Sonntag, 26. Juli 2020
LdF Folge A–Amb

Abbati, Giuseppe 32 (1836–68), italienischer Künstler, Patriot und Hundehalter. 1866 nahm der Sohn eines Malers aus Neapel am dritten italienischen Unabhängig-keitskrieg teil – und kehrte, nach kurzer Gefangenschaft bei den Österreichern, noch im Dezember des Jahres wohlbehalten nach Florenz zurück, Augenklappe rechts und linkes Auge eingeschlossen. Nun konnte er sich selber wieder dem Malen widmen, wenn auch nur noch für zwei Jährchen. Abbatis Landschaften und Genrebilder, bei verhaltenen Farben doch in den Lichtkontrasten kühn, weisen eine beeindruckende Stille auf. Ihn persönlich zeigt ein Gemälde seines Kollegen Giovanni Boldini ganz in Schwarz, was selbst für seinen Vollbart und seine Augen-klappe gilt. Dabei kann er sich diese Klappe auf dem rechten Auge nicht in der Schlacht bei Custozza von 1866 eingehandelt haben, entstand doch Boldinis Portrait schon im Jahr vor Abbatis Kriegsteilnahme. Vielmehr hatte er das betreffende Auge bereits 1860 unter Garibaldi in der Schlacht bei Capua eingebüßt. Dieser kleine Verlust hatte ihn also nicht demilitarisieren können.

Ein anderes Rätsel stellt der gleichfalls schwarze Hund dar, der dem Porträtierten (1865) zur Seite hockt und der ihm immerhin fast bis zur Hüfte geht. Ich bin überfragt, ob er bereits für Abbatis wenig glorreiches Ende verantwort-lich gemacht werden kann. Verbürgt ist nur zweierlei: Der 32jährige zog sich 1868 durch einen Hundebiß die Tollwut zu, woran er starb – und der Übeltäter war sein eigener Hund.*

Kollege Boldini brachte es übrigens noch auf 88. Der gefragte Porträtist starb 1931 in Paris.

* Steingräber/Matteucci 1984, laut englischer Wikipedia. Die italie-nische Wikipedia gibt sogar den Namen des ungezogenen Hundes an, wenn auch nicht die Farbe. Er hieß Cennino.


Abegglen, André „Trello“ 35 (1909–44), zwar ein Stürmer, sogar ein ausgesprochen torgefährlicher, wie man liest, aber auch Schweizer. Deshalb war er im Herbst 1943 nicht mit dem Sturmgewehr im Arm gen Moskau aufgebrochen, vielmehr mit seinem Fußballclub FC La Chaux-de-Fonds, Kanton Neuenburg, zu einem Match in Lugano, Tessin. Auf der Eisenbahn-Rückfahrt erwischte es ihn in Schüpfheim, Kanton Luzern. Ein Stationsvorsteher hatte eine Weiche zu früh umgestellt, wodurch die beiden letzten Wagen des Zuges entgleisten. „Trellos“ Club hatte zwei*, die Nation im ganzen sechs Tote zu beklagen. Hinzu kamen 50, zum Teil schwer Verletzte. Unter welchen Belastungen der Mann am Stellpult vor und nach dem Unglück zu leiden hatte, läßt sich den mageren Quellen nicht entnehmen. Ich behaupte nur eins: einer Person der bei Gotha gelegenen Freien Zwergrepublik Konräteslust wäre das nicht passiert. Sie betreibt eine ebenfalls eingleisige Strecke im Nessetal.

* Wolfgang Bortlik: Hopp Schwiiz!, 2017


Accoramboni, Vittoria 28 (1557–85). Weder von Adel noch reich, war sie gleichwohl ein schöner Mordgrund gewesen. Ihr erster Gatte Paolo Orsini, Herzog von Bracciano und einer der mächtigsten Männer Roms, hatte ihretwegen ihren ersten Mann beseitigen lassen, übrigens durch ihren Bruder Marcello, und zudem seine eigene erste Frau, eine Medici, eigenhändig erdrosselt, falls man Brockhaus trauen kann.* Allerdings wurde die neue Ehe bald angefochten. Accoramboni wanderte sogar ins Gefängnis, woraus sie nur dank der Fürsprache eines Kardinals erlöst wurde. Da weiter Gefahr drohte, flüchtete das Paar nach Venedig und Salò. Als Orsini dann selber früh starb, im November 1585, wobei der Giftmischer Francesco de Medici seine Hände im Spiel gehabt haben soll, ging es auch dem Mordgrund an den Kragen: des Herzogs betörende 28jährige Witwe, hier und dort außerdem als „großherzig“ beschrieben, wurde aus Erbschaftsgründen auf Betreiben Ludovico Orsinis und der Medici in ihrem Rückzugsort Padua ermordet. Da verblüfft es wenig, wenn sie, so wechselvoll ausgeschmückt wie ihr ränkedurchwobenes Schicksal war, in etlichen drama-tischen und epischen Werken fortlebte, so etwa von John Webster (1612), Stendhal (1837), Ludwig Tieck (1840), Domenico Gnoli (1870), Augusta Götze (1878), Robert Merle (1987). Der französische Romancier Merle nannte seinen Beitrag L'idole – wohl auf Schwärmer und Götzenanbeter gemünzt.

* Band 1 von 1986, S. 102


Achtung, Auguste 36? (1844–80) und Ernst 37 (1837–74), WohltäterInnen der schwäbischen Stadt Heilbronn. Kaufmann Ernst stammte aus Kassel, seine Gattin aus Aschersleben am Harz. Laut Schwingham-mer/Heitlinger* hatte das Ehepaar, erst 1873 zugezogen, der Stadt „bedeutende Stiftungen für wohltätige Zwecke“ vermacht, nämlich Bargeld, Wertpapiere und Grundbesitz im Gesamtwert von rund 165.000 Mark. Nach meinen Recherchen läßt sich die Kaufkraft damaliger Mark-Beträge nur schwer und unsicher errechnen. Im Mittel darf man wohl für heutige Euro eine Null mehr nehmen, das wären also über anderthalb Millionen gewesen. Trotzdem ist die Informationslage mehr als mager.

Zum Beispiel verrät kein Mensch, wo das Vermögen herkam und welcher Art von Kaufmann der männliche Stifter gewesen sei. Nach freundlicher Auskunft des Heilbronner Stadtarchivs erlag Ernst Achtung einem „Schlagfluß“, wie es im Ev. Totenbuch heiße, also einem Hirnschlag. Von der Gattin wisse man weder das genaue Alter noch die Todesursache (22. Mai 1880). Für die Annahme einer „nicht-natürlichen“ Todesursache gebe der standesamtliche Sterberegister-Eintrag aber keine Anhaltspunkte. Das Testament des Kaufmanns stammt übrigens vom 23. Juni 1874.* Somit wurde es, merkwür-digerweise, mehrere Monate vor dem Tod des Gatten (3. November) aufgesetzt. Folglich traf ihn der Schlag nicht so ganz jäh, oder er hatte, warum auch immer, schon im Sommer Todesahnung.

Warum ihm die Gattin schon nach wenigen Jahren ins Grab nachfolgte, ist bislang genauso ein Rätsel wie alles andere in diesem Fall. Gewiß, man benannte in Heilbronn eine Straße nach den Achtungs. Es wäre jedoch die wichtigere Würdigung, finde ich, wenn sich einmal ein Lokalhistoriker zu einem halbwegs gründlichem Porträt der StifterInnen aufraffte. Dieses Desiderat stellt der so reich beschenkten Stadt ein Armutszeugnis aus.

* Alter Friedhof Heilbronn, 2005, S. 162–63


Ackermann, Charlotte 17 (1757–75), deutsche Schau-spielerin, frühklassischer Kinderstar, früh verstorben. Als man sie am 16. Oktober 1761 in Karlsruhe als Louison in Molières Der eingebildete Kranke bewundern konnte, war Ackermann erst fünf und vermutlich zu gezielten Zwangs-vorstellungen das eigene Ende betreffend noch nicht imstande. Vier Jahre nach diesem Debüt trat sie bereits im neu eröffneten Komödienhaus am Hamburger Gänsemarkt auf und ging mit der Theatertruppe ihres Vaters auf Gastspielreisen durch Norddeutschland. Das Publikum war hingerissen – angesichts dieses „außerordentlichen Talents voll Grazie und erfinderischen Geistes“, wie August Förster noch 100 Jahre später schwärmte.* Titelrolle bei der Uraufführung von Lessings Emilia Galotti; Adelheid in Goethes Götz von Berlichingen; Franziska in Lessings Minna von Barnhelm – alles mit 14 bis 17 Jahren.

