Donnerstag, 20. August 2020
LdF Folge Asu–Bam

Aszlányi, Károly 30 (1908–38), ungarischer Schrift-steller mit Sinn für Humor, angeblich auch für Kinder. Im Artikel „Ohrfeigen“ meines Ziegenberg-Buches erwähnte ich verständlicherweise seinen (bald darauf verfilmten) Roman Sieben Ohrfeigen von 1934. Vorher war der literarisch und musikalisch gutausgebildete junge Mann, der wohl nur äußerlich an Kafka erinnert, zeitweise Reporter bei dem Budapester Blatt Sporthírlap gewesen. Die ergreifende Story, er sei Anfang Dezember 1938 bei Dorog (in der Nähe von Budapest) mit seinem Auto gegen einen Baum geprallt, weil er einem Kind habe ausweichen wollen, begegnet mir auch in der ungarischen Wikipedia. Allerdings ist der betreffende Satz mit der Anmerkung versehen: Quelle? Jegliche Einzelheit fehlt; man erfährt noch nicht einmal, ob Aszlányis Gattin oder sonstwer mit von der Partie war. Vom ungarischen Magazin Cultura wird man immerhin eingeweiht, der oft in Wien oder Berlin weilende Künstler sei einer der ersten Sportwagen-besitzer Budapests gewesen, und er habe Geschwindigkeit geliebt. Aber jenes um ein Haar überfahrene Kind von Dorog wird hier kaltblütig übergangen.* Dafür fehlt in der deutschen Wikipedia der Baum. Kurz und schlecht: Solange ich noch keinen Ungarisch-Kurs an der Gothaer Volkshochschule belegt habe, vermute ich einmal, alle Äußerungen über Aszlányis Unfall gehen auf den ersten Budapester Lexikografen zurück, und der hat sich damals eben eine so recht zu Herzen gehende Version des Unfallgeschehens aus den Fingern gesogen.

* 21. Dezember 2018


Atria, Rita 17 (1974–92), Sizilianerin aus Mafiakreisen. Täuscht mich der Eindruck nicht, den mir Petra Reskis mutiges und überdies ausgezeichnet geschriebenes Buch über Rita Atria vermittelt*, scheinen die Leute auf Sizilien eine erschreckende, wenn auch gleichsam natürliche Nei-gung zu Roheit, Gefühlskälte, gnadenlosem Clandenken und hollywoodreifer Heuchelei zu besitzen. Vielleicht erklärt sich diese Verfassung zumindest teilweise aus der Unerbittlichkeit des ausgedörrten Landstrichs, dem sie ihr Auskommen und ihr Glück abzuringen haben. Da liegt es womöglich nahe, dem erfolgreicheren Nachbarn die Kehlen seiner drei Dutzend Schafe durchzuschneiden, den Fiat eines „singenden“ Abtrünnigen mit Maschinen-gewehrfeuer zu durchsieben, die Verweigerung von „Schutzgeld“-Zahlung mit ein paar Messerstichen zu quittieren, den erlebnishungrigen Jugendlichen in den öden Kleinstädten Haschisch oder Heroin anzudrehen. Zum häuslichen Altar heimgekehrt, dankt man dann der Jungfrau Maria für ihr gnädiges Geleit.

Rita, bis zu einer Abmagerungskur, die sie sich in Rom verordnen wird, ein etwas „pummeliges“ untersetztes Mädchen, wuchs im westlichen Winkel der Insel in Partanna auf. Das Städtchen war von zwei mehr oder weniger miteinander verfeindeten Mafia-Clanen geprägt. Ritas Familie zählte durchaus dazu. Als die Händel jedoch dazu führten, daß zunächst Ritas Vater Vito, dann, 1991, ihr wohl 27 Jahre alter Bruder Nicola Atria stummgemacht wurden, entschloß sich die Jugendliche, wie schon ihre nun verwitwete Schwägerin Piera, bei den Behörden „auszupacken“. Sie hatte beide Männer, Vater und Bruder, heiß geliebt. Von seiten ihrer Mutter dagegen hatte sie unter der erwähnten Gefühlskälte und schlicht unter Tyrannei gelitten. Diese verschiedenartigen Verluste hielt sie einfach nicht mehr aus.

Durch ihre Erzählungen von den heimischen Mafia-Machenschaften den Staatsanwälten in den nahen Küstenstädten Marsala oder Palermo gegenüber war Rita natürlich plötzlich selber höchst gefährdet, zumal dies schon bald zu Verhaftungen führte. Selbst der Junge, mit dem sie „geht“, zeigt ihr jäh die kalte Schulter. Man nahm sie deshalb ins „Zeugenschutzprogramm“ auf, bewachte sie und hielt es zum Jahresende 1991 sogar für angebracht, sie heimlich aus Sizilien fortzuschaffen. Sie durfte nach Rom zu ihrer Schwägerin und deren Töchterchen ziehen, denen man dort bereits eine Wohnung unter falschem Namen besorgt hatte. Ihre Schulausbildung im Hotelfach durfte sie per Fernunterricht fortsetzen. Zum Glück verstand sie sich mit Piera gut. Auch der Großstadttrubel gefiel Rita. Die Frauen bekamen sogar staatlichen Unterhalt. Allerdings mußten sie ständig auf der Hut sein und in den nächsten Monaten wiederholt umziehen, aus Sicherheits-gründen. Dazu litten sie selbstverständlich unter der für sie neuen Entwurzelung. Wurden sie alle paar Wochen zu weiteren Aussagen vor den sizilianischen Staatsanwälten geflogen, geschah es unter strenger Geheimhaltung und Bewachung. Hin und wieder geleitete man Rita sogar zu ihrem Elternhaus in Partanna, aber diese Begegnungen mit der Mutter waren eher eine Qual. In den verblendeten Augen der Mutter war sie zur Verräterin geworden. So verblüfft es wenig, wenn die matronenhafte Frau Atria vier Monate nach Ritas Beerdigung auf den Friedhof von Par-tanna marschiert, einen Hammer aus ihrer Handtasche zieht und in „rasender Wut“, wie Reski behauptet (S.19 & 234), das auf Ritas Grabstein eingelassene Foto zertrümmert, das ihre nie geliebte Tochter zeigt. Diese Tat bringt Giovanna Atria später durch das Urteil einer örtlichen Amtsrichterin zwei Monate und 20 Tage auf Bewährung ein – was ja immerhin beweist, daß Partannas Justiz nicht mehr völlig in der Hand der Mafia war.

Engster Betreuer und zugleich Freund der beiden jungen Frauen war in jenen Monaten vor Ritas Tod ein „hohes Tier“, nämlich Richter und Oberstaatsanwalt Paolo Borsellino, der zwischen Sizilien und Rom hin- und herpendelte. Er und Giovanni Falcone waren damals die prominentesten „Mafia-Jäger“, die in Italien jedes Kind kannte. Bei vielen staatlichen Stellen machten sie sich durch ihren unbestechlichen Eifer eher unbeliebt. Borsellino war ein stattlicher grauhaariger Mann mit einer „rauchigen“ Stimme, um die ihn mancher Mafioso beneidet hätte. Er zeigte insbesondere für die „kleine“ Rita mit dem kastanienbraunen Haarschopf viel Verständnis, machte ihr Mut, ging auf ihre Wünsche ein. Er hatte selber zwei Töchter, außerdem einen Sohn. Er war im Herbst 52 Jahre alt geworden – und zum Entsetzen vieler Menschen schaffte er das nächste Lebensjahr nicht mehr. Zu allem Unglück war sein Mitstreiter Falcone bereits Ende Mai 1992 Opfer eines Anschlages geworden. Und nun, am 19. Juli, flog in Palermo auch Borsellinos Auto, trotz höchster Vorsichtsmaßnahmen, in die Luft. Offenbar war der Arm der Mafia länger als der italienische Stiefel, sodaß er bis in etliche staatlichen Behörden reichte. Neben dem Richter starben fünf Mitglieder seiner Begleitmannschaft.

