Freitag, 27. September 2019
Zeit der Luchse Teil II


5

Die GO des Schriftsetzers hieß nicht zufällig „Kusblick“. Da sie oberhalb der Kathedrale lag, hatte man beim Essen eine gute Aussicht, falls man an einem Fenster des großen Gemeinschaftsraumes saß. Dafür hatte Petru Moisescu gesorgt. Man sah das betürmte ehemalige Gefängnis, jetzt Lagerhaus, am Ausgang des Marktplatzes, dann die Kusbrücke, das Gestüt, die Landstraße nach Norden und ganz hinten die Jamboten. Das Essen bestand nur aus einer dicken Gemüse-Kartoffel-Suppe, die aber ausgezeichnet schmeckte. Die meisten GO‘s hatten eine feste Küchenbesetzung, drei oder vier Leute, die nur hin und wieder wechselte. Grundsätzlich stand es jeder GO frei, sich zu organisieren, wie sie lustig war. Das galt auch für die Wohnformen. Allerdings waren die Luchse, die ja überall mit drinsaßen, darum bemüht, das überlieferte Schema der Klein- oder Großfamilie verblassen zu lassen. Sie hielten von der sogenannten Blutsverwandtschaft ungefähr so viel wie von der weltweit verbreiteten Vaterlandsliebe, die so gern über Leichen ging.

Norbert hatte sogar zwei oder drei Fleischbröckchen erwischt. Jetzt fuhr er mit dem Handrücken über seinen Schnauzbart und schlug sich behaglich den mit Suppe gefüllten Bauch. Was er freilich doch allmählich vermißte, war ein echter türkischer oder brasilianischer Kaffee, mit dem sich die Suppe gleichsam löschen lasse, denn sie war recht feurig gewesen.

„Das erledigen wir im Handumdrehen!“ sagte Petru Moisescu. Er erhob sich und ging zu einem untersetzten, stämmigen Mann, der wohl noch älter war als er selber, 55 vielleicht, und vor dem ein Stövchen und auf diesem wiederum eine geblümte bauchige Porzellankanne stand. Sie verhandelten kurz, und im Ergebnis kam der Dicke gleich mit. Auf dem Weg zu ihrem Tisch angelte sich Moisescu noch drei Tassen von einem Bord. Dann setzte der Dicke das Stövchen mit der Kanne vor den Besuchern ab und schob sich selber auf einen freien Stuhl.

„Charly“, stellte der Setzer mit einer Handbewegung vor, ehe er einschenkte. „Übrigens ein Berufskollege von Ihnen. Er ist die Seele der dreiköpfigen Kurier-Redaktion. Er spricht gut Englisch, besser als ich. Er ist kein Rat, wird aber meistens zu den Besprechungen hinzugezogen, weil er sowieso den Löwenanteil dessen schreibt, was die sieben Räte verlauten lassen. Mihail Bak vielleicht ausgenommen, dürfte Charly der beschlagenste Wortkünstler dieser Republik sein.“

Charly sah den Setzer strafend an und ließ auf seinem fülligen Gesicht ein etwas kokettes Dementi sehen. Norbert schmunzelte und kaute genießerisch an dem köstlichen Kaffee, in dem man die Fahne der Republik hätte aufpflanzen können.

Der Redakteur hatte nicht mehr viele Haare auf dem Schädel. Auffallend waren seine Tränensäcke, die für ein Bad von jeweils einem Moderlieschen gut waren. Bei seinem Nahen hatte Norbert seine lange helle, offensichtlich ausgespochen weite, weiche und nahezu formlose Hose bewundert, die sicherlich sehr bequem war. Er fragte Charly nach seinem Werdegang.

Er hatte eine Zeitlang bei französischen, dann wieder bei rumänischen Blättern gearbeitet, bis sie ihn rauswarfen. Da schloß er sich den Luchsen in Sofia an. Ihren Lebensunterhalt hätten sie sich damals zum Teil von ihren meist auf kriminellem Wege erlangten Beuten abgezwackt, das sei kein Geheimnis. Seine Marschstiefel habe ihm Bak gemacht. Der Kurier der ersten Stunde, der offenbar noch in der Aufstandsnacht im Land verteilt worden war, sei nicht mehr als ein Flugblatt gewesen.

„Aber ein überragendes, das den Eigensinn und die Angst aus den Bauernschädeln blies!“ versicherte Petru Moisescu.