Doch am 11. Mai 1775 meldet der Altonaer Reichs-Post-Reuter, die noch nicht 18jährige „Demoiselle“ sei am frühen Morgen einem „Schlagflusse“ (Schlaganfall) erlegen, der sie am Vortage „befallen“ habe. Nun ist Hamburg vor Entsetzen gelähmt. Das trifft beinahe sogar buchstäblich zu, werden doch sofort die Börse und zahlreiche Geschäfte vorübergehend geschlossen. Während das Theatergebäude „lediglich“ für einige Tage schwarz behangen wird, erscheint das Publikum zu den Aufführungen in Trauerkleidung. Ackermanns Leichnam bleibt für mehrere Tage öffentlich aufgebahrt, und zeitgenössische Sitten- oder Seuchenwächter klagen, noch am letzten Tage hätten etliche Verehrer die Lippen der schon halb verwesten Toten geküßt. Dem Sarg folgen schließlich rund 4.000 Menschen – kein Klacks, wenn man bedenkt, damals hatte Hamburg nur 75.000 Einwohner-Innen. Unter nicht wenigen dieser Trauergäste kursierten allerdings Zweifel an der ärztlichen Verlautbarung und die entsprechenden Mutmaßungen: Sollte ein Kind einen Hirnschlag erleiden? War der blutjungen Ackermann womöglich zugemutet worden, einen Bottich mit eingeweichter Wäsche auf einen Schemel zu hieven? Zwang man sie zu täglich 12stündiger Bühnen- oder Ballettsaalfron? Brachte sie sich unter dem Eindruck des verbreiteten „Werther-Fiebers“ selber um, oder wurde sie von NebenbuhlerInnen vergiftet?

Dies alles konnte die Heiligenverehrung, die angesichts des damals noch zweifelhaften Rufes der Schauspielkunst ohnehin schon sensationell war, nur steigern. Kaum lag die Ackermann im Sarg, wurde ein Entwurf für ein öffentliches Denkmal präsentiert. Binnen kurzem kamen 700 Reichs-taler Spendengelder zusammen, aber der Hamburger Senat verweigerte seine Zustimmung zur Errichtung eines solchen Denkmals – ja, er verbot sogar den Zeitungen, ihre Spalten weiterhin mit Artikeln und Gedichten über die Verblichene zu spicken. Das nehmen ihm heute vor allem feministische HistorikerInnen krumm, die darin eine Schutzmaßnahme für die Verehrung männlicher Helden argwöhnen. Nur Wochen später erschienen die ersten Bücher. 1854 legte natürlich auch der stoffgierige Otto Müller einen Roman über den frühen Kinderstar vor, der wahrscheinlich einer Spindel und damit den heute für die Laufstege gezüchteten magersüchtigen Mädchen glich. Dafür war sein Roman, erschienen bei Meidinger, 453 Seiten dick.

Kaum weniger stark (im Umfang) ist Petra Oelkers Historischer Kriminalroman Lorettas letzter Vorhang, der 1998 bei Rowohlt erschien. Zwar tritt Ackermann darin nur an zwei Stellen äußerst flüchtig auf, doch das Buch ist wegen seiner peinlich genauen Kulissenmalerei bemer-kenswert. Es spielt im Hamburg des Jahres 1766 und kreist just um das Theater am Gänsemarkt, das damals im ganzen immerhin rund 50 Beschäftigte hatte. Neben den herrschenden Sitten und den gebräuchlichen Perücken, Korsetten, Dreispitzen, Donner- und Kattundruck-maschinen lernen wir berühmte Nasen wie Lessing, Bode, Ekhof kennen. Etwas befremdet hat mich der Ton der Erzählerin, der sich fast in nichts von der geschilderten Behäbigkeit, ja Betulichkeit hanseatischer Kaufmanns-familien unterscheidet – denn in diesem Milieu wird nach dem Mörder der Schauspielerin Loretta gesucht. Leider richtet sich Oelkers die Accessoires der Zeit betreffende Sammelwut nicht auch auf das, was Karl Marx die Klassen-widersprüche genannt hätte. Sie stellt die herrschenden Verhältnisse nie in Frage.

* Allgemeine Deutsche Biographie, Band 1 (1875), S. 37


Ackermann, Walter 36 (1903–39), schweizer Pilot und Schriftsteller. Weiter unten beklage ich unseren riesigen Blutzoll an den Straßenverkehr. Was Flugunfälle mit Todesfolgen angeht, soll es trotz stark angestiegenen Flugaufkommens erheblich glimpflicher aussehen: man spricht von inzwischen „nur“ noch unter 1.000 Flugtoten jährlich weltweit. Das kann man toll finden oder nicht, löscht aber die opferreichen Pionierzeiten des Flugver-kehrs nicht aus, die Charles Linsmayer anschaulich referiert.* Noch um 1930 hagelte es geradezu Tote und Verletzte, darunter übrigens (1934) die erste schweizer Flugbegleiterin Nelly Diener, von der noch zu berichten sein wird.

Ackermann hatte bald nach dem Abitur die Züricher Militärfliegerschule besucht. 1927 wandte er sich dem Linienflug zu, ab 1931 für die neugegründete Swissair. Im Lauf des Jahrzehnts faßte er auch als „aviatischer“ Journalist Fuß, wohl hauptsächlich für die Schweizer Monatshefte, und versuchte sich sogar an erzählender Prosa. Sein Briefroman Flug mit Elisabeth erschien 1936 in Zürich. Dessen weibliche Hauptfigur war an Acker-manns Braut Erna Fisch angelehnt, die neuerdings in Zürich einen eigenen Frisiersalon betrieb. Er hatte sie bereits 1930 kennengelernt.

Die Braut sollte ihn weit überleben, da sie sich am 20. Juli 1939 nicht in der Luft befand. Ackermann hatte eine Linienmaschine nach Wien geflogen. Auf dem Rückflug geriet er im Allgäu in ein Gewitter, weshalb er auf die rechte (nördliche) Seite des Bodensees auswich. Bei Friedrichshafen fiel jedoch ein Motor des zweimotorigen Propellerflugzeuges Marke Ju 86 aus. Beim Versuch in Konstanz notzulanden, stockte wahrscheinlich auch der zweite Motor. Laut Landsmann und Schriftsteller-Kollege Charles Linsmayer stürzte die Junkers aus 50 Meter Höhe senkrecht zu Boden und riß alle sechs Insassen in den Tod. Das waren, neben Ackermann, der Funker Anton Mannhart und vier Passagiere, darunter Hans Lips, der Prokurist der Swissair.

Zwar hatte die Todesmaschine, nach verschiedenen Urteilen, bereits beim Start in Zürich empfindliche Mängel aufgewiesen. Linsmayer gibt aber auch einige Anhalts-punkte, wonach solch ein krasser „Ausstieg“ Ackermanns aus dem Flug- und Schreibgeschäft sozusagen in der Luft lag. Er stand dem Immer-schneller-Fortschritt inzwischen recht kritisch gegenüber, litt freilich auch an Zweifel, ob seine literarische Begabung für ein hauptberufliches Schreiben ausreiche. Selbst seine angeblich bevorstehende Hochzeit, die der gutaussehende und charmante Mann offenbar gezielt vor sich hergeschoben hatte, könnte ihm einen Schrecken eingejagt haben. Jedenfalls hatte er sich nie über die Todesnähe seines Wirkens und vielleicht sogar seines Charakters – und nie über die „Ahnung“ betrogen, der Tod werde „so oder so in der Zielgeraden“ seines Lebens liegen, wie Linsmeyer recht hübsch formuliert.

Selbst für FreudianerInnen hat der Biograf ein Häppchen zu bieten. Ackermanns „merkwürdig frigide Haltung in Sachen Sexualität“ könne möglicherweise genauso wie seine ausgedehnte Verlobungszeit „mit einer überstarken, problematischen Bindung“ an seine schwer gehbehinderte Mutter zusammengehangen haben. Sie hatte bis zuletzt mit ihm in einem gemeinsamen Haushalt gelebt. Immer-hin kann er also kein sozialer Rowdy gewesen sein.

