Freitag, 11. September 2020
LdF Folge Ban–Bent

Bancic, Olga 32 (1912–44), rumänisch-französische Partisanin. Selbst mein Brockhaus erkennt an, der französische Widerstand gegen die deutschen Besatzer-Innen und deren Vichy-Marionetten-Regime war eine Massenbewegung (Band 18 von 1992). Allerdings hatte die Résistance beträchtlichen Blutzoll zu zahlen. Im Februar 1944 gelang den Nazis ein Schlag gegen 23 Mitglieder der Gruppe Manouchian, die bereits mit etlichen Sabotage-akten Erfolge erzielt hatte. Sogar eine Frau ging ihnen ins Netz. Alle wurden zum Tod durch Erschießen verurteilt. Die rumänischstämmige Kommunistin Olga Bancic kam jedoch in den Genuß einer Galgenfrist, weil die Nazis überraschend Höflichkeit und Gesetzestreue hochhielten. Noch galt in Frankreich nämlich ein Gesetz, wonach das Hinrichten von Frauen unstatthaft sei.* Bancics 22 Mitstreiter fielen gleich am 21. Februar 1944 in der Festung Mont Valérien bei Paris unter den Kugeln eines Erschießungskommandos. Zu den Toten zählte auch der 37jährige Anführer der Verurteilten, Missak Manouchian. Der armenische Bauernsohn und Poet, 1925 vor den türkischen Nationalisten geflüchtet, hatte sich teils als Fabrikarbeiter bei Citroën ernährt und von daher der französischen KP angeschlossen, teils weiterhin an Gedichten und Zeitschriftenartikeln versucht. Nach der Besetzung (1940) baute er eine Partisanengruppe auf.

Mutigen Genossinnen wie Bancic kam im Partisanenkampf auch deshalb große Bedeutung zu, weil sie, etwa beim Schmuggeln der zum Anschlag auf eine Kaserne erforder-lichen Waffen und Bomben, als Frauen wenig Verdacht erregten. Manchen Leser könnte es freilich makaber anmuten, wenn die Bombe beispielsweise im Kinderwagen schlummerte. Bancic hatte sogar selbst eine Tochter: Dolores, geboren 1939. Ihre erste Erfahrung mit der Repression hatte die Mutter bereits als 12jährige Kinder-arbeiterin einer bessarabischen Matratzenfabrik gemacht: wegen Beteiligung an einem Streik wurde sie verhaftet und verprügelt.** 1939, schon in Frankreich, heiratete sie den rumänischen Schriftsteller Alexandru Jar, Vater ihrer Tochter. Er starb 1988 in Bukarest. Die Tochter soll noch leben.

Ihre Mutter war nach den Pariser Erschießungen nach Stuttgart gebracht worden. Dort wurde Bancic dann noch einmal ordungsgemäß zum Tode verurteilt und sehr wahrscheinlich auch erneut** gefoltert, wenn auch angeblich vergebens, und schließlich am 10. Mai 1944 im Hof des Gefängnisses durch Enthaupten hingerichtet. Wahrlich ein umwerfendes Geschenk: denn ob Zufall oder nicht, es war Bancics 32. Geburtstag. An die gesamte Gruppe erinnert in Paris die Rue du Groupe Manouchian.

* L'aide-mémoire de Souviens-toi des déportés et de la déportation
o. J.
** United States Holocaust Memorial Museum o. J.



Barbellion, W.N.P. 30 (1889–1919), britischer Zoologe, Journalist und Tagebuchschreiber, schwer krank. Im Zusammenhang mit seiner Musterung auf Kriegstauglich-keit 1915 erfuhr er von seinem „unheilbaren“ Leiden, das erst später Multiple Sklerose (MS) genannt wurde. Er hatte kürzlich geheiratet und eine Tochter gezeugt. Die Ärzte gaben ihm nur noch wenige Jahre. Jetzt warf sich der offenbar sozialistisch gestimmte Angestellte eines Londoner Museums umso eindringender auf sein seit Jugend an geführtes Tagebuch, das im Frühjahr 1919, mit Vorwort von H. G. Wells, unter dem Titel The Journal of a Disappointed Man erschien. Im Herbst starb er dann, 30 Jahre alt.

Barbellions schmales, mit Naturkunde und Philosophie gespicktes Kranken- und Bekenntnisbuch wird von einigen Literaten hochgeschätzt, darunter neuerdings William Atkins, London.* Ich selber kenne es nicht. Bislang scheinen auch keine Übersetzungen vorzuliegen. Der rumänische Schriftsteller Mihail Sebastian rühmte das Journal bereits 1930. Er tat es allerdings als Bock, der sich zum Gärtner machte, nämlich in seinem eigenen, erheblich dickleibigerem Jurnal, das meines Erachtens ähnlich „disappointing“ geriet, wie der britische Zoologe (besonders Käferkundler) sein ganzes kurzes Dasein empfand. Auf Sebastian komme ich noch zurück, unter S.

Bei MS, einer chronisch entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems, werden zunächst Gehirn und Rückenmark angegriffen – von wem, ist bis heute unbekannt. Die Krankheit, oft in Schüben über Jahre hinweg verlaufend, kann zu den unterschiedlichsten schweren Störungen führen, darunter Erblindung und Lähmungen. Soweit ich sehe, ist sie ungefähr so modern wie Krebs und Magersucht. Als mutmaßliche „Ursache“ wird neuerdings die berüchtigte „Autoimmunschwäche“ gehandelt. Damit läge eine sozusagen selbstmörderische Attacke vor, ähnlich wie bei rheumatoider Arthritis. Diese Diagnose schmeckte freilich kritischen Köpfen wie Sven Böttcher nicht, Schriftsteller, Jahrgang 1964. Selber von MS betroffen, behauptete er kürzlich: „… mit der Erfin-dung der Autoimmunerkrankungen haben die Mediziner es jüngst tatsächlich geschafft, den Menschen von seinem allerwichtigsten Verbündeten in der alltäglichen Auseinandersetzung mit Angreifern aus Luft, Boden und Lebensmittelchemie zu trennen. Wer glaubt, vom eigenen Immunsystem mutwillig verraten zu sein und dann auch noch glaubt, ein Arzt könne da helfend oder heilend eingreifen, der ist tatsächlich verloren.“

Böttcher versichert im selben Gespräch**, „Schulmedizin und Pharmaindustrie“ meidend (wie die Pest), sei er inzwischen wieder weitgehendst gesund geworden. Der Titel seines jüngsten Buches (Ffm 2019) leidet jedenfalls nicht an Langweile: Rette sich, wer kann! Das Kranken-system meiden und gesund bleiben.

* im Guardian am 1. August 2014
** mit den NachDenkSeiten am 14. März 2019



Bardas, Willy 37 (1887–1924), österreichischer jüdischer Pianist und Musikpädagoge, zunächst in Berlin, dann (ab 1923) in Tokio. In Europa war er öfter mit der Sängerin Therese Bardas aufgetreten*, laut russischer Wikipedia seine Frau. Sie war knapp drei Jahre älter als er. Das Paar hatte einen Sohn, Stefan Bardas (1914–2008), USA, Pianist, gestorben mit 93.** Bardas senior verfaßte das Werk Zur Psychologie der Klaviertechnik. Möglicherweise war er in den Geheimnissen des noch neuartigen Automobils weniger bewandert. Die deutsche Wikipedia behauptet jedenfalls, „auf der Rückreise von Japan nach Berlin“ sei er in Neapel, Italien, das „Opfer eines Autounfalls“ geworden (Schädelbruch), wobei sie auf eine Meldung der Vossischen Zeitung vom 30. September 1924 verweist. Bei diesen dürftigen und nebelhaften Angaben kann man sich natürlich aussuchen, ob der Pianist seit Tokio am Steuer saß oder Opfer eines italienischen Taxifahrers oder sonst eines Straßenverkehrsrowdies geworden war – am Ende gar noch als Fußgänger!