Nun kommt wieder einmal einiges zusammen. Makaberer-weise hatte Rita gerade eben ihren Wunsch durchgesetzt, in Rom eine eigene Wohnung zu bekommen. Fünf Tage nach Borsellinos Ermordnung hilft ihr Piera beim Umzug in die Via Amelia (S. 192). Zwar hat Rita kürzlich einen „Märchenprinzen“ kennengelernt, Gabriele, doch der junge Mann muß gegenwärtig eine Wehrübung in Albanien ableisten. Bei aller Verliebtheit: durch den Mord ist Rita in übelster Verfassung. Das geht auch aus ihren Tagebüchern hervor, die Reski wiederholt zitiert. Gleichwohl schlägt Rita den Vorschlag aus, ihre Schwägerin und die kleine Vita Maria per Flugzeug zu einem Besuch bei Pieras Eltern in Sizilien zu begleiten, der vielleicht Ablenkung, Linde-rung gewährt. Rita läßt sich auch nicht umstimmen. Ihre neue Wohnung liegt im siebten Stock. Zwei Tage später – eine Woche nach Borsellinos Ende – stürzt sich Rita aus einem Fenster gleichfalls in den Tod.

Die ErmittlerInnen schließen jede „Fremdeinwirkung“ aus (201). Sie hat sich umgebracht. „Jeder macht sich Vorwürfe“, schreibt Reski. Aber der krasse Schritt kam letztlich überraschend, weil Rita teils als lebenslustig, neugierig, frech, teils als abgebrüht galt. Sie sei keine normale 17jährige gewesen, meinte Piera zu Reski. „Sie verhielt sich wie eine reife Frau, wie eine 40jährige.“ (227) Aber im Grunde habe sie sich wohl allein gefühlt. Der Tod von Borsellini dürfte ihr dann den Rest gegeben haben. An eine Zimmerwand ihrer neuen Wohnung hatte sie groß, mit Bleistift, geschrieben: „Ich liebe dich, verlaß mich nicht, aber ohne dich kann mein Herz nicht leben.“ (200) Das kann sie ja kaum auf den Wehrpflichtigen in Albanien bezogen haben.

Die Mafia ist ein Männerbund, nichts für Weiber. Die Männer beherrschen alles. Das Sizilien des vergangenen Jahrhunderts steht und fällt mit der Männlichkeit. Piera versichert, Rita und ihr „großer“ Bruder Nicola, auch schon ein richtiger Mafioso, seien „wie Verliebte“ gewesen. Ihren Vater Vito verehrte sie kritiklos. Mütterliche Geborgenheit erlebte sie nie. Aber Nicola und Vito waren verschwunden. Dann kam Borsellino. Er wird nun ihr Vertrauter. Ja, mehr noch, schreibt Reski: „Er füllt die Lücke in Ritas Leben. Er ist ihr Held ..(..).. Ein Übervater aus einer anderen, besseren Welt ...“ (162) Aber immerhin, durch Ritas Verzweiflungstat kam unter den Frauen Siziliens und des Festlands einiges in Bewegung. Für sie ist Rita jetzt die Heldin.

* Rita Atria – eine Frau gegen die Mafia, Hamburg 1994


Axen, Rolf 21 (1912–33), sächsischer Schlosser und Funktionär der KPD aus jüdischem Hause, älterer Bruder des späteren hohen SEDlers Hermann Axen. Neben seiner Heimatstadt Leipzig waren seine Hauptwirkungsorte Zittau und Bischofswerda. Im September 1933 verhaftet, starb Rolf Axen noch im selben Monat „an den Folgen von Misshandlungen während der Vernehmungen im Polizei-präsidium Dresden“, also durch die dortige Gestapo.*

Soweit ich weiß, waren zu DDR-Zeiten mehrere Straßen und/oder Einrichtungen nach diesem jungen und anscheinend todesmutigem antifaschistischem Kämpfer benannt, wohl hauptsächlich in Leipzig und Zittau. Aber bekanntlich „wandte“ sich die DDR um 1990 dem Freien Westen zu, und damit mußte zum Beispiel eine ehemalige Leipziger Polytechnische Oberschule ihren Namensgeber Rolf Axen verleugnen. Einziges Überbleibsel dieser Art soll bislang die ehemalige Bahnhofstraße im Leipziger Stadtteil Kleinzschocher sein, in der Axen zumindest zeitweise gewohnt hatte. Sie wurde gleich nach Kriegsende, am 1. August 1945, nach ihm benannt. Mal sehen, ob diese Rolf-Axen-Straße auch noch die Wende Großdeutschlands zum Gesundbetungsstaat übersteht.

* André Loh-Kliesch, Leipzig-Lexikon, Stand 2020


Babeuf, François Noël „Gracchus“ 36 (1760–97). Hatte man die Monarchie gestürzt? Das Paris „nach Robespierre“ hat 1.800 Ballsäle zu bieten, bei ungefähr 600.000 Einwohnern. Entsprechend wimmelt es von Stutzern, Strolchen und Spitzeln. Die schlitzohrigsten Strolche, voran Lebemann Paul de Barras, retten sich vor der allgemeinen Unübersichtlichkeit ins fünfköpfige „Direktorium“ des Nationalkonvents und spielen „Bürgerliche Revolution“. Die Massenarmut bekommen sie selbstverständlich nicht in den Griff. Das ist die Stunde der Verschwörung der Gleichen unter „Gracchus“ Babeuf. Der ehemalige Landvermesser und Journalist aus der Picardie war vielleicht nicht der Hauptorganisator, aber ohne Zweifel der „Cheftheoretiker“ dieser Bewegung, die ein recht radikales sozialistisches Programm verfocht. Arbeit für alle, dafür auch Zuteilungen für alle. Die Produktion erfolgt nach Plan. Für das Inland wird das Geld abge-schafft. Auch das Wuchern der Städte ist einzudämmen. Aber wie steht es mit der Bürokratie? Den Staat wollen auch die Gleichen nicht antasten. Selbst am Terror gegen „Staatsfeinde“ halten sie fest, obwohl sie in dieser Hinsicht sogar Robespierre verurteilt haben, dessen „uneingelöstes“ Erbe sie anzutreten gedenken. Vielleicht wird Babeuf die große Ausnahme abgeben, den guten Tyrannen. Ilja Ehrenburg behauptet, damals hätten breite Volksschichten ihre Hoffnungen in diesen abgezehrten Untergrund-kämpfer gesetzt. Andererseits übersieht er nicht, daß die Massen allmählich revolutionsmüde geworden waren. Und das wirkungsvolle Gift gegen die erwähnten Spitzel hatte auch Die Verschwörung der Gleichen nicht erfunden. Ein Streik der Spitzel blieb leider Ausnahme: sie hatten verlangt, der Konvent möge sie von „Assignaten“, „Mandaten“ oder dergleichen Papiermüll verschonen und sie stattdessen in dem traditionellen Silbergeld entlohnen. Fuchs Barras ging zum Schein darauf ein. So verrieten sie auch die Aufstandspläne der Gleichen wieder brav, und Barras ließ die führenden Köpfe (im Mai 1796) verhaften.

Ehrenburgs vorzüglicher Babeuf-Roman* besticht durch Knappheit, sprechende Details und eine seltene Art von zornigem, trockenem Witz. An seiner Darstellung sowohl des Massenelends wie der Verkommenheit der „revolutio-nären“ Elite ist wahrscheinlich kaum zu rütteln. Eine andere Frage ist, ob er dieser Lage mit seinem Babeuf nicht einen etwas zu schönen Hoffnungsschimmer entgegenhält. Das soll nicht heißen, er malte ihn schwarz oder weiß. Sein Babeuf ist aufbrausend und einfältig, rechthaberisch und gutmütig in schöner Abwechslung. An seiner Frau Marie Anne Victoire Langlet und ihren gemeinsamen fünf Kindern (die vornehmlich in seiner Abwesenheit aufwachsen) scheint Babeuf fast sentimental zu hängen; andererseits schreibt er Marie aus dem Gefängnis: „Die Liebe zum Vaterland erstickt in mir alle anderen Gefühle. Ich war immer aufrichtig zu Dir, ich sage Dir unumwunden: Wir Jakobiner, wir Besessenen, sind durchaus nicht zartfühlend, nein, im Gegenteil, wir sind verdammt hartherzig. Du sagst, daß Du beschlossen hast zu sterben. Was kann ich Dir darauf antworten? Stirb, wenn Du willst.“

Das Hartherzige sind Dinge wie Gleichheit, Gerechtigkeit, ja selbst Freiheit. In der Natur kommen diese „Dinge“ nicht vor. Sie sehen von persönlichen Vorlieben genauso wie von persönlichen Schwächen ab. Zu den vielen Repräsentanten und zugleich Opfern dieser Hartherzigkeit zählt der schon andernorts erwähnte junge Konvents-kommissar Saint-Just. Was Marie betrifft, verwarf sie ihren Entschluß. Sie wurde über 80 – für damalige Zeiten enorm.