* Walter Ackermann, „Flug mit Elisabeth“ und andere Aviatica, Frauenfeld 1999, ausführliches Nachwort von Herausgeber Charles Linsmayer S. 209–72


Adenauer, Emma 36 (1880–1916), Lehrerin, Tochter des Kölner Versicherungsdirektors Emmanuel Weyer und Nichte Max Wallrafs, von dem ihr zukünftiger Gatte 1917 das Amt des Kölner Oberbürgermeisters erben sollte. Sie hatte den nahezu mittellosen Jura-Assessor Konrad Adenauer 1901 im Tennisclub Pudelnaß kennengelernt. Sie schenkte ihm ihr Herz und damit auch gleich die Eintritts-karte zu ihren gesellschaftlichen Kreisen. Man sollte meinen, als Frau Adenauer (seit 1904) hätte sie locker zwei von deutschem Boden ausgehende Weltkriege überstehen und Frau Bundeskanzler werden können. Doch seit der Geburt ihres ersten Kindes war sie nierenkrank, und nach zwei weiteren Kindern wurde ihr (1916) mit 36 Jahren eine Pilzvergiftung zum Verhängnis, an der sie starb. So stieg Konrad kurz darauf ohne sie zum Oberbürgermeister auf. Offenbar hatte er zufällig nicht mitgespeist, oder er war bereits so resistent gegen giftige Pilze wie nach 1945 gegen die Faschisten, mit denen er sich in seinem Mitarbeiterstab umgab. Adenauer wurde 91 – noch älter als Hindenburg, und fast dreimal so alt wie seine erste Gattin.


Ageeb, Aamir 30 (1968–99), Sudanese. 1994 gelang es dem dunkelhäutigen Afrikaner, den Bürgerkriegswirren seiner Heimat zu entkommen und die BRD zu erreichen. Durch eine Heirat erwirkte er auch Aufenthaltserlaubnis, doch nach dem Zerbrechen dieser Ehe wurde er im Sommer 1998 zur Ausreise aufgefordert. Dagegen legte sein Rechtsanwalt Widerspruch ein. Obwohl sich Ageeb am 1. April 1998 in Wedel behördlich angemeldet hatte, hieß es nun in der Presse, er sei „untergetaucht“. Das vertrug sich schlecht mit der Tatsache, daß er am 9. April 1999 auf einem Karlsruher Polizeirevier den Diebstahl seiner Jacke anzeigte. Bei dieser Gelegenheit wurde er verhaftet und ins Gefängnis Mannheim gesteckt. Da er bei einem ersten Abschiebeversuch am 16. April angeblich einen Mitarbeiter der Ausländerbehörde mit dem Messer bedroht hatte, wurde er am 28. Mai ähnlich einem verschnürten Paket, dem man zusätzlich einen Motorrad-helm verpaßt hatte, auf dem Flughafen in Frankfurt am Main in eine Lufthansa-Maschine getragen und in einen Sitz gedrückt. Drei BGS-Beamte nahmen an seinen Seiten und vor ihm Platz. Als er sich hochzustemmen versuchte und zudem schrie, drückten alle drei Polizisten seinen Kopf und Oberkörper auf seine Knie. Doch was sie, nach ihrer späteren Darstellung, als hartnäckigen Widerstand des 30jährigen Abschiebehäftlings empfanden, war sein Todeskampf: nach ungefähr acht Minuten war Ageeb erstickt.

Die Sache roch nach Totschlag und Folter. Allerdings trat dieser Gesichtspunkt in den meisten Presseberichten zunächst in den Hintergrund, vielmehr wurde Ageeb als der übliche abgelehnte, untergetauchte und kriminelle Asylbewerber hingestellt, der unter anderem Sexualdelikte begangen habe. Im Flugzeug wurde er sogar als „Mörder“ gehandelt. Nichts davon entsprach der Wahrheit, wie amnesty international feststellte. Immerhin kam es 2004 zu einem Prozeß gegen die drei BGS-Beamten. Das Landgericht Frankfurt/Main verurteilte sie wegen „Körperverletzung mit Todesfolge“ – zu je neun Monaten Freiheitsstrafe, die auf Bewährung ausgesetzt wurden. Bernd Mesovic von Pro Asyl meinte dazu in Presseerklä-rungen vom 18./19. Oktober 2004, die Verurteilten hätten „am Ende einer Kette organisierter Verantwortungs-losigkeit“ gestanden. Die hierfür in der BGS-Hierarchie und in der Politik Verantwortlichen seien jedoch im Verfahren weder als Zeugen gehört worden, noch müßten sie künftig damit rechnen, zur Verantwortung gezogen zu werden. Im übrigen könne durch das Strafmaß für die drei Befehlsempfänger der Eindruck entstehen, wer als Amts-träger einen Menschen zu Tode bringe, komme allemal glimpflich davon.

Nach einem jüngeren Gedenkartikel* Mesovics war der milde Urteilsspruch sowohl mit Verweis auf das „Organi-sationschaos“ beim BGS wie mit der Sorge um die Zukunft der drei angeklagten Befehlsempfänger begründet worden. Bei Verhängung der gesetzlichen Mindeststrafe von einem Jahr Freiheitsentzug hätten die Angeklagten nämlich automatisch ihren Beamtenstatus verloren, und eine solche Bestrafung wäre „nicht mehr verhältnismäßig“ gewesen. Wenn man schon das Flüchtlingsleben nicht mehr retten kann, dann wenigstens drei deutsche Altersruhegelder.

* „Griff in die Genitalien“, taz 28. Mai 2019


Agostinelli, Alfred 25 (1888–1914). Der französische Mechaniker wurde angeblich nicht von Marcel Proust um die Ecke gebracht, obwohl der berühmte Schriftsteller wahrscheinlich einigen Grund dafür gehabt hätte. Proust besaß keinen Führerschein. So hatte er Agostinelli, der ein Taxi besaß oder jedenfalls fuhr, ab 1907 als gelegentlichen Chauffeur angeheuert. Anfang 1913 stellte er ihn als Sekretär und eigentlich auch als Geliebten ein, doch in der zweiten Funktion scheint der junge Mann versagt zu haben. Nach den meisten Quellen hatte Agostinelli sowieso eine feste Braut. Schon im Dezember verzog er sich fluchtartig nach Monaco, wo ihm Prousts üppige Zuwen-dungen oder Bestechungsgelder den Besuch einer Piloten-schule ermöglichten. Prousts Flehen um Rückkehr blieb unerhört.* Wogen am Ende Agostinellis Schuldgefühle zu schwer? Tatsache ist, Ende Mai 1914 stürzt der abtrünnige 25jährige auf seinem zweiten Alleinflug** mit seiner Maschine bei Antibes (an der Côte d’Azur) ins Mittelmeer und ertrinkt. Da war er indessen schon als „Albertine“ in Prousts Mammutwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit eingegangen. 1919 konnte sich der knapp 50jährige Proust mit dem Prix Goncourt trösten.

* Richard Bales, The Cambridge Companion to Proust, UK 2001,
Seite 68
** wie die französische Wikipedia behauptet



Agsamow, Georgi Tadschijewitsch 31 (1954–86), sowjetischer Schachspieler. Wer auf einem schwarzweiß karierten Brett mit Läufern und Springern hantiert, setzt sein Leben für gewöhnlich weitaus weniger aufs Spiel als ein Flieger oder ein Springreiter. Das war auch bei Agsamow der Fall. Oder etwa nicht? 1984 hatte es der Arztsohn und studierte Philologe, mit 30 Jahren, als erster Usbeke und Zentralasiate überhaupt zum Großmeister gebracht. Er gewann mehrere internationale Schachtur-niere. Es wären vielleicht noch viel mehr geworden, wenn der 31jährige nicht im August 1986 ein Turnier (wohl um die SU-Meisterschaft) in Sewastopol auf der Insel Krim dazu genutzt hätte, auf dem Steilufer am Schwarzen Meer spazieren zu gehen oder zu wandern, wie meist zu lesen ist. Angeblich war es schon dämmrig. Auf einer Klippe gestolpert oder ausgerutscht, stürzte Agsamow jäh in die Tiefe, wo er zwischen zwei Felsen eingeklemmt wurde. Andere SpaziergängerInnen oder SchwimmerInnen hätten seine Hilferufe gehört, seien jedoch nicht an den Verunglückten herangekommen, heißt es. Als die Rettungsmannschaft eintraf, soll er bereits tot gewesen sein. Im übrigen schwanken die Quellen. Mal hatte der Usbeke das betreffende Turnier schon hinter sich; mal fand der verhängnisvolle Spaziergang nach der Halbfinal-runde des Turniers statt – bei welchem Ergebnisstand und in welcher Gemütsverfassung, wird leider in allen Fällen nicht verraten. In der russischen Wikipedia ist der Satz über den angeblichen Unfall immerhin mit der tadelnden Fußnote versehen: kein Beleg! Somit kann es niemandem verübelt werden, wenn er argwöhnt, Agsamow sei damals auf die lange Liste der vertuschten Selbstmordfälle gerückt.


