Montag, 2. Dezember 2019
Monatsschlößchen II, Dezember 2019


Patrioten unter sich (Orwell und O‘Casey) + Dürre-Fälle (Eugen Drippe / Helene von Grunelius / Felix Kuen / Konstantinos Panorios) + Mein Freund, der Riese (über Biografien) + Requiem auf die SchaffnerInnen + Karol auf der Ritze (Erzählung) + Schlimmes von der Pfrimm + Meine tausend DruckerInnen



Patrioten unter sich

Ich will eine Ergänzung zu jenen Bemerkungen über die Autobiografie Sean O‘Caseys vornehmen, die ich im vorangegangen Monatsschlößchen wagte. Nun geht es um eine kleine Schlammschlacht, die O‘Casey und George Orwell gegeneinander schlugen. Beide Schriftsteller lebten damals in England, doch der erste war bekanntlich Ire. Merkwürdigerweise wird dieser Streitfall in Michael Sheldens umfangreicher Orwell-Biografie von 1991 ausgespart*, jedenfalls soweit ich mich erinnere, und auch nach Ausweis des Registers. Laut Register wird der Ire (S. 585) nur einmal erwähnt, nämlich als Bestandteil einer privaten Liste Orwells, die über 100 Sympathisanten, wenn nicht gar Agenten des Sowjetkommunismus enthielt. Neben O‘Caseys Name stehe der Zusatz: „Strohdumm“. Diese Einstufung würde sich natürlich gut mit O‘Caseys Geschichte von Orwells frühem Roman Eine Pfarrers-tochter (1935) decken, falls sie stimmt. Das darf man wohl annehmen. Wäre sie erfunden oder verfälscht, hätte Sonia Brownell, Orwells Erbin, sicherlich eine Verleumdungs-klage angestrengt; die Frau hatte Haare auf den Zähnen. Nach O‘Caseys Darstellung im sechsten und letzten Band seiner Autobiografie (erschienen 1954; in der deutsch-sprachigen Diogenes-Ausgabe siehe S. 134/35) hatte ihm damals Verleger Gollancz die Druckbogen der Pfarrers-tochter mit der Bitte geschickt, dieses Werk, das streckenweise dem Besten von Joyce gleichkäme, zu lesen und möglicherweise eine in der Werbung zitierfähige, also griffige, günstige Zeile darüber zu erübrigen. Dieses Anliegen schmetterte O‘Casey ab, weil er das Werk für mangelhaft hielt. Es könne noch nicht einmal als gelungene Joyce-Nachahmung angesehen werden, teilte er Gollancz mit. Orwell habe genausoviel Aussicht, die Größe von Joyce zu erreichen, wie eine Meise Aussicht habe, sich in einen Adler auszuwachsen.

Übrigens war Orwell selber nicht gerade von seiner Pfarrerstochter erbaut. Shelden zufolge (S. 288/89) hatte er „eine ausgesprochen schlechte Meinung“ von dem Buch und bezeichnete es in einem Brief sogar kurz und bündig als „Mist“. Doch in diesem Fall stellte er wohl seinen Rachedurst über seine Selbsterkenntnis, sonst hätte er 10 Jahre später kaum so kräftig gegen O‘Casey vom Leder gezogen – zumal er soeben (1945!) im Begriff stand, sich in einer kleinen Betrachtung mit dem Titel „Rache ist sauer“ gegen das verbreitete Bedürfnis sich zu rächen auszu-sprechen. Darüber habe ich vor einigen Jahren berichtet.**

Laut übereinstimmender Angabe von US-Historiker Arthur Mitchell (1998)*** und dem Belfaster Blogger Brian John Spencer (2016)**** brachte der Observer im Oktober 1945 einen Verriß des dritten Bandes der O‘Casey-Autobiografie aus Orwells Feder. Für den irischen Dramatiker war das ein „Martergeschrei“, wie im sechsten Band (S. 127–37) zu lesen ist – weit entfernt von der „Redlichkeit“, die Orwell bekanntlich ringsum bescheinigt werde. Verfährt aber O‘Casey untadeliger? Bevor er überhaupt zur Sache kommt, nämlich zu Orwells Kritik an Band 3, hält er sich zweieinhalb Seiten damit auf, ein allgemeines Schauerbild von Orwells in Tuberkulose, Pessimismus und Proletariatsferne verwurzeltem „krank-haften Geist“ und der entsprechenden „Wehleidigkeit“ zu malen. So eingestimmt, können unbedarfte LeserInnen nur befürchten, von solch einem Invaliden sei keine aufbauende Kritik zu erwarten. „Kampfgeist“, so O‘Casey weiter, habe Orwell nie besessen. Dessen Gastspiel als republikanischer Partisan im Spanienkrieg klammert O‘Casey großzügig aus. Orwells jüngste Bücher Farm der Tiere und 1984 macht der Ire natürlich schlecht. Aber was hat dies alles mit Sean O‘Caseys Autobiografie zu tun? Nun, die angeführten Werke wurden ja leider viel gelesen, wie O‘Casey selber einräumt, und hier dürfte der neidvolle Hase im Pfeffer liegen. Orwell war sehr erfolgreich – O‘Casey nicht.

In der Sache selber hat O‘Casey wenig Entkräftung zu bieten. Weist er Orwells Vorwurf zurück, er schmähe in einem fort England, hat er sicherlich recht; es bleibt jedoch oberflächlich. Vom starken romantischen, durch Heimat-gefühl beflügelten Zug seines gälischen Nationalismus spricht O‘Casey lieber nicht – falls er ihn sich überhaupt eingestehen könnte. Ferner geht er auf Orwells Kritik am nebelhaften und narzistischen Stil des dritten Bandes nicht wirklich ein – er ironisiert sie nur, wie er leider vieles lediglich ironisiert. Dann läßt er das Ganze in einem für ihn typischen erfundenen und wieder schön ausufernden Kneipendialog enden, in dem er noch einmal Gelegenheit hat, seinen Widersacher Orwell als „aufgeblasenen Dummkopf“ zu bezeichnen. Im folgenden teile ich Auszüge aus Spencers, allem Anschein nach korrekter Wiedergabe der im Observer erschienenen Rezension mit.

But the cloudy manner in which the book is written makes it difficult to pin down facts or chronology. It is all in the third person („Sean did this“ and „Sean did that“), which gives an unbearable effect of narcissism, and large portions of it are written in a simplified imitation of the style of Finnegans Wake, a sort of Basic Joyce, which is sometimes effective in a humorous aside, but is hopeless for narrative purposes.

However, Mr O‘Casey‘s outstanding characteristic is the romantic nationalism which he manages to combine with Communism. This book contains literally no reference to England which is not hostile or contemptuous.

So far as Ireland goes, the basic reason is probably England‘s bad conscience. It is difficult to object to Irish nationalism without seeming to condone centuries of English tyranny and exploitation. In particular, the incident with which Mr O‘Casey‘s book ends, the summary execution of some twenty or thirty rebels who ought to have been treated as prisoners of war, was a crime and a mistake.

Als ich diese Anwürfe las, meinte ich mich allerdings zu erinnern, Orwells eigene, nur diesmal britisch gefärbte patriotische Ader sei ebenfalls recht geschwollen gewesen. Shelden stellt sie etwa auf den Seiten 437–39 heraus. Konsequenten Anarchisten könnte sie glatt den Kragen platzen lassen. Gewiß sei Großbritannien ein kapitalistisch-imperialistisches Land, räumte Orwell ein, und wenn es hart auf hart komme, werde sich auch Chamberlains „Demokratie“ in ein faschistisches Regime verwandeln. Aber! Aber jetzt, unter Hitlers Ansturm, stellte sich auch Orwell, der Ex-Spanienkämpfer und eingefleischte Rebell, den Kriegsanstrengungen der Nation zur Verfügung. Er verrate seine linken Überzeugungen nicht, wenn ihm bloß die Verteidigung seiner Heimat am Herzen liege. Er orakelt vom „inneren Bedürfnis nach Patriotismus und militärischen Tugenden, für die, so wenig sie den weichlichen Angsthasen der Linken auch gefallen mögen, noch kein Ersatz gefunden worden ist.“ Das ist gefährliches Gewäsch, weiter von kritischer Analyse entfernt wie ein Zwergtaucher von einem Pelikan.