„Na warten Sie mal“, sagte Sean stirnrunzelnd. „Die konnten doch kaum lesen, wenn ich die Broschüre nicht mißverstanden habe ..?“

„Richtig“, lächelte Charlie. „Aber unsere umherschwei-fenden Luchse – ich zählte dazu – lasen ihnen die Flugblätter vor ... Das waren meetings!“ schwelgte er. „Die kommen so schnell nicht wieder. Da ging es hoch her … Und dann unsere zitternden Wachen, die vor der Stuben- oder Kirchentür Schmiere standen, weil wir ja einen Gegenschlag der Türken oder irgendeiner Landsknecht-bande zu befürchten hatten, die ein Junker mit Zuckerbrot und Peitsche zusammengetrommelt hatte … Aber wir hatten Glück. Unser größtes Glück lag darin, daß wir keinen Verräter, keinen Spion in unseren Reihen hatten, nicht einen! Das gibt es selten. Vielleicht gab es das noch nie ...“

Sean nickte betrübt. Er kannte das Problem aus der jüngeren Geschichte des irischen Widerstands gegen die britischen Imperialisten.

Norbert war von dem einheimischen Kollegen beeindruckt. Er sagte: „Wir wollten uns heute gern noch ein bißchen im Rathaus umsehen. Vielleicht könnten Sie uns führen?“

„Selbstverständlich, mit Vergnügen! Von mir aus können wir gleich aufbrechen. Ich muß mich nur noch bei einer GO-Genossin entschuldigen, die mich eigentlich zum Unkrautjäten in unserem Garten erwartet ...“

Während er das tat – vermutlich nicht ungern – verabschiedeten sich die Schweizer vom Setzer und trugen ihr Geschirr zu einer Art Teewagen, der neben der Durchreiche zur Küche stand. Dann gingen sie zu dritt Richtung Kathedrale.

Auf die entsprechenden Fragen setzte ihnen Charlie unterwegs ein paar Gepflogenheiten des Arbeitens und des Regierens in der Republik auseinander. So etwas wie feste Berufe, Arbeitsplätze, Arbeitszeiten gebe es eigentlich gar nicht. Wenn die Rätin in der Druckerei, laut Norbert, von der „Mechanikerin“ gesprochen habe, dann wohl nur, weil sie nicht viel mehr von der betreffenden Genossin wisse. Valea habe nie eine Schlosserlehre gemacht. Sie verstehe sich auch auf Imkerei und sei eine leidenschaftliche Anglerin. Unkrautjäten könne sie natürlich auch … Was sie in einem bestimmten Jahr oder an einem bestimmten Tag gerade mache, hänge von zahlreichen Faktoren ab. Darin liege ja ein Riesenvorteil einer nicht kapitalistisch organisierten Wirtschaft, daß die Kräfte je nach Bedarf, Eignung, Wetter und sogar persönlicher Laune verschoben werden könnten. Ohnehin strebe man den vielseitig gebildeten und ausgebildeten Republikaner an. Selbst das Regieren sei hier nichts Besonderes …

Als erfahrener Redakteur verschmähte ihr Führer verständlicherweise weder Unter- noch Übertreibung. Was die sieben Räte angeht – Auswärtiges, Verteidigung, Wirtschaft, Gesundheit, Bildung, Verkehr und Bau und nicht zuletzt Schiedsrat – konnten diese von der Landesdelegiertenversammlung (LDV) jederzeit ausgetauscht werden. Allerdings brauchte sie dazu einen Konsens, also Einstimmigkeit. Nur bei Ausschlüssen galt Konsens minus eins. In der Mollowina fielen möglichst sämtliche wesentlichen Entscheidungen auf Vollver-sammlungen, und immer nach dem Konsensprinzip. Kam es in einer Frage nicht zum Konsens, blieb es einstweilen beim Status quo – es sei denn, die auf Veränderung Erpichten schritten zum Aufstand … Die LDV war das oberste Leitungsgremium der Republik. In der Regel tagte sie vierteljährlich. Diese Zeit (und den Reiseaufwand) nahm man sich. Da jedes Dorf zwei Delegierte stellte, umfaßte die LDV rund 100 Köpfe, zuzüglich des Republikrates und verschiedener MitarbeiterInnen oder anderer Gäste, die aber allesamt kein Vetorecht besaßen. Unter die Mitarbeiter fielen auch die drei festen, ebenfalls jederzeit abwählbaren Kurier-Redakteure. Der 7köpfige Republikrat sei lediglich eine Art Geschäftsführung der LDV, versicherte Charly. Das war gar nicht so tiefgestapelt, wie die Schweizer noch beobachten würden.

„Die Räte und die Redakteure wohnen allesamt in Kusmu, also in den hiesigen rund 30 GO‘s?“ erkundigte sich Norbert.