Aicher, Pia 20 (1954–75), Abiturientin. Das prominente Ehepaar Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher (der Bildhauer und Grafiker) hatte fünf Kinder. Die Familie* bewohnte bei Memmingen im Allgäu eine ehemalige Mühle. Tochter Pia wurde lediglich 20.

Kurz nach ihrem schriftlichen Abitur sitzt die junge Frau neben ihrem Vater in dessen BMW; sie wollen, von der Rotis-Mühle aus, nach Ulm, wie mir ein Familienmitglied (2015) auf Anfrage mitteilt. Dann sei ein vor Otl Aicher fahrender Lastwagen ziemlich unvermittelt links abgebogen; Otl rast hinein. Pia, wohl unangeschnallt, sei mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe geknallt. Sie starb einige Tage darauf im Krankenhaus. Dort war auch ihr Vater gelandet, doch wurde er offensichtlich wieder hergestellt. Mein Gewährsmann sagt, er habe Aicher dort erstmals im Leben weinen gesehen. In einem Buch von Otl Aichers Schwiegertochter Christine** findet sich die Ergänzung, er habe im Krankenhausbett „wie ein verprü-gelter Gladiator“ gewirkt (S. 124), möglicherweise aus schlechtem Gewissen. Mehrere Zeitzeugen erwähnen, der untersetzte, bäuerisch-wurzelig wirkende Künstler, der seit Jahren wiederholt von Herzanfällen heimgesucht wurde (102), sei leidenschaftlicher Auto- und Motorradfahrer gewesen; er raste gern, „wie ein Verrückter“ (124). Seine Frau Inge habe jedoch, wegen Pia, nie einen Vorwurf gegen Otl gerichtet (155). Dessen Biografin Eva Moser*** schildert den Unfall mit Pia überhaupt nicht, falls ich es nicht übersehen habe. Sie erwähnt lediglich, Vater und Tochter hätten sich auf dem Weg zu Pias mündlichem Abitur befunden. Dann setzt sie hinzu: „Schuld im juristischen Sinne war Aicher sicher nicht, aber er war ein wilder Autofahrer, hatte viele Unfälle gehabt, zeitweise drohte ihm sogar der Führerscheinentzug, und von Sicherheitsgurten hielt er nichts.“ Er sei lange Zeit nur eingeschränkt arbeitsfähig gewesen; das Lenkrad habe ihn vor Schwererem bewahrt.

Und was für eine junge Frau war diese Pia Aicher nun gewesen? Funkstille im ganzen Internet. Vielleicht fände man in der Literatur über die berühmten Eltern noch ein paar Striche zu einem Porträt; ich fürchte jedoch, nach vielen ähnlich gelagerten Fällen, eher nicht.

* Näheres, bei Interesse, hier
** Christine Abele-Aicher (Hrsg.): Sammelband über Inge Aicher-Scholl Die sanfte Gewalt, Ulm 2012
*** Otl Aicher: Gestalter, Ostfildern 2011, S. 380 & 403



Aimer, George 37 (1897–1935), schottischer Fußball-profi (bis 1931). Arbeitsunfälle sind eigentlich alles andere als selten. In den Quellen jedoch, die ich zu bemühen habe, sind sie es. Deshalb muß man der englischen Wikipedia dankbar sein, wenn sie, (hoffentlich korrekt!) auf den Daily Worker vom 10. Juni 1935 gestützt, des Endes des bereits abgemusterten Fußballverteidigers Aimer gedenkt. Danach war der Schotte mit 37 auf einem Dundeer Fabrikgelände an Abbrucharbeiten beteiligt. Als er bemerkt habe, daß eine wankende Wand einen schweren Dachbalken zu lösen drohte, sei er durch eine Türöffnung geeilt, um einen Arbeitskollegen vor dieser schwebenden Gefahr zu warnen. Just in diesem Augenblick sei der Balken gefallen – und habe Aimer selber erschlagen.

Als Autor, der sich bereits in viele hundert Unglücksfälle kniete, kennt man allerdings die Vorliebe der Nachleben-den, dabei insbesondere von sozialistischen Blättern, Opfer zu Helden auszuschmücken. Deshalb lege ich für diesen Eintrag nicht meine Hand ins Feuer.


Aitinger, Sebastian 39 (1508–47). Der Schwabe war schon mit 17 Notar, mit 18 Ulmer Stadtschreiber und mit 32 Sekretär und faktisch der Verhandlungsführer des Schmalkaldischen Bundes gewesen. Dies alles nützte ihm aber gegen die Erkältung nichts. Als das Schmalkaldische Bundesheer bei Mühlberg an der Elbe im April 1547 von den (katholischen) kaiserlichen Truppen Karl V. geschla-gen und der „Hauptmann“ des Bundes, Landgraf Philipp von Hessen, in Gefangenschaft geraten war, zog sich dessen „Geheimschreiber“ Sebastian Aitinger in der Hoffnung in seine Heimatstadt Ulm zurück, er werde der angekündigten Amnestie teilhaftig und von Verfolgung verschont bleiben. Damit erhoffte er sich ein glimpf-licheres Schicksal, als es um 1525 viele thüringische aufrührerische Bauern just durch seinen Ex-Chef, den „protestantischen“ Grafen Philipp der Großmütige erlitten hatten, der vom Waltershäuser Stadtchronisten Sigmar Löffler zu den „wütendsten Widersachern“ der Bauern gezählt wird. In Ulm machte Aitinger freilich ein langes Gesicht, weil die Pest in die Stadt eingezogen war. So ließ er notgedrungen seinen Haus- und Grundbesitz im Stich und flüchtete sich mit seinen Kindern ins nahe Burla-fingen. Doch man war ihm auf den Fersen: im November entkam der gerade bettlägerige und deshalb spärlich bekleidete Mann nur knapp einem Überfall, indem er aus dem Fenster und wenig später in die Donau sprang. Er konnte sich zunächst schwimmend ans andere Ufer, dann zu Fuß in ein ihm wohlgesonnenes Schloß retten. Aller-dings war der 39jährige damit lediglich der Pest und den Häschern entronnen. Er starb wenige Tage darauf in seinem Unterschlupf an der Erkältung, die er sich im Donauwasser zugezogen hatte.*

* Otto Graf von Looz-Corswarem in der Neuen Deutschen Biographie, Band 1 (1953), S. 119


Ajzensztat, Marysia c.19 (1923–42), gefeierte polnisch-jüdische Sängerin im Warschauer Ghetto, Sopran. Sie trat sowohl mit klassischen wie volkstümlichen Liedern auf. Der „Legende“ nach* wurde sie auf dem sogenannten Umschlagplatz von einem SS-Mann erschossen, als sie sich nicht von ihren Eltern trennen wollte, die bereits in den Waggon Richtung Treblinka gepfercht worden waren. Möglicherweise kam sie auch erst im KZ um. Das rüttelt wenig daran, daß sie ungefähr so jung zu sterben hatte wie beispielsweise Pia Aicher.