Wahrscheinlich war Babeuf, wenn nicht bereits durch seine entbehrungsreiche Jugend als Sohn eines Deserteurs aus der französischen Armee, schon durch einen Haftbefehl in den Untergrund und die Ausweglosigkeit getrieben worden, mit dem ihn die Richter aus Amiens seit November 1794 verfolgten. Angeblich hatte er sich als Verwaltungschef von Montdidier bei der Versteigerung eines Gemeindegrundstücks einer Urkundenfälschung zwecks Begünstigung eines verdienten Revolutionärs schuldig gemacht. Ehrenburg behauptet, bei dieser Beurkundung sei Babeuf lediglich arglos in eine Falle getappt, die ihm sein langjähriger Widersacher Longcamp stellte, „ehemals königlicher Staatsanwalt, jetzt selbstverständlich Patriot und Republikaner“. Auf diese Weise habe ihn Longcamp aus der Picardie vertreiben und überall verleumden können: „Da seht ihr, dieser Gleichheitsapostel ist der banalsten Fälschung fähig, und alles nur wegen Geld! Jetzt hat er sich aus dem Staube gemacht und lebt in Paris einen vergnügten Tag.“ Ich kann diesen Fall nicht beurteilen, kann jedoch versichern, die Methode hat bis heute nichts an Beliebtheit eingebüßt.

Bei Ehrenburg erscheint der beinahe mönchisch lebende Babeuf auch nicht als ruhmsüchtig. Dagegen heißt es im Zusammenhang mit seiner letzten Verhaftung und dem sich anschließenden, weit weg von Paris in der Kleinstadt Vendôme inszenierten Schauprozeß gegen die Gleichen in der deutschsprachigen Wikipedia, aus unbekannten Gründen habe die Regierung den Sozialisten Babeuf als den Anführer der Verschwörung dargestellt, „obwohl wichtigere Leute als er darin verwickelt waren; seine eigene Eitelkeit spielte ihnen dabei in die Hände.“ Viel-leicht ging er in der Tat in der großen Rolle des Märtyrers auf. Immerhin hatte er wiederholt seine Bereitschaft zum Sterben bekundet. Ende Mai 1797, inzwischen 36 Jahre alt, wurde er gemeinsam mit Augustin Alexandre Darthé, der erst 31 war, zum Tode verurteilt. Andere Angeklagte bekamen Verbannung oder Freispruch, wobei dem „verdienten Postmeister“ Jean-Baptiste Drouet mit stillschweigender Billigung des Direktoriums zur Flucht verholfen worden war. Drouet hatte am 21. Juni 1791 den fliehenden Ludwig XVI. erkannt und dessen Verhaftung veranlaßt. Dadurch war er in den Nationalkonvent beziehungsweise Rat der Fünfhundert – und nun vom Schafott gerutscht.

Unmittelbar nach der Urteilsverkündung hatten die beiden Hauptangeklagten vergeblich Selbstmord versucht. Es mangelte an einem geeigneten Dolch; sie hatten sich mit einem zurecht gefeilten Eisen „nur“ schwer verletzt. Anderntags, nach Ehrenburg jedoch im Morgengrauen und deshalb nur vor schmalem Publikum, kamen sie auf der Place d'Armes von Vendôme unter die Guillotine. Fachleute der Revolution höhnen gern, der fehlende Dolch sei bezeichnend für den ganzen „Dilettantismus“ der Gleichen gewesen. Man könnte sie mit der Nase auf den Staatsstreich stoßen, der nur zwei Jahre später erfolgreich verlief, obwohl er mindestens genauso stümperhaft ausgeführt worden war. Mit ihm kam der kleinwüchsige Napoléon Bonaparte in den Sattel. Er hatte die besseren, vor allem finanzkräftigeren Steigbügelhalter.

* Die Verschwörung der Gleichen, Berlin 1928


Bachmeier, Anna 7 († 1980). Das kleine Lübecker Mädchen wurde mutmaßlich vom Metzger Klaus Grabowski erwürgt, einem vorbestraften „Sexualstraftäter“. Ein Jahr darauf, 1981 mit 35, wird Grabowski von Annas Mutter Marianne, einer knapp 31jährigen Wirtin, im Gerichtssaal zu Lübeck mit einer von ihr eingeschmug-gelten Pistole erschossen. Man verurteilt die hübsche, zierliche Frau zu sechs Jahren Gefängnis. Später, nun 46 Jahre alt, erliegt sie einer Krebserkrankung. Wie manche Quellen betonen, war Marianne Bachmeier schon durch ihren autoritären Vater, frühe Geburten und eine Vergewaltigung geschädigt. Ihr fröhliches Töchterchen war beim Schuleschwänzen entführt worden. Ob es in der stundenlangen Gefangenschaft mißbraucht wurde, blieb ungeklärt. Grabowski soll den Mord sogar gestanden haben. Er brachte eine angebliche Erpressung durch Anna ins Spiel, was die Mutter, als Abwälzung der Schuld, besonders empört haben soll. Ob Bachmeier dann mit Vorbedacht im Keller ihrer Kneipe schießen übte, ist umstritten. Fest scheint zu stehen, daß sie ihren Aufsehen erregenden „Akt von Selbstjustiz“ mit Hilfe „unerlaubten Waffenbesitzes“ nie bereute* und damals sogar in einem beträchtlichen Teil der sogenannten Öffentlichkeit Billigung oder jedenfalls Sympathie fand. So dürfte der medienwirksame Fall von zwei beliebten, nicht unbedingt gegensätzlichen Ideologien gezehrt haben. Auf der einen Seite muß „Selbstjustiz“ unnachsichtig unterbunden und also verdammt werden**; auf der anderen darf eine deutsche Mutter wie eine Löwin für ihr Kind beziehungs-weise dessen Ehre kämpfen. Aber bitte nicht für irgendein hergelaufenes Negerlein. Oder gar gleich für 10.

* Irene Altenmüller, „Annas Tod und die Rache der Marianne Bachmeier“, NDR.de 5. Mai 2020
** Näheres siehe etwa in meinem Ziegenberg-Artikel „Recht“ und in den Romanen Konräteslust (bes. Kap. 20 & 21) und Zeit der Luchse (bes. Kap. 15 & 16).



Bacigalupo, Valerio 25 (1924–49), italienischer Fußballtorhüter. Die Vorherrschaft des Automobils wird oft mit dem Argument kritisiert, seine massenhafte Benutzung unterstütze die Vereinzelung des modernen Menschen. Da hat die Luftfahrt doch eine ganz andere Dimension. Weiter oben streifte ich bereits den usbekischen Fußballer Michail Iwanowitsch An, der 1979 im Verein mit seiner Mannschaft bei einem Absturz umkam, der für 178 Tote sorgte. Torwart Bacigalupo steht hier nur stellvertretend für seine Mannschaft vom AC Turin, damals Spitzenclub des italienischen Profifußballs. Sie wurde am 4. Mai 1949, auf dem Rückflug von einem Auswärtsspiel, nahezu vollständig vernichtet, weil die Maschine kurz vor Turin bei starkem Nebel gegen eine Kirche prallte, die den Wallfahrtshügel Superga noch heutzutage krönen soll – wenn auch nur als mahnende Ruine. Von den 31 Menschen an Bord überlebte nicht einer. Am Trauerzug durch Turin beteiligten sich dann ungefähr 500.000 Menschen, darunter sicherlich viele Gläubige, ob an Gott, den Fußball oder die Mobilität. Der Glückspilz des AC Turin hieß Sauro Tomà, damals 23. Der Verteidiger und Stammspieler hatte aufgrund einer Knieverletzung gerade pausiert, somit an dieser Flugreise nicht teilgenommen.* Er wurde noch 92, gestorben 2018. Weitere Club-Abstürze werden uns begegnen.

* „Wie der Stolz Italiens an einem Berg zerschellte“, Spiegel 4. Mai 2009


Baciu, Adrian 37 (1978–2015), ein weiterer Ex-Fußballer, der einem Arbeitsunfall zum Opfer fiel: wohl in der westrumänischen Großstadt Arad, wo Baciu auch aufgewachsen war und zeitweise beim Zweitligisten UTA gespielt hatte. Verstehe ich nicht falsch*, hatte er sich im September 2015 mit einem Knie in einem offenbar tätigen Kran oder Aufzug, jedenfalls in einer Maschine einge-klemmt. Der jähe Blutverlust soll den 37jährigen Rumänen sogar daran gehindert haben, um Hilfe zu rufen. Als ihn ein Kollege nach einer halben Stunde entdeckte und einen Krankenwagen alarmierte, war es schon zu spät. Die zuständige Behörde leitete eine Untersuchung des Vorfalls ein.

