Freitag, 27. September 2019
Zeit der Luchse Teil IV


14

Von Husi aus war die Schwarzmeerküste keine acht Kilometer entfernt. Wie sich versteht, ging die Fahrt zunächst bergab. Sie hatten vier Kinder mitgenommen: neben Constantina drei Jungen ähnlichen Alters, um sechs. Je zwei von den Kindern saßen abwechselnd mit einem Erwachsenen auf dem Kutschbock oder unter den ringsum hochgerollten Planen des Wagens. Das heißt, dort hüpften und rollten sie eher umher. Es war ein Heidenspaß.

Als der Bergwald den Blick aufs Meer freigab, staunten zumindest die Jungen. Freilich kam rasch die nach Enttäuschung klingende Frage, warum das Meer so blau sei, wenn es doch schwarzes heiße? Das konnte ihnen hier keiner verraten. Norbert und Veta lachten, und sie lachten sich dabei nicht zum letzten Mal an.

Die Begeisterung Constantinas hielt sich in Grenzen. Auch der Strand aus hellem, feinen Sand, der sich von eher sanften Wellen der endlos wirkenden Bläue belecken ließ, erweckte keinen Jubel in dem blonden Mädchen. Als die Jungen aber kreischend durchs seichte Wasser pflügten, natürlich nackt, ließ sie sich anstecken. Wahrscheinlich war das nur erblickte Phänomen „Meer“ noch entschieden zu groß, zu weit für ihr Begriffsvermögen. Daß das Wasser spritzte und etwas salzig schmeckte, spürte sie dagegen durchaus. Und mit dem feuchten Sand konnte man sich gegenseitig auf die Wangen oder den Hintern klatschen. Das nannte ein Junge, der Corneliu hieß, „küssen“.

Hier und dort waren Grüppchen von Einheimischen zu sehen, aber den üblichen Badebetrieb gab es selbstver-ständlich weder an dieser Stelle noch sonstwo an der mollowinischen Küste. Dazu mußte man nach Bulgarien fahren. Dieser Mangel an Trubel stellte ohne Zweifel ein Gewinn vieler Vögel dar. Norbert bekam etliche Kormorane, einen herabstoßenden Fischadler, sogar einen Pelikan in Seans Glas. Der langschnäblige Vogel ruderte auf seinen mächtigen, breiten Schwingen gemächlich gen Norden. Vielleicht wollte er zur Kus-Mündung. Dort oben lag auch, das wußte Norbert, ein Fischerdorf der Republik, und in dessen Nähe der russisch betriebene Bernstein-Tagebau, den er später noch mit Sean zu besichtigen gedachte.

Dummerweise prickelte Norberts entblößte Haut nicht nur von Luft und Sonnenschein. Schließlich war Veta ebenfalls nackt, und ihre betörende Weiblichkeit rüttelte doch stark an dem Organ, das in den Augen Cornelius ein „Puller“ war, falls Norbert die Bezeichnung richtig verstanden hatte. In den größten Minuten der Anfechtung behalf sich der Züricher Tribune-Korrespondent damit, sich auf den Bauch zu legen oder einen Abortgang zu den Felsbrocken und Gebüschen des niedrigen Steilufers vorzutäuschen. Die Felsen waren übrigens daran schuld, daß an diesem Platz keine Uferschwalben zu sehen waren. Diese kleinen braunen Flitzer pflegten ihre Brutröhren in erdigen Steilufern anzulegen. Da schossen sie dann hinein und wieder heraus. Offenbar wimmelte dieser Planet von Anzüglichkeiten, dachte Norbert, und irgendwie scheint die ganze Schöpfung dem biblischen Befehl zu gehorchen, fruchtbar zu sein und sich zu mehren. Nur kamen dann zuweilen auch „Constantinas“ dabei heraus. Dieser Gedanke war betrüblich, aber im Augenblick auch hilfreich ernüchternd.

Veta hatte ihm zwar, von Zeichensprache unterstützt, versichern können, sie sei des Schwimmens mächtig, doch wegen ihrer vier Kinder verkniffen es sich beide, weit hinaus in tieferes Wasser zu laufen. Veta gab ihm Sprachunterricht. Nach „schwimmen“ lernte er „hungrig“ und sogar ein paar Namen der Picknick-Bestandteile, die sie nach einiger Zeit auspackten und für die Kinder auf einem Tuch anrichteten, das noch weißer als der Sand war – noch jedenfalls. Die zwei Braunen, die sie oberhalb der Felsen und Gebüsche mit langen Leinen an einer Kiefer festgebunden hatten, mußten sich mit einigen dürren, versengten Gräsern begnügen. Sie hängten ihnen später die Futtersäcke mit Hafer um und ließen sie aus einem Ledereimer Süßwasser saufen. Solches Wasser hatten die Schweizer stets dabei. Es schwappte in einem großen verschließbaren Lederbeutel, der im Planwagen an einem Holmen hing. Das war IndianerInnenart.

Sie blieben rund drei Stunden am Schwarzmeerstrand. Als sie wieder heimwärts zockelten, verzogen sich alle vier Kinder bald nach hinten auf die Strohsäcke, und wen wundert es, nach kurzer Zeit waren sie allesamt eingeschlummert, um sich von den Anstrengungen des Bade- und Picknickvergnügens zu erholen. Veta kletterte zu Norbert, der gerade die Leinen führte, auf den Kutschbock. Sie deutete hinter sich. Norbert sah sich kurz um und lächelte Veta an, denn die schlafende Bande war ja ein hübsches Bild. Da schmiegte sie sich plötzlich an ihn. Er hätte fast die Leinen verloren. Aber er konnte diese Geste der Zuneigung schlecht unbeantwortet lassen. Er küßte ihren blonden Schopf, dann ihren sinnlichen, lüsternen Mund. Er wäre beinahe den Kutschbock hinabgeschmolzen, doch sie schafften es noch ohne Verkehrsunfall bis nach Hause. Diesmal hatte Sean das Nachsehen: die kommende Nacht im Planwagen gehörte ihm allein.



15

Das Bauen im Wald gefiel Sean, und da es sich über drei Tage erstreckte, hatte Norbert Muße genug, um sich mit Veta, Constantina und anderen Dorfbewohnern – freilich auch mit seinen Gefühlen für die beiden Erstgenannten zu beschäftigen. Wenn man so will, waren die beiden Frauen von seinen Gefühlen ähnlich umstritten wie das Einrichten sogenannter Lebendfallen für Wildschweine oder wie die Jagd überhaupt. In einem getarnten, bewachten Korral gelandet und gefangen, der ihnen die letzten Lebensstunden mit köstlichem Lockfutter und echten eingepflanzten Bäumchen versüßte, ließen sich die Wildschweine vergleichsweise bequem und sozusagen totsicher abschießen, wie die HusianerInnen glaubten. Försterstochter Veta glaubte es auch. Selbst die LDV der Republik hatte daran geglaubt, also ihr Einverständnis gegeben, die Veterinärin Raluca eingeschlossen. Man hielt die Qual der Tiere, oft ganze Rotten, für gering; den Nahrungsbedarf der Republik dagegen für groß.

Als er einmal mit Norbert, Veta und anderen beim Mittagessen in der GO Schlangenadler über das Thema Jagd sprach, ereiferte sich Sean über die dummdreiste Heuchelei des mit Hausschweinefleisch gemästeten mitteleuropäischen Bürgers und Politikers, der sein Herz für die Natur, für wilde Tiere und insbesondere für niedliche gestreifte Frischlinge entdeckt hatte. Veta pflichtete ihm bei. Für sie war es „natürlich“, sich als ziemlich hilfloser Zweibeiner aller leicht erreichbaren Früchte der Natur zu bedienen, ob Walnuß oder Wildschwein. Mordlust und Folterpläne lagen ihr fern; das konnte Norbert bedingt bestätigen. Das Gebot der Schonung kenne sie als Försterstochter durchaus, es gelte jedoch für sämtliche Eingriffe in die Natur. Sie erinnerte Norbert an die Anekdote mit dem kleinen Haselnuß-blattabschläger, die auf diese Weise auch Sean zu Ohren kam, der sie „reizend“ fand und am liebsten gleich auf Papier skizziert hätte, nach Art einer Karikatur. Später tat er das auch. Die Karikatur nebst einem Porträt von Constantina würde in dem Buch erscheinen, das er mit Norbert plante. Veta fuhr fort, den Eingriff in die Bernsteinvorkommen an der Küste, den Tagebau der Russen also, mit Baggern, die riesige Zähne besäßen, komme ihr nicht gerade milder als das Umhauen einer Lärche für Bauholz vor. Was alle verschiedenen Opfer des Fressens und Gefressenwerdens in der Natur empfänden, könne man als Mensch ja sowieso nicht wirklich beurteilen. Das habe jedenfalls ihr Vater behauptet. Der Mensch sei in seiner zufälligen Existenz- und Urteilsform gefangen wie das Wildschwein im Korral, sagte sie spitzbübisch lächelnd. Diesen Aufschwung seiner neuen Geliebten in das Reich von Ethik und Metaphysik hätte Norbert kaum erwartet. Er sprach jetzt schon erheblich besser Meidunisch, und auch diesen Liebesdienst verdankte er ihr.