Charly nickte. „Das ist richtig. Jedenfalls, solange sie diese Ämter bekleiden. Im gegenteiligen Falle wäre der Reiseaufwand viel zu hoch.“

„Aber fehlen sie dann ihrer jeweiligen GO nicht bei der Selbstversorgung?“

Charly winkte neckisch mit dem Zeigefinger. „Sie sind ja ein Fallensteller, Herr Angerschmied … Ja, die AmtsträgerInnen reißen schon gewisse Lücken in ihrer GO, doch dafür schustert das Rathaus den drei ‚Dörfern‘=Bezirken der Hauptstadt mehr ‚Zuschüsse‘ aus anderen Dörfern des Landes zu. Das ist nur billig, weil ihnen das Rathaus eben diese zwei Dutzend PolitikerInnen, Redakteure, Postkuriere zumutet, die in ihrer jeweiligen GO, wie Sie bereits erkannt haben, nur gelegentlich bei der Ernte, beim Abriß einer Scheune oder beim Unkrautjäten mithelfen können …“

Die Schweizer lachten. Sie ließen die Kathedrale hinter sich, die im Winkel zum Rathaus stand. „Polizisten müssen Sie ja glücklicherweise nicht auch noch mit durchfüttern“, bemerkte Sean, als sie die Rathausvortreppe erklommen. Die getäfelte Flügeltür, wohl aus Eiche, stand sperrangelweit offen.

„Richtig, Mister O‘Brien!“ keuchte Charly. „Freiwilligkeit über alles, das ist unsere Hauptparole. Nichts wird hier aufgezwungen. Ich will aber offenherzig einräumen, drohende Isolation von Unwilligen stellt auch kein Zuckerschlecken dar. Zuweilen läuft man wie ein geprügelter Hund durch den Gemeinschaftsraum oder die Gasse, obwohl keiner die Hand gegen einen erhob. Das ist die Macht der ‚sozialen Kontrolle‘, wie es von einigen mitteleuropäischen Soziologen und Psychologen genannt wird. Aber was wollen Sie machen? Irgendein Regulativ braucht jede Gesellschaft, sonst fällt sie auseinander.“

Norbert nickte. Sie hielten inzwischen auf einen halbrunden Tresen zu, der zur Linken in der Eingangshalle lag. Zur Rechten führte eine geschwungene Treppe ins nächste Stockwerk. Der bartlose Mann hinter dem Tresen hatte sich von seiner Schreibarbeit erhoben. Er war schlanker und deutlich braungebrannter als ihr Führer. Norbert schätzte ihn auf Anfang 40. Er zeigte auf den Mann und fragte Charly:

„Der Pförtner …?“

„Na hören Sie mal!“ gab Charly in gespielter Entrüstung zurück. „Das ist Ion Păcurar, unser Rat für Wirtschaft! Darf ich vorstellen: Die Herren Norbert Angerschmied und Sean O‘Brien von der US-Presse.“

Sie nickten sich schmunzelnd zu. „Und warum sitzt er hier am Empfang, der Rat, und nicht in seinem Büro?“ hakte Norbert nach.

Sie erklärten es ihm. Păcurar war der heutige „Chef vom Dienst“ des Rathauses. In diesem Posten lösten sich die Räte täglich ab. Der Chef vom Dienst hatte vormittags und nachmittags je drei Stunden hinter dem Tresen zu sitzen oder auch, bei Bedarf, auf die Eingangstreppe zu treten, weil sich irgendein Geschrei erhoben hatte. War er am betreffenden Tag zum Essen oder Schlafen außer Haus, konnte jeder von einer Wechsel-Tafel an der Hallenwand ablesen, wo er zu finden war. Heute stand dort also unter dem Tagesdatum: „Chef vom Dienst Ion Păcurar Mühldorf GO Wasseramsel“. Der Chef vom Dienst war für die betreffenden 24 Stunden der Sprecher, Bevollmächtigte, Koordinator und Entlaster des Rats. In Notfällen konnte er mit den Glocken der Kathedrale Sturm läuten und die Postkuriere aus den Betten scheuchen. Morgens sichtete er die eingegangenen Briefe, Botschaften, Beschwerden und verteilte oder bearbeitete sie. Er gab Auskünfte, rückte Schlüssel heraus, erinnerte seine Miträte oder die Redak-teure an Pflichten, half der Hausmeisterin beim Heizen oder Putzen und dergleichen mehr. Zum Beispiel empfing er auch hohe BesucherInnen, wie man gerade sah ...