* Róża Ziątek-Czarnota April 2013


Albertelli, Pilo 36 (1907–44). Das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen, Rom 24. März 1944, wurde von der deutschen Wehrmacht als Vergeltung für einen Bombenanschlag auf ein Polizeiregiment verübt, der 33 Polizisten das Leben gekostet hatte. Man nahm diese Opferzahl mal 10 und erschoß dann noch ein paar mehr, sodaß in den Höhlen im Lauf von rund fünf Stunden 335 Gefangene der SS ihr Leben ließen, meist politische Gefan-gene, darunter viele Juden. Der jüngste Ermordete soll 15 gewesen sein.* Der italienische Lehrer und antifaschi-stische Partisan Albertelli, 36 Jahre alt, war den deutschen Besatzern am 1. März aufgrund einer Denunziation in die Fänge geraten. Er wurde gefoltert, soll aber keinen Genossennamen preisgegeben haben. Selbstmordversuche scheiterten. In den Höhlen endete er, wie die anderen, knieend durch Genickschuß. Nach Albertelli ist unter anderem die römische Schule benannt, wo er einst lehrte.

* Wikipedia


Albrecht, Kurt (1927–45). Der „fahnenflüchtige“ Marinesoldat aus der Pfalz starb mit 17. Er hatte nur nach Hause gewollt. Wenige Tage vor Kriegsende bei Rotenburg an der Wümme desertiert, wurde der Arbeitersohn und kaufmännische Lehrling noch in Niedersachsen ge-schnappt und am 28. April 1945 – Bremen war bereits von den Briten besetzt – unter Vorsitz von Marineoberstabs-richter Dr. Kurt Göller in Osterholz-Scharmbeck zum Tode verurteilt und gleich am Abend auf dem Schießplatz des dortigen Schützenvereins „standrechtlich“ erschossen. Albrechts buchstäblicher Fall hat zwei besondere Merk-male. Zum einen veranschaulicht er, was der Sinn von Schützenvereinen ist. Zum anderen zeigt er den Mut von Bernd Göller. Als Albrechts Fall um 2005 erfreulicherweise von Osterholzer Berufsschülern ans Tageslicht gebracht wurde, bekannte der damals schon knapp 70jährige Sohn des Marineoberstabsrichters öffentlich*, er schäme sich für seinen Vater und verneige sich vor allen anderen Opfern jener „furchtbaren Juristen“ des faschistischen Regimes. Der 1984 gestorbene Richter, der nach dem Krieg in Baden-Württemberg als „Fürsten-Anwalt“ erneut Karriere machte, hatte selbst seinen fünf Kindern gegenüber bis zum letzten Atemzug eisern geschwiegen.

* laut Lutz Rode im Osterholzer Kreisblatt vom 28. April 2009


Alexandra 27 (1942–69). Im Ergebnis führte die kurze künstlerische Karriere der Verkehrssünderin zu einem nach ihr benannten Steig (in Hamburg) und einem nach ihr benannten Platz (in Kiel). Was hatte sie geleistet? Sie hatte sich im ostpreußischen „Memelland“ großziehen und in Hamburg alsbald heiraten lassen, weshalb sie zunächst Doris Nefedov hieß. Inzwischen Modezeichnerin und Schauspielerin, geht die dunkelhaarige Hübsche mit der gleichfalls dunklen, dazu rauchigen Stimme Mitte der 1960er Jahre mit Titeln wie Sehnsucht und Zigeunerjunge plötzlich als slawisch angehauchtes westdeutsches Schlagersternchen namens Alexandra auf. 1968 wechselt sie mit Mein Freund, der Baum ins damals noch im Schatten liegende Öko-Fach. Sie verdient gut; als Preis zahlt sie den üblichen „Streß“. Alexandra war einmal verheiratet und einmal verlobt, daneben mit Kollegen wie Salvatore Adamo und Udo Jürgens befreundet. Ihr Verhängnis – und leider auch das ihrer Mutter Wally Treitz, die neben Alexandras sechsjährigem Sohn Alexander mit im Wagen saß – war eine Autofahrt in den Urlaub auf Sylt Ende Juli 1969 von Hamburg aus. Bei Dithmarschen auf der Landstraße unterwegs, mißachtete die 27jährige an einer Kreuzung mit der Bundesstraße 203 das Stoppschild und damit die Vorfahrt eines mit Betonplatten beladenen Lastwagens, der ihren elfenbein-farbenen Mercedes 220 SE Coupé über mehr als 20 Meter hinweg in den Straßengraben schob. Die beiden Frauen wurden getötet, der Sohn nur leicht verletzt. Das Alter der Mutter taucht in meinen Quellen nicht auf. „Sehnsucht heißt ein altes Lied der Taiga / das schon damals meine Mutter sang ...“

Der Polizei war die betreffende Kreuzung, die bereits für mehrere Tote gesorgt hatte, als „Unfallschwerpunkt“ bekannt; sie wurde später beseitigt. Der Journalist und Musikverleger Hans R. Beierlein, Alexandras Manager und zeitweilig auch Liebhaber, versicherte rückblickend, die Sängerin sei „eine wirklich schlechte Autofahrerin“ gewesen. Noch kurz vor dem Unfall habe er bei einer Probefahrt mit ihrem neuerworbenen Wagen durch Schwabing, als ihr Beifahrer, um sein Leben gefürchtet. Selbstmord hielt der Manager für „vollkommen ausge-schlossen“, da Alexandra vor ihrer Abreise „so beglückt“ gewesen sei.* Die Unfallage ist also klar.** Aber von solchen schnöden Phänomenen wie Mobilitätszwang, Autofabrikation, Straßenverkehrsordnung, Überforderung unbeeindruckt, geistert gleichwohl die Rede vom „rätsel-haften“, besser noch „mysteriösen“ Ende des Stars durchs Internet und durch die Hohlräume in nicht wenigen Fanköpfen. Das macht mehr her.

* Dirk Steinbach, Bild München, 16. April 2009
** Niklas Wieczorek zum 50. Todestag, Kieler Nachrichten 5. Sept. 2019



Alexis, Jacques Stephen 39 (1922–61), kreolischer Mediziner, Schriftsteller (französisch) und Revolutionär aus Haiti. Der hübsche farbige Mann schrieb zugleich von indigener und kommunistischer Warte aus. 1955 wurde er bekannt, nachdem Gallimard in Paris seinen Roman Compère Général Soleil veröffentlicht hatte.* Es folgten weitere, meist dem „magischen Realismus“ zugeschlagene Erzählungen. Sie haben den blumigen Zug märchenhafter Rede und wurden in Europa ähnlich begierig aufgenom-men wie der Jazz oder die Bilder Chagalls. Wiederholt im Exil oder auf ausgedehnten Reisen, darunter nach Moskau, Peking, Havanna, entschied sich Alexis schließlich für die große revolutionäre Tat. Er führte ein fünfköpfiges, mit Waffen und Dollars versehenes Kommando, das im April 1961 von Kuba aus im Schutz der Dunkelheit mit einem Boot auf Haiti landete. Hans Christoph Buch behauptet**, die im Partisanenkrieg ungeschulten „selbsternannten Befreier“ seien von der Bevölkerung an die Behörden (des berüchtigten Machthabers Papa Doc) „ausgeliefert“ und daraufhin erst einmal tüchtig gefoltert worden. „Anschlie-ßend wurden sie, auf Befehl von Papa Doc, in den Gräben des Forts von der Bevölkerung zu Tode gesteinigt.“ Ich nehme aber an, es war nicht unbedingt die gesamte Bevölkerung der Karibikinsel, damals knapp vier Millionen.

* Deutscher Titel in der Regel General Sonne
** Nachwort zu Alexis‘ Sammelband mit Erzählungen Der verzauberte Leutnant von 1960, hier auf deutsch Ffm 1984 (Bibliothek Suhrkamp)



Alfons de Borbón 14 (1941–56), spanischer Prinz. Seine Familie hatte sich nach Kriegsende in dem beliebten portugiesischen Seebad Estoril nahe Lissabon eingenistet. Gleichwohl besaß der Clan gute Verbindungen ins benach-barte francistische Spanien. Ebendort besuchte Alfons auch die Schule, und anschließend trat er, wie schon sein vier Jahre älterer Bruder, in die Militärakademie in Saragossa ein.

