Dienstag, 21. Juli 2020
Nachhutgefechte I

Mit dem Eigendruck der Bücher Schlackendörfer und Ziegenberg erachte ich mein literarisch-musikalisches „Spätwerk“ als abgeschlossen. Einige Dopplungen zwi-schen den Büchern und den Manuskripten abgerechnet, umfassen die Ausgewählten Zwerge rund 2.000 Druck-seiten. Was jetzt noch folgt, ist Zurechtrückung und Zeit-vertreib. Dazu ist auch mein Lexikon der Frühverstor-benen zu zählen, das ich in Kürze eröffnen werde.


Raum ade + Ansturm auf Pingos + Im Reich der Spitz-findigkeiten + Die Last der eingebildeten Verantwortung



Raum ade

In meinem Ziegenberg-Artikel Schneebaden, um 2010 verfaßt, ist abschließend zu lesen: „In drei Wintern als Gartenhüttenbewohner hat mich nicht ein Schnupfen ereilt. Man müßte nur noch klären, ob es tatsächlich der Abhärtung zuzuschreiben ist. Es könnte auch an der Abwesenheit von Mitmenschen liegen. In Kommunen gehörten Seuchenwarnungen von rechtswegen in die Formulare des Probezeitantrags.“ Diese Bemerkung kommt mir nun, da Corona über dem Planeten steht, etwas fragwürdig oder mißverständlich vor. Denn solange einer Gesellschaftlichkeit will, sind Ansteckungen „natürlich“ unvermeidlich. Das dürfte bereits im Neander-tal so gewesen sein, also unter steinzeitlichen Horden. Nicht wenige kritische Fachleute halten Ansteckung sogar zumindest in Maßen für wünschenswert, weil der Austausch von Erregern die Abwehrkräfte steigere. Darauf beruht ja selbst das Impfen, wenn ich mich nicht irre.

Problematisch wird die Angelegenheit, wenn die zuneh-mende Vermassung, im Verein mit ständig beschleunigtem Verkehr, für ungehinderte Ausbreitung von Erregern und ausgedehnte Lähmungen der Gesellschaft sorgt. Seuchen haben in unserer vollgestopften Welt eine ganz andere Durchschlagskraft. Das zeigte sich schon zu Pestzeiten in den Städten des Mittelalters. Gleichzeitig sorgt der menschliche, fast immer mit Fahrlässigkeit gepaarte „Fortschritt“ auch für neue, eigentlich völlig unnötige Krankheiten. Man züchtet die Krankenhauskeime und die Laborerreger jetzt selber, wahrscheinlich auch den Krebs. Hierhin gehört selbstverständlich auch das moderne Impfen mit all seinen verhängnisvollen Begleiterschei-nungen. Dies alles schwächt die Abwehrkräfte, statt sie zu steigern. Peter Frey meinte kürzlich*, das Riesengeschäfts-modell „Impfen“ bekämpfe statt Ursachen Symptome. Ursachen vieler Seuchen, wahrscheinlich auch der berüchtigten sogenannten Spanischen Grippe (um 1920), seien unhygienische Zustände, schlechte Ernährung und seelische Belastung – der Erste Weltkrieg und die kapitalistische Konkurrenz im allgemeinen lassen grüßen. Das Impfen doktort am Fieber herum, bürdet uns Tonnen sogenannter Nebenwirkungen auf und unterhöhlt unsere Selbstheilungskräfte.

Dummerweise trifft sich die gegen Seuchen gemünzte Warnung vor starker Zusammenballung heutzutage mit genau der Bestrebung unserer Eliten, die soziale Nähe sowieso abzuschaffen. Sie wollen nicht etwa Leistungs-druck und Konkurrenz; sie wollen nur die Schule abschaffen. Alles soll „kontaktlos“ vonstatten gehen, vollendetes Einzelkämpfertum. Auch das Kaufen und Verkaufen, die künstlerische Darbietung oder eine soziologische Konferenz sollen nur noch unleibhaftig veranstaltet werden, via Fernsehen, Video, Internet. Durch das vollendete Einzelkämpfertum entfällt in allen geschlossenen Räumen sogar die Maskenpflicht. Mal sehen, wann sie die Kunst erfinden, einem die Haare zu schneiden und zu föhnen, ohne mit ihm unter einem Dach zu weilen. Diese ganze Absicht, soziale Nähe gegenstands-los zu machen, deckt sich ohne Zweifel mit der schon seit Jahrzehnten sichtbaren Tendenz, den Raum abzuschaffen. Das habe ich beispielsweise 2006 im Schlußkapitel „Zeit frißt Raum“ meines Aufsatzes Klappe zu, Affe tot gestreift. Jetzt müßte man sich hartnäckiger fragen, welche Interessen oder geheimen Wünsche hinter diesem postmodernen Kampf gegen Körper- und Leiblichkeit stecken. Läßt sich in der voll-digitalisierten Welt mehr Geld verdienen, besser herrschen? Vermutlich ja. Isolie-rung von lauter Einzelkämpfern und Einzelkonsumenten erschwert Solidarisierung, ganz einfach. Vereinter Streik gegen dies oder das wird zur Antiquität. Die Mitglieder der Elite selber werden dagegen schon Mittel und Wege finden, sich in ihren Villen, Hotels, Enklaven nach wie vor leibhaftig zu begegnen. Notfalls küssen und vögeln sie sich unter Polizeischutz.

Eine weitere peinliche Parallele geht mir auf. Der elitäre Versuch, die Massen zu mindern, scheint sich nicht von der kritischen Warnung vor der Überfüllung des Planeten zu unterscheiden. Man bevorzugt nur jeweils eigene Wege: dort Ausrottung, etwa durch Hunger, Seuchen, Impfen; hier Aufrufe gegens Kindermachen und für gesunde, verkleinerte, überschaubare gesellschaftliche Verhältnisse. Diesen zweiten Gesichtspunkt – die meines Erachtens unumgängliche Verkleinerung der Welt – habe ich schon in etlichen Texten angemahnt, doch wie es aussieht, nimmt sich kein anderer dieses Gesichtspunktes an, wohin ich auch gucke. Man brandmarkt eifrig alle verheerenden Züge unserer furchtbaren aufgeblähten Welt, scheint die Aufblähung selber jedoch als Naturtatsache anzusehen, mit der nun einmal, „kritisch“, gearbeitet werden muß. Welcher Mist soll denn dabei herauskommen? Warum fragen sich diese KritikerInnen nicht zuweilen, was wir mit den transnationalen Konzernen, den nationalen Staatsapparaten, der UNO, der EU, den Armeen, dem Inter- und Mobilfunknetz, der Konsum- und Reisewut, der Vergeudungssucht, der haßerfüllten Dummheit sowohl der Elite wie der Massen anstellen sollen? Ich will es Ihnen verraten: Weil sie es nicht wissen. Weil sie keinen blassen Schimmer eines Rezeptes gegen dieses Erdgeschwür haben. Gestünden sie diese Ohnmacht aber ein, müßten sie auf ihre Lieblingsbeschäftigung verzichten, nämlich die Verbreitung von Zuversicht. Sie wünschen sich von kampfkräftigen Zukunftsgläubigen umgeben (und bewundert); andernfalls würden sie sterbenskrank.

* Rubikon 13. Juni 2020



Ansturm auf Pingos

Das Problem der Vermassung der Menschheit gibt mir wieder einmal eine Romanidee ein, die sehr wahrschein-lich nicht zu realisieren ist, jedenfalls nicht von meinem bescheidenen Kaliber. Sie baut auf der Annahme auf, die freie Inselrepublik Pingos habe bis in jüngste Zeit, 2015 vielleicht, durchgehalten und dabei auch ihre Unabhängig-keit und ihren Charakter bewahren können. Pingos, gesprochen ungefähr „Piehngus“, kommt in meiner letzten Schlackendörfer-Geschichte vor, Handlungszeit 1965/66. In der nördlichen Ägäis unweit der „kastonischen“ (griechischen) Küste gelegen, umfaßt sie rund 5.000 Leute, die längs der umlaufenden Inselbahn in einigen Küstenortschaften leben. Es gibt keine „Streitkräfte“, vielmehr sind sämtliche Grundorganisationen der Republik bewaffnet. Was werden nun die BewohnerInnen des südlichen Dorfes X für lange Gesichter machen, wenn an ihrem Strand ein großes Schlauchboot landet, das mit mindestens 50 mehr oder weniger schwarzen und abgezehrten Gestalten vollgestopft ist? Wie sich rasch herausstellt, kommen sie aus Libyen und suchen hier, nach entbehrungsreicher Irrfahrt, Asyl – oder auch sonstwo ihr Glück.

Es liegt auf der Hand, daß die Ankunft von afrikanischen Flüchtlingen in einer kleinen anarchistisch gestimmten Inselrepublik wie Pingos gewaltige Probleme aufwirft, nicht zuletzt moralische. Zurückschicken kann man sie kaum. Wer wollte diese Menschen? Wo würden sie nicht schikaniert? Andererseits hat Pingos mit Grund sehr strenge Aufnahmebestimmungen. Es kann sich weder Dutzende oder gar Tausende von zusätzlichen hungrigen Mäulern noch neue Mitglieder leisten, die wahrscheinlich kaum den geringsten politischen und charakterlichen Anforderungen entsprechen. Bekanntlich flüchten auf den Booten nicht unbedingt die aufgeklärtesten und uneigennützigsten BewohnerInnen Afrikas. Wie soll man auf einen Schlag Dutzende von Konsumsüchtigen, Karrieristen, schnöden Gaunern oder auch nur seelisch und körperlich Zerrütteten verkraften?

Gewiß sind fürs erste Notlösungen denkbar. Vielleicht verwandeln sich diese sogar in Zündstoff, der einem Roman, der keine heile Welt vorgaukeln möchte, nur willkommen sein kann. Die schwarzen „Gäste“ warten sowohl mit lästigen wie angenehmen Überraschungen auf; etwa Diebstahl hier, Bereicherung durch praktische Vorschläge dort; ein sexueller Übergriff – eine neue Liebe für ein Mauerblümchen; eingeschleppte Krankheit – Heilkunde aus dem Busch und dergleichen mehr. Weitere Konflikte werden sich selbstverständlich aus der Erörte-rung des Hauptkonflikts ergeben. Vielleicht sprechen sich etliche RepublikanerInnen für eine unbarmherzige Abschiebung aus. Andere zerfließen vor Mildtätigkeit. Neoliberale oder kommunistische Blätter aus aller Welt werden Pingos mit Häme und Verleumdungen übergießen. Vielleicht gibt es sogar vereinzelte einheimische Gewalt-taten gegen die Flüchtlinge. Immerhin ist die gesamte Republik bewaffnet, wie ich oben betonte.

Schon diese Steiflichter deuten jedoch auf nichts weniger als eine Zerreißprobe hin, die der kleinen Inselrepublik mit der jüngsten weltweiten Auswanderungswelle bevorsteht. Hinzu kommt freilich ein schlechter Witz. Danach wird „das erste“ ja keineswegs auch das letzte bleiben. Begegnet man nämlich der ersten Fuhre von 50 oder 70 Leuten mit Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, kommen über kurz oder lang die nächsten Fuhren, weil sich die Angelegenheit in Windeseile bis zum Kap der Guten Hoffnung herum-spricht. Schließlich schreiben wir 2015, da gibt es Satellitenfernsehen und Mobiltelefone. Ergo wird die Inselrepublik jede Wette von einer wahren Flüchtlings-woge überspült. Wehrt sie sich dagegen, wird sie unweiger-lich militarisiert, verroht – und zerstört. Tut sie es nicht, erhalten wir das gleiche Ergebnis.

Ein weiteres Problem sehe ich in mir selbst, dem Autor. Es betrifft die Figuren der Flüchtlinge. Ich traue mir nicht zu, mich hinreichend in ihre Lage und ihre Haut zu versetzen und sie entsprechend überzeugend handeln zu lassen. Anton Tschechow, Martin Andersen-Nexö, Robert Merle hätten es gekonnt. Allgemeiner gesprochen, bin ich vom Naturell her ohnehin weder ein begnadeter Erzähler noch ein begnadeter Psychologe. Ich bin der letzte Aufklärer und der letzte Enzyklopädist. Nach mir die Sintflut.

Ich will bei dieser Gelegenheit noch ein weniger gewich-tiges ungelöstes Problem streifen, das in der erwähnten Schlackendörfer-Geschichte angesprochen wird. Mit vielen anderen Republikanern hätte die Rätin für Auswärtiges Maud O‘Connor statt der halbjährlichen Delegiertenkonferenzen der Insel gerne regelmäßige Vollversammlungen der ganzen Bevölkerung. „Sie wußte mehrere küstennahe Stellen in den Bergen, die sich aufgrund der natürlichen Beschaffenheit dazu eignen würden, mit vertretbarem Aufwand nicht etwa ein Fußballstadion, vielmehr ein großes, mindestens halbrundes Griechisches Theater für ungefähr 4.000 Leute zu bauen. Ein Architekt habe ihr versichert, es könne in akustischer Hinsicht so angelegt werden, daß man noch in der obersten Reihe jedes Wort verstehen könne, das Papa Beppe unten auf der Bühne vor sich hinnuscheln würde. Selbstverständlich könnte man diese Freiluft-Arena auch für Konzerte nutzen oder gleich das Republikplenum in Früh- und Spätsommerfeste verwandeln. Aber die Sicherheitsfrage sei ungelöst. Hier stünden sich das Bedürfnis nach Freiheit – vor allem von Hierarchie! – und das Bedürfnis nach Schutz gegenüber. Schließlich besitze man keine Nationalgarde, die die Küsten dienstbeflissen bewachte, während sich im Freilufttheater die Idioten der Basisdemokratie austobten. Und solche Versammlungen ließen sich ja schlecht verheimlichen; sie würden im Gegenteil, zwecks Vorbereitung, in der [Wochenzeitung] POV ausgewalzt, und die gehe bekanntlich auch ins Ausland. Ergo hole man sich jede Wette Dutzende von Piraten und Saboteure ins Haus, die Pingos während des Republikplenums nur zu gerne auf den Kopf stellen würden.“

Jemand sagte mir nun, die Leute von Pingos hätten doch sicherlich auf dem nahen Festland etliche Freunde. Vielleicht wäre es denen eine Ehre, für den Plenartag einen vielköpfigen Wachdienst bereitzustellen, der alle Küsten-dörfer und vor allem das Hauptstädtchen Muro im Auge behalte. Damit sei es jedem Republikaner möglich, das Inselplenum zu besuchen, von wenigen Kranken und Alten einmal abgesehen. Die Idee ist gut, nur fehlt es ihr leider an Mißtrauen. Erfahrungsgemäß finden sich in Freundes-kreisen antikapitalistischer Projekte immer ein paar Spitzel und VerräterInnen. Die werden es dann schon einzurichten wissen, daß jene Piraten und Saboteure einige günstige Lücken im selbstlosen Wachdienst der Freunde vom Festland finden.

Liege ich falsch, bitte Kritik schicken. Oder gleich den nächsten Lösungsvorschlag.



Im Reich der Spitzfindigkeiten

Für diesen Sommer habe ich mir die Wiederlektüre von Heinrich Hannovers Wälzer Die Republik vor Gericht verordnet. Das Werk erschien erstmals 1998/99 in zwei Bänden [1]. Wer ebenfalls ein schlechtes Gewissen hat, weil er bislang dem jüngsten Killervirus des Jahres entgangen ist, sollte mir in meiner Buße nacheifern. Das Unrecht, das der bekannte linke Rechtsanwalt in diesen Erinnerungen aus rund vier Jahrzehnten juristischen Wirkens versammelt hat, wird dem Bußfertigen tüchtig ins Gedärm beißen. Er wird vor ohnmächtiger Wut zu platzen drohen wie ein Dreikäsehoch. In der vielgerühmten Demokratie gehöre „das Recht des Stärkeren“ keineswegs der Vergangenheit an, stellt Hannover resümierend auf Seite 919 fest. Der Schwache kann weder eigene Prominenz noch Staranwälte in die Waagschale werfen. Er rennt sich den Kopf an kapital- und staatsfrommen Juristen ein, die auf legalem Wege nahezu unangreifbar sind. Wie später auch sein journalistischer Freund Günther Schwarberg in seinen Erinnerungen [2], prangert Hannover unermüdlich die herrschende Doppelmoral an. Er scheut sich nicht, von Gesinnungs- oder Klassenjustiz und schlicht von Unmenschlichkeit zu sprechen. 1971 wird die 20jährige RAF-Kämpferin Petra Schelm von Polizisten erschossen – wahrscheinlich hinterrücks. Ihr von Hannover verteidigter Begleiter Werner Hoppe bekommt wegen unbewiesener „Mordversuche“ 10 Jahre Zuchthaus. Ihm die Geliebte zu töten, war noch nicht Strafe genug.

Leider fing die Demonstration der Stärke schon gleich inmitten der Trümmerberge der frühen Nachkriegszeit an, als sich Scharen von tatsächlichen oder angeblichen Kommunisten plötzlich vor Gericht genau jenen in eindrucksvollen Richter-Roben steckenden Faschisten gegenüber sahen, die doch eigentlich eben erst von unseren britischen und nordamerikanischen Freunden besiegt worden waren. Unter Willy Brandt, der bis heute fast überall als Friedensengelsgestalt gegeben wird, hörte es noch lange nicht auf. 1967/68 war der Sozialdemokrat westdeutscher Außenminister. In diesem Amt deckte er ein dreistes Gangsterstück, das dem südkoreanischem Geheimdienst nur durch beflissene Zuarbeit des westdeutschen Geheimdienstes gelingen konnte, wie Hannover ausführlich darlegt. Man hatte auf einen Schlag 17 in Westdeutschland und Westberlin lebende Südkoreaner entführt, um sie in Seoul des Kontaktes mit nordkoreanischen Bürgern oder Stellen, somit der Landesverräterei bezichtigen zu können, darunter den von Hannover vertretenen angesehenen Komponisten Isang Yun. Die Entführten wurden mißhandelt und mit dem Tod bedroht. Die westdeutsche Justiz griff tief in die Trickkiste der formalen Logik, um alle Bemühungen auf Freilassung und Rückführung im Keim zu ersticken. Brandt duldete es, weil ihm die „guten Beziehungen“ zu dem fanatisch antikommunistischem Regime in Seoul und dem großen Bruder in Washington mehr am Herzen als die 17 gefolterten Leutchen lagen. Wer bereits einen anderen empfehlenswerten Wälzer studiert hat, Tim Weiners CIA-Geschichte [3], wird von Brandts Unterwürfigkeit nicht erstaunt sein. Auf Seite 400 der 2008 erschienenen deutschen Ausgabe behauptet Kenner Weiner, zu den vielen europäischen Empfängern von CIA-Knete hätte damals auch SPD-Spitzenpolitiker Brandt gezählt. Der Löwenanteil von insgesamt „mindestens 65 Millionen“ Kalter-Kriegs-Dollars scheint allerdings nach Italien gegangen zu sein, wo sich die sogenannten freien Wahlen überschlugen.

Hannovers verdienstvolle Fleißarbeit, die schon fast einem Kritischen Lexikon zur deutschen Nachkriegsgeschichte gleichkommt, ist im großen und ganzen flüssig geschrieben. Strapazen stellen einige Fälle dar, die er für mein Empfinden zu detail- und belegreich ausbreitet. Ich führe als Beispiele Kampa, Roth/Otto, Raths-Konditorei an. Der Nichtjurist kann ihnen nur noch unwillig folgen. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, es im Haupteil bei den Grundzügen und Ergebnissen des betreffenden Verfahrens zu belassen und die Winkelzüge und Belege in einem Anhang zu geben. Als alter Antiautoritärer befremdet mich außerdem Hannovers Verbeugung vor allen Akademikern. Ob Freund oder Feind, beispielsweise Bundeskanzler Dr. Adenauer, Amtsgerichtsrat Dr. Borchert, der Angeklagte Dr. Hans Modrow, Zeuge Dr. Wolfgang Schäuble – er macht sich nie der Unterschlagung ihres einschüchternden Titels schuldig, „Professor“ selbstverständlich eingeschlossen. Aber diese Unsitte teilt der Jurist aus Worpswede (bei Bremen) mit vielen anderen „linken“, gegen die Macht ankämpfenden Memoiren-schreibern, etwa Arthur Koestler. Nur nicht mit Kurt Tucholsky [4]. „Der Titel erstickt jeden Widerspruch und erspart dem Titelträger jede Tüchtigkeit. Er steckt sich hinter den Titel, und das Übrige besorgt dann schon die Dummheit derer, die den Titel anstaunen und ihn um des Titels willen, den sie nicht haben, aber gern hätten, beneiden. […] Der Titel soll den Träger immer wieder an seine eigne Herrlichkeit gemahnen. Es wäre nichts gegen ihn einzuwenden, wenn er nur den Angeredeten auszeichnete; er drückt aber bewußt alle die, die ihn nicht haben. Er ist im tiefsten Sinn undemokratisch.“

Sieht sich Hannover gezwungen, allen Verästelungen eines Falles nachzugehen, hängt es freilich damit zusammen, daß unsere Gesetze wie unsere Richter in der Regel unglaublich „spitzfindig“ sind, wie er einmal auf Seite 827 sagt. Dazu gesellt sich dann die unnachgiebige Buchsta-bengläubigkeit, die in Deutschland spätestens seit Dr. Martin Luther stets vorzügliche Karten hat. Gesetz ist Gesetz, Befehl ist Befehl – man kennt diesen Holzhammer, der auf die unterschiedlichsten Köpfe und Fälle paßt und Einfühlung und Mitleid für heimtückische, von Ausländern eingeschleuste Viren hält. Urteilskritik sei mal unmöglich, schreibt Hannover, mal völlig zwecklos. Meines Erachtens liegt der Grund für diesen undurchdringlichen justiziellen Dschungelverhau in den Institutionen Recht und Rechtsstaat selber. Hannover stellt sie leider in diesem Werk nie in Frage. Sie haben seit den antiken Foren in Athen und Rom eine gefräßige Aufblähung (von Gesetzen und Auslegungen, Gerichtszeremonien und Gesetzes-hütern) in Gang gesetzt, die jede Willkür gestattet. Wer am Hebel sitzt, kann das Recht beugen, bis es ihm in den Kram paßt. Die Alternative einer dezentralisierten, schmiegsamen, volksnahen Rechtsprechung, die nebenbei schon dem Schloßherrn der Renaissance Michel de Montaigne vorschwebte [5], habe ich in mehreren Erzäh-lungen aus verschiedenen egalitären Zwergrepubliken und in meinem dicken „Schein-Lexikon“ Blick vom Ziegenberg behandelt [6].

Da keine Krähe der anderen ein Auge aushackt, bleiben auch nach Hannovers Ausweis ungefähr 99,99 aller mit Amt oder Titel gesegneten SchandtäterInnen unbelangt. Sie werden allenfalls versetzt oder abgewählt – und ihre NachfolgerInnen reiben sich bereits die Hände. Sie treten als Wagenknecht an und enden auch nur als Merkel. Oder nehmen wir Gerhard Schröder. Meines Wissens hat er es 1998, frisch zum Kanzler gekürt, noch nicht einmal nötig gehabt, sich wort- und tränenreich für die Ermöglichung des Ersten Weltkrieges durch die Sozialdemdokratie oder wenigstens für die Ermordung Benno Ohnesorgs „zu entschuldigen“, der ja just unter der Schirmherrschaft seiner beiden Parteifreunde Willy Brandt und Erich Duensing, dem Westberliner Polizeipräsidenten, erschossen worden war. Schröder legte sich auch ohnedem für die berüchtigte rotgrüne „Enttabuisierung des Militärischen“ ins Zeug.

Mancher Verdrossene würde vielleicht darauf pochen, all diese SchandtäterInnen gehörten endlich vor Gericht und von demselben bestraft. Aber das schmeckt meiner oben angedeuteten Rechtsauffassung gar nicht. Strafen bessern nie, und schon gar nicht Leute wie Schröder und Merkel. Auch der Vergeltungsgedanke scheidet unter echt republikanischem Blickwinkel selbstverständlich aus. Vielleicht wäre immerhin eine Wiedergutmachung erwägbar – doch wie sollte sich Merkel denn die vielen Milliarden, die sie bereits den Impfkonzernen [7] und den notleidenden Banken zugeschanzt hat, aus den Rippen schneiden? Wolfgang Jeschke [8] weist mit Bedauern darauf hin, nach der Rechtslage dürfe das auch niemand von ihr verlangen. Bei uns sind amtierende PolitikerInnen nämlich per Gesetz vor Haftungsrisiken geschützt. Der Rubikon-Autor macht sich deshalb für den Vorschlag des Juristen Carlos A. Gebauer stark, diesen Schutz aufzuheben. Das zwänge unsere MandatsträgerInnen, erheblich sorgfältiger „mit unserem Geld, unserer Natur, unserer Gesellschaft“ umzugehen. Aber für mich ist das reformistischer Käse. Keine Strafandrohung wird eingefleischte Karrieristen davon abhalten, sich an die staatlichen Futtertröge heranzupirschen; sie wird ihn vielmehr beflügeln, die Straffälligkeit durch tausend Schliche und Winkelzüge zu umgehen. Die Muster dafür kann er sich zu einem guten Teil sicherlich bei promi-nenten Steuerflüchtlingen und Subventionsbetrügern besorgen. Nein, was fallen muß, ist der Staat. Das Vertreten und Verwalten und gerade der ganze undurchdringliche Paragraphendschungel, mit dem es sich bewehrt, müssen auf dem Misthaufen der Geschichte landen. Das setzt freilich Verkleinerung, also Schrumpfung statt unaufhörliche Aufblähung unserer Gesellschaften und ihrer Einrichtungen voraus, und dieses heiße Eisen packt niemand an, wie ich schon im Auftaktstück dieser Rubrik befürchtete.

Ich komme noch einmal auf Hannovers auf- und anregende Erinnerungen zurück. In den 1980er Jahren scheiterte er mit dem Versuch, den SS-Mann Wolfgang Otto wegen Beteiligung an der Ermordung Ernst Thälmanns verurteilen zu lassen. Dieses Buchkapitel beschließt der Rechtsanwalt mit der wohl mindestens teilweise rhetorisch gemeinten „Frage an die Historiker-[Innen]“, warum Thälmann zur Zeit des Hitler-Stalin-Paktes, um 1940 also, eigentlich nicht freigelassen worden sei (S. 734). Der nach Hitlers Staatsstreich kurzerhand suspendierte Reichstagsabgeordnete und weltberühmte Vorsitzende der KPD war Anfang März 1933 verraten und folglich, noch in Berlin, verhaftet worden. Allerdings dürfte dabei, auf kommunistischer Seite, auch Fahrlässigkeit im Spiel gewesen sein. Jedenfalls kam der grobschlächtige, gleichwohl gern gemütlich grinsende ehemalige Hamburger Transportarbeiter, als Parteichef Stalins „ergebenster Gefolgsmann“ [12], nie mehr frei. Vielmehr wurde er ohne Gerichtsverfahren nach über 11jähriger Haft im August 1944 klammheimlich erschossen – wahrschein-lich im KZ Buchenwald, wohin man ihn kurz zuvor aus dem Bautzener Gefängnis geschafft hatte. Er starb mit 58.

In der Tat sollte man ja meinen, der mächtigen sowjetischen Bruderpartei wäre es spätestens nach dem berüchtigten, im August 1939 abgeschlossenen „Pakt“ mit den deutschen Faschisten ein Leichtes gewesen, „Teddy“ aus dem Knast loszueisen, zumal Sowjetchef Stalin so nett gewesen war, der Gestapo rund 1.000 deutsche und österreichische Emigranten auszuliefern, die im Schoße der Weltrevolution Schutz gesucht hatten [9]. Nach verschiedenen Quellen wollte er aber Thälmann gar nicht haben. Deshalb wurden Rosa Thälmanns wiederholte Vorstöße in der Berliner SU-Botschaft abgewimmelt, und die zwei Dutzend unterwürfigen Briefe ihres Gatten an Stalin blieben durchweg unbeantwortet [10, 11, 12]. Wie es aussieht, waren sowohl Stalin wie Thälmanns Gegenspieler Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht schon bald nach jener Verhaftung 1933 der Ansicht, der populäre KPD-Chef sei im Knast viel besser aufgehoben als in Freiheit, wo er möglicherweise aus der Schule geplaudert [12] oder wieder alles falsch gemacht hätte. Ein Thälmann im Knast konnte immerhin ausgezeichnet für plakative Agitprop-Befreiungs-Kampagnen benutzt werden. So kam er wenigstens weder Ober-Intrigant Ulbricht noch gar dem Sowjetchef in Moskau selber in die Quere.

Diese ernüchternde Sichtweise wird überzeugend von Ronald Sassnings anscheinend letzter Publikation unterstrichen, veröffentlicht 2006 in der thüringischen Rosa-Luxemburg-Stiftung [12]. Der Thälmann-Forscher und Parteihochschullehrer aus der verflossenen DDR spricht abschließend unmißverständlich von Stalins „großer historischer Mitschuld“ am Tod Thälmanns, nimmt freilich auch diesen selber nicht bei der Kritik aus. „Als Vorsitzender der KPD trägt er – wie andere auch – eine gewisse Mitschuld an der Machtergreifung Hitlers, da diese durch schwerwiegende Fehler und Versäumnisse ungewollt erleichtert wurde. Thälmann bezahlte dies letztlich mit seinem eigenen Leben.“

[1] Hier beziehe ich mich auf die einbändige Ausgabe Berlin 2005
[2] Günther Schwarberg, Das vergess ich nie, Göttingen 2007
[3] Tim Weiner, CIA: Die ganze Geschichte, Ffm 2008, ursprünglich New York 2007
[4] Als „Ignaz Wrobel“ in: Die Weltbühne, 27. Mai 1920, Nr. 22, S. 637
[5] Siehe seine Betrachtung „Von der Erfahrung“, in meinem Auswahlband der Essais (Übersetzt von Herbert Lüthy, Zürich 1985) ab Seite 842
[6] Siehe Startseite
[7] Nach meinen Informationen orderte die Bundesregierung im Zuge der schrecklichen „Schweinegrippe“ von 2009 genau 50 Millionen Dosen – auf denen sie größtenteils sitzen blieb.
[8] https://www.rubikon.news/artikel/die-corona-bilanz-2 vom 16. Juni 2020
[9] So der Darmstädter Soziologe Helmut Dahmer in seinem Artikel „Der Hitler-Stalin-Pakt und seine Folgen“ aus dem Oktober 2009, hier bei scharflinks
[10] Regina Scheer, Artikel über Rosa Thälmann „Im Schatten des Denkmals“, Berliner Zeitung 14. August 2004
[11] Peter Klinkenberg für Anti-SED-Stiftung: 2014
[12] Ronald Sassning, Rückblicke auf Ernst Thälmann, Jena 2006, zu Haftzeit und Ermordung bes. S. 91–113




Die Last der eingebildeten Verantwortung
September 2020

In den rund 25 Jahren, in denen ich mich nun schon als Verfasser mehr oder weniger öffentlicher Texte versuche, ist die Angst vor Fehlern und Beschuldigungen nie wirklich von mir gewichen. Allenfalls nimmt sie mich nicht mehr so oft in die Mangel, weil ich mit der Zeit meine Sorgfalt beim Nachforschen und meine Fertigkeiten beim Redigieren steigern konnte. Sobald ich jedoch über eine falsche Jahreszahl oder auch nur einen Schreibfehler in einem Text stolpere, den ich eigentlich für fertig hielt, durchläuft es mich heiß, als öle der Henker bereits die Guillotine. Muß ich gar feststellen, unnötigerweise eine für meine Argumentation eher unwichtige zeitgenössische Zeugin durch Namensnennung bloßgestellt zu haben, fällt das Beil. Das ist der sogenannte Vorauseilende Gehorsam. Ich habe gar keine leibhaftigen AnklägerInnen nötig.

Einem jungen Mann, der sich mit dem Gedanken an eine journalistische Laufbahn trug, riet ich deshalb einmal, er möge liebe die Finger davon lassen. Er habe sonst alle Aussichten, sich wöchentlich zweimal in die Nesseln zu setzen und mit 40 an Magengeschwüren oder Asthma zu ersticken. Das Publizieren sei ein selbstmörderisches Geschäft. Er dachte kurz nach, zuckte mit den Achseln und fragte mich lächelnd: „Kennst du etwa andere, weniger gefährliche Geschäfte? Diese Gefahren sind doch völlig normal, sobald einer auch nur ein bißchen Verantwortung übernimmt. Jede Woche stürzt irgendwo auf diesem Planeten eine Brücke ein – und der Angeschmierte ist der Architekt. Ein Elektriker installiert oder repariert einen Stromzähler unfachmännisch – und wandert, nachdem das ganze Haus abgebrannt ist, vor Gericht. Dein Töchter-chen reißt sich auf dem Bürgersteig von dir los – und kommt unter ein Auto. Schuld bist natürlich du. In den Kirschkuchen aus der nächsten Bäckerei hat sich ein Kieselstein verirrt, der dir glatt eine Goldplombe knackt – deine Zahnarztrechnung geht an den Bäcker. Und so weiter.“

Ich konnte ihm nicht wirklich widersprechen. Das Problem der Sorgfaltspflicht und der persönlichen Verantwortlich-keit hat im Grunde jeder Mensch, solange er sich nicht hinter Atemschutzmasken, Befehlsgebern oder seinem eigenen dicken Fell verstecken kann. Gleichwohl drängen sich ein paar Fragen auf. Zum Beispiel: für wen oder was fühle ich mich eigentlich verantwortlich? Schließlich muß ich weder den Erwartungen eines Chefredakteurs noch den Anforderungen des Autoverkehrs oder der Kindererzie-hung genügen, denn ich habe kein Auto und keine Kinder. Aber ich habe Ideale. Sie heißen vor allem Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit. Ich kann in einem Text nicht verkün-den, Hausfrau X. habe „unablässig“ Geliebte empfangen, wenn sie, wie sorgfältige Nachprüfung ergibt, bestenfalls einen Geliebten jährlich empfing. Es wäre schlicht gelogen. Im übrigen dürfte ich mich, sofern ich mir die Unsauber-keit durchgehen lasse, nicht wundern, wenn Frau X. meine Falschdarstellung mit einer Verleumdungsklage beantwortet. Damit nähere ich mich der nächsten Frage.

Sie betrifft meine Angst vor Beschuldigung und Ver-folgung. Sie ist ohne Zweifel lästig und der Gesundheit abträglich – dabei wäre sie zumindest im Falle meines Publizierens völlig überflüssig, wie ich bereits angedeutet habe. Meine Fehler oder Irrtümer interessieren die Welt so wenig wie meine Stärken, falls vorhanden, und wie meine Texte überhaupt. Ich könnte verkünden, Merkel liege alle zwei Wochen bei Gates im Bett – es würde keinem auffallen, weil mich sowieso keiner liest. Vielleicht ist die Wahl meiner schlüpfrigen Beispiele nicht ganz zufällig. Die Angst Fehler zu machen hat sicherlich mehrere Gesichtspunkte. So fürchtet man die soziale Ächtung, das Angeprangert- und Ausgegrenztwerden. Aber sie ist auch Versagensangst, zumal beim Mann. Unterlaufen mir in meinen Texten zu viele Fehler und Irrtümer, bin ich der Liebe des Publikums nicht würdig. Für manche Autoren wäre freilich schon ein Fehler oder ein Irrtum zuviel. Denn sie möchten vollkommen sein. Angesichts ihrer vielen Unzulänglichkeiten, die sich auf den unterschiedlichsten Gebieten auswirken, ist dieses Begehren selbstverständlich ein schlechter Witz.

Wahrscheinlich paart sich ein grundsätzliches Vollkom-menheitsstreben gern mit einer grundsätzlichen Neigung zur Ängstlichkeit. Was jedenfalls mich angeht, wäre es völlig zwecklos, das Publizieren aufzugeben, weil ich die Ängstlichkeit überall habe. Sie gehört zu meinem Naturell. Der Gram darüber, einen Bekannten ungerecht behandelt oder ihn fahrlässig verletzt zu haben, wiegt nicht schwerer und nicht weniger als der Gram, in einem Text versehent-lich zwei Landeshauptstädte verwechselt oder eine wichtige Tatsache unterschlagen zu haben. Alles wirft mich auf die eigene Unzulänglichkeit zurück. Besonders viel Sozialgefühl spricht aus dieser Empfindung nicht gerade.

Ich lasse die Gedankenschwere fallen und weise den Laien im „freien“ Publizieren noch auf ein pragmatisches Übel hin. Als SelbstverlegerIn oder BloggerIn ist man nämlich in der Regel auch frei von sachkundigen Ratgebern und Helfern. Man steht völlig allein. So kann ich mich beispielsweise weder auf Lektoren noch auf Korrektoren stützen. Was das bedeutet, dürften die wenigsten „Konsumenten“ erahnen. Ich nehme stark an, im Laufe der letzten 15 Jahre habe ich allein für das Korrekturlesen eigener Texte und Buchmanuskripte ungefähr ein Jahr aufgewendet; ein ganzes Jahr voller Acht-Stunden-Tage nur fürs Korrekturlesen und Berichtigen, also vom Verfassen der Texte und Buchmanuskripte höflich zu schweigen. Und immer drohend und grinsend dabei, auf der Schreibtischlampe hockend, das Rechtschreibgespenst, weil man den reformierten Roboter nicht ins Haus gelassen hat.

Ungeachtet jenes Aufwandes hat man es als Korrektor seiner selbst natürlich auch deshalb verdammt schwer, weil man stets der eigenen Befangenheit unterliegt. Ihr ist kaum zu entkommen. Der Selbstkorrektor hat sich unablässig zu zügeln, also zum langsamen, genauen und kritischen Lesen der ihm längst bekannten Texte anzu-halten, die ihm übrigens nicht selten schon buchstäblich zum Halse heraushängen. Und am Ende hat er doch wieder soundsoviele Mängel übersehen.

In diesem Zusammenhang ist mir noch ein anderer Nachteil aufgegangen. Die Freunde eines Autors haben oft das Pech, dessen erste LeserInnen zu sein – und leider bleibt es dann häufig auch dabei. Das heißt, wichtige Verbesserungen, die er später noch vornehmen kann, pflegen ihnen zu entgehen. Hierin verbirgt sich nebenbei der einzige Vorteil, der einem Internet-Selbstverleger geboten wird: er kann seine Texte jederzeit ändern, berichtigen, streichen, ganz wie er es für richtig hält. In einer Buchausgabe wären all die Mängel, die ich mir schon geleistet habe, unerbittlich verewigt. In der Puppenfabrik-Bibliothek habe ich kürzlich mein eigenes, 2009 erschienenes Buch Der Fund im Sofa entdeckt – es kostete mich einige Überwindung, es nicht zu stehlen und in den nächsten Altpapier-Container zu werfen. Zum Glück suchen die Kommunarden ihre Bibliothek selten auf. Man sagte mir, der mit Abstand eifrigste Nutzer sei ich selber.
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