Einige Tage nach dem Ausflug erzählte sie ihm von einem bedauerlichen Vorfall an der nördlich vom Kus gelegenen Küste, der im Frühjahr im Kurier geschildert worden war. Ein Kerl aus der russischen Kolonie hatte eine Bewohnerin des Fischerdorfs überfallen und vergewaltigt. Großes Entsetzen ringsum. Immerhin war der Täter ertappt und von der Leitung der russischen Kolonie eingesperrt worden. Der Schiedsrat des Fischerdorfes hatte inzwischen mit dem schnellsten Pferd, das er auftreiben konnte, das Rathaus Kusmu alarmiert. Sie fuhren sofort in einer Kutsche hin: der örtliche Schiedsrat, der leidlich Russisch sprach; eine Ärztin aus Kusmu; Fila Peptan, die Rätin für Auswärtiges; und selbstverständlich Landes-Schiedsrat Mihail Bak. Sie kümmerten sich zunächst um das Opfer. Zum Glück war die Frau nicht schwanger geworden. Dann verhandelten sie mit den leitenden Russen. Die waren ganz auf ihrer Seite. Man habe der versammelten Belegschaft sofort eine Standpauke gehalten wegen dieses unverzeihlichen Übergriffs gegen ihre GastgeberInnen und Freunde, versicherten sie eben diesen. Selbstverständlich werde der Täter mit dem nächsten Frachtschiff nach Sankt Petersburg gebracht. Und dort werde er erfahrungsgemäß nicht gerade mit Samthandschuhen angefaßt, das könnten sie glauben. Das aber schmeckte der Delegation aus Kusmu trotz aller Wut nicht einwandlos. Sie bemühten sich, den russischen Offizieren und Ingenieuren ihre Auffassung nahezubringen, wonach das übliche Bestrafen ein unmenschlicher, fruchtloser, ja sogar oft kontrapro-duktiver Unfug sei. Damit sei weder den Opfern, noch den Tätern, noch der Gesellschaft geholfen. Es war vergeblich. Die Russen winkten nachsichtig ab, klopften ihnen auf die Schultern und schenkten ihnen zum Abschied noch ein letztes Gläschen Wodka ein.

Zwei Tage nach dieser Erzählung wieder in Kusmu, kam Norbert im Gespräch mit Redakteur Charly und der Rätin für Bildung, Aneta Pillat, auf den Vorfall zurück. Eine Rätin für Justiz gab es ja nicht, weil es im Lande keine Justiz gab. Sie saßen in der Bücherei. Nach der Verfassung der Republik, die dort sogar als schmales gebundenes Büchlein im Regal stand, oblag das „Rechtswesen“ der Republik ausschließlich den jeweils Beteiligten und Betroffenen der „Rechtsfälle“. War die ganze Republik betroffen, nahmen sich eben der Landes-Schiedsrat und die LDV der Sache an. Schlug ein Vater in einer GO sein Kind, weil er seine sogenannte „Autorität“ geltend machen wollte, stellten ihn zunächst die Zeugen des Vorfalls zur Rede, und wenn das nicht half, kam die Sache aufs wöchentliche Plenum. In jedem Fall gab es jedoch keine „Strafe“. Sah der Täter seine Verfehlung ein, trug er sicherlich zur Wiedergutmachung bei – davon abgesehen, daß erwartet wurde, beim nächsten Streit schlage er sein Kind nicht mehr. Sah er sie nicht ein, mußte man abwarten und beobachten. „In krassen Fällen“, so die Bildungsrätin, „wird er vielleicht eingesperrt, vertrieben oder sogar von Betroffenen getötet, weil schon wieder die nächste Vergewaltigung droht. Aber das ist lediglich eine Schutz-, keine Strafmaßnahme. Die Strafe bessert nicht, und wenn sie lediglich ‚vergelten‘ oder ‚rächen‘ soll, ist sie kindisch. Das Strafen kommt aus dem Gewaltverhältnis Vater–Sohn, Gott–Schafskopf, Staat–BürgerIn, wie Bak einmal irgendwo schrieb. Damit wären wir wieder bei der Sache: Vater schlägt Kind, Kerl mißbraucht Frau ...“

Die Auffassung leuchtete Norbert ein. Wie er beispiels-weise Mihail Bak oder die unzimperliche Zureiterin Raluca einschätzte, waren sie entschieden „unabhängiger“ als jeder Richter oder Rechtsanwalt in der Schweiz oder in den Staaten. Sie hatten Charakter, Urteilsvermögen, Mut. Der schweizer oder US-Bürger versteckte sich hinter seinen Justizbürokraten, die ihm die Schmutzarbeit abnahmen und so ein ruhiges Gewissen bescherten, und die Justizbürokraten ließen sich vom „Gesetz“ decken, also von Buchstabengläubigkeit, Vater Staat und Gott Kapital. Die Schlichtung von Streit mußte bei den Zerstrittenen und ihren jeweiligen engen Nachbarn bleiben. Die Bearbeitung des Streitfalls war für die Beteiligten sicherlich mühsam und oft unangenehm. Aber nur auf diesem Weg konnte er als Lehrstück enden.

Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten, sagte Norbert: „Soweit ich bislang beobachten und erkunden konnte, verschmähten die Luchse schon immer die Ehe, und zumindest viele jüngere RepublikanerInnen halten es inzwischen genauso. Habe ich recht?“

Die beiden verdienten Revolutionäre nickten. Was solle das „Rechtsinstitut“ Ehe schon sichern? führten sie aus. Eigentumsverhältnisse. Den Besitz der beiden Gatten aneinander; ihren Besitz an den Kindern; ihr fragwürdiges Erbe für den Fall, sie sterben. Nein, unter freien Menschen, die in einer größeren solidarischen Gemeinschaft verwurzelt sind, sei die Ehe überflüssiger und schädlicher als ein Gipsverband für eine 22 Jahre alte, gutgewachsene Eiche.

Die „Eiche“ hatte Charly eingebracht. Er hätte auch eine Kastanie nehmen können, dachte Norbert auf dem Nachhauseweg ins Gestüt, wo mittlerweilen ihr Planwagen stand. Er hatte sich wieder ein Fahrrad geliehen. Es war jetzt Mitte Juni. Nicht wenige Leute kannten ihn bereits flüchtig und winkten ihm zu. In Husi hatte Sean plötzlich geschimpft, er könne nicht mehr so lange warten, bis die Wildschweine in die schöne Falle gingen, die er mitgebaut hatte. Seine Falle sei Raluca. Er wolle zu ihr, er vermisse sie schmerzlich. Norbert ließ sich schließlich breitschlagen, obwohl er gleichfalls Trennungsschmerz befürchtete. Solange er in Reichweite von Vetas Armen sei, bringe er wohl seinen zweiten Artikel nie aufs Papier, und abtippen müsse er ihn ja sowieso. Auch sonst sei ein bißchen Distanz zu Veta und ihrer knuffigen Tochter nicht das Schlechteste. Schließlich sei er ein verheirateter Mann.

Dazu grinste Sean lediglich.

Als sie bereits mit ihrem Gespann auf dem vorderen Hof der GO Schlangenadler standen und verschiedene Hände oder Busen drückten, kam Constantina angetapst und schob ein paar noch recht winzige grüne Stachelfrüchte auf das Fußbrett ihres Kutschbocks. „Sind klein Igel“, sagte sie verschmitzt, „klein Igel für groß Füß.“ Das war ihr Geschenk an die Männer. Sie hatte die jungen Kastanien von einem zweirädrigen Karren aus von der dicken Hofkastanie bezogen. Die Männer herzten das „behin-derte“ Kind, stiegen auf und fuhren unter Kopfschütteln vom Hof, ohne sich noch einmal umzusehen.



16

Das ehemalige Herrenhaus des Gestüts besaß einen Hinterhof, der in den Garten der GO überging. In diesem Hof durften sie ihren Planwagen parken. Sean war meist unterwegs oder schlief in Ralucas Zimmer. Norbert schrieb. Man hatte ihm sogar einen kleinen Klapptisch mit Stuhl besorgt. Aus der großen Küche drang Geklapper oder Gelächter, das war nicht die schlechteste Musik. Auf den Koppeln wieherten die Gäule. Zudem hauste eine Turteltaube fast unmittelbar über Norberts Kopf in der breiten Krone einer schon recht alten Zitterpappel. Ging ein leiser Wind, mischte sich das Wispern der herzförmigen Pappelblätter mit dem inbrünstigen Schnurren der Taube. Dieses erinnerte ihn allerdings zehrend an manche Zweisamkeit in Vetas Bett oder auf einem Moospolster im Wald der Wildschweine, aber dagegen war nichts zu machen. Irgendein Haar findet sich in jeder Suppe.

Immerhin gab es selbst auf dem Gestüt nicht einen Hund, der einem die Gedanken vom Papier gebellt hätte. Auf dem Stockstädter Gutshof im Hessischen Ried hatte es immer Hunde gegeben. Als Norbert einmal Raluca auf diese erstaunliche Abwesenheit ansprach, zeigte sie sich fast belustigt. Sie kramte im Bücherschrank des Gemeinschaftsraums eine bestimmte ältere Kurier-Nummer hervor und übersetzte ihm daraus eine Richtlinie, die die LDV der Republik Mollowina bereits wenige Monate nach dem Umsturz verabschiedet hatte. Sie war erfreulich kurz: „Die Hundehaltung sollte möglichst eingeschränkt werden. Sie ist teuer und in mancherlei Hinsicht auch gefährlich. Die Hunde fressen uns die Haare vom Kopf, und manchmal verspeisen sie auch gern einen Säugling oder eine Großmutter. Dafür werden ihre Welpen verhätschelt. Ist die Brut jedoch großgefüttert, pflegen die HundehalterInnen ihrem ‚treuen Gefährten‘ gegenüber ein Herrschaftsgebaren an den Tag zu legen, das geradezu widerlich ist. Beobachtet das einmal! Wenn ihr so eure Kinder behandelt, nämlich wie Sklaven, dann gute Nacht für die Freiheitsidee.“

Nach einigen Tagen in seiner Zitterpappel-Turteltauben-Klause wurde Norbert von „richtiger“ Musik aus dem Wagen gelockt. Es war nach dem Abendbrot. Im großen vorderen Hof, der übrigens einen eigenen Brunnen hatte, gab es eine kleine Geburtstagsfeier von einem Mitglied der GO, mehr nicht. Da sie aber von zwei Gitarristen, einer Baßgeigerin und einem Zymbalisten bereichert wurde, weitete sich die kleine Party bald zu einem Hoffest aus, das Dutzende von Leuten aus dem ganzen Pferdedorf anzog. Die Musik war überwiegend feuriger als Ralucas zwei Araber. Das Quartett, im Ratsdorf ansässig, war gut aufeinander eingespielt. Das Zymbal ist ein musikalisches Hackbrett, das selten größer als Norberts Klapptischchen war. Es stand auf vier Beinen und war über einem eher dürftigen Schallkasten mit Doppel- oder Dreifachsaiten bespannt, die mit Klöppeln angeschlagen wurden. Sein Ton erinnerte an ein Cembalo, das ins Wasser gefallen war und deshalb nicht mehr ganz so blechern klang. Doch wie auch immer, gegen diesen Schall-Schwall aus dem Vorderhof hatte Norberts Turteltaube keine Chance.