Nach Mitchell hatte sich Orwell für Irland, das er auch nie betreten habe, lange Zeit nicht sonderlich interessiert. Dann habe ihn jedoch die Neutralität im Weltkriegs-geschehen aufgeregt, die das „schein-unabhängige Irland“ erklärte; sie schloß auch Verweigerung aliierter Luftwaffen-Stützpunkte ein. Allerdings führt Mitchell auch die Versicherung eines engen Orwell-Freundes an, Christopher Hollis, von allen Gefühlen Orwells sei die Vaterlandsliebe das tiefste Gefühl gewesen, eben die Liebe zu England, nur habe er nie akzeptieren geschweige denn nachvollziehen können, daß andere aus anderen Vaterländern stammen und dieselben nicht minder stark lieben und verteidigen könnten.

Freilich war auch der kritische Blick seines Widersachers O‘Casey nur dann scharf, wenn er nicht O‘Caseys gut gehegte „inneren Bedürfnisse“ zu beschneiden drohte. Auf Seite 151 seines sechsten Bandes erwähnt der Ire Hitlers Überfall auf Polen. Aber weder hier noch sonstwo hält er es für sinnvoll, den kurz zuvor abgeschlossenen „Hitler-Stalin-Pakt“ vom August 1939 zu streifen, der Hitler jenen Überfall erst ermöglicht hatte. Wo liegt hier die Unredlich-keit? Seine „Behandlung“ des Zweiten Weltkrieges an dieser Buchstelle ist überhaupt kennzeichnend für O‘Caseys blumig-nebelhafte Darstellungsart, die sich mit Daten, Quellenhinweisen bei Zitaten und zwingender Argumentation nicht aufzuhalten braucht, jedoch den Eindruck von Satire erweckt und den Mangel dadurch entschuldigt. Es ist eine leichtfertige bis unverantwortliche Darstellungsart, und das nicht nur im Fall eines autobiografischen Werkes. Wenn sie einer „strohdumm“ nennt, wie oben erwähnt, kann ich es ihm eigentlich nicht verdenken. Wobei die Spitze des Strohhalms in O‘Caseys Fall der unausrottbare Wunsch sein dürfte, sich mit aller Gewalt als „Dichter“ zu präsentieren, als begnadeter Maler am Himmel der Poesie.

Allerdings könnte man einige Ausfälle Orwells ebenfalls leichtfertig oder unverantwortlich, vielleicht sogar faschistisch nennen. Laut Spencers Wiedergabe leitet der Engländer seine Besprechung des dritten Bandes der Autobiografie O‘Caseys mit dem Satz ein: „W.B. Yeats said once that a dog does not praise its fleas, but this is somewhat contradicted by the special status enjoyed in this country by Irish nationalist writers.“ Bekanntlich pflegt man Flöhe mit einem Daumendruck auszulöschen, falls man ihrer habhaft wird. Was die meisten Kunst-schaffenden dieses Planeten vordringlich zu verbinden scheint, ist der Haß – aufeinander.

* deutsch bei Diogenes 1993, hier als Taschenbuch, Zürich 2000
** siehe am Schluß dieses Beitrags von 2012/15
*** Artikel „George Orwell & Sean O‘Casey“, 1998, hier auf History Ireland / Kurzvita Mitchells hier
**** The New Irishman, Artikel „George Orwell on Ireland, Cdt“,
1. Juli 2016




Dürre-Fälle

Wer sich per Internet ein gewisses Bild von dem Berliner Bildhauer Eugen Drippe (1873–1906) machen will, guckt in die Röhre. Auch im Thieme-Becker (Band 9 von 1913) ist er lediglich mit dem Etikett „frühverstorben“ versehen – sehr witzig; offenbar traut man den Nachforschern nicht zu, entsprechende Schlüsse bereits aus den Lebensdaten zu ziehen. 1903 wurde Drippe auf der Insel Rügen gesichtet. Einige Arbeiten sollen den mit 33 von uns gegangenen Künstler überlebt haben. Außerdem blieb uns eine eindrucksvolle kleine Porträtbüste aus Sandstein, die Drippe selber zeigt, 1905 von seinem Kollegen Hermann Joachim Pagels geschaffen, der später bei den Nazis gut ins Geschäft kam, wie man liest. Pagels, gut drei Jahre jünger als Drippe, wurde 82.

Eine Kuratorin der Berliner Museen bestätigt mir im Sommer 2018 in einem freundlichen Brief, in der Tat habe die Forschung Drippe bislang „sehr wenig Beachtung“ geschenkt. Die erwähnte Büste (Nationalgalerie) gebe „ein sehr persönliches Bild“ des älteren Künstlers. Der habe es verstanden, „seine leicht verwachsene Statur durch Humor zu kompensieren, und gerade diesen Wesenszug hat Pagels einzufangen versucht: Der zwischen die Schultern gezogene Kopf bewirkt einen schalkhaften bis kauzigen Gesamteindruck ... Drippe und Pagel kamen beide aus dem Atelier von Ernst Herter, wo Pagel von Drippe künstlerisch angewiesen wurde.“ Die Resonanz auf Pagels Bildnis, das er wohl von seinem Modell unbemerkt angefertigt habe, sei „überaus positiv“ gewesen.

Die Aufgabe liegt auf der Hand: zeitgenössische Zeitschrif-ten, offizielle Dokumente und vor allem private Zeugnisse, so denn vorhanden, nach Näherem durchforsten, dabei auch nach jenem „Handicap“, das möglicherweise zu Drippes frühem Tod beitrug. Humor hin, Humor her, wäre sicherlich auch ein Selbstmord nicht verblüffend.

Auch die anthroposophische Medizinerin Helene von Grunelius (1897–1936) wurde keine 40. Ich vermute stark, ihr Tod geht auf das Konto ideologischer und emotionaler Konflikte, denen sie nicht gewachsen war. Leider ist man in ihrem Fall rundum auf Vermutungen angewiesen. Die wenigen Internetquellen stammen offensichtlich von Leuten, die kein Interesse daran haben, die weiße Weste Rudolf Steiners zu beflecken, des weisen Gründers der anthroposophischen Bewegung, der 1925 gestorben war. Grunelius hatte den Meister wenige Jahre früher noch persönlich bei Kursen kennengelernt, die er abhielt. Sie war auch von ihrem Straßburger Elternhaus her für die Anthroposophie gestimmt. Zunächst Ärztin in Stuttgart, wirkte sie ab 1935, also nur noch für eine kurze Lebenszeit, in einem anthroposophisch geprägten Sanatorium, das bei Pforzheim im Schwarzwald lag. Dort stellte sie ihre Arbeit schon im folgenden Jahr ein und trat eine wohl ziemlich überstürzte Reise nach Italien an. Sie kam aber nur bis Basel, weil sie einen „gesundheitlichen Zusammenbruch“ erlitt, wie das Universal-Lexikon Wikipedia so allgemein wie möglich mitteilt. Daran starb sie im Dezember, 39 Jahre alt.

Immerhin gelangt man über Wikipedia zu einem vom Mediziner und Steiner-Anhänger Peter Selg verfaßten Porträt der Ärztin, das etwas genauer wird.* Danach wurde das schwarzwälder Sanatorium Burghalde (im Frühjahr 1935) unter Mitarbeit von Grunelius vom Ehepaar Eugen und Lili Kolisko eröffnet. Nach „nur einem Jahr“ habe sich Eugen K., der rund vier Jahre älter als Grunelius war, jedoch entschieden, nach London zu gehen, um dort ein anderes anthroposophisches Projekt aufzubauen. Dadurch habe Grunelius ihre „Pläne und Hoffnungen“ jäh durch-kreuzt gesehen. Sie habe es abgelehnt, das Sanatorium ohne Kolisko zu leiten, und sich „in sehr angegriffenem Gesundheitszustand“ auf ihre „gehetzte“ Italienreise begeben.