Sie überließen Păcurar seiner Schreibarbeit und schlenderten mit Charly durchs Haus. Der Versammlungs-saal lag im Erdgeschoß. Er wies einen recht gediegenen Parkett-Fußboden auf und bot maximal 300 Leuten Platz, auf Stühlen und Bänken. Hier würde am 1. Juli die nächste LDV stattfinden. Heute war er verwaist wie die Redaktion des Kuriers im Obergeschoß. Das dortige Mobiliar wirkte abgenutzt und zusammengewürfelt. Charly führte aber voller Stolz eine beinahe nagelneue Adler-Schreibma-schine vor, die ihm kürzlich von einem Gönner aus Frankfurt/Main geschickt worden war. Auf dem Flur tauschten sie mit ein paar Leuten einen Händedruck. Dann sahen sie bei der Rätin für Bildung hinein, obwohl Charly wußte, die Genossin feierte gerade ihren Geburtstag bei einer Kahnpartie auf dem Kus. Der dicke Redakteur deutete auf ein hochformatiges Ölgemälde, das dem Schreibtisch der Rätin genau gegenüber hing.

„Das wollte ich Ihnen auf keinen Fall vorenthalten. Ist es nicht entzückend ..?“

In milden Tönen gehalten, überwiegend Braun, zeigte das Werk ein betörendes, möglicherweise schmollendes oder verlegenes kleines Mädchen, wohl in ländlicher, arbeitsbereiter Tracht. Es blickte zur Seite. Diese ungeahnte Aufmerksamkeit für Cosette, wie es laut Charly hieß, war zuviel für das kleine Mädchen.

„Das Gemälde wurde uns neulich von einem Athener Kunstprofessor verehrt, der die Republik schon zum zweiten Male besuchte. Der Mann war mit Konstantinos Panorios, dem 1892 frühverstorbenen Schöpfer des Werkes, befreundet gewesen. Panorios hatte übrigens zeitweise in München studiert. Ein Jammer, daß er bereits als Mittdreißiger starb. Er war in Ihrem Alter, meine Herren ...“

Sean seufzte. Auf dem Flur wandten sich die drei Männer zur Bücherei der Republik. Dabei streiften sie die Tür von Mihail Bak, klopften aber nicht an. Der Landes-Schiedsrat war nämlich ebenfalls nicht im Haus, teilte ihnen Charly mit bedauerlichem Anheben seiner fleischigen Arme mit. Bak sei mit einem alten Waffenbruder in ein Grenzdorf der Revoten gereist, weil sich unter den dortigen Wachleuten irgendein Unmut erhoben habe. Bei dieser Gelegenheit wolle er gleich noch für ein paar Tage bei seinen Eltern ausspannen, denn er stamme aus einem anderen Dorf der Revoten. Sein Vater war und ist Schuster, erfuhren sie, und Mihail sei auch wieder Schuster geworden. Er schustere nach wie vor gern, komme natürlich nicht mehr so oft dazu. Seine Eltern liebe und verehre er. Sie hätten ihn stets achtungsvoll behandelt und ihm nie einen Stein in den Weg gelegt, auch nicht in den geheimbündlerischen Weg über Sofia. Das führe jetzt prompt wieder zu Cosette zurück – wer wisse schon, wie das reizende arme Mädchen geschunden worden sei ...

In der Bücherei war nur ein Junge im Schulalter, der sich beim Stöbern nicht stören ließ. Die Schweizer wußten allerdings schon aus der Broschüre, in der Mollowina gab es keine Schulen. Der Junge schien gleichwohl lesen zu können, vermutlich auch schreiben. Was die Ausleihe anging, trug man die betreffenden Bücher oder Zeitschriften mit Datum und seinem Namen in ein Heft ein, das war alles. Viele Bücher gab es nicht. Charly deutete auf eine umfangreiche britische Enzyklopädie, die ihm offenbar hin und wieder dienlich war. Dann griff er Thoreaus Walden aus einem sogar verglasten Regal, denn Norbert hatte den Lobpreis des Setzers erwähnt. In der Tat war es eine schöne Ausgabe.