Anderntags fuhr er mit dem Fahrrad zum Rathaus, um seinen frischen Artikel abzutippen. Alles lief gut, und am späten Nachmittag gab ihm Charly in der Bücherei „zur Belohnung“ ein Gläschen Schlehenlikör aus, den seine GO wider das in der Regel beachtete allgemeine Ächtungs-gebot, Alkoholgenuß betreffend, im vergangenen Herbst eigenhändig gebraut hatte. Er schmeckte vorzüglich. Auch Charly leckte sich seine nur etwas dickeren Lippen, und dann erkundigte er sich ein wenig unvermittelt bei seinem Gast, ob er eigentlich schon die Geschichte mit dem ausgelaufenen Wein in den Jamboten gehört habe, die leider mit einem Toten endete, etwa bei seinem Zwischenhalt in Seth? Das verneinte Norbert.

„Also hören Sie zu. Die Sache ging vielen Leuten hier unter die Haut – voran selbstverständlich Bak, der den tödlichen Unfall, wie man es wohl nennen kann, schließlich ausgelöst hatte, wenn auch völlig unbeabsichtigt. Es war im vergangenen Herbst. Damals galt Mihail unter den meisten Republikanern, ob Mann oder Frau, schon längst als heimlicher ‚Kopf‘ oder ‚Vater‘ der Revolution, er galt als überragender Menschenkenner und Schlichter, und er war auch schon seit zwei Jahren Landes-Schiedsrat. Übrigens wird er auch gewohnheitsgemäß die nächste LDV leiten, die uns ins Haus steht, die Leute wünschen es so. Sie wählen ihn immer wieder. Vergessen Sie es also nicht: 1. Juli, LDV … Damals war Mihail in das betreffende Weindorf gebeten worden, weil sie da mit einem ungewöhnlichen Fall von ‚Vandalismus‘ nicht klarkamen. Ein paar Halbwüchsige hatten sich abends in den Weinkeller des ehemaligen Guts geschlichen und bedienten sich nun an einem der großen Fässer vom erst jüngst gekelterten berühmten Mollowina-Wein. Sie tranken gleich an Ort und Stelle und waren rasch sturzbesoffen. Deshalb vergaßen sie auch, den Zapfhahn wieder ordentlich zu schließen, ehe sie davonwankten, um ihren Rausch in irgendeiner Scheune auszuschlafen. So lief über Nacht das ganze Faß aus. Der Wein sickerte in den lediglich gestampften Boden, und damit waren ein beträchtlicher Teil der für uns unentbehrlichen Devisen zerronnen. Nach der Entdeckung des Schadens entbrannte das halbe Dorf in Wut. Man machte die Halbwüchsigen aus. Als sie sich störrisch und uneinsichtig zeigten, wurden sie erst einmal in einen anderen Keller des Weinguts eingesperrt, wo sie diesmal ‚trocken‘ saßen. Dann alarmierte man Bak.

Er sprach zunächst mit den Dörflern, um sich ein Bild von den Halbwüchsigen und dem Problem zu machen. Anschließend holte man die ‚Täter‘ in die Kirche, wo sich mindestens 200 Leute versammelten hatten. Sie alle waren Zeugen des Vorfalls, und deshalb hatten die Gerüchte und die Verleumdungen im Ausland, die bald aufkamen, wenig Nahrung. Die drei Jungen einerseits und Bak und die örtliche Schiedsrätin andererseits saßen sich auf dem früheren Altarpodest auf ungefähr zwei Pferdelängen gegenüber. Leider zeigten sich die Jungen auch bei diesem Gespräch verstockt oder aufsässig, was besonders für ihren baumlangen Anführer galt. Schon nach kurzer Zeit fing er an zu fluchen, er lebe hier in der reinsten Öde, jeder Spaß werde einem untersagt, da solle man doch einmal nach Bulgarien schauen, da verstünden sich die jungen Leute aufs Feiern, und sie dürften es auch. Die Einwände von der Untersuchungsbank wischte er immer großspuriger weg. Schließlich platzte Bak der Kragen, was er sich noch heute vorwirft. Er erinnerte den ‚Rotzlöffel‘ an die Öde, die so mancher Luchs, um des Befreiungskampfes willen, in rumänischen oder türkischen Kerkern kennengelernt habe. Doch davon wisse er vielleicht gar nichts. Leider habe er sich auch bei den Wehrübungen seines Dorfes nie blicken lassen, wo man eigentlich genug Spaß aneinander habe. Darauf ruckte der Bursche mit dem Kopf, brüllte ‚Was hast du gesagt – Rotzlöffel ..? Ich werde dir mal zeigen, was eine Harke ist, du schwafelnder Großvater!‘ Schon griff er in den vom Hosenbein verdeckten Schaft seiner Schnür-stiefel, zog im Aufstehen ein größeres Messer daraus hervor, das er wohl im Keller gefunden hatte, und tappte, mit dieser Waffe fuchtelnd, auf seinen Schmäher zu.

Das Ganze ging so unvermutet wie jäh ‚über die Bühne‘, wie man ja fast sagen könnte. Bak, ein alter, erfahrener Kämpfer, ging sofort in Lauerstellung, und als das blindwütig zuckende Messer nur noch eine Armlänge von ihm entfernt war, machte er einen Ausfallschritt rückwärts und trat dem Angreifer das Messer mit gestrecktem Bein aus der Faust. Dadurch geriet der aufschreiende Bursche aber zusätzlich aus dem Gleichgewicht. Er schlug auf dem steinerne Altarpodest auf – und zwar so unglücklich, daß er sich an der Kante, die zu den Bankreihen zeigte, das Genick brach. Seine blutverschmierte Faust zuckte noch kurz, dann war er tot. Ein Sanitäter der Dörfler, der von den Kirchenbänken aus zugehört hatte, bestätigte es. Darauf lähmendes Entsetzen in der Kirche, das werden Sie sich denken können.“

Norbert konnte es, hatte es ihn doch beinahe schon selber gepackt. Er nickte langsam. Schließlich sagte er: „Und dann?“

Charly zuckte die Achseln. „Mihail war tief verstört – wer wäre es nicht gewesen? Er hatte noch Disziplin genug, allen Freunden oder Angehörigen des Toten, von dem Altarpodest aus, sein Beileid auszusprechen. Dann murmelte er etwas, das wie eine Selbstbeschuldigung klang, verließ grußlos die Kirche, ging zu der GO, wo er übernachtet hatte, und sattelte sein Pferd. Uns sagte er später, er sei wie im Traum nach Kusmu durchgetrabt, obwohl es noch heller Tag war. Er ritt zum Gestüt und heulte Raluca, mit der er damals noch fest zusammen war, die Schürze voll. Sie richtete ihn während der folgenden Tage wieder einigermaßen auf.“

„Gab es ein Nachspiel?“

„Die nächste LDV sprach Bak ihr ungetrübtes Vertrauen aus. Jeder Vorwurf, auch durch ihn selber, sei unberechtigt. Natürlich wurde auch der Unmut der Halbwüchsigen erörtert, aber dagegen war wenig auszurichten, wie auch die beiden Delegierten des geschädigten Weindorfes feststellten. Ein junger Mensch, der keinen Zugang zur genossenschaftlichen Lebensweise finde, müsse eben woanders hingehen. Dafür hätten ihm die betreffenden GO‘s Starthilfe zu geben, mit Unterstützung des Rates für Wirtschaft, also auch durch ein gewisses Handgeld.“

„Was wurde denn aus den beiden Spießgenossen des Toten?“

„Sie gingen bald darauf nach Bulgarien.“

„Und dann?“

Charly zuckte erneut die Achseln. „Wir wissen es nicht. Sie gaben bislang keine Nachricht, angeblich auch ihren Angehörigen nicht. Was wollen Sie machen? Sollen wir sie etwa beschatten?“

Norbert verstand nicht sofort. „Wie meinen Sie das?“ fragte er mit verkniffenen Augen.

