Montag, 2. Dezember 2019
Karol auf der Ritze
Geschrieben 2014/19

Wie ich der Presse entnehme, ist Sebastian Schlönnertz in irgendeinem nordrhein-westfälischen Wahlkreis in den Bundestag gewählt worden. Ein Foto zeigt ihn, wohl eher zufällig, beim Anheben seines mit Stimmkarte bewaffneten linken Arms. Vermutlich wurde es bei einem Parteitag aufgenommen. Sebastians Arm wirkt auf dem Foto keineswegs lahm oder verkrüppelt, vielmehr kühn gereckt und gesund. Das war nicht immer der Fall, wie ich vielleicht endlich einmal berichten sollte. Schließlich war ich damals Augenzeuge des unglücklichen Geschehens, ja sogar Mittäter.

Der schmächtige Karol, der meinem Bericht den Titel geben wird, war damals 11. Seine Eltern (Tomasz und Katarzyna) stammten aus Polen. Sein Vater, ursprünglich Elektriker in einem polnischen Kraftwerk, arbeitete aber nun als Hausmeister im Ärztehaus unseres Städtchens. Die Mutter arbeitete in der Kantine der Gummiwerke. Die ganze Familie wohnte im „Souterrain“, also ungeschminkt ausgedrückt, im Keller des Ärztehauses. Immerhin schloß sich da ein Obstgarten an, der zu einem Bach abfiel, und am anderen Ufer in ein Wäldchen überging. Man konnte hier gut spielen, außer Fußball, wegen der Bäume. Deshalb fanden sich öfter Nachbarskinder oder Klassenkameraden von Karol ein, obwohl er „aus dem Osten“ war. Genauer gesagt, waren es hauptsächlich drei: Luisa, Sebastian und ich. Wir hatten eine Bande gegründet, die Baumhütten-bande. Der Vornehmste unter uns war just Sebastian, inzwischen frischer Bundestagsabgeordneter. Er war ein Sohn des im Ärztehaus praktizierenden Augenarztes. Sie wohnten natürlich in einer Villa am Schloßberg, und Sebastian fuhr bereits täglich ins Gymnasium der Kreisstadt. Wir nahmen ihn auf, obwohl er seine Nase schon damals ziemlich hoch trug. Karols bester Freund war ich, Sprößling eines Tischlers. Unsere Baumhütte hatten wir in dem erwähnten Wäldchen gebaut. Wollte man sich vor allerlei Zudringlichkeiten schützen, konnte man mit Hilfe eines Taus, das über eine hohe Astgabel lief, die Leiter einziehen. Das nützte unserem einzigen weiblichen Bandenmitglied Luisa natürlich wenig, kamen die Anstürme doch eher von uns, voran Sebastian, dem sie sogar einmal eine knallte, daß er fast aus dem Baum gefallen wäre. Sie war unsere Rapunzel. Sie hatte das dazu erforderliche lange blonde Haar.

Wir nähern uns der Tatzeit, Mitte September. Karol hatte die jüngsten Sommerferien bei seinen Großeltern in Polen verbracht. Sie lebten in der großen Stadt Lublin zur Miete in einer engen Wohnung. Da Luisa es ganz genau wissen wollte, mußte Karol erzählen, wie die Stadt aussieht, das Mietshaus und so weiter. Wir saßen zu viert auf unserer Bachbrücke, auf jeder Seite zwei, und ließen die nackten Füße ins Wasser baumeln, weil der September noch warm war. Luisa saß neben Karol. Jetzt wünschte sie sogar zu erfahren, wo und wie er bei seinen Großeltern geschlafen habe, wenn die Wohnung doch nur zwei Zimmer und eine enge Küche aufweise. Ob er vielleicht im Wohnzimmer auf dem Sofa geschlafen hätte, das machte sie selber zuweilen bei ihrer Patentante.

