Montag, 3. Februar 2020
Monatsschlößchen III, Februar 2020


Die Musikfreizeit (Skizze) + Pflaster + Carl Theodor Göring und Jessie Gilbert im Schachmatt + Gramma-tischer Gram + Teurer Wohnen + Freundschaft



Die Musikfreizeit

Im zurückliegenden September erwähnte ich, mir schwebe eine längere Erzählung unter dem Stichwort „Musik-freizeit“ vor. Dieses Vorhaben lasse ich hiermit fallen. Ich begnüge mich stattdessen, wie schon öfter, mit einer Skizze – diesmal besonders kurz.

Dem kastonischen Musikerzieher Z. ist es gelungen, für seine durchweg begabten und begeisterungsfähigen rund 25 MusikschülerInnen eine Freizeit in den Bergen nahe der bulgarischen Grenze zu organisieren. Für die gesellschaftlichen Umstände (um 1940) ist das allerhand. Drei Frühsommer-Wochen lang wollen die ungefähr 14- bis 19jährigen Mädchen und Jungen an Jazznummern arbeiten, die demnächst sogar auf einer Schallplatte zu hören sein sollen. Sie üben drei Tage – und dann platzt die Bombe: das Radio meldet, Kastonien habe Bulgarien den Krieg erklärt.

Das Ferienheim liegt ziemlich abgeschieden in einem geräumigen ehemaligen Gebirgsbauernhaus. Ein Quellbach sowie Strom, Telefon, Piano sind vorhanden. Die VermieterInnen, ein Ehepaar, wohnen etliche Kilometer weiter talwärts in der Kleinstadt Pusnik, wo sie ein kleines Hotel betreiben. Die Gruppe, ihre Instrumente und Vorräte eingeschlossen, reiste im Hotelbus an. Zur Gruppe gehören auch die Musiklehrerin A. und der gelernte Koch P., beide mit Z. gut befreundet. P. war im Spanienkrieg, kann also auch schießen, nicht nur kochen. Inzwischen versucht sich der kluge, rebellische, anar-chistisch gestimmte Kopf unter anderem als Essayist und Liedtexter. Sein Busenfreund Z. ist etwas schwärmerischer veranlagt, jedoch ein unbedingt rechtschaffener Mann, sehr beliebt. Alle drei Erwachsenen sind um 40.

Die meisten FerienheimlerInnen halten den (mehr oder weniger unerwarteten) Krieg für den groben Unfug des Jahrzehnts. Gewiß kommen auch Ängste auf, aber die knapp 30 Gäste lassen sich vorläufig in ihren Plänen und Freuden nicht irre machen. Mit Beschuß haben sie zunächst nicht zu rechnen. Allerdings beobachten sie verstärkten militärischen Luftverkehr und vernehmen fernes Flakabwehrfeuer. Und in der zweiten Woche gibt es in der Nähe eine größere Explosion. Wie sie durch Telefonanruf der Hotelierstochter erfahren, stürzte ein eigener, also kastonischer Bomber unfallweise genau auf Pusnik und dabei auch auf das elterliche Hotel. Ob sie vorübergehend in dem Ferienheim unterschlüpfen dürfe, erkundigt sich die ausgebombte und nun verwaiste, ungefähr 25 Jahre alte Tochter. Sie darf. Sie trifft mit einem Pferdefuhrwerk ein.

Spätestens in den Tagen nach diesem Unglück lassen auch einige MusikschülerInnen-Eltern von sich hören. Die einen sind sehr besorgt; die anderen glauben, in dem Ferienheim seien ihre Sprößlinge vielleicht noch eher aus der Gefechtslinie als in der Großstadt. Dann gibt es aber auch einen braun gestimmten Vater, dessen Sohn gerade seinen 18. Geburtstag gefeiert hat. Der Alte will ihn unbedingt in den vaterländischen Krieg werfen und befiehlt ihn für sofort nach Hause. Natürlich denkt der Sohn gar nicht daran. Da wirft sich der Alte in sein Auto und rückt höchstpersönlich an.

Hier sehe ich die Mauserung des rustikalen Musen- und Liebestempels zu einem Widerstandsnest, ja gar zu einer anarchistischen Landkommune. Der Koch und Texter hat Beziehungen zu Partisanen, und die Hotelierstochter (der ja nun das Bergbauernhaus gehört) ist auch nicht ohne. Zumindest kann sie Lebensmittel, Saatkartoffeln und Werkzeuge besorgen.

Ich glaube fast, der anrückende faschistische Vater wird erschossen, und zwar nicht ohne Billigung seines Sohnes. Die Gruppe wird noch andere Lasten zu tragen haben. Der Krieg dauert an, und die jungen MusikerInnen und ihre „ErzieherInnen“ hüten sich, ihren Stützpunkt aufzugeben. Es drängt sie keineswegs mit Macht „nach Hause“. Früher oder später rücken selbstverständlich auch kastonische „Sicherheitskräfte“ an, mindestens ein paar Kriminale.

Wie sich versteht, haben die FerienheimlerInnen auch alle Hände voll zu tun, die Hungergefahr zu bannen oder eine heimtückische Stromsperre zu verkraften. Kommen ihre Liebesdramen, Ängste, Blauäugigkeiten hinzu. Anderer-seits weckt die Ausnahmesituation ungeahnte schöpfe-rische, charakterliche, ja selbst körperliche Kräfte. Die Musik ist stets im Spiel. Über das Ende vom Lied darf man mich gegenwärtig nicht befragen. Ich habe keine Ahnung.

Dafür schwebt mir ziemlich unanfechtbar die Form der Sache vor. Es wird eine Art Filmerzählung mit einiger Komik und viel Poesie. Nur das Allernötigste wird erklärt – der große Rest ereignet sich. Diese Ereignisse leben von etlichen Hauptpersonen, die sehr sorgfältig gezeichnet sein müssen. Das bedeutet, im Gegensatz zum Publikum muß der Autor die Hauptpersonen – überwiegend Halbwüch-sige – bestens kennen. Ich betone schon einmal, sie sind keineswegs nur schön, heldenhaft, fröhlich und so weiter. Sie müssen ergreifen.

Soweit die Skizze. Selbstverständlich ist auch ein Schauplatz denkbar, der historisch verbürgter anmutet, etwa der Schwarzwald. Der glorreiche „Blitzkrieg“ der deutschen Wehrmacht (Panzer, Luftwaffe) gegen Benelux und Frankreich fand vom 10. Mai bis 25. Juni 1940 statt. LeserInnen, denen jedoch das ganze Konzept zu sehr nach Wildwest-Romantik riecht, mögen sich mit ein paar Ergänzungen aus jüngerer Zeit trösten, die mir gerade so einfallen. Jerry Litton (1937–76) war ein Viehzüchter und Politiker aus Chillicothe, Missouri, USA. Er starb mit 39. Er hatte zuletzt eine Wahl zum US-Senat gewonnen, konnte seinen Sitz aber nicht mehr einnehmen, weil er auf dem Weg zur Feier seines Wahlsieges – die Party sollte in Kansas City, Missouri, steigen – aufgrund eines Maschinenschadens schon unweit seiner Ranch mit einem Kleinflugzeug in ein Sojabohnenfeld stürzte. Die Beechcraft Baron explodierte und brannte aus. Alle sechs Insassen kamen um: neben Litton dessen Gemahlin, seine zwei Kinder (um 13), der Pilot und ein Sohn von diesem. Vielleicht hätte sich Litton gut als mein wutschnaubender Vater gemacht. Darauf, ob er das Freizeitheim im Flugzeug oder im Auto ansteuert, kommt es ja sowieso nicht an.

Wer sich das Kino, im Gegensatz zu mir, grundsätzlich noch gestattet, sollte sich einmal John Sturges‘ Italowestern Wilde Pferde von 1973 aus dem Internet fischen. Das ist ein bemerkenswert ruhiger, schlichter Film, der seinem Publikum Effekthascherei und Happyend erspart. Eigenbrötler Chino Valdez, ein Halbblut und Züchter von Mustangs, weicht der Niedertracht und der Übermacht seiner „zivilisierten“ Feinde. Die Frau, die er heiraten wollte, schlägt er sich aus dem Kopf. Er läßt seine Herde laufen, brennt seine Ranch nieder und verschwindet. Sogar den Jungen gibt der von Charles Bronson gespielte „misfit“ frei. Der blonde Jamie, um 15, war ihm zugelaufen. Vincent van Patten, geboren 1957, bewältigte diese Kinderrolle ausgezeichnet. Wie sich versteht, hätte er sich ebenfalls gut unter meinen kämpferischen Nachwuchsmusikern gemacht. Aber nein, er zog es vor, Filmstar, Tennisas und Pokerspieler zu werden, wie im Internet zu erfahren ist.