Spätestens an dieser Stelle muß es in jedem skeptischen Hirn klingeln. Zunächst hatten wir ja im Deutschland jener Jahre, seit 1933, ein faschistisches Regime. Das war ersichtlich imstande, das schwarzwälder Sanatorium, wie so manches andere aus dem anthroposophischen Tätigkeitsfeld, zu dulden oder gar zu fördern, obwohl es in beiden Lagern jeweils recht unterschiedliche Auffassungen über die Nähe oder Ferne voneinander gab, wie etwa der US-Historiker Peter Staudenmaier betont.** Übrigens erwähnt Staudenmaier auch den Umstand, daß die Anthroposophen im faschistischen Italien erheblich bessere Karten als in Deutschland hatten. Somit ist nicht auszuschließen, Grunelius habe ihre Italienreise, zumindest unter anderem, just aus diesem Grund angetreten. Möglicherweise war sie ja deutlich nazi-freundlicher gestimmt als Kolisko, der sich schließlich auch noch rechtzeitig aus Deutschland absetzte. In dieser Hinsicht muß natürlich auch die naheliegende Frage erlaubt sein, wie die vergleichsweise junge Ärztin denn nun zu ihrem Chef und Mitstreiter Eugen Kolisko (1893–39) oder zu Lili Kolisko (1889–1976) oder zu beiden gestanden habe? Die Gattin war wohl vier Jahre älter als ihr Mann. Sollte hier ein übliches Liebes- und/oder Konkurrenz-drama mitgespielt haben? Jedenfalls muß auch die Frage erlaubt sein, wie glücklich oder unglücklich Grunelius um 1935 gewesen sei, sieht man einmal von der Erfüllung ab, die sie (angeblich) in ihrer therapeutischen Sanatoriums-arbeit fand. Meine Quellen interessiert das nicht.

Im Wikipedia-Artikel über Eugen Kolisko taucht immerhin weiterer Zündstoff auf, wenn auch nur andeutungsweise. „Die Auseinandersetzungen nach dem Tode Steiners führten 1934 zu Koliskos Entlassung aus der Stuttgarter Waldorfschule und 1935 zur Trennung von der Anthropo-sophischen Gesellschaft. 1936 emigrierte er nach England, wo er eine anthroposophische Universität gründen wollte.“ Bald darauf starb er jedoch, mit 46, „während einer Zugfahrt“. Wie und warum, wird nicht gesagt. Obwohl Eisenbahnzüge oft die unterschiedlichsten Über-raschungen bergen und viele Fenster und Türen haben. Hier führt aber ein Porträt Koliskos aus der Feder Joop van Dams weiter***, wenigtens ein bißchen weiter. Der Niederländer ist gleichfalls Mediziner und Steiner-Anhänger. Ihm zufolge hatte der klein und zart gebaute Arzt, Chemiker und Waldorflehrer Kolisko von Kind auf einen steifen linken Arm. Er zählte anfangs zum engsten Steiner-Kreis. Er war lesewütig und eher ungesellig. Van Dam bestätigt das Zerwürfnis Koliskos mit der „offiziellen“ Anthroposophie um 1930, erhellt es mir freilich wenig. Wahrscheinlich war Kolisko bezüglich der Weltlage pessimistischer gestimmt als seine Ex-Genossen. Von dem Projekt im Schwarzwald habe er sich eine vielgefächerte „therapeutische Provinz“ versprochen, Landwirtschaft eingeschlossen. Das sei jedoch „nicht zustande“ gekommen. „So emigrierte er ...“, schreibt Van Dam. Ein kühner, nichtssagenden Übergang. Über die Gründe von Koliskos Scheitern (in nur einem Jahr!) dürfen wir ähnlich rätseln wie über die Frage, in welcher Gestalt wir dereinst wiedergeboren werden. In London packte Kolisko die Aufbauarbeit für seine Universität mit Hilfe von Gesinnungsgenossen und offenbar auch seiner Frau Lili schwungvoll an, wogegen ihn eine USA-Vortragsreise im Frühjahr 1939 enttäuscht und ermüdet habe. Auf dem Weg zu einem westlich von London gelegenen Institut sei er plötzlich einem Herzschlag erlegen. Er sei in seinem Zugabteil allein gewesen. Gottseidank, keine lästigen Zeugen! Finanzielle und erotische Gesichtspunkte klammert der Text aus.

Möglicherweise findet sich Näheres in einem „Lebensbild“ Eugen Koliskos, das seine Gattin Lili, die ungleich älter wurde als er, verfaßt und (1961) veröffentlicht haben soll. Vielleicht sogar Näheres über Grunelius? Vielleicht wohlwollendes, vielleicht gehässiges? Oder sollte sie sich gar zu der anteilnehmenden Vermutung aufschwingen, Helene von Grunelius‘ Sterben in Basel müsse ein verflucht einsames, kaltes Geschäft gewesen sein?

* Forschungsstelle Kulturimpuls, o.J.
** Ansgar Martins / Peter Staudenmaier, „Anthroposophie und Faschismus“, 7. Juni 2012
*** Forschungsstelle Kulturimpuls, o.J.


Wie es aussieht, hatte der Selbstmord des österreichischen Bergsteigers Felix Kuen (1936–74) nur am Rande mit dem berüchtigten und bis heute umstrittenen Tod Günther Messners am Nanga Parbat im Jahr 1970 zu tun. Kuen gehörte damals zu der betreffenden Expedition. Knapp vier Jahre darauf, mit 37, erhängte sich der Tiroler in seiner Absalmer Wohnung an einem Elektrokabel, wie sein enger Berufskollege Toni Hiebeler in einem Artikel mitteilt.* In der Titel-Unterzeile des Artikels wird festgestellt, Kuen habe zwar die schwierigsten Wände bezwungen; im Leben sei er jedoch gescheitert. Viel genauer wird Hiebeler leider nicht. Gewiß, Kuen, ein Mann ohne höhere Schulbildung, war sehr ehrgeizig – wie mindestens jeder zweite Berg-steiger. Aber nicht jeder zweite bringt sich eigenhändig um. Sein Erwerbsleben als Oberfeldwebel und Heeresbergführer konnte ihm selbstverständlich nicht genügen. Also mußte er auf spektakuläre bergsteigerische „Erstbegehungen“ aus sein, doch auch da haperte es. Während jener Expedition am Nanga Parbat zum Beispiel war er, mit Peter Scholz aus München, bei der Bewältigung der Rupalflanke wieder nur zweiter gewesen – hinter den Brüdern Messner. Das dürfte, für Kuen, die eigentliche Tragödie der Expedition gewesen sein, wie er Hiebeler einige Wochen später (sinngemäß) ausdrücklich bestätigt habe, und nicht etwa der Tod Günther Messners. Zwei Jahre später, 1972, mißlang es einer von Kuen geleiteten Expedition, die Südwestwand des Mount Everest zu bezwingen. Auch sein im selben Jahr erscheinendes, nicht eigenhändig verfaßtes Buch Felix Kuen – auf den Gipfeln der Welt scheint kein Renner gewesen zu sein. Doch warum er sich dann ausgerechnet, wieder zwei Jahre später, Ende Januar 1974 das Leben nimmt, wird nicht klar. Hiebeler teilt die damaligen näheren Lebensum-stände Kuens nicht mit, falls er sie überhaupt kennt. Werner Haim, ein sehr enger Kamerad von Kuen, versichert in einem anderen Nachruf immerhin, sie seien im Frühjahr 1974 schon wieder mit den Vorbereitungen für eine neue Expedition beschäftigt gewesen, die im April starten sollte. Er habe Kuen sehr gut gekannt, aber nie eine Andeutung über Selbstmordpläne aus seinem Mund vernommen. Mehr sagt er offenbar nicht zur Person.** Ich frage mich daher vergeblich: War der Soldat und Berg-steiger Kuen gesellig oder unzugänglich? Hatte er Familie? Kinder? Einen Geliebten? Bewohnte er die Absalmer Wohnung allein? War er verschuldet? War er in ärztlicher Behandlung? Hatte er, obwohl oder weil offensichtlich größenwahnsinnig, lediglich das Selbstvertrauen eines Maulwurfshügels? Hatte er überhaupt Interessen, die diesseits der höchsten Berggipfel dieses Planeten gelegen hätten? Oder fühlte er sich vielleicht doch am Tod seines Konkurrenten Günther Messners mitschuldig?

