Freitag, 27. September 2019
Zeit der Luchse Teil III


9

Raluca machte große Augen, als sie unter den vier Leuten, die vom Kusufer her ins Gestüt keuchten, den blonden Lockenkopf aus der Schweiz erkannte. Sie war gerade mit anderen an einer Kutsche beschäftigt, die einen Radbruch erlitten hatte. Sie richtete sich auf, erwiderte den Gruß der Boten und hörte sich ihre Erklärung an, ohne einstweilen etwas zu sagen. Dem Schweizer zwinkerte sie aber neckisch zu. Sie trug kurze Hosen und eine blauweiß gestreifte Leinenbluse mit Stehbündchen, die Sean vielleicht nur deshalb an die Christliche Seefahrt erinnerte, weil er gerade einen Landesrekord im Kanadier-Vierer aufgestellt hatte. Das behaupteten jedenfalls seine MitstreiterInnen – uhrenlos wie er.

Als der Bericht geendet hatte, seufzte Raluca tief und überdachte die Lage so geschwind wie sie konnte. Das Türmchen auf dem ehemaligen Herrenhaus – das nun der GO Gestüt des Pferdedorfes als Gemeinschaftshaus diente – hatte sogar eine Uhr. Danach war es schon nach 12. Die Bratkartoffeln, die sich bereits in der Mailuft des gepflasterten Hofes ankündigten, würde sie also verpassen.

„Na gut“, sagte sie mit einem säuerlichen Lächeln, „ihr habt gewonnen. Ich breche gleich auf.“

Sie wandte sich zu der fahruntüchtigen Kutsche. „Marian, sei doch so gut, und mache den Genossen ein Gespann mit einem Wagen fertig, wo das Kanu draufpaßt ... Selbstver-ständlich empfiehlt es sich, die Genossen essen erst einmal bei uns, bevor sie starten, sonst kommen sie nicht lebendig in Noravita an.“

Da Marian nickte, verabschiedete sie sich sogar mit Handschlag von den Boten, was wohl auch einen Glückwunsch darstellen sollte. Als ihr aber Sean seine Hand hinstreckte – schon mit der Miene eines Ritters, der sein Handtuch wirft – ließ sie sie in der Luft hängen und verkniff ihre dunklen Augen.

„Können Sie zufällig reiten, Mister O‘Brien ..?“

Verdutzt, wie er war, verschlug es Sean erst einmal die Sprache. Immerhin verstand er die Frage, obwohl die Zureiterin lediglich für „Mister“ ihr Englisch bemüht hatte. So bejahte er die Frage und fügte auch noch hinzu, in Irland habe er sogar streckenweise ein eigenes Pony besessen.

Sie lächelte. „Wenn es so ist, kommen Sie mit mir, bitteschön. Sie kriegen einen flotten Araber, der Sie wie auf Flügeln tragen wird. Schließlich kann mir niemand zumuten, allein zu reiten und dabei von Wegelagerern angefallen zu werden oder vor tödlicher Langweile aus meinem Sattel zu kippen.“

Die meisten Leute um sie herum kicherten, Sean eingeschlossen. Doch Raluca bedeutete ihm bereits mit einem Wink ihres eigensinnigen und offensichtlich nicht völlig unherrischen Kopfes, ihr zu einem langgestreckten Stallgebäude zu folgen. Sie beeilten sich jetzt. Sie sattelten einen Fuchs und einen Schimmel, den Sean bereits flüchtig kannte, und führten die Tiere zur Vortreppe des Haupthauses. Hier verschwand Raluca noch einmal, um ihre Arzttasche, zwei Feldflaschen und etwas Trocken-proviant zu holen. Sean kraulte derweil den beiden Pferden die edlen Schädel und schüttelte dabei selber den eigenen Kopf. Nach wenigen Minuten war Raluca wieder da. Sie stiegen auf, verließen den Hof und fielen auf einem Feldweg Richtung Westen sofort in Trab.

Um es nicht zu verschweigen und nicht in die Länge zu ziehen: Nach einer guten halben Stunde knutschten sich die beiden vom Sattel aus bereits ab, und noch am Abend desselben Tages lagen sie über dem Stall, in dem Raluca den Wallach Luigi behandelt hatte, im Heu.



10

Am nächsten Vormittag, nachdem Raluca noch einmal nach Luigi gesehen hatte, gingen sie gemeinsam zu Norbert auf den Holzplatz. Sie hatten sich einen Regenschirm geliehen, weil es zur Stunde aus bedecktem Himmel leicht nieselte. Das trübte freilich ihre verliebte Stimmung nicht.

Raluca, schon 41, hatte endlich wieder einmal Feuer gefangen, wenn sie sich auch nicht dazu hinreißen ließ, schwärmerische Wortergüsse von sich zu geben. Das lag ihr nicht. Die Zureiterin war stets kurz angebunden. Der deutlich jüngere Ire war es jetzt vielleicht auch, aber das mißfiel ihm keineswegs.

Als Norbert durchs Einstiegsloch des Planwagens die zwei eingehakten Personen unter dem Regenschirm des Weges kommen sah, bestätigten sich seine Ahnungen vom Vorabend. Er hatte die Tierärztin beim Abendbrot in der GO Kürbiskern getroffen, wo sie natürlich neben Sean saß. Bei ihrem Patienten Luigi vermutete sie einen Darmverschluß. Er käme wohl wieder auf die Beine. Später hatte Norbert erstmals eine Nacht allein im Planwagen verbracht. Er gönnte es Sean von Herzen.

Die beiden kletterten in den Wagen. Nach einem kurzen Gesundheitsreport der Tierärztin rückte Sean mit der Sprache heraus. Ob er Raluca in dem Fuhrwerk der PaddlerInnen, die beiden Araber im Schlepp, nach Kusmu begleiten und dort ein paar Tage bleiben könne ..? Dagegen hatte Norbert gar nichts, eher im Gegenteil. Für den Artikel benötige er ebenfalls noch ein paar Tage; er müsse ihn nämlich auch mindestens einen Tag unbesehen liegen lassen, um ihn hinreichend verbessern und ausfeilen zu können. Anschließend müsse er ihn ja sowieso auf dem Rathaus in Kusmu abtippen, vielleicht bei Charly; seine Handschrift könne er den Tribune-Leuten in New York schlecht zumuten. Und dann müsse er die Sendung dem Kurier nach Burgas aushändigen. Kurz und gut, bei dieser Gelegenheit könne er Sean wieder an Bord nehmen. So verblieben sie. Sean packte ein paar Sachen in einen kleinen Rucksack. Raluca warf Norbert noch einen Handkuß durchs Eingangsloch zu, und schon schwankte der Regenschirm von dannen.