Pünktlich zum Redaktionsschluß dieser letzten MS-Ausgabe legen die Yankees ihre jüngste starke Wild-West-Nummer auf der Weltbühne vor: am 3. Januar 2020 feuern sie auf eine den Bagdader Flughafen verlassende Fahrzeugkolonne des iranischen Generals Qasem Soleimani, der zu Gesprächen mit der irakischen Regie-rung erwartet wird, mit Hilfe einer Drohne tödliche Rakten ab. Neben Soleimani sterben mindestens sechs weitere Personen. Diese heimtückische illegale Hinrichtung auf dem Boden eines (angeblich) souveränen fremden Staates sei von Präsident Trump persönlich angeordnet worden, verlautet dazu offenherzig aus Washington. Schließlich sei Soleimani ein Oberschurke gewesen, während Trump dem Rüstungsschmiedenhort des Guten vorsteht. Gewiß, im Grunde ist das nicht neu. Hitler und Stalin etwa machten sich 1939 auch schon, von zwei Seiten aus, über Polen her, weil sie beide das edelste Streben der Menschheit verkörperten. Aber Hitler mußte seinen Überfall auf den Sender Gleiwitz noch mühsam tarnen. Dasselbe galt dann lange Zeit für die Mordtaten der CIA. Jetzt jedoch „steht man“ zur eigenen brutalen Willkür und Selbstherrlichkeit. Ja, mehr noch, man brüstet sich bereits mit ihr. Und wie ich verschiedenen Internetquellen entnehme, brüsten sich die deutschen Mainstream-Medien schwanzwedelnd mit. Da scheint ja ein gemütliches Jahrzehnt auf mich zuzukommen.

Wer Zuversicht braucht, halte sich an Thierry Meyssans unorthodoxe Kurzstudie „Hinter den Kulissen der Beziehungen zwischen den USA und dem Iran“, die am 14. Januar auf VoltaireNet erschien. Der meist in Damaskus tätige Franzose glaubt an eine klammheimliche Annäherung der beiden Erzfeinde. Wir werden im Lauf des Jahres sehen, ob er richtig lag.



Pflaster

Nachdem ich zu meiner Verblüffung in zwei verschiedenen Romanen beiläufig erfahren habe, sowohl im Chicago der 1890er Jahre wie in Petrograd um 1917 seien viele Straßen holzgepflastert gewesen, will ich Genaueres wissen und bemühe das Internet. Danach wurden bei diesem Pflaster Würfel aus Weichholz in der Richtung ihrer Fasern in den Sand gebettet. Auf die Oberflächen mit den Jahresringen wurde dann noch einmal Sand gestreut, den die Schuhe und Hufe alsbald ins Holz eintraten. Das habe sowohl die Haltbarkeit der Würfel erhöht wie die Rutschgefahr für Mensch und Tier vermindert, heißt es. Dadurch soll das Pflaster immerhin sieben Jahre gehalten haben. Für Steinpflaster nimmt man eher 100 Jahre an, bei guten Unterbauten auch 1.000, wie etwa die römische Via Appia beweist. Warum man im Mittleren Westen der Staaten zu Holzwürfeln griff, kann ich nur mutmaßen: Holz war häufiger und leichter als Stein, deshalb auch billiger, lebte man doch bereits im Kapitalismus. Auch mit Ästhetik und Tourismus ließ sich damals noch kein Geld verdienen. Denn dieses mit Sand und Kot zugesetzte Holzpflaster kann ja weißgott keine Augenweide gewesen sein.

Bei den gepflasterten Fernstraßen des Römischen Reiches trug ein mehrschichtiger Unterbau ungefähr 25 Zentimeter dicke Steinplatten aus Lava oder Basalt. Die Straßen-dämme waren nicht selten zwei Meter hoch, was den zweifelhaften Vorteil hatte, sie auch als Stellung bei feindlichen Angriffen benutzen zu können. Selbstverständ-lich waren sie in erster Linie Heerstraßen. Entsprechend verliefen sie oft auf halber Höhe des jeweiligen Geländes. Auf der Talsohle hätte der Troß nichts gesehen, auf dem Kamm hätte man ihn gesehen. Neben hohen Meilen-steinen – auf denen sich nur zu gerne Baugeldstifter namentlich verewigen ließen – waren die Straßen mit Aufsitzsteinen gespickt, kamen doch die Steigbügel in Europa erst um 700 n.Chr. auf. Erbauer der Straßen waren neben Häftlingen und Sklaven oft Soldaten, denn so viele Kriege, um die vielen Legionäre ständig in Atem zu halten, konnten selbst die Cäsaren nicht führen. BenutzerInnen waren gelegentlich auch nichtuniformierte Fußgänger, für die es, ihren Bandscheiben zuliebe, beiderseits des Straßendamms eingefaßte Trampelpfade gab. Die marschierenden Legionäre trampelten nicht, wie sich versteht – sie erfanden auf dem holprigen Straßenpflaster den Vorläufer des preußischen Stechschritts, wenn ich meinen Quellen trauen kann. Zweck der Übung war, nicht über die kleinen Stufen im Pflaster zu stolpern und damit schon kampfunfähig zu sein, bevor der Feind zum Angriff bläst – ob vom Kamm oder der Talsohle aus.

Bekanntlich kehrt der „Trend“ in jüngerer Zeit wieder zum Pflaster zurück, auf daß die Bio-Welle einen gefälligen Unterbau gewinne. Meine Haltung dazu ist gespalten. Unter ästhetischem Blickwinkel begrüße ich den Trend, weil jeder, der Normierung und Globalisierung haßt, auch Asphalt hassen muß. Ich streiche hier nur das Spiel von Licht, Schatten und Farben hervor, durch das uns ein Kopfsteinpflaster aus Granit oder Basalt, je nach Wetter und Tageszeit, erfreuen kann, ohne auch nur ein Watt Strom zu verbrauchen. Dafür fressen die Geräte und Maschinen, die beim Asphaltieren eingesetzt werden, wenn nicht Strom dann Unmengen an Benzin und Öl, und auch die Geräte und Maschinen selber fallen nicht vom Himmel. Als Freund der Gesundheit, des Fahrradfahrens und der Greise dagegen kann ich ein solches Pflaster nur knochenbrecherisch nennen. Ist der Greis bereits ertaubt, hat er Glück, weil ihn zumindest die akustischen Nachteile eines Straßenpflasters nicht mehr zum Amokläufer werden lassen können. Das Natur-Pflaster verstärkt Geräusche von Fahrzeugen aller Art ungemein. Für Schopenhauer in Frankfurt am Main kam es einer Folter gleich, wie seine vielen Flüche über Hufschlag und rasselnde Pferdefuhr-werke zeigen. Hier schaffen auch Gummireifen, ob an Fuhrwerken oder Autos, keine nennenswerte Abhilfe. Für altmodische Freie Republiken, die aufs Pferd setzen, stellt der Straßenbau eine harte Nuß dar, wie ich kürzlich in Zeit der Luchse angedeutet habe. Es ist leider unmöglich, die Fahrwege unbefestigt zu lassen, solange es in der betreffenden Republik einigermaßen regelmäßig regnet. Also heißt es für ganze Kolonnen von Republikanern für jede 100 Meter einer neuen Landstraße 1.000 Bücklinge machen.

Ich höre die Mahnung, wer sich mit Pflaster befasse, dürfe dessen hohen „Gefühlswert“ nicht vernachlässigen. Es wirke auf viele Menschen viel „anheimelnder“ als Beton oder Asphalt. Ich nehme einmal an, die MahnerInnen schließen unter „Pflaster“ nicht das inzwischen sattsam bekannte genormte, künstliche Doppel-T-Verbundpflaster aus Beton ein, auch „Knochensteine“ genannt, wohl allen Hundehaltern zuliebe, die es zurecht bescheißen lassen. Hier griffe jene Anheimelung, die unser Vorstellungsbild sofort mit anderen, eben aus der Heimat vertrauten Merkmalen zu bepflastern weiß, ersichtlich ins Leere beziehungsweise Fugenlose. So aber trottet das dickbäuchige Kaltblutpferd in seiner Deichsel, hockt der Knirps in Lederhose gegrätscht über einer Pfütze, schimmert das Laternenlicht zugleich auf dem Kopfstein-pflaster und auf dem goldenen Haar unserer Tanzstunden-dame, die wir nach Hause begleiten durften. Ich vermute stark, wegen dieser verbundhaften Bepflasterung im Geiste ist die Faustregel je älter, desto schöner so beliebt. Sie führt uns schnurgerade in das krumme Fachwerkhaus zurück, in dem wir geboren, gewiegt und in die erwähnte Lederhose gesteckt wurden, auf daß uns nichts ankratze. Hätte ich Enkel, fänden sie in ungefähr 40 Jahren wahrscheinlich die dann längst veralteten Handys, Quads und freistehenden, lärmenden Luftwärmepumpen anheimelnd.