* hier o.J., aber offensichtlich im Todesjahr Kuens erschienen, wohl als Nachruf
** W. Haim


In meinem jüngsten Kurzroman Zeit der Luchse kommt ein hinreißendes, 1888 entstandenes Ölgemälde* des Griechen Konstantinos Panorios (1857–92) vor, der bereits mit ungefähr 35 Jahren starb. Er hatte, bis 1878, in Athen Kunst studiert, verbrachte anschließend aber mindestens 10 Jahre seines kurzen Lebens in Deutschland, wohl hauptsächlich an der Münchener Kunstakademie. Um 1890 zurückgekehrt, soll ihn Geisteskrankheit befallen haben. Wahrscheinlich hatte er sich auf seine Heimatinsel Sifnos in der südlichen Ägäis zurückgezogen; er soll jedoch in der Psychiatrischen Klinik Dromokaiteio in Chaidari gestorben sein, einem Vorort von Athen. Die Angaben über ihn im Internet sind mehr als dürftig – ein Skandal, wenn man ein paar Reproduktionen seiner Arbeiten kennt.

* Cosette



Mein Freund, der Riese

Ich komme erneut auf Sean O‘Caseys wenig genießbare, in der Er-Form verfaßte Autobiografie zurück. Der unange-nehme, ja mit der Zeit quälende „Narzismus“, den Orwell aus dieser Anwendung der Er-Form quellen sah, stellt vermutlich nicht ihren einzigen Nachteil dar. Täusche ich mich nicht, verhindert sie zum Beispiel den oft fruchtbaren Perspektivwechsel des Autors, so paradox das zunächst klingen mag. Im sechsten und letzten Band, den ich noch in frischster Erinnerung habe, muß der Autor ein ödes, mehr als 10 Druckseiten beanspruchendes einsames Teetrinken inszenieren, um seinem „Sean“ verschiedene ähnlich öde Betrachtungen über Poesie und einige Poeten zu ermöglichen (S. 105–16). Er muß Sean wiederholt zum äußerst spannenden Aufbrühen und Beobachten des Tees veranlassen; immer wieder hat der Tee noch nicht genug gezogen; als unbefangener Beobachter muß man annehmen, es war ein Tee, der einen Seebären umgehauen und getötet hätte; aber ein Sean ist nicht so leicht totzukriegen. Er muß seinen Sermon jetzt loswerden. Und der Autor muß so verfahren, weil er ja nicht kurzerhand festellen kann: Ich persönlich halte von einer solchen Poetik wenig; oder: Viele Fachleute lehnen eine solche Poetik ab… und so weiter. Denn er ist ja dieser „Sean“, den er da in Er-Form präsentiert. Er kann also nicht plötzlich von diesem wegtreten, um uns, aus einer anderen Perspektive, mit den und den gebündelten Auffassungen über Poesie bekannt zu machen. Er muß seinen „Sean“ Tee zubereiten lassen, bis zum bitteren Ende. Würde sich O‘Casey dagegen an die übliche Ich-Form halten, könnte er jederzeit feststellen: Damals dachte ich so und so über Poesie. Oder: Früher hatte ich eine recht andere Auffas-sung über Poesie. Oder: Die LeserInnen werden mir einen knappen Exkurs über die beiden recht gegensätzlichen Poeten Hugh MacDiarmid und T. S. Eliot gestatten. Dazu bedürfte es keiner lächerlichen Teestunden-Inszenierung. Allerdings läßt sich O‘Casey von seinem Pochen auf die Er-Erzählung nicht daran hindern, öfter ins „ich“ oder „wir“ zu verfallen, sicherlich einige Dutzendmale in den sechs Bänden. Das wäre dem Autor einer herkömmlichen Er-Erzählung nicht unbedingt als unverzeihlicher Stilbruch angekreidet worden; in diesem Fall jedoch ist es einer. Andererseits versteht man diese Brüche. Man versteht: der Selbstbiograf O‘Casey hat Schwierigkeiten.

Damit weg von der Autobiografie. Man könnte nun meinen, wer sich als Verfasser einer Biografie nur ordentlich an die Er- oder Sie-Form halte, könne nicht mehr viel schlecht machen. Das wäre wohl ein Trugschluß. Nach abschreckenden Beispielen suchend, entsinne ich mich dunkel an Wilhelm von Sternburgs Remarque-Biografie, erschienen 1998. Ich habe sie vor ungefähr fünf Jahren gelesen. Ich glaube, ich hielt sie schon von der Grundstruktur her für mangelhaft, aber zu Von Sternburgs Trost sei gesagt, das gilt für 1.000 andere biografische Arbeiten auch. Sie gehen im wesentlichen chronologisch vor, erzählen das Leben von vorn nach hinten. In Remarques betrüblichem Fall hat das zur Folge, das sich das Leben zigmal wiederholt. R. grübelt über seine Zerrissenheit, R. säuft wie ein Loch, R. macht sich Selbstvorwürfe, R. hat Frauen wie ein Loch, R. ist im Schreiben gehemmt, R. grübelt schon wieder – und das über Jahrzehnte hinweg! Und da Von Sternburg auch noch den Fehler macht, die Grundzüge im Charakter und im Leben seines Helden bereits im Eingangskapitel darzulegen, hätte er sich alle restlichen Kapitel eigentlich sparen können. Das hätte uns Langweile erspart. Damals sagte ich mir, vielleicht hätte er besser daran getan, sich der Reihe nach verschiedene Arbeits- oder Lebensfelder des Remarque vorzunehmen: Schule, Krieg, Geld (Lebensunterhalt), Liebe, Schreiben, Politik, Bildende Kunst, Alkohol, Tagebuch, Ruhm dergleichen. Chronologischen Bedürfnissen könnte man ja durch die übliche Zeittafel gerecht werden. Obwohl auch diese, mehr essayistische und einkreisende Vorgehensweise sicherlich ihre Tücken hat – zum Beispiel dürfen sich die einzelnen Betrachtungen weder zu viel noch zu wenig überschneiden. Am Schluß wären sie zu bündeln.

In dieser Hinsicht muß man O‘Caseys sechs Bände eher loben. Seine häufigen Wiederholungen betreffen ja „nur“ seine Meinungen, nicht seinen Werdegang. Ansonsten richtet er viele Kapitel wohltuend auf ganz bestimmte, jeweils andere Gesichtspunkte seines Werdegangs aus. Aber was hilft das alles, wenn er vom Predigen und vom weltweit beliebten Größen-Kult nicht lassen kann. Seine Größten sind Shaw, Joyce und Yeats. Shaw ist „der größte britische Dramatiker seines Zeitalters“, ein Riese. „Kleine Schwätzer haben mit ihren winzigen Händen nach seinen Knien gelangt, um ihn zu Fall zu bringen.“ Eileen O‘Casey, die Ehefrau des Selbstbiografen, besucht ihn zwei Tage vor seinem Tod (1950) am häuslichen Sterbelager. Shaw, 94, will jetzt sterben; er betont es. Aber Eileen soll ihm ein Weilchen die schmerzende Stirn streicheln. Das tue ihm gut, flüstert er, „weiche irische Hand, weiche irische Stimme“ (Band 6, S. 239–42).