* Uni Hamburg 2012
** fchristlieb, „An unexpected connection“, 27. November 2019



Barnes, Walter 34 (1905–40), US-Bandleader. Der dunkelhäutige Jazzmusiker lernt sein Handwerk in Chicago. Er spielt Klarinette und Saxophon, bringt es aber bald zum Leiter einer Bigband, die unter anderem im heimischen Cotton Club auftritt, den Al Capones Bruder Ralph betreibt. Zudem schreibt er, wie seine Gattin Dorothy, Zeitungsartikel aus dem Fach, voran für das Blatt The Chicago Defender. Dadurch hilft er ein nicht völlig uneigennütziges Netzwerk afro-amerikanischer U-MusikerInnen und VeranstalterInnen knüpfen. In den 1930er Jahren, nach Plattenaufnahmen mit seiner damaligen Band Royal Creolians, dehnt Barnes seine Tourneen sogar in die Südstaaten aus. 1938 umfaßt sein Orchester 16 MusikerInnen.

Als seine Kings of Swing, wie sie nun heißen, am 23. April 1940 im Rhythm Club in Natchez, Missisippi, auftreten, stehen zufällig ein paar Leute weniger auf der Bühne. Nach den meisten Quellen liegt der Club in einer eher schäbigen, aus Holz gebauten Baracke. Fenster und Hinterausgang sind versperrt, um zahlungsunwillige Gäste fernzuhalten. Als Rauch aufkommt, fällt dem 34jährigem Bandleader möglicherweise die Sache mit dem Titanic-Orchester ein: er läßt nämlich angeblich weiterspielen, um eine Panik unter den dicht gedrängten Tanzpaaren zu vermeiden.* Die letzten Töne des Stückes „Marie“ sollen von Trompeter Paul Stott zu hören gewesen sein.

Neben acht oder 10 Bandmitgliedern (je nach Quelle), darunter Barnes und die Sängerin Juanita Avery, fordert das Feuer noch knapp 200 andere Todesopfer. Die meisten wurden vom Rauch vergiftet oder von Flüchtenden nieder-getreten. Weitere der über 700 anwesenden Personen erlitten teils schwere Verletzungen. Nur zwei der Kings of Swing sollen mit dem Leben davon gekommen sein: Schlagzeuger Brown und Bassist Edward. Das Unglück ging in etliche Songs ein, darunter „Natchez Fire“ von John Lee Hooker.

* Ted Ownby in der Mississippi Encyclopedia, Stand 2018


Barron, Lonnie 25 (1931–57). Mit 12 war der Sohn eines Farmers in Louisiana zu einer Gitarre gekommen. Im Laufe seiner vierjährigen Zeit bei der US Air Force wandte er sich dann dem kommerziellen Country- und Rockabilly-Gesang zu und mauserte sich in kurzer Zeit zu einem „lokalen Elvis“ im Raum Detroit, Michigan, wo er zuletzt stationiert gewesen war. Diese schmachtenden Töne kamen im kühlen Norden an. Barron trat als „Mississippi Farm Boy“ sowohl in Music Halls wie in Rundfunksen-dungen und Fernsehshows auf. Obgleich er 1955 die offen-herzige Platte You’re Not The First Girl herausgebracht hatte, wurde er mit Liebesbriefen überschwemmt. Davon bekam freilich, wie verschiedene Lokalblätter später zu berichten wußten*, auch ein gewisser Roger Fetting (um 35) Wind, der sich am 9. Januar 1957 vor Barrons Haus in Richmond bei Detroit einfand, um sich über die Briefe zu beklagen, die seine Gattin Bettie an Barron gerichtet hatte. Angeblich wollte Fetting, ein arbeitsloser Zimmermann aus Lexington, Michigan, diese Briefe sogar gleich wieder mitnehmen. Als ihn der 25jährige „Entertainer“ daraufhin „verspottet“ (taunted) habe, soll Fetting wutentbrannt seinen Colt gezogen oder sein Gewehr erhoben und ihm je einen Schuß in Kopf und Arm verpaßt haben, oder umgekehrt. Die „Leidenschaft“ der Angelegenheit habe Richter Nelson für einen Strafmilderungsgrund erachtet; Fetting kam also anscheinend mit ein paar Jahren Gefängnis davon. Barron dagegen unter die Erde. 3.500 Trauergäste – kein Klacks, wies Richmond doch damals nur 2.500 EinwohnerInnen auf.

* laut Hillbilly-Music, Stand 2020


Barros, João Petra de 33 (1914–48). Der erfolgreiche brasilianische Schlagersänger brauchte keinen maßge-schneiderten Mörder. Ein Leichtsinn, der damals in Rio de Janeiro sicherlich üblich war, und ein Lastwagen der Luftwaffe genügten. Barros habe auf einem Trittbrett der Straßenbahn gestanden, als ihn der Lkw anfuhr, schreibt Raphael Vidigal.* Daraufhin hätten sich die Ärzte gezwungen gesehen, ihm ein Bein abzunehmen. Nach anderthalb Jahren habe sich Barros, schon im dritten Anlauf, eigenhändig umgebracht.

* „100 anos de João Petra de Barros: a voz de 18 quilates“, esquina musical, 12. Juli 2014


Barsi, Judith 10 (1978–88), US-Kinderschauspielerin und Mordopfer aus Los Angeles, Kalifornien. Der Ehrgeiz ihrer Mutter Maria kommt die ganze Familie Barsi teuer zu stehen – obwohl Judith, nach ihren Anfängen mit fünf, im Schnitt rund 100.000 Dollar jährlich verdient, sodaß sich ihre Eltern sogar ein Haus kaufen können.* Die zuletzt 48 Jahre alte Mutter hatte sich für ihr niedliches Töchterchen eine schauspielerische Karriere in den Kopf gesetzt. Sie selber war Kellnerin. Ihren Mann Jozsef, genannt Joe, zuletzt 55, hatte sie in einem Lokal für ungarische Emigranten kennengelernt. Offenbar war sie eine einfach Frau vom ungarischen Lande – vorm „Kommunismus“ geflüchtet wie auch Joe. Der arbeitete in LA als Klempner. Judith, das einzige Kind, tritt nun während ihrer knapp fünf Jahre langen Laufbahn in mindestens 50 Werbespots und etlichen Filmen oder Fernsehshows auf. Joe jedoch, der Erzeuger und Ernährer, wird auf den Erfolg seiner „beiden Frauen“ immer eifersüchtiger und reagiert zunehmend gewalttätig. Der Mann, „dark and husky“, prahlt, droht und trinkt gern, schämt sich freilich auch seines ungarischen Akzentes. Wegen Alkohol am Steuer saß er schon mehrmals im Gefängnis.* Judiths Verstörung nimmt zu, wie anscheinend auch eine Kinderpsychologin feststellt, die ihre Mutter auf Betreiben von Judiths Agentin bemüht hat. Nach einigen Quellen wird Judith fett, reißt sich selber Wimpern*, ihrer Katze Schnurrhaare aus. Ihr Vater wirft mit Eßtöpfen nach Judith und zückt mitunter ein Messer. Ankündigungen seiner Frau, ihn mit Judith zu verlassen, verstärken Joes Wut. Maria hat sogar schon ein Apartement gemietet, wo sie sich mit Judith tagsüber öfter aufhält. Ein örtlicher Sozialdienst ist seit Mai gewarnt, will aber vorerst abwarten.* Maria ist wohl auch selber gespalten; sie hängt an ihrem „Heim“ und ihrer Ehe und würde beides lieber retten. Doch Ende Juli 1988 läuft das Faß in dem schönen neuen Haus über. Jozsef Barsi erschießt zunächst seine schlafende 10jährige Tochter, dann seine aufgelöst herbeieilende Frau, schließlich sich selber. In manchen Quellen zündet er vorher auch noch das Haus an, das macht sich kinomäßig ohne Zweifel noch besser. Vier Jahre vorher hatte Judith in der Serie Fatal Vision mitgewirkt – vielleicht kein gutes Omen. Sie spielte darin ein kleines Mädchen, das von seinem Vater ermordet wird.*