Nein, die Großeltern hätten kein Sofa, sie hätten ein wuch-tiges „Büfeh“ aus Eiche, das den ganzen Platz wegnehme. – Wo er denn dann geschlafen hätte? – Karol druckste etwas herum und erwiderte kleinlaut, auf der Ritze. Darauf Sebastian in seinem Rücken: „Auf der Ritze ..? Ich glaube, Karol macht Witze!“

Karol erklärte es, obwohl er schon ahnen mochte, er werde in der Achtung des Augenarztsohnes nur immer tiefer sinken, bis auf den Bachgrund. Die Großeltern hätten in ihrem Schlafzimmer ein sehr großes und breites Ehebett, und zwischen den beiden Betthälften gäbe es halt „eine Ritze“, auf der man, als Kind, ganz gut schlafen könne, sofern sie vorher ausgestopft und abgepolstert werde.

Sebastian prustete, malte sich und uns anderen diese ärmliche Angelegenheit aus, hakt nach: „Und wenn dein Opa plötzlich gepubst hat, wo hast du dich denn dann verkrochen, wenn die Ritze doch verstopft war ..?“

Das saß natürlich, zumal es auch auf Karols Schmächtig-keit anspielte. Er wurde über und über rot. Um ihn zu trösten, streichelt ihm Luisa den nackten Oberschenkel. Wir trugen ja alle noch kurze Hosen. Aber diese freundschaftliche Geste verschlimmerte Karols Pein noch eher, weil er von Natur aus nicht nur schmächtig, sondern auch etwas schüchtern war. Er verließ uns nun mit der gemurmelten Erklärung, er müsse leider schon nach Hause, der Mutter was helfen. Daraufhin rückten Luisa und meine Wenigkeit immerhin von dem Schmäher Sebastian ab, sodaß sich dieser ebenfalls trollte, wenn auch mit überheblichem Achselzucken.

Wie mir Jahre später einmal Karols Eltern erzählten, war ihr Sprößling an jenem Abend recht bedrückt gewesen, wen wundert es. Sie erkundigten sich beim Abendbrot, was er habe. Er konnte es schlecht erklären. Schließlich habe er zurückgefragt, ob es eine Schande sei, bei den Großeltern auf der Ritze zu schlafen. Wie er darauf komme? Karol erzählte es. Die Eltern schüttelten ihre Köpfe. Selbstver-ständlich sei es keine Schande, denn nicht jeder habe das Glück, in der Villa eines Augenarztes aufzuwachsen. Eher sei das eine Schande, daß die Chancen so ungleich und so willkürlich verteilt seien. So erzählten sie‘s mir.

Es dauerte keine 24 Stunden, da hatte sich Karols neuer Spitzname bei allen Schul- und Spielkameraden herum-gesprochen: „Da kommt Karol auf der Ritze ...“ Wie sich versteht, konnte ihn nur Sebastian in Umlauf gesetzt haben. Karol litt unter der Hänselei. Auch Luisa und ich und manche andere waren empört. Luisa hatte zudem eine Art von schlechtem Gewissen, weil sie es ja gewesen war, die Karol mit Fragen nach der großelterlichen Wohnung zugesetzt hatte. Wir hockten zu dritt in der Baumhütte. Da fiel Luisas Blick auf einen Fetzen von buntem Pergament-papier, der noch vom letzten Herbst her in dem alten Birnbaum hing, gleich unweit der Brücke. Sie murmelte:

„Vielleicht sollten wir wieder einen Drachen bauen. Aber dieses Mal nicht für die Luft! Wir könnten Sebastian einen schönen Denkzettel verpassen ...“

Ich war von Luisas Idee sofort begeistert. Wir zogen Karol mit. Unter meiner fachmännischen Anleitung als Tisch-lerssohn mußte es schließlich ein Kinderspiel sein, die „Falle“ zu bauen, die wir Sebastian zu stellen gedachten. Wir besprachen, was wir benötigten, und rannten gleich los, zunächst ins Papierwarengeschäft, dann zu mir, denn mein Vater hatte mir im Keller eine Bastelwerkstatt eingerichtet. Aber da ging uns plötzlich auf, wir hatten das Wichtigste vergessen, nämlich die Brücke über den Bach zu vermessen. Also rannten wir mit einem Zollstock bewaffnet wieder hinaus ...