Auf meiner Platte Nie wieder Lieder III kommt sogar ein Pflasterer vor: in einer seitenstrasse (mp3, 961 KB) .



Carl Theodor Göring und Jessie Gilbert im Schachmatt

Mein Landsmann Carl Theodor Göring (1841–79) wurde in Brüheim an der Nesse geboren – und damit in nächster Nachbarschaft zu meiner neulich vorgestellten Republik Konräteslust. Allerdings wuchs er dann südlich von Eisenach im Thüringer Wald auf, nämlich auf dem Gut Epichnellen, das seine Eltern um 1845 erworben hatten. Die Eltern galten als vermögend. Der einzige Sprößling studierte Geisteswissenschaften und war zeitweise Gymnasiallehrer, bis er sich als Privatgelehrter in Leipzig niederließ. In Rudolf Eislers Philosophen-Lexikon, Berlin 1912, wird Göring als Vertreter des „kritischen Empirismus“ und „Positivismus“ ausgegeben. Die wenigen Zeilen des Eintrags legen selbst Uneingeweihten, sofern sie nur Skeptiker sind, bereits zur Genüge die Ahnung nahe, bei solcher durchaus zeitgemäßen und salonfähigen philosophischen Forschung, wie sie also auch Göring betrieb, handle es sich um ein ziemlich müßiges, abwegiges, fruchtloses Sandkastenspiel. Aber dieses Mal war es eben ein akademisches. Unter Görings Werken oder Vorhaben werden auch ein System der Kritischen Philosophie genannt, von dem bei seinem Tode immerhin zwei Bände vorgelegen haben sollen, erschienen Leipzig 1874/75, sowie die Schrift Über die menschliche Freiheit und Zurechnungsfähigkeit, 1876. Offenbar gab es damals noch zu wenig philosophische Systeme. Überdies soll Göring auch regelmäßiger Mitarbeiter oder gar Redakteur verschiedener philosophischer oder literarischer Zeitschriften gewesen sein.

In einem recht ausführlichem und wohl auch ziemlich sachkundigem Nachruf, der im Juni-Heft 1879 der Deutschen Schachzeitung zu lesen war, wird behauptet, der soeben „aus dem Leben Geschiedene“ habe bereits als Anwärter auf einen „ordentlichen“ Lehrstuhl gegolten. Einstweilen hatte er als „außerordentlicher“ Professor an der Leipziger Universität gewirkt. Daneben galt er jedoch als „genialer“ und unter Kameraden „ungemein beliebter“ Schachmeister und Förderer dieses Spiels. Ein Gruppenfoto von einem 1877 in Leipzig stattfindenden Schachkongreß zeigt den hünenhaften und vollbärtigen, dafür stirnglatzigen Professor etwas steif in vorderster Reihe sitzend. Der Nachruf hebt seine „herkulische Stärke“, seine in Gesellschaft „gemessen-heitere“ Art des Auftretens und seine „vielen“ Freunde sowohl in Leipzig wie in Eisenach hervor. Zwei Jahre nach diesem Kongreß soll sich Göring nahe Eisenach, der Stadt seiner Schulzeit, im „Reservoir“ der Knöpfelsteiche umgebracht, also vermutlich ertränkt haben – knapp 38 Jahre jung. Hatten ihn Schaffensfreude und Kampfgeist jäh verlassen?

Göring dürfte bereits als Schüler „Primus“ gewesen sein. Der Nachruf führt sein Reifezeugnis vom Eisenacher Carl-Friedrich-Gymnasium an – man traut seinen Augen kaum. Es verzeichnet 11 Noten. 10 davon sind Einsen. Lediglich in Mathematik reichte es, merkwürdigerweise, nur zu einer Zwei. Der Text spricht aber auch von Krankheit und Überarbeitung. 1872 sei der kraftstrotzende Gutsbesitzersohn an Gelenkrheumatismus erkrankt, und trotz mancher Kuren und Linderungen habe ihn dieses qualvolle Gebrechen nicht mehr verlassen. Immer mal wieder habe sich „Schwermuth“ dazu gesellt. Im letzten Winter seines Lebens habe Göring gleichwohl hartnäckig „wissenschaftlich“ gearbeitet – vermutlich an seinem unvollendeten System. Kam er etwa mit der Fortsetzung nicht zurecht? Der anonyme Nachrufer, falls es ein Mann war, verrät es uns nicht. Mit dem Ende des Winter-semesters verlegte Göring seinen Arbeitsplatz ins Haus seiner betagten Eltern, die inzwischen in Eisenach wohnten. Plötzlich, Anfang April, hätten sich „höchst bedenkliche“ Symptome einer Geistesstörung bei dem Sohn eingestellt, Stichwort „Verfolgungswahn“. Von einem Spaziergang kam er nicht mehr zurück. Holzfäller fanden Görings Leiche am 3. April in dem erwähnten Wasserbecken.

Von einer amtlichen Untersuchung des Todesfalls ist nirgends die Rede. Dessen ungeachtet scheinen alle (spärlichen) Quellen „todsicher“ einen Selbstmord anzunehmen. Allerdings wird diese Bezeichnung genauso vermieden wie das Wort „ertränken“. Man sollte ja sowieso vermuten, ein athletisch gebauter Gutsbesitzerssohn sei des Schwimmens mächtig, zumal er am Ufer des Flüßchens Elte aufwuchs (wohl daher der reizvolle Guts- und Ortsname Epichnellen, heute Ortsteil von Förtha). Somit dürfte das Sichertränken nicht gerade kinderleicht zu bewerkstelligen gewesen sein. Man könnte jedoch argumentieren, der Schub des Wahns war eben riesig. Der unbekannte Nachrufer gibt die auf den 3. April datierte Todesmeldung aus der Eisenacher Zeitung wieder. Danach hatte sich Görings der Wahn bemächtigt, er werde verfolgt, man stelle ihm nach und trachte ihn zu vernichten. Warum und von wem solches Trachten, verrät das Blatt nicht. Es sind ja durchaus Feinde oder Mißgünstige denkbar, etwa aus literarischen oder sportlichen Kreisen. Dagegen scheiden die üblichen finanziellen Motive, beispielsweise Schuldentilgung, im Falle Görings wohl eher aus.

Hier bietet sich, eingeschoben, zur Tröstung ein verallgemeinernder Merkabsatz aus Mathias Bröckers Vortrag Schach und Paranoia von 2006 an: „Tiefe Skepsis und ständiges Mißtrauen gegenüber dem Offensichtlichen, große Vorsicht vor falschen Spuren und verborgenen Fallen, sowie die Kenntniss möglichst aller Fakten – diese Grundzüge des Schachs entsprechend exakt denen der Paranoia, des Verschwörungsdenkens. Deshalb kann es eigentlich nicht wundern, dass besonders geniale Schachspieler auch einen besonderen Hang zur Paranoia haben – auf dem Brett überleben nur die Paranoiden, wer im Schach nicht paranoid ist, spinnt. Erst wenn diese von Spitzenspielern in Perfektion praktizierte Paranoia vom Brett ins wirkliche Leben überschwappt, wenn sie nicht mehr nur der Stellung der Holzfiguren mit permanentem Mißtrauen begegnen, sondern auch ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt, wird es problematisch.“

Dafür streut der Nachrufer aus der Schachzeitung ein Detail ein, das mich, vielleicht zu unrecht, hellhörig macht. Vor seinem abendlichen „Spaziergang“ in den Tod habe Göring bereits am Nachmittag (des 2. April) einen Spaziergang gehabt, nämlich in Begleitung eines „ihm nahe befreundeten Arztes“, mit dem er sich sogar auf 18 Uhr „wie gewöhnlich“ zu einem „Rendez-vous verabredet“ habe. Nur habe Göring dann die elterliche Wohnung schon um halb fünf verlassen, um eben allein in den Wald zu gehen. Ob man dieser Wortverwendung den Beigeschmack eines amourösen Stelldicheins geben darf, kann ich schlecht beurteilen. Es würde mich aber nicht verblüffen. Nirgends ist von Görings Familienstand oder gar von seinem Liebesleben die Rede. Er erscheint als klassischer oder eingefleischter, zu allem Überfluß auch noch Philosophiebücher und Schacheröffnungen ausbrütender Junggeselle. Kurz, ich wäre nicht überrascht, wenn Göring homosexuell gestimmt, dabei einigermaßen enttäuscht und gebeutelt gewesen wäre. Das ist natürlich reine Spekulation. Nichts für biedere Publikationen des Jahres 1879, zumal ja Görings Eltern noch lebten.