Nach Ausweis des sechsbändigen Werkes waren die Shaws und die O‘Caseys recht eng miteinander befreundet, wechselten viele Briefe, luden sich öfter gegenseitig zum Essen ein, bürgten zuweilen sogar füreinander. Und dies alles läßt sich schön dokumentieren. Denn für die meisten Menschen macht es sich selbstverständlich gut, wenn einer mit einem berühmten Mann befreundet ist. Die Nähe zur Autorität erhebt; so kommt der Unbedeutende über die Kniee des Riesen hinaus, bis zum Nabel vielleicht, oder gar bis unters Kinn, wo er dem Riesen sogar eine gewisse Stütze sein darf. Ich möchte aber nicht den Eindruck erwecken, dieser Trick sei mir persönlich fremd. Ich unterließ es im Gegenteil über einige Jahrzehnte hinweg selten, mich mit der Bekanntschaft oder der Huld namhafter Leute zu brüsten, sofern sich mal einer von denen zu mir herabließ. Diese – selbstverständlich gut verbrämte – Prahlerei kann mir in manchen Fällen noch heute die Schamröte ins Gesicht treiben. Aber nicht nur sie! Auf dieses Thema komme ich noch zurück.



Requiem auf die SchaffnerInnen

Um 1960 nahmen die SchaffnerInnen der Kasseler Straßenbahnen einen Vorzugsplatz in erhöht liegenden Kästen oder Kabinen ein, die schon fast der Kanzel eines Pfarrers gleichkamen. Und da diese schmucken Uniform-trägerInnen außerdem unablässig Geld einstrichen, lag für einen kleinen Jungen nichts näher, als ihnen im häuslichen Spiel nachzueifern. Aus entwerteten Fahr-scheinen, die ich emsig sammelte, hatte ich mir die verschiedenfarbigen Blöcke zurechtgeklebt, von denen ich nun meinen Fahrgästen den jeweils angemessenen Schein abriß, ehe ich die Hand nach ihrem Kleingeld ausstreckte. Meine Straßenbahn war eine Fensterecke der Wohnküche meiner Großeltern; meine Kanzel ein Stuhl, vor dem ich auf einem Fußbänkchen hockte. Auf dem Stuhlsitz lagen meine in Reih und Glied auf eine Sperrholztafel gehefteten Fahrscheinblöcke. Zog ich die mit einer Bimmel verbunde Reißleine, die unsichtbar über meinem Kopf schaukelte, mußte mir der Straßenbahnfahrer, der weit vorn saß und wartete, gehorchen: er mußte abfahren. Schon flog am Küchenfenster, das auf die „Bleiche“ zweier sich gegenüber liegenden Wohnblöcke ging, der bunte großstädtische Trubel vorbei, obwohl meine Großeltern damals fast in den Losse- und Fuldawiesen wohnten. Er flog aber immer nur kurz, lediglich bis zur nächsten Haltestelle, an der erneut die fetten Einnahmen winkten.

Heute benötigen wir keine SchaffnerInnen mehr; wir haben Automaten. In Kürze entfallen auch von diesen viele, nämlich mit der Abschaffung des Bargeldes – schließlich ein Riesengeschäft für die notleidenden Banken. Es verhält sich also so: wir sparen Personal ein, das sich dann zu Hause oder bei Trainingsmaßnahmen der „Arbeitsagentur“ zu Tode langweilt. Dagegen sparen wir keineswegs Material und Arbeitszeit ein. Die wenigsten Leute, die die Automatisierung und den Fortschritt im allgemeinen feiern, machen sich klar, welcher enorme volkswirtschaftliche Aufwand in der unablässigen Automatisierung, im ständigen Modell-, Waren- und Regierungswechsel und selbstverständlich auch in der gepriesenen Digitalisierung steckt. Für sie sind die Roboter nicht kostspielig und mühsam entwickelt, vielmehr kurzerhand im firmeneigenen Garten ausgegraben worden, wie Möhren oder Kartoffeln. Sie verschwenden auch keinen Gedanken an die eigentlich sehr naheliegende Idee, statt der SchaffnerInnen lieber das Geld abzuschaf-fen, dann bedürfte es keiner Fahrscheinautomaten, keiner Kontrolleure und keiner Justiz. Man male sich das ruhig einmal in einem Kaffeestündchen aus, welcher gigantische volkswirtschaftliche Aufwand entfiele, wenn wir nicht zur krampfhaften Aufrechterhaltung unseres Bezahlsystems gezwungen wären, an dem sich immer nur wenige ausgefuchste Leute gesundstoßen. Für die vielen Kleinen Leute beläuft sich der Lohn des Fortschritts auf mehr Bequemlichkeit, mehr Schulden, mehr Abhängigkeit, mehr Demütigung, mehr Krankheit. Wunderbar.

Ich habe schon hin und wieder betont, ich lehnte den technischen Fortschritt keineswegs in Bausch und Bogen ab. Die Schraube, der Zimmerofen, das Penicillin, der Gehwagen, ja das Rad überhaupt waren ausgezeichnete, hilfreiche Erfindungen. Mußte aber mit dem Rad auch das Automobil kommen? Ja, es mußte, weil der Mensch – womöglich schon immer – nicht imstande ist, an einem bestimmten, verhängnisvollen Punkt einer Entwicklung einen Punkt zu setzen. Der selbstgeschaffene „Sachzwang“ reißt ihn mit, immer schön vorwärts, bis ins Verderben. Auch der Blitzableiter, siehe weiter oben, stellt selbstverständlich eine segensreiche Erfindung dar. Und wahrscheinlich benötigt man zwangsläufig Stahlfabriken, um die Leitungen für Kirchtürme oder für 300 Meter hohe Wolkenkratzer herzustellen. Benötigt man aber Kirchtürme und Wolkenkratzer? Ja, sie sind unabdingbar, weil der Mensch die biblische Anweisung befolgte, fruchtbar zu sein und sich ins Uferlose hin zu vermehren. Da bleibt nur noch die Luft, oder ein Nachbarplanet. Es sei denn, es gelingt uns mal wieder ein ertragreicher großer Krieg oder sonst ein GAU, der uns gleich 250 Millionen Tote auf einen Schlag beschert. Den anderen Ertrag solcher Ereignisse stellen die Buchguthaben oder Goldberge aller Füchse dar, die die Aufrüstung in Gang halten. Sie hausen in luxeriösen unterirdischen Bunkern, mit Zweigstellen auf Mond oder Mars.



Karol auf der Ritze
Geschrieben 2014/19

Wie ich der Presse entnehme, ist Sebastian Schlönnertz in irgendeinem nordrhein-westfälischen Wahlkreis in den Bundestag gewählt worden. Ein Foto zeigt ihn, wohl eher zufällig, beim Anheben seines mit Stimmkarte bewaffneten linken Arms. Vermutlich wurde es bei einem Parteitag aufgenommen. Sebastians Arm wirkt auf dem Foto keineswegs lahm oder verkrüppelt, vielmehr kühn gereckt und gesund. Das war nicht immer der Fall, wie ich vielleicht endlich einmal berichten sollte. Schließlich war ich damals Augenzeuge des unglücklichen Geschehens, ja sogar Mittäter.

Der schmächtige Karol, der meinem Bericht den Titel geben wird, war damals 11. Seine Eltern (Tomasz und Katarzyna) stammten aus Polen. Sein Vater, ursprünglich Elektriker in einem polnischen Kraftwerk, arbeitete aber nun als Hausmeister im Ärztehaus unseres Städtchens. Die Mutter arbeitete in der Kantine der Gummiwerke. Die ganze Familie wohnte im „Souterrain“, also ungeschminkt ausgedrückt, im Keller des Ärztehauses. Immerhin schloß sich da ein Obstgarten an, der zu einem Bach abfiel, und am anderen Ufer in ein Wäldchen überging. Man konnte hier gut spielen, außer Fußball, wegen der Bäume. Deshalb fanden sich öfter Nachbarskinder oder Klassenkameraden von Karol ein, obwohl er „aus dem Osten“ war. Genauer gesagt, waren es hauptsächlich drei: Luisa, Sebastian und ich. Wir hatten eine Bande gegründet, die Baumhütten-bande. Der Vornehmste unter uns war just Sebastian, inzwischen frischer Bundestagsabgeordneter. Er war ein Sohn des im Ärztehaus praktizierenden Augenarztes. Sie wohnten natürlich in einer Villa am Schloßberg, und Sebastian fuhr bereits täglich ins Gymnasium der Kreisstadt. Wir nahmen ihn auf, obwohl er seine Nase schon damals ziemlich hoch trug. Karols bester Freund war ich, Sprößling eines Tischlers. Unsere Baumhütte hatten wir in dem erwähnten Wäldchen gebaut. Wollte man sich vor allerlei Zudringlichkeiten schützen, konnte man mit Hilfe eines Taus, das über eine hohe Astgabel lief, die Leiter einziehen. Das nützte unserem einzigen weiblichen Bandenmitglied Luisa natürlich wenig, kamen die Anstürme doch eher von uns, voran Sebastian, dem sie sogar einmal eine knallte, daß er fast aus dem Baum gefallen wäre. Sie war unsere Rapunzel. Sie hatte das dazu erforderliche lange blonde Haar.

