Sonntag, 9. August 2020
LdF Folge Ame–Ast

Ames, Adelaide 32 (1900–32), US-Astronomin, seit 1923 im Observatorium der Harvard-Universität in Cambridge, Massachusetts, angestellt. Im Sommer 1932 erholte sich die anscheinend bildhübsche, dunkelhaarige* junge Wissenschaftlerin, Tochter eines höheren Offiziers der US-Army, von ihrer Jagd nach Galaxien in den Sternbildern Coma und Virgo in einem Camp am Squam Lake, New Hampshire. Bei einer Kanufahrt mit einer Kameradin Ende Juni kenterte das Boot, heißt es im Magazin Popular Astronomy aus demselben Jahr.** Warum, verrät das Magazin nicht; die Frage nach dem Wetter oder dem Gemütszustand der Kanuten war ihm zu abwegig. Immerhin weiß es, beide Frauen waren als gute Schwimmerinnen bekannt. So strebten sie gen Seeufer, die Kameradin voran. Als sich diese einmal umwandte, sei die 32jährige Astronomin nicht mehr dagewesen, so das Magazin. Weitere Zeugen, außer der namenlosen Beglei-terin, werden nicht erwähnt. Ames Leichnam sei erst nach tagelanger Suche aus dem See gefischt worden. Wurde er untersucht?

* Foto
** „Research Astronomer Lost by Drowning“, Vol. 40, 1932, p. 448/49



Amsel, Lena 31 (1898–1929), Berliner Tänzerin und Stummfilmsternchen. Die polnisch-jüdisch-stämmige, strahlend blauäugige Diva mit dem dunklen Bubikopf soll närrisch nach Männern und Rennwagen, außerdem morphiumsüchtig gewesen sein, alles sicherlich nicht sehr originell. Im letzten November ihres bis dahin 31 Jahre währenden Lebens wollte sie dem Maler André Derain, einem ihrer zahlreichen prominenten Freunde, auf dem Rückweg von Barbizon nach Paris einmal zeigen, was eine Harke ist. Derain war vorausgefahren, gleichfalls in einem Bugatti. Beim Versuch, ihn zu überflügeln, kam Amsels Geschoß jedoch auf dem nassen Laub der Landstraße ins Schleudern, überschlug sich und ging in Flammen auf. Gerald Piffl meint*, Amsel hätte es damals versäumt, ihren bekanntermaßen sehr leichten Wagen vor Fahrtantritt, wie allgemein üblich, mit einem Stein im Kofferraum zu stabilisieren. Nebenbei kostete der Wettkampf auch Amsels Beifahrerin und Freundin Florence Pitron das Leben, über die ansonsten in meinen Quellen nichts zu erfahren ist. Vielleicht hatte Amsel, die böswilligen Beobachtern zufolge die Kunst des Tanzens nur keimhaft beherrschte, zumindest unbewußt ihrer Kollegin Isadora Duncan nacheifern wollen, die zwei Jahre vorher in Nizza aus einem flotten, offenen Auto in den Tod gerissen worden war. Ob gleichfalls aus einem Bugatti, ist umstritten. Sie war bereits 50.

* Der Standard, 30. Oktober 2009


An, Michail Iwanowitsch (1952?–79). Der ungefähr 26jährige Mittelfeldspieler des usbekischen Fußballclubs Pachtakor Taschkent flog am 11. August 1979 mit seiner Mannschaft nach Minsk. Bei Dniprodserschynsk, Ukraine, prallten sie mit einem anderen Flugzeug zusammen – 178 Tote, keine Überlebenden. Inzwischen hat man sich in der Ukraine an solche Vorfälle gewöhnt. Im Juli 2014 genügte schon eine Maschine (Flug MH17), um für 298 Todesopfer zu sorgen.


Andersson, Dan 32 (1888–1920). Der zukünftige Schriftsteller, der aufgrund einer haarsträubenden, von ihm nicht verschuldeten gesundheitspflegerischen Maßnahme nicht alt werden sollte, kam aus armseligen Verhältnissen: geboren im Schulhaus des Dorfes Skattlösberg in Dalarna, Mittelschweden, wo vorwiegend Bergbau, Holzeinschlag und Köhlerei betrieben wurde. Nachdem sich seine frommen Eltern, die LehrerInnen Augusta und Adolf Andersson, zwischenzeitlich, seit 1905, nur mühsam in Mårtenstorp als KöhlerInnen und Bauern versucht hatten, bezog die sechsköpfige Familie um 1910 ein winziges Häuschen am Rande Skattlösbergs, genannt Luossastugan. Es wurde später in ein schmuckes Museum verwandelt, in dem sogar noch die Gitarre Dans bewundert werden kann. Er soll auch Akkordeon und Geige gespielt haben. Andersson wird als großer schlanker Mann mit dunklem Haar, blauen Augen und ausdrucksstarkem Mund beschrieben. Er habe sich würdevoll oder gemessen, aber offenbar nicht eckig bewegt. Ein verhinderter christlicher Jugendleiter vielleicht.

Während sich seine Eltern neuerdings vornehmlich mit Schuster- und Buchbindearbeiten über Wasser hielten, wenn ich richtig verstanden habe, ging auch Sohn Dan verschiedenen handfesten Gelegenheitsarbeiten nach, etwa in einer Papierfabrik oder als fahrender „Ritter“ des (anti-alkoholischen) Templerordens, bildete sich (1914/15) an der Brunnsviker Volkshochschule, arbeitete streckenweise als Hilfslehrer und strebte wenig erfolgreich an, sich als Übersetzer (Rudyard Kipling, Charles Baudelaire) und Poet zu ernähren. Anderssons Erzählungen und Gedichte fanden erst nach seinem Tod ein größeres Echo; manches davon ging in den Kanon der schwedischen Arbeiter- und Volksliedliteratur ein. Er litt oft unter Geldmangel. 1917 stellte ihn das Göteborger sozialdemokratische Blatt Ny Tid als Redakteur ein, wenn auch nur für ein Jahr. 1918 heiratete er Olga Turesson, die in Süd-Dalarna als Dorfschullehrerin tätig war.

Anderssons erstes Buch Köhlergeschichten war 1914 erschienen. Anfänglich romantisch-naturalistisch orientiert, scheint ihn später vordringlich die metaphy-sische Not des Volkes beschäftigt zu haben. In seinem Gedicht Der Bettler von Luossa, das sehr beliebt sein soll, besingt er über neun Strophen hinweg Landstreicher, Bettler, manches Wunderding / „und seine Sehnsucht eine ganze Mondnacht lang“. Der Löwenanteil der Verse kreist allerdings um eine erwünschte Erlösung aus den irdischen Fesseln, die wenig dinghaft vor Augen gestellt wird. Man versteht es aber auch wieder, bittet er doch den Herrn, die Erde fortzunehmen, damit etwas komme, „was vordem niemals war!“* Nach einigen Kritikern war der eifrige Schopenhauer-Leser Andersson einer Synthese aus christlicher und fernöstlicher Heilsgewißheit auf der Spur. Ivan Aguéli hätte ihn wohl kaum ausgelacht, falls sie nicht ohnehin in Verbindung standen.**

Im Spätsommer 1920 nach Stockholm gereist, da er sich eine Anstellung bei der Zeitung Social-Demokraten erhofft, übernachtet Andersson im Hotel Hellman in der Bryggaregatan. Zu seinem Unglück war ihm nicht bekannt, daß sein Zimmer mit der Nummer 11 eben erst vom Hotelpersonal durch Aussprühen mit Cyanwasserstoff von Wanzen und anderen Insekten befreit und anschlie-ßend entgegen den Vorschriften nicht ausreichend gelüftet worden war. So zog sich der 32jährige Mystiker in der Nacht zum 16. September eine Vergiftung zu, der er am nächsten Nachmittag erlag. Möglicherweise war er schon angeschlagen, denn Petri Liukkonen behauptet, 1910 habe man Andersson wegen Tuberkulose vorzeitig aus dem Militärdienst entlassen.*** Andererseits soll es unter den Hotelgästen noch ein zweites Todesopfer gegeben haben, schreibt die schwedische Wikipedia, nämlich den Versicherungsinspektor Elliot Eriksson aus Bollnäs. Es war also kein reiner Dichtertod.

* Laut Übersetzung bei anacreon.de
** Der beachtliche Maler aus Sala, Västmanlands län, hatte sich vom Anarchisten zum „Wandersufi“ gemausert; 1917 kam er, mit 48, unter etwas unklaren Umständen an einem spanischen Bahndamm um.
*** Authors‘ Calendar 2008



Andersson, Oskar 29 (1877–1906). Der Stockholmer Pionier des Comic-Strips, Sohnes eines Gießers der Königlichen Münzanstalt und um 1900 Zugpferd des Magazins Söndags-Nisse, ging noch zeitiger von uns als sein Namensvetter Dan, der ausgeräucherte Dichter. Dabei hätte Oskar gerade heute erst, als steinalter Beobachter des weltweiten Corona-Wütens, sein größtes Glück gemacht. Die Drosten-Gates-Merkel-Bande hätte ihm die 1902 auf Papier geworfene Szene mit der Schere aus seiner pantomimischen Serie Mannen som gör vad som faller honom in mit Handkuß abgenommen und ihm dafür ein Virenschutz-Bundesverdienstkreuz überreicht.