* „Baciu, fostul fotbalist al echipei UTA, a murit după un teribil accident de muncă! Ce spune ITM Arad?“, Special Arad 15. September 2015


Bader, Christophe 21 (1972–93), „Separatist“ aus dem Berner Jura. Der 1979 gebildete schweizer Kanton Jura ist französisch und katholisch geprägt. Es gab in der Folge aber auch im Berner Jura, Bestandteil des benachbarten Kantons Bern, starke Kräfte, die sich von Bern, teils bis zum heutigen Tag, benachteiligt und bevormundet fühlen und die lieber Bestandteil des französischsprachigen Kantons Jura wären. Dies war natürlich ein geeigneter Boden für „militante“ Jugendliche des Berner Juras, die sich vor allem in der Bewegung Béliers zusammenfanden, auf deutsch: der „Widder“ oder „Rammböcke“. So ein junger Bock war auch der Gastwirtssohn und Metzger-geselle Bader aus dem Dorf Lamboing. Ein Freund, mit dem er damals die Wohnung teilte, schildert ihn als „Draufgänger“. Für den 6./7. Januar 1993 schwebte Bader angeblich* ein Bombenanschlag auf das Berner Rathaus vor. Ob er dabei – falls es so war – einvernehmlich oder aber auf eigene Faust handelte, ist umstritten. Dagegen liegt sein Mißgeschick auf der Hand. Als Bader nämlich am frühen Morgen, möglicherweise sowieso bereits durch Verschlafen verspätet, in der Berner Altstadt in seinem Wagen saß, auf den rechten Augenblick zum Losschlagen wartete und derweil das Autoradio einschaltete, flog der Wagen in die Luft, weil der von Bader mitgeführte Sprengsatz vorzeitig gezündet worden war und explodierte. Ob Zufall oder nicht, war der Unglückstag gerade sein 21. Geburtstag gewesen. Ein tolles Geschenk.

* Stefan von Bergen, „Vom schmerzhaften Abflauen des Zorns“, Berner Zeitung, 20. Oktober 2013


Badrian, Gerhard 38 (1905–44), jüdischer Fotograf. Der auf Fotos bieder wirkende Deutsche muß ausgespro-chen mutig gewesen sein. Viele NiederländerInnen verehren ihn. Nach Hitlers Machtantritt aus Deutschland geflüchtet, nahm Badrian eine Stelle in Amsterdam an – und kam, durch den Einfall der deutschen Faschisten 1940, vom Regen in die Traufe. Nun schloß er sich der Widerstandsgruppe um Gerrit van der Veen an, die wiederholt erfolgreich mit Hilfe gefälschter Papiere und Verkleidungen beispielsweise Gefangene befreite. Im Juni 1944 fällt Badrian aber selber herein – auf die übliche „unwiderstehlich“ reizvolle junge Frau, die sich als Lockspitzel entpuppt. Als sie ihm eine Wohnung zeigen will, die seine Gruppe angeblich als Stützpunkt benutzen könne, erwartet ihn ein Sonderkommando des deutschen Sicherheitsdienstes (SD). Es kommt zu einem Schuß-wechsel vor dem Haus, bei dem er getötet wird. Betje Wery, die Verräterin, kassiert vom SD 1.000 Gulden.*

Geboren 1920, war Wery zeitweise Schuhverkäuferin, dann Schwarzhändlerin gewesen. Als sie aufzufliegen drohte, wechselte sie die Seiten. So veranstaltete sie etwa Glücks-spielabende, durch die sie dem SD einheimische Sünder zuführte, die sich gleichfalls am Schwarzhandel gesund-gestoßen hatten. Offenbar ging sie auch Liebschaften mit Besatzern oder Agenten-Kollegen ein. Als es nach dem Krieg, 1948, zum Prozeß gegen sie kam, soll sie ein Staatsanwalt als „durch und durch schlechte“ Person bezeichnet und die Todesstrafe gefordert haben. Zwar kam sie mit „Lebenslänglich“ davon, aber das war noch viel zu viel. Van Hintum behauptet jedenfalls, sie sei bereits „nach einigen Jahren“ wieder freigelassen worden. Warum, verrät die Lexikografin nicht. 1959 verheiratete sich Wery mit einem ehemaligen SD-Mann, den sie im Gefängnis kennengelernt hatte. Er war wegen Mordes verurteilt worden. Nun eröffnete das Paar ein Eheanbahnungs-Institut. Als Wery um 1980 im Zusammenhang mit einer Fernsehshow über Ehestiftung unsanft an ihre unrühm-liche Vergangenheit erinnert wurde, soll sie, laut deutscher Wikipedia, auf neidische Konkurrenten geschimpft haben, die ihr und ihrem Gatten Böses wollten. Sie selber sei ja zu ihren Spitzelzeiten erst Anfang 20 gewesen; im übrigen hätten sie beide ihre Strafen abgesessen. Freilich können es in ihrem Fall ja eigentlich nur bestenfalls 10 Jahre von „Lebenslänglich“ gewesen sein, eher wohl höchstens fünf, falls Van Hintums Angabe zutrifft. Als Wery 2006 starb, hatte sie es auf 86 Jahre Lebenszeit gebracht.

Eine frühe Ehe der dunkelhaarigen Schönheit mit dem Handschuh-Verkäufer und Schwarzhändler Frans Tuerlings hatte bereits 1943 geendet – angeblich durch einen tödlichen Autounfall des 24jährigen! Ab 1967 lebte Wery mit ihrem zweiten Gatten Mijndert Vonk in der Stadt Ede bei Arnheim, Provinz Gelderland. Sie zogen zwei Kinder groß. Möglicherweise geht aus der von Van Hintum angeführten Literatur hervor, was aus den Kindern geworden ist.

* Marie-Cécile van Hintum: „Wery, Elisabeth“, Digitaal Vrouwenlexicon van Nederland, Stand 2018


Baedeker, Diedrich c.36 (1680–1716), Bielefelder Buchdrucker und Verleger. Obwohl er als „Stammvater“ des bekannten, ja weltberühmten Verlegerclanes gilt, der ab 1832/35, unter Enkel Karl Baedeker, Koblenz, Reisehandbücher herausbrachte, verrät im ganzen Internet niemand, woran er mit ungefähr 36 Jahren gestorben ist. Vielleicht wüßte es das Bielefelder Stadtarchiv? Ginge es meiner entsprechenden Anfrage beispielsweise 2,2 Viertel-stunden nach – was ich niemals im Leben überprüfen könnte – striche es mindestens 36 Euro von mir ein. Dafür bietet es dann der Welt außerhalb Bielefelds eine mit sekündlich wechselnden Bildern beeindruckende Webseite, deren Gestalter- und BetreuerInnen schließlich auch leben wollen.


Baehr, Volker 37 (1943–81). Bis zum Herbst 1980 war auch die schwäbische Kreisstadt Ditzingen im restlichen Deutschland vergleichsweise unbekannt. Nun geriet zunächst der dortige Oberbürgermeister Alois Lang (CDU) ins Stolpern, waren doch „Grundstücksgeschäfte“ ruchbar geworden, die Lang „am Gemeinderat vorbei“ gemacht hatte.* Er trat zurück. Ein Jahr darauf, am Montag den 7. September 1981, steuerte sein gewählter, designierter Amtsnachfolger Volker Baehr, ein 37 Jahre alter Volkswirt, Städteplaner & SPD-Politiker, im Morgengrauen und in verzweifelter Verfassung die bei Widdern gelegene, bis 80 Meter hohe Jagsttalbrücke der A 81 an. Baehrs Amtsein-setzung stand erst bevor, weil sie durch den verwaltungs-rechtlichen Einspruch zweier weit abgeschlagener Mitbewerber über Monate hinweg sabotiert worden war. Für Lokalredakteur Rainer Schauz** waren Baehrs angebliche „Depressionen“, so die Polizei, just dem Sumpf der örtlichen Korruption und der entsprechenden Intrigen gegen Baehrs durchaus lauteren Absichten entsprungen, denselben trocken zu legen. Aber der „feinsinnige“, gern Schach spielende neue Oberbürgermeister sei wohl nicht „abgebrüht“ genug gewesen, um beispielsweise auch noch die Schläge einzustecken, die ihn auf der für diesen Montag anberaumten Sitzung über die Neuordnung des Baudezernates erwarteten. Die halbe Nacht durch soll er mit seiner Ehefrau gesprochen haben, einer berufstätigen Lehrerin. Sie meldete ihn noch am selben Tag als vermißt. Wie sich zeigte, hatte sich ihr gebeutelter Gatte – Aussagen von nahen Autobahnbauarbeitern zufolge – „entschlossen“ von der erwähnten Brücke in die Tiefe gestürzt.