Wir nähern uns der Tatzeit, Mitte September. Karol hatte die jüngsten Sommerferien bei seinen Großeltern in Polen verbracht. Sie lebten in der großen Stadt Lublin zur Miete in einer engen Wohnung. Da Luisa es ganz genau wissen wollte, mußte Karol erzählen, wie die Stadt aussieht, das Mietshaus und so weiter. Wir saßen zu viert auf unserer Bachbrücke, auf jeder Seite zwei, und ließen die nackten Füße ins Wasser baumeln, weil der September noch warm war. Luisa saß neben Karol. Jetzt wünschte sie sogar zu erfahren, wo und wie er bei seinen Großeltern geschlafen habe, wenn die Wohnung doch nur zwei Zimmer und eine enge Küche aufweise. Ob er vielleicht im Wohnzimmer auf dem Sofa geschlafen hätte, das machte sie selber zuweilen bei ihrer Patentante.

Nein, die Großeltern hätten kein Sofa, sie hätten ein wuch-tiges „Büfeh“ aus Eiche, das den ganzen Platz wegnehme. – Wo er denn dann geschlafen hätte? – Karol druckste etwas herum und erwiderte kleinlaut, auf der Ritze. Darauf Sebastian in seinem Rücken: „Auf der Ritze ..? Ich glaube, Karol macht Witze!“

Karol erklärte es, obwohl er schon ahnen mochte, er werde in der Achtung des Augenarztsohnes nur immer tiefer sinken, bis auf den Bachgrund. Die Großeltern hätten in ihrem Schlafzimmer ein sehr großes und breites Ehebett, und zwischen den beiden Betthälften gäbe es halt „eine Ritze“, auf der man, als Kind, ganz gut schlafen könne, sofern sie vorher ausgestopft und abgepolstert werde.

Sebastian prustete, malte sich und uns anderen diese ärmliche Angelegenheit aus, hakt nach: „Und wenn dein Opa plötzlich gepubst hat, wo hast du dich denn dann verkrochen, wenn die Ritze doch verstopft war ..?“

Das saß natürlich, zumal es auch auf Karols Schmächtig-keit anspielte. Er wurde über und über rot. Um ihn zu trösten, streichelt ihm Luisa den nackten Oberschenkel. Wir trugen ja alle noch kurze Hosen. Aber diese freundschaftliche Geste verschlimmerte Karols Pein noch eher, weil er von Natur aus nicht nur schmächtig, sondern auch etwas schüchtern war. Er verließ uns nun mit der gemurmelten Erklärung, er müsse leider schon nach Hause, der Mutter was helfen. Daraufhin rückten Luisa und meine Wenigkeit immerhin von dem Schmäher Sebastian ab, sodaß sich dieser ebenfalls trollte, wenn auch mit überheblichem Achselzucken.

Wie mir Jahre später einmal Karols Eltern erzählten, war ihr Sprößling an jenem Abend recht bedrückt gewesen, wen wundert es. Sie erkundigten sich beim Abendbrot, was er habe. Er konnte es schlecht erklären. Schließlich habe er zurückgefragt, ob es eine Schande sei, bei den Großeltern auf der Ritze zu schlafen. Wie er darauf komme? Karol erzählte es. Die Eltern schüttelten ihre Köpfe. Selbstver-ständlich sei es keine Schande, denn nicht jeder habe das Glück, in der Villa eines Augenarztes aufzuwachsen. Eher sei das eine Schande, daß die Chancen so ungleich und so willkürlich verteilt seien. So erzählten sie‘s mir.

Es dauerte keine 24 Stunden, da hatte sich Karols neuer Spitzname bei allen Schul- und Spielkameraden herum-gesprochen: „Da kommt Karol auf der Ritze ...“ Wie sich versteht, konnte ihn nur Sebastian in Umlauf gesetzt haben. Karol litt unter der Hänselei. Auch Luisa und ich und manche andere waren empört. Luisa hatte zudem eine Art von schlechtem Gewissen, weil sie es ja gewesen war, die Karol mit Fragen nach der großelterlichen Wohnung zugesetzt hatte. Wir hockten zu dritt in der Baumhütte. Da fiel Luisas Blick auf einen Fetzen von buntem Pergament-papier, der noch vom letzten Herbst her in dem alten Birnbaum hing, gleich unweit der Brücke. Sie murmelte:

„Vielleicht sollten wir wieder einen Drachen bauen. Aber dieses Mal nicht für die Luft! Wir könnten Sebastian einen schönen Denkzettel verpassen ...“

Ich war von Luisas Idee sofort begeistert. Wir zogen Karol mit. Unter meiner fachmännischen Anleitung als Tisch-lerssohn mußte es schließlich ein Kinderspiel sein, die „Falle“ zu bauen, die wir Sebastian zu stellen gedachten. Wir besprachen, was wir benötigten, und rannten gleich los, zunächst ins Papierwarengeschäft, dann zu mir, denn mein Vater hatte mir im Keller eine Bastelwerkstatt eingerichtet. Aber da ging uns plötzlich auf, wir hatten das Wichtigste vergessen, nämlich die Brücke über den Bach zu vermessen. Also rannten wir mit einem Zollstock bewaffnet wieder hinaus ...

Unsere „Brücke“ belief sich auf zwei Bohlen, die wir vor Monaten auf einem Trümmergrundstücke gefunden und auf den Unterseiten durch zwei Querleisten miteinander verbunden hatten. Zufällig waren sie blau lackiert, was sich bis dahin gehalten hatte. Da das Wasser im Bach eher braun war, hob sie sich recht gut von diesem ab. Übrigens muß ich betone, daß wir uns bei dieser Gelegenheit, der Vermessung, auch noch einmal über die ungefährliche Beschaffenheit des Bachgrundes an dieser Stelle vergewisserten. Es gab hier weder tückische Steine noch Scherben; alles war ein sandiger Morast, in dem man bis zu den Fußknöcheln einsinken konnte.

Am nächsten Nachmittag gingen wir drei männlichen Bandenmitglieder zielstrebig durch den Obstgarten zum Bach. Wir hatten Sebastian etwas von einer „Erfindung“ an der Baumhütte erzählt, die wir ihm gerne vorführen würden. Seine Neugier war geweckt. Aber plötzlich tauchte Luisa aus dem Wäldchen auf, winkte abwehrend und rief über den Bach, den Sohn eines Arztes, der den Leuten blaue Augen haut, damit er mehr Patienten und mehr Geld bekommt, möge ihr bloß nicht unter die Augen treten, er möge vielmehr sofort verschwinden!