Ende März 1956 weilten die Brüder auf Heimaturlaub in Estoril, wo sie sich eines abends in einem Zimmer der elterlichen Villa Giralda angeblich mit der Reinigung eines offensichtlich geladenen Revolvers befaßten. Dabei empfing Alfons, der blonde 14jährige Nachwuchsoffizier, einen Schuß in die Stirn, der ihn innerhalb weniger Minuten tötete. Dummer- oder günstigerweise gab es lediglich einen Zeugen der Angelegenheit, eben den 18 Jahre alten Bruder Juan Carlos, den späteren spanischen „König“. Ihm oder dem familiären Bulletin zufolge hatte es sich also um ein „tragisches“ Versehen gehandelt, wobei es dann auch blieb. Eine amtliche Untersuchung fand, laut Martin Dahms*, nie statt. Böse Zungen behaupten, die Tatwaffe sei von Graf Juan, dem Vater, vorsorglich ins Meer geworfen worden. Die meisten Quellen nehmen an, statt ihn zu reinigen, hätten die Brüder eher ihre waghalsigen Spielchen mit dem Revolver getrieben, der sogar ein persönliches Geschenk General Francos an den jüngeren Prinzen gewesen sein soll. Für Dahms steht dabei der Täter fest: Carlos. Daß es jedoch bei jenen Spielchen um die Bereinigung der Thronfolge gegangen sei, wird allgemein für unwahrscheinlich gehalten, da Carlos erwiesenermaßen der Erstgeborene war. Franco sprach militärisch knapp von dessen „Pech“.

Ja, der arme Carlos! Lebenslänglich Schuldgefühl, bis zum jüngsten Tag vom Pech verfolgt. 2012 schießt sich sein Enkel Felipe Juan Froilan auf dem königlichen Landgut bei Soria, Nordspanien, in den Fuß! Als habe der Knabe verzweifelt versucht, der bekannten sagenhaften einhei-mischen Jugendarbeitslosigkeit zu entgehen. Übrigens tat er es in Gegenwart seines Vaters mit einem Kleinkaliber-gewehr – das er als 13jähriger noch gar nicht hätte handhaben dürfen. Wenig später wird eine kostspielige Elefantenjagd seines 74 Jahre alten Großvaters im afrikanischen Botswana ruchbar, weil sich dieser dabei, tragischerweise, die Hüfte bricht. Das hätte natürlich nie passieren dürfen, ist der Monarch doch schon seit 44 Jahren Ehrenpräsident der spanischen Sektion der Tierschutzorganisation World Wildlife Fund (WWF) gewesen … Zwei Jahre darauf, 2014, dankt der unglückliche König ab.

* Berliner Zeitung 30. Mai 2003


Alfred von Großbritannien, Irland und Hannover (1780–82). Der Prinz aus der britischen Königsfamilie wurde keine zwei Jahre alt, weil er eine Pockenimpfung nicht verkraftete. Das steht unzweifelhaft fest, denn es steht in Wikipedia. VerschwörungstheoretikerInnen erachten Alfreds Ableben inzwischen, mitten in der sogenannten Corona-Krise, als Warnung vor den Zwangs-impfungs-Bestrebungen der Drosten-Gates-Merkel-Bande.


Al Hams, Iman Darweesh 13 (1991–2004), palästi-nensische Schülerin, auf dem Weg zur Schule vorsichts-halber erschossen. Als sich Al Hams, durch eine feuerrote Schuluniform nicht zu übersehen, auf etwa 70 Meter einem Kontrollpunkt in der Grenzstadt Rafah des Gazastreifens genähert hatte, wurde sie von israelischen Soldaten angerufen, aber auch sofort unter Feuer genommen. Angeblich wähnte man eine Sprengstoffatten-täterin in ihr. Al Hams ließ ihre Schultasche fallen und schleppte sich in Deckung. Die Soldaten durchsiebten zunächst die Tasche, die also offensichtlich keinen Spreng-stoff enthielt, und rückten dabei vor. Beim verletzten Mädchen eingetroffen, durchsiebte der Kommandant des Postens, ein Hauptmann R., auch den Kopf und Körper des Mädchens mit Schüssen. Ein von Beobachtern alarmierter Krankenwagen wurde eine Stunde blockiert. Im Kranken-haus fischten die Ärzte 17 Projektile aus der Leiche des Mädchens.

Die Armee ergänzte ihre Rechtfertigung später mit dem Argument, das Mädchen hätte möglicherweise den Auftrag gehabt, Soldaten ins Schußfeld von Heckenschützen zu locken.* Wegen der anhaltenden Empörung in der Öffent-lichkeit ließ sie sich sogar zu einem Militärgerichtsverfah-ren gegen den Hauptmann herbei. Er wurde freigespro-chen und für erlittene Untersuchungshaft und zur Erstat-tung seiner Verteidigungskosten mit 82.000 Schekel entschädigt, ungefähr 15.000 Euro. Außerdem sei er zum Major befördert worden, behauptet die englische Wiki-pedia.

* BBC News, „Gaza girl death officer acquitted“, 15. November 2005


Alia al-Hussein 28 (1948–77), jordanische Königin. Die angebliche Schönheit konnte diese Stellung nur für gut vier Jahre genießen, bis zum Rückflug von der Inspektion eines Krankenhauses im südlichen Jordanien am 9. Februar 1977. Laut niederländischer Wikipedia geriet der Hub-schrauber, in dem sie saß, in oder vor Amman, der Hauptstadt Jordaniens, in ein Gewitter und stürzte ab. Unter anderem kamen dabei, neben der 28jährigen Landesmutter, der Pilot und der jordanische Gesundheits-minister zu Tode. Die überall bejammerte „Tragik“ der Angelegenheit wird noch von der Tatsache unterstrichen, daß die Diplomatentochter vor ihrer Hochzeit mit dem Monarchen (1972, seine dritte Ehe) in der PR-Abteilung der Royal Jordanian Airlines tätig gewesen war. Gut gearbeitet.


Allilujewa, Nadeschda 31 (1901–32), fast eine Zarin. Die Umstände, unter denen die dunkelhaarige und -äugige Schöne vom Kaspischen Meer zu Tode kam, sind nicht zweifelsfrei geklärt. Sie war die zweite Ehefrau Josef Stalins, den sie allerdings schon seit der Kindheit kannte, und die Mutter seiner beiden Kinder Wassili und Swetlana. Am 8. November 1932 wurde sie nach dem Bankett zur Feier des 15. Jahrestages der Oktoberrevolution im Schlaf-zimmer ihrer Kremlwohnung mit einer Revolverkugel im Herzen tot aufgefunden.

Die meisten HistorikerInnen nehmen einen Selbstmord der 31jährigen an. Für die Kremlherren kam diese Sicht freilich nicht in Frage: man hätte einen Selbstmord als Auflehnung und Anklage mißverstehen können. Sie ließen die Ärzte von einem Blinddarmdurchbruch reden und organisierten ein prunkvolles Staatsbegräbnis. Genauso wenig waren sie geneigt, ihren Chef selber, der seine Gattin auf der Party wieder einmal grob gekränkt hatte, als Todesschützen in Betracht zu ziehen. In dieser Richtung gab es in der Öffentlichkeit viele Gerüchte. Die gemein-same Tochter Swetlana wies sie später in ihren Erinne-rungen zurück. Dagegen nahm sie die zahlreichen Millionen von Dollar, die ihr, laut Spiegel (37/1967), das „Buch des Jahrhunderts“ einbrachte, dankbar an.

Die verstorbene Mutter hatte zunächst in Lenins Sekre-tariat gearbeitet, nicht zuletzt als vorzügliches drittes Ohr ihres ehrgeizigen Gatten. Nach Lenins Tod (1924) und ihren Schwangerschaften hatte sie ein Hochschulstudium der Chemie begonnen. Auf der einen Seite war sie die revolutionären, oft nervenaufreibenden Ränkespiele vom Elternhaus her gewohnt; ihr Vater war der Eisenbahn-arbeiter und Altbolschewik Sergei Allilujew aus Baku. Er ging später nach Tiflis in Georgien, wo er mit dem jungen Stalin zusammenarbeitete. Andererseits könnten ihr die durch oppositionelle Studenten geförderten Einblicke in die Auswirkungen bolschewistischer Brechstangenpolitik auf die breite Bevölkerung zunehmend „an die Nieren“ gegangen sein und Zweifel an dem Kurs ihres 22 Jahre älteren Gatten geweckt haben, der ja seit 1922 als Generalsekretär des ZKs am Ruder der Sowjetunion stand. Angeblich hatte sie das gnadenlose „Bauernlegen“ im Rahmen der sogenannten Kollektivierung deutlich abgelehnt; außerdem sei in ihrem Sterbezimmer die Abschrift eines gegen die Parteidiktatur gerichteten oppositionellen Manifestes entdeckt worden.* Sollte sich auch ein Zettel mit Abschiedsworten gefunden haben, wanderte er vermutlich sofort in die Brusttasche ihres Gatten. Spannungen mit diesem hatte die leicht aufbrau-sende, stolze Gefährtin stets gehabt. Wie ihre Krankenakte zeigt, litt sie an oft unerträglichen Migräneanfällen, ferner Unterleibsschmerzen als Folge häufiger Abtreibungen und an schweren seelischen Störungen, die sie mit Koffein-tabletten bekämpfte, nach denen sie süchtig geworden war. Im Sommer 1930 durfte sie deshalb zu einer Kur nach Karlsbad und Marienbad reisen, die freilich, wie es aus-sieht, nicht sonderlich anschlug. Ob sie heilsamer ausge-fallen wäre, wenn Allilujewa dort dem Psychiater begegnet wäre, den ihr Olga Trifonowa in ihrem „biographischem Roman“ Die Einzige zwecks Verliebung andichtet*, sei dahingestellt. Das Werk von 2002 erschien 2006 auf deutsch.