Der durchaus gefeierte Vertreter des gezeichneten absurden und sarkastischen Humors soll Tiere geliebt haben, voran Pferde, jedoch im Sozialen linkisch und eher erfolglos gewesen sein. Er sei immer menschenscheuer geworden, heißt es in der schwedischen Wikipedia, und zunehmend von Wahnvorstellungen und Wutausbrüchen heimgesucht worden. Auf der Insel Ekerö im westlich von Stockholm gelegenen ausgedehnten Mälarsee hatte er seinen Eltern ein Haus und sich selber ein Ateliergebäude bauen lassen. Dort erschoß er sich eines Herbsttages. Die Gründe sind unklar. Wahrscheinlich spielte eine sommerliche Militärübung (mit Pferden) eine Rolle, die er offenbar „nur“ als Karikaturist verfolgt hatte. Ferner sei er am verhängnisvollen Tag mit einigen Nachbarn in Streit geraten. Anschließend habe er am Pier des Dampfschiffes eine Frau beleidigt, die dort Wäsche wusch. Kurz darauf habe man aus einem nahen Wäldchen einen Knall gehört. Vor dem Schuß soll sich der 29jährige auch noch die Pulsader am Handgelenk aufgeschnitten haben. Zudem hatte er wohl am selben Vormittag versucht, den gleichaltrigen Söndags-Nisse-Redakteur Hans Harald „Hasse“ Zetterström telefonisch zu erreichen – leider vergeblich. Andersson starb auf der Stelle. Zetterström brachte es immerhin noch auf knapp 70.


Angermüller, Josef 27 (1949–77), Motorradrennfahrer aus Oberbayern. Mit Politik hatte er nichts am Helm. Während sich der zeittypische Münchener Student unter Demonstranten mischte, um mit vereinten Kräften „Schluß mit dem Vietnamkrieg!“ zu brüllen, mauserte sich der gelernte Landmaschinenmechaniker und Rockfan Josef Angermüller, geboren im heutigen Markt Wolnzach, mitsamt seinem Motorrad und seiner langen und lockigen hellbraunen Haartracht zum heimischen „Speedwaybeatle“ und Publikumsliebling auch außerhalb der vergleichsweise engen Sandbahn-Kreise, in die es ihn aus Neigung getrieben hatte. Christian Kalabis*: „Leute, darunter viele Mädchen, pilgerten wegen ihm Sonntag für Sonntag zu den vielen [ovalen] Rennbahnen in seiner Heimat, um von ihm ein Autogramm zu bekommen und ihm im Gegenzug ihre Telefonnummer preiszugeben. So entstand ein winzig kleines Büchlein, das ihn oft veranlasste, an vielen Auto-bahnausfahrten die nächste Telefonzelle anzusteuern ...“

Zwar kommen Bahnrennmaschinen selten über 120 km/h, dafür fehlen ihnen jedoch die hilfreichen Bremsen. Ein Rennen in Neustadt an der Donau verläßt Angermüller im Frühjahr 1975 auf der Bahre: mit gebrochenem Ober-schenkel. Er beißt die Zähne zusammen und braust schon bald wieder mit seinem orangefarbenen BMW und seiner Rennmaschine im Huckepack Richtung Ärmelkanal oder Mittelmeer. Angermüller fuhr damals, als erster Deutscher, auch wiederholt für Mannschaften der britischen Profiliga, was ihn einstweilen für das Pech entschädigte, noch keinen überregionalen Meistertitel errungen zu haben. Vermutlich hätte er dies noch geschafft, sofern es bei Beinbrüchen, Prellungen oder Gehirnerschütterungen geblieben wäre. Ende April 1977 absolvierte er einen WM-Qualifikationslauf auf seiner Lieblingsbahn in der mittelitalienischen Adria-Küstenstadt Civitanova. Kalabis: „Es war noch nicht die Zeit der Handys, so erfuhren wir erst Stunden später telefonisch vom Tod Josef Angermüllers und keiner konnte diese Nachricht glauben. Der Sepp, wie sie ihn nannten, war bei einem Überholmanöver wohl auf eine glatte Stelle geraten, sein Motorrad hatte den Griff verloren und er wurde rückwärts in die betonharte Schutzwand geschleudert.“ Angermüller hatte sich totgefahren, 27 Jahre jung. Und ich betone, niemand konnte es glauben …

Knapp 10 Jahre früher, 1968, während Angermüllers Telefonverzeichnis anzuschwellen begann, waren die Gespannfahrer** Johann Attenberger (32) und Josef Schillinger (28) aus der oberbayerischen Kreisstadt Ebersberg auf einem 14 Kilometer langen, auch durch Wohnsiedlungen führenden Straßenkurs in den belgischen Ardennen mit rund 200 km/h in einen Vorgarten und dann in das dazugehörige Haus gerast. Wie es aussieht, hatten sich die BewohnerInnen, falls vorhanden, mitsamt ihrer Kleinkinder vorsorglich in den Hinterhof oder zum Urlaub an die Adria verzogen. Die zwei Ebersberger aber waren auf der Stelle tot. Als Anerkennung dafür bekamen sie in Ebersberg eine Straße.

* Speedweek, 24. April 2015
** Motorrad mit Seitenwagen. Das Duo lag übrigens in Führung, und dies in der letzten Runde dieses Rennens um den Großen Preis von Belgien.



Theodore „Theo” Annemann 34 (1907–42). Eigentlich hieß er Squires, geboren in East Waverly, New York. Obwohl sein Künstlername recht deutsch klingt, galten Annemanns Sorgen nicht dem Faschismus. Wegen dem Faschismus hätte sich der Ex-Bahnbeamte, der seine künstlerische Laufbahn als Sänger sowie als Assistent in Zaubershows begonnen hatte, wahrscheinlich auch nicht umgebracht. Er wurde Magier. Als ihn die Kunststücke mit Spielkarten nicht mehr genug forderten, verlegte er sich um 1930 auf die sogenannte Mentalmagie, zu deren „Vätern“ er unter Fachleuten gezählt wird. Hier ging es um Gedankenlesen, Hellsehen, Telekinese und dergleichen. Ab 1934 gab er ein eigenes Monatsmagazin heraus, The Jinx, das viel Beachtung fand. Daneben legte er eine Reihe von Schriften vor, angefangen mit The Book Without A Name von 1931. Eigenwillig war er schon. So trimmte er auch die spektakuläre, bereits seit Jahrzehnten dargebotene Übung des Kugelfangs für sein mentalmagisches Programm zurecht. Er konnte ja immer behaupten, die von Zuschauern markierte Gewehr- oder Pistolenkugel (nach dem Abfeuern in Richtung seines geöffneten Mundes) durch reine Gedankenkraft mit den Schneidezähnen gepackt zu haben. Wenn es gut ging, rieselte sogar etwas Blut aus seinen Mundwinkeln.

Bei Annemann ging es erstaunlicherweise immer gut – ein Gegenbeispiel hatte sein Landsmann und Berufskollege Chung Ling Soo 1918 bei einer Vorstellung in London geliefert. Chung fiel der eigenen Kugel versehentlich mit 56 zum Opfer. Dafür machten Annemann jedoch die ganzen nervenaufreibenden Umstände zu schaffen. Er bekam sein Lampenfieber nie in den Griff. Er soll nicht selten derart aufgeregt gewesen sein, daß ihn auf der Bühne geradezu Schüttelfrost befiel. Während das Publikum darin einen schlagenden Beweis für die übermenschlichen Anstren-gungen erblickte, die ihm die Konzentration abverlangte, drohte ihn sein Lampenfieber in Wahrheit zu zermürben, zumal er es immer heftiger in Alkohol zu ertränken suchte. Probleme in zwei Ehen kamen hinzu. Für Ende Januar 1942 hatte der 34jährige Zauberkünstler mit Pomp sein neues Programm angekündigt, das in Manhatten über die Bühne gehen sollte, wo er damals lebte. Als Höhepunkt war eine brandneue „indoor“-Variante des Kugelfangs vorgesehen. Zwei Wochen vorher entschloß er sich aber zum unwiderruflichen Rücktritt. Seine zweite Gattin, mit der er sich auch schon überworfen hatte, fand ihn auf der Couch, über dem Kopf eine Tasche, in die er einen vom Gasherd ausgehenden Schlauch gesteckt hatte. Offenbar kam sie mit dem Leben davon. Erklärungen hinterließ ihr Gatte angeblich nicht.* Hätte er seine Kugelfang-Handfeuerwaffe genommen, hätte es ihm vielleicht nicht jeder geglaubt.