Da es in der Bücherei genau drei Sessel gab, die recht bequem wirkten, ruhten sie sich in ihnen ein wenig aus. Durch ein geöffnetes Fenster konnte man den Marktbrunnen plätschern hören. Auch ein Säugling plärrte. Sean ging ohnehin noch das eindrucksvolle Gemälde mit dem kleinen Mädchen durch den Kopf. Vermutlich repräsentiere es einen hübschen Batzen Geld? Dazu konnte Charly nichts sagen; er zuckte nur mit den Achseln. Aber nach einer Weile schimpfte er:

„In der sogenannten Zivilisation wird die Kunst grotesk überschätzt. Überall, seit vielen Jahrhunderten, aber im Kapitalismus besonders. Die verhängnisvolle Paarung zwischen Kunst und Kommerz ist schlicht ekelhaft. Oder finden Sie nicht?“

Sean stimmte ihm zu und erwähnte William Butler Yeats‘ hohe Meinung von der Volkskunst. Der „Dichter“ und Dubliner Theatermann sei leider nur etwas ruhmsüchtig und nebelwerferisch veranlagt, aber da sei er ja nicht der einzige.

„Mit der Volkskunst hat Ihr Landsmann unbedingt recht!“ befand Charlie. „In der Mollowina werden Sie nicht einen Berufskünstler finden, ob Mann oder Frau. Der künstlerische Ausdruck muß Hand in Hand mit den übrigen, gewöhnlichen Lebensäußerungen gehen, sonst kommen nur Krämpfe und Hochmut dabei heraus.“

Vielleicht zum Glück seiner Gäste schlug in diesem Augenblick die Glocke der Kathedrale an. Danach war es inzwischen 16 Uhr. Charly schien regelrecht zu erschrecken.

„Himmel!“ rief er und hievte sich aus dem Sessel. „Um meines Seelenheiles willen sollte ich vielleicht doch noch ein bißchen Unkrautjäten gehen … Was sind Ihre Pläne für die nächste Zeit?“

Die Gäste erhoben sich ebenfalls. Norbert erwiderte: „Wir haben vor, in Fila Peptans GO zu übernachten, aber morgen vormittag allein gen Westen aufzubrechen, um ein bißchen überland zu gondeln. Die Rätin meinte auch, in einem Dorf am Fuße der westlichen Jamboten gebe es derzeit eine interessante Baustelle, der vielleicht, von Sean, eine hübsche Skizze abzugewinnen wäre.“

Charly bestärkte sie in dem Plan, während sie das Obergeschoß verließen. „Sie meinen das Dorf Noravita ..? Ja, die errichten da gerade ein vergleichsweise riesiges, übrigens rundes Dorfgemeinschaftshaus.“

Chef vom Dienst Ion Păcurar blickte ihnen von seinem Tresen aus händereibend entgegen. Er hatte etwas von dem Gespräch aufgeschnappt. „Wenn Sie morgen nach Noravita fahren, könnten Sie vielleicht ein paar Sachen mitnehmen, die ich den Bauleuten besorgt habe, verschiedene Schrauben und etwas Werkzeug ..? Na prima. Ich wollte dem Postkurier kein zusätzliches Packpferd zumuten, denn das Zeug wiegt ja ein paar Kilo.“

„Wo ist es?“ fragte Norbert.

„Kommen Sie in Kürze mit Ihrem Planwagen hier vorbei? Aha. Es ist in meinem Büro. Ich lege es auf die Vortreppe, dann können Sie es gleich einladen.“

Sie verabschiedeten sich von Păcurar und begleiteten Charly wieder bergauf. Er verzog sich in den GO-Garten; sie schirrten ihre beiden braven Braunen an.



6

Anderntags gegen eins erreichten sie ein Dorf, das Duhn hieß. Es lag zwischen dem Kus und den Revoten inmitten verschiedener Felder und Obstgärten. Eine niedrige Anhöhe zeigte außerdem einen kleinen Steinbruch, in dem jedoch, Seans Feldstecher zufolge, Totenstille herrschte. Über dem Steinbruch segelten zwei Kolkraben am leicht bewölkten Himmel. Die meisten Obstbäume waren schon verblüht. Ein bestimmter Acker leuchtete dafür um so knalliger gelb in der Sonne: es war blühender Raps. Sie hatten eigens angehalten, um daran zu schnuppern. Er roch recht süß; entsprechend schlugen sich die Insekten um ihn.

Den nächsten Halt legten sie vor der Duhner Kirche ein, wo es es auch einen Brunnen gab. Wie es aussah, wurde sein Strahl von einem gedeckten Quellbach gespeist, der wiederum in den nahen Dorfbach mündete. Das Wasser schmeckte nicht übel. Sie erfrischten sich und tränkten auch die Pferde. Dann tauchte eine ältere, überwiegend schwarz gekleidete Frau mit einem Handwagen auf, der mit einem großen Faß beladen war und von einem ganzen Schlag Kinder umtänzelt wurde. Sie lächelte den Fremden zu. Die Kinder halfen ihr eifrig dabei, das Faß mit Wasser zu füllen.