Anderntags war das Wetter wieder schön. Nach dem Mittagessen erlaubte sich Norbert einen Streifzug durchs Dorf, bei dem er auch den Stand der Dinge an und in der neuen „Käseglocke“ inspizierte. Man zimmerte hauptsächlich an den abschlagbaren Stufen des Auditoriums. Bogdan war da und erklärte Norbert, man könne sich ja eine gefaltete Strickjacke oder einen Schafspelz unterlegen, wenn einem die gehobelten und später mit Leinöl behandelten Kieferbohlen zum Sitzen zu hart seien. Der Schiedsrat sprach leidlich Englisch. Die Saaldecke wurde von mehreren hölzernen Pfeilern unterstützt, die beim Einbau des Auditoriums ausgespart werden mußten. In der Trennwand zwischen Bühne und Anbau war ein großer gemauerter Ofen eingebaut, mit dem man, laut Bogdan, im Winter notfalls heizen wollte. „Ah ja“, sagte Norbert mit einem Augenzwinkern. „Auf der Bühne thront Häuptling Bogdan, der Versammlungsleiter, mit durchglühtem Rückgrat, während sich die Leute auf den Rängen trotz ihrer gefalteten Strickjacken die Hintern abfrieren. War es so gedacht ..?“ Der Glockenstrick von Schiedsrat grinste und zuckte mit den Achseln. „Nichts ist vollkommen, Herr Angerschmied … Aber Sie haben schon recht. Vielleicht findet sich bei der Errichtung des nächsten Dorfgemeinschaftshauses noch eine bessere Lösung.“ Dann wollte er wissen, wie dem Journalisten die neue Wetterfahne gefalle. Sie gingen hinaus und sahen zum Türmchen empor.

„Doch, doch“, sagte Norbert, der sie noch gar nicht bemerkt hatte. „Sie macht sich ausgezeichnet. Wer hat schon einen Luchs auf der Kirche?!“

Der Luchs vom Dorfschmied sprang nicht gerade geschmeidig wie ein Delphin, aber man sah jedenfalls, was gemeint war. Die stummelschwänzigen Wildkatzen der Sorte Luchs sind kraftvoll und auffallend hochbeinig gebaut. Jetzt fiel Norbert auch die Stadtkirche von Bad Berka in Thüringen wieder ein, wo er als Knabe einmal Verwandte seiner Stiefmutter besucht hatte. Dort konnte der Klerus mit einem springenden Hirsch in der Wetterfahne glänzen. So habe es Herzog Ernst August (um 1730) ausdrücklich gewünscht, bei Strafe des Blattschusses für den zuständigen Propst ...

Norbert wollte sich gerade verabschieden, als sich dem Dorfplatz und der Käseglocke ein Rollstuhl näherte. Er hatte zwei große Vorderräder und ein kleines Hinterrad und wurde, an einer Querstange der hohen Rückenlehne, von einem jüngeren Mann geschoben. Drin saß eine recht rosig wirkende Frau mit braunen Zöpfen, die Norbert auf ungefähr 50 schätzte. Sie hieß Anca. Sie wolle doch einmal „die sensationelle Rampe“ prüfen, sagte sie. In der Tat wies der Eingang der Käseglocke, neben ein paar Treppen-stufen, eine parallel zur Außenwand verlaufende ansteigende Rampe auf, durch die es Handwagen oder eben Rollstühlen möglich war, ins Erdgeschoß zu fahren, und die beiden Ankömmlinge machten es gleich vor. Dieser Test fiel zur allseitigen Zufriedenheit aus. „Das habt ihr prima gemacht!“ sagte Anca und drückte dem Schiedsrat die Hand. Dann tauchte sie mit ihrem Helfer ins Gebäude.

„Sie war hier Landarbeiterin, wie so viele“, erzählte Bogdan. „Vor rund zwei Jahren hatte sie in ihrer GO – die es inzwischen gab – einen saublöden Unfall. Vom Heuwagen gefallen, wissen Sie ..? Seitdem ist sie vom Becken ab gelähmt und kann nicht mehr laufen. Für uns in Kusmu war es nicht so einfach, den Rollstuhl aufzutreiben, aber es hat sich gelohnt. Sie ist beinahe aufgeblüht. Auf ebenem Boden fährt sie auch schon allein, indem sie um die Reifen greift und zieht. Auf schlammigen Wegen ist das natürlich nicht unbedingt ein Vergnügen. Wahrscheinlich läßt sich auch an den Rollstühlen noch einiges verbessern, wie bei den Heizungen … Ein paar Füchse der Mollowina experimentieren bereits in dieser Richtung, sie denken sogar an eine kleine Manufaktur für Rollstühle und ähnliche Fahrzeuge. Nur das liebe Geld, das liebe Geld ..!“

„Hätte ihr der Gutsherr ebenfalls einen Rollstuhl besorgt?“

„Nie und nimmer“, schüttelte Bogdan seinen Kopf. „Nie und nimmer!“

Norbert nickte und faßte noch einmal nachdenklich die Rampe ins Auge. „Freilich, man sieht auch in Zürich schon Rollstühle. Aber wenn ich es recht überlege, sind unsere Städte, Häuser, Zimmer gar nicht auf sie eingerichtet. Selbst Ihr Rathaus in Kusmu hat keine Rampe, oder sehe ich das falsch?“

„Es hat einen ebenerdigen Hintereingang. Aber die Innentreppe ist schon happig. Ich habe Anca einmal im Rollstuhl gemeinsam mit Mihail Bak bis ins Obergeschoß getragen, das war kein Kinderspiel. Zu allem Unglück ist Mihail auch noch fast nur halb so groß wie ich, da lag schon der nächste Unfall in der Luft“, beendete er seinen Einwurf – und grinste.

„Sie haben Humor“, stellte Norbert trocken fest.

„Ja, sicher!“ rieb er sich die Hände. „Diese auf Rollstühle zugeschnittenen Einrichtungen, die Sie in den demokratischen Ländern vermissen, werden nicht mehr lange auf sich warten lassen. Noch zwei, drei größere Kriege und ungefähr eine halbe Million Automobile in jedem Land, dann sind die rollstuhlfahrenden Krüppel in der Mehrheit ...“

Norbert lächelte etwas gequält, grüßte den Schiedsrat mit einer Bewegung der flachen Hand und machte sich auf den Rückweg zum Holzplatz. Sein Manuskript wartete.

Als er am nächsten Vormittag im „Dunghaus“ der KürbiskernlerInnen saß, um Wallach Luigis Darmver-schluß bei sich selber vorzubeugen, fiel ihm die Sache mit den Rollstühlen prompt wieder ein. Es war ihm peinlich. Er hatte keine Ahnung, wie halbgelähmte Rollstuhlfahrer-Innen mit der Zumutung fertig würden, ihre sogenannte Notdurft zu verrichten. Er wußte überhaupt so gut wie nichts von ihnen – von all diesen sogenannten Behinderten oder Eingeschränkten, die sich Gott oder die Natur oder die Zivilisation leisteten. Dabei war er Journalist! Wobei der eigentliche Skandal jedoch, das sollte man nicht vergessen, auf Seiten Gottes oder der Natur oder der Zivilisation lag. Er hatte die Behinderungen oder Einschränkungen schließlich nicht erfunden. Von ihm aus würde es auch ohne sie gehen, sogar besser. Er dachte an Ancas HelferInnen, an ihre ganze GO, und nicht zuletzt an Anca selber. Wieviel Elend, Bürde und Schuldgefühl war da auf engstem Raume nur deshalb versammelt, weil die Zivilisation unbedingt den Heuwagen erfinden mußte!