* Jeff Abraham and Burt Kearns: „Theodore Annemann“, in: The Show Won't Go On, Chicago (Illinois) 2019, digitale Ausgabe ohne Seiten-nummern


Antinoos um 17 († 130). Angeblich ertrank der Grieche oder Kleinasiate in der betörenden Blüte seiner Jugend, die sich in unzähligen Bildnissen verewigt findet, im Nil. Ungefähr 15 bis 20 Jahre alt, war er der legendäre Lüst- und Günstling des römischen „Kaisers“ Hadrian gewesen. Ob er diese Position aus freien Stücken oder gezwungener-maßen bekleidete, weiß niemand. Wahrscheinlich ging Antinoos von einer kaiserlichen Barke über Bord. Über die Umstände und Gründe seines Todes liegen Erzählungen in allen denkbaren Variationen vor, nur keine Fotos. Möglicherweise hechtete er sich in den Nil, um sozusagen Hadrians Flossen zu entkommen. Als gesichert gilt lediglich, daß Hadrian an der Unglücksstelle umgehend eine ganze Stadt errichten ließ, Antinoupolis. Würde mir nach meinem Ableben jemand eine Fußmatte oder gar eine Hundehütte stiften, wäre es schon viel. 2010 ging eine Marmorbüste, die angeblich den Anlaß jener Stadtgrün-dung zeigt, in New York City für knapp 24 Millionen Dollar über den Auktionstisch.*

* Matthias Schulz, „Göttlicher Buhlknabe“, Spiegel 6. Dezember 2010


Aquash, Anna Mae 30 (1945–75), rebellische US-Indianerin. Die Pine-Ridge-Reservation unweit der Black Hills in Süd-Dakota ist nur noch ein Schatten der stolzen Prärieindianerverbände, die hier einst nach Büffeln jagten. Sie zählt zu den ärmsten Gegenden der USA. Arbeitslosig-keit, Alkoholismus und sogenannte Kriminalität sind enorm. In den 1970er Jahren kam es immerhin zu handfestem Widerstand gegen die korrupten „Führer“ der Reservation, die Schikanen seitens der US-Indianerbe-hörden und des zum Himmel schreienden Unrechts überhaupt, das den „Rothäuten“ in ihrem eigenen Land schon angetan worden war. Damals kamen (angeblich) Dutzende von Indianern durch staatliche Repression um. Die gern vertretene Meinung, auch Aquash zähle zu diesen Opfern, ist allerdings stark umstritten.

Die schwarzhaarige, für Eric Konigsberg* „knabenhaft hübsche“ Mikmaq-Indianerin aus Kanada hatte sich erst nach ihrer zweiten Hochzeit Aquash genannt. Mit viel Energie geladen, wurde sie trotz ihrer geringen Körper-größe, um 1 Meter 50, ein prominentes Mitglied des American Indian Movement (AIM). Sie hatte sich 1972 am machtvollen „Zug der gebrochenen Verträge“, 1973 an der Besetzung in Wounded Knee beteiligt. Dieser schicksals-trächtige Ort liegt in der Pine Ridge Reservation. Eben-dort lernte sie den vielbewunderten Anishinabe-Indianer Dennis Banks aus der AIM-Führung kennen. Bei ihrer Ankunft soll er sie zu Küchenarbeiten angehalten haben, worauf sie geknurrt habe: „I didn’t come here to wash dishes, Mr. Banks. I came here to fight.” Ein Jahr darauf ging sie freilich mit Banks eine Liebschaft ein. Im Sommer 1975 fand auf der Jumping Bull Ranch der Reservation ein Schußwechsel statt, der zwei Fahndern des FBI und einem AIM-Aktivisten das Leben kostete. Die toten Polizisten wurden später Leonard Peltier zur Last gelegt, der noch heute im Knast sitzt. Auch dieser Fall ist umstritten. Jedenfalls scheint er Aquashs Leben besiegelt zu haben.

Dennis Banks war damals offiziell verheiratet, und zwar mit Darlene (Ka-Mook) Nichols. Pikanterweise war Nichols, in Pine Ridge, zugleich Rivalin und Freundin der kleinen Nebenbuhlerin aus Kanada. Nach jener Schießerei hatte man sie sogar zeitweise in dieselbe Gefängniszelle gesteckt. Nichols behauptet, sie seien auch beide, mit anderen, bei einem heimlichen Treffen Zeuge eines Eingeständnisses von Peltier gewesen, die beiden Polizeifahnder tatsächlich umgelegt zu haben. Erheblich später, 1989, erklärte Nichols ihrem Gatten, sie habe die Nase von seinem „womanizing“ voll, verließ ihn und rang sich schließlich dazu durch, wegen des ungeklärten Mordes an seiner und ihrer Freundin mit den Strafverfolgungs-behörden zusammen zu arbeiten. Von jenem gemeinsamen Gefängnisaufenthalt her behauptet sie überdies, Aquash habe um Vorwürfe aus den eigenen Reihen gewußt, eine Verräterin, ein Maulwurf des FBI zu sein, und deshalb bereits um ihr Leben gefürchtet.

Im November 1975 kam Aquash, offenbar nach nur kurzer Haft, auf freien Fuß. Aber vier Wochen darauf war sie tot. Ein Farmer der Reservation entdeckte ihren bereits ziemlich entstellten Leichnam Anfang 1976 am Fuß einer Highway-Böschung. Die ErmittlerInnen stellten einen Kopfschuß aus nächster Nähe fest. Ein Mord lag somit auf der Hand – es fragt sich nur, wer ihn verübte oder veranlaßte.

Wie es aussieht, war Aquash nach ihrer Entlassung nach Denver gereist, weil sie dort, im Hause Troy Lynn Yellow Woods, ihren Geliebten Dennis Banks zu treffen hoffte. Er tauchte jedoch nicht auf. Dafür glaubt Nichols den vielen gleichlautenden Gerüchten, aus diesem Haus sei Aquash von Handlangern oder „Gangstern“ des AIM eines Wintermorgens, als mehrere Autos dort eintrafen, entführt und ins Reservat geschafft worden. Möglicherweise sei sie auch noch in einem Haus in Rapid City, Black Hills, von mehreren, mit der AIM-Führung verbandelten Frauen verhört worden, ehe sie jemand erschoß. Die 2004 und 2010 wegen des Mordes verurteilten Indianer Looking Cloud und John Graham seien nur Randfiguren gewesen; Nichols wähnt die Hauptschuld bei Drahtziehern aus der AIM-Führung. Zwar gab es bei den Gerichtsverfahren zumindest Teilgeständnisse, aber geklärt ist der Fall offensichtlich nicht.

Einige BeobachterInnen glauben, Aquash sei beseitigt worden, weil sich Peltier, wegen jener Schießerei auf der Jumping Bull Ranch, bei dem erwähnten heimlichen Treffen gebrüstet oder verplappert habe. Diese Überzeu-gung teilen auch die beiden Töchter Aquashs aus erster Ehe, Denise und Debbie Maloney-Pictou. Man fragt sich freilich, ob dann nicht auch Nichols, laut Konigsberg Teilnehmerin jenes Treffens und somit genauso Mitwisserin wie Aquash, gefährdet war. Andere glauben jedoch, das FBI habe kräftig Spuren verwischt und gefälscht, um den in eigener Regie begangenen Mord an Aquash, die längst auf der „Abschußliste“ gestanden hätte, der verhaßten AIM in die Schuhe schieben zu können. Beide Versionen sind nicht unwahrscheinlich. Vielleicht überschneiden sie sich sogar, wenn man an die bekannten, weltweit üblichen Verstrickungen zwischen den „Sicherheitskräften“ und Geheimdiensten eines Regimes und den „regimefeindlichen“ Gruppierungen denkt, seien es sogenannte Rechts- oder sogenannte Linksradikale. Kniet man sich in das Material dieses eher ländlichen Falls, glaubt man sich ohnehin immer mal wieder in einem Film über die Mafia aus Manhatten oder Chicago. Jedenfalls kann auch AIM kein Gemischter Kirchenchor gewesen sein. Nach Konigsberg trat einer von Banks‘ „bodyguards“, Douglas Durham, einige Monate vor Aquashs Tod im Fernsehen mit der Offenbarung auf, in Wahrheit sei er bezahlter, eingeschleuster FBI-Agent gewesen. Allerdings betont der US-Autor auch, für die entsprechenden Beschuldigungen gegen die Ermordete gebe es bislang keinerlei Beweise.

* „Who Killed Anna Mae?“, New York Times Magazin 25. April 2014


Aquino, Juliana Ferreira Braga de 28 (1980–2009), brasilianische Bühnenkünstlerin. Die studierte dunkel-häutige Opernsängerin hatte sich in Europa gerade eine glänzende Laufbahn als Musicaldarstellerin eröffnet. Zuletzt sah sie ihrem Auftritt als Madame Akabar in einer Stuttgarter Inszenierung des Musicals Wicked – Die Hexen von Oz entgegen. Ein Jahr zuvor, 2008, hatte sie in Klagenfurt die Maria Magdalena in Jesus Christ Superstar gesungen und gesprungen. Der stern behauptet, sie sei auch selber gläubig gewesen – und davon überzeugt, Gott werde ihr selbst in Berufsbelangen, etwa dem Erlernen der deutschen Sprache, helfen.* Aber auf ihrer Heimreise von einem Besuch zu Hause im Sommer 2009 fiel die 28jährige Künstlerin herein. Sie hatte einen Airbus von Rio de Janeiro nach Paris genommen, der in der Nacht vom 31. Mai zum 1. Juni aufgrund von technischen Schwierigkeiten im Verein mit Pilotenfehlern in den Atlantik stürzte, wo er bis auf ungefähr 4.000 Meter Meerestiefe sank. Sämtliche 228 Insassen der Linien-maschine kamen um. Als es später vor Gerichten um Entschädigungszahlungen ging, warfen Richter der Air France „Fahrlässigkeit“ vor – und nicht etwa dem modernen Verkehr überhaupt.