Swetlana Stalin soll sich in ihren Erinnerungen auch über den üppigen „Harem“ lustig gemacht haben, der ihrem etwas untersetztem, schnauzbärtigem Vater nachgesagt worden war. Vielleicht blieb am Ende lediglich eine 27jährige Schneiderin und Modistin aus Tiflis, die es im Liebreiz vermutlich mit Nadeschda Allilujewa hätte aufnehmen können. Stalin selber soll einmal erklärt haben**, seine 1907 an einer schweren Darminfektion gestorbene erste Ehefrau Ketewan Swanidse sei neben seiner Mutter der einzige Mensch gewesen, der sein „steinernes Herz“ erweicht und den er je geliebt habe. Mit Swanidse seien seine „letzten warmen Gefühle für alle menschlichen Wesen gestorben“. Das spricht ohne Zweifel mehr für die Schneiderin als für den Staatsführer.

* Karla Hielscher, „An der Seite Stalins“, Deutschlandfunk 10. August 2006
** Maximilien Rubel 2006 (11. Aufl.), laut deutscher Wikipedia im Artikel über Swanidse



Allman, Duane 24 (1946–71), US-Rockmusiker bei den Allman Brothers. Ende Oktober 1971 sah man den aus Nashville, Tennessee, stammenden Gitarristen in Macon, Georgia, „riding his motorcycle at a high speed on Hillcrest Avenue“, wie in der englischen Wikipedia zu lesen ist. Dabei prallte er auf einen Pritschenwagen, angeblich, weil dieser jäh gebremst hatte. Der Lkw besaß oder beförderte sogar einen Kran, doch damit war Allman, der in die Luft gewirbelt, unter seinem Motorrad begraben und dann noch ein gutes Stück von diesem mitgeschleift worden war, auch nicht mehr zu helfen.

Ein gutes Jahr später erwischte es überdies den Bassisten der bald darauf legendären Bluesrockband: Berry Oakley (1948–72) – gleichfalls auf dem Motorrad, in derselben Stadt und im selben Alter, 24.

In den Artikeln „Langenhain“ und „Unfall“ meines jüngsten Buches Blick vom Ziegenberg erwähne ich den auffallend hohen Anteil der Straßenverkehrsunfälle am modernen weltweiten Unfallgeschehen. Derzeit merzen sie, mit täglich rund 3.700 Toten*, gleichsam Tag für Tag die Einwohnerschaft einer ansehnlichen Kleinstadt aus. Hinzu kommen zahlreiche Verkrüppelte und Traumati-sierte. Aber die Welt läßt es geschehen, seit etlichen Jahrzehnten. Ist das nicht zutiefst beschämend und ekelhaft?

* Martin Randelhoff, Zukunft Mobilität, 27. Januar 2019


Allmen, Oskar von 34 (1898–1932), Berner Philologe. Sein Vater soll „nur“ Zimmermann und Hotelier gewesen sein. Von Allmen dagegen studierte. Zunächst Gymnasial-lehrer, trug ihm die Universität 1932 sogar eine Außer-ordentliche Professur an, „ohne die übliche Habilitation von ihm zu verlangen“, wie der Historiker Edgar Bonjour in seinen Erinnerungen auf Seite 56/57 betont.* Von Allmen sei sein engster Freund gewesen, teilt er rund 50 Jahre nach dessen Tod mit. Sie hatten schon gemeinsam Abitur gemacht. Dann unterrichteten sie am selben Gymnasium und legten auch den neuen Schulweg oft gemeinsam zurück. Den Ruf an die Universität habe der Freund jedoch als „unerwartete wissenschaftliche Überforderung“ empfunden; deshalb sei diese Bürde zu einem „Quell unsäglichen Leidens“ geworden, „das ihn nun täglich heimsuchte. Äußerungen jener Wochen tönten wie ein Aufschrei des gepreßten Herzens.“ Schließlich habe den Freund „die Zuversicht in sein Können vollkommen“ verlassen: er habe sich, 34 Jahre alt, „in der Nacht vor der ersten Vorlesungsstunde“, mit seinem Ordonnanzgewehr, erschossen.

Bonjour fährt fort: „Hätte diese Verzweiflungstat durch rechtzeitigen Beistand nicht verhindert werden können? fragten sich die erschütterten Freunde. Erst mit zuneh-menden Jahren erkannte ich, daß die Ursachen eines Sui-zides nicht so sehr in äußeren Verhältnissen als vielmehr in der Veranlagung des Selbstmörders liegen. Von Allmen litt an tiefen, geheimen Problemen, denen er nicht gewachsen war.“

Damit verläßt Bonjour das Thema. Möglicherweise geht Näheres aus den Freundesbriefen hervor, die er einige Jahre später, 1987, veröffentlichte.

Leider war der Verlust des Freundes noch nicht der härteste Schlag für Bonjour. 1957 verlor der Historiker eine 13jährige Tochter, Christine Bonjour. Sie hatte einige Monate schwer zu leiden. Ihr Vater war inzwischen an die Baseler Universität berufen worden, und damals sei in Basel die Kinderlähmung (also das Poliovirus) umge-gangen, schreibt Bonjour auf S. 282. Die Tochter zählte zu den Todesopfern.

* Hier in der 3. Auflage, Basel 1984


Almeida, Manuel Antônio de 30 (1831–61), brasili-anischer Schriftsteller, der vor allem aufgrund seines Werkes Memórias de um sargento de milícias (Erinne-rungen eines Polizeiserganten) bekannt ist, jedenfalls hier und dort. Es wurde 1852/53 zunächst in Fortsetzung im Correio Mercantil abgedruckt. Da dieses Blatt die GegnerInnen der Sklaverei unterstützte, dürfte es liberal gewesen sein. Im Mittelpunkt des realistischen – und deshalb ungewöhnlichen – Schelmenromanes von Almeida steht ein junger Mann, der zunächst auf die schiefe Bahn zu geraten droht, im Rahmen seines erzwungenen Wehrdienstes jedoch die Chance ergreift, Polizeisergant zu werden. Es heißt, Almeida schildere das zeitgenössische brasilianische Leben sehr anschaulich und überwiegend meisterhaft. Dabei sind diese in der Er-Form erzählten „Memoiren“, die für Jahrzehnte „völlig unbemerkt“ blieben, laut Kindlers Neuem Literatur Lexikon (1988) keiner literarischen Schule oder Strömung verpflichtet.

Der Sohn des Leutnants Almeida aus Rio de Janeiro hatte zunächst Medizin studiert, wandte sich jedoch um 1855 dem Journalismus und der Literatur zu. Wohl, weil er sich davon nur schlecht ernähren konnte, scheint er auch einen Posten im Finanzministerium seines Bundesstaates (Rio de Janeiro) bekleidet zu haben. An der Frage, warum er sich Ende November 1861 an Bord des Küstenschiffs Hermes begab, scheiden sich die Lexikografen. Hauptsäch-lich werden persönliche Wahlkampf- oder amtliche Inspektionszwecke genannt. Jedenfalls sollte ihn das eher kleine Dampf- und Segelschiff in die nördlich der Metropole gelegene Großstadt Campos dos Goytacazes bringen, erlitt jedoch am 28. November auf halbem Wege, bei Macaé, Schiffbruch. Wie ich aus verschwommenen Andeutungen schließe, lief Hermes wegen Fahrlässigkeiten der Schiffsgesellschaft und des Kapitäns in der Bucht von Macaé auf Grund. Die Anzahl der Verunglückten und der Toten ist im ganzen Internet nicht zu haben; der 30jährige schnauzbärtige Schelmenromanautor zählte jedoch unzweifelhaft dazu.