Norbert hatte sich heute für eine Klozelle entschieden, die Aussicht auf die Pflanzenklärgrube bot, sofern man durchs Fenster blickte oder die Hintertür aufstehen ließ. In der Grube ergrünte bereits das Schilf, auch einige Sumpfplanzen blühten. Jenseits standen schon wieder Wohngebäude der GO. Die meisten GO‘s der Republik hatten sich inzwischen von den ungesunden und aufwendig zu betreuenden üblichen Familienplumps-klosetthäuschen getrennt und dafür mehr oder weniger zentral gelegene Dunghäuser erbaut oder eingerichtet. Das Dunghaus der KürbiskernlerInnen verfügte über acht Klozellen. Zwei davon waren im Augenblick besetzt. Die Zellen boten weder Vordertüren noch Wasserspülung im Sinne des demokratischen Westens. Mann und Frau pinkelten und kackten, im Sitzen, gegen schräg eingebaute rostfreie Bleche, die Tag für Tag eimer- und schwallweise mit dem Abwasser der GO, etwa aus der Küche, bespült wurden. Dafür standen, zum Nachhelfen des Rutschens und zum Säubern der Bleche, zusätzlich Schrubber bereit. Das Ganze wurde durch Rinnen, die Gefälle besaßen, in die Vorgrube draußen geleitet. In ihr sanken die festen Abfallstoffe ab, während die flüssigen in die Pflanzenklär-grube geleitet wurde, wo sie nach und nach versickerten und verrannen. Die Vorgrube wurde regelmäßig ausgeräumt. Ihr Inhalt wanderte per Handwagen in die „Kompostscheune“ des Dorfes, wo er zum Trocknen ausgebreitet wurde. Dadurch erhielt man einen Dünger, der nach jeweils ein paar Wochen wieder abgeholt werden konnte, um mit ihm die Gärten und Äcker des Dorfes zu bereichern. Selbstverständlich ließ sich auch dieses System nicht ganz mühelos unterhalten, aber es war ungleich schonender für Mensch und Natur, als die sogenannten Kanalisationen, die Norbert aus Mitteleuropa und Nordamerika kannte. Das hatten jedenfalls Redakteur Charly und mittlerweilen noch ein Dutzend andere RepublikanerInnen behauptet.

Clara, Norberts Gattin, hätte natürlich mit Zitronengesicht behauptet, solche Dunghäuser und Klärgruben stänken doch wie die Pest. Aber das stimmte nicht. Der Gestank auf den Plumpsklosetts des Stockstädter Gutshofs war übler gewesen. Seine Stiefmutter, die Gutsherrin, hatte freilich über ein WC verfügt. Als sie, nach dem tödlichen Unfall seiner leiblichen Mutter, seinen Vater heiratete, den Pferdeknecht, besaßen auch dieser und sein Söhnchen plötzlich ein WC. Allerdings hatte sich diese Ehe schon seit Längerem zart angebahnt. Er selber konnte sich nicht beklagen. Die Gutsherrin war keine neurotische Furie gewesen, und sein Vater hatte ihn immer anständig behandelt, ob über den Pferdeställen oder im Herrenhaus. Norbert hatte mit seinem Schicksal wohl erheblich mehr Glück als die Landarbeiterin Anca mit dem ihrigen gehabt.

Seine Gattin hatte übrigens Kunstgeschichte studiert, bekleidete einen leitenden Posten in einem Züricher Museum und trat zudem mit schlauen Büchern hervor. In solch einem Dunghaus hätte sie sicherlich auch mit dem „Mangel an Intimität“ Probleme gehabt. Ihm machte er wenig aus. Eher schauderte es ihn bei dem Gedanken, hier im Winter, mit nacktem Hintern, bei Temperaturen zwischen sieben und zwei Grad plus zu sitzen. Selbstverständlich war das Dunghaus nicht beheizbar. Aber die Leute hier waren abgehärtet, das hatte er schon hinten und vorne bemerkt.

Norbert säuberte sich mit ein paar Fitzeln zerknüllten Zeitungspapieres, zog sich wieder an und wusch sich die Hände in einer kleinen Schüssel, die draußen neben der Regentonne des Dunghauses auf einem alten Hackklotz stand. Den Inhalt der Schüssel konnte er gleich wieder in das von ihm benutzte Kloloch schleudern, zwecks Überprüfung des ganzen Systems. Auf den Kopf gefallen waren die Hiesigen ja wirklich nicht. Das kostenlose bedruckte Zeitungspapier brachte man bei entsprechenden Transportfahrten regelmäßig aus Burgas in ganzen Stapeln mit. Auch die Amsel, die im Augenblick auf dem Dachfirst des Dunghauses flötete, verlangte kein Honorar. Im Winter würde sie sich aufplustern und den Schnabel halten. Doch Norbert war Journalist.



11

Norbert war mit seinem ersten Bericht aus der Freien Republik Mollowina zufrieden. Morgen früh wollte er nach Kusmu zurückfahren, ohne nennenswerte Pausen einzulegen. Es hatte es plötzlich eilig, seine Mitteilungen und Einsichten auf den Weg und an die Tribune-LeserInnen zu bringen. Beim Abendbrot wurde er passend vom Dorfschmied zu einer entspannenden Partie Boccia aufgefordert. Unter den Linden neben der Käseglocke hatten sich rund ein Dutzend DörflerInnen eingefunden; manche sahen nur zu. Die Bahn war bereits gefegt. Schiedsrat Bogdan war auch mit von der Partie, und bei seiner Biegsamkeit nahm es kaum Wunder, wenn er sich als Meister in dem Geschäft entpuppte, von der Fußlinie aus gegnerische Wurfkugeln durch die eigene Wurfkugel aus der Nähe des zwei oder drei Pferdelängen entfernten „Ziesels“ zu scheuchen. So nannten sie hier die kleine rote Zielkugel. Das Erdhörnchen Ziesel, meistens braun oder grau gefärbt, kam in manchen flachen Landesteilen der Republik vor, wo es mit seinen Schlupflöchern gelegentlich für verstauchte Pferdefüße sorgte. Das Boccia war Norbert immerhin aus Südfrankreich und der französischen Schweiz bekannt. Aller restlicher „Sport“, den man im alten Athen getrieben hatte oder in den neuen Industrienationen pflog, wurde in der Mollowina verschmäht. Das Meidunische bot weder ein Wort für „Sport“ noch ein Wort für „Fußball“, wie Norbert von Bogdan erfuhr. Ein Wort für „Pferdrennen“ hatte es, aber in der Republik veranstaltete man keine Pferderennen. Die Pferde hatten auch ohnedem genug zu tun.

Als Norbert am nächsten Vormittag das Dorf Duhn passierte, war der Raps verblüht. Dafür erspähte er an der Anhöhe mit dem Steinbruch, wo sie Manöver abgehalten hatten, größere Flecken von etwas wärmerem Gelb. Sie blinkten unterhalb eines Hainbuchengehölzes im Gras auf. Ein Blick durch Seans Feldstecher bestätigte ihm, der Hang war von Schlüsselblumen übersät. Es waren Blumen seiner Kindheit – Guntersblum, Donnersberg, Odenwald und so weiter – und seine Kindheit war vorbei. Der unschöne Gedanke ans Altern überfiel ihn ziemlich jäh. Statistisch gesehen, hatte er längst den Zenit seines Lebens überschritten, und viel geleistet hatte er noch nicht. Prompt feuerte er gleich die Braunen an, beim Traben nicht einzuschlafen, sondern sich gefälligst ein bißchen zu beeilen.