* 11. Juni 2009


Arabanoo um 30 (1759–89). Die britischen Imperialisten hätten in ihrer neugegründeten Siedlung an der Sydney-Bucht (New South Wales) gern ein paar Aborigines, also dunkelhäutige einheimische AustralierInnen gehabt – nur aus Gründen des Studiums und der Kooperation, wie sich versteht. Allerdings ließ sich aus freien Stücken kein dunkelhäutiger Forschungsgegenstand in der Sydney-Bucht blicken. Deshalb ordnete „Gouverneur“ Arthur Phillip an, kurzerhand ein paar Einheimische einzufangen. Der erste männliche Aborigine, der einem Leutnant Ende Dezember 1788 bei Port Jackson in die Fänge ging, war just Arabanoo, ein ungefähr 30 Jahre alter stämmiger Kerl mit Bart und Wuschelhaar. Beide Zierden kamen im Haus des Gouverneurs sogleich unter die Schere. Außerdem wurde die Beute in ein Bad und in zivile Kleider, allerdings auch in sogenannte Handschellen gesteckt, an denen ein Strick befestigt war. Lokalhistoriker Keith Vincent Smith* bemerkt dazu: „This pleased him and he called it Ben-gàd-ee, meaning an ornament, ‚but his delight changed to rage and hatred when he discovered its use‘, wrote Tench.“

In den folgenden wenigen Monaten, die ihm noch beschieden waren, soll sich Arabanoo eher ungelehrig, aber immerhin auch nicht sonderlich aufsässig gezeigt haben. Er kooperierte also in der Tat. Dabei wohnte er weiter mit Phillips und dessen Familie unter einem Dach. Im Mai 1789 beteiligte er sich sogar an Notstandsmaß-nahmen, die wegen einer Pockenepidemie ergriffen werden mußten. Die „smallpox“-Viren hatten bei Port Jackson unter den Einheimischen gewütet. Weiße, rechtzeitig „immunisiert“, blieben verschont. Arabanoo half Tote begraben und zwei befallene Kinder pflegen, die man nach Sydney gebracht hatte. Dabei muß sich Arabanoo angesteckt haben, denn nach nur einer Woche Krankheit war auch er selber, am 18. Mai des Jahres, den Pocken erlegen. Man begrub ihn feierlich im Garten des „Gouverneurs“.

Woher die weißen HeilsbringerInnen mit den donnernden Bordgeschützen stammten, ist allgemein bekannt; dagegen ungeklärt und stark umstritten, wo die Pocken-Viren hergekommen waren. Hier wird von Indonesien bis London alles gehandelt; sogar Heimtücke und Absicht schließt mancher nicht aus.

* „Arabanoo“, Dictionary of Sydney 2010


Araujo, Cheryl 25 (1961–86). Man könnte seufzen, vermutlich habe sie das erste Unglück, das sie ereilte, nur überstanden, weil sie noch nicht wußte, das zweite lauert bereits. Sie stammte aus Portugal, hatte jedoch in den Staaten eine Highschool besucht: in New Bedford, Massachusetts, wo sie auch wohnte. Blutjung, wie sie war, hatte sie gleichwohl schon zwei Kinder. Da wurde sie plötzlich, im März 1983 und knapp 22 Jahre alt, in der benachbarten Big Dan‘s Bar, wo sie eigentlich nur Zigaretten holen wollte, das Opfer einer gang-rape, einer Vergewaltigung durch mehrere Männer. Als sie schließlich auf die Straße flüchten konnte, halbnackt, lasen sie drei freundlicher gestimmte Mitbürger auf und fuhren sie ins nächste Krankenhaus. Es kam zu einem Aufsehen erregenden Prozeß, der immerhin für vier Täter mit Haft-strafen um fünf Jahren endete. Die BarbesucherInnen, die das brutale, auf einem Poolbillardtisch servierte Gesche-hen interessiert verfolgt oder noch durch Zwischenrufe angefeuert hatten, gingen straffrei aus. Anders in dem 1988 veröffentlichten Filmdrama Angeklagt (The Accused) des Gespanns Kaplan/Topor, wenn ich richtig verstanden habe. Hauptdarstellerin Jodie Foster bekam einen Oscar.

Fosters „Vorbild“ Araujo war entschieden ärmer daran. Mit 25 „verlor sie die Kontrolle über ihren Wagen“, wie ja nicht nur Presseagenturen* gern mit Nachsicht formu-lieren. Sie war inzwischen mit ihren Töchtern Carolyn (6) und Jessica (4) und deren Vater nach Miami, Florida, gegangen, wo sie sich zur Sekretärin ausbilden ließ. Dort prallte sie im Dezember 1986, ihre Töchter im Auto, unweit ihrer Wohnung gegen einen Strom- oder Lichtmasten. Sie war auf der Stelle tot; ihre Töchter kamen mit glimpflichen Verletzungen davon. Ihrem Rechtsanwalt Scott Charnas zufolge war die „tapfere“ Frau „recht zufrieden“ gewesen, sodaß ein Selbstmord eher unwahr-scheinlich ist. Während die Agenturberichte anfänglich auch Drogenmißbrauch der Fahrerin verneinten, spricht die englische Wikipedia inzwischen von starker Trunkenheit. Araujo sei deshalb, wegen Alkohol, bereits in Behandlung gewesen.

* AP-Bericht von Mitchell Zuckoff, 18. Dezember 1986


Archipowa, Valentina 24 (1919–43), verheiratete Schaffnerin aus der Sowjetunion, Mutter zweier Kinder, zuletzt eine Zwangsarbeiterin von rund sechs Millionen Zwangsarbeitern des deutschen Faschismus. Die elende und erniedrigende Lage wurde in ihrem Fall noch durch ein haarsträubendes Todesurteil gekrönt. Aufgrund des Krieges von ihrer Familie getrennt und durch falsche Versprechungen gelockt, hatte Archipowa im Frühjahr 1942 eine Arbeitsverpflichtung unterschrieben. Sie kam mit berüchtigtem „Ostarbeitertransport“ nach Frank-furt/Main und wurde der Sindlinger verwitweten Bäuerin Rosina Bayer zugeteilt. Schon Mitte August wurde deren Anwesen durch eine Brandbombe verwüstet. Die junge Russin half beim Löschen und wurde kurz darauf einem anderen Hof zugeteilt. Allerdings hatte sie im Schutt der Brandstelle zwei oder drei Meter, teils angesengten Stoff gefunden, den sie nun bei einem polnischen Kollegen gegen einen gebrauchten Mantel eintauschte, denn der Winter nahte. Davon bekam leider durch dummen Zufall der stellvertretende Ortsgruppenleiter Hans Berninger Wind, die sie unverzüglich anzeigte. Die Gestapo blies Archipowas „Diebstahl“ sowohl dem Umfang nach wie durch die Einstufung als „Plünderung“ auf, von den Verhörmethoden und den Haftbedingungen einmal zu schweigen – auf Plünderung stand nämlich, laut „Volksschädlingsverordnung“, die Todesstrafe, wie von den Autorinnen Barbara Bromberger / Katja Mausbach zu erfahren ist.* Prompt lieferte ein Assessor Pütz (wohl Ende Juli 1943) das erwünschte Todesurteil des Frankfurter Sondergerichts. Es folgten noch sechs Wochen Wartezeit in der Todeszelle wegen eines Gnadengesuchs – die übliche, aber selten gewürdigte Folter für Häftlinge dieser Art. Nach Ablehnung des Gesuchs kommt die 24jährige am 9. September 1943 im Gefängnis Preungesheim unters Fallbeil.

Archipowas Schicksal wurde um 1970 dank einer Fernseh-dokumentation Reinhard Ruttmanns bekannt.** Ob ihre Verfolger und Mörder noch belangt wurden, geht aus meinen Quellen nicht hervor.

* Frauen und Frankfurt. Spuren vergessener Geschichte, Ffm 1987, S. 79–81
** Fritz Bauer Institut 3. September 2014



Arias, Luis Felipe 31 (1876–1908), guatemaltekischer Pianist und Komponist „klassischer“, wenn auch stark „folkloristisch“ gefärbter musikalischer Werke. Bei einem Künstler aus Mittelamerika verwundert es natürlich kaum, wenn er im Internet als weitgehend unbeschriebenes Blatt erscheint. Aufgrund seines Musikstudiums in Italien (Stipendium) machte Arias sein Heimatland mit zeitgenössischer europäischer Musik bekannt und wurde schon als 25jähriger Professor und Direktor des Konserva-toriums in Guatemala-Stadt. Für etliche eigene Arbeiten bekam er Preise. Warum er als 31jähriger im März 1908 auf der Straße ermordet wurde, ist angeblich nie geklärt worden. Nach Jamie Bisher* sprachen Oppositionelle einige Jahre später jedoch davon, „Diktator“ Manuel Estrada Cabrera habe den (kritischen?) Musiker von einem Agenten beseitigen lassen. Michael F. Fry** macht den „gedungenen Mörder“ des Musikers sogar namhaft: Nicolás Cardillo. Der Mann sei dafür bekannt gewesen, für Estrada Cabrera zu arbeiten.