* John Johnson & Gabe Fuentes, „A Script of Fear“, Los Angeles Times, 7. August 1988


Bashkirtseff, Marie 25 (1858–84), Hundeliebhaberin, Malerin und Schriftstellerin aus südrussischem Landadel, sucht Linderung in Frankreich, stirbt aber dort an Tuberkulose, von der sie seit Jahren geplagt worden ist. Ihr Tagebuch gilt als „Kultbuch“. Zu den Bewunderern der möglicherweise leicht prunk- und ruhmsüchtigen Dame zählen vor allem Frauen, aber auch Schriftsteller wie der Londoner Zoologe und MS-Kranke >Barbellion. Ich kann ihr literarisches Werk nicht beurteilen, räume aber gerne ein: höre ich „Kultbuch“, sträuben sich mir automatisch die Haare wie einem Dachs, der statt eines Wachtelgeleges einen Sack mit Eierkohlen wittert. Als Malerin gelangen Bashkirtseff wahrscheinlich ein paar Treffer, etwa das in ihrem Todesjahr entstandene Ölgemälde Das Treffen. Jedenfalls strahlt dieses Werk mehr Poesie aus als beispielsweise Degenhardts Roman über einen antifaschistischen Kinderclub Zündschnüre. Im übrigen sollte man bei frühverstorbenen Künstlern grundsätzlich auf der Hut sein – eben, weil ihnen die Lebenskürze gern bedeutungssteigernd angerechnet wird. Mögen sie selbst Stümper sein: das in statistischer Hinsicht weggefallene Leben reißt ihr Stümpertum mit in den Abgrund. Für Glanz sorgt dann ihr Ruf - den zu schaffen sie selber leider nicht mehr die Zeit fanden.


Batters, Jeff 25 (1970–96), kanadischer Eishockeyprofi, zuletzt bei den Kansas City Blades, Missouri. Viele Quellen / Medien / Autoren lieben die Ungenauigkeit. Die einen, weil sie es nicht besser verstehen; die anderen aus Arbeitshetze oder Faulheit; die meisten jedoch mit kalter Berechnung, um nämlich ablenken, schönfärben, unterschlagen, verzerren und so weiter zu können. Batters, den Sommer 1996 über in einem kanadischen Jugendcamp für Eishockeyspieler tätig, sei Ende August eben dort, in der Nähe von Banff, Alberta, „in einen Verkehrsunfall verwickelt“ und dabei getötet worden, verkündet zum Beispiel die deutsche Wikipedia. Mehr nicht. Und wie soll man sich so eine Verwicklung nun vorstellen? Am besten gar nicht. Immerhin klingt „Verwicklung“ ohne Zweifel noch besser als das häufige unerklärliche „Verlieren der Kontrolle“ über ein Auto. Man ist irgendwie in den Straßenverkehrsunfall hineingezogen worden. Und dabei biß man leider, mit 25, zufällig ins Gras.

Schon deutlich weniger schonend beziehungsweise betrügerisch geht dagegen die englische Wikipedia vor. Sie gibt zum Teil eine Pressemeldung wieder, die sie auch verlinkt.* Danach wurde Batters, „as one of two fatalities“, „found dead at the scene after the pickup truck he was riding in drifted off the highway and tumbled into a ditch.“ Ein Pickup kam also von der Fahrbahn ab und landete offensichtlich sehr unsanft in einem Graben, was zu zwei Toten führte. Was die englische Wikipedia freilich wegläßt, ist der Name des Mitsterbers. Vielleicht war ihr der Mann nicht wichtig genug. Dagegen meldet das kalifornische Blatt: „Also killed was Sherri Kacan, 18, of Red Deer.“ Red Deer ist eine größere Stadt in Alberta. Ich nehme an, der 18jährige aus Red Deer gehörte zum Camp, nämlich zu Batters Schützlingen oder wenigstens Kameraden.

Jeder dritte wird nun glauben, die beiden Jungsportler hätten zu zweit in dem Pickup gesessen. Eine Meldung der Buffalo News, Staat New York, vom 24. August 1996 – die zu öffnen mir der Gott des Internets leider nicht gestattet – deutet aber auf mindestens noch zwei weitere Insassen hin, die anscheinend „nur“ verletzt wurden: „… Mitchell Messier, 31, and Marcus Messier, 26, were in critical condition at Calgary's Foothills ...“ Ich vermute jedenfalls stark, daß die Rede vom selben Unfall ist. „Messier“ ist ein bekannter Eishockey-Name; die Großstadt Calgary liegt in Alberta; auch das Datum paßt. Sicher ist natürlich nichts. Weder wissen wir, dank den zahlreichen pfuschenden Halbgöttern des Internets, wieviele Personen in den Unfall „verwickelt“ waren, noch wer den Pickup steuerte – ist doch „riding“ auch schon wieder ein weiter, ungenauer Begriff …

Allerdings halte ich die Frage nach dem „driver“ ohnehin für unerheblich. Schließlich liegt das Kriminelle am Stra-ßenverkehr in der Regel nicht in besonders dilettantischen oder rücksichtslosen Lenkrad-Cowboys; es liegt im System des Straßenverkehrs, das Fahrlässigkeit und Brutalität geradezu herausfordert.

* „Coach says ...“, San Francisco Chronicle (SFGate), 24. August 1996 / 7. Februar 2012


Bauer, John 36 (1882–1918), schwedischer Bildender Künstler. Der riesige See Vättern liegt ungefähr auf halbem Wege zwischen Göteborg und Stockholm. Bauer nutzte ihn im November gemeinsam mit Gattin Ester, 38, und Söhnchen Bengt, drei Jahre jung, zur Rückreise von ländlichem Aufenthalt nach Stockholm, wo die Familie in ein unlängst erworbenes Haus umzuziehen gedachte. Anscheinend konnte sie sich‘s leisten. Der schlanke, schmalgesichtige Bauer war inzwischen vor allem durch seine märchenhaften Illustrationen bekannt geworden, die oft Trolle, Wichte, Elfen zeigten. Er selbst fiel durch Hakennase auf. Aber der Hauskauf erwies sich gleichsam als Schlag ins Wasser. Am 19. November suchte ein Sturm den Vättern – und den Dampfer Per Brahe heim, den die Bauers genommen hatten. Es war ein kombiniertes Fahrgast- und Frachtschiff. An Bord befanden sich 24 Personen – alle kamen um. Nach dem belegreichen Artikel der englischen Wikipedia war ein Teil der Ladung mangels Frachtraum an Deck geblieben, wo sie verrutschte und so zum Kentern und Sinken des Schiffs beitrug. Außerdem erfährt man dort, laut Gunnar Lindqvists Bauer-Biografie von 1979 hätten die Bauers damals bewußt die Eisenbahn gemieden, weil es am 1. Oktober in Getå, Nörrköping, aufgrund eines Erdrutsches zu einem schweren Unglück mit je rund 40 Toten und Verletzten gekommen war. Dieses Ausweichmanöver muß ihnen ein ziemlich boshafter Troll eingeflüstert haben.