Als das Pferdedorf in Sicht kam, war es fast eins. Das Bimmeltürmchen des Gestüts wies ihm den Weg. Wie sich zeigte, kam er genau richtig zum Mittagessen, aber Sean und Raluca waren nicht da. Sie hülfen einem Nachbardorf mit einem Fuhrwerk bei der Heuernte aus. Norbert aß; dann führte er die Braunen auf die Koppel, hängte einen Zettel „Bin im Rathaus!“ an den Planwagen und schwang sich auf ein Fahrrad, das man ihm geliehen hatte. Die letzten Meter zum Marktplatz hinauf schob er allerdings. Es war, inzwischen Anfang Juni, recht warm, und er wollte Charly keinen verschwitzten Kollegen zumuten.

Aber auch Charly war außer Haus. Dafür traf er in der Kurier-Redaktion eine freundliche, noch ziemlich junge, ja sogar verdammt hübsche Kollegin an, Evelina mit Namen. Sie lud ihn auf den freien Stuhl vor Charlys prächtiger Adler-Schreibmaschine ein und erkundigte sich nach weiteren Wünschen. Die behielt er lieber für sich.

Zum Glück war die Schreibmaschine auf westliche Sprachen eingerichtet, also auch Englisch. Als er nach mehreren Stunden fertig war, legte er das Manuskript und einen Zettel mit der Anschrift der Tribune und des Absenders („Norbert Angerschmied, z. Zt. Rathaus Kusmu, Mollowina“) in den Korb, den ihm Evelina gezeigt hatte. Sie war inzwischen verschwunden. Sie hatte ihm versprochen, sich um die geeignete und rasche Absendung der Botschaft zu kümmern. Ferner hatte sie ihn auf ein Konzert aufmerksam gemacht, das um 20 Uhr in der Kathedrale gegeben würde. Solche Veranstaltungen hätten ja in der Mollowina grundsätzlich Seltenheitswert, und da heute abend Mara Voitec singe und spiele, könne sie ihm den Besuch nur dringend ans Herz legen. Norbert hatte ihr für den Fingerzeig gedankt. Jetzt war es nach fünf, Charly oder sonst ein „hohes Tier“ war noch nicht aufgetaucht, und Norbert überlegte, was er tun solle. Da klopfte es.

Es war Sean. Sie umarmten sich beinahe ungestüm und versicherten sich gegenseitig, wie gut sie aussähen. Dann erwähnte Norbert das Konzert: ob Sean mitkäme? Selbstverständlich, Raluca käme ebenfalls. Also hatten sie noch Zeit. Sie nahmen einstweilen auf den Redaktions-stühlen Platz, tranken sich mit Brunnenwasser zu und tauschten ihre wichtigsten jüngsten Erlebnisse aus.

Von Ralucas Feuer in Liebesdingen einmal abgesehen, zeigte sich Sean vor allem von ihren Schießkünsten beeindruckt. Sie habe sich mit einigen anderen Frauen ihrer GO häufige Zielübungen verordnet, und daran hatte Sean schon zweimal teilgenommen. Er sei klar der schwächste Schütze in dieser Gruppe, ganz im Gegensatz zu Raluca, die von drei getrockneten, mit Sand gefüllten Flaschenkürbissen, die einer in die Luft werfe, zwei zu treffen pflege.

Norbert heuchelte guten Glauben. Er seinerseits schilderte vor allem die Baufortschritte an und in der Käseglocke von Noravita und seine dortige Begegnung mit der Rollstuhl-fahrerin. Als sich Sean auch nach seinem Artikel erkundigte, nickte er und klopfte befriedigt auf das Manuskript im Postkorb:

„Geschafft! Er geht schon morgen nach Burgas.“

Sean gratulierte ihm und kramte kurz in dem Korb. Als er wieder saß, legte er die Stirn in Falten und fragte Norbert lauernd: „Und sonst? Kein weiterer Brief von Angerschmied ins Ausland ..?“

„Was willst du damit sagen ..?“

„Man könnte ja vielleicht der lieben Gattin einen Gruß schicken ..!“

„Puh!“ erwiderte Norbert ertappt und erschreckt. „Das hätte ich fast verschwitzt! Vielen Dank, daß du mich daran erinnert hast. Ich werde gleich ein Briefchen fertigmachen.“

Während sich Sean einen grinste und Norbert kurzent-schlossen die freie Rückseite eines Programmzettels des heutigen Konzertes bekritzelte, ging die Zimmertür auf. Diesmal war es Charly. Der dicke Redakteur erstrahlte über beide Wangen und Tränensäcke und ließ sich über das Befinden der Gäste und die Lage ins Bild setzen. Ja, sicher, da gehe er auch hin, erwiderte er auf die entsprechende Frage von Norbert. Er meinte das Konzert. Es empfehle sich nur, vorher noch tüchtig Abendbrot zu essen, denn in der Kathedrale sei es selbst im Sommer recht kühl. So einigten sie sich, gemeinsam zu Charlys GO aufzubrechen, die ja in geringer Entfernung oberhalb der Kathedrale lag.



12

Mara Voitec hatte kurz vor der Revolution ihr Musik-studium in Sofia abgeschlossen und von daher noch gute Verbindungen, sodaß sie beispielsweise an Noten, Musikinstrumente oder Kollegen für gelegentliche Gastspiele in der neuen Republik herankam. Sie gehörte einer GO im Mühldorf an. Sie leitete einen gemischten Chor, an dem sich Leute aus ganz Kusmu beteiligten, und gab hier und dort allerlei Musikunterricht. Ihre größte Leidenschaft nach dem Singen und Blasen sei das Schwimmen, erzählte Charly. Sie schwimme wie ein Fisch. Von alledem komme natürlich in ihrer GO kein Brot und kein Brathering auf den Tisch, von den Eiern des Schwarzmeer-Störs, Kaviar genannt, ganz zu schweigen, sodaß sie in der GO tatkräftig mitarbeite wie jeder andere Genosse auch.

Man kann diese blumigen Bemerkungen des Kurier-Redakteurs nutzen, um im Vorübergehen die Gepflogen-heiten der Arbeitsverteilung in den GO‘s zu behandeln. Davon hatten die Schweizer inzwischen schon einiges mitbekommen. Im Groben wurde die Arbeitsverteilung auf der wöchentlichen Vollversammlung der GO geregelt, sofern sie sich nicht von selbst verstand. Da diese Planung aber häufig von Notfällen, vom Wetter, ja selbst von persönlichen Stimmungen oder Wünschen durchkreuzt wurde, sprachen sich die Leute fast überall auch noch einmal täglich nach dem Frühstück ab. Dazu benötigten sie selten mehr als 10 Minuten. WortführerIn war dabei die Person, die das jeweils jüngste Plenum der GO geleitet hatte. Die Plenumsleitung wechselte stets nach dem Alphabet, weil man, so wie Berufspianisten, auch keine professionellen WortführerInnen haben wollte. Selbstverständlich waren die GO‘s bei ihren Vollversamm-lungen und Frühstücksrunden selten wirklich vollständig. Leute machten Besuche, Leute waren krank, Leute lagen noch in den Windeln oder schlurften als Greise in ein Bibelkränzchen. Waren sie aber derart nicht verhindert, wurde ihre Teilnahme „erwartet“, wie es in der Republikverfassung diplomatisch hieß. Die Peitsche, die sie unter Umständen aufs Plenum trieb, war die schon früher von Charly angeführte „soziale Kontrolle“. Müssen mußte niemand. Er konnte das Plenum jederzeit schwänzen wie unsereins die Schule oder gleich ins Königreich Bulgarien auswandern.