Um Auskünfte oder Ratschläge gebeten, zeigt sich selbst der Komponist und Musikwissenschaftler Dieter Lehnhoff überfragt. Ich hatte Bishers Hinweis sowie den Mangel an Angaben zur Persönlichkeit Arias‘ erwähnt. Lehnhoff schreibt mir (am 10. August 2018) aus 01016, Guatamala, C.A., wo er an der Universität Rafael Landívar lehrt, leider gebe es in der Tat lediglich spärliche Informationen aus sekundären Quellen. Er könne mir bedauerlicherweise nicht weiterhelfen. Mit Erfolgswünschen und herzlichen Grüßen …

* The Intelligence War in Latin America, 1914–1922, USA 2016, S. 230
** Historical Dictionary of Guatemala, Lanham, Maryland (USA) 2018, S. 52. Laut Verlagsangabe lehrt Fry lateinamerikanische Geschichte am Fort Lewis College, Durango, Colorado.



Arjona, Zayda Peña 26 (1981–2007), Sängerin der mexikanischen Gruppe Zayda y Los Culpables. In der kirschmündigen Blonden und ihrer polierten Schlager-musik trafen sich anscheinend zwei Glätten, wie man sie etwa von Surfbrettern kennt. Ob ihr Hit „Amor ilegal“ wirklich kritisch vom Drogenkonsum handelte, wie man meist liest, kann ich nicht beurteilen. Ansonsten besang sie, mit allen in dieser Sparte, bis zum Erbrechen die Liebe.

Möglicherweise ging es auch bei ihrem gewaltsamen Ende um diese. Frontfrau Arjona wurde neben zwei Personen, die in gewissen tonangebenden Quellen als Männer hingestellt werden, zur Zielscheibe, als sie Ende November 2007 nach einem Konzert (oder Besuch?) in ihrer Heimatstadt Matamoros (Grenzstadt zu Texas) in ihr dortiges Hotel Monaco zurückkehrte. Während die beiden anderen Opfer der motorisierten Schützen auf der Stelle starben, wurde Arjona nur durch eine Notoperation im Hospital Alfredo Pumarejo aus der Lebensgefahr gebracht – allerdings nur für ein paar Stunden. Dann, am folgenden Morgen, drangen mehrere Bewaffnete ins Hospital ein und gaben der 26jährigen Künstlerin in ihrem Krankenzimmer vor den Augen des Klinikpersonals kaltblütig den Rest.

Wie ich aus einem Gedenkartikel* im Portal des spanischsprachigen Fernsehsenders Univision schließe, waren die „Sicherheitskräfte“, die Arjona hatten bewachen sollen, wahrscheinlich bestochen. Dieser Artikel des in LA, Kalifornien, ansässigen Senders nennt auch die beiden anderen, wohl ebenfalls noch jungen Opfer: Arjonas enge Freundin und häufige Begleiterin Ana Bertha González und den Hotelangestellten Leonardo Sánchez. Das hatte das US-Magazin People übrigens schon wenige Tage nach dem Vorfall gemeldet.** Beide Quellen führen die Vermutung an, die fotogene Frontfrau sei lesbisch gestimmt gewesen. Zu den Verdächtigen habe die Polizei einen ehemaligen Geliebten Ana Berthas gezählt.

Wie so oft in Mexiko, verliefen die polizeilichen Ermitt-lungen im Sande. Der Fall ist bis heute ungelöst, das mutmaßliche Mordmotiv umstritten. Sollten Drogenbosse ihre Hände im Spiel gehabt haben, dann möglicherweise „nur“ wegen Arjonas Mutter, wohl gelernte Rechtsan-wältin, jedenfalls Juristin. Sie war inzwischen offenbar bei der Staatsanwaltschaft Matamoros‘ beschäftigt und dadurch für Verfolgungsmaßnahmen gegen die Mafia mitverantwortlich. Im übrigen hagelt es in Mexiko seit Jahrzehnten Morde, gern an Journalisten, aber auch an mehr oder weniger kritischen Künstlern. Erst ein Jahr vor Arjona war ihr populärer Berufskollege Valentín Elizalde aus einer Gangsterlimousine heraus geradezu durchsiebt worden, worauf ich noch zurückkommen werde.

* 11. März 2018
** 4. Dezember 2007



Armagnac, Ben d’ 38 (1940–78). Der belgisch-nieder-ländische „Performance-Künstler“ hatte es gerade erst, 1977, auf die documenta 6 in Kassel gebracht, und wer weiß, zu welchem Ruhm er zukünftig noch gekommen wäre. Seine Masche war es, sich bei seinen Darbietungen Situationen auszusetzen, die bedrohlich, ja lebensge-fährlich waren oder jedenfalls so erschienen. Ähnliches kennt man ja etwa auch von Bergsteigern oder Autorenn-fahrern, die allerdings nur selten behaupten, Ziel ihrer Aktivitäten sei die Erhöhung oder Vertiefung des Erkenntnisstandes ihrers Publikums. Bei d’Armagnacs letzter Nummer scheint allerdings nicht ein Zuschauer zugegen gewesen zu sein. Chris Thompson zufolge* trug sich das Unglück am Abend des 28. Septembers 1978 in Amsterdam Ecke Herengracht/Brouwersgracht zu, wo der 38jährige Künstler ein Hausboot bewohnte. Beim Betreten oder Verlassen dieser Unterkunft ausgleitend oder strauchelnd**, schlug er wahrscheinlich mit dem Kopf auf die eiserne Bootskante, fiel ohnmächtig ins Wasser und ertrank. Erst am nächsten Morgen, als die Leiche geborgen wurde, drängten sich am Geländer der nahen Brücke etliche Schaulustige. Von Thompson ist auch zu erfahren, daß damals gerade ein deutscher Guru im Lande weilte, Joseph Beuys. Am verhängnisvollen Abend hatte sich dieser, zu Aufführungs- oder Vortragszwecken, mit seiner Freundin und Berufskollegin Louwrien Wijers in Arnhem aufgehalten. Die beiden eilten nach Amsterdam zurück und zündeten Kerzen an. Bei dieser Andacht habe Beuys sogar Piano gespielt – möglicherweise ein Stück von Erik Sati, den habe der umstrittene Kunstprofessor aus Düsseldorf nämlich besonders geschätzt.

* „Ben d'Armagnac's Last Performance“, PAJ: A Journal of Performance and Art, Vol. 26, No. 3, September 2004, S. 45 (–60)
** In seinem Buch Felt: Fluxus, Joseph Beuys, and the Dalai Lama, USA 2011, erwähnt Thompson, kurz zuvor sei d'Armagnac in seinem nahegelegenen Stammlokal gesehen worden. Der Bierdeckel mit den Strichen ist nicht abgedruckt.



Armenulić, Silvana 37 (1939–76). Wie es aussieht, war der erfolgreichen bosnisch-jugoslawischen Schlager-sängerin nur ein schnöder Blechkastentod beschieden – aber immerhin im Sozialismus. Sie kam gemeinsam mit ihrer 25jährigen, gleichfalls singenden, damals schwangeren Schwester Mirjana (Mirsada) Barjaktarević und dem Geiger und Orchesterleiter Miodrag „Rade“ Jašarević nach einem Konzert in Aleksandrovac bei der Heimfahrt in einem Ford Granada auf der Schnellstraße Niš–Belgrad um. Laut Polizei lag ein Unfall vor. Danach war der am Steuer sitzende Jašarević, 60, in den Gegen-verkehr geraten und wie schon (1969) die westdeutsche Berufskollegin Alexandra mit einem Lkw zusammen-geprallt. Doch auch in diesem Fall halten sich Gerüchte, jemand habe nachgeholfen, zumal sich die Sache hinter dem „Eisernen Vorhang“ abspielte und Armenulić schon gelegentlich (wegen „Prüderie“?) geschnitten worden war.

Beim ihrem Begräbnis sollen, in Belgrad, um 40.000 Menschen auf den Beinen gewesen sein. Der Glückspilz bei dem fetten Unfall war Armenulićs ungefähr gleichaltrige Berufskollegin Lepa Lukić. Sie war aufgefordert worden, sich an jenem Konzert zu beteiligen, habe jedoch zum ersten Mal in ihrer Laufbahn verschlafen und deshalb den Auftritt verpaßt. Sie ist davon überzeugt, im anderen Fall wäre sie gemeinsam mit den Schwestern gereist und also ebenfalls verunglückt. Seit damals habe sie sich nie mehr an ein Lenkrad gesetzt, behauptet sie.* Zur Stunde scheint sie noch zu leben, 8o Jahre alt. Einen für diese Enzyklopä-die nicht unbedingt typischen gründlichen und beleg-reichen Artikel liefert, was Armenulić angeht, die englische Wikipedia.