* Franziska Kleiner: „Ungeschönter Blick in die Ditzinger Geschichte“, Stuttgarter Zeitung, 23. Juni 2016
** „Volker Baehrs Brückensturz war tiefe Resignation“, Stuttgarter Nachrichten, 11. September 1981



Bahler, Liane 25 (1982–2007), Radrennfahrerin. 2005 war in Thüringen die 29jährige australische Radsport-Meisterin Amy Gillett beim Training unter Autoräder gekommen, davon weiter unten. Zwei Jahre darauf verbuchte meine Wahlheimat die nächste tote Profirad-sportlerin, sogar eine einheimische. Allerdings griff Liane Bahler, die aus Gotha stammte und wohl zuletzt in Erfurt wohnte oder jedenfalls trainierte, selber zum Auto. 2003 war sie auf zwei Rädern deutsche Bergmeisterin geworden. Anfang Juli 2007, inzwischen 25 Jahre alt, steuerte sie in ihrem goldmetallicfarbenen Renault Kangoo den Flughafen von Frankfurt-Hahn an (im Hunsrück), weil sie an einem Rennen in Bergamo, Italien, teilzunehmen gedachte. Sie kam aber nicht aus Thüringen heraus. Zwischen Rudolstadt und Stadtilm geriet sie auf regennasser Straße ins Schleudern, worauf sie gegen einen Baum krachte. „Liane ging immer volles Risiko“, meinte ihr Nürnberger Ex-Teamchef Jens Zemke.* Ihre Leiche wurde von der Feuerwehr aus dem Autowrack befreit.

* Bild am 4. Juli 2007


Bakkerud, Christian 26 (1984–2011), dänischer Auto-rennfahrer. Ihn ereilte der Tod auf der Straße erst nach seiner Abdankung. Der 26jährige Motorsportler, inzwi-schen Manager bei einer Reederei, verunglückte am frühen Morgen des 10. September 2011 mit seinem silberfarbigem Audi RS 6 auf einer Londoner Stadtautobahn, wobei erfreulicherweise kein anderer Mensch, ja noch nicht einmal ein Pferd zu Schaden kam. Wie es aussieht, hatte er in einem weitläufigem Kreisel eine Abfahrt verpaßt, war stattdessen, mit Tempo 78 mph (rund 125 km/h), über eine Begrenzungsmauer geschossen und drei Meter tiefer unweit eines Rad- und Reitweges gelandet, mit dem Dach zuerst. Laut Mail Online kam Bakkerud von einer Geburtstagsfeier. Eine Blutabnahme sei nicht erfolgt.* Er starb anderntags im Krankenhaus. Im August 2012 erklärte Westminster Coroner Shirley Radcliff die Angelegenheit zum Unfall. Der blonde „high-performance driver“, so Radcliffs Bezeichnung, hatte seine Renn-Karriere 2010 beendet, wohl wegen zu geringer Erfolge, jedenfalls nicht, um sein Leben zu retten, wie man nun an seinem zertrümmertem „beast of a car“ sah – so die Mail. Die Wagen dieser teils angebeteten, teils gefürchteten Audi-Serie bringen meist 450 bis 500 PS und eine „Spitze“ um 250 km/h. Sie beschleunigen wie der Blitz. Jeder, der 110.000 Euro zuviel hat (Neupreis 2010), kann sich in die „streng limitierte“ Serie einkaufen.

* Anthony Bond, „Le Mans driver and friend ...“, 16./20. August 2012


Balcke, Ernst (1887–1912), Berliner Student, Freund des später hochgelobten Lyrikers Georg Heym (1887–1912). Beide Genannten starben mit 24 Jahren. Auch die Berliner Lufttemperatur des 16. Januar 1912 dürfte für beide ungefähr gleich gewesen sein, knapp 14 Grad Minus. Im Wasser war es vermutlich nicht nennenswert wärmer. Die beiden waren zur Havel gefahren, Schlittschuhlaufen. Balcke stand damals im Begriff, sein Studium der Romanistik und Anglistik an der Berliner Universität abzuschließen. Busenfreund Heym, unzufrieden mit seinem ihm aufgezwungenem Dasein als angehender Jurist, liebäugelte mit der Offizierslaufbahn. Ein Jahr zuvor hatte Heym bei Rowohlt einen Gedichtband veröffentlicht. Wenige Jahre später wurde er von allen „Experten“ unter die Gipfel der deutschsprachigen Lyrik des 20. Jahrhunderts eingereiht. Allerdings hatte sich damals auch der junge Balcke schon als „Dichter“ versucht. Und bei dem Ausflug stürzte er gegen 14 Uhr nicht weniger tief als sein Freund. Bei Schwanenwerder hatte sich in der Strommitte plötzlich eine Öffnung vor einem von ihnen aufgetan, die man für die Wasservögel ins Eis gehackt hatte. Offenbar konnte der betreffende Läufer diesem Loch nicht mehr ausweichen, stolperte, fiel hinein. Der andere versuchte ihm vielleicht zu helfen – und kam dabei ebenfalls um. Beide Freunde wurden Tage später tot aus der Havel gefischt.

Von Augenzeugen ist in den Quellen, die das Internet bietet, nie die Rede.* Gleichwohl wissen die meisten von diesen Quellen genau: Balcke war zuerst verunglückt, nämlich mit dem Kopf auf den Rand des Eislochs geschlagen, während Heym erst ertrank, als er den Freund herauszuziehen trachtete. Es macht sich einfach zu gut. Wer wollte noch an einem Gipfel der Lyrik vorübergehen, den eine versuchte Lebensrettung krönt? Wobei nicht selten auch Details beweiskräftig sind. So versichern einige Quellen, Heyms Mütze, eine gelbe oder blaue vielleicht, habe sich unmittelbar neben dem Eislochrand gefunden! Und nicht etwa Balckes rote oder bunt geringelte Mütze. Nur die Mütze von Heym behielt Oberwasser und Beweiskraft.** Was freilich die jungen Männer angeht, wühlte sie jener „Todeskampf der Farben“, von dem Balcke in seinem Gedicht Sturm geschrieben hatte, beide nicht mehr auf.

Gerhart Fischer (1894–1913), ältestes Kind des bekannten Berliner Verlegers Samuel Fischer, wird mit erst 19 Jahren, gleichfalls in Berlin, von einer Typhusinfektion dahin-gerafft, vielleicht durch verunreinigte Nahrungsmittel. Einzelheiten sind mir nicht bekannt, dürften aber aus der Literatur über seinen Vater hervorgehen.

* Laut Spiegel 23/1960 war sich die Berliner Zeitung anderntags noch nicht einmal über den genauen Unfallort sicher. Man vermutete ihn lediglich in dem Eisloch Höhe Schwanenwerder/Kladow, weil es die einzige freie Stelle des zugefrorenen Wannsees gewesen sei. Der Wannsee ist Teil der Havel.
** Möglicherweise führen der Herausgeber der „Hamburger Gesamt-ausgabe“ Karl Ludwig Schneider oder der jüngste Heym-Biograf Gunnar Decker (2011) schlagendere Belege oder Argumente an? Am Ende sogar für eine verblüffende Paarselbstmord- oder Mordtheorie? Ich erinnere an Theodore Pietsch im Fall >Artedi.



