlungen erklärte die Kantonspolizei, es gebe weder Anzeichen für Mord noch Selbstmord. Sie gehe deshalb von einem Unfall aus.* Doch woher nimmt sie diese Sicherheit? Hat sie jenen letzten Begleiter aufgetrieben und befragt? Wir wissen es nicht. Hat sie die Gegend nach denkbaren Zeugen abgegrast? Hatte der 27jährige Ex-Mittelfeldspieler Familie oder Vertraute – und was meinten die? Dito: es wird uns nicht verraten.

„Die kroatische Wettmafia soll [2009] mehrere Spiele des FC Gossau manipuliert haben“, heißt es in der angeführten Quelle. Angenommen, die „Mafia“ empfand Bigoni als Verräter – hätte sie die Mühe und das Wagnis auf sich genommen, ihn aus „Rache“ umzubringen? Denn mehr bietet sich ja als Motiv nicht an, da inzwischen schon wieder zwei Jahre ins Land gegangen waren, also kaum weitere peinliche Enthüllungen drohten.

Andererseits hat sich die Polizei mit ihrer Annahme eines Unfalls meines Erachtens für die unwahrscheinlichste Erklärung entschieden. Schließlich war Bigoni Sportler. Ergo tippe ich auf ein anderes, bislang verborgenes Drama, das zu Bigonis Beseitigung führte, oder aber, ersatzweise, selbstverständlich doch auf Selbstmord, weil sich der Mann einfach zu schlecht fühlte. Sollte er etwa als Tischfußballtrainer in dem besagten Schiffsrestaurant anheuern und sich von jedem zweiten Gast bespucken lassen?

Es wäre allerdings nicht ungünstig zu wissen, wie kalt es damals war und ob Bigoni, der Sportler, des Schwimmens mächtig war. Oder sollte er sich einen mit Steinen gefüllten Rucksuck, der vielleicht schon in seinem Auto lag, übergezogen haben? Das Auto taucht übrigens nirgend auf. Vielleicht war er mit dem großen (Un-)Bekannten bei dem Abendessen eingetroffen?

* „Tod des Ex-Fussballers Mario Bigoni bleibt ungeklärt“, Aargauer Zeitung, 2. November 2011


Bindernagel, Gertrud 38 (1894–1932), Berliner Opern-diva. Ihr buchstäblicher Fall ist ziemlich eindeutig. An einem in mancherlei Hinsicht stürmischem Herbstabend des Jahres 1932 ließ sich die namhafte Sopranistin gerade in der Charlottenburger Oper als Brünnhilde in Wagners Siegfried bejubeln. Wie Kenner wissen*, gipfelt das Werk in dem Liebesduett „Leuchtende Liebe, lachender Tod“. Nachdem die angemessen brünette und etwas mollige Diva wiederholt vor den Vorhang geklatscht worden war (was man noch nicht wörtlich verstehen darf), schminkte sie sich in ihrer Garderobe ab und schickte sich an, die Oper in Begleitung einer Freundin, vielleicht auch ihrer Schwester nebst Mutter**, zu verlassen.

Vermutlich gefiel es Bindernagel an diesem Abend noch weniger als sonst, daß sie am Bühnenausgang von einem untersetzten Glatzkopf erwartet wurde, zumal er schon wieder eine Alkoholfahne vor sich hertrug. Das war der Hauptmann a.D., Ex-Bankier und Lebemann Wilhelm Hintze, der mit Bindernagel und dem gemeinsamen sechsjährigen Töchterchen Erika** noch bis vor kurzem zunächst in einer Zehlendorfer Villa, dann in einer 12-Zimmer-Etage im Westend gewohnt hatte. Er stand inzwischen in Scheidung mit der Sängerin (Heirat 1925)** und war an diesem Abend besonders schlecht auf sie zu sprechen, weil sie sich geweigert hatte, zu ihm zurückzu-kehren. Nun machte er nicht mehr viel Worte, zückte seine Pistole und betätigte den Abzug. Bindernagel starb wenige Tage später im Krankenhaus. Für Hintze schindete Rechtsanwalt Walter Bahn 12 Jahre Zuchthaus heraus. Ob der gelernte Offizier nach dem Angriff versucht hatte, auch sich selbst zu erschießen, ist offenbar umstritten. Jedenfalls sei er letztendlich geflohen, und zwar in einer Autodroschke, die jedoch von der Polizei rasch eingeholt worden sei.**