Man glaube nicht, im Falle des „chess girls“ Jessie Gilbert (1987–2006) seien wir klüger, weil wir inzwischen auf Sensationsjournalismus und Internet bauen könnten. Immerhin darf man aber wohl annehmen, Jessie drückten nicht nur die großen Hoffnungen, die auf ihr ruhten. Mit 12 Jahren hatte das britische Mädchen als jüngste Spielerin aller Zeiten die Schach-Amateurweltmeister-schaft der Frauen gewonnen. Darauf Sportminister Tony Banks: „We are extremely proud of what Jessie Gilbert has achieved for chess and for this country.“ Das war 1999 gewesen. Jessie errang weitere Titel und ein Stipendium, um in den USA mit Großmeister Edmar Mednis zu trainieren. Nebenbei erwarb sie sich das Anrecht, ab September 2005 Medizin in Oxford zu studieren. Im Dezember 2005 schlug sie in ihrem Heimatclub Coulsdon den englischen Großmeister Danny Gormally. Im Februar 2006 gewann die inzwischen 19jährige die Korean International in Südkorea. Alexander Baron bescheinigt der stämmigen, sommersprossigen und „unscheinbaren“ jungen Frau, die stets in Jeans auftrat, sie sei zwar hochintelligent gewesen, aber auch schüchtern – ihr Selbstbewußtsein habe „die Stärke einer Briefmarke“ besessen. Damit eilte sie also von Erfolg zu Erfolg. Nachdem sie im Mai desselben Jahres an der Schach-olympiade in Turin teilgenommen hatte, wo die Frauen und Männer aus Großbritannien keinen Medaillenrang belegen konnten, fuhr sie in die ostböhmische Stadt Pardubice, um an den alljährlich ausgetragenen Czech Open teilzunehmen. Das Ende dieses angesehenen Turniers erlebte sie nicht mehr. Sie fiel in der Nacht vom 26. auf den 27. Juli 2006 unter bis heute ungeklärten Umständen aus dem Fenster ihres im achten Stockwerk gelegenen Hotelzimmers, wobei sie zu Tode kam.

Jessie hatte sich das Zimmer mit ihrer besten Freundin A. geteilt, einer erst 14jährigen Nachwuchsspielerin. Das Fenster war wegen der Sommerhitze (oder aus kühler Berechnung) offen geblieben. Angeblich nahm die Freundin von dem tödlichen Vorgang nichts wahr, weil sie unterdessen mit Übelkeit im Bad verschwinden mußte. Die beiden hatten einiges getrunken. Die Quellen schweigen darüber, ob Dritte Zugang zum Zimmer hatten und ob sie, wenn ja, ein Mordmotiv gehabt hätten. Was das Opfer betraf, brachte man auch Jessis Neigung zum Schlaf-wandeln ins Spiel. Zudem stellte sich heraus, daß sie Medikamente gegen Depressionen nahm und bereits mindestens einen Selbstmordversuch mit Tabletten hinter sich hatte. Sie war damals, 2004, aufgrund einer Überdosis Paracetamol im East Surrey Hospital aufgewacht. A. sagte aus, Jessie habe sich in jüngster Zeit wiederholt Schnittwunden beigebracht, ohne darüber mit ihrer Mutter zu sprechen. Solche Wunden wurden auch gefunden. Allerdings sind für Jessies Tage in Pardubice keine mündlichen oder schriftlichen Äußerungen bekannt, die eine selbstmörderische Absicht bekundet hätten. Englische Gerichte führten eine Untersuchung durch. Im September 2007 erklärten sie den Fall zum open verdict, was bedeudet, aufgrund von Ungereimtheiten läßt sich der betreffende Tod vorläufig nicht zweifelsfrei der einen oder anderen üblichen Todesursache zuordnen.

Die Mutter der toten Schachhoffnung glaubt an Selbstmord.* Jessies Eltern Angela and Ian Gilbert, sie Wissenschaftlerin, er Bankmanager, hatten sich 2003 getrennt. Jessie lebte mit ihren drei Schwestern bei ihrer Mutter in Reigate, Südostengland, der Vater in London. Wenige Tage nach dem mysteriösen Tod seiner Tochter stellte sich Ian Gilbert als Angeklagter in einem Verfahren um sexuelle Gewalt heraus. Es soll um wiederholte Vergewaltigungen und unzüchtige Handlungen, auf mehrere Opfer verteilt, gegangen sein. Laut englischer Wikipedia sprach die Polizei sogar von einem Todesopfer. Was Wunder, wenn die Presse daraufhin bald argwöhnte, auch Gilberts Tochter könne zu diesen Leidtragenden zählen. Die Verhandlungen gegen Ian Gilbert begannen erst Ende August des Jahres 2006. Seine Tochter konnte also nicht mehr aussagen, weil sie schon einen Monat vorher gestorben war.

Allerdings legte der Staatsanwalt im November ein Tonband-Vernehmungs-Protokoll der Polizei vor, wonach Jessie ihren Vater schon vor längerer Zeit bezichtigt hatte, sie erstmals als Achtjährige und dann über Jahre hinweg nachts belästigt und geängstigt zu haben. Er sei auch ins Bad gekommen, wenn sie duschte, und einmal, im Januar 2003, habe er sie, aus nichtigem Anlaß zornig geworden, mit einem Kabel zu erdrosseln versucht. Sie hatte gemault, weil ihr Vater leihweise ihren Laptop benutzen wollte. Bei diesem Vorfall war sogar Polizei ins Haus gekommen, ohne daß er gerichtliche Folgen nach sich gezogen hätte. Er löste nur die Scheidung der Eltern aus.

Im Dezember 2006 wurde der 48jährige Gilbert, dem seine neue Ehefrau Sally beistand, die zufällig Rechtsan-wältin ist, von allen Vorwürfen freigesprochen. Was seine Tochter betrifft, hatte er während der Verhandlung vermutet, sie habe sich mit ihren Aussagen an ihm rächen wollen, etwa wegen der Trennung von ihrer Mutter oder wegen jenes Übergriffes mit dem Kabel. Was die Mutter betrifft, berichtete die Presse zwei Tage nach der Urteilsverkündigung, die 53jährige sei vorübergehend von der Polizei verhaftet worden, weil sie angedroht habe, ihren Ex-Gatten zu töten. Der Staatsanwalt werde diese Sache aber auf sich beruhen lassen. Als Polizeipsychologe von Scotland Yard hätte ich die Gelegenheit genutzt, mich einmal bei der Wissenschaftlerin zu erkundigen, ob sie es für denkbar halte, gleichfalls einen Anteil am folgen-schweren Werdegang ihrer hochbegabten Tochter zu haben. Entrüstung! Dienstaufsichtsbeschwerde!

Obwohl er Ian Gilbert ausdrücklich für einen „schlechten Vater“ und einen nicht minder schlechten Ehemann hält, ist auch der Schachspieler Alexander Baron davon überzeugt, Gilbert habe seine Tochter weder mißbraucht noch sie getötet. Landsmann Baron, Jahrgang 1956, war einige Male gegen Jessie angetreten, wobei er offenbar auch Niederlagen einstecken mußte, obwohl er erheblich älter und erfahrener als seine Gegnerin war. Inzwischen hat er eine Bibliographie über Jessies Partien verfaßt und betreibt zudem die Webseite The Jessie Gilbert Virtual Archive zu ihrem Gedenken. Für Baron besteht kein Zweifel daran, daß sich Jessie geplant und eigenhändig aus jenem Fenster warf – die große Frage sei nur, wer oder was sie „geschoben“ habe, wie er 2011 im Internet schreibt.** Barons Antwort lautet: es waren Geister, Alpe, Dämonen. Man erinnere sich an Jessies Neigung zum Schlafwandeln – früher auch mit der Wendung umschrieben, jemand sei „vom Nachtschreck“ besessen. Jessies Sehnsüchte und Ängste sowie ihren Medikamentenmißbrauch hinzu-genommen, könnte man natürlich auch kurzerhand von Wahnvorstellungen sprechen, wogegen Bröckers vermut-lich nichts hätte. Für Baron hat sich jener gewalttätige, nie geahndete Übergriff ihres Vaters (Versuch des Erdros-selns) auf eine Weise mit Alpträumen und Halluzinationen verbunden, die sie tatsächlich davon überzeugt sein ließen, er habe sich an ihr vergangen. Insofern hätte sie die vernehmenden Polizeibeamten keineswegs belogen.