Sean hatte inzwischen seine gar nicht mehr so dürftigen Kenntnisse der Landessprache zusammengekratzt. Ob ihnen die Frau sagen könne, wo sie hier freundlicherweise ein Mittagessen einnehmen könnten?

Sie lächelte erneut und deutete auf den Planwagen, der inzwischen an der rückwärtigen Ladeklappe mit einem kleinen weißen Kreuz auf rotem Grund verziert war. Auf der gewölbten Plane selber war ja, wie man sich erinnern wird, an beiden Längsseiten des Wappen der Mollowina zu sehen.

„Die Zeitungsleute aus der Schweiz, nehme ich an ..?“

So äußerte sie sich jedenfalls ungefähr. Sean und Norbert nickten erfreut. Darauf setzte ihnen die alte Frau auseinander, hier erhielten sie, um diese Zeit, in jeder GO ein Mittagessen. Es sei aber vielleicht am klügsten, wenn sie gleich mit ihr in ihre GO mitkämen, denn dort gebe es heute Mehlwürmer!

Schon ließen die Kinder das Schöpfen sein, bildeten einen Ring und riefen Mehlwürmer! Mehlwürmer! Mehlwürmer!, während sie um ihre Betreuerin und die beiden interessanten fremden Männer tanzten.

Die Schweizer schmunzelten. Sie nahmen die Einladung dankbar an, obwohl Mehlwürmer normalerweise nicht auf ihrem Speisezettel standen. Daraufhin stürmten die Kinder den Planwagen, um gefahren zu werden. Sean half der Frau, den Handwagen mit dem vollen Faß zu ziehen, das einen gut schließenden Deckel besaß. Norbert kutschierte mit dem Planwagen hinterher.

Wie sich herausstellte, gab es in der GO Blasebalg Schupf- oder Fingernudeln, wie sie in Süddeutschland und Österreich hießen. Das waren die „Mehlwürmer“. Man konnte sie unter Specksoße ersticken, denn davon gab es ebenfalls mehrere Töpfe voll. Ihre neue Freundin machte sie auch auf Schalen mit frischen gehackten Kräutern aufmerksam. Sie hieß Eftimia und hatte ihren Ehemann bereits vor der Revolution durch eine einstürzende Scheune verloren. Der Gemeinschaftsraum der BlasebalgerInnen war hauptsächlich durch einen kühnen Durchbruch in der Trennwand zweier aneinandergebauter Bauernhäuschen gewonnen worden. Zur Stunde war er von rund 60 Leuten bevölkert. Zum Erstaunen der Schweizer hatten sie Miron Maurer unter den Leuten entdeckt, den sie flüchtig aus dem Rathausflur kannten. Er hatte sie nun, schon kauend, lässig mit einer kleinen Handbewegung gegrüßt. Er war Rat für Verteidigung, wie sein Posten wahrscheinlich ohne Beschönigung hieß, war es doch schwer vorstellbar, die ungefähr 20.000 waffenfähigen BewohnerInnen der Mollowina brächen mit irgendeinem Ausland einen Krieg vom Zaun.

Nachdem er die „Mehlwürmer“ genossen und zum Teil hitzige Debatten mit seinen Tischnachbarn geführt hatte, setzte sich Maurer zu ihnen. Er konnte höchstens Ende 20 sein. Eher klein und schmächtig, strömte er gleichwohl die Energie eines Wirbelsturms aus. Seine leicht gekrümmte schmale Nase war von blitzenden blauen Augen flankiert. Man werde gleich zu einer Wehrübung in den Steinbruch aufbrechen, erklärte er, und wenn sie Lust hätten, könnten sie ja mitkommen, um sich die Sache anzusehen und vielleicht ein paar Gespräche zu führen.

Norbert und Sean sahen sich an und nickten. „Machen wir gern“, erwiderte Norbert, denn Maurer sprach gut Englisch. „Aber was heißt hier ‚ansehen‘ ..? Wir machen mit!“

„Ja, wenn Sie es wünschen ...“ sagte der Chef-Partisan der Republik langsam, wobei er nun doch etwas überrumpelt oder ungläubig wirkte. „Sind Sie altgediente Soldaten ..?“

Angerschmied erklärte ihm die Sache mit dem Gutshof und der Jagd im Hessischen Ried und dem wenn auch häufig stockenden Befreiungskampf in Irland. Sie hätten ihre persönlichen Schußwaffen dabei und hätten sich ohnehin schon ermahnt, sie müßten wieder einmal trainieren, um nicht zu sehr aus der Übung zu kommen. In ihrem Journalistenalltag in der Schweiz schössen sie ja höchstens mal auf eine Zeitungsente ...