Baldwin, Alexander White 34 (1835–69), US-Jurist, Bundesrichter (der zeitlich erste) im neuen, 1864 aufgenommenen Staat Nevada. Selbstverständlich gehört auch die Eisenbahn in die opferreiche Pionierzeit des modernen Verkehrs. 10 oder höchstens 30 Jahre früher geboren, und Baldwin hätte wahrscheinlich noch das 20. Jahrhundert gesehen. Mit 34 war er verheiratet und hatte einen kleinen Sohn. Vermutlich wohnte oder amtierte er in der Hauptstadt Carson City (damals schätzungsweise 2.000 EinwohnerInnen) oder im benachbarten Reno, beide Städtchen unweit der Grenze mit Kalifornien gelegen. Warum sich der von US-Präsident Lincoln persönlich ernannte Bundesrichter im November 1869 im westlichen Nachbarstaat aufhielt, weiß anscheinend niemand. Es ist noch nicht einmal klar, ob er mit der Bahn einreiste, etwa auf der brandneuen transkontinentalen Strecke, die New York, über Omaha, Nebraska, mit Sacramento und San Francisco verband. Sie war erst im Mai des Jahres fertiggestellt worden. Sie führte nördlich von Carson City über den Donnerpaß, um dann den Pazifik, genauer die Bucht von San Francisco anzusteuern. Vielleicht war Baldwin auch einfach (und beschwerlich) mit der Kutsche gen Pazifik gefahren und hatte nun, am 14. November, einen regionalen Zug nach Oakland oder Alameda genommen, weil ihn dort ein alter Kollege oder eine neue Geliebte erwartete. Jedenfalls waren bereits zwei Züge im Spiel, falls einer Internet-List oft rail accidents (before 1880) zu trauen ist. Danach prallten in der Gegend von Alameda ein Richtung Osten dampfender transkonti-nentaler Fernzug und eben der Regionalzug frontal aufeinander. Als Gründe werden ein fehlgeleiteter Weichensteller und schlechte Sicht aufgrund von Nebel angegeben. Es gab 14 Tote, unter ihnen der Bundesrichter aus Nevada. Für die Verkrüppelten und zu Tode Erschrockenen war in der Liste kein Platz mehr.


Balfour, James Melville 38 (1831–69), schottisch-neuseeländischer Meerbau-Ingenieur. Bei Balfour wäre man nicht verwundert, wenn er aus Turmhöhe in sein Grab gefallen wäre, gilt der tatkräftige und lichtvolle Pfarrerssohn doch als Errichter und Hüter des Rings aus Leuchttürmen, der seine Wahlheimat Neuseeland seit rund 150 Jahren schmückt. Er wurde jedoch, zufällig im selben Jahr wie der Bundesrichter aus Nevada, Opfer der Seefahrt. 1863 mit Frau und Kind im Lande eingetroffen, hatte es Balfour drei Jahre später bereits zum Marine Engineer, Inspector of Steamers and Superintendent of Lighthouses der aus zwei großen Inseln bestehenden britischen Kolonie gebracht. Das Unheil nahte sich dem Mann im Dezember 1869 durch das schlechte Vorbild seines Busenfreundes und Kollegen Thomas Paterson, mit dem er einst in Edinburgh gemeinsam die Schulbank gedrückt hatte. Der geringfügig ältere Schulfreund, als Ingenieur auf Eisenbahn-, Straßen- und ausgerechnet Brückenbau spezialisiert, war am 15. Dezember (auf der Ostseite der Südinsel) von Dunedin nach Timaru unterwegs, um den Behörden die Pläne für eine Brücke über den Fluß Rangitata zu unterbreiten. Als seine Postkutsche just eine Furt des schmalen, wenn auch Hochwasser führenden Kakanui Rivers in Angriff nahm, kippte sie um und gab Paterson den Fluten preis. Außer ihm soll eine junge Lehrerin namens Ross ertrunken sein.* Das Unglück unterstrich die Dringlichkeit des Baus von Brücken, die bekanntlich ähnlich sicher sind wie Leuchttürme, Wolkenkratzer und Kernkraftwerke. Die Sicherheit von Brücken erlebte beispielsweise 1876 der US-Komponist >Bliss.

Inspector Balfour, wahrscheinlich in Wellington am Fuß der Nordinsel zu Hause, hielt sich damals gerade in Timaru auf, um Arbeiten an der dortigen Hafenanlage zu überwachen. Wie sich versteht, war er sofort entschlossen, zu Patersons Beerdigung zu reisen, weshalb er am 19. Dezember im Verein mit sieben anderen Fahrgästen versuchte, bei schwerer See mit einem „whale boat“ das Küstenschiff SS Maori zu erreichen, das außerhalb des Hafens vor Anker lag. Prompt geriet dieses Boot in Seenot, worauf die Maori ein Rettungsboot aussandte, das die Bedrängten aufnahm. Das Rettungsboot hatte das Mutter-schiff schon so gut wie erreicht, als es von einer Sturzwelle gegen die Schiffswand geschleudert wurde und kenterte, wie ein in Christchurch, Canterbury, erscheinendes Wochenblatt anderntags berichtete.** Für zwei Insassen kam jede Hilfe zu spät: einer davon war Balfour, der Herr der Leuchttürme, der andere Mr. Smallwood, Kassierer der Union Bank, von dem weiter nichts überliefert ist. Somit endet allein diese Zwerggeschichte mit vier Toten.

* Laut Beverley Evans, Christchurch 2010, Meldung in der Tageszeitung The Star, Christchurch, Freitag 17. Dezember 1869, S. 12
** „Sad accident at Timaru“, The Press, Montag 20. Dezember 1869



Ball, Alice 24 (1892–1916), US-Chemikerin afroameri-kanischer Herkunft. Die Lepra, durch ein Bakterium ver-ursacht, auch „Aussatz“ genannt, war über Jahrhunderte hinweg die entstellende Seuche und das entsprechende Schreckbild. Sie galt noch zu Balls Zeiten als unheilbar. Es gab lediglich ziemlich untaugliche Versuche zur Linderung mit Hilfe des pflanzlichen, aus Asien stammenden Chaulmoogra-Öls. Ball, die blutjunge dunkelhäutige, anscheinend auch bildhübsche Forscherin, die von Seattle, Washington, ans College auf Hawaii gewechselt war, fand buchstäblich die Lösung. Es gelang ihr, das Öl so zu verflüssigen, daß es gefahrlos injiziert werden konnte. Auf Hawaii gab es eine ganze „Lepra-Kolonie“; stellte man nämlich eine Erkrankung an Lepra fest, wurde der Betreffende kurzerhand verhaftet und auf die Hawaii-Insel Molokai verbannt. Ob sich Ball dort öfter aufhielt, habe ich nicht herausgefunden.

Nebenbei war Alice Ball die erste Frau, die am College, der späteren University of Hawaii, einen naturwissenschaft-lichen „master“ machte. Das war 1915. Zudem war sie die erste Afroamerikanerin, die am dortigen chemischen Insitut forschte und sogar schon lehrte.* Die durch Ball in kürzester Zeit entschieden verbesserte Heilmethode mit dem Baumsamenöl blieb noch für rund 30 Jahre, bis zur Entdeckung der Antibiotika, das einzige halbwegs wirksame Mittel gegen Lepra. Aber sie hatte nichts mehr davon. Sie erkrankte während ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit am College, fuhr zu ihren Angehörigen nach Seattle zurück – und nach wenigen Monaten, Ende Dezember 1916, war sie mausetot, 24 Jahre jung. Nun heftete sich ein Vorgesetzter, ein weißer selbstverständlich, ihre Erkenntnisse ans Revers und benannte Balls Methode dreist nach sich selbst. Das wurde erst 1922 in einer Fachzeitschrift aufgedeckt. Gleichwohl wurde Ball erst um 2000 ihrerseits zum Forschungsgegenstand und kam dadurch auch erstmals zu nennenswerter Aufmerksamkeit und Anerkennung von Seiten akademischer und staatlicher Stellen.*

Bis ins Persönliche scheint diese Forschung allerdings nach wie vor nicht vorgedrungen zu sein. Balls Tempera-ment? Ihre Meinungen, Ängste, Sehnsüchte? Ging sie gelegentlich Vergnügungen nach? Von alledem ist kein Komma zu lesen. Wie es aussieht, bleibt selbst ihr früher Tod im Dunkeln. Eine Beschreibung der Krankheit, die sie nach Hause trieb, ist im Internet nicht zu haben. Wikipedia erwähnt einen Zeitungsartikel von 1917, wonach wahrscheinlich eine Vergiftung durch Chlor vorlag. Ball habe, aus Weltkriegsgründen, im Unterricht demonstriert, wie eine Gasmaske zu bedienen sei, und dabei Chlor eingeatmet. Andererseits soll ihr Totenschein, möglicher-weise nachträglich eingefügt, von „Tuberkulose“ sprechen – immerhin nicht von Lepra, die laut meinem Brockhaus, was den Erreger angeht, der Tuberkulose ähnele (Bd. 13 von 1990).