Sebastian quollen fast die eigenen Augen aus dem Kopf. „Bist du verrückt geworden?“ knurrte er. „Was hast du gesagt? Wem haut mein Vater was?“

Luisa wiederholte es, zog sich dabei aber schon wohlweis-lich ins Wäldchen zurück. Da stürmte Sebastian auf die Brücke los, um es der Zicke zu geben. Doch er hatte kaum einen Fuß auf die Brücke gesetzt, da machte es „Ratsch!“ – und der Ärmste schlug kopfüber durch die vermeintliche Brücke ins Wasser, daß es spritzte. Zunächst war er zu verdutzt, um zu klagen. Als er sich jedoch klatschnaß wieder aufrichtete, von blauen Papierfetzen umflattert, brüllte er wie am Spieß und hielt sich seinen linken Arm. „Ihr Schweine!“ fluchte und jammert er, während er ans Ufer kraxelte und aufs Ärztehaus zuwankte. „Ihr Schweine! Na, wartet nur ..!“

Daraufhin blickten wir uns halb triumphierend, halb betreten an – Karol und ich auf dieser, Luisa auf der anderen Seite des Baches. Jedenfalls, die Falle hatte funktioniert. Wir hatten aus alten Dachlatten einen sogar „auf Gehrung“ verfugten Rahmen im Format der Brücke gezimmert, mit blauem Drachenpapier bespannt und diese Attrappe dann mit den beiden Bohlen vertauscht.

Im folgenden lag die Empörung auf der Seite von Sebastians Vater, hatte sich doch sein Sprößling bei dem „Unfall“ am Bach den Arm gebrochen! Die Mutter mußte ihn ins Krankenhaus fahren. Der Vater aber unterbrach seine Praxis, um sofort den Tatort zu besichtigen und die FallenstellerInnen zur Rede zu stellen, die sich in ihrem Baumhaus verschanzt hatten. Er zitierte uns herab, damit wir ihn nicht etwa überragten. Dann schubste er uns zum Bach. „Wo habt ihr euer Teufelswerk?!“ grollte der Augenarzt, weil er am Bach nur die bekannte blaulackierte Bohlenbrücke entdecken konnte. So zogen wir kleinlaut die Trümmer unserer Attrappe aus einem Gebüsch. Wir hatten uns bereits beim Kriegsrat im Baumhaus dazu entschlos-sen, kein falsches Zeugnis wider Sebastian zu reden – schließlich hätten wir ihn auch glatt der Lüge bezichtigen können, 3:1!

Daraufhin wollte der Augenarzt wissen, ob wir von allen guten Geistern verlassen wären. Warum wir so etwas machten, und so weiter. Inzwischen hatte das ganze Aufsehen auch den Hausmeister herbeigelockt, Karols Vater. Ich erzählte die Geschichte mit der Ritze. Luisa bekannte, sie habe für eine Bestrafung Sebastians plädiert. Karol werde in der Schule schon genug zugesetzt, wegen seiner Kleinheit und so weiter. „Erst Dackelchen Polacke“, schimpfte sie, „dann Karol auf der Ritze!“

Zum Glück war der Augenarzt nicht der typischste Recht- und Machthaber seiner Sorte.* Er kratzte sich hinter seinem Brillenbügel. „Nun ja, Sebastian ist kein Engel, das räume ich ein … Aber wißt ihr auch, wie unangenehm ein gebrochener Arm ist?“

Wir konnten es uns ungefähr vorstellen und blickten betreten ins Gras. Doch da kam uns der Hausmeister zur Hilfe. Er sah mit verstülpten Lippen zwischen seinem Sohn und dem Augenarzt hin und her. „Alles, was recht ist, Herr Schlönnertz – der Bruch ist nach einigen Wochen verheilt. Aber wie steht es mit den Kränkungen, die sich manches Kind aufgrund seiner Herkunft oder seiner Armut oder seiner Schmächtigkeit gefallen lassen muß? Die bohren oft Jahrzehnte lang. Dadurch sorgen sie nur für neue Unsi-cherheit und viel Gram in dem gehänselten Menschen, wie Sie vielleicht zugeben werden.“

Gottseidank war der Augenarzt mit dem tüchtigen Hausmeister immer zufrieden gewesen, und auch gegen den etwas schüchternen, aber stets aufrichtigen Karol hatte er nichts. Deshalb nickte er versöhnlich und wendet sich zum Gehen, schließlich warteten seine Patienten:

„Da ist etwas dran, Herr Z. Also Schwamm darüber! Ich werde Sebastian ins Gewissen reden.“

Karols Vater begleitete den Arzt zum Haus. Wir drei Kinder setzten uns aufatmend auf die Brücke. Da waren wir ja noch einmal glimpflich davon gekommen. Ein Kriminalschriftsteller hätte meinen Bericht womöglich gelinde verschärft**, beispielsweise durch zerbrochene Bierflaschen und rostige Blechbüchsen im Bachbett, die ein hinterhältiger Nebenbuhler unserer Bande nachts dort versenkte, nachdem er von unserem Racheplan Wind bekommen hatte. Das hätte vielleicht einen interessanten Todesfall gegeben, etwa durch eine Blutvergiftung des eingebrochenen Sebastians – oder gar mehrer Todesfälle: zuzüglich Selbstmorde unter den schuldbewußten Tätern, einerlei wann. Ich dagegen wollte lieber bei der harmlosen Wahrheit bleiben. Dazu zählt, daß wir Sebastian damals doch irgendwie vermißten, von einem gewissen Mitleid einmal abgesehen. So entwickelten wir die Idee, ihn mit Blumen und Kuchen im Krankenhaus zu besuchen und bei dieser Gelegenheit, nach dem Austausch gegenseitiger Entschuldigungen, das Kriegsbeil zu begraben.

* weiterführende Literatur: hallo doktor bring uns (pdf, 14 KB)
** In diesem Sinne verfuhr ich etwa, vor rund 20 Jahren, in meiner Bott-Erzählung „Die Egge“.




Schlimmes von der Pfrimm

Neulich hatte ich bei Recherchen mit einem jüngeren Wissenschaftler zu tun, der aus Kirchheimbolanden stammt, inzwischen jedoch in Frankfurt/Main lebt. Die ganze Gegend ist mir einigermaßen vertraut. Das Städt-chen Kirchheimbolanden, Sitz des Donnersbergkreises, liegt westlich von Worms in der Pfalz. Im Gegensatz zu Ffm dürfte es bis auf weiteres keine Anschläge von islamischen oder texanischen Terroristen zu befürchten haben. Vor gut 20 Jahren, um 1997, überquerte ich öfter zielstrebig den Frankfurter Hauptbahnhofsvorplatz, um geradewegs in der Kaiserstraße zu verschwinden. In ihr wohnte meine frisch eroberte Geliebte B. Damals war ich ungefähr auf halbem Wege zwischen Worms und Ffm bei einem Raumausstatter des Hessischen Rieds angestellt. Nach Ffm fuhr ich stets mit der Bahn. Ansonsten jedoch überließ mir mein Chef für die Wochenenden unentgeltlich einen stets vollgetankten Firmenwagen, sodaß ich zwecks Wanderns und Vogelpirsch recht bequem in den Oden-wald, in die Rheinauen oder eben auf den Donnersberg kam. Mit knapp 700 Metern gilt er als die höchste Erhebung der Pfalz. Die Aussicht ist glänzend, falls man weder an Liebeskummer noch Wut auf seinen Chef leidet. Mit B. fuhr ich selten Auto, obwohl sie einen nagelneuen VW Golf GTI ihr Eigen nannte, eine echte Rakete. Dies alles ist mir heute ziemlich peinlich. Es läßt sich aber weder rückgängig machen noch vergessen.

Auf dem Weg zum Donnersberg streifte ich das Pfrimmtal – und damit das eindrucksvolle Überbleibsel der Marnheimer Eisenbahnbrücke, das beinahe wie ein antiker Tempel jäh aus dem Talgrund ragt. Es besteht aus drei engen, hohen Rundbögen, aus hellem Stein gemauert und liebevoll verziert. Man erzählte mir, unsere glorreiche Wehrmacht habe die Pfrimmtalbrücke, auch Viadukt genannt, Ende März 1945 beim Rückzug selber gesprengt. Den Rest erledigten dann die „Rotgrünen“ von der Scharping-Schröder-Fischer-Bande um 2000. Dieses Zerstörungswerk ist erst kürzlich in einem empfehlens-werten Interview mit dem Buchautor* Arno Luik behandelt worden.