„Ich meine, wir haben auf Leute, die unsere bedeutungs-lose Republik verlassen, keinen Einfluß mehr, ob sie nun Junker oder ‚Rotzlöffel‘ sind. Sollten sie, vom Ausland aus, gegen uns arbeiten, haben wir Pech.“

„Gibt es solche Leute?“

Charly verstülpte die Lippen und nickte verdrießlich. „Einige ganz bestimmt. Die sind gekränkt, enteignet, haßerfüllt, und da kann ihnen so ein tapferes Ländchen nur ein Dorn im Auge sein ...“

Plötzlich hellte sich die Miene des dicken Redakteurs wieder auf. Er griff zur Flasche, schenkte Schlehenlikör nach und hob sein Gläschen fast mit Übermut:

„Schreiben Sie dagegen an, Herr Angerschmied! Machen Sie weiter so, bislang sind Ihre Tribune-Berichte erstklassig! Auf Ihr Wohl!“



17

Apropos AusländerInnen. Auch diese kamen, falls sie interessiert waren, allein durch eine Mitgliedschaft in einer GO des Landes zu dem, was woanders „Staatsbürgerschaft“ hieß. Der Republikrat konnte bestenfalls Empfehlung und Hilfestellung geben, mehr nicht. Vor der Aufnahme in die Republik stand nämlich eine in einer beliebigen GO abzuleistende sogenannte „Probezeit“, die laut Verfassung mindestens ein halbes Jahr zu dauern hatte. Wer sich da nicht bewährte, mußte wieder nach Hause fahren. Bewährte er sich jedoch und wurde von der betreffenden GO aufgenommen, hatte er dem Rat für Wirtschaft sein Vermögen zu übergeben, falls er ein solches besaß. Damit war es weg. Wollte er selber nach zwei oder 20 Jahren wieder weg, hatte er Anspruch auf eine gewisse Starthilfe, wie oben schon angedeutet.

Bei GO-Wechsel von Republikanern wurde in der Regel auf Probezeit verzichtet. Bekam der Umzugswillige von der beworbenen GO den Konsens, war er aufgenommen. Lag diese GO in Kusmu, ging der Wechsel nur im Austausch, weil ja in der Hauptstadt, nach wie vor, ein Zuzugsstopp bestand. Kusmu sollte nicht mehr wachsen.

Das hieß im Klartext: Einwanderungswillige AusländerInnen, ob sie nun Pferdehändler, Imkerin oder Journalist waren, hatten in der Regel wenig Chancen, sich gleich in Kusmu niederzulassen, hätte es dafür doch eines Hauptstädters bedurft, der sowieso schon auf dem Abflug in ein Dorf war – also eines Tauschbereiten.



18

Am nächsten Freitag bekam Norbert Post. Marian steckte ihm beim Mittagessen unter leichtem Schmunzeln ein Briefchen in die Westenbrusttasche. Die auf Meidunisch verfaßte Anschrift lautete „An den lieben Schnauzbart Norbert Angerschmied, Pferdedorf, GO Gestüt, Planwagen (wie ich hoffe)“. Die Botschaft kam aus Husi, von Veta natürlich.

Sie vermisse ihn schmerzlich, gestand sie, und sie hatte einen Plan ausgeheckt. Man könne doch Raluca bitten, der Postkurierin nach Husi, derzeit eine Frau, ein flottes Handpferd mitzugeben. Die Kurierin sei bereits einverstanden. Mit diesem Renner käme sie dann – Veta also – für zwei Tage Ferien zu Norbert angeritten, das sei Constantina und den Leuten ihrer GO durchaus zumutbar. Sei sie dann wieder bei der Tochter in Husi, nehme die Kurierin den Renner, als Handpferd, wieder mit.

Der Plan war schlicht und genial, fand Norbert, und Raluca hatte nichts gegen ihn einzuwenden. Sie gab der Kurierin den Araber-Schimmel mit, auf dem schon Norberts Reisegefährte Sean gewissen Liebesfreuden entgegen geritten war. Als sich Veta am Nachmittag im Trab der Kus-Brücke näherte, hatte Norbert die Brüstung aus Sandstein vor lauter Warten und Unruhe schon beinahe durchgescheuert. Er sprang auf und riß die blonde Försterstochter fast vom Pferd.

Am nächsten Tag schwammen sie zunächst im Kus, dann streiften sie auf den beiden Arabern des Gestüts lange durch die umliegenden Felder. Später stürzten sie sich erneut in den erquickenden Fluß Kus. Erfreulicherweise spielte das Wetter mit. Aber in der Wollowina gab es ohnehin zur Sommerszeit wenig Regen. Das hatte natürlich auch die unangenehme Seite, daß man viel Aufwand mit Bewässerungsarbeiten treiben mußte. Die Felder bei Kusmu zeigten überwiegend Getreide, Rüben und Kartoffeln. Hin und wieder nickten sie mit Sonnenblumen, die den Arabern bequem über den Widerrist gucken konnten – die Felder. Die Republikaner-Innen streuten sich gerne Sonnblumen- oder Kürbiskerne in ihre Näpfe mit „Badenden Körnern“. Das sei knackig und gesund zugleich, behaupteten sie. Rosen wurden in der Mollowina nicht angebaut, das überließ man den Bulgaren. Die Nachbarn im Norden schickten ihre Hektoliter von Rosenöl zu den Schauspielerinnen und Operndivas nach Berlin, London und Paris, und dafür tranken sie ihren Nachbarn im Süden den schönen Mollowina-Wein weg.

Einmal stiegen sie unweit eines Tümpels ab, weil das merkwürdige Läuten eines Unken-Chors an ihre Ohren gedrungen war. Sie hockten sich ins Gras und lachten sich hinter vorgehaltenen Händen fast schief, während dieser etwas eintönige, aber durchaus klangvolle Gesangsteppich aus „uhm-uhm“-Rufen durch die Binsen und Getreide-halme strich. Diese Unken genannten Frösche webten unermüdlich daran. Norbert kannte das Phänomen bereits aus seiner Kindheit, aber jetzt mißlang es ihm, der blonden Försterstochter, der Unken ebenfalls nicht fremd waren, das meidunische Wort für „Frösche“ zu entwinden. Wahrscheinlich konnte sie ihm in seinem Begehren nicht ganz folgen. Aber küssen konnte sie, meine Güte!

Am nächsten Tag mußte Veta wieder fort. Für wie lange, ließen sie beide wohlweislich offen.

Dann trafen in kurzer Folge weitere Nachrichten für die Schweizer ein. Zunächst erschien die Rätin für Auswärtiges Fila Peptan mit einer Wochenendausgabe der New York Daily Tribune unterm Arm. Die Ausgabe enthielt Norberts ersten Bericht, von zwei Skizzen Seans und einer kleinen Landkarte begleitet, die sich in der Broschüre des Republikrates gefunden hatte. Fila war begeistert, denn im Gegensatz zu Charly pflegte sie Norberts im Postkorb schlummernde Manuskripte vor dem Druck nicht zu lesen. Sie hatte sich auch schon an eine Übersetzung des Berichts gemacht, die Charly, als Beilage, in den Kurier rücken wollte. Norbert hatte nichts dagegen. Im Gegenteil kam er dadurch auf die Idee, das geplante Buch vielleicht zweisprachig zu gestalten, und darauf ging der Berliner Verlag dann auch gerne ein, denn zwei Dinge verkauften sich immer gut: Heimatschnulzen oder Exotisches. Wer sprach in Berlin schon meidunisch?

Ferner erhielt, etwas später, auch Sean einen Brief. Er war in Belfast, Irland, UK abgestempelt und kam von seinem Kumpel James „Jim“ Larkin, den er allerdings schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Sean kannte ihn aus Liverpool, wo Jim bereits Hafenvorarbeiter und sozialistisch gestimmter Aufwiegler gewesen war. Sie waren fast gleichaltrig. Jim beglückwünschte ihn just zu der Veröffentlichung in der Tribune, die er „kürzlich“ mit Verblüffung in dem Blatt gelesen habe. Man bekäme ja beinahe Lust auszuwandern. Aber jetzt winkten ihm in Irland höhere Pflichten, meinte er nicht ohne Stolz. Die Belfaster Hafenarbeiter hätten ihn unlängst zum Streikführer gewählt und stünden überdies auf dem Sprung, ihn auch in die Gewerkschaftsleitung zu hieven.

Ja, so machte alles ringsum Karriere, nur er, Sean O‘Brien, mußte sich mit Brotkrumen und der zuweilen fragwürdigen Huld der heimlichen Gestütsleiterin von Kusmu begnügen. Wer wußte schon, wo Kusmu lag?

Zu allem Unglück ereilten ihn kurz darauf Zahnschmerzen. Als die Salbei-Blätter, die er auf Geheiß Ralucas kaute, nichts fruchteten, schickte sie ihn zur Zahnklinik. Diese Bezeichnung war vielleicht etwas hochgegriffen, aber man wollte sich damit von dem Praxis-Unwesen des Auslands abgrenzen. Die Zahnklinik der Mollowina, in einem Hinterhäuschen der GO Bohrwurm im Ratsdorf angesiedelt, wurde lediglich von zwei Ärzten betrieben, Frau und Mann. Mehr dentales Personal gab es leider in der ganzen Republik nicht. Der Mann war gegenwärtig nicht anwesend, weil er über ein paar Dörfer ritt, um den Leuten ins Maul zu schauen und aufklärerisch zu wirken. Im Hof der Klinik lärmten ein paar Kinder im Wettstreit mit den Spatzen, die ihre Fluchtburg in einigen blühenden Holundersträuchern hatten. In dem kleinen Wartezimmer hockten fünf Leute, das war nicht wenig. Als die Zahnärztin hinter einem Abgefertigten, der Sean freundlich zunickte, in der Tür ihrer Folterkammer erschien, schätzte Sean sie auf höchstens 30. Sie rief unternehmungslustig:

„Wer hat die größten Schmerzen? Oder die geringste Zeit?“

Niemand von den fünf Leuten meldete sich.