Den Hintergrund des Dramas bildeten die üblichen, wenn auch im Vergleich zum typischen Borsig-Arbeiter eher müßigen Geldsorgen. Im Zuge des „Schwarzen Freitags“ (1929) mit seiner eigenen Bank Schiffbruch erlitten, hatte sich Hintze in der Folge skrupellos der hohen Gagen seiner Gattin bedient, um seinen fürstlichen Lebenswandel nicht einschneidend einschränken zu müssen. Dabei soll er Bindernagel ausgesprochen kurz gehalten und ihr sogar die Unterstützung ihrer Mutter, also seiner Schwieger-mutter, angekreidet haben. Daraufhin reichte sie die Scheidungsklage ein und versteckte sich und das Töchter-chen vor ihm. Es war ihr Todesurteil.

Selbst Erika Bindernagel, das Töchterchen, soll bald darauf umgekommen sein. Es sei im Zweiten Weltkrieg bei einem Fliegerangriff auf Halle umgekommen, schreibt Musik-journalist Sommeregger.

* Peter Sommeregger 2. Dezember 2019
** „Der Schuss in der Oper“, Sozialdemokratischer Pressedienst, Berlin, 24. Oktober 1932, S. 10/11



Bischof, Werner 38 (1916–54), Fotograf. Durch seinen Militärdienst im Zweiten Weltkrieg war der angesehene schweizer Mode- und Werbefotograf auf ein anderes Sujet gestoßen: das Leid bedrohter oder verelendeter Menschen. Er veröffentlichte nun dokumentarische Fotos in der Presse, ab 1949 im Rahmen der engagierten Pariser Bildagentur Magnum. Für diese Agentur war schon Gerda >Taro tätig gewesen, die mit 26 Jahren an der Front im Spanienkrieg verunglückte. Bischofs eindringliche Bilder von diversen Kriegs- und Hungerschauplätzen fanden weltweite Verbreitung. Allerdings standen sie mit ihrer gekonnten Ästhetik oft im Widerspruch zu dem Elend, das sie zeigten – ein grundsätzliches Problem. Ab 1953 durchstreifte der zukünftige „Klassiker der Schwarzweiß-fotografie“ den amerikanischen Kontinent. Gefechte in Indochina hatte Bischof überlebt, aber hier, in den peruanischen Anden, traf den 38jährigen jenes Unfallpech, das man sonst eher auf einer Stadtautobahnbrücke hat. Am 16. Mai 1954 in einem Chevrolet Station Car mit dem Geologen Ali de Szepessy-Schaurek und dem einheimi-schen Chauffeur Luis Delgado unterwegs, kam der Wagen am Cerro Peña del Aguila (bei Cajamarca) in einem Ort namens „Adlernest“ von der Straße ab und stürzte in eine Schlucht. Alle drei starben.* Wenige Tage nach dem Unglück gebar Bischofs Frau Rosellina, wohl in Zürich, ihren zweiten Sohn Daniel. Der erste, Marco, war damals knapp vier. Wahrscheinlich hören sie selten: euer Vater starb bei der Jagd nach aufrüttelnden Fotomotiven und dem entsprechenden Ruhm.

* „Der Unvergessene“, Neue Zürcher Zeitung, 15. Mai 2004


Biteco, Matheus 21 (1995–2016), brasilianischer Profifußballer, am 28. November mit seinem Club Chapecoense von Santa Cruz, Bolivien, nach Medellin, Kolumbien, unterwegs, wo man das Hinspiel des Finales der Copa Sudamericana zu bestreiten gedenkt. Im ganzen befinden sich 77 Personen an Bord. Nach dem Absturz kurz vorm Ziel, offensichtlich wegen verbreiteter Fahrlässigkeiten im Rahmen des in der Luft tobenden Konkurrenzkampfes, sind 71 von ihnen tot. Die Charter-maschine zerschellte am Berg „El Gordo“, ohne anschei-nend ein Indiodorf à la „Adlernest“ in Mitleidenschaft zu ziehen. Drei Spieler des Clubs überleben. Der Finalgegner aus Medellin zeigt Bestürzung und Hochherzigkeit und schlägt vor, den ihm selber zustehenden Titel posthum dem nahezu vernichteten Club aus Südbrasilien zu verleihen, damit auch das Preisgeld: zwei Millionen US-Dollar. So wird auch verfahren. Nach einem Artikel von Martina Farmbauer* war Mittelfeldspieler Biteco vier Monate früher gerade Vater eines Sohnes geworden. Die Mutter erwähnt sie aber nicht.