Dasselbe Nachschlagewerk betont, die Ansteckungsgefahr bei Lepra sei wesentlich geringer, als in früheren Zeiten vermutet, weshalb sich eine strenge Isolierung der Erkrankten erübrige. Früher hatte man panische Angst vor „Aussätzigen“ – und setzte sie deshalb unerbittlich aus. Daher der Name „Aussatz“. Heute hat man Corona. Man verdonnert bereits die ABC-Schützen**, demnächst auch die Säuglinge zum Tragen irrwitziger, mitunter lebens-gefährlicher „Atemschutzmasken“ und verordnet den hochbetagten Sterbenden Besuchssperren. Man könnte glauben, es sei noch Krieg – und genau das ist auch der Fall. Die Menschen kämpfen seit Jahrtausenden gegen ihre Angst. Und einige Menschen gegen den Verlust ihrer Macht.

* University of Hawai'i at Manoa o. J.
** Max Stadler, „Befreit unsere Kinder!“, Rubikon 14. August 2020



Balogh, Fritz 30 (1920–51), tschechisch-deutscher Fuß-ballspieler, torgefährlicher „Halblinker“, seit Kriegsende beim Oberligisten VfL Neckarau, einem erfolgreichen Mannheimer Vorortclub. Mit eben diesem Verein am 14. Januar 1951 auf der Rückreise von einem Auswärtsspiel beim FC Bayern München, fiel (oder sprang) der 30jährige Stürmer aus unbekannten Gründen gegen 21.30 Uhr in der Nähe des Bahnhofs Nersingen (bei Ulm) aus dem fahren-den Zug und war vermutlich auf der Stelle tot. Nach einem Gedenkartikel* von 2011 hatte er einen Schädelbasisbruch erlitten. Man nahm zunächst einen Unfall an, doch niemand weiß Genaues: Baloghs buchstäblicher Fall ist, zumindest für Scheerer, bis heute ungeklärt.

Leider gibt der Artikel des Sportredakteurs keinen Hinweis auf die damalige Gemütsverfassung des 30jährigen. Balogh habe zuletzt mit seinen Kameraden im Speisewagen gesessen und diesen (vielleicht zum Austreten) verlassen. Als sie ihn bald darauf, beim Eintreffen in Ulm, vermißten, setzte die Bahnpolizei eine Suche in Gang und fand nur noch Baloghs Leiche neben den Gleisen, etwa 700 Meter vom Nersinger Bahnhof entfernt. So blieb es bei der bekannten nichtssagenden Formel vom „tragischen Un-fall“, über die, soweit ich sie kenne, auch die Mannheimer Lokalpresse zum Thema Balogh nie hinausgekommen ist.

Keine zwei Monate vor seinem Tod hatte Balogh die Ehre des ersten Länderspiels gehabt. Der kleingewachsene, aber enorm flinke und trickreiche, auch hübsche junge Fußballer, der in Neckerau mit Frau und Tochter lebte, war vor allem in Süddeutschland beliebt und gefeiert. Bundestrainer Sepp Herberger soll große Stücke auf ihn gehalten haben. Von daher kann Balogh kaum abgrundtief enttäuscht gewesen sein. In München hatte es allerdings, an jenem klirrend kalten Januartag, ein 3:5 gesetzt. Angenommen, Balogh hatte in München einen Elfer verschossen. Dann gab es im Speisewagen wahrscheinlich nicht viel zu lächeln.** Wäre das jedoch ein hinreichender Grund sich umzubringen? Diesbezüglich sollte man eher an Krankheit oder Familienunglück denken, ob das Herz oder den Geldbeutel betreffend. Nur schweigen Familien, nach allen Erfahrungen, in solchen Fällen wie ein Grab.***

Was die polizeilichen Ermittlungen angeht, erwähnt Scheerer lediglich eine „pathologische Untersuchung“, nicht aber deren Ergebnis. Wer weiß, ob sich die Polizei zum Beispiel auch den Zug vornahm. Standen Fenster oder Türen offen? War eine Türverriegelung defekt? Gab es Zeugen? Selbst ein Mord ist ja nicht völlig ausgeschlossen. Möglicherweise hatte Balogh Feinde oder aber eine zufällige Begegnung im Zug, die zu einem handfesten Streit ausartete. Von alledem ist nirgends etwas zu hören. Sollten die Ermittlungen so schlampig erfolgt sein, wie zu befürchten steht, hätte der damals zuständige Staatsanwalt sicherlich keine Straße verdient.

1949 hatte Balogh, der hauptberufliche Fußballer, gemeinsam mit seiner Frau im Hauptbezirk seines sport-lichen Wirkens ein Toto-Lotto-Geschäft eröffnet. Dieser Familienbetrieb kann eigentlich nicht hoch verschuldet gewesen sein, denn er überdauerte bis heute.**** Ende 1982 zog Baloghs Tochter die Hülle vom Straßenschild des soeben gekürten Baloghwegs, wie sich einem Foto aus einem Mannheimer Blatt entnehmen läßt. Dieser Weg stößt in Neckarau rechtwinklig auf den Rhein. Wer sich wegen der Corona-Gefahr ertränken wollte, brauchte nur in ihn einzubiegen und immer geradeaus zu gehen.

* Wolfgang Scheerer, „Das Rätsel um den Todessturz des National-stürmers“, Südwest Presse, 20. Januar 2011
** Porträtfoto bei 11 Freunde, 2010
*** Für Näheres empfehle ich meinen Ziegenberg-Artikel „Privat-sphäre“
**** Neckarau Almenhof Nachrichten vom 10. Juli 2009, Seite 10



Balzar, Andreas 28 (1769–97), deutscher Räuber im Westerwald. Dieses Mittelgebirge liegt ungefähr auf halbem Wege zwischen Bonn und Koblenz östlich des Rheins. Balzar wurde in Höchstenbach oder Flammers-feld* als Sohn eines Pfarrers geboren. Möglicherweise wäre er mit etwas mehr Glück als „Robin Hood des Wester-walds“ auf seine Nachwelt gekommen. Während er in Herborn die Hohe Schule besuchte, schulte er sich in krimineller Hinsicht im fürstlichen Park in Wilderei. Als ihn sein Erzeuger verstieß, ging er nach Rußland, wo er Geschmack am Soldatenberuf fand und bis zum Kapitän einer zaristischen Leibgarde aufstieg, was ihm wahrschein-lich einige Jahre später, 1797 in Westerburg, die Schmach des Enthauptens oder Erhängens ersparte. Er wurde nur erschossen. Aus unbekannten Gründen in den Westerwald zurückgekehrt (der damals Zankapfel französischer und österreichischer Truppen war), hatte Balzar seinen eigenen Verein aufgemacht, eine Räuberbande. Auch mit ihr blieb er vorwiegend der Wilderei treu. Als sich angeblich ein französischer Offizier an Balzars Flammersfelder Braut verging, blies er seine Mannen wie auch alle einheimischen mutigen Burschen erst recht gegen die Franzosen, was ihm in manchen Nachschlagewerken immerhin den Ruf eines „Freischärlers“ oder wenigstens „Widerstandskämpfers“ eingebracht hat.* Zu einer allgemeinen Volkserhebung reichte es jedenfalls nicht. Balzar wilderte weiter, verbündete sich gelegentlich mit österreichischen („kaiserlichen“) Einheiten, wurde von den Franzosen als Le capitain noir (Der schwarze Hauptmann) gejagt. Der übliche Verrat brachte ihm mit 28 die Verhaftung und das Todesurteil ein.

Wenig später, 1803, kam in Mainz der ungefähr 23jährige Johannes Bückler unters Fallbeil – jener Schinderhannes, den viele zu unrecht für den „Robin Hood des Hunsrücks“ halten. Im Gegensatz zu diesem anspruchslosen Lang-finger und Schlagetot wurde Balzar Genugtuung durch Legendenbildung nur gering zuteil. Vom Weilburger Schulmeister Christian Spielmann, später Direktor des Stadtarchivs Wiesbaden, gestorben 1917, wird zuweilen das 1906 in Leipzig erschienene Werk Balzar von Flammers-feld. Roman vom Westerwalde erwähnt, das wahrschein-lich 1926 noch einmal in Westerburg aufgelegt wurde, inzwischen aber so gut wie verschollen ist.

* Hessische Biografie, Stand 2020


Bamberski, Kalinka 14 (1967–82), mutmaßliches Mordopfer in Lindau am Bodensee. Hier war es, anders als etwas früher (1980/81) im Fall Anna >Bachmeiers, der Vater, der den Tod seines Kindes zu „rächen“, vielleicht auch nur „Gerechtigkeit“ suchte. Ob ihn die Schüsse der Mutter Annas im Lübecker Gerichtssaal zu seinem immer-hin nicht tödlichen Schritt der „Selbstjustiz“ anregten, habe ich nicht herausbekommen. Im Gegensatz zu Mari-anne Bachmeier mußte er allerdings eine Riesengeduld aufbringen.