Bauschke, Erhard 33 (1912–45), Jazzmusiker und Überlebenskünstler. Als die Nazis dem Leiter des Berliner Orchesters James Kok im Frühjahr 1935 die Arbeits-erlaubnis entzogen, weil derselbe – der Rumäne Kok – durch unliebsame Äußerungen, unsittlichen Jazz und fragwürdige Herkunft aufgefallen war, wählte das Orchester just Erhard Bauschke zum neuen Chef. Jetzt konnten die BühnenkünstlerInnen „rein arisch“ nach Rügen fahren, um den dortigen Urlaubsgästen das „Dritte Reich“ zu verschönern. Bauschkes Orchester, strecken-weise mit dem singenden weiblichen Kinderstar Carmen Lahrmann an der Rampe, soll in jenen Jahren die beliebteste Swing-Band Berlins gewesen sein. Es trat regelmäßig im legendären Berliner Café und Tanzpalast Moka Efti und oft im Rundfunk auf. Von daher wäre es sicherlich nur mit der Brechstange möglich, den geschmei-digen Tänzer und Musiker Bauschke (Klarinette und Altsaxophon) dem deutschen Widerstand zuzuschlagen. Trotzdem hätte man ihm eine weniger zynische Belohnung für seine Leistung gegönnt, als Musiker den Faschismus und dann als Soldat auch noch den Krieg zu überstehen.

Als das Tanzorchester 1940 „kriegsbedingt“ aufgelöst und dessen Leiter zur Wehrmacht eingezogen wurde, war Bauschke ungefähr 28. In Norwegen soll er eine Band der Luftwaffe geleitet haben. Weitere Einzelheiten liegen im Nebel, doch schaffte es Bauschke offenbar, unverwundet zu bleiben. Das Kriegsende erlebte er bereits als amerikanischer Gefangener. Er wurde aufgrund seiner wertvollen Fertigkeiten, wie ich vermute, rasch entlassen, trommelte eine neue Combo zusammen und trat nun im Raum Frankfurt/Main in Clubs der US-Armee auf, die ihn sogar als Cheforganisator der regionalen Berieselung beschäftigte. Im Oktober 1945 geschah das Mißgeschick. Nach einem Auftritt stand der inzwischen 33jährige Unterhaltungsmusiker mit einer Tänzerin zwischen zwei Jeeps, als „ein betrunkener Amerikaner mit seinem Truck auf den ersten Jeep prallte“, wodurch die KünstlerInnen eingequetscht worden seien. Beide seien auf der Stelle tot gewesen.*

Näheres über die Tänzerin, geschweige denn ihren Namen, erfährt man nirgends. Dafür ist verbürgt, zu Bauschkes Berliner Reporteoir habe auch der bekannte Song Jeepers Creepers gehört. Ureinspieler war Louis Armstrong. Der Titel soll nichts mit Jeeps zu tun haben, vielmehr eine Verballhornung des erstaunten Ausrufes „Jesus Christ!“ darstellen.

* Wolfram Knauer, „Play yourself, man!“. Die Geschichte des Jazz in Deutschland“, Ditzingen (Reclam) 2019, o. S-Nr.


Bavis, Mark 31 (1970–2001), US-Eishockeytrainer, am 11. September 2001 neben seinem älteren Kollegen Garnet Bailey in einer Boeing sitzend, die sie von Boston nach Los Angeles bringen sollte. Diese Maschine krachte in den Südturm der Twin Towers in New York City, womit die beiden, wie knapp 3.000 andere Menschen, Opfer der berüchtigten, bis heute nicht aufgeklärten 9/11-Anschläge geworden waren, die ich so zumindest gestreift haben will. Ausführlicher gehe ich darauf in meinem entsprechenden Ziegenberg-Artikel ein.


Becker, Detlef 19 (1963–82), Bankkaufmann und Märtyrer. Am 5. Oktober 1982 wurde die Überwachungs-kamera in der Sparkasse am Koblenzer Schenkendorfplatz durch zwei furchterregende Räuber aus ihrer Langweile gerissen. Der eine von ihnen soll in jüngeren Jahren auch noch „Superbulle“ in der polizeilichen Elitetruppe SEK in Köln, also eigentlich auf der falschen Seite gewesen sein. Nun nahm das Ganoven-Gespann für fast 15 Stunden neun Geiseln und erpreßte dadurch eine Beute von 1,2 Millionen DM. Um auch noch ein flottes Fluchtfahrzeug gestellt zu bekommen und die Zusicherung auf „freies Geleit“ zu erlangen, schoß einer der Räuber dem 19jährigen Detlef Becker, Bankkaufmann im heimgesuchten Geldinstitut, aus 10 Zentimeter Entfernung in die Kniekehle. Laut Spiegel* hatte sich der blutjunge Mann „freiwillig“ als Objekt der brutalen Einschüchterung angeboten, laut deutscher Wikipedia anstelle einer ursprünglich dafür vorgesehenen weiblichen Geisel. Ich nehme an, in der Mitmach-Enzyklopädie war wieder einmal ein kurzent-schlossener Dichter am Werk, der die Geschichte etwas farbenfroher und herzergreifender machen wollte. Im Spiegel heißt es lediglich, die Gangster hätten „mehrfach“ gedroht, „jemanden ins Knie zu schießen“. Gemeint war wohl „wiederholt“ oder „mehrmals“ gedroht, aber wir wollen nicht päpstlicher sein als Karl Kraus. Das falsche Mehrfachen ist seit Jahrzehnten üblich.

Nun war war der junge Bankkaufmann, den vermutlich niemand zu seiner Berufswahl gezwungen hatte, jedenfalls angeschossen. Während ihn ein Vermittler (Pfarrer) nach draußen zum Krankenwagen schleppte, durften die Räuber aufgrund dieses Warnschusses in Begleitung von zwei Geiseln den bereitgestellten BMW besteigen. Immerhin überstanden diese Geiseln, zu denen sich unterwegs anscheinend noch ein Postbeamter zu gesellen hatte, die Flucht unbeschadet. Becker dagegen, der sich womöglich in der Tat aus freien Stücken zum Krüppel hatte schießen lassen, erntete für seine Selbstlosigkeit sogar den Tod: nach knapp zwei Wochen erlag er im Krankenhaus einer Thrombose und einer Lungenembolie. Während die Räuber bald nach dem Überfall gefaßt und später zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden, kam Beckers Verwandt-schaft, soweit ich sehe, mit einer Klage wegen eines ärztlichen „Kunstfehlers“ nicht zum Zug. Becker war das einzige Kind seiner Eltern gewesen. Man verlieh ihm posthum das Bundesverdienstkreuz.