* „Flugzeugabsturz trennt Biteco-Brüder“, sport 1, 30. November 2016


Bitterlich, Eduard 38 (1833–72), Wiener Bildender Künstler. Bei der vergeblichen Jagd nach den Todesgrün-den stoße ich auf einen Zeitungsartikel A. Hottner-Grefes, der erst 1934 erschien.* Darin geht es um die Fürsorge, die Sohn Hans Bitterlich, Bildhauer und langjähriger Akademieprofessor, dem Werk seines „schon in jungen Jahren von der bunten Schaubühne des Lebens abberu-fenen“, gleichwohl „genialen“ Erzeugers angedeihen läßt. Aber auch in diesem Rahmen bleibt es bei einem Nebel-kerzenwerfen in die Todesgründe: der begeisterungsfähige Senior habe sich buchstäblich verzehrt, er sei eine Lichtge-stalt gewesen, die dann selber wie eine Fackel verlohte, und dergleichen mehr. Es ist zum Haareausraufen. Warum schreiben die nicht klipp und klar, der gute Mann sei mager-, schwind- oder ruhmsüchtig oder alles zusammen gewesen?

Apropos „die“. Hinter dem A. des Autorennamens soll sich, laut deutscher Wikipedia, die Schriftstellerin Anna Hottner-Grefe verbergen, geboren 1867 just in Wien. Sie schrieb wohl öfter für das hauptstädtische Journal, übrigens eine Tageszeitung. Nach dem Motto Herzen in Not (1935) muß die Dame bis zu ihrem Tod (1946) und sogar noch danach ganze Waschkörbe voll Liebes-Groschen-Romanen auf den Markt geworfen haben, auch in der braunen Zeit Wiens. Damit deckt sich gewiß ihre ekelhaft schwärmerische Sympathie für den Bildhauer Hans Bitterlich, der vom Führungspersonal des „Dritten Reiches“ wohlgelitten war. 1943 erhielt er, laut ÖBL-Eintrag, die jeweils von Hitler persönlich verliehene Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft. Er wurde fast 90. Bei dieser ganzen Seilschafterei ist man verleitet zu seufzen Und alles aus Liebe … – um einen Titel der Autorin aufzugreifen, der 1950 erschienen sein soll. Und das paßt wiederum zu einer Meldung, die der damalige Chef vom Dienst des Journals nicht ganz untalentiert unmittelbar neben ihrem Artikel über die Bitterlichs ins Blatt schob: „Vater erschießt seinen Sohn“.

Danach entflammte im burgenländischen Dorf Buch-schachen ein Streit zwischen dem 61jährigen Zimmermann und Landwirt Samuel Koch und dessen 26 Jahre alten Sohn Josef Koch, einem Schmiedemeister, der auch prompt ein Messer zog. Daraufhin habe der Alte „in seiner Bedrängnis“ zu einer Pistole gegriffen und mehrmals auf den Sprößling gefeuert. Zusammengebrochen, sei Josef nach wenigen Minuten in den Händen seiner Mutter verschieden. Den Grund oder Anlaß des Streites überging das Blatt. Es wundert sich auch nicht darüber, daß die Pistolen (1934) in Buchschachen anscheinend wie die Birnen in den Bäumen hingen, obwohl schon Januar war.