* Telegraf, 30. Mai 2013


Armstrong, Norm „Red“ 35 (1938–74), bis 1973 kanadischer Profi-Eishockeyspieler. Eishockey ist wahrlich kein Deckchensticken, aber der Mann aus Ontario, zeit-weise für den US-Club Rochester, New York, tätig, hatte es 1973 lebend überstanden. Er kehrte zum Stahlwerk Algoma in Sault Ste. Marie, Ontario, zurück, wo er bereits manchen Sommer ein Zubrot verdient hatte. Schon ein Jahr darauf ereilte ihn freilich ein Arbeitsunfall. Angeblich verlor er „in großer Höhe“ das Gleichgewicht und stürzte zu Tode – ob von einem Hochofen oder dem Stahlskelett eines Wolkenkratzers, läßt Joe Pelletier offen.* Algoma hatte damals schätzungsweise um 3.000 Beschäftigte.

* „Red Armstrong“, Februar 2010


Arnold, Ignaz Ferdinand 38 (1774–1812), Erfurter Jurist, Philosoph, Privatdozent, Organist, Klavierlehrer und (vor allem) Schriftsteller. Heute hätte der Sohn eines kurfürstlichen Oberkämmerers sein dauerhaftes gutes Auskommen als Autor von Heftchenromanen gehabt. Seine überall „enorm“ genannte Produktivität brachte nämlich im Löwenanteil keineswegs musikwissenschaft-liche oder lokalhistorische Arbeiten hervor, vielmehr Räuber-, Schauer-, Gespenster- und Liebespistolen. Damals jedoch ließen ihn etliche teils gesellschaftlich, teils persönlich bedingte Widrigkeiten stets in Geldnöten schweben, ja schließlich, mit 38 Jahren, sogar „im eigentlichen Sinne verhungern“, wie es laut Thomas Kaminski*, etwas übertrieben, zwei Jahre nach Arnolds Tod in einem amtlichen Bericht heißt. Das fing schon mit den Schulden seines überraschend gestorbenen Vaters an, die Arnold abzutragen hatte, und hörte nicht mit den Winkelzügen der Verleger auf, die es damals liebten, ihre Autoren dreist auszunutzen und übers Ohr zu hauen. Ferner hagelte es Verleumdungsklagen – ziemlich unabhängig von dem lästigen Umstand, daß Erfurt von 1806–14 von den Franzosen beziehungsweise deren prunkliebendem Kaiser Napoleon besetzt war.

Im übrigen hatte der vielbegabte und vielschreibende Thüringer mit seinem Naturell zu kämpfen, das sich leider von heutiger Nachwelt, wie es aussieht, nur noch andeutungsweise erhellen läßt. Von seiner Kinderstube wissen wir gar nichts. Ein einschneidendes Erlebnis dürfte Arnolds Hochzeit mit Maria Anna, Tochter eines Klostervorstehers, im Herbst 18oo gewesen sein. Bald darauf müsse es zu einem „heftigem Nervenzusammen-bruch“ und einem vorübergehenden Aufenthalt in einer Irrenanstalt gekommen sein, schreibt Kaminski – warum, schreibt er nicht. Man kann sich natürlich aufgrund eigener Erfahrungen mit jähen sexuellen Erfordernissen und nicht minder jähem Verlust der junggesellenhaften Selbstherrlichkeit seinen Reim darauf machen. In der Gemeinde der Herrenhuter im nahen Neudietendorf habe sich der von Hause aus fromme, ansonsten eher aufklärerisch gestimmte Doktor der Philosophie allmählich wieder erholt und erneut zum Federkiel gegriffen. Schließlich kostet Krankheit Geld; Arnolds Mutter war auch bereits pflegebedürftig. Dazu kommen zwei von Anna Maria geborene Kinder. Zu allem Unglück soll die schwer geprüfte Gattin, nach Constantin Beyers Worten, auch noch von einem „unheilbaren Krebs im Gesichte“ befallen worden sein. Das riecht schon stark nach Psychosomatik.

Für Kaminski läßt sich Arnolds kräfteraubende Viel-schreiberei nicht nur mit dessen drückenden Geldsorgen, sondern auch mit dessen Entschlossenheit erklären, diesem Elend gerade so eingehend wie möglich zu entfliehen. Aus den Tagebüchern des erwähntens Stadt- und Zeitgenossen Arnolds, Constantin Beyer, zitiert er dazu: „Ein Glück wars für ihn, daß seine Phantasiespiele, die er sich schuf, ihn das in der Chimärenwelt genießen ließen, was er in der wirklichen nicht genoß und vermöge seiner beschränkten Lage nicht genießen konnte. In seinen Romanen brachte er so oft es nur sein konnte, eine Schilderung und bis aufs kleinste Beiessen, keine Souce und keinen Salat vergaß [er] (…) Auch ließ er alle hübschen Mädchen aus Liebe zu seiner Person fast toll werden, denn in seinen mehrsten Romanen spielt ER die Hauptrolle ...“

Im Oktober 1812 erlag der eingebildete Frauenschwarm, je nach Quelle, einem „bösartigen Nervenfieber“ oder einem „nervösen Gallenfieber“. Das zweite führt die Witwe in einer Anzeige auf, mit der sie um Sach- oder Geldspenden bittet. Was aus Anna Maria und den beiden Kindern dann noch wurde, wird mir vermutlich niemand verraten kön-nen. Zum Verstorbenen und dessen Auszehrung steuert Beyer den Gesichtspunkt des Grolls bei, der bekanntlich ähnlich nagend oder bohrend wie Hunger sein kann. Arnold hatte erst vor wenigen Wochen, aber mit viel Mühen den Posten eines Sekretärs der Erfurter Universität ergattert. Ein Abt Muth soll ihm dabei viele Knüppel zwischen die Beine geworfen haben. Just der Ärger darüber habe Arnold in die Krankheit gestürzt, „von der er nicht wieder aufstand“.

* Nachwort zum Reprint von Arnolds Schrift Erfurt in seinem höchsten Glanze während der Monate September und Oktober 1808, einem streckenweise subversivem Bericht vom sogenannten Erfurter Fürstenkongreß. Hrsg. Franz-Ulrich Jestädt und Horst Moritz, Erfurt und Waltershausen 2008.


Artedi, Peter 30 (1705–35). Der schwedische Natur-forscher aus geistlichem Hause, Student der Medizin und enger Freund des später weltberühmten Carl von Linné, soll 1735 in Amsterdam auf dem nächtlichen, unbeglei-teten Heimweg von einer Gesellschaft bei seinem Gönner Seba betrunken in eine Gracht gefallen und auf diese Weise umgekommen sein. Die Polizei habe ihn anderntags als Leiche herausgefischt. Es ist natürlich nicht undenkbar, daß bei dem Sturz jemand nachhalf, etwa jener ehrgeizige Freund, vielleicht sogar Liebhaber Linnaeus, der sich damals ebenfalls in den Niederlanden aufhielt, wohl hauptsächlich in Leiden. Er hatte Artedi als wissenschaft-lichen Rivalen empfunden und „kümmerte“ sich dann prompt um dessen interessanten Nachlaß und dessen Biografie. So scheint es jedenfalls der US-Meeresbiologe Professor Theodore W. Pietsch aus Seattle, Washington, mit seinem Roman The Curious Death of Peter Artedi: A Mystery in the History of Science anzudeuten, falls E. Charles Nelsons Besprechung in einem schottischen akademischen Magazin zu trauen ist.* Das Buch sei mit Fußnoten und Quellenangaben ausgestattet: „so it is not an ordinary novel“. Den berühmten Taxonom und Artedi-Biografen Linnaeus gebe der Autor als hinterhältigen und ausgesprochen eitlen Charakter, der alles daran gesetzt habe, sich nach dem Ableben seines besten Freundes dessen Beschreibungen, Einsichten und unveröffentlichte Manuskripte ans eigene Revers zu heften.

Übrigens galt oder gilt Artedi, jener weitgehend mittellose, frühzeitig angeblich in einen Kanal gestolperte 30jährige Schwede mit den ausgeprägten anziehenden Gesichts-zügen, als Fachmann, ja sogar „Vater“ der Ichthyologie, einem zoologischen Zweig, der ihn auch nach Amsterdam geführt hatte, wo seine Studien von dem bereits erwähnten wohlhabenden Apotheker Albertus Seba gefördert wurden. Die Ichthyologie ist die Fischkunde, falls Sie es nicht wissen – der Artedi, so könnte man unken, bis zum letzten Atemzug nachging.

* Archives of Natural History Vol. 38 Iss. 2, Edinburgh University Press Oktober 2011 / Verlagsanzeige mit weiteren Stimmen zum Pietsch-Buch siehe hier.