* „Zack, rein und weg“, Nr. 18/1983, 2. Mai 1983


Becker, Johann Nikolaus 36 (1773–1809), südwest-deutscher Zeitungsmacher, Richter und Schriftsteller, ursprünglich mehr oder weniger radikaler Jakobiner (in Koblenz), dann unerbittlicher Jäger von heimischen Räubern und Strauchdieben (im Hunsrück). Ein regionales Nachschlagewerk* behauptet, der studierte Jurist sei „extremer Anhänger der französischen Revolution“ und kirchenfeindlich gewesen, in jüngeren Jahren jedenfalls. Als das linke Rheinufer an Frankreich kam (1792), sei er beim Tribunal in Simmern „Magistrat de surete“, also wohl „Sicherheitsbeauftragter“, mithin Polizeichef geworden. „Besondere Verdienste erwarb er bei der Verfolgung der rheinischen Räuberbanden als Friedensrichter in Kirn [an der Nahe]. In seinem Zuständigkeitsbereich ging er mit äußerster Härte gegen die Mitglieder der Bande um den Räuberhauptmann Schinderhannes vor.“ Darüber schrieb er sogar ein „actenmäßiges“ Geschichtswerk.

Nun habe ich nie behauptet, Schinderhannes sei Robin Hood gewesen, aber es fällt doch schmerzlich auf, daß sich der Ex-Jakobiner offensichtlich zum Vollstrecker des kapitalistischen Grundrechtes machte, nämlich auf unantastbares Privateigentum. Die Strafe folgte freilich auf den Fuß – wenn man auch nicht weiß, ob Becker dabei im Sattel des eigenen Pferdes saß: „Auf einem seiner zahl-reichen dienstlichen Ritte durch den Soonwald erhielt er einen Hufschlag, an dessen Folgen er starb.“

* Rheinland-Pfälzische Personendatenbank, Stand 2010


Becker, Nikolaus 35 (1809–45), gleichfalls Jurist, zuletzt Gerichtsschreiber in Köln, zudem Lyriker. Fünf Jahre vor seinem Ableben („Brustleiden“) gewann Becker die Herzen seines Volkes mit dem Rheinlied im Sturm. Der Hit endet mit den verräterischen Versen: „Sie sollen ihn nicht haben, / den freien, deutschen Rhein, / bis eine Flut begraben, / des letzten Mannes Gebein.“ Ob Deutscher oder Franzos, am Ende sind alle tot. Für so etwas ließ der oberste Preuße Friedrich Wilhelm IV. Becker 1.000 Goldtaler zukommen.* Bismarck rühmte später (1893), die Wirkung des Liedes sei der Schlagkraft von „ein paar Armeecorps mehr am Rhein“ gleich gekommen.** Dabei erfuhr die schlagkräftige Posse just in des eisernen Kanzlers Ära noch eine Verdoppelung: mit der Vertonung (1854) und Aufwärmung (1870/71!) des Werkes Die Wacht am Rhein des schwäbischen Fabrikanten und Gelegen-heitsdichters Max Schneckenburger, der 1849 außerhalb aller Schlachtfelder, in Burgdorf bei Bern, schon mit 30 Jahren einer anscheinend heftigen „Erkältungskrankheit“ zum Opfer fiel. Sein Genius hatte sich ebenfalls, wie im Falle Becker, 1840 an der „akuten Bedrohtheit“ des Rheins durch französische Bazillen oder Bajonette entzündet. Jeder hat es irgendwo sicherlich schon einmal vernom-men: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall, / Wie Schwertge-klirr und Wogenprall ...“ Passend hatte Schneckenburger in Burgdorf eine Eisen- und Bronzegießerei betrieben – falls sie nicht nur Zinnsoldaten oder Kochtöpfe fertigte.

* Lydia Becker im Portal Rheinische Geschichte, Stand 2020
** „… Glühender Patriot oder ‚dummer Kerl‘?“, Aachener Zeitung,
2. Oktober 2009



Behrangi, Samad 29 (1939–68). Der volksfreundlich gestimmte, also „regimefeindliche“ persisch-aserbaid-schanische Dorfschullehrer, Übersetzer und Schriftsteller genießt noch heute hier und dort „Kultstatus“. Er veröffentlichte notgedrungen nicht in Azeri (-Türkisch), sondern auf persisch. Jenen hohen Ruf verdankt er zum einen der Vorliebe, seine Aufklärung, vielleicht auch Agitprop aus der Kinderbuchperspektive zu geben, etwa in seinem bekannten Märchen Der kleine schwarze Fisch; daneben verfaßte er allerdings auch etliche kritische Aufsätze. Zum anderen verdankt er ihn verschiedenen Erzählungen über seinen frühen Tod, die so manche BeobachterInnen ebenfalls für Märchen halten.

Kurz gesagt, hatte der 29jährige im Spätsommer 1968 einen tödlichen „Badeunfall“ im Aras, einem Grenzfluß nördlich von Täbris, der Hauptstadt des iranischen Aserbaidschan. Die offizielle (Teheraner) Version lautete offenbar: ertrunken im Grenzfluß, entweder in selbstmör-derischer Absicht oder auf der Flucht ins sowjetische Aserbaidschan; die oppositionelle: Opfer des SAVAK, des berüchtigten Geheimdienstes des Schahregimes also. Näheres scheint der kalifornische, einst maoistisch gestimmte Politologe Abbas Milani* zu bieten, geboren 1949 just in Teheran. Habe ich ihn richtig verstanden, war Behrangi an jenem verhängnisvollen Spätsommertag gemeinsam mit einem Freund namens Hamzeh Farahati, damals Wehrpflichtleistender, gewohnheitsmäßig zur Badestelle gefahren oder gegangen, die in einer Flußbiegung unweit eines Grenzpostens lag. Während sich Farahati als guter Schwimmer schon in tieferem Wasser befand, habe Nichtschwimmer Behrangi plötzlich um Hilfe gerufen. Doch als Farahati herbeikraulte, war der Schriftsteller bereits von der Strömung „verschlungen“ worden, schreibt Milani. Man habe Behrangis Leiche drei Tage später fünf Kilometer flußabwärts gefunden.

Die anderslautenden Darstellungen, ob mit „heroischem“ oder nur „mysteriösem“ Anstrich, gehen für Milani auf Behrangis älteren Bruder Jalal zurück. Der habe, auch dem untröstlichen Vater zuliebe, dem rebellischen Bruder einen weniger schnöden Tod gewünscht, sei entsprechend offen für Gerüchte wie „Vergiftung durch Regimeknechte“ gewesen und habe Farahati bekniet, die Wahrheit für sich zu behalten. Soweit Milani. In der englischen Wikipedia wird diese Sicht unterstützt. Behrangis Begleiter Farahati habe in einem Buch (von 2006/7?) und dazu in einem Interview „unmißverständlich“ versichert, der Freund sei nicht vom Geheimdienst beseitigt worden, vielmehr unfallweise ertrunken. Freilich, der Mann kann viel behaupten; schließlich waren sie, wie es aussieht, unter sich. Somit muß wohl auch dieser Fall als ungeklärt gelten.