* A. Hottner-Grefe, „Bitterlich Vater und Bitterlich Sohn“, Neues Wiener Journal, 15. Januar 1934, S. 4


Blackley, Martin 26 (1976–2002), britischer Marine-soldat, in Arbroath an der schottischen Ostküste stationiert. Wie es allerdings aussieht, suchte ihn sein Tauchunfall auswärts bei Schwarzarbeit heim. Im übrigen soll er ein recht erfolgreicher „Biathlet“ gewesen sein (Skilanglauf und Schießen). Zum Unfallzeitpunkt war er, wohl wegen einer Beinverletzung, auf Genesungsurlaub zu Hause. Trotzdem oder eher gerade deshalb folgte der 26jährige Ende Mai 2002 dem Ruf eines Freundes, der Fischfarm Seahorse Aquaculture, Aultbea, Wester Ross, in der bis 40 Meter tiefen Meeresbucht Loch Ewe an der Westküste als Taucher auszuhelfen. Blackleys Taucherfah-rung war gering. Nun ging es darum, von einem Schiff aus Unterwasser-Käfige von toten Lachsen zu säubern. Als Blackley nach Abtauchen auch nach einer Stunde nicht wieder aufgetaucht war, begannen ihn andere Taucher oder Beschäftigte zu vermissen und zu suchen. Er hatte sich bei den Unterwasserkäfigen in Seilen verfangen und war so gut wie tot, wie sich bald darauf im Krankenhaus von Inverness zeigte. Es kam zu einer amtlichen Untersuchung und Anhörung, bei der Sheriff Desmond Leslie befand, die Fischfarm habe sich etliche grobe Fahrlässigkeiten in der Ausrüstung der Taucher und in der Absicherung der Maßnahme geleistet, weshalb er ihrem Chef Colin Bell 5.500 Pfund Bußgeld aufbrummte. Der Unfall sei vermeidbar gewesen.* Unter korrekten Arbeits-bedingungen hätte Aushilfstaucher Blackley demnach überlebt – wenn auch krankgeschrieben.

* Alistair Munro, „Fish farm is blasted of horror drowning of Marine“, Daily Record (Glasgow), 23. Januar 2007


Blagin, Nikolai Pawlowitsch 35 (1899–1935). Am 18. Mai begleitete der erfahrene SU-Testpilot bei einer Flug-schau über Moskau die Riesenmaschine „Maxim Gorki“ in einem Jäger. Dabei versuchte er plötzlich, um die achtmotorige Tupolew, Spannweite 63 Meter, einen Looping zu drehen, was ihm mißlang, da er in die rechte Tragfläche des Paradeflugzeuges stürzte. Es ist umstritten, ob er eigenmächtig handelte oder aber von Vorgesetzten angestachelt war, die derart die anwesenden Auslandsver-treterInnen zu beeindrucken wünschten. Von einem zweiten Begleitflugzeug aus wurden anscheinend auch Filmaufnahmen gemacht. Jedenfalls stürzten beide Unglücksmaschinen ab. Offenbar gingen sie, vielleicht auch „nur“ ihre verstreuten Trümmer, in einem Datschen-viertel nieder. Todesopfer auf Seiten der Insassen: je nach Quelle 48 bis 50, drei Piloten eingeschlossen. Von den BodenbewohnerInnen ist nirgends die Rede. Allerdings muß man die Quellen zu diesem fetten Unglück mit der Lupe suchen. Jägerpilot Blagin war 35 oder, laut russischer Wikipedia, 38 Jahre alt.

Knapp vier Wochen später, am 13. Juni 1935, gibt es einen „Arbeitsunfall“, wie die Kripo später befindet, der über Wittenberg (an der Elbe) eine riesige schwarze Wolke zu Martin Luther in den Himmel steigen läßt. In einer Munitionsfabrik des WASAG-Konzerns sind 27 Tonnen TNT-Sprengstoff in die Luft geflogen. Dieses Unglück sorgte für jeweils rund 100 Schwerverletzte und Tote. Vermutlich waren sie kaum ausnahmslos über 39 Jahre alt, nur geizen die Quellen auch ausnahmslos mit Namen. „Reichspropagandaminister“ Joseph Goebbels soll sogleich in die heute großkotzig und aufdringlich so genannte anhaltische „Lutherstadt“ gereist sein, um den Hinterblie-benen die „herrliche Gewißheit“ einzutrichtern, ihre Angehörigen seien zu Tode gekommen, „auf daß Deutsch-land lebe“. In Moskau, bei der Flugschau, war knapp vier Wochen früher jede Wette ein vergleichbares Funktionärs-wort zu hören.


Fortsetzung (Ble–Boss)
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