Das fand Maurer sogar witzig. Er gluckste, erhob sich jäh und schleuderte mit einer ausholenden Armbewegung so etwas wie „Auf geht‘s!“ in den Raum.

Wenig später hatten sich, den Planwagen eingeschlossen, drei Fuhrwerke und immerhin rund 400 DuhnerInnen im Steinbruch versammelt. Alle, ob Mann oder Frau, trugen Hosen, jedoch zivile. Solche „Wehrübungen“ fanden in jedem Dorf der Mollowina mehrmals jährlich statt. Maurer war bemüht, sie reihum so oft wie möglich zu besuchen, um Ratschläge zu geben und Anregungen zu empfangen. In der Regel wurden sie vom örtlichen Schiedsrat geleitet, im Falle Duhn eine Frau um 40, Roza Grigorescu. Der örtliche Schiedsrat stand dem Dorfrat vor, der, aus je zwei GO-Vertretern gebildet, ungefähr monatlich zusammenkam, um die Arbeit und das Bauen im Dorf zu koordinieren. Die stämmig gebaute Roza schien Genauigkeit zu lieben, wies sie die Schweizer doch darauf hin, ihre eigene GO schicke natürlich nur einen Vertreter in den Dorfrat, weil sie selber ja mitzähle. Ihr Amt belief sich keineswegs auf GO-Vertretung und Versammlungs-leitung. In dringenden Fällen des Dorflebens schreckte man den Schiedsrat oder die Schiedsrätin aus ihrem Mittagsschlummer; er oder sie hatte dann zu entscheiden, was zu tun sei. Einen feindlichen Überfall hatte Duhn allerdings noch nie erlebt.

Heute wurde die Duhner „Wehrübung“ von Maurer geleitet. Für den Schweizer oder die Bulgarin war diese Bezeichnung etwas mißverständlich. Maurer hatte es ihnen unterwegs auseinandergesetzt. Potemkinsche feindlich gehaltene Hügel zu erstürmen, sei leicht veraltet, während sich der durchaus zeitgemäße Häuserkampf im Dorf verbot, weil die Knallerei mit den Platzpatronen und das Verständigungs-Gebrüll der KämpferInnen für soundsoviele Herzanfälle bei Greisen, traumatisierte Kinderchen und Paniken in den Hühnerhöfen gesorgt hätten. Da bliebe nicht viel mehr als Waffenkunde, Zielschießen, Nahkampftraining und theoretischer Unterricht über einige bewährte Kampftaktiken des Partisanenkrieges. Jetzt fing Maurer mit Gymnastik an. Die Schweizer fanden seine Übungen nicht übel, weil sie geschmeidig und locker machten. Die Einheimischen zeigten sich vor allem von ihrem Verteidigungsrat selber angetan, weil er alle Übungen vor- und mitmachte und dazu noch mit ein paar akrobatischen Einlagen glänzte, mit denen er seine Erläuterungen oder Anekdoten würzte, etwa einem unvermuteten Flickflack, also einem Überschlag rückwärts, mit dem er nach wenigen Sekunden augenzwinkernd wieder fest auf den Sohlen seiner womöglich von Mihail Bak gefertigten halbhohen Schnürstiefel stand. Diese Einlagen fand Sean etwas affig, aber das behielt er natürlich, einstweilen, für sich. Man mußte die Herzen der Massen gewinnen oder stabilisieren, und der junge Chef-Partisan tat es eben, indem er sich wie ein herabstoßender jagdmüder Wanderfalke jäh in den lehmigen Steinbruchboden pflanzte und nur noch leise zitterte. Hatte er dann gezwinkert, verzog er für Sekunden keine Miene mehr. Das kam an.

Die Nahkampfübungen zeigten einen deutlichen fernöstlichen Einschlag. Wie ihnen Roza Grigorescu zuraunte, hatte Maurer einmal, noch von Sofia aus, für Monate Japan bereist. Im Mittelpunkt der taktischen Unterweisung standen Täuschung und Fallenstellerei. Dabei erinnerte Maurer auch an das schlichte Mittel, einen Gegner vom eigenen Versteck abzulenken, indem man irgendwo andershin einen Stein oder ein Brennholzscheit warf, ja nachdem, was gerade zur Hand war. Es sei oft wirkungsvoll, allerdings nicht mitten im Gefechtslärm. Mit diesem Hinweis bewies er wieder, daß er nicht ganz humorlos und selbstgefällig war. Andererseits hatte es bei den Nahkampfübungen einen kleinen für Maurer peinlichen Zwischenfall gegeben. Zwei miteinander ringende jüngere Frauen waren unbeabsichtigt in einen Horst mit Brennesseln gefallen, worauf sie aufkreischend voneinander abließen – nur um sich nach dem Aufrappeln gleich wieder in die Arme zu fallen und sich dabei wegen des Mißgeschicks fast totzukichern. Darauf sandte Maurer seine Augenblitze zu den beiden Kämpferinnen und fuhr sie an: „Meint ihr vielleicht, Krieg sei ein Ringelreihen? Ich darf doch um etwas mehr Disziplin bitten!“ Prompt stemmte die Rothaarige von den beiden ihre Arme in die Hüften, musterte den Rat der Verteidigung ausgiebig und abfällig und sagte langsam: „Wie redest du denn mit uns ..?“ Maurer entschuldigte sich sofort.