* Eminent Persians, Vol. 2, Syracuse University Press (New York) 2008, S. 842


Behrendt, Uwe 29 (1952–81). Der Student verschiedener Geisteswissenschaften, einst aus der DDR „freigekauft“, wie man liest, später Aktivist der faschistisch gestimmten, in Bayern ansässigen Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG), erregte als Mörder des jüdischen Verlegers Shlomo Levin und dessen Lebensgefährtin Frieda Poeschke Aufsehen. Er hatte sie Ende 1980 vor ihrem Erlanger Haus mit einer Maschinenpistole erschossen. In den Libanon geflüchtet, brachte sich der 29jährige ebendort, im Beiruter Stütz-punkt der WSG, ein knappes Jahr nach der Tat um – viel-leicht. Der ganze „Komplex“ um den Immobilienhändler, Schloßbewohner und Geschäftsfreund der palästinen-sischen Al-Fatah Karl-Heinz Hoffmann ist bekanntlich etwas undurchsichtig. Was man der Kripo bis zur Stunde gern als „Ermittlungspannen“ zugutehält, konnte den Spiegel (Nr. 47/1984) vor bald 40 Jahren noch nicht täuschen.* Für ihn roch die jahrelange behördliche Verharmlosung des „Rechtsextremismus“ nach Methode. Drei Monate vor dem Erlanger Doppelmord hatte das Attentat beim Münchner Oktoberfest stattgefunden, bei dem 13 Menschen umkamen und Dutzende schwer verletzt wurden. Ein enger Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen wird amtlicherseits bis heute geleugnet.

DDR-Bürger Behrendt war 1973 beim Versuch der „Repu-blikflucht“ ertappt und folglich eingesperrt worden. Nach Tübingen Rechtsaußen** hatte sich seine Unzufriedenheit mit der ostdeutschen Variante des „Sozialismus“ während seines Studiums der Elektrotechnik in Ilmenau gesteigert. Seine Mutter soll im nahen Pößneck (Thüringen) Sekretärin beim Rat des Kreises gewesen sein. Sie wird auch später noch einmal in dem Beitrag erwähnt – dafür kommt Behrendts Vater, falls er einen hatte, mit keinem Komma vor. Ansonsten liest man allerorten, im Westen sei er Hoffmanns ergebener Gefolgsmann und gleichsam dessen Adjutant gewesen. Das Phänomen der Autorität, der Herrschaft also, läßt unsren Planeten kreisen – ob „links“ oder „rechts“ herum, dürfte ziemlich unerheblich sein.

* Hans-Wolfgang Sternsdorff, „Chef, ich habe den Vorsitzenden erschossen“, 19. November 1984
** „Über den Tübinger Studenten und Rechtsterroristen Uwe Behrendt“, 16. Januar 2017



Beierstettel, Elmar 37 (1948–85), erfolgreicher schwä-bischer Degenfechter, außerdem Kriminalhauptkommis-sar. Um 1975 errang Beierstettel mit dem berühmten Club FC Tauberbischofsheim zwei Silbermedaillen bei Weltmeisterschaften. Über ihn persönlich, etwa Temperament, Weltsicht, Familie, ist so gut wie nichts zu erfahren. Das gilt auch für Fachbuchautor Richard Möll.* Und es schließt Ursache und Umstände von Beierstettels Tod mit 37 Jahren ein – während zum Beispiel der üble Unfall Matthias Behr / Wladimir >Smirnow (Fecht-WM Rom 1982) auf zahlreichen Webseiten breitgetreten wird. Möll beläßt es (1987) dabei, einen kurzen Abschnitt über Beierstettels Werdegang so verschwommen, platt und den Leser beleidigend wie möglich mit dem Satz einzuleiten: „Bedingt durch ein tragisches Geschick“, sei der Athlet „nicht mehr unter den Lebenden.“ Beierstettels Club beantwortet meine Anfrage mit höflichem Schweigen. Dafür hat die örtliche Redaktion einer fränkischen Tageszeitung postwendend eine beinahe erfrischend knappe Antwort für mich übrig. „Hallo Herr R., Sie werden nicht viel über die Todesursache von Herrn Beierstettel finden, weil darüber nicht berichtet wurde. Viele Grüße ...“

Damit liegt auf der Hand, die liebe Familie, wie immer sie aussehen mag, hält wieder einmal den Deckel über den Sarg. Und alle vor Ort, die des Schreibens kundig sind, hüten sich, gegen den Deckel zu schnipsen, weil die berüchtigte Privatsphäre im fränkischen Schwaben mindestens so heilig wie die Jungfrau Maria ist. Oder weil die Familie zufällig den Hauptfabrikanten oder den Polizeipräsidenten des Kreisstädtchens stellt. Ist sie nicht dumm, wird sie sich freilich sagen, jeder Neugierige wird sich jetzt, aufgrund unserer Blockade, natürlich seinerseits das Naheliegendste sagen: a) Der Sportler hat sich umgebracht; b) er litt an unschöner Krankheit; c) er baute einen peinlichen Unfall mit seinem Auto oder Motorrad; d) er verlor in seiner Eigenschaft als Kriminalbeamter im Rahmen einer sogenannten Ermittlungspanne seinen Degen und fing sich dafür einen tödlichen Messerstich ein.

Immerhin ist von Möll im erwähnten Abschnitt zu erfah-ren, Polizist Beierstettel habe zuletzt das Tauberbischofs-heimer Rauschgift-Dezernat geleitet. Einen Exkurs über Doping verbiete ich mir aber. Der vorletzte Satz des Abschnitts bewegt mich dazu, meine Vermutungen a) (Selbstmord) und d) (Fehler im Dienst ) nicht als heißeste AnwärterInnen auf die Lösung dieses Falls auszugeben – es sei denn, der Satz des Fechtfachmanns wäre eine Finte. „Wie alle anderen Tauberbischofsheimer Fechter, die abgetreten sind, verstand er Erfolg im Sport und Beruf miteinander zu koppeln, volle gesellschaftliche Anerken-nung zu erwirken und ein ausgefülltes Leben zu meistern.“

Ist Ihnen dies alles zu spekulativ, fahren Sie doch einfach einmal auf Kurzurlaub ins schöne Taubertal! Friedhofs-gärtner, Gastwirte, hübsche Bibliothekarinnen um 40 wissen immer etwas. Für alle Fälle können Sie ja etwas Bestechungsgeld und einen scharfen Degen mitnehmen. Denn gefahrlos sind solche Unternehmungen selten.** Ich rate Ihnen überdies, schon einmal einen Termin mit einem Psychotherapeuten oder einem Mentaltrainer zu verein-baren. Für Sie selbst, damit er Sie wieder aufbaut.

* Richard Möll, Die Fecht-Legende von Tauberbischofsheim, Elztal 1987, bes. S. 123
** Ich verweise auf mein jüngstes Stück „Die Last der eingebildeten Verantwortung“ in Nachhutgefechte I



Belinski, Wissarion Grigorjewitsch 36 (1811–48). Die Tuberkulose, durch ein Bakterium verursacht, gilt als Nr. 1 der tödlichen Infektionskrankheiten der Menschheit. Den Erreger entdeckte 1882 Robert Koch. Aber trotz Antibio-tika fordert er noch heute rund anderthalb Millionen Todesopfer jährlich weltweit. Die historische Gesamtzahl der Todesopfer dürfte unschätzbar sein. Eins davon war Belinski.

Der Sohn eines angeblich recht groben und öfter betrun-kenen russischen Militärarztes hatte sich um 1840, nach einigen Zusammenstößen mit der zaristischen Zensur, als Freier Publizist in Sankt Petersburg niedergelassen. Er kann also kaum zum Lumpenproletariat gezählt werden. Dafür reklamierte ihn sein Freund Alexander Herzen für das höhere Tierreich, wie ich Petri Liukkonens Darstellung entnehme.* Eigentlich ein schmächtiger und schüchterner Mann, habe sich Belinski „wie ein Panther“ auf Wider-sacher geworfen, die seine ihm liebsten Überzeugungen angegriffen hatten. Bald galt der Überzeugungstäter als maßgeblicher Förderer von literarischen Talenten wie Gogol, Lermontow, Dostojewski, Turgenjew, wünschte sie freilich zunehmend auf „sozialkritischer“ Warte zu sehen. In der DDR wurde er entsprechend hochgehalten. Schon ziemlich früh, 1837, hatte sich der Arztsohn gegen die Tuberkulose behandeln lassen – mit nur geringem Erfolg, denn gut 10 Jahre darauf, mit knapp 37, sollte er diesem Schreckbild von Seuche erliegen.