Im Alter wird man bußfertiger. So will ich die Gelegenheit nutzen, um einmal zu bekennen: meinem erwähnten Chef, ein wahrer Meister in seinem Beruf, habe ich sicherlich zuweilen unrecht getan, wenn ich mich allzu störrisch oder aufbrausend gegen sein autoritäres Gebaren verwahrte, in dem er leider gleichfalls Meister war. Möglicherweise prallten da zwei eher enge Stirnen aufeinander. Es läßt sich aber nicht leugnen, daß mein Chef „seinen Leuten“ auch Kameradschaftlichkeit entgegen brachte, womit ich etwa Anteilnahme, Hilfsbereitschaft, Humor meine. Ob diese Züge auch einem rezessiven oder faschistischen Ansturm standgehalten hätten, wage ich nicht einzuschät-zen. Als strenger Befürworter der „Leistungsgesellschaft“ war mein Chef wohl im Grunde Militarist, gerade so wie jene Leute, die die Pfrimmtalbrücke sprengten. Vielleicht hat ihn das Alter ja milder gestimmt. Auf seinen eisenharten Erzeuger, der damals noch häufig in die Werkstatt kam, trifft das zu.

Wer mehr oder weniger unvoreingenommen über den Rand des Hessischen Rieds hinausblickt, wird ringsum ein Trommelfeuer aus „Sanktionen“ sehen. Auf allen Ebenen wird unablässig gedroht und gestraft. Ich brachte meine zunehmende „Bußfertigkeit“, damit Schlechtes Gewissen und Reue ins Spiel. Wie ich höre, glauben viele Psycho-logen, Unter- oder Hintergrund des schlechten Gewissens sei die Angst, bei Verfehlungen aus der Gemeinschaft verstoßen zu werden. Doch sie schwingen sich selten zu dem Schluß auf, demnach werde die Gemeinschaft von der Androhung von „Sanktionen“ zusammengehalten. In meinem jüngsten Kurzroman bemerkt eine Rätin einmal im Gespräch mit den beiden Journalisten aus der Schweiz: „Das Strafen kommt aus dem Gewaltverhältnis Vater–Sohn, Gott–Schafskopf, Staat–BürgerIn, wie Bak einmal irgendwo schrieb.“ Solange es die Gesellschaft nicht schafft, die Begierde nach Machtausübung oder der eigenen Unterwerfung schon von der Wiege an trocken zu legen, wird die allgemeine Militarisierung der Menschheit, die wir seit wenigen Jahrtausenden beobachten können, niemals zu bremsen sein. Das aber wäre allenfalls auf Inseln zu bewerkstelligen – in den berüchtigten „Nischen“ dieses Planeten, die man wahrscheinlich inzwischen selbst mit der Lupe nicht mehr finden wird.

Leider kann ich mich auch in dieser Hinsicht: „antiauto-ritäres Verhalten“ betreffend, nicht gerade als Vorbild anpreisen. Ich bin ein Knecht meiner Erziehung – und diese brachte mich offensichtlich porentief auf den Geschmack am Herrischen. Kürzlich stand ich wieder beim Kartoffelsortieren an der kleinen, etwas abschüssigen Rollbahn in H.s Fröttstädter Scheune. Ich war in der Mitte postiert. Diesmal lud ein Neuling an der Kartoffelgabel auf, ein freundlicher sehniger Mann um 30. Nachdem er mir einige Kartoffelberge vor die Nase gesetzt hatte, knurrte ich „spontan“ und damit entsprechend wenig freundlich: „Nicht immer hier, bitte! Wenn du alles in der Mitte aufhäufst, sieht man doch vor lauter Bergen keine Kartoffeln mehr. Wie soll man da sortieren?“ Es war eine klare, kränkende Zurechtweisung, wie sich auch gut auf dem Gesicht des Mannes an der Gabel ablesen ließ. Ein geschulter Kommunarde hätte stattdessen unbedingt einen mit „vielleicht“ eingeleiteten oder mit einem Fragezeichen beschlossenen Vorschlag bevorzugt, somit dem Neuling an der Brücke eine Brücke gebaut. Immerhin, das Gesicht des Gerügten, ein Gemisch aus Schuldbewußtsein und Verletztheit, ging mir nach. In Wahrheit liegt die Schuld auf meiner Seite – will man nicht meinen Erzeuger Rudi, meinen Großvater Heinrich (Lehrer und Hauptmann der Wehrmacht), den erwähnten Chef oder ganz allgemein die Unfreiheit des Willens zu meiner Entlastung bemühen.

Dummerweise bin ich kein Anthroposoph. Wäre ich nämlich einer, könnte ich mich an die Hoffnung klammern, in meinem nächsten Leben bekäme ich günstigere Karten. Oder zählt die Reue des Sünders nach dem Tode keinen Pfifferling? Wird er an dem Föderband, das ihn durch die Himmelspforte schafft, gnadenlos als schlechte Kartoffel aussortiert? Ab mit ihm in den Eimer da links, den kippen wir in den Trog unsrer Schweine ...

* Schaden in der Oberleitung, Ffm 2019, Interview auf den NachDenkSeiten



Meine tausend DruckerInnen

Meine denkbar schlechten Aussichten auf dem Buchmarkt sind bekannt. Ende September fiel mich daher die Idee an, sämtliche 20 AZ-Bände als grundsätzlich kostenlose PDFs anzubieten, die ich Interessierten (einzeln) als Email-Anhang oder (geballt) auf einem SD-Speicherkärtchen auf dem herkömmlichen Postweg zukommen lassen kann. Für die zweite Lösung gedenke ich 5 ½ Euro zu berechnen.

Die Idee hätte mir vielleicht auch schon früher kommen können, aber ich bin nun einmal kein mit allen Wassern gewaschener alter IT-Hase. Das zeigt sich derzeit auch bei der aufwendigen Formatierungsarbeit, die ich meinen Blog-Vorlagen angedeihen lassen muß. Einige erheblich erleichternde Generalbefehle, etwa zur Entfernung und Ersetzung von Webseiten-typischen Absatzmarken, hatte ich mir erst mühsam aus dem Internet zu fischen. Durch die Formatierung im ganzen gewinnen die PDFs den ersten Vorteil meiner Unternehmung: gute Lesbarkeit. Der zweite Vorteil liegt „natürlich“ darin, daß die PDFs von allen Bildschirmfeinden auch vergleichsweise bequem ausdruckbar sind. Ich meine damit, bequem für den Empfänger der PDFs – und noch ungleich bequemer für mich, der seine Finger nur fürs Klicken auf „absenden“ rühren muß.

Damit hätte ich die Kosten, Mühen und Risiken des Druckens mehr oder weniger elegant von mir oder der sehr fragwürdigen Verlags- und BoD-Branche auf meine Leser-Innen abgewälzt. Allerdings nehme ich mir vor, ungefähr drei Exemplare der AZ auch selber ausdrucken und vielleicht sogar binden zu lassen. Ich will sie für Strom- oder andere krasse IT-Ausfälle in meinem Bekanntenkreis streuen. Ein Exemplar wird an Emmanuel Comte gehen, den Herren der südwestfranzösischen Burg Malevil. Vielleicht wird es in deren Kellergewölben sogar den Ein-fall der berüchtigten Obamamarsmännchen überstehen.

Dummerweise bringe ich es nicht übers Herz, meine 20, schon durchaus öfter korrekturgelesenen Buchmanu-skripte beim Umformatieren nur eben „durchzusehen“. Denn dabei wird erfahrungsgemäß gar zu viel übersehen. Die PDFs kann ich später noch notfalls ändern, die eigenhändig gestreuten Ausdrucke jedoch nicht. Folglich liegen noch einige Monate des konzentrierten Lesens und Berichtigens vor mir. Ihr Abschluß wäre das Anlegen des auf Seitennummern umgestellten Registers. Alles zusammengenommen stellt nicht meine erste Herkules-arbeit dar, aber vielleicht die letzte.
°
°