Diese Vermutungen erklären freilich weder, warum sie nur den Ausweg des Selbstmordes sah, noch warum sie diesen – falls es einer war – ausgerechnet kurz vor Ende des hochrangigen Schachturniers in Pardubice beging (12.–29. Juli 2006). Mit vier Unentschieden und einem Sieg hatte sie sich bis dahin (26. Juli) in dem stark besetzten Turnier durchaus beachtlich gehalten. Ihre Mutter sagte dem Evening Standard 2007, durch das Match, das Jessie am Nachmittag vor der Unglücksnacht spielte, habe sie ihre Ranglistenposition im Women's International Master erneut verbessern können. Gleichwohl kann sie an „Versagensangst“ gelitten haben. Aber auch von diesem, eigentlich naheliegenden Gesichtspunkt ist in den Quellen nie die Rede.

Der Daily Mail zufolge neigte die tschechische Polizei zu der Annahme, die 19jährige habe Angst vor dem bevorstehenden Prozeß gegen ihren Vater gehabt. Das wäre auch kaum verwunderlich gewesen – zumal dasselbe Blatt nur zwei Tage nach dem Unglück fast die Hälfte seiner Titelseite mit einem Foto, das Jessie über Schachfiguren lächelnd zeigt, und der Balkenüberschrift ausfüllt Chess Girl‘s Father Is Accused Of Raping Her.*** War sie so scheu, wie Baron sie hinstellt, muß das Ganze ja eine Marter für die junge Frau gewesen sein. Möglicher-weise bereute sie ihre Anschuldigungen inzwischen auch wieder. Vielleicht schämte sie sich vor ihren Schwestern oder Freundinnen. Vielleicht fürchtete sie auch, ihr eigenes Liebesleben, falls es denn vorhanden war, könne zur Sprache kommen. In allen Quellen fällt zu diesen Gesichtspunkten nicht ein Wort. Man fragt auch nie, warum sie sich, mit acht Jahren, ausgerechnet für das so scharfsinnige wie unsinnliche Schachspiel erwärmt habe. Gutskind Göring hätte es vielleicht erklären können. Hätte sich Jessie erst mit 18 aufs Schachspielen geworfen, läge die Angelegenheit womöglich einfacher: „Da bildet sich eine mal wieder ein, sie könne ein Trümmerfeld in ein Schachbrett verwandeln ...“

* Evening Standard, 28. September 2007
** „Op-Ed: Who killed Jessie Gilbert?“, Digital Journal 14. Dezember 2011
*** („Vater des Schachgirls beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben“), Printausgabe 28. Juli 2006, auch online erschienen




Grammatischer Gram

---Daß
Dieses Ärgernis – hemmungslose Verwendung der Konjunktion daß – habe ich zugegeben schon wiederholt gebrandmarkt, dabei am gründlichsten in einem Abschnitt meiner Betrachtung Klavierhandschuhe, Band 17. Der kürzlich von mir behandelte Schriftsteller O‘Casey verleitet mich jedoch zu Nachträgen, die auch Kollegen von ihm erfassen werden. Im fünften Band seiner Autobiografie stellt der Ire fest: „Und dabei sollte man eigentlich annehmen, daß jedes wesentliche Gebäude in London auf diese oder jene Weise in jedes Ohr flüstern müßte, daß dies hier England ist.“ (S. 27) Der Schlußschlenker dies hier sei England fällt ihm nicht ein. Leidenschaftliche Vermeider wie ich hätten womöglich, nach dem gleichen Muster, auch noch das erste daß getilgt.

Ich muß aber sagen, die indirekte Rede ist O‘Casey keineswegs fremd, denn er wendet sie hin und wieder an, so zum Beispiel im sechsten Band auf Seite 259: „Sean erinnerte sich, wie er einmal einem Priester erzählt hatte, ein gemeinsamer Bekannter habe sich dem geistlichen Stande zugewendet ...“ Nur ist auch diese wohltuende Stelle von Doppel-daß-Sätzen eingeschnürt. Der erste davon lautet: „Die einzige stichhaltige Begründung dafür, daß die lateinische Dichtung wirklich all das ist, was man ihr nachsagt, scheint die Behauptung zu sein, daß eine Übersetzung niemals die Schönheit, die Klarheit oder die Würde des Originals erreichen kann.“ (257) Der zweite lautet: „Lateinische Gelehrsamkeit verdrehte jahrelang den Hals der Kunst, so daß sie nicht einmal flüstern konnte, daß es in der Welt auch noch etwas anderes gäbe.“ (259) Der nächste Doppel-daß-Satz folgt auf S. 300.

Bald darauf griff ich zu einem Sammelband mit „Musiker-geschichten der Weltliteratur“, Das ungewöhnliche Konzert betitelt, Hrsg. Ruth Stiegel, Ostberlin 1966. Darin ist Thomas Mann mit der Erzählung „Das Wunderkind“ von 1903 vertreten. Auf diesen knapp 12 Seiten (294–305) tritt „daß“ nur viermal auf – nicht eben ein wunderbarer, aber immerhin ein vertretbarer Wert, der noch unter dem Gesamtdurchschnitt aller „Weltliteratur“ liegt. Zwei davon hätte ich gleichwohl vermieden: „… und da sitzt man nun als eisgrauer Kerl und läßt sich von diesem Dreikäsehoch Wunderdinge vormachen. Aber man muß bedenken, daß es von oben kommt. Gott verteilt seine Gaben ...“ (301) Ich hätte also es kommt von oben vorgezogen. Ferner sagt sich ausgerechnet ein die Darbietung verfolgender Kritiker: „Ich werde schreiben, daß das unkünstlerisch ist.“ (303) Dies sei unkünstlerisch ist ihm nicht bombastisch genug.

Immerhin gestattet sich Mann keine daß-Tautologie – im Gegensatz zu einem sowjetrussischen Kollegen etwa, der auf Seite 236 verkündet, „daß es für ihn das beste sei, sich dem kleinbürgerlichen Milieu zu entreißen ...“ Da könnte er, in anderem Zusammenhang, genauso schlecht schreiben, einem geschenkten Gaul, den man kostenlos bekommen habe, schaue man nicht ins Maul. Eine andere Tautologie leistet sich Mann aber trotzdem. Auf Seite 299 ruft er aus: „Wie dieser kleine versierte Wicht den Beifall hinzuziehen versteht!“ Für mich ist ein Wicht immer klein. Aber mein Duden ist anderer Meinung, er läßt die Doppelung gelten.

Ferner könnte man Mann unter Umständen auch noch einen „kleinen nigger-dance“ ankreiden, den er, nach dem Konzert, einen Leutnant auf der Straße aufführen läßt. Zumindest täte man das heute, wo schon „Neger“ ein Wortverbrechen ist. Doch ansonsten muß ich freimütig gestehen, Manns Erzählung ist in stilistischer Hinsicht durchaus überdurchschnittlich gut gelungen. Nur rüttelt das nicht an seinem Tonfall, der mir mißfällt. Mann schaut belustigt zu; Mann schreibt Feuilleton; der Leser oder die Leserin haben nie den Eindruck, das Schicksal des Wunderkindes berühre Mann persönlich. Ja, dieser Mann bringt weder Rebellisches noch sonst etwas Eigenes ein. Seine Literatur kommt eben „von oben“, aus dem unanfechtbaren Großkünstlertum.

Martin Walser übertrifft Mann im daß-Einsatz deutlich. Im besten, lediglich 11 Zeilen langen Absatz seiner Erzählung „Was wären wir ohne Belmonte“ bringt er die Konjunktion (im Sammelband Seite 380/81) sieben Mal.

---Holocaust
In meinen rund 2.300 AZ-Druckseiten wird man dieses häßliche und fehlleitende Schlagwort (ansonsten) vergeblich suchen. Erwin Chargaff, damals schon seit Jahrzehnten in NYC ansässig, nennt es 1983 „dumm“; es sei „dem amerikanischen Fernsehmisthaufen entsprossen. So etwas sollte keinen Namen haben, denn Namen erzeugen Fächer, in die man das zum Vergessen Bestimmte zu den Akten legt.“ (Kritik der Zukunft, Seite 116) Damals bürgerte sich dieses Kunst- und Schlagwort – das die gnadenlose Verfolgung der Juden im Faschismus meint, übrigens unter Ausklammerung anderer Opfergruppen – gerade auch im Deutschen ein. Inzwischen ist jeder, der unter Aufbietung von neun Buchstaben den „Holocaust“ beklagt, automatisch auf der Seite der Guten. Während sich jeder, der zionistische Untaten beklagt, Atomwaffenbesitz eingeschlossen, unweigerlich als „Antisemit“ bloßstellt.