Belinski hinterließ eine Witwe und zwei oder drei Kinder, je nach Quelle. Ob sich die nun wiederum bei ihm angesteckt haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Das Bakterium wird in der Regel durch „Tröpfcheninfektion“ übertragen, also beispielsweise beim Husten. Allerdings spricht nicht jeder auf es an. Nur fünf bis 10 Prozent aller Infizierten erkranken tatsächlich, versichern verschiedene Nachschlagewerke. Im 19. und 20. Jahrhundert war die „Schwindsucht“, wie sie auch genannt wurde, „die Krank-heit der Armen“, ist in einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks zu lesen. Jeder zweite Todesfall in der Altersgruppe der 15- bis 40-Jährigen sei um 1880 in Deutschland auf die Tuberkulose zurückgeführt worden. Man hat die ausgezehrten, wenig „romantisch“ wirkenden schwindsüchtigen Gestalten von (zumindest später) bekannten Malern, Poeten, Pianisten wie, sagen wir, Runge, Novalis, Chopin sicherlich vor Augen. Aber eben nicht von Belinski.

* Authors‘ Calendar 2008–17


Bendjelloul, Malik 36 (1977–2014), preisgekrönter schwedischer Dokumentarfilmer, wirft sich am späten Nachmittag (rush hour!) in einer Stockholmer Metro-station vor einen einlaufenden Zug. Das ruft in einem Strohkopf namens Scott Johnson* nicht etwa als erstes die betretene Frage hervor: Mußte dieser gebildete Selbstmör-der ausgerechnet diese für seine Mit- und Umwelt wenig schonende Art des Abtretens wählen ..? Nein, der Strohkopf fragt sich vielmehr fassungslos und ungläubig, warum sich ein derart erfolg- und aussichtsreicher und anscheinend glücklicher Künstler plötzlich das Leben nehmen muß. Das ist viel wichtiger.

Immerhin erwähnt Johnson den Hinweis eines Polizei-sprechers, sowohl der Fahrer des Zuges wie einige andere Augenzeugen seien durch Bendjellouls unerwarteten Sprung „traumatisiert“. Doch daran knüpft er weder Rüge noch Unglauben. Vielmehr wendet er sich gierig den Hintergründen des Sprunges zu: dem Bruder bekannte Neigung zur „Depression“; jähen Ruhm nicht verkraftet; Schlafstörungen; Verlust der Kreativität – und ellenlang so weiter. In diese Fürsorge kniee ich mich nicht hinein. Nebenbei habe ich seit einiger Zeit den Eindruck, die mißbräuchliche und inflationäre Verwendung des Wortes „depressiv“ stehe der von „tragisch“ kaum nach. Die Depression ist das große graue Zelt, unter dem sich alles verstauen beziehungsweise verstecken läßt, was einem sterblichen Menschen nur zusetzen kann. Johnson muß allerdings das Bemühen angerechnet werden, zu Einzel-heiten vorzudringen, während sich die Nachschlagewerke in der Regel mit „depressiv“ als Totschlagformel begnügen.

Täusche ich mich nicht, ist die gleichermaßen rücksichts-lose wie spektakuläre Selbstmord-Methode, sich vor einen Zug (manchmal auch ein Auto) zu werfen, ziemlich beliebt. 2009 griffen zwei deutsche Großverdiener nach ihr, zunächst der 74jährige schwäbische Unternehmer und Verspekulierer Adolf Merckle, dann der bei Hannover 96 im Tor stehende Fußballprofi Robert Enke, 32. Auf den zweiten komme ich möglicherweise noch zurück. Kritiker-Innen der Methode sind mir so gut wie nie begegnet. Um 2012 schrieb ich ein Zwerglied über diese Methode: schock lass nach (mp3, 938 KB) .

* „Oscar to Suicide in One Year“, The Hollywood Reporter, 20. Juni 2014


Benedictsson, Victoria 38 (1850–88). Die Schriftstel-lerin, eine enge Landsmännin des Oscar-Preisträgers von 2013, griff in aller Stille nach einem Rasiermesser. In den Augen einiger Feministinnen wurde das Messer allerdings gemeinschaftlich von Georg und Edvard Brandes geführt. Der zuerst genannte Bruder verfügte als angesehener dänischer Gelehrter und Schriftsteller über großen Einfluß. Die Bonner Dramaturgin Barbara Damm versichert* jedoch, Benedictssons 1887 veröffentlichter Roman Frau Marianne sei keineswegs nur von dem Starkritiker gerügt worden, der zugleich, für eine kurze, brüchige Zeit, ihr Geliebter war. Im übrigen war das Echo auf den Roman durchaus geteilt. Nur den „Progressiven“ im Lande Schwe-den dünkte er harmlos und sentimental – ein klarer Rück-fall, wie sie fanden. Ein Jahr darauf war die Autorin tot.

Die Frau vom schonischen Dorfe hatte sich erst mit 30, um 1880, im Gefolge einer langwierigen Beinerkrankung aus den Fesseln sowohl ihres freudlos-frommen Elternhauses wie ihres mehr als doppelt so alten Gatten Christian freigestrampelt, der im Städtchen Hörby, Schonen (Südschweden), Postmeister war und bereits fünf Kinder in die Ehe „eingebracht“ hatte. Sie wäre lieber Malerin geworden. Jetzt aber wurde die zweifache Mutter von ihrer ausgedehnten Bettlektüre zum Schreiben verführt. Darin war sie von einem freigeistigen US-Amerikaner namens Charles de Quillfeldt und ihrem neuen jungen Vertrauten Axel Lundegård, Sohn des örtlichen Pastors, ermutigt worden. Schon ihre erste größere Veröffentlichung, noch unter männlichem Pseudonym vorgenommen, die Sammlung wirklichkeitsnaher Erzählungen aus dem südschwedischen Volksleben Från Skåne (Aus Skåne) von 1884, erntete viel Beifall. Ein Jahr darauf erzielte sie mit dem Roman Pengar (Geld) ihren größten Erfolg. Diese jüngste Prosa spiegelte eben ihren Befreiungskampf wieder – einen weiblichen also. Gleichwohl läßt sich in ihrem Tagebuch der Verdacht lesen, sie sei „womöglich eine Frauenhasserin“. Ein antipatriarchaler Vampir war sie jedenfalls nicht, wie ja dann auch Frau Marianne bekräftigte. Fotos verleiten dazu, auf eine kantige und spröde schonische Bäuerin zu schließen. Nach Übersetzer Johannes Wanner** hängten ihr manche Publizisten den Makel der „frigiden Hysterikerin“ an.