Kurz vor acht war die dämmrige Kathedrale schon recht belebt. Zu ihrer Verblüffung hatte Charly die Schweizer im Vorraum gebeten, ihre Schuhe auszuziehen. In der Tat waren dort bereits Unmengen von Schuhen in lange mannshohe Regale gestopft. Drinnen erklärte sich das Verfahren: die Kathedrale war mit zahlreichen Teppichen ausgelegt, auf denen die Leute saßen oder lagerten. Viele saßen im Schneider- oder besser Yogasitz. Irgendein Gestühl gab es nicht.

„Ich dachte, die Türken seien schon abgezogen?“ wandte sich Norbert an Charly.

„Das schon“, grinste Charly, „aber die Teppiche ließen sie liegen!“

Er erklärte Näheres, nachdem sie zu Boden gegangen waren und sich auch Raluca zu ihnen gesellt hatte. Wenige Tage nach dem Umsturz hätten sie dem Sultan angeboten, die zur Moschee umgeweihte Kathedrale wieder offiziell zu entwidmen, damit weder Allah noch Yahweh Grund zum Zürnen hätten. Das habe er sogar angenommen. Bald darauf sei ein Imam mit einer Kutsche erschienen, der die Zeremonie vogenommen habe und auf dem Huf wieder kehrt gemacht habe. „Er hatte zwei Bedienstete dabei, aber die waren wohl zu faul, die Teppiche einzurollen und auf die Kutsche zu packen. Nun haben wir den Salat“, rührte Charly mit einem Finger in den pflanzenartigen Ornamenten des allerdings verblichenen Teppichs, auf dem er saß. „Es gab wiederholt Vorschläge, den Innenraum umzugestalten, etwa durch Großeinkauf von gebrauchten Feldfaltschemeln bei der russischen Armee oder nach Art des neuen Amphitheaters in Noravita, aber stets kamen Einwände. Ein Konsens ist bis zur Stunde nicht in Sicht.“

Norbert schüttelte belustigt seinen Kopf, dann nickte er zum Vorraum. „Diese Schuh-Masse dort draußen, das wäre ein gefundenes Fressen für Gaukler wie unseren niedersächsischen Till Eulenspiegel. Er packt sie alle in einen riesigen Sack, schultert diesen, klettert auf das über den Marktplatz gespannte Seil, tanzt zur Mitte und leert dort den Sack, sodaß sich in der Marktmitte ein Schuhberg erhebt. Schon stürzen sich die strümpfigen Leute darauf und hauen sich gegenseitig beim Wühlen nach ihren Schuhen windelweich.“

Während Raluca lachte, spielte Charly mit winkendem Zeigefinger den Entrüsteten: „Wir sind ein friedfertiges Volk!“

Fast im selben Atemzug kippte er seinen Zeigefinger in die Waagrechte und deutete auf einen schlanken Mann mittlerer Größe, der auf sie zukam: „Na, was sage ich? Da kommt auch schon unser großer Feldherr ..!“

Es war Landes-Schiedsrat Mihail Bak, 42 Jahre alt. Die Schweizer kannten Fotografien, die ihn zeigten. Man konnte ihn jünger schätzen. Der Schnauzbart von den Fotos war inzwischen verschwunden. Bak trug sein glänzendes, volles schwarzes Haar zurückgekämmt. Er hatte ein scharf geschnittenes Gesicht mit eher schmalen Augenschlitzen unter buschigen Brauen, ohne dadurch streng zu wirken. Er bewegte sich beinahe behutsam und blickte aus seinen dunklen Augen keineswegs stechend wie ein Feldherr, eher zurückhaltend wie ein grüblerisch veranlagter Gymnasiast, der vermeiden möchte, jemanden zu verletzen.

„Hallo, Mihail“, sagte Charly und deutete mit Handbewe-gungen zur Seite auf Norbert und Sean, die den dicken Redakteur flankierten: „Die Herren Angerschmied und O‘Brien aus der Schweiz. Wird ja Zeit, daß du sie mal kennenlernst.“

Bak nickte freundlich und gab ihnen die Hand. „Ich hoffe, Sie haben bislang keinen Grund zur Klage ..?“ Dabei ließ er sich in einer Lücke neben Raluca auf dem Teppich nieder. Prompt strich ihm die Zureiterin zärtlich den Arm, was er mit einem Kuß auf ihren heute stehbündchenfreien Hals erwiderte. Das schien Sean aber nicht zu alarmieren.

Baks Erkundigung bejahten die Schweizer. Er sprach gut Englisch und hatte eine unauffällige Stimme. Auf weitere entsprechenden Fragen teilten sie ihm einige Reise-eindrücke mit und erwähnten den Postkorb in der Kurier-Redaktion, in dem mittlerweilen Norberts erster Bericht liege. Unterdessen hatten sich in der erhöhten großen Nische, wo einst der Altar, nun aber ein Flügel stand, bereits die drei MusikerInnen des Abends zu schaffen gemacht – auch sie auf Strümpfen oder in Hausschuhen. Der kuppelgekrönte Hauptraum der Kathedrale faßte ungefähr 600 Personen. Heute war er gut gefüllt. Als Mara Voitec an die Rampe trat und mit ihrer Trompete eine Art Signal gab, verebbte das mit Gelächter durchsetzte Murmeln im Saal. Offenbar ging es gleich los.

Ihr kastanienbraunes Haar trug sie kurz, wodurch ihre lustigen Sommersprossen zur Geltung kamen. War sie ein Fisch, wie Charly gesagt hatte, dann nur ein Moderlies-chen. Oder nur „ein Strich in der Landschaft“, wie man bei Norbert im Hessischen Ried geunkt hatte. Sie war schlank wie eine Altarkerze und nicht viel größer als diese. Sie bewegte sich jedoch mit großer Anmut, und wo sie ihre glutvolle Stimme und die Planwagen voll Luft für ihre Blasinstrumente hernahm, war ein medizinisches Rätsel.

„Wir freuen uns über euer zahlreiches Erscheinen“, begann Mara. „Die Namen meiner ausländischen Kollegen kennt ihr, und auch das Programm. Der Franzose Gabriel Fauré ist ohne Zweifel ein bemerkenswerter Komponist. Alexandru“ – der Mann am Flügel – „hat die noch fast druckfrischen Lieder von Fauré besorgt und ein wenig auf unsere heutige Besetzung zugeschnitten. Ich würde auch gern einmal etwas von Fanny Hensel oder Johannes Brahms singen oder vom Kusmuer Chor singen lassen, aber was soll ich sagen“ – sie deutete durch den Saal – „kein Schwanz hier kann ein Wort Deutsch, mich eingeschlossen. Doch ich lüge! Bei Charly seht ihr unsere gegenwärtigen Gäste aus der Schweiz, die Herren Norbert Angerschmied und Sean O‘Brien. Applaus bitte.“

Überrumpelt, winkten die Schweizer grüßend und dankend etwas linkisch mit je einer gespreizten Hand ins klatschende Publikum. Charly gluckste in sich hinein; er hatte diesen Applaus schließlich eingefädelt.