Im Grunde sei er ein anständiger Kerl, meinte Roza später zu Norbert und Sean, nur „ein bißchen zu männlich und eitel“ für ihren Geschmack.

Die Waffenkunde nutzte Maurer vor allem dazu, einen Schwung neuer Gewehre vorzustellen, die er mitgebracht hatte und der Duhner Schiedsrätin zu übereignen gedachte. Sie würde sie auf die örtlichen GO‘s verteilen. Es befanden sich sogar ein paar Handgranaten unter der Gabe, mit denen sich auf einen Schlag gleich ein Dutzend Angreifer in den Himmel schicken ließen. Die Schweizer spürten, Roza Grigorescu war es nicht ganz geheuer bei diesen Miniaturbomben. Das konnten sie gut nachvollziehen.

Für empfindliche oder pazifistische Gemüter hätte bereits das Zielschießen, mit dem die Wehrübung abgeschlossen wurde, etwas Makaberes gehabt. Man hatte Zielscheiben mitgebracht, die „natürlich“ die menschliche Gestalt nachahmten. Wer das Herz traf, heimste beifälliges Gemurmel oder ein Sonderlob Maurers ein. Norbert traf das Herz wiederholt, und es war Maurer anzusehen, in seinen blauen Augen wuchs der hünenhafte hessische Jägersmann mit jedem Volltreffer noch mehr. Sean traf immerhin die Leber. Maurer hatte sich die Jagdflinten und auch die Pistolen der beiden Gäste angesehen und auch dabei seine Bewunderung nicht verhehlt. Es seien schöne Waffen, und sie seien auch gut gepflegt. Eben darum ging es am Ende der Schießübung. Jeder mußte die von ihm benutzte Waffe reinigen und fetten. Maurer kontrollierte das Putzen und ließ es nicht an der abschließenden Ermahnung fehlen, diese Sorgfalt auch dann walten zu lassen, wenn er, der Rat aus Kusmu, nicht anwesend sei.

Sean hatte inzwischen vorausblickend seinen Skizzenblock aus dem Planwagen geholt und einen Felsvorsprung erklommen, um den „Abzug der KämpferInnen aus dem Steinbruch bei Duhn“ zu skizzieren. Das Bild sollte später noch so manchen Betrachter erheitern. Sogar Maurer pinnte es in seinem Büro an die Wand.

Im Dorf angekommen, lenkten viele DuhnerInnen ihre ersten Schritte zu dem Brunnen an der Kirche, um einerseits zu trinken, andererseits den Schweiß von ihrem Körper zu spülen. Manche, die frische Wäsche, Waschlappen und Handtücher im Rucksack hatten, zogen sich zu diesem Zweck völlig aus. Manche säuberten sogar die Falten und Kerben ihrer Gesäße und Geschlechtsteile, ohne sonderliche Aufmerksamkeit zu erregen. Nur den Schweizern fiel es auf. Beim Abendbrot in der GO Blasebalg erklärte man ihnen, der Dorfbrunnen sei eine beliebte Stätte für die Körperwäsche. Es sei viel zu aufwendig, für jedes Bad ein Faß Wasser in die GO zu karren; da steige man bequemer gleich in den Brunnen. Maurer ergänzte, die Meidunen seien nie ein ausgesprochen prüdes Volk gewesen, und die Schriften freizügigen Charakters, die die Luchse aus Berlin oder London bezogen hatten, hätten das Ihre dazu getan. Im übrigen härte die Freizügigkeit natürlich erfreulich ab. Er selber wüsche sich, in Kusmu, auch des winters zumeist im Freien und kraule hin und wieder durch den Kus. Er sei sehr selten erkältet und gottseidank auch sonst nicht häufig krank.

Maurer hatte in der GO Blasebalg alte Freunde und blieb