---Mehrfach – mehrmals
Das Mehrfachen ist zum postmodernen Volks- und Pressesport geworden. Erstaunlicherweise nimmt aber schon mein Duden (von 1983) keine deutliche Unterschei-dung zwischen dinglicher/zeitlicher Wiederholung vor. Er kennt sowohl eine mehrfache Ausfertigung wie einen mehrfachen deutschen Meister oder einen mehrfach vorbestraften Einbrecher.

Eine ziemlich erschöpfende (und vernichtende) Kritik der Verwischung des Unterschieds zwischen „mehrfach“ und „mehrmals“ nimmt beispielsweise 2009 Ulrich Werner aus München auf seiner Webseite vor. Allerdings führt er, soweit ich sehe, keine frühen maßgeblichen Quellen an. Er baut auf das Augenscheinliche: mehrfach gehört der Reihe „einfach, zweifach usw.“ an, mehrmals dagegen der Reihe „einmal, zweimal usw.“. Das Mehrmalige hat nie Gleichzeitigkeit. Dagegen kann ein Kniegelenk mehrfach belastet sein, nämlich gleichzeitig durch verschiedene Kräfte, die auf es wirken.

Ob mir einer einen bestimmten Liebesbrief mehrfach (in Kopien) schickt oder ob er ihn mehrmals (an verschiedenen Tagen) auf die Post gibt, damit mich die Botschaft auch wirklich erreicht, ist ja in der Tat ein beträchtlicher Unterschied. Die zweite Maßnahme zeugt sicherlich stärker von Zuneigung. Noch schmerzhafter wird es im Falle eines Beinbruchs. Ich selber möchte behaupten: ein Leichtathlet kann mehrfacher deutscher Meister sein, nämlich in verschiedenen Sparten einer bestimmten deutschen Leichtathletik-Meisterschaft; in der Regel ist jedoch gemeint, er sei bereits, etwa im Hochsprung, mehrmaliger deutscher Meister, errang also den Titel wiederholt in verschiedenen Jahren. Der Unterschied liegt auf der Hand.

Im Artikel der deutschen Wikipedia über das geräumige und durchaus noch nicht verfallene, im Kreis Gotha gelegene Schloß Friedrichswerth ist zu erfahren, es sei seit Mitte der 1990er Jahre ungenutzt und bereits „mehrfach“ (und vergeblich) von der thüringischen Landesregierung zum Verkauf angeboten worden. Das kennt man ja auch von anderen Gaunern: eine bestimmte Ware oder Leistung zwei oder mehr Leuten gleichzeitig anzudrehen und dann unterzutauchen. Aber die thüringische Landesregierung tut uns den Gefallen nicht: sie verschmäht es unterzutauchen. Darauf komme ich gleich in anderer Sache zurück.

Telepolis macht am 9. September 2019 mit der Zeile auf: „Ein millionenfach aufgerufenes Video appelliert daran, ‚den Mund aufzumachen‘“. Den Druck eines bestimmten Buches betreffend, wäre das sicherlich korrekt. Aber nicht dessen Kauf betreffend. Man könnte einwenden, die Millionen hätten das Video eben sämtlich in derselben Minute aufgerufen, was jedoch eher unwahrscheinlich ist. Oder sollte hier ein Grenzfall vorliegen? Sollten grammatische Verwischungen denen in der postmodernen Wirklichkeit entsprechen?

Eine ähnliche Verwischung hält sich seit Jahrzehnten hartnäckig im Falle des gegensätzlichen Paares anscheinend – scheinbar. Darauf habe ich schon früher hingewiesen.

---Wer tut oder erleidet was?
In Walter Scotts Ritterroman Ivenhoe, angeblich ein Werk der Weltliteratur und somit auch folgsam von Ostberlin übersetzt und (1972 schon in 3. Auflage) nachgedruckt, heißt es auf Seite 91: „Außerdem schmückte die schöne Jüdin eine Straußenfeder, die mit einer brillantenbesetzten Agraffe am Turban befestigt war.“

Schmückte die holde Rebecca also eine Straußenfeder, indem sie diese mit Lametta umwand? Oder klammerte sie sich eigenhändig selber an die Straußenfeder, um dieser als Zierde zu dienen? Wohl beides kaum. Deshalb kommt man in solchen Fällen, die einem leider öfter begegnen, als Klarheit liebender Autor nicht umhin, den Passiv zu bemühen, obwohl er zurecht einen schlechten Ruf genießt. Man brächte also zu Papier: „… wurde die schöne Jüdin außerdem von einer Straußenfeder geschmückt ...“

Täusche ich mich nicht, zählt das Schmuckproblem zu den grammatischen Beziehungsfragen. In dieser Hinsicht bieten Scott – oder seine Übersetzerin Christine Hoeppener noch durchaus mehr. Ich habe mir 10 Stellen angekreuzt, beschränke mich aber auf die Vorstellung von dreien, um nicht genau jener entsetzlichen, quälenden Langatmigkeit bezichtigt zu werden, die der schottische Weltliterat an den Tag legt.

Seite 137: „Entsprechend diesem Befehl wurde Gurth eiligst vorwärtsgestoßen, roh über die linke Böschung geschleift und sah sich bald in einem weitläufigen
Gehölz ...“ Hier ist eigentlich Gurth der Erleidende, aber dann, im selben Atemzug, sieht er plötzlich etwas – nur Scott/Hoeppener entging der unzulässige Perspektiv-wechsel. 271: „So wißt denn, Lady, daß dieser Nebenbuhler in meiner Macht ist und daß es nur bei mir steht, das Geheimnis seiner Anwesenheit im Schloß Front-de-Boeufs zu verraten, dessen Eifersucht verhängnisvoller sein wird als meine.“ Sollte De Bracy hier die Eifersucht des Schlosses oder auch die Eifersucht des Geheimnisses im Auge gehabt haben? Vom Doppel-daß will ich großzügig schweigen. Daneben deutet sich hier Scotts Leidenschaft für den Schachtelsatz an. 573: Ein Grüppchen aus mehreren Männern schwafelt, da ertönt Geläut von der Kirche Sankt Michael her. „Die düsteren Klänge drangen in so großen Abständen ans Ohr, daß für jeden genug Zeit blieb, in einem fernen Echo dahinzusterben, ehe ein neuer Ton mit seinem ehernen Klang das Ohr erfüllte.“ Die Gunst dieser ausreichenden Frist zum Dahinsterben kann nicht die Klänge betreffen, weil sie im Plural stehen. Somit wird sie einem jeden Mann aus dem Grüppchen der Schwafelnden gewährt – und zwar zum Aufatmen von Lesern wie mir.

Im Grunde stellt das 600 Seiten starke, um 1820 entstandene Werk im ganzen den größten Fehler dar. Viel weitschweifiger, unkritischer und seichter, auch im Humor, kann man nicht mehr schreiben. Scott überfrachtet seine Schachtelsätze mit Eigenschaftsworten; dafür gibt er die Personen selber, soweit ihnen die Eigenschaften zugeschrieben werden, nur als Sprechtüten. Sie sind autauschbar. Scott läßt vor allem reden; schildert er aber einmal etwas, ob Landschaft oder Schloß, gerät es so blaß, daß (!) man nichts sieht. Jeder moderne Heftchenroman atmet mehr Poesie. Dies alles kann aber nicht an der rund 20 Meter hohen Säule vorm Glasgower Rathaus rütteln, die ein Scott verkörperndes Standbild trägt. Denkmäler für Gedankenlose, damit ist dieser Planet gespickt.

Das Standbild, das Scott zeigt, verweist noch auf eine weitere beliebte Verwischung. Meist wird geschrieben: „Säule, die ein Standbild von Scott zeigt.“ Glücklicherweise hat sich aber der gelernte Advokat nicht auch noch als Bildender Künstler versucht, soweit ich weiß. Das Standbild stammt also nicht von Scott; es zeigt ihn. Im Artikel der deutschen Wikipedia über den Bildhauer Eugen Drippe erfahren wir: „Sein Mitstudent Pagels schuf eine 41 cm hohe Porträtbüste Drippes ...“ Somit war dieser Drippe ein Schlawiner; in Wirklichkeit haute Pagels die angeblichen Werke Drippes aus dem Sandstein. Dieser Fehler begegnet einem auch oft Fotos betreffend.