„Na gut“, nickte sie einem gemütlich wirkenden bärtigen Mann um 40 und dann ihrer geöffneten Tür zu, „Vasile, komm rein, ich sehe dir an, du stirbst gleich.“

„Ja sicher“, brummte er im Aufstehen, „vor Angst!“

Alle lachten. Auch die magere Oma, die verblüffenderweise eine Luchs-Brosche auf dem Kragen ihres dunklen Kleides trug, stimmte mit Kichern ein. Sie saß Sean gegenüber. Als der Brummbär in der Folterkammer verschwunden war, deutete Sean auf die Brosche und sagte:

„Sehr schön! Wunderbar!“

Das behagte ihr. Sie war mindestens 60. „Ich habe Sie neulich schon gesehen, junger Lockenkopf“, erwiderte sie fast triumphierend. „In der Kathedrale, bei den Journalisten aus der Schweiz, und bei Bak!“ Sie blickte auf ihre Brosche hinab, nickte und fuhr fort: „Es ist der Luchs von Pavel, wissen Sie? Pavel, mein einziger Sohn und der beste Freund Mihail Baks. Und wissen Sie auch, was er noch ist ..? Er ist der einzige Tote der Revolution. Jetzt sind sie platt, was ..?“

Diese Frau gefiel Sean. Er hatte schon den Finger in dem Notizbuch, das er meist mit sich führte, um sie zu zeichnen. Er durfte nur nicht unhöflich erscheinen. So hakte er nach: „Das ist ja übel! Ausgerechnet Ihr Sohn? Und Baks bester Freund ..?“

Jetzt bekam sie vor Stolz oder Mutterliebe fast wieder rundliche Formen. „Sie sagen es! Ausgerechnet mein Pavel.“ Sie nickte Richtung Gefängnis: „Er kam bei dem Überfall auf die Garnison um. Er hatte einen Wachposten der Türken übersehen, der erschoß ihn. Mihail war untröstlich. Aber er sagte auch, Pavel hätte nicht gerade klug gehandelt, er hätte den Posten sehen und umgehen müssen. Das ist das Großartige an Mihail, wissen Sie? Er ist immer ehrlich. Er macht einem nichts vor. Er macht auch sich selber nichts vor. Niemand ist vollkommen, Ludmila, hat er damals zu mir gesagt, selbst der liebe Gott nicht … Wahrscheinlich hat er recht, wenn ich mir das Elend auf der Welt so angucke ... Vielleicht hätte er wenigstens unsere Gebisse etwas besser machen können“, fügte sie hinzu, weil jetzt der Brummbär wieder erschien und sich die Backe hielt, während er grüßend in die Runde nickte und im Hof verschwand.

Sean grinste. Dann witterte er seine Chance. Die Zahnärztin erschien, und er bedeutete ihr, die beiden anderen jungen Leute im Raum vorzuziehen, die offenbar ein Paar waren. Tatsächlich gingen sie gemeinsam in die Folterkammer, und die Zahnärztin zwinkerte Sean neckisch zu, bevor sie die Tür schloß. Vielleicht hatte sie ihn ebenfalls schon irgendwo gesehen und hatte sich nun einen Reim auf sein Stelldichein mit Ludmila gemacht.

„Ihre Erzählung ist sehr interessant“, sagte Sean zu Pavels Mutter. „Fahren Sie nur fort! Darf ich dabei ein kleines Bild von Ihnen anfertigen?“

Prompt nickte sie. „Warum nicht? Mihail hat mir ja auch ein Bild geschenkt, falls Sie es noch nicht wissen. Das war vor ungefähr zwei Jahren, am 4. April. Er kam zu meinem 65. Geburtstag und lobte meinen Kuchen über den Klee, der Schlawiner. Dann erzählte ich ihm, ich nähme neuerdings an einem Zirkel teil, wo man schreiben und lesen lernt. Da war er platt! Er umarmte mich und herzte mich und riet mir dringend, meine ‚Memoahren‘ zu verfassen, sobald es eben ginge. Er schriebe auch ein Vorwort dazu. Da lachte der ganze Gemeinschaftsraum. Ja, es war ein schönes Fest.“

„Das ist ja ein Ding!“ sagte Sean, während er zusah, seine Skizze zu vollenden. Seine Zahnschmerzen hatte er vergessen. „Wie steht es inzwischen mit dem Schreiben und Lesen? Sind Sie bei der Stange geblieben?“

„Selbstverständlich bin ich bei der Stange geblieben. Ich kann jetzt schon im Kurier lesen, natürlich nicht so schnell und so viel, wie Charly immer schreibt. Ich nehme an, Sie kennen unser Dickerchen ..?“

Sean bejahte es, beeilte sich aber, Ludmila von diesem neuen Thema abzulenken. „Können Sie auch schon Ihren Namen und Ihre Anschrift schreiben? Das wäre nämlich ganz prima für dieses Bild hier und dieses Notizbuch.“

„Selbstverständlich kann ich das.“

„Sehr gut! Dann sind Sie vielleicht so nett, Ihre vollständige Anschrift unter diese Skizze zu schreiben.“

Er legte das geöffnete Buch mitsamt Bleistift auf einen kleinen runden Tisch und schob diesen Ludmila genau vor die Knie. Erstaunlicherweise sagte sie zu der Skizze, die später noch viel Schmunzeln hervorrufen würde, kein Wort. Stattdessen malte sie bedächtig und konzentriert die folgende, etwas ungelenke Zeile unter sie: „Ludmila Pacoste, Kussmu, Rebublik Mollowihna“.

Sean dankte ihr überschwenglich und stellte das Tischchen wieder an seinen Platz. Jetzt wollte Ludmila wissen, ob er gleichfalls Kinder habe, und wenn ja, ob die auch schon lesen und schreiben könnten.

Tatsächlich hatte der Ire ein Kind, ein sogenanntes uneheliches. Es lebte bei seiner Mutter – die Verflossene von Sean ist gemeint – im Raum Liverpool auf dem Land. Doch seiner neuen Freundin gegenüber ließ er dieses Kind lieber aus dem Spiel.

Als das Paar behandelt war und die Zahnärztin von der geöffneten Zimmertür aus fragend zwischen Sean und Ludmila Pacoste hin und her blickte, winkte die 65jährige ab. „Zieh‘ mal ruhig den Lockenkopf vor, Dorina. Ich habe Zeit. Der Mann kommt aus Irland, mußt du wissen, das ist ja eine Weltreise von da bis hierhin ..!“



19

Kurz nach Seans Besuch in der Zahnklinik schritten er, Norbert und Redakteur Charly die Treppe im Rathaus hinunter, um in der Druckerei ein paar typografische Fragen zu klären. Die Schweizer duzten sich inzwischen mit Charly und sahen ihn häufig. Da wurden sie von Verteidigungsrat Miron Maurer aufgehalten, der hinter dem Empfangstresen saß. Er war heute Chef vom Dienst. Er erzählte seinem Mitstreiter Charly, Hans Dampf in allen Gassen, am Vormittag habe ihn der Schiedsrat von Kasanli aufgesucht und seine Sorgen um Hundezüchter Marcu Pall geklagt. Pall zeige sich nach wie vor störrisch, seit der Revolution gehe das ja schon, aber neuerdings hätten sie auch den starken Verdacht, er sei in verschiedene Diebstähle und andere Sabotageakte verwickelt, die sich in ihrem Grenzgebiet zutrügen und leider auch häuften. Nur hätten sie bislang nichts gegen Pall in der Hand. Ob sie ihn etwa bespitzeln sollten? Schließlich sei er ordentliches Mitglied einer GO, wenn er sich auch wenig blicken lasse. Und die Abgaben an Kusmu, wegen seiner Hundeverkäufe, seien ja wohl auch in Ordnung, oder nicht?

„Das habe ich, nach Rücksprache mit Ion, bejaht. Dann versprach ich Cristobal, die Angelegenheit umgehend im Rat anzusprechen. Vielleicht empfiehlt es sich, sie noch kurzfristig auf die Tagesordnung der LDV zu setzen. Denke einmal darüber nach, Charly; du müßtest ja sowieso die Beschlußvorlage formulieren, die wir den Genossen Delegierten zu unterbreiten hätten. Vielleicht hast du auch sonst eine Idee, wie Pall beizukommen wäre. Schließlich bist du ein alter Fuchs – und sogar der älteste in diesem erlauchten Bau ..!“ Mit dieser doppelbödigen Schmeichelei endete er. Man hätte sie Maurer kaum zugetraut, eher Charly.