Unsere „Brücke“ belief sich auf zwei Bohlen, die wir vor Monaten auf einem Trümmergrundstücke gefunden und auf den Unterseiten durch zwei Querleisten miteinander verbunden hatten. Zufällig waren sie blau lackiert, was sich bis dahin gehalten hatte. Da das Wasser im Bach eher braun war, hob sie sich recht gut von diesem ab. Übrigens muß ich betone, daß wir uns bei dieser Gelegenheit, der Vermessung, auch noch einmal über die ungefährliche Beschaffenheit des Bachgrundes an dieser Stelle vergewisserten. Es gab hier weder tückische Steine noch Scherben; alles war ein sandiger Morast, in dem man bis zu den Fußknöcheln einsinken konnte.

Am nächsten Nachmittag gingen wir drei männlichen Bandenmitglieder zielstrebig durch den Obstgarten zum Bach. Wir hatten Sebastian etwas von einer „Erfindung“ an der Baumhütte erzählt, die wir ihm gerne vorführen würden. Seine Neugier war geweckt. Aber plötzlich tauchte Luisa aus dem Wäldchen auf, winkte abwehrend und rief über den Bach, den Sohn eines Arztes, der den Leuten blaue Augen haut, damit er mehr Patienten und mehr Geld bekommt, möge ihr bloß nicht unter die Augen treten, er möge vielmehr sofort verschwinden!

Sebastian quollen fast die eigenen Augen aus dem Kopf. „Bist du verrückt geworden?“ knurrte er. „Was hast du gesagt? Wem haut mein Vater was?“

Luisa wiederholte es, zog sich dabei aber schon wohlweis-lich ins Wäldchen zurück. Da stürmte Sebastian auf die Brücke los, um es der Zicke zu geben. Doch er hatte kaum einen Fuß auf die Brücke gesetzt, da machte es „Ratsch!“ – und der Ärmste schlug kopfüber durch die vermeintliche Brücke ins Wasser, daß es spritzte. Zunächst war er zu verdutzt, um zu klagen. Als er sich jedoch klatschnaß wieder aufrichtete, von blauen Papierfetzen umflattert, brüllte er wie am Spieß und hielt sich seinen linken Arm. „Ihr Schweine!“ fluchte und jammert er, während er ans Ufer kraxelte und aufs Ärztehaus zuwankte. „Ihr Schweine! Na, wartet nur ..!“

Daraufhin blickten wir uns halb triumphierend, halb betreten an – Karol und ich auf dieser, Luisa auf der anderen Seite des Baches. Jedenfalls, die Falle hatte funktioniert. Wir hatten aus alten Dachlatten einen sogar „auf Gehrung“ verfugten Rahmen im Format der Brücke gezimmert, mit blauem Drachenpapier bespannt und diese Attrappe dann mit den beiden Bohlen vertauscht.

Im folgenden lag die Empörung auf der Seite von Sebastians Vater, hatte sich doch sein Sprößling bei dem „Unfall“ am Bach den Arm gebrochen! Die Mutter mußte ihn ins Krankenhaus fahren. Der Vater aber unterbrach seine Praxis, um sofort den Tatort zu besichtigen und die FallenstellerInnen zur Rede zu stellen, die sich in ihrem Baumhaus verschanzt hatten. Er zitierte uns herab, damit wir ihn nicht etwa überragten. Dann schubste er uns zum Bach. „Wo habt ihr euer Teufelswerk?!“ grollte der Augenarzt, weil er am Bach nur die bekannte blaulackierte Bohlenbrücke entdecken konnte. So zogen wir kleinlaut die Trümmer unserer Attrappe aus einem Gebüsch. Wir hatten uns bereits beim Kriegsrat im Baumhaus dazu entschlos-sen, kein falsches Zeugnis wider Sebastian zu reden – schließlich hätten wir ihn auch glatt der Lüge bezichtigen können, 3:1!