Die dunkelblonde Frau am Cello hieß Libuše, eine Tschechin. Alle drei waren um 30. Mara sang los, und zwar mal zum Steinerweichen, mal zum Kichern. Zwischen-durch griff sie gelegentlich zu Trompete oder Saxophon. Ihre „Bühnenpräsenz“, wie sie dazu in Berlin oder Budapest sagten, war umwerfend. Dazu kam noch das Französisch der Liedtexte, das ja schon von sich aus Lyrik war. Sie beherrschte diese Sprache perfekt, wie sich Charly und Norbert flüsternd gegenseitig versicherten. Damit waren die beiden Journalisten der Anzüglichkeit enthoben, auch Maras hinreißendes Sichwiegen in den schmalen Hüften und ihre mädchenhaften Brüstchen zu loben, die ihr helles Hemd fast durchbohrten.

Der letzte Programmpunkt war ein textloses, auf die Kusmuer Besetzung umgeschriebenes „Divertimento für Streicher“ von einem gewissen Leó Weiner. Der junge Ungar studierte an der Budapester Akademie, wo Pianist Alexandru inzwischen Dozent war. Libuše studierte noch in Sofia. Alexandru hatte sich die aufwendige Anreise geleistet, weil er neugierig auf die Republik Mollowina, zudem erholungsbedürftig war. Die beiden waren bereits vor einer knappen Woche in Kusmu eingetroffen. Was Weiner anging, war ihm mit dem rund 10minütigen Stück ein glänzender Wurf gelungen. Den flotten zweiten Satz hatte Bearbeiter Alexandru „Fuchstanz“ getauft. Hier machten sich wieder Maras zwei Blechinstrumente gut. Gegen Ende schlug das Stück sogar Purzelbäume. Die Leute in der Kathedrale gerieten fast aus dem Häuschen. Mancher hätte vermutlich auch gern getanzt, aber dann hätten sich wohl zu viele Staubwolken aus den Teppichen erhoben. Im übrigen war es damals noch ungewohnt und streckenweise schockierend, wenn eine Frau in eine Trompete oder in ein Saxophon blies. Auch die Gäste aus Zürich hatten bislang noch keine erlebt.

Kaum war Weiners Divertimento verklungen und damit das Konzert, nach gut einer Stunde, beendet, fingen die ersten Leute an zu rufen, wo denn das Lied der Mollowina bleibe. „Das war ja zu erwarten“, sagte Charly. Also ließen sich die MusikerInnen breitschlagen, das offensichtlich beliebte Lied als Zugabe zu Gehör zu bringen. Die Schweizer waren stark beeindruckt von diesem schlichten, gleichwohl pfiffigen Stück. Die Landessprache war für dergleichen ideal. Die Leute auf dem dämmrigen Teppichgrund hatten leuchtende Augen, und manche von ihnen sangen die dritte Strophe, die lediglich die erste wiederholte, leise mit. Dann stürmischer Beifall; die KünstlerInnen verbeugten sich brav; der Sturm auf die Schuhe begann.

lied der mollowina (pdf, 15 KB)

Der Marktplatz lag schon fast im Dunkeln. Viele KonzertbesucherInnen gingen zuerst zum Brunnen, um etwas zu trinken. Er wurde von einem auf der Anhöhe entspringenden Quellbach gespeist, dem das Städtchen Kusmu seine Gründung und Existenz verdankte. Die ausländischen Gäste setzten sich mit Mara, Bak und Charly in einen Pulk von Leuten, die sich, statt heimzugehen, auf der Rathaustreppe niedergelassen hatten, die von der eben untergegangenen Sonne deutlich mehr erwärmt worden war als die Treppe der Kathedrale. Hier erfuhren die Schweizer Näheres von dem Lied der Mollowina, den MusikerInnen des Abends – und von Bak. Das Lied stammte von Mara selber, wenn auch Bak, so Charly, beim Text ein wenig „Geburtshilfe“ geleistet haben dürfte. Sie wußten schon, der dicke Redakteur stichelte gern. Bak schmunzelte nur dazu. Im übrigen war klar wie Klosbrühe, daß der Landes-Schiedsrat zur Genossin Mara ein besonders inniges Verhältnis hatte. Sie hatte ihn am Brunnen herzhaft umhalst, und jetzt hockte sie rücklings zwischen seinen Beinen. Raluca war aber auch noch da. Sean hatte Norbert bereits in der Kathedrale zugeflüstert, seine neue Flamme vom Kusufer sei eine wichtige Verflossene Baks. Norbert hatte es sich schon fast gedacht.

Auch Alexandru und Libuše sprachen leidlich Englisch. Sie rühmten ihre Zusammenarbeit mit Mara und erzählten ein wenig aus ihrem jeweils großstädtischem Alltag. Für einen musisch veranlagten Menschen werde die lärmende Betriebsamkeit moderner Städte wie Budapest und Sofia allmählich unerträglich. Bei dieser Gelegenheit erfuhren die Schweizer – und mit ihnen Redakteur Charly – vor wenigen Wochen, am 1. Mai, sei der Komponist Antonin Dvorak gestorben, bekanntlich ein Landsmann von der Böhmin Libuše, der Frau am Cello. Prompt nahm sich Charly vor, seinen Bericht vom heutigen Konzert zu einem Grundsatzartikel über Fragen der Musik auszuweiten. Er gedachte darin unter anderem gegen das westliche Virtuosentum zu Felde zu ziehen. Das verriet er aber einstweilen Alexandru und Libuše nicht; es hätte womöglich einen Mißklang in den gegenwärtigen Abendfrieden gemischt.

Norbert verstand wenig von Musik. Ihm war stattdessen Baks eindrucksvolle Ansprache Wer sind die Feinde des Menschen? – und in diesem Zusammehang die Rampe für Rollstühle eingefallen, die die Rathaustreppe bislang vermissen ließ. Jetzt beglückwünschte er Bak zu diesem Text. Dann erzählte er ihm von seiner kurzen Begegnung mit Rollstuhlfahrerin Anca aus Noravita. Dazu nickte Bak, der die ehemalige Landarbeiterin flüchtig kannte, durchaus teilnahmsvoll. Er schwieg eine Weile und fragte dann Norbert etwas unvermittelt, ob er wisse, wer ihn zu jener Ansprache angeregt habe? Nun, Verteidigungsrat Miron Maurer hatte es am Lagerfeuer in Duhn zwar erwähnt, aber Norbert hatte es vergessen.