„Hundezüchter ..?“ sagte Norbert stirnrunzelnd, während sie den Marktplatz betraten. „Ich dachte, ihr haßt Hunde? Raluca hat mir kürzlich eine entsprechende, sogar witzige Richtlinie aus einem älteren Kurier vorgelesen. Vermutlich stammt sie von dir?“

Die nächste Schmeichelei! Charly schmunzelte entsprechend. Dann winkte er ab: „Wer Regeln aufstellt, muß auch Ausnahmen zulassen. Kompromißlos ist nur die Idee. Reine Revolutionen gibt es nicht – nur für Bluthunde wie Robespierre.“

Der schnaufende beleibte Redakteur hielt am Marktbrunnen inne, lehnte sich an und umriß ihnen die Angelegenheit mit der mollowinischen Hundezucht. Der Mann, der sie betrieb, hieß also Marco Pall. Er züchtete seit vielen Jahren sogenannte Ungarische Hirtenhunde und hatte dafür schon einige Urkunden und Erlöse eingeheimst. Jetzt mußte er Ende 40 sein, schätzte Charly. Vor drei Jahren hatte sich Pall nur widerwillig einer GO seines Dorfes Kasanli angeschlossen. Kasanli lag rund sieben Kilometer von der türkischen Grenze entfernt im westwärts gestreckten Teil der Revoten. Pall rang sich zu dem Schritt in die GO durch, weil er seine Zucht, seine Heimat – und womöglich auch seine „konterrevolutio-nären“ Hoffnungen und Verbindungen nicht im Stich lassen wollte. Er habe schon immer als Eigenbrötler und mürrischer Kauz gegolten, erzählte Charly. Dem Rat für Wirtschaft in Kusmu liefere er aber die Erlöse aus seinen ganz überwiegend ins Ausland gehenden Verkäufen ab – „jedenfalls den Teil der Erlöse, den ihm seine Kunden quittieren“, grinste Charly. „Für uns stellen selbst diese vermutlich geschmälerten Abgaben nicht ganz unerhebliche Devisen dar, denn die großen, sprung- und bellfreudigen Köter mit den langen, weißen Haaren, die er züchtet, sind nicht gerade billig. Wie sich versteht, zahlen die Kunden und LiebhaberInnen auch für den Ruf der Zucht, also für eine Schimäre.“

Während die Schweizer nickten und mit ihren Fingern im angenehm kühlen Brunnenstrahl so etwas ähnliches wie „jagende Rauchschwalben am Kus“ spielten, legte nun auch Charly seine ausgedehnte Stirn in Falten. Plötzlich hatte er die von Maurer erhoffte Idee, wie sich zeigte. Er stupste seine Begleiter unvermittelt mit der Faust vor die Schultern und stellte erleuchtet fest:

„Ihr kennt euch doch beide im Reich der Vögel aus, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Ihr habt einen Feldstecher, ihr habt Flinten, ihr sprecht Englisch. Pall kann leidlich Englisch, weil er mit aller Fachwelt über seine einzigartigen Ungarischen Hirtenhunde korrespondiert. Also – was seid ihr ..? Ihr seid zwei mitteleuropäische Ornithologen. Jetzt seid ihr in den Revoten Schlangenadlern, Bartgeiern und weiß der Teufel wem noch auf den Fersen, weil es die in Mitteleuropa nicht gibt, falls ich nicht schief liege. Was haltet ihr davon ..?“

„Ja, und?“ meinte Sean. „Du sagst doch, er züchtet Hunde, nicht Schlangenadler oder Bartgeier.“

„Unfug! Er ist Naturfreund, ihr seid streunende Vogelfreunde, und wenn ihr euch dabei auf seinen vom Dorf abgelegenen Hof verirrt, nimmt er gern die Gelegenheit wahr, euch zu begrüßen, euch herumzuführen, vielleicht sogar zu bewirten. Und dabei horcht und späht ihr ihn aus – verstanden!? Ihr könnt ja sogar euer Befremden über das revolutionäre Kusmu-Regime andeuten. Vielleicht fängt er dann Feuer, wettert und verplaudert sich ein bißchen. Da ihr bewaffnet seid, wäre diese Exkursion nicht weiter gefährlich, denke ich. Etwas unlauter ist sie natürlich. Aber seid ihr etwa GO-Mitglieder? Oder Moralapostel? Seid ihr nicht“, endete er befriedigt.

„Und wenn er uns schon kennt? Weil er von uns im Kurier gelesen hat?“

Charly winkte ab und schüttelte seine Wangen und Tränensäcke. „Sehr unwahrscheinlich! Den Kurier liest er nie, dieses revolutionäre Schmutzblättchen, und der Klatsch und Tratsch in seiner GO interessiert ihn nicht, sofern er sich überhaupt mal blicken läßt.“

Norbert und Sean sahen sich an – und nickten achselzuckend.

„Na gut“, sagte Norbert, wieder an Charly gewandt. „Warum nicht? Ich wollte ja sowieso noch ins Grenzgebiet. Erzähle uns noch ein paar Einzelheiten, dann können wir morgen früh losfahren.“



20

Wie sie bereits der Landkarte entnommen hatten, lag das Dorf Kasanli ungefähr auf der Höhe von Duhn, wo sie die Wehrübung hatten, nur eben viel höher. Gute Tarnung gehört dazu! Nun hielten sie hinter Duhn kurz an, um vorübergehend eine zweite, ausgediente Plane über ihr Gefährt zu werfen und an den Seitenklappen zu verzurren. Das schöne Republikwappen auf der Original-Plane hätte Pall jede Wette wenig gefallen. Ferner gedachten sie Kasanli vorerst zu meiden, um Pall auch von daher keinen Anlaß zu Mißtrauen zu geben. Sein abgeschiedener Hof lag ohnehin östlich des Dorfes, fast zwei Kilometer, und damit an ihrem Weg.

Als die Dächer seines Anwesens durch die Buchen und Kiefern schimmerten und die Hunde erwartungsgemäß ihr Gebell erhoben, hielten die Schweizer an, rutschten vom Kutschbock und trugen, Feldstecher und Flinte gezückt, die Posse „Trottlige Naturwissenschaftler auf Vogelpirsch“ vor. Es war gegen Mittag. Sie erweckten also den Eindruck, einen sagenhaften Schlangenadler erspäht zu haben, der irgendwo im Wald über Palls Hof hockte oder über den Wipfeln kreiste. Zum Glück war Pall zu Hause. Er reinigte gerade einen Zwinger, entdeckte sie und kam stirnrunzelnd zur Hofeinfahrt, nachdem er seine fünf oder neun Hirtenhunde beschwichtigt hatte. Norberts Jagdgewehr trug nicht gerade dazu bei, seinen Argwohn zu mildern. Als ihn die beiden Fremden jedoch auf Englisch ansprachen, war er nicht mehr ganz so alarmiert. Nun tischten sie ihm die Geschichte auf, die sich Charly ausgedacht hatte, und Pall schien sie zu fressen. Er bestätigte ihnen, ein paar Schlangenadler gebe es in dieser Gegend, und schlug ihnen vor, erst einmal ihren Wagen zu holen und sich dann (statt des vermeintlichen Adlers) seine prächtigen Hunde anzuschauen. Die waren schließlich sein größter Stolz.

Prompt zeigten sich die angeblichen britischen Naturforscher von den Hirtenhunden tief beeindruckt. In Wahrheit hatten sie nur Augen für Pall und die Gebäude. Der dunkelhaarige Hundezüchter hatte Seans Größe, war aber stämmiger gebaut und zog sein rechtes Bein ein wenig nach. Vielleicht ein Jagdunfall? Schließlich mußte er zahlreiche Hundemägen mit Wildbret versorgen; seine GO hätte ihm jede Wette nie die einzige Milchkuh geopfert. Palls Gesicht, schon leicht verwittert, war grob gehauen. Gleichwohl wirkte er nicht wie ein abgebrochener Herkules. Norbert hielt ihn, nach einiger Zeit, eher für einen Duckmäuser. Pall blickte den Leuten kaum in die Augen; er ließ seinen Blick unruhig oder unsicher umherirren. Selbst seine Stimme klang nicht eben fest, eher dürr und schütter.

Die unverhoffte Geselligkeit schien ihm aber ganz gut zu tun. Nach 10 Minuten schwärmte er bereits vom Balzgesang der Auerhähne, den er sozusagen fast hinter dem Haus habe; nach 20 Minuten bot er echten türkischen Kaffee oder einheimischen süßen Wein an, ganz wie sie wünschten, und lotste die beiden Herren in seine unaufgeräumte Wohnküche. Sie baten um Kaffee. Bald ließen die Schweizer abfällige Bemerkungen über die Versorgungslage und die Zustände überhaupt in diesem schönen Landstrich vom Stapel, und Pall zog nur zu gern vom Leder. Er haßte „die Roten“. Nach einem Viertelstündchen hatte er sich schon derart in antirepublikanisches Feuer geredet, daß es ihn nun doch nach Wein verlangte. „Kommen Sie doch eben mit, meine Herren, ich zeige Ihnen mein kleines, hübsches Spirituosenlager, Sie haben freie Auswahl!“

Sie sahen sich verstohlen an, während sie sich erhoben, um Pall zur Kellertreppe zu folgen. Es wird doch wohl keine Falle sein? Norbert tastete vorsichtshalber nach seiner Pistole, die er ausnahmsweise unter seinem weiten Flanellhemd trug, im Schulterholster. Ihre Flinten hatten sie draußen im Wagen gelassen. Norberts Pistole war noch da.

Pall hatte eine Laterne mitgenommen. Jetzt beleuchtete er mit ihrer Hilfe sein Flaschenregal und las seinen Gästen genießerisch Etiketten vor. Allerdings fiel der Laternen-schein auch auf einen großen alten Kleiderschrank, der mehr nach Öl als nach Motten roch. Wie es aussah, schloß er nicht mehr einwandfrei, denn eine Tür stand einen spaltbreit auf. Norbert vergrößerte den Spalt und linste hinein. Offenbar hatte ihn seine Nase nicht getäuscht. Der Schrank war vollgestopft mit Schußwaffen, mindestens 50 Gewehre, schätzte er! Das konnte wohl kaum der offizielle Vorrat von Palls GO für Kasanlis Wehrübungen sein.

Norbert gab Sean verstohlen Zeichen. Er stocherte auf den Schrank und fuhr mit gespreizten flachen Händen durch die Luft, was bedeuten sollte: Schluß hier, wir machen uns dünne!