Daraufhin wollte der Augenarzt wissen, ob wir von allen guten Geistern verlassen wären. Warum wir so etwas machten, und so weiter. Inzwischen hatte das ganze Aufsehen auch den Hausmeister herbeigelockt, Karols Vater. Ich erzählte die Geschichte mit der Ritze. Luisa bekannte, sie habe für eine Bestrafung Sebastians plädiert. Karol werde in der Schule schon genug zugesetzt, wegen seiner Kleinheit und so weiter. „Erst Dackelchen Polacke“, schimpfte sie, „dann Karol auf der Ritze!“

Zum Glück war der Augenarzt nicht der typischste Recht- und Machthaber seiner Sorte.* Er kratzte sich hinter seinem Brillenbügel. „Nun ja, Sebastian ist kein Engel, das räume ich ein … Aber wißt ihr auch, wie unangenehm ein gebrochener Arm ist?“

Wir konnten es uns ungefähr vorstellen und blickten betreten ins Gras. Doch da kam uns der Hausmeister zur Hilfe. Er sah mit verstülpten Lippen zwischen seinem Sohn und dem Augenarzt hin und her. „Alles, was recht ist, Herr Schlönnertz – der Bruch ist nach einigen Wochen verheilt. Aber wie steht es mit den Kränkungen, die sich manches Kind aufgrund seiner Herkunft oder seiner Armut oder seiner Schmächtigkeit gefallen lassen muß? Die bohren oft Jahrzehnte lang. Dadurch sorgen sie nur für neue Unsi-cherheit und viel Gram in dem gehänselten Menschen, wie Sie vielleicht zugeben werden.“

Gottseidank war der Augenarzt mit dem tüchtigen Hausmeister immer zufrieden gewesen, und auch gegen den etwas schüchternen, aber stets aufrichtigen Karol hatte er nichts. Deshalb nickte er versöhnlich und wendete sich zum Gehen, schließlich warteten seine Patienten:

„Da ist etwas dran, Herr Z. Also Schwamm darüber! Ich werde Sebastian ins Gewissen reden.“

Karols Vater begleitete den Arzt zum Haus. Wir drei Kinder setzten uns aufatmend auf die Brücke. Da waren wir ja noch einmal glimpflich davon gekommen. Ein Kriminalschriftsteller hätte meinen Bericht womöglich gelinde verschärft**, beispielsweise durch zerbrochene Bierflaschen und rostige Blechbüchsen im Bachbett, die ein hinterhältiger Nebenbuhler unserer Bande nachts dort versenkte, nachdem er von unserem Racheplan Wind bekommen hatte. Das hätte vielleicht einen interessanten Todesfall gegeben, etwa durch eine Blutvergiftung des eingebrochenen Sebastians – oder gar mehrer Todesfälle: zuzüglich Selbstmorde unter den schuldbewußten Tätern, einerlei wann. Ich dagegen wollte lieber bei der harmlosen Wahrheit bleiben. Dazu zählt, daß wir Sebastian damals doch irgendwie vermißten, von einem gewissen Mitleid einmal abgesehen. So entwickelten wir die Idee, ihn mit Blumen und Kuchen im Krankenhaus zu besuchen und bei dieser Gelegenheit, nach dem Austausch gegenseitiger Entschuldigungen, das Kriegsbeil zu begraben.

* weiterführende Literatur: hallo doktor bring uns (pdf, 14 KB)
** In diesem Sinne verfuhr ich etwa, vor rund 20 Jahren, in meiner Bott-Erzählung „Die Egge“.

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