„Es war die kleine Constantina aus unserem Gebirgsdorf Husi. Das Dorf liegt in der Nähe der Schwarzmeerküste in den Revoten. Ich hatte dort zu tun. Plötzlich stand dieses behinderte Mädchen vor mir und begrüßte mich und mein Pferd erfreut, als wären wir alte Genossen von ihr. Später sah ich sie freilich auch schmollen und weinen. Sie müßte jetzt fünf oder sechs sein – aber sie ist eben, in leiblicher wie geistiger Hinsicht, in vielen Dingen ‚zurückgeblieben‘. Sie leidet von Geburt an unter ‚Mongolismus‘, wie die Ärzte im Westen meist dazu sagen. Unsere eigenen Ärzte nennen es ‚Down-Syndrom‘, nach dem erst kürzlich verstorbenen Beschreiber dieser Behinderung, und daran tun sie recht, denn was können die Mongolen dafür, wenn in Mitteleuropa zuweilen Kinder auftreten, die schrägstehende, oft verengte Augen, ein etwas verquollen wirkendes Gesicht, einen in der Regel unbeholfenen Gang, eine Immunschwäche, häufig einen Herzfehler, im übrigen sogenannte Sprach-, Denk- und Lernschwierigkeiten haben?“

Norbert nickte. Er erinnerte sich dunkel, in Mitteleuropa gelegentlich solche Wesen gesehen zu haben, obwohl sie dort meistens unter Verschluß gehalten wurden, schamhaft versteckt. Er fragte den Schiedsrat:

„Wie kommt es zu dieser Behinderung? Ist sie unausweichlich?“

„Man hat die genaue Ursache noch nicht herausgefunden. Vielleicht ein Fehler in den Chromosomen. Man kann natürlich einiges dagegen tun, aber man kann sie nicht heilen oder ausmerzen, und die Betroffenen werden selten nennenswert alt. Sie sterben oft schon als Kinder.“

„Und wie geht es Constantina jetzt?“

Bak wirkte etwas verlegen. „Das könnte ich im Augenblick nicht genau sagen. Ich habe einfach zu viel am Hals, verdammt … Aber wissen Sie was? Fahren Sie doch einfach mal hin! Sie haben mehr Zeit als ich. Erkundigen sie sich und erstatten Sie mir Bericht. Constantina würde sich jede Wette freuen, und ihrer Mutter, sie heißt Veta, und dem ganzen Gebirgsdorf könnte etwas mehr Aufmerksamkeit auch nicht schaden ...“



13

Der ansteigende Fahrweg zum Gebirgsdorf Husi war ungepflastert. Nur fleckenweise von ungeschlachten, oft spitzen Steinen durchsetzt, verwandelte sich sein lehmiger Boden nach einem Unwetter vermutlich in ein Schlammbad. Dann wären ihre Braunen gut getarnt gewesen. Im Wald taten die Wurzeln von Ahorn, Fichte, Eiche oder echten Tannen das Ihre dazu, den Fahrweg mit Fußangeln zu versehen. Im Freien wurde er von blühendem Ginster oder von Heckenrosen gesäumt, die ihre dickfelligen Braunen mit Dornen kitzelten. Eine Seilbahn wäre für die HusianerInnen vielleicht nicht das Schlechteste gewesen. Oder wenigstens eine Seilwinde für ihre Fuhrwerke. Aber ohne Strom oder Benzin? Nur mit einem Göpelantrieb auf dem Dorfplatz, wo dann die armen Gäule, statt die Wagen zu ziehen, wie preußische Sträflinge im Kreis zu trotten hatten? Es war ohnehin erstaunlich, daß sich das Wildpferd vor einigen tausend Jahren dazu herbeigelassen hatte, sich ausgerechnet einem zweibeinigen Zwerg zu unterwerfen, den es mit einem Huftritt auf den Kilimandscharo hätte befördern können.

Gleich an einem der ersten Häuser der halbwegs eben verlaufenden Dorfstraße, nun gepflastert, waren ein paar Leute damit beschäftigt, ein neues Fenster einzusetzen. Sean stellte sich und seinen Bocknachbarn Norbert vor und erkundigte sich, wo sie Constantina fänden, die blut-junge Freundin von Landes-Schiedsrat Mihail Bak? Die Leute lachten. Sie waren sofort von dem überraschenden Besuch angetan, wie Bak es vorausgesagt hatte. Sie beschrieben die Haupteinfahrt der GO Schlangenadler, wo man sicherlich wisse, wo Constantina gerade stecke.

Es war nicht weit. Auf einem dem Dorfplateau abgerun-genen langgestreckten Hof, der von etlichen, durchweg niedrigen Häusern umlagert war, brachten sie ihren deutlich gekennzeichneten Planwagen unter einem mächtigen Kastanienbaum zum Stehen. Laut Dorfkirchenglocke war es kurz nach drei – nachmittags. Schon traten hier und dort Leute aus den Türen, auch ein paar Kinder. Eins davon, ein Mädchen mit blonden Fransen, wagte sich gleich neugierig und ohne Scheu zu ihnen vor. Es konnte nur Constantina sein, wie bereits der etwas wankende Schritt verriet. Sie musterte erfreut das Republikwappen auf der Plane und die beiden schnauben-den gemütlichen Braunen. Dann nickte sie und krähte:

„Schön Wag, schön Wag! Und schön Perd! ... Zwei Perd!“ ergänzte sie sogar begeistert und nickte erneut.

Dann ging sie zum links eingespannten Braunen und umhalste zunächst seine kräftigen Vorderbeine, ehe sie ihn mit ihren etwas aufgedunsen wirkenden kleinen Händen an der riesigen Unterlippe kitzelte. Er ließ sich alles klaglos gefallen.

Abgestiegen, strichen die beiden Männer dem kecken Mädchen übers Haar. Dann wandten sie sich an eine stämmige Frau um 50, die ihnen gerade am nächsten stand, stellten sich vor und umrissen ihr Anliegen.

„Freut mich“, sagte sie, „ich heiße Ruxandra. Hatten Sie schon Mittagessen?“

Das konnten sie bejahen.

„Gut. Wir sitzen gerade mit ein paar Kindern und Erwachsenen im Gemeinschaftsraum und plagen uns mit der meidunischen Sprache ab. Es ist aber keineswegs langweilig. Wenn Sie Lust haben, können Sie einmal hineinhorchen.“

Da die Besucher zustimmend nickten, bat sie einen Mann, der gerade mit einer Schubkarre auf dem Hof erschien, den Planwagen hinter die „Schaf-Scheune“ zu fahren und die zwei Braunen einstweilen auf die Weide der Schafe zu führen. Das versprach der Mann. Dann ging sie zu Constantina, um sie zum Mitkommen ins Haus zu bewegen, was aber nicht ganz so einfach war. Das Mädchen wollte sich ungern von dem angenehm knetbaren Pferdemaul trennen. Sie war störrischer als das Pferd. Norbert hatte schon von Bak gehört, ein „Down-Kind“ könne ziemlich stur sein. Das war eine Kehrseite seiner „Kontaktfreude“ und seiner „sozialen Kompetenz“, wie die Psychologen dazu sagten. Veta würde ihm später eine bezeichnende Anekdote erzählen. Bei einem Streifzug mit etlichen Kindern habe ein „normaler“ Junge einen Stock aufgeklaubt und damit begonnen, von den Haselnuß-sträuchern, die den Hohlweg säumten, mit Lust die Blätter abzuschlagen. Als Constantina das bemerkt habe, sei sie ihm in den Arm gefallen und habe ihm vorwurfsvoll ins Gesicht geschleudert: „Tut ihn weh! Tut ihn weh!“ Darauf ließ der Junge die Sträucher verlegen in Frieden.