Als sein Partner nickte, bat er Pall, eine Flasche vom berühmten Mollowina-Wein zu wählen, betonte aber gleich, mehr als ein Gläschen könnten sie sich nicht genehmigen, sonst träfen sie den Schlangenadler nicht mehr – eine treffende doppelsinnige Formulierung. Pall kicherte denn auch und ging mit ihnen wieder nach oben. Nach einer knappen Viertelstunde schafften sie es, sich von dem aufgeräumten Wein- und Waffensammler loszueisen, ohne seinen Argwohn zu wecken, wie sie jedenfalls hofften. Er drückte ihnen die erst halb geleerte Flasche in die Hände, wünschte viel Erfolg und hob sogar grüßen die Hand, als sie vom Hof Richtung Dorf kutschierten. Das Gebell seiner zottigen Köter gab guten Rückenwind.



21

Keine zwei Tage später, und Norbert saß wieder unter seiner Zitterpappel am Klapptisch und machte sich Gedanken und Notizen für seinen dritten Tribune-Bericht. Sicherlich würde er auch den Fall des Hundezüchters streifen. Doch diesbezüglich konnte er die LDV abwarten, wo dieser Fall als außerordentlicher Tagesordnungspunkt zur Sprache kommen würde. Die „ordentliche“ Tages-ordnung einschließlich verschiedener Beschlußvorschläge war bereits vor rund zwei Wochen im Kurier erschienen, damit sich die Dörfer und Delegierten vorbereiten konnten. Man wollte im Rathaussaal weder eine Schwatzbude noch einen Vortragsmarathon veranstalten, bei dem sich eitle Rhetoriker für die sogenannten Olympischen Sommerspiele hätten qualifizieren können, die in diesem Jahr, 1904, ausgerechnet in St. Louis, Missouri, USA ausgerichtet wurden. „Schriftstücke“, hatte Charly zu ihm gesagt, „allen zugängliche und allen vertraute Schriftstücke sind das A & O jeder fruchtbaren Erörterung.“

Die LDV fand schon übermorgen statt. Die eigentliche Konferenz dauerte in der Regel nur einen Tag, aber mit An- und Abreisetag opferten die auswärtigen Delegierten drei Tage dafür. Opfer war vielleicht das falsche Wort. Auf die GO‘s von Kusmu verteilt, nutzten sie diese Zeit gern für Austausch mit alten oder neuen Freunden oder auch nur für eine Besichtigung der „Hauptstadt“ ihrer Republik, in die sie sonst selten oder gar niemals kamen. Am Markplatz konnten sie das ehemalige Gefängnis, jetzt Lagerhaus, besichtigen – nur nicht die eilends freigemachte Zelle, in der gegenwärtig Marcu Pall saß. Ein paar bedauernswerte Genossen beiderlei Geschlechts lösten sich dort in der Bewachung des Hunde züchtenden Schmugglers und Saboteurs aus, und wer ihren jeweiligen GO‘s den in Mitteleuropa so bezeichneten „Verdienstausfall“ ersetzte, stand in den Sternen.

Norbert hatte es doch erstaunt, wie vergleichsweise salonfähig Pall Englisch sprach. Gewiß sprach er Türkisch noch besser, hatte er sich doch mit den Besatzern immer gut verstanden; für seinen Hundekundenkreis „aus aller Herren Länder“ bedufte es aber des Englischen. Das Englische stürmte mit Riesenschritten dem Status der „Weltsprache“ entgegen. Was Wunder, voran stürmten die in London und Washington konzentrierten Imperialisten. Sie hatten den „Wilden Westen“ gestürmt, hatten Indien, Irland, Hawai, Australien gestürmt – bis sie Afrika und Berlin in der Hand hatten, konnte es nicht mehr allzulange dauern. Offenbar eignete sich das Englische, ohnehin eine eher schlichte, um nicht zu sagen dürftige Sprache, ausgezeichnet als Platt- und Gleichmacherin des Planeten. Das Peinliche war nur, er selber, Norbert, bediente sich seiner ebenfalls, um sich in diesem abtrünnigen Ländchen, das Meidunisch sprach oder besser sang, einigermaßen verständlich zu machen. Eigentlich würde er lieber davon wegkommen, vom Englischen. Veta, die Försterstochter, sprach kein Englisch, und das war im Grunde sehr gut so. Wahrscheinlich verhielt es sich in dieser Frage kaum anders als in der Hundefrage, sagte sich Norbert. Der Umgang mit Hunden verleitete zum Befehlston – und der war der Imperialisten-Sprache Englisch sozusagen bereits „inhärent“, um einmal ein Lieblingsfremdwort marxistischer Philosophen zu bemühen. Das war Lateinisch, lag also durchaus gut auf der Achse Rom–Washington. Der Wille zum Herrschen haftete der Achse an, er wohnte ihr inne. Man sollte sich auch viel konsequenter von den Fremdworten trennen, dachte Norbert. Konsequenter ..!

Nun hatte sich also Veta in seine Gedanken einge-schlichen; das machte sie öfter. Ohne den Kellerbesuch bei Pall, dessen darauf erfolgte Festnahme und dann die Zeugenvernehmung, hätte Norbert Sean wahrscheinlich dazu überreden können, wieder einmal in Husi vorbeizuschauen, wenn sie schon einmal in den Revoten seien. Daraus war also nichts geworden. Norberts Zukunft konnte kaum ungewisser sein, zwei Tage vor der LDV. Veta kam übrigens nicht, weil sie keine Delegierte war. Wäre sie aber eine gewesen, hätte sie ihre drei Tage in Kusmu nicht mit einem US-Journalisten verplempern können, das hätte der luchsischen Moral widersprochen. Denn Luchs war sie immerhin.

Schon der nächsten Ausgabe des Kuriers war das Protokoll der jüngsten LDV beigelegt. Es war keineswegs umfangreich – für die vorliegende Arbeit aber schon. Daher im folgenden nur ein Auszug aus dem Protokoll.



22

TeilnehmerInnen: 98 Delegierte (vollständig), 7 Räte, 3 Redakteure des Kuriers, 1 Vertreter der russischen Kolonie, 2 ausländische Gäste (Norbert Angerschmied und Sean O‘Brien aus der Schweiz, starker Beifall). Das macht nach Adam Riese (ein Deutscher) 111. Die Teilnehmer-Innen sitzen in Doppelreihe im Kreis, in einer Lücke ein kleiner Tisch, an dem Versammlungsleiter Mihail Bak und die Protokollführerin sitzen, Roza Ligeti von der Kurier-Redaktion.


TOP 2: Versorgungslage

Laut RR [Republikrat] weniger schlecht als nach dem bekannten Auslaufen eines Weinfasses im vergangen Herbst zu befürchten war. Unsere russischen Freunde taten ein neues Bernstein-Vorkommen auf (Beifall); gegen dessen Ausbeutung keine Einwände. Der ganze Bericht des RR wird gebilligt. Er wird demnächst im Kurier zu lesen sein (sobald ein gewisser Engpaß im Druckbogen-Vorrat überwunden sei, so Ion Păcurar).


TOP 7: Käseglocke, Kathedrale

Die beiden Delegierten aus Noravita behaupten, ihr neues Gemeinschaftshaus, genannt „Käseglocke“ (s. kürzlich Kurier-Bericht), habe sich schon jetzt bewährt. Da sollen sie aber erst mal den Winter abwarten, murmeln andere Delegierte. Das meint der RR ebenfalls, sodaß die Frage des Umbaus der Kathedrale erneut verschoben werden müsse. Was sich jedoch vielleicht empfehle, sei eine sofortige Teppichklopf-Aktion; man bekomme ja bereits Keuchhusten bei einem Konzert. Ob das nicht eine Idee für 14 Uhr sei, wenn alle Delegierten in ihren GO‘s gespeist hätten? Man halte schon Prügel und starke Taue bereit, die schräg zwischen Rathaus und Kathedrale gespannt werden könnten, zum Draufhängen der Teppiche. Diese Aktion könne unter Umständen ganze Wehrübungen in den Schatten stellen (erst zögerlicher, dann fast stürmischer Beifall). Eine Delegierte aus Seth hat Einwand: man solle lieber den gegenwärtigen Gefängnisinsassen Marcu Pall die Teppiche klopfen lassen, natürlich unter Bewachung (Gelächter, wird nicht ernst genommen).


TOP 8: Pflasterarbeiten

Die Landstraße von Kusmu in die mittleren Revoten soll endlich gepflastert werden – eine Heidenarbeit, knapp 15 Kilometer! Den Plan für die Anfertigung beziehungsweise Beschaffung der erforderlichen Steine und für die Einteilung der Arbeit habe sie bereits skizziert, erklärt die Rätin für Verkehr und Bau Crina Bunaciu. Das Projekt würde sich ungefähr über zwei Jahre hinziehen. Ist es genehmigt? (Beifall. Aber auch hier gibt es einen Einwand, der für Heiterkeit sorgt: durch diese Befestigung würde man nur den Türken einen erneuten Einfall ins Land erleichtern! Kein Veto.)