Leider lernt sie in den literarischen Kreisen von Stockholm und Kopenhagen, in die sie nun eintaucht, auch Georg Brandes kennen. Damm stellt ihn als einen „brillanten Herold der neuen Literatur und verheirateten Lebemann“ vor, der sich mit einem Bündel „positivistischer Essays“ in ganz Europa berühmt geschrieben habe. „Obgleich Brandes schriftstellerisch durchaus ebenbürtig, hängt Victoria Benedictsson bald als aufmerksame Schülerin und Geliebte an seinen Lippen.“ Das ist 1886 der Fall. Doch verschiedenen Quellen zufolge nimmt Brandes sie weder als Geliebte noch als Autorin wirklich ernst. Sie ist eine Anregung für ihn, mehr nicht. Die Enttäuschung mit dem „Rückfall“ Frau Marianne kommt hinzu. Er teilt sie Benedictsson brieflich mit; zudem erscheint von seinem Bruder Edvard, ebenfalls Schriftsteller, wohl in dessen eigener Kopenhagener Tageszeitung Politiken eine vernichtende Kritik. „Das Todesurteil über meine Schrift-stellerei, vielleicht über mich selbst“, trug Benedictsson dazu in ihr Tagebuch ein. Vermutlich war sie rundum verunsichert, beschämt, gekränkt. Im Januar 1888 unternahm sie einen ersten Selbstmordversuch.

Der Umstand, daß sie sich allerdings auch nicht von Brandes lösen konnte, machte sicherlich einen beträcht-lichen Teil ihrer Verstörung aus. Eine Paris-Fahrt aufgrund eines Stipendiums der Schwedischen Akademie half ihr nicht auf die Beine. Selbst ihr Mentor Lundegård wußte keine Mittel mehr gegen ihre Lebensmüdigkeit. Im zweiten Anlauf brachte sich die inzwischen 38jährige Schwedin im Juni 1888 in einem Kopenhagener Hotel um. Angeblich durchtrennte sie mit dem bereits erwähnten Rasiermesser ihre Halsschlagader. Guardian-Autorin Germaine Greer erinnert an Prud‘hons Geliebte Constanze Mayer, Malerin wie er, und behauptet zudem, man habe Benedictsson in demselben Hotelzimmer aufgefunden, wo Brandes sie dereinst „verführt“ hatte.*** Der oder die nächste wird uns, wie eingangs schon angedeutet, versichern, auch das Rasiermesser stammte von Brandes.

* „Was macht‘s schon, wenn‘s schmerzt?“, 2005
** Achius Verlag, Zug, 2003
*** „Death and the maiden“, 26. Juli 2007



Benndorf, Werner 33 (1912–45), sächsischer Lektor, Übersetzer und Erzähler. Von ihm scheint kaum einer etwas zu wissen. Eine Zwergoase in der Wüste liefert immerhin Horst Denkler in einem Buch von 2006.* Danach hatte der offenbar bündisch bis faschistisch gestimmte Ekstatiker (Arabische Glut) von 1932 bis zum Erscheinen des genannten „Durchbruch“-Buches (1936) in Leipzig „Rassenkunde, Religionsphilosophie und Orientalistik“ studiert, dabei themengerecht wiederholt in den Mittelmeerraum reisend. Anschließend war er bei verschiedenen Leipziger Verlagen als Lektor tätig und verfaßte auch selber weiter Bücher. Nach Andeutungen im Internet hat er sogar Hans Henny Jahnns umfangreiches Hauptwerk Fluß ohne Ufer betreut. Außerdem stand er anscheinend der Zeitschrift Moslemische Revue, Berlin, nahe, die wohl nach wie vor erscheint. Benndorf war einerseits Mitglied mehrerer Nazi-Verbände; andererseits soll er, laut Denkler, zumindest zeitweise „das Mißfallen des Amtes Rosenberg“ erregt haben, also der in Berlin ansässigen Dienst- und Zensurstelle des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg. Möglicherweise ist deshalb in einem ziemlich fragwürdigem Ehrenbuch der Leipziger Universi-tät zu lesen, 1936 sei Benndorf von der Gestapo verhaftet worden – mehr steht da nicht. Vermutlich war das nur vorübergehend.

Im Sommer 1941 schließlich sei Benndorf einberufen worden, schreibt dann wieder Denkler. Vielleicht eine Bestrafung? Um ihm nämlich die falsche Glut, die „Welt der unbedenklichen Sinnlichkeit“, wie ein Kritiker formu-lierte, aus dem Hirn zu blasen? Damit sei der Schriftsteller aus den Akten der Meldebehörden verschwunden. Aber den Krieg überlebte er offensichtlich, worauf er erneut in Leipzig Fuß gefaßt haben dürfte. Dort sei der 33jährige allerdings schon am 18. Dezember 1945 bei einem Verkehrsunfall unter die Räder gekommen, „den – nach nicht mehr verifizierbaren Angaben – ein Fahrzeug der sowjetischen Besatzungsmacht verursacht haben soll“. Das war ein verdammt kurzes Überleben. Und schuld waren wieder einmal die Russen, das kennen wir auch aus jüngster Zeit.

* Werkruinen, Lebenstrümmer, Tübingen 2006, S. 74–76


Bense, Lars. Der 7jährige DDR-Schüler, von Hans Girod* als „fröhlich, aufgeweckt und zart“ beschrieben, fiel 1981 in Halle-Neustadt dem berühmten Kreuzworträtselmord zum Opfer. Lars wurde nach dem Besuch einer Filmvor-stellung vermißt und schließlich an der Bahnstrecke nach Leipzig tot in einem aus dem Zug geworfenen Koffer gefunden. Die Kripo kam dem 18jährigen Täter nur auf die Spur, weil sich im Koffer, neben der Leiche des miß-brauchten und dann erschlagenen Jungen, auch ein paar Zeitungsblätter mit ausgefüllten Kreuzworträtseln fanden. Sie wertete geschlagene 550.000 Schriftproben aus, die sie im Raum Halle genommen oder eingezogen hatte. Der Täter bekam Lebenslänglich.

Kaum war der Mann am 15. Januar 2013 im Alter von 50 Jahren einer schweren Krankheit erlegen, brachte der Erfurter Sutton Verlag, wohl schon am 1. Februar, einen „Tatsachenroman“ heraus, den die damalige Freundin des Hausmeisters und Kellners verfaßt hatte. Die beiden hatten zuletzt gemeinsam in einem Thüringer-Wald-Erholungsheim gearbeitet. Nun hieß es in der Presse, die Haller Staatsanwaltschaft habe neue Ermittlungen gegen die inzwischen 49 Jahre alte Frau eingeleitet, weil die Darstellung im Roman ihren früheren Zeugenaussagen widerspräche, wonach sie zur Tatzeit nicht in Halle gewesen sei. Im Roman will sie, wenn auch nur „unter Zwang“, bei der Beseitigung von Spuren in der Tatwoh-nung, ja sogar der Leiche selber geholfen haben. Sie sagt, das sei Fiktion. Dadurch habe sie Abstand gewinnen können; ohnehin habe sie an einem schweren Trauma gelitten. Hätte sie Pech gehabt, wäre sie nun der Mordbei-hilfe angeklagt worden – was sicherlich wiederum der Bilanz des Erfurter Verlages geholfen hätte. Doch die Ermittlungen wurden im Folgejahr „mangels Beweisen“ eingestellt.

Der einstige Chefermittler im Fall, Siegfried Schwarz, merkte Journalisten gegenüber an, der vom Buch bewirkte „Rummel“ sei „unerträglich“, weil jetzt Lars‘ Mutter das ganze Geschehen noch einmal durchleben müsse.** Lars‘ Vater soll bereits 1994 gestorben sein.

* Das Ekel von Rahnsdorf und andere Mordfälle aus der DDR, Berlin 1997
** Thüringer Allgemeine, 15. März 2013



Bent, Geoff 25 (1932–58), englischer Fußballer, Flug-zeugabsturz in München, 23 Tote, darunter 8 von seinem Club Manchester United. Der Club war von einem Match gegen Roter Stern Belgrad gekommen (3:3).
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