Sonntag, 26. Juli 2020
Lexikon der Frühverstorbenen (LdF)

V o r b e m e r k u n g

Selbstverständlich mußte ich auswählen. Grundlage war eine recht mühsam zusammen getragene Liste, die rund 6.500 Kandidaten aus allen Epochen und Erdteilen erfaßt. Es blieben rund 1.300 Personen. Einige werden lediglich gestreift. Alle wurden nicht älter als 39. Im ganzen sind die Opfer von tödlicher Krankheit, Unfall, Krieg und anderen kriminellen Handlungen oder Verhältnissen, außerdem Selbstmord, natürlich unzählbar. Sollten Sie nicht dazu gehören, ist es hoffentlich ein Grund zur Freude. Damit ist keine Schadenfreude gemeint.

Wie sich versteht, ist meine Grenze zwischen 39 und 40 so willkürlich wie starr. Für die Zeit, da die Könige Nabo-polassar und dessen Sohn Nebukadnezar II. am Turm von Babylon schuften ließen, um 600 v.Chr. also, wird die durchschnittliche Lebenserwartung eines Erwachsenen auf 30 bis 40 Jahre geschätzt. Die Kinder starben sowieso wie die Fliegen. Sie wurden in Tonkrügen bestattet. Im Mittelalter brachten es manche BewohnerInnen von Nürnberg oder einem Hunsrückflecken vielleicht schon auf 40 bis 50, aber eben nur manche. Essayist und Grundherr Michel de Montaigne wurde immerhin 59; das galt zu seiner Zeit, um 1600, bereits als steinalt. Wenn in meiner Kandidatenliste vergleichsweise wenig Menschen aus Altertum und Mittelalter vertreten sind, liegt es selbstverständlich nicht an einem damaligem Mangel an Frühverstorbenen, vielmehr an einem akutem Mangel an überlieferten genauen Lebensdaten. Sind sie jedoch überliefert, handelt es sich vornehmlich um Herrscher oder Berufskrieger, die einem, in ihrer Geballtheit, die gute Laune zu verderben drohen. Diese Vorliebe für ?Größe? macht vor der Neuzeit keineswegs Halt. Mit Mozarts angeblichem Unglück werden wir in der Regel schon in der Hauptschule gequält, mit dem seines Landsmanns und Kollegen Hans Rott nie. Und wer kennt schon Gottfried Kapp? Der wurde allerdings 41, ehe er im Gestapo-Haus zu Frankfurt/Main umkam. Näheres können Sie im Anhang unter A-1 erfahren.

Leider ist die Quellenlage in der Regel umso schlechter, je weniger prominent ein Frühverstorbener ist – falls man überhaupt von seiner Existenz erfahren und seinen Namen ergattert hat. Somit lasse ich mich bei dieser Arbeit auch von der Hoffnung tragen, der eine oder andere Forscher, ob Mann oder Frau, könnte sich geködert wähnen und gefordert fühlen. Nach meinem Eindruck gleicht die Forschung über Frühverstorbene bislang einem brachem Feld, während die Huldigungen von Greisen wie Goethe und Hindenburg bereits in den Himmel wachsen.

Eine andere Frage ist, ob der Frühverstorbene stets zu bedauern sei? Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht. Gesetzt, er hätte durch sein frühes Sterben einen absoluten Aussichtspunkt gewonnen, wäre er möglicherweise in nicht wenigen Fällen für seine »vorzeitige« Abberufung dankbar, da sie ihm absehbar viel Kummer und Leid erspart ? und sei es das todsichere langsame Hinüber-gleiten in die Altersblödheit oder den Regierungserlaß, beim Pfeifen auf der Straße Mundschutz anzulegen.

Eine Besonderheit dieses Nachschlagewerkes liegt in der ausdrücklichen Befreiung des Lexikografen von der üblichen Pflicht, sich weder historische Vertiefungen oder sozialphilosophische Abschweifungen noch neckische Zeitbezüge zu gestatten. Eingeweihte werden es deshalb dereinst begierig wie eine Wundertüte auspacken – von oben nach unten ..? Wie es Ihnen gefällt. Sie können auch mittendrin anfangen oder zuerst den erwähnten Anhang studieren. Das wäre die nächste Besonderheit. Der Anhang präsentiert mehr oder weniger ältere Betrachtungen aus meiner Feder, die das jeweils angeschnittene Thema vertiefen oder erweitern. Er umfaßt knapp 200 Druck-seiten. Er wird hier, im Blog, Schritt für Schritt im Zuge der Editierung der Folgen gefüllt, nämlich durch Verwandlung der Titel in Links. Und schließlich wird es noch ein Verzeichnis aller erfaßten Frühverstorbenen und ein ausführliches Register geben, das bei der Suche nach Themen, anderen Personen – oder Zusammenhängen hilft. Dieser dritte Teil hat ungefähr 50 Druckseiten. Damit ist ein 1.250-Seiten-dickes Buch entstanden, das ich künftig vermutlich als mein Hauptwerk erachten werde.

Sie fragen, welcher Art es sei? Lexikon, Sachbuch, Belle-tristik, Autobiografie, Bekenntnis- oder Geständnis-literatur ..? Alles falsch.

Der lexikalische Teil wurde übrigens in genau einem Jahr verfaßt, von Mitte Juli 2020 bis Mitte Juli 2021. Bei et-lichen Einträgen konnte ich mich zwar auf ältere Entwürfe stützen, hatte sie allerdings gründlich zu überprüfen. Zu meinen Wahlsprüchen als Autor zählt neben der Klarheit die Sorgfalt. Trotzdem werden Sie vermutlich Irrtümer und Schwächen entdecken. Melden Sie sie bitte.

Bei der Editierung in diesem Blog möchte ich den Charak-ter eines 2020/21 entstandenen Buchmanuskriptes wah-ren. Sollte ich später hier und dort wesentliche Berichti-gungen / Aktualisierungen / Zusätze für angebracht halten, werde ich sie kennzeichnen.


Bislang sind erschienen:
Folge A—Aqu + Ar—Bal + Bam—Bern + Berr—Bont + Bor—Bri + Bro—Chal + Chan—Co
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