Nach geduldigem Zureden kam Constantina mit ins Haus und stürzte sich wieder auf ihr Schreibheft. Die dunkelhaarige Ruxandra entpuppte sich nicht nur als die gegenwärtige Leiterin dieses erstaunlicherweise aus Jung und Alt gemischten Lernzirkels von knapp einem Dutzend SchlangenadlerInnen, sondern auch als die Schiedsrätin des ganzen Dorfes. Sie wohnte in dieser GO namens Schlangenadler. Zuletzt als technische Angstellte bei der Hafenverwaltung in Burgas erwerbstätig, sprach sie sogar Englisch. Ihr Lernzirkel saß an verschiedenen Tischen unweit einer größeren Schiefertafel, die sowieso ständig an der Wand des Gemeinschaftsraumes hing. Die anwesenden Kinder unterschiedlichen Alters hätte man in Deutschland „ABC-Schützen“, die paar Erwachsenen „Analphabeten“ genannt. Sie schrieben oder malten mit Bleistiften in linierte Hefte oder gar richtige Kontobücher, die Ruxandra dereinst klammheimlich der Burgaser Hafenverwaltung entzogen hatte. Die älteste erwachsene Person im Zirkel war eine bäurisch wirkende Großmutter, und zwischen deren Schreibkünsten und denen von Constantina sah man nicht viel Unterschied. Constantina wollte jetzt verständlicherweise unbedingt „perd“ schreiben. Ruxandra machte ihr es ohne Widerworte vor.

Für die Wißbegierde der Schweizer hatte die Schiedsrätin zwischen ihren Vorschlägen, Ermunterungen und Berichtigungen auch noch hinreichend Zeit. Ohnehin stand über den ungemauerten Bildungseinrichtungen des Landes ein Wahlspruch, der für das ganze Republikleben galt: Geduld – Gelassenheit – Freiheit. Schulen gab es nicht, wie schon einmal erwähnt. Die 20 oder 30 lauffähigen Kinder in den GO‘s waren ja sowieso Tag für Tag gleichsam versammelt, und verschiedene Zirkel, in denen man Schreiben und Rechnen lernen konnte, waren da so leicht gebildet wie umgruppiert. Auch an Anleitern hatte es keinen Mangel. Sogenannte „Lehrkräfte“ mitzumästen, wollte man sich nicht leisten, und deren „Pädagogik“ fürchtete man sogar. Das galt auch für Bildungsbemühungen unter Jugendlichen und Erwachsenen der Republik. Diesbezüglich wurden in den Dörfern gleichfalls unsystematisch, je nach Bedarf, Ideen, Kräften und sogar Wetter (Ernte!), Zirkel ins Leben gerufen und wieder geschlossen, die sich eine Zeitlang mit bestimmten Themenkreisen beschäftigten, die man für wichtig hielt, etwa allgemeine Erd- und Himmelskunde, Einfall weißer Heilsbringer in Süd- und Nordamerika, Grundlagen der Physik – oder eben des mitteleuropä-ischen Schulsystems, das sich vor allem dem Triumph der Dampfmaschine und der entsprechenden Bürokratie verdankte. Die Mitteleuropäer sollten jetzt nach der Pfeife von Profit und Norm tanzen. Effizienz würde Modewort und Ausweis des gesamten 20. Jahrhunderts werden.

Die Überraschung des Tages war zumindest für Norbert Angerschmied die Mutter des „behinderten“ Kindes. Sie lernten sie beim Abendbrot in der GO kennen. Veta, um 40, war gerade so blond wie ihre Tochter. Sie zeigte auch deren Fransen, nur ordentlich zur Seite gekämmt, konnte also nicht, wie Sean, mit Locken glänzen. Dafür war sie ähnlich ansprechend gebaut wie der Ire, nur mit festem Busen. Ihre kräftige Nase war vielleicht einen Hauch zu breit ausgefallen, aber das erschien Norbert stimmig, als er erfuhr, sie sei Försterstochter und noch heute eine gute Fährtenleserin. Ihr Wesen war gutherzig und still.

Englisch sprach Veta nicht. Als sich Sean einmal beiläufig nach Constantinas Vater erkundigte, erwiderte sie so lapidar wie anrührend, er habe sich bald nach der Geburt abgesetzt. Niemand wisse, wo er sich aufhalte. Sean hakte nach, und nun meinte sie nachdenklich, wahrscheinlich sei die Revolution ihre Rettung gewesen, sowohl die von Constantina wie ihre eigene. Hier, in dem umgemodelten Dorf, hatten sie beide viele Freunde, Rücksichtnahme, Trost gefunden.

Ob sie mit ihrem doch recht harten Schicksal hadere, wollte Norbert, mit Seans übersetzerischer Hilfe, wissen. Das verneinte sie. Und weil sie dazu ihren Kopf geschüttelt hatte, strich sie sich wieder die Fransen aus dem Gesicht und lächelte ein wenig verlegen in die Runde.

Schiedsrätin Ruxandra saß auch mit am Tisch. Husi war ein Jägerdorf, und sie hatte bereits vom Vorhaben einiger Leute erzählt, morgen im Wald mit dem Bau eines Fangkorrals für Wildschweine zu beginnen. Sean hatte sofort sein Interesse bekundet, an der Aktion teilzuneh-men. Er berichtete auch von seinen Schießübungen im Kusmuer Gestüt. Ruxandra lächelte nachsichtig und meinte, es spräche sicherlich nichts dagegen, wenn er sich an dem Bauwerk beteilige. Dann seufzte sie, ja im Gestüt von Kusmu hätten sie ganze Kolonnen der unterschied-lichsten Fuhrwerke, in Husi gerade mal zwei. Und auch nur zwei Pferde, zwei dicke Kaltblüter. Das reiche gerade fürs Holzrücken aus.

„Wenn es so ist“, sagte Norbert in plötzlicher Eingebung, „könnte man ja eigentlich unser Gespann dazu ausnutzen, einmal mit ein paar Kindern einen richtigen Ausflug zu machen.“ Auf Constantina deutend, die gerade in einer Pfütze aus verschüttetem Trinkwasser rührte, ergänzte er: „War sie schon einmal am Schwarzen Meer?“

Das wurde verneint. Die Rätin war von dem Vorschlag begeistert. Sie selber sei morgen jedoch verhindert. Er möge nur, neben ein paar Kindern, Veta mitnehmen, die komme selten genug heraus. Veta nickte auch sofort erfreut, und so besprachen sie die Einzelheiten.

Später, als sie bereits auf ihren Strohsäcken lagen und die Kerze gelöscht hatten, sagte Norbert: „Wirklich, diese Veta ist eine tapfere Frau, habe ich den Eindruck … Was tätest denn du, wenn dir deine Geliebte, Raluca zum Beispiel, einen verkrüppelten oder einen schwachsinnigen Säugling ‚schenkte‘, wie man ja gerne sagt ..?“

Sean blieb eine Weile stumm. Dann schimpfte er: „Verdammt, ich weiß es nicht! Das kann man vielleicht erst sagen, wenn das Unglück geschehen ist. Schon möglich, ich käme mit Raluca überein, das arme Würmchen lieber zu erschießen, aber was geschähe dann? Fielen einen beispielsweise Schuldgefühl, Trauer und Reue an, bis man sich auch noch selber erschösse ..?“

Norbert dachte nach und seufzte. „Wahrscheinlich hast du recht. Die Sache ist äußerst heikel. Schlafen wir erst einmal darüber ...“

Fortsetzung in Teil IV
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