---Wortbildung
Stellt Schulbuchautor Hans Jürgen Heringer (Grammatik und Stil, Ffm 1989) am Beginn seines Abschnittes über Wortbildung fest, für sie gebe es „besondere Regeln und besondere Zeichen“, erweckt er zumindest beim blutigen Laien die Hoffnung, nun könne man beim Verstehen oder Bilden neuer Wörter nicht mehr fehlgehen. Aber das ist ein Trugschluß. Hering teilt zunächst in die beiden Wortbildungs-Grundarten Zusammensetzung und Ableitung ein – nach welchen eben beispielsweise Wörter wie Wortbildungs-Grundart und Trugschluß, blutig und fehlgehen entstehen. Und dann teilt er diese Grundarten wiederum unter und unter und unter. Nur die unfehlbar wirkenden Rezepte rückt er nicht heraus. Er betont im Gegenteil wiederholt, bei der Wortbildung sei fast alles erlaubt, und wer nicht aufpasse, erfahre die Grammatik leicht als Glatteis. Das stammt freilich von mir. Etwa zu wissen, „eis“ sei das Grundwort, „glatt“ das Bestimmungs-wort, nützt uns in Sachen Bedeutung wenig, und die bekannte Methode der Analogie, oft sehr fruchtbar, führt in jedem zweiten Fall in die Falle. So weist Heringer zurecht daraufhin, ein Hinterhaus sei das Haus hinter einem anderen Haus, wogegen eine Hintertür keineswegs eine Tür hinter einer anderen Tür sei. Beide Häuser, Vorder- wie Hinterhaus, könnten eine Hintertür haben. Das Thermometer steige bei Erwärmung; es sinke aber nicht automatisch, wenn der Thermometer-Besitzer an einer Erkältung leide. Es erkältet sich also nie. Für die interessante Zusammensetzung „Schuhdackel“ führt Heringer allein vier mögliche Deutungen an, die sich erst durch den jeweiligen Text-Zusammenhang klären ließen: Dackel mit Schuhen / Dackel, der einem die Schuhe bringt / Dackel, der für die Schuhwerbung erfunden wurde / jemand, der wie verrückt mit der Schuhmode geht.

Mein nur wenig älterer Duden (1983) kennt keine Schuhdackel. Dagegen kennt das Internet keine Schuhdackel in den von Heringer genannten vier Bedeutungen, wohl aber eine fünfte Bedeutung. Danach gibt es gelegentlich vor Haustüren Schuhkratzer in Gestalt eines mit einer Art Rückenflosse ausgestatten Dackels. Der Schuhkratzer hat es allerdings auch in sich. Ich selber bin kürzlich über die vermeintliche Analogie Hochwildjäger – Sportfischer gestolpert. Wäre es eine, müßte der Fischer darauf erpicht sein, einen schönen Sport an die Angel zu bekommen, keinen Hecht. Der Niedersachse Philipp Heinrich Ast (1848–1921) wird zuweilen abgekürzt als Schäfer und „Kräuterheiler“ ausgegeben – was wohl nicht zu dem Schluß verführen darf, analog „Automechaniker“ habe der Gute insbesondere Kräuter gut behandelt. Eine große Verwirrung richten oft „Zugführer“ oder „Zugführerin“ an. Laut Duden handelt es sich um die Person, die in einem Zug die Aufsicht führt, Chef oder Chefin des Zuges also, nicht dagegen um den Lokführer oder „Triebfahrzeugführer“, wie die Bahnleute inzwischen dazu sagen. Bei denen war wieder der Trieb zu mammutiver Wortbildung am wirken.

Kurz, bei der Wortbildung im Deutschen wird ein Wildwuchs zugelassen, der von jedem Schriftsteller neu gezähmt werden muß. Heraus kommt dann persönlicher Zahmwuchs.



Teurer Wohnen

Das oben gestreifte Schloß Friedrichswerth – in meinem Roman Konräteslust von 2010 keine unwesentliche Rolle spielend – steht also nach wie vor leer. Seit rund 25 Jahren! Und warum? Weil „das Land“ (Thüringen) den berüchtigten „Investor“ nicht gefunden hat, selber jedoch zu abgebrannt ist, um dort einheimische Arme oder ausländische Flüchtlinge unterzubringen. Die Kohle mußte leider an Betreiber/Käufer/StillegerInnen von Kalisalz-bergwerken gehen. Ja, wir leben eben im Kapitalismus, wird man vielleicht seufzen, im hiesigen Falle übrigens, seit 2014, unter einem „linken“ Ministerpräsidenten. Jemand könnte glatt auf die Idee verfallen zu behaupten, Herr Bodo Ramelow zähle noch weit vor Schloß Friedrichswerth zu Deutschlands eindrucksvollsten Charakterruinen. Er müßte nur viel Geld haben, würde ihn doch Ramelow vermutlich verklagen.

Ein anderes baupolitisches Ärgernis habe ich neuerdings unmittelbar vor der Nase. Ich streife es fast täglich, wenn ich zum Einkaufen radele. Unweit unserer winzigen Altstadt liegen zwei Fabrikbrachen, die durch eine schmale, kaum befahrene Einbahnstraße getrennt werden. Auf der Ostseite schickte man sich in diesem Herbst plötzlich an, ein mittelgroßes Einfamilienhaus zu errichten! Ich dachte, ich sehe nicht recht. Schräg gegenüber, auf der westlichen Fabrikbrache (hinter der die Waltershäuser Feuerwehr liegt) dämmert nämlich seit etlichen Jahren ein nur geringfügig kleineres und durchaus gut erhaltenes Einfamilienhaus in den Gestrüppen und Schutthügeln vor sich hin – offensichtlich unbewohnt. Es war beim Abriß einer Puppenfabrik verschont worden. Die Leute, die jetzt den Neubau errichteten, hätten sofort einziehen können. Das hätte ihnen und vor allem der Volkswirtschaft manchen Aufwand erspart. Warum das ältere Haus leersteht, konnte ich nicht herausbekommen. Ich erfuhr lediglich, die beiden Brachen gehörten zwei verschiedenen Eigentümern. In diesem Umstand liegt also vermutlich die unüberwindliche, wenn auch in der Einbahnstraße unsichtbare Hürde – wieder einmal. Alles ist hier eine Eigentumsfrage, jeder Unfug und jeder soziale Zündstoff.

Millionen Vermögenslose in diesem Lande, darunter auch Bekannte von mir, stöhnen jetzt wieder unter der Knute des Mietsystems. Die VermieterInnen können vermieten, müssen aber nicht. Die Vermögenslosen dagegen müssen wohnen. Und eben Miete zahlen, sei sie vergleichsweise niedrig oder haarsträubend hoch.

Gewiß, wir sind das Mietsystem gewohnt. Man macht sich jedoch zu selten klar, wie jung es ist und wie abartig es ist. Wenige vom Schicksal und vom Staat begünstigte HauseigentümerInnen ziehen ihren Profit aus der Not von Vielen, irgendwo ein Dach über dem Kopf zu finden. Das hat es über Jahrtausende hinweg nie gegeben. Die Jäger und Viehzüchter der Jungsteinzeit hatten ihre Hütten oder Häuser so gut, wie sie manche SüdseeinsulanerInnen sogar noch heute haben. Die PrärieindianerInnen zankten sich vielleicht gelegentlich um die günstigsten Standplätze, aber der Zeltplatz im ganzen gehörte allen. Noch die mittelalterlichen Dörfer und Städte Europas kennen wahrscheinlich so gut wie keine Mietwohnungen. Die Bauernhäuser bargen die Bauersfamilie, die Patrizier-häuser die Patriziersfamilie, vermietet wurde da nichts. Ich nehme an, die Sache wurde erst mit der sogenannten Industrialisierung ernstlich interessant. Bauern, Handwerker, Soldaten wurden herdenweise von ihren Schollen in die Fabriken getrieben und waren nun auf Verschläge angewiesen, in denen sie Nacht für Nacht und sonntags ihre Arbeitskraft wiederherstellen konnten. Die Benutzungsgebühr für die Verschläge konnte man ihnen gleich vom Lohn abziehen. BürgerInnen, die fast so ausgefuchst waren wie die ersten Goldschmiede (die gegen Zinsen Kredite=Papiergeld aufgrund eines nichtvorhan-denen Goldbestandes ausgegeben hatten), erfanden den neuen Beruf „Vermieter“. Da das Erbsystem ohnehin schon bestand, kamen einige BürgerInnen in der Folge gleich als VermieterInnen auf die Welt. Die meisten Leute wurden allerdings Mieter.