Die Tochter Kalinka des Franzosen André Bamberski, eine hübsche, sportliche, langhaarige Blondine mit blauen Augen, hatte ihre letzten Sommerferien (1982) bei ihrem damals 47 Jahre altem Stiefvater Dieter K., einem Arzt, in Lindau am Bodensee verbracht. Dort starb sie, unter fragwürdigen Umständen von K. behandelt, angeblich in ihrem Bett. Krank war sie nicht gewesen. Bamberski, ihr leiblicher Vater, damals 45, wohnhaft in Toulouse, argwöhnte bald nach der Obduktion sexuellen Mißbrauch und, zwecks dessen Vertuschung, Mord. Auch bei der Obduktion, wahrscheinlich von Arzt K. nicht unbeeinflußt, war offensichtlich nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Dennoch ordnete die deutsche Justiz die Einstellung der Ermittlungen an und schmetterte auch ein Klageerzwingsverfahren von Bamberski ab. Nun war die groteske, wenn auch völlig normale Lage so, daß K. in Frankreich hätte verfolgt und verurteilt werden können, weil Kalinka Französin war. In der Tat kam es, auf Betreiben Bamberskis, zunächst (1985) zu einer zweiten Obduktion (bei der die Entfernung von Kalinkas Geschlechtsteilen aufgedeckt wurde!*), dann sogar zu Anklage und Verurteilung: 15 Jahre Gefängnis und hoher Schadenersatz – allerdings nur in Abwesenheit des Angeklagten, denn Deutschland hatte sich gehütet ihn auszuliefern. Das war 1995, geschlagene 10 Jahre später. Doch nun erkannten die deutschen Behörden auch dieses Urteil insofern nicht an, als sie sich, mit üblicher spitzfindiger Begründung, zu seiner Vollstreckung außerstande erklärten. Dies alles zog sich hin und hin. Warum der zwielichtige Mediziner so beflissen und nachhaltig gedeckt wurde, kann auch Hammer nur mutmaßen.* Als sich K. schließlich (2008/9) mit Plänen zu tragen schien, nach Afrika zu entweichen, und zudem die Verjährung des französischen Urteils gegen ihn drohte, platzte dem inzwischen rund 70jährigem Buchhalter Bamberski der Kragen. Er heuerte Fachleute an, die den mutmaßlichen Mörder seiner Tochter nach Mülhausen im Elsaß entführten und im gefesselten und geknebelten Zustand sozusagen vor die Treppe des dortigen Zollamts warfen.* Prompt wurde K. nach Paris überstellt und erneut angeklagt. Das 2011/12 gesprochene Urteil gegen ihn blieb im wesentlichen das alte: 15 Jahre. Freilich ließ man auch den pensionierten Buchhalter und nebenberuflichen Freischärler Bamberski nicht völlig ungeschoren. Ein Mühlhausener Gericht brummte ihm, wegen der Entfüh-rung, im Sommer 2014 ein Jahr mit Bewährung auf.**

Da möchte mancher vielleicht mit einem Schmunzeln zum nächsten Fall übergehen, doch ich will mir zwei Hinweise erlauben. Zum einen: Bei dieser Posse kam ein 14jähriges Mädchen um. Wobei es wahrscheinlich auch noch gequält worden war. Stiefvater und Mediziner K. hatte sich übrigens während der 1990er Jahre noch mit weiteren Vorwürfen auseinander zu setzen, etwa wegen Vergewalti-gung einer anderen Minderjährigen, Mißhandlung seiner ersten Ehefrau und jüngster illegaler Berufsausübung.* Er kam freilich auch in diesen Fällen glimpflich davon. Nebenbei ist er soeben, 202o, als 84jähriger aus Krank-heitsgründen von der französischen Justiz auf freien Fuß gesetzt worden.

Zum zweiten: in einer wirklich freien Republik hätte sich die Tonnen an Kraft und Volksvermögen verzehrende Posse weitgehend erübrigt. Weder sogenannte Vorschrif-ten und Amtswege noch eine sogenannte Staatsangehörig-keit spielen in dieser Republik, die mir vorschwebt, eine Rolle. Entscheidend sind die allgemeinen moralischen Grundsätze sowie die Betroffenen eines Falls, immer auch durchmischt mit Unbefangenen. Und selbstverständlich werden sie rasch bemerken, dieser Dieter K. hat keine saubere Weste und muß folglich zur Rede gestellt werden. Erhärtet sich der Verdacht bis hin zu dem Konsens aller Beteiligten, er habe eine schändliche Tat vollbracht, wird K. zur Besserung und Wiedergutmachung aufgefordert. Er zeigt sich allerdings hartnäckig uneinsichtig? Also kom-men wir nicht umhin, die Republik vor ihm zu schützen. Ihn nach Frankreich zu jagen, wäre selbstverständlich eine Schweinerei, weil er dort über kurz oder lang das nächste Mädchen in die Falle locken wird. Einsperren verbietet sich aber ebenfalls, weil wir uns diese enormen Kosten der Bewachung und Versorgung gar nicht leisten können.
Ergo ..?

Sollten sich ein paar der Beteiligten wohl oder übel zu einer Tötung gezwungen sehen, werden sie diese selbstverständlich so rasch und schmerzlos wie möglich vornehmen. Die Folterer, das sind zum Beispiel jene PolitikerInnen und Bürokraten, die jeden Tag 20 Gesetze über Staatszugehörigkeiten, Amtswege, Behördenformu-lare und Strafmaße erlassen. All diese Hürden, die sie aufbauen, verfolgen im wesentlichen nur zwei Zwecke: denen, die an den Hebeln sitzen, das schöne Gefühl der Machtausübung zu ermöglichen; den Kleinen Leuten dagegen das Leben so sauer und schwer wie nur möglich zu machen. Zu diesen Hürden zählt letztlich auch der ganze Apparat demokratischer Rechts- und Gefangenen-fürsorge, wie ich betonen möchte. Vor allem entbindet er den „Staatsbürger“ von jeder Eigenverantwortung. Sodann verwandelt er die Hürden, die zu antiken Zeiten immerhin noch zählbar waren, in einen undurchdringlichen Dschungel, der restlos alles Leben erstickt.

Ich höre den Einwand, die Ächtung der Todesstrafe in vielen postmodernen „Demokratien“ sei doch auch der erwiesenen Gefahr des Irrtums und der Unwiderruflichkeit des Todes geschuldet. Aber dieser Einwand ist nur auf den ersten Blick stark. Ich glaube nämlich daran, in einer Freien Republik überschaubaren Ausmaßes wäre die Gefahr des Irrtums viel geringer, weil die Republikaner-Innen erheblich aufgeklärter, sorgsamer und lebensklüger wären als die Bande der Bürokraten und Rechtsverweser-Innen, mit der man es in Molochen wie Deutschland und Frankreich zu tun hat. Ihr gegenüber muß man sicherlich an der Ächtung der Todesstrafe festhalten. Diese Bande ist zu allem fähig. Im übrigen sind die Rechtsauffassungen, die ich hier einzuschieben wage, ohnehin rein spekulativ, weil „Freie Republiken überschaubaren Ausmaßes“ nur in den Sternen stehen. Greift ein Untertan des Molochs zur „Selbstjustiz“, hat es weder Methode noch stellt es eine vorbildliche Lösung dar. Es ist seine aus Knechtschaft und Gewissensnot erfolgte persönliche Verzweiflungstat. Hammer beschreibt ziemlich gut, was Bamberski durchzu-machen hatte. Nebenbei hätte ihn sein Widerstand auch in finanzieller Hinsicht fast ruiniert.

Gewiß werden zuweilen noch heute PolitikerInnen oder RichterInnen des Molochs dafür gelobt, sie hätten ein Problem erfreulich „unbürokratisch gelöst“. Aber auch das wird sich in wenigen Jahrzehnten erübrigt haben. Es wird dann nämlich keine PolitikerInnen und RichterInnen mehr geben, vielmehr nur noch Roboter – also Computer-programme, die den DrahtzieherInnen des Ganzen hörig sind. Diese Roboter werden dann entscheiden, ob ein Begehren des Staatsbürgers den Vorschriften entspricht oder nicht. Sie lachen vielleicht? 2050 sprechen wir uns wieder.

* Joshua Hammer, „The Kalinka Affair“, The Atavist Magazine, no. 13 2012
** Stefan Brändle im Standard am 18. Juni 2014



Fortsetzung (Ban–Bent)
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