Alpi, Ilaria 32 (1961–94). Die italienische (TV-)Journa-listin mit guten Arabisch-Kenntnissen wurde im März 1994 mitsamt ihrem Landsmann und Kameramann Miran Hrovatin (44) bei einem Überfall auf ihren Jeep in Mogadishu, Somalia, erschossen, weil sie ungesetzlichen Waffen- und Giftmülltransporten auf der Spur war, in die wahrscheinlich italienische Behörden verstrickt waren, Armee eingeschlossen. Ihre Unterlagen verschwanden.* Der Fall ist bis heute ungeklärt.** Nach Alpi wurde ein Preis benannt.

* Iris Hartl bei arte Mai 2011
** la Repubblica 20. März 2020



Altmann, Lotte 33 (1908–42). Wenn sich der erfolg-reiche Schriftsteller Stefan Zweig in seinen 1942 veröffent-lichten Erinnerungen Die Welt von gestern einige Fertig-keiten in der Kunst des Weglassens bescheinigt, wird ihm im allgemeinen vielleicht nicht jeder zustimmen, aber in seinem Lebensrückblick selber ist es ihm ohne Zweifel gelungen, die beiden wichtigsten Frauen seines Lebens weder namentlich noch anderweitig nennenswert zu erwähnen. Die erste hieß, nach ihrem Ex-Gatten, Friderike von Winternitz. Zweig heiratete sie 1920 und zog mit ihr und den beiden Kindern, die sie mitgebracht hatte, in eine stattliche Villa am Salzburger Kapuzinerberg, das Paschinger Schlössel. Während der ganzen Beziehung (seit 1912) hat die Tochter aus großbürgerlichem jüdischem Hause, die auch selber schriftstellerisch tätig war, ihren Stefan wiederholt mit Nebenbuhlerinnen oder Gespielin-nen zu teilen, darunter die Pariser Modistin Marcelle. Wie es aussieht (es gibt einen editierten Briefwechsel der Eheleute, Ffm 2006) war die Gattin vor allem Zweigs Hausfrau, Sekretärin und Trösterin. Allerdings folgte sie ihm nicht ins Exil. Sie starb 1971 hochbetagt in den USA.

1938 wieder von Friderike geschieden, vermählte sich Zweig ein Jahr darauf, in London, mit Lotte Altmann, die bereits vorher als seine neue Sekretärin fungierte. Sie blieb es selbstverständlich auch weiterhin. Altmann stammte aus einer oberschlesischen jüdischen Fabrikantenfamilie. Es steht zu befürchten, daß sich beide Ehefrauen in der Unterwürfigkeit nicht sonderlich viel nahmen. „Aber so wollte die Gesellschaft von damals das junge Mädchen, töricht und unbelehrt, wohlerzogen und ahnungslos, neugierig und schamhaft, unsicher und unpraktisch, und durch diese lebensfremde Erziehung von vornherein bestimmt, in der Ehe dann willenlos vom Manne geformt und geführt zu werden ...“ So Stefan Zweig in seinen Erinnerungen – nur nicht auf seine eigenen Ehen gemünzt. Altmanns Treue fand ihren Höhepunkt 1942 im brasilianischen Exil. Die 33jährige, die freilich trotz ihrer Jugend an oft heftigem Asthma litt, „folgte“ ihrem 60jährigem Gatten „in den Tod“. Sie nahmen gemeinsam eine Überdosis Veronal.

Wir werden in diesem Werk noch manchem Paarselbst-mord begegnen. Von Lotte Altmann scheint die Nachwelt wenig zu wissen. Ihre Briefe an Zweig „gingen verloren“, wie es meist diplomatisch oder scheinheilig heißt. Sie soll lebenslustiger als ihr spröder Gatte gewesen sein. Aller-dings habe sie, wird gesagt, ihre starke Eifersucht auf ihre Vorgängerin (von der sie gehaßt wurde) nie zu überwinden vermocht. Wenn das für einen Greis nicht schmeichelhaft ist? Vielleicht glaubte sie beim letzten gemeinsamen Drink, jetzt hätte sie ihn für sich allein.


Altun, Cemal Kemal 23 (1960–83). Dem regimekri-tischen türkischen Studenten war es bald nach dem Militärputsch vom September 1980 gelungen, sich zu seiner Schwester nach Westberlin zu flüchten. Man hätte ihn dort sogar behalten. Man erkannte Altun zunächst als „politisch Verfolgten“ und somit Asylberechtigten an, doch dann klagte ein Zuständiger des Bundesinnenministeriums (Chef war Friedrich Zimmermann) gegen diesen Anerken-nungsbescheid, weil er dem Auslieferungsbegehren des türkischen Staates nachkommen wollte. Die Freundschaft mit dessen Militärs, dessen Polizei, dessen Geheim-diensten und dessen Folterknechten ging dem Bundes-innenministerium über alles. Im Rahmen dieses langwie-rigen, zermürbenden Abschiebeverfahrens, bei dem er zuletzt offenbar kein Licht mehr sah, stürzte sich der 23jährige Altun am 30. August 1983 mitten aus der Verhandlung durch ein offenes Fenster der sechsten Etage des Westberliner Verwaltungsgerichts am Bahnhof Zoo. Er starb auf der Stelle.

Möglicherweise war bei Altuns unerwartetem Schritt der Wunsch beteiligt, ein Fanal zu setzen, denn laut seinem Rechtsanwalt Wolfgang Wieland standen die Dinge im Prozeß gar nicht so schlecht für ihn. Allerdings muß man bedenken, der junge Mann hatte insgesamt 13 Monate* Abschiebehaft im berüchtigten Moabiter Knast hinter sich, wobei er auch schon eine Beinahe-Abschiebung („Auf, es geht nach Frankfurt!“) zu ertragen hatte. Wer da gelassen bleibt und stets das Vernünftigste tut, den möchte ich sehen.

Andererseits hatte der Eingekerkerte von „draußen“ einige Solidarität erfahren. Auch linke Prominenz wie Wolf Biermann, Erich Fried, Petra Kelly setzte sich für ihn ein. Nach seinem Todessprung kam es schon am Abend in Westberlin und anderswo zu größeren Demonstrationen. Ein gutes Jahr vorher hatte man das bei Semra Ertan erlebt, siehe weiter unten. Nach Altun sind Plätze oder Mahnmale in mehreren deutsche Großstädten benannt.

* Pro Asyl am 27. August 2013


Ambros, Emerich 37 (1896–1933). Der ungarisch-deutsche gelernte Klempner war nach dem Ersten Welt-krieg (zuletzt Sanitätsunteroffizier) im Dresdener Reichs-bahnausbesserungswerk beschäftigt. Er war Sozialdemo-krat und Gewerkschafter und galt als hervorragender Redner. Ab 1925 Partei- und Konsumvereins-Funktionär in Löbau, wurde er im September 1933 aufgrund womöglich „bestellter“ Anschuldigungen einer Konsum-Angestellten (sexuelle Belästigung) verhaftet und ins KZ Hohnstein verfrachtet. Dort kam er, sehr wahrscheinlich „infolge von Misshandlungen durch seine SA-Bewacher“, schon Ende des Monats um.* Wenige Wochen darauf folgte ihm seine Frau Käte mit Sohn Wolfgang (12?) und Tochter Gerda (11?), indem sie, wohl in Dresden, mit Hilfe von Gasvergiftung Selbst- beziehungsweise Kindesmord beging. Ein krasser Schritt, der verschiedene Gründe haben kann, aber nirgends beleuchtet wird. Nach dem Ehemann ist in Dresden, noch aus DDR-Zeiten, eine Straße benannt.

* Nadine Kulbe, „Emerich Ambros“, in: Sächsische Biografie, 20. März 2012


Fortsetzung (Ame–Ast)
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