TOP 13: Zahnpflege

Nach den jüngsten Beobachtungen und Untersuchungen der Zahnklinik steht es in dieser Hinsicht im Lande nicht zum Besten. Die ganzen schönen Wehrübungen könne man vergessen, wenn die Gebisse der KämpferInnen sozusagen unter aller Sau seien. Das Bewußtsein für die Gefahr (kranke Zähne, überfallartige Schmerzen, Arbeits- und Genußunfähigkeit) müsse entschieden geschärft werden, dann ziehe auch das übliche Argument nicht mehr, die Leute im Lande seien bloß zu faul zum sorgfältigen Reinigen ihrer Zähne. Schlechte Ernährung spiele gottseidank keine große Rolle; die Republik habe sich noch nie verzärteln können, mit dauernd Schokolade, Eiscreme oder Himbeerbonbons. Die Zahnklinik kündigt einen Kurier-Artikel mit Anleitungen zur Zahnpflege an. (Eher mäßiger Beifall)


TOP 16 Rollstuhlmanufaktur

Die Pläne für eine Manufaktur für Rollstühle und ähnliche Hilfen im Dorf Pogo (der Kurier berichtete) machen große Fortschritte. Wegen jüngster Einfälle und Versuche rechnen sich die Beteiligten sogar Exportchancen, also Devisen aus. Das rüttelt nicht an der Not, das Projekt vorzufinanzieren, etwa für den Ankauf von Maschinen-teilen und Werkstoffen und den Umbau der Wassermühle von Pogo, die zwar nicht die Rollstühle, aber die Maschinen antreiben soll. (Kichern) In Schweizer Franken werden dafür 25.000 veranschlagt. Erfreulicherweise hat sich jüngst Gast Norbert Angerschmied bereit erklärt, das Projekt in seinem neuen Tribune-Artikel vorzustellen und dies gleich mit einem Spendenaufruf zu verbinden. Gingen aber auf dem entsprechenden Sonderkonto in Burgas nicht genügend Spendengelder ein – was er nicht glaube – sei er bereit, die Differenz bis zur Deckung jener 25.000 aus eigener Tasche zu zahlen. Was haltet ihr davon? Kann man dies annehmen? Wenn ja, gebt ihr das Projekt frei? (Starker Beifall)


TOP 18 Arbeitsstil

Aus Duhn war eine Beschwerde über das Auftreten der Bildungsrätin Aneta Pillat eingegangen. Der RR beriet und versprach den Duhnern Besserung. Bald kam aber auch noch eine ähnliche Beschwerde aus Seth. Aneta verstehe sich bei kontroversen Erörterungen kaum aufs Brückenbauen; stattdessen „nörgele“ sie lieber. Und dergleichen. Der RR hält es deshalb für angebracht, die Sache auf die LDV zu bringen und die Delegierten nach weiterer Kritik oder aber, besser, nach Entlastung für Aneta zu befragen. Dieser Punkt wird rund 12 Minuten erörtert, fast LDV-Rekord! Aneta räumt dabei einige Schwächen und Versäumnisse ein. Sie bietet sogar an, ihren Posten zu räumen. Das aber wird von der LDV abgelehnt. (Beifall)


TOP 19 Toleranz

Ausgerechnet im Ratsdorf, Kusmu, hat es kürzlich, bei einer Versammlung, einen gehässigen Ausfall gegen zwei eng miteinander befreundete Genossen gegeben – ein männliches Liebespaar also. Der RR verurteilt die Gesinnung, die dem Ausfall offensichtlich zugrunde lag, aufs schärfste. In unserer Republik kann jeder küssen, wen und wohin er will, und wünscht er einen Schmetterling oder eine Distel zu küssen, kann er es ruhig einmal versuchen. Mihail Bak wird über diese Frage, etwa „Andersartigkeit“, einen Artikel verfassen, der demnächst im Kurier zu lesen sein wird. Er sollte in allen GO‘s gelesen und erörtert werden. (Starker Beifall)


TOP 22 Auszeichnung

Wie neulich im Kurier erwähnt, wurde Wallach Luigi aus Noravita von einer schweren Kolik errettet, weil Voicu Szabó aus demselben Dorf geistesgegenwärtig genug für den Vorschlag war, Tierärztin Raluca, Pferdedorf, Kusmu, eilends per Kanu (zu viert) zu benachrichtigen. Raluca meint denn auch, mit geringer Verzögerung mehr hätte Luigi das Zeitliche gesegnet, ehe sie in Noravita (auf einem Araber) eingetroffen wäre. Voicu Szabó genoß in seinem Dorf aufgrund seiner Einsatzfreude und seines Ideenreichtums schon immer einen hohen Ruf. Der RR schlägt ihn nun für einen Luchs vor. (Beifall, Luchs wird Voico zugeworfen, der ihn elegant auffängt, bevor er sich ähnlich elegant verbeugt)


ATOP Fall Pall

Im unweit der türkischen Grenze gelegenen Revoten-Dorf Kasanli ist kürzlich ein republikfeindlicher Dieb, Saboteur und Verschwörer enttarnt worden, der vor allem ein recht üppiges Waffenlager angelegt hatte, nämlich der Hundezüchter Marcu Pall. Daneben plünderte er beispielsweise Postkästen und Räucherkammern. Es gibt zahlreiche Belege und Zeugenaussagen gegen ihn. Zur Stunde sitzt er im ehemaligen Gefängnis Kusmu – somit 200 Meter südlich unseres Tagungsortes. Die Leute aus Kasanli und Verteidigungsrat Miron Maurer glauben nicht, die Republik sei durch Palls Untergrundtätigkeit ernsthaft ins Wanken geraten. Er zeigt sich jedoch weiter ausge-sprochen störrisch, und es ist die Frage, was man mit ihm anstellen soll. Die Erörterung dauert diesmal nur sieben Minuten. Landes-Schiedsrat Bak schlägt abschließend einen Vorstoß beim Sultan vor: der Nachbar möge uns seinen Anhänger Marcu Pall abnehmen, um ihn sinnvoll als Palastwächter, Hundetrainer oder Weinkellermeister zu beschäftigen. Seine hiesige Hundezucht werde in jedem Fall aufgelöst. Starker Beifall! Bak schließt die LDV.



23

Nachdem der jüngste Kurier draußen und Charly einigermaßen ausgepumpt war, ließ sich der schwitzende Redakteur im Garten seiner GO in einen alten Korbsessel fallen, was nicht ohne Ächzen – der Person und des Möbels – abging. Außerdem plumpste Sekunden später eine Aprikose in seinen Schoß. Er nickte verdattert, dann reichte er sie schmunzelnd an seinen neuen Freund Angerschmied weiter, der sich bereits in einem anderen Korbsessel niedergelassen hatte. Norbert war von der hübschen reifen Frucht entzückt. Auch der Baum, aus dem sie gefallen war, konnte sich sehen lassen. Zwar niedrig gebaut, zeigte er doch eine dichte Krone auf einem kurzen Stamm, der ungefähr so dick war wie Veta in Nabelhöhe, schätzte er. Charly war freilich beträchtlich dicker.

Norbert schnüffelte an der Aprikose und biß hinein. Unter Schmatzen und Schlucken klärte er Charly darüber auf, in den Alpenländern hießen die Dinger „Marillen“. Gewiß gediehen sie dort nicht sonderlich gut; man tränke aber gern aus importierten Exemplaren gebrannten Likör oder Schnaps.

„Gute Idee!“ schnaufte Charly. „Mein Vorrat an Schlehen-Likör geht ohnehin zur Neige. Besorge dir das Rezept und schicke es mir umgehend, bitte!“

„Das geht leider nicht.“

„Wieso nicht?“

„Weil ich nicht zurückfahre. Jedenfalls vorläufig nicht.“

Charly machte große Augen, stupste den Schweizer vor die Schulter und rief: „Was, du bleibst hier?! Ich hatte es fast gehofft, mein Freund. Wunderbar! Und wie kommt‘s?“

„Sean und ich sind übereingekommen, in zwei verschiedenen GO‘s eures Dorfes Husi Antrag auf Probezeit zu stellen. Wie es aussieht, wird man unsere Anträge begrüßen.“

Charly bedachte es und nickte. Das habe sich ohne Zweifel angeboten, sagte er. Husi sei ein Jägerdorf, das liege ihnen ja beiden. Und die dortige Försterstochter mit dem seltsamen Töchterchen genieße zumindest Norberts starke Sympathie, wenn er richtig sehe … Aber wie stehe es mit Raluca? Zwischen Husi und dem Gestüt dürften immerhin rund 25 Kilometer liegen, überlegte Charly. Diese Distanz werde der Zureiterin kaum zusagen.

Norbert verzog sein unrasiertes Gesicht zu einem etwas verlegenen Lächeln. „Eben deshalb wollte ich dich um Rat – genauer: um Beistand bitten. Denn die Sache ist klar wie Gerstenschnaps. Wir müssen unseren Antrag in Husi mit einer unverzichtbaren Bedingung verknüpfen, die wir dem Republikrat stellen. Husi hat nur zwei Kaltblüter für die Holzarbeit. Es benötigt aber zusätzlich dringend zwei halbwegs flotte Reitpferde. Die Braunen von unserem Planwagen sind also untauglich. Auch den Wagen kann Raluca notfalls wiederhaben. Sie soll uns jedoch zwei Renner geben – das heißt, der Republikrat soll es. Er muß diese beiden Reitpferde für Husi gewähren! Andernfalls fahren wir zurück in die Schweiz.“

Charly hatte ihn mit zunehmender Verblüffung angesehen. Jetzt platzte er unter Gelächter heraus: „Ihr zwei Sennbübchen von der Alm wollt dem Rat der Freien Republik Mollowina Bedingungen stellen ..?! Ich lach‘ mich schief. Aber witzig ist es schon ...“

„Du hast uns doch neulich erst einen Vortrag über die Ausnahmen der Regel gehalten“, sagte Norbert lauernd. „Oder täuscht mich mein Gedächtnis ..?“

Charly schmunzelte. „Du hast recht. Es täuscht dich nicht. Ich werde mich für euren Wunsch einsetzen.“

Er beugte sich vor, stupste Norbert erneut vor die Schulter und nickte über sich in die Aprikosenkrone. „Schließlich liegt mir selber daran, mein Freund! Jedesmal, wenn wir uns in Kusmu zu einem kleinen Fachgespräch treffen, werden wir ein Gläschen Likör schlürfen, von welchem Obst auch immer! Das wird dich ja nicht gleich vom Pferd werfen.“



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