Arthur I. um 15 (1187–1203), Herzog von Bretagne. Seine Pechsträhne begann im Grunde schon vor seiner Geburt. Er lernte seinen Vater, den Herzog der Bretagne Gottfried II., gar nicht kennen, war dieser doch kurz vorher bei einem Turnier in Paris von einem Pferd zertreten worden. Dann geriet der Sprößling in die ränke- und verlustreiche englisch-französische Balgerei um die Macht. Die Einzelheiten erspare ich uns. Was Arthurs frühes Ende angeht, hatte ihn Johann Ohneland um den englischen Thron betrogen, wie jedenfalls Arthurs Mutter Konstanze und eine Menge französischer Adeliger meinten. So belehnte Konstanze ihren Sprößling, unter Rückendeckung durch Frankreichs König Philipp II. August, mit weiteren französischen Herzogtümern und nötigte den ungefähr 15jährigen Knaben, sich im Sommer 1202 an die Spitze eines Heeres zu setzen, um diese Belehnung, zunächst in Poitou, auch militärisch durchzusetzen. König Johann Ohneland klebte jedoch insofern nicht an seinem englischen Thron, als er Arthur bei dessen Belagerung von Mirebeau (wo Johanns Mutter Eleonore Hof führte) übertölpelte und gefangen nahm. 1203 von William de Braose nach Rouen überführt und dort eingekerkert, verschwand der umstrittene edle Knabe nahezu spurlos in der Versenkung.

Die HistorikerInnen gehen heute zumeist davon aus, Johann habe ihn töten und verscharren lassen. Die zeitgenössischen Margam Annals wollen es genauer wissen: der betrunkene und „vom Teufel besessene“ Johann habe den Arthur am Gründonnerstag in der Burg von Rouen eigenhändig erschlagen und seinen Leichnam, mit einem Stein beschwert, in die Seine geworfen. Das wäre dann noch nicht der letzte Racheakt des eisernen Johann gewesen. Da William de Braose nach Arthurs Verschwinden stark in Johanns Gunst gestiegen war, wurden die beiden der Komplizenschaft verdächtigt, und in der Tat klagte Williams Frau Maud den König Johann viele Jahre später im Rahmen eines Streites des Mordes an Arthur an. Darauf wurde sie mitsamt ihrem ältesten Sohn ins Gefängnis geworfen, wo sie verhungerten, während sich Schurke William dünne machen konnte.

Wie so oft, fanden auch diese mit manchem Herzblut verbundenen Schauergeschichten ihren malerischen und literarischen Nachhall, unter anderem in Shakespeares Drama König Johann, worin der Knabe Arthur erst auf der Flucht aus dem Kerker sterben muß. Friedrich Dürrenmatt machte 1968 (Uraufführung in Basel) eine Art in herrschenden Kreisen spielende Gangsterkomödie aus Shakespeares Werk – mit der „Moral, der kleine Mann ist immer der Dumme“, wie damals der Spiegel meinte.* So etwas würde das Wochenblatt heute nicht mehr schreiben.

* Nr. 39/1968


Artmeier, Maria-Luise 24 oder 25 († 1974). Die Führerscheinbesitzerin aus München-Obermenzing war nicht viel älter als Arthur, aber offenbar keine Prinzessin. Sonst fände man etwas mehr über sie. Laut einer Auflistung ungeklärter Münchener Mordfälle der Süddeutschen Zeitung schleuderte im Juni 1974 gegen Mitternacht ein roter Ford Escort über die Schleißheimer Straße, erfaßte zwei Fußgängerinnen und blieb schließlich in einem Trambahnhochgleis hängen. Am Steuer habe die blutüberströmte Obermenzingerin gesessen, sterbend. Ihr Mörder – falls es ein Mann war – hatte ihr ein Messer ins Herz gestochen. „Was sich vorher abgespielt hat, kann nicht mehr geklärt werden. Die Obermenzingerin war mit Freunden beim Essen, stieg dann in ihr Auto an der Wertherstraße. Dort muss ihr ihr Mörder aufgelauert haben und in den Wagen gestiegen sein.“ Das wars. Vor allem über die Lebenssituation des Opfers erfährt man im gesamten Internet kein Wort. 2024 werden vermutlich wieder die bekannten Häppchen ausgestreut.

* 28. Dezember 2013


Asparuchow, Georgi 28 (1943–71), bulgarischer Berufsfußballer. Drei Jahre vor seinem außerdienstlichem Tod hatte der trefferreiche Stürmer von Lewski Sofia das bis heute einzige Tor erzielt, das einem Bulgaren in der geheiligten Höhle des englischen Löwen, im Londoner Wembley-Stadion also, gegen die Engländer gelang, das sagt Fachleuten alles.* Hinfort war er ein Nationalheld. Nun aber, im Juni 1971, war Gundi, wie er auch genannt wurde, mit seinem Alfa Romeo auf Urlaubsreise von Sofia nach Vratsa unterwegs. Er hatte sich mit seinem 32 Jahre alten Clubkameraden und engen Freund Nikola Kotkow (1938–71) zusammen getan – auch der ein vielgelobter Stürmer. Jetzt hatten sie freilich nicht die gegnerische Abwehr, vielmehr rund 100 Kilometer und dabei das Balkangebirge zu überwinden. Unweit des Vitinya Passes jedoch, kurz hinter der Brücke über den Bebresh-Fluß, stießen die beiden mit einem Lkw zusammen und verbrannten in ihrem Wagen. Verstehe ich einen Gedenk-artikel** des in Sofia erscheinenden Boulevardblattes 24 Chasa nicht falsch, hatten sie an einer Kreuzung die Vorfahrt des Lkw‘s mißachtet. Dessen Fahrer oder denkbare andere Beteiligte bleiben unerwähnt. Dafür versichert das Blatt, beim Begräbnis der beiden Sportler seien 550.000 Menschen auf den Beinen gewesen. Diesen fetten Auflauf darf man wohl auch als Votum für das damals noch sozialistische Automobil verstehen.

* YouTube 2006
** „550.000 verabschieden sich von Gundi und Kotkov“, 30. Juni 2017



Astrid von Schweden 29 (1905–35), als Gattin Leopold III. belgische Königin. Wie schon gelegentlich angedeutet, zählt die Bemerkung, der Fahrer oder die Fahrerin hätten „die Kontrolle über ihren Wagen verloren“, im Zusammen-hang mit Autoverkehrsunfällen zu den Lieblingsformeln internationaler Berichterstattung, Lexika eingeschlossen. Sie bietet den angenehmen Vorteil, jede persönliche oder gesellschaftliche Verantwortlichkeit unauffällig ins Reich der Fabel oder noch besser: der Verschwörungstheorie zu verweisen. Dafür war eben „höhere Gewalt“ im Spiel. Möglicherweise entstand die Formel 1933 im politischen Bereich, als das deutsche Volk durch einen dummen Zufall die Kontrolle über seinen Staat verlor. Jedenfalls werden in der Folge Legionen von hitz- und hohlköpfigen Fußballprofis, Popstars, PolitikerInnen, Millionenerben oder Throninhabern an ihren Lenkrädern vom Schicksal überwältigt. So auch im Falle Leopolds, mit dem Astrid seit 1926 verheiratet war. Er war der älteste Sohn des belgi-schen Königs Albert I., dessen Vorgänger wiederum der berüchtigte Leopold II. gewesen war, der von 1865 bis zu seinem Tod im Jahr 1909 unter anderem über beträcht-liche Landstriche in Afrika geherrscht und dort unsäg-liches Leid angerichtet hatte.

Als Astrid im Sommer 1935 mit ihrem Gatten Urlaub in der Schweiz machte, war sie 29. Sie galt gleichermaßen als besonders anmutige, mütterliche, großherzige und „skandalfreie“ Königin. Am 29. August unternahm das Herrscherpaar eine Autospazierfahrt „inkognito“ ohne seine bis dahin drei Kinder. Ob die Königin zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem vierten Kind schwanger ging, ist in den Quellen umstritten. Kurz nach neun Uhr vormittags geschah es also: König Leopold „verlor“ bei Küssnacht am Vierwaldstättersee auf der kurvenreichen Uferstraße „die Kontrolle“ über seine eher gemächlich fahrende Nobel-karosse Packard 120-C, ein für damalige Verhältnisse so kräftiges wie schnittiges Cabriolet, das daraufhin die steile Uferböschung hinunterstürzte. Entgegen sonstiger Gepflogenheit hatte Leopold selbst gesteuert, nicht sein Chauffeur Pierre Devuxst. Dieser hatte im Fond des Wagens gesessen. Zudem war dem Packard noch ein Begleitfahrzeug gefolgt, vermutlich mit Leibwächtern besetzt. Während sowohl der 33 Jahre alte König wie sein Chauffeur mit geringen Verletzungen davonkamen, wurde Astrid, wohl beim Zusammenstoß des offenen Wagens mit einem Baum, auf die Böschung geschleudert. Sie starb noch am Unfallort an ihren schweren Kopfverletzungen.

Dem Hechtsprung des Packards folgte der mediale Stein-schlag auf den Fuß. 2010 heißt es dazu in einem Gedenk-artikel des Züricher TagesAnzeigers: „Der Tod Astrids wurde zum Medienereignis. Am Nachmittag erschien ein Extrablatt der Luzerner Neuesten Nachrichten. Journalisten aus der ganzen Welt machten sich auf den Weg nach Küssnacht. Gleichzeitig flog Walter Mittelholzer exklusive Bilder von der Einsargung der Toten in einer gecharterten DC2 der Swissair zu einer internationalen Presseagentur nach London. Noch am Unfalltag verließ der Sarg per Bahn die Schweiz. In der Bahnhofshalle von Luzern drängten sich die Schaulustigen. Auf dem Bundeshaus standen die Fahnen auf Halbmast.“

Nun konnte sich die Traumhochzeit von 1926 als Traumbegräbnis vollenden. Den Bildjournalisten zuliebe wurde Astrids arg entstellter Kopf in Bandagen gelegt, ehe sie unter den Augen oder Ohren der Weltöffentlichkeit in die königliche Gruft der Liebfrauenkirche zu Laeken in Brüssel gesenkt wurde. Den Textjournalisten schärfte man neben der Schlagzeile Das Ende einer großen Liebe ein, Leopold habe seinen drei Kindern schon gleich nach dem Unfall streng verboten, zukünftig über ihre Mutter auch nur ein Wort zu verlieren – so gewaltig war sein Schmerz. Außerdem habe er verfügt, in ihrem Gemach dürfe nichts angerührt werden, während er Astrids blutverschmierten Rock in seinem eigenen Gemach verstaute. Den Unfall-wagen hatte er Mitte September mit offensichtlicher Billigung der zuständigen Behörden an einer tiefen Stelle bei Meggenhorn im Vierwaldstättersee versenken lassen. Den würden Lenins eidgenössische Getreue nicht mehr in die Finger bekommen. Wer heutzutage auch nur einen Fernseher in den Vierwaldstättersee würfe, hätte mit der Todesstrafe zu rechnen – sofern er kein König oder Parlamentsabgeordneter wäre.

Immerhin war der Unfallwagen vor seiner Versenkung von Fachleuten der kantonalen Motorfahrzeugkontrolle untersucht worden. Danach wiesen Bremsen und Steuerung des 1.600 Kilogramm schweren Acht-Zylinder-Sportwagens keine Mängel auf. Dem Polizeibericht zufolge schieden auch schlechter Straßenzustand oder widrige Witterungsverhältnisse als Unfallursachen aus. Somit konnten die Spekulationen blühen wie in Küssnacht die Kletterrosen, zumal die vorhandenen Aussagen einer Wüste glichen. Nach einem Artikel Jost Auf der Maurs, der 2006 in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen ist*, gab es mit dem Spenglergesellen Friedrich Krebser lediglich einen Augenzeugen. Dem Polizisten Adi Kälin gegenüber hatte Krebser die Geschwindigkeit des Packards auf 70 bis 80 Stundenkilometer geschätzt. Nach Krebsers Darstellung wies die mit Straßenkarte bewehrte Astrid gerade zum Berg Rigi, worauf auch Leopold dort hin blickte. In diesem Augenblick sei das rechte Vorderrad des Packards über den Bordstein ausgeschert. Der Fahrer müsse daraufhin Gas gegeben haben, da das linke Hinterrad beschleunigte. Der Wagen machte einen Satz, prallte gegen einen Birnbaum und schlidderte die Böschung hinunter Richtung Schilf. Kurz darauf sei das Begleitfahrzeug losgeprescht, um Hilfe zu holen. Es kehrte mit den beiden Ärzten Armin Jucker und Robert Stein-egger zurück, die Astrids Kopfverletzungen begutachteten und ihren Tod feststellten.

Erstaunlicherweise ist bei Auf der Maur kein Wort der Stellungnahme zu bekommen, die man sich von Leopold selbst, seinem Chauffeur und seiner Begleitmannschaft erwartet hätte. Er teilt vielmehr mit, Polizist Adi Kälin habe damals am Unfallort notiert: „Die in Betracht kommenden Personen verweigerten jede Auskunft und die Mitteilung ihrer Personalien. Ein Herr in Chauffeuruni-form gab schließlich nach mehrmaliger Aufforderung seinen Pass ab. Er sagte nur: ‚Ich bin nicht selbst gefahren, sondern mein Herr.‘“ Erst im Rathaus Küssnacht und im Beisein des belgischen Konsuls Von Moos, so Auf der Maur, habe sich eine Begleitperson Leopolds zu der Erklä-rung herbeigelassen, bei der Verunglückten handle es sich um die belgische Königin. „Aber da ist der Leichnam bereits eingesargt und auf dem Weg in die Villa Hasli-horn.“ Die lag bei Luzern. 2010 behauptet Grenzecho-Redakteur Gerd Zeimers, Leopold selber sei „zu den tragi-schen Ereignissen nie befragt“ worden.** Aber tragisch waren sie jedenfalls. Schon wieder Höhere Gewalt.

Man kann sich nun aussuchen, ob damals lediglich die bekannte blaublütige Hochnäsigkeit waltete oder ob die Herrschaften aus Belgien womöglich irgendetwas zu verbergen hatten. Immerhin, das blutverschmierte Kleid war von Leopold gerettet worden, auch wenn er es wahrscheinlich niemals der Brüsseler Kriminalpolizei oder den dortigen Gerichtsmedizinern unter die Nase rieb. Der Schweizer Bundesrat war daneben untertänigst genug, die Gemeinde Küssnacht und einen weiteren privaten Eigentümer zu nötigen, dem Staat das Unfallgrundstück zu verkaufen, damit es dem trauernden König geschenkt werden könne. Der hatte sich nämlich in seinen glücklicherweise kaum verletzten Kopf gesetzt, am Unfall- oder Tatort eine Gedenkstätte zu errichten. Nach der Übereignung bestellte er bei etlichen belgischen Architekten und Künstlern eine Kapelle, die vermutlich unter den Kronen des Kitsches im Guinness Buch der Rekorde verzeichnet ist. Mit Rücksicht auf die bekannte Armut des belgischen Königshauses wurde sie zumindest teilweise mit Hilfe der belgischen Veteranenvereinigung finanziert, die dafür 50.000 Franken Spendengelder gesammelt hatte. Auf die Idee, das Geld in eine Gedenkstätte für auch nur eine dunkelhäutige Bewohnerin des kolonialen Kongo zu stecken, wären die Veteranen selbstverständlich nicht im Traum verfallen. Die Einweihung der Astrid-Kapelle fand im Sommer 1936 statt, parallel zur Berliner Olympiade. Weitere gewaltige Kosten entstanden um 1960, als die Kapelle versetzt wurde, weil sie sich, nach Ansicht diverser Behörden, als untragbares gefährliches Hindernis für den touristischen Auto- und Fußgängerverkehr herausgestellt hatte. Der Rubel muß rollen.

Nebenbei war Leopold III. 1951 von Baudouin auf dem Thron abgelöst worden, weil inzwischen zu vielen Belgiern die Rolle, die dessen Vater während der Besatzung Belgiens durch die deutschen Faschisten gespielt hatte, gar zu fragwürdig vorgekommen war. Überdies hatte Leopold III. während des Krieges den Fehler gemacht, sich erneut zu verheiraten, diesmal mit der „bürgerlichen“ Flämin und Golferin Mary Lilian Baels. Damit hatte er für sehr viele BelgierInnen (vor allem die wallonisch gesinnten) einen unverzeihlichen Verrat an der „göttlichen“ Astrid begangen. Dagegen scheinen sie ihm niemals krumm genommen zu haben, daß er sie ins Jenseits befördert hatte.

Eine Außenseiterposition unter den Begutachtern des Falles nimmt der Anthroposoph Fedor Kusmitsch ein, der seine Informationen 1935 aus erster Hand bezogen haben will. Auf dieser Grundlage behauptet er 2001 im Rahmen eines ausführlichen Artikels über die drohende, von „westlichen Logen“ und Kapitalzentren wie Brüssel befehligte Neue Weltordnung, Leopold habe damals auch seinerseits „inoffiziell“ einen befreundeten Mechaniker beauftragt, „den Wagen und insbesondere die Lenkung zu untersuchen. Der Experte reist in der Folge nach Brüssel, um Leopold Bericht zu erstatten: beide Lenkachsen seien angesägt gewesen, berichtet er Leopold. Dieser schweigt darüber und läßt das Wrack des Wagens an der tiefsten Stelle im Vierwaldstättersee versenken.“ Aber nicht etwa, um den Packard nicht mehr sehen zu müssen oder um späteren Schnüfflern ein Schnippchen zu schlagen! Viel-mehr wollte Leopold der Öffentlichkeit die schmerzliche Erkenntnis ersparen, bei dem angeblichen Unfall habe es sich „in Wirklichkeit“, so Kusmitsch, „um einen fehlge-schlagenen Königsmord“ gehandelt.***

Der ganze Rummel wiederholte sich 1997, wenn auch in größerer Dimension und Perfektion, nachdem „Lady Di“ Diana Spencer (36), die sagenumwobene Ex-Gattin des britischen Thronfolgers Charles, mit ihrem steinreichen ägyptischen Liebhaber Dodi Al-Fayed (42) in einem Mercedes S 280 sitzend, vor den Tunnelpfeiler einer Pariser Stadtautobahn geprallt war. Spencers Begräbnis wurde weltweit von geschätzt 2,5 Milliarden Menschen verfolgt.

* „Der Tod der Schneekönigin“, NZZ 27. August 2006
** „Die Königin küsst die Nacht“, Grenzecho 28. August 2010
*** Fedor Kusmitsch in Nummer 21/22 der Symptomatologischen Illustrationen, Basel 2001, S. 11



Fortsetzung (Asu–Bam)
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