Die bekannte, schon oft verspottete Sehnsucht nahezu sämtlicher Kleinen Leute nach dem Eigenheim ist natürlich verständlich. Sie ist so natürlich, wie jedes Kaninchen seinen Bau und jeder Sperling sein Nest hat. Wieviele Personen das Eigenheim fassen soll, ist dabei erst einmal nebensächlich. Im Falle der hiesigen Puppenfabrik-kommune sind es leider nach wie vor unter 20; dafür in der thüringischen Zwergrepublik Konräteslust bereits rund 3.000. Dort verteilen sie sich auf etliche Häuser. Wesentlich ist, daß mich aus meinem Eigenheim niemand heraussetzen kann, es sei denn, mit roher Gewalt. Diese Gefahr bestand auch in der Steinzeit schon. Die sanfte Gewalt ist dagegen ein neuzeitliches Phänomen: man klagt, sanktioniert oder mobbt die Leute heraus.

In meiner Nähe gibt es einen Kollektivbetrieb der Zimmer- und Tischlerei, der trotz ständig drohendem weltweiten „Börsencrash“ gar nicht so schlecht läuft. Er hat sich zum einen auf die Sanierung von Fachwerkhäusern, zum anderen von Bauwagen verlegt. Das Letztere ist sicherlich für Leute interessant, die ihren Nestbautrieb gern mit ihrem Nomadentrieb verbinden würden. Der Betrieb kauft alte Bau- oder Zirkuswagen an, richtet sie erstklassig her und verkauft sie wieder. Ich habe da gelegentlich hineingeguckt: in die Wände und Fußböden beispielsweise, mit Hanfmatten gedämmt und dann vertäfelt und verdielt. Fenster in den abenteuerlichsten Formen, aber stets doppelverglast und auf den Millimeter schließend. Alle Kabel selbstverständlich „unter Putz“. Ausgetüftelte Einbaumöbel aus guten Hölzern und so weiter. Allerdings muß man dann für das Ganze etliche Tausend Euro auf den Tisch legen – von der Zugmaschine, die ein echter Nomade vielleicht sein Eigen nennen will, ganz zu schweigen. Und die Sorge um den rechten Standplatz hat man auch. Hat man Pech, zahlt man für diesen, Wasser- und Stromanschluß inclusive, auch wieder Miete. Zahlt man dagegen protestweise nicht, drehen einem die PlatzeigentümerInnen den Saft ab.



Freundschaft

In so manchem Lebensbereich ohne Zweifel „gescheitert“, dürfte ich mir die schmerzlichste Niederlage auf dem Feld der Freundschaft zugezogen haben. Einen „richtigen“ Freund suche ich seit meiner Kindheit. Ich fand bis heute keinen. Auch ein paar Frauen, die mich recht charmant oder witzig fanden, hielten sich nicht bei mir. Vor eigenen Kindern habe ich mich stets gehütet. Mein Freundeskreis im ganzen ist kleiner und brüchiger als ein verdorrter Lorbeerkranz. Folglich genieße ich Einsamkeit – ungefähr so wie die alte Trauerweide, die mein Stadtrandhäuschen beschirmt. Nebenbei bemerkt, fällt dem Mangel an „Seelenverwandten“ oder Vertrauenspersonen nicht nur eine Regenwassertonne voll Zärtlichkeit zum Opfer; er läßt mich bislang auch vergeblich auf einen Menschen hoffen, der nach meinem Tode mein Werk betreut. Suchen lassen sich solche Menschen kaum, wie mir schon einige Fehlschläge zeigten.

Wer mich verteidigen wollte, könnte auf meine vielen unüblichen Positionen, also auf mein krasses Außenseiter-tum verweisen, von dem die Kandidaten für Freundschaft sicherlich nicht so massenweise angezogen würden wie die Siebenschläfer oder Haselmäuse von den zahlreichen Nußbäumen, die mein winziges verwildertes Grundstück umzingeln. Wollte er mich dagegen fertigmachen, könnte er höhnen, wahrscheinlich hätte ich den Kessel meiner Außenseiterpositionen just deshalb angelegt, damit mir auch wirklich kein möglicher Freund zu nahe treten könne. Diese Diagnose ist vielleicht etwas plump – aber völlig aus der Luft gegriffen dürfte sie auch nicht sein. Man könnte hier eine genetisch bedingte, umfassend wirkende Abgrenzungssucht wittern, die schlichte Gemüter kurzerhand Eigenliebe nennen würden. Da sucht einer nachweislich immer wieder Gesellschaft, unken sie vielleicht, doch tatsächlich bleibt er zeitlebens hartnäckiger Einzelgänger. Das hat er nun von seiner „Eigenliebe“: Entbehrung.

Bedenke ich es recht, sollte man eher von der Kinderstube statt von den Genen sprechen. Bekanntlich haben wir im eigenen Vater den ersten Anwärter auf den vielbewun-derten Posten mein bester Freund zu sehen, jedenfalls in unseren Breiten. Das ist der Posten, aus dem der Sprößling den Löwenanteil der für ihn unumgänglichen Zuwendung und Anerkennung zu beziehen gedenkt. Verweigert der Alte diesen Posten, weil er auf Bewunderung keinen Wert legt oder einfach nur ein Stoffel oder ein Arschloch ist – was könnte der Sprößling da tun? Er könnte zum Beispiel die trotzige Antwort geben: nun gut, jetzt bleibe ich erst recht allein! Ich benötige keinen Beistand. Aus der Not eine Tugend machend, werde ich Eigenbrötler oder Mönch. Zumindest wird der Sprößling möglichen Kandidaten auf enge Freundschaft stets mit geringem Vertrauen, wenn nicht Mißtrauen, begegnen. Er traut ihnen (und sich selber) die Freundschaft gar nicht zu. Und da Kredit immer schon die halbe Miete ist, dürfte der Mangel an Kredit für die Brüchigkeit, die Kürze oder das Ausbleiben der Freundschaft sorgen.

Hier könnten Eingeweihte triumphierend auf meinen Bruder K. verweisen, der nachweislich keineswegs Klosterbruder oder Hagestolz geworden sei, obwohl er derselben Kinderstube entstamme wie ich. Das läßt sich allerdings kaum leugnen. Aber vielleicht ist der Bruder eher der Mutter nachgeartet: liebevoll, hilfsbereit, gesellig. Entweder hat er also seine „Gene“ nicht vom Stoffel-Arschloch, wofür mir bislang die Beweise fehlen, oder aber ich meinerseits unterlag im Anschluß an die Kinderstube anderen Einflüssen als K., die mich erst so richtig in die eigenbrötlerische Ecke drängten. Denn als Pimpf in der christlichen Jungschar und noch als Schülerrebell um 1968 hatte es mir, wie ich jetzt einräumen muß, weder an Geselligkeit noch an Freundschaft gefehlt. Ich wurde weder geschnitten, noch kann ich mich an Abgrenzungs-sucht und Dünkel meinerseits erinnern. Das kam erst um 1970, fürchte ich jetzt.

Damals ging ich wie einige andere Hitz- und Starrköpfe aus der sogenannten Antiautoritären Bewegung ins Lager des Maoismus über. Das könnte ein entscheidender Einschnitt gewesen sein. Jetzt kamen Abgrenzungssucht und Dünkel plötzlich in der Partei zum Tragen, in der ich sogar vorübergehend eine führende Rolle spielte. In jener Partei also (es gab viele davon), die immer recht hatte; und diese Partei, das waren wir. In ihr verbanden sich Abgrenzungssucht und Dünkel folgerichtig mit der Ächtung von allem „Persönlichem“ und „Privatem“. Die chinesisch-albanisch orientierte Partei folgte dem deutschen Reinheitsgebot, und dieses wäre verletzt worden, hätten wir uns gestattet, in dem Unrat unserer persönlichen Ängste und Sehnsüchte zu wühlen. In dieser Hinsicht hätte sicherlich auch meine damalige Geliebte und zeitweilige Ehefrau C., wie meine Mutter Hannelore, ein Gegengewicht setzen können, doch als ich C. bei einer Inspektion in unserem Westberliner „Landesverband“ kennenlernte, war auch sie schon verdorben, nämlich Maoistin. Jedenfalls schaffte sie es nie, meine nun schon chronische Neigung aufzubrechen, mich unter Menschen (die es noch zu sein wagten) einzuigeln. Und mit dem Zusammenbruch „der Partei“ und der damit verbundenen Illusionen verlor ich auch C.

So kommt man, im Alter, immer wieder auf das gleiche zurück – auf Verluste, die jetzt nicht mehr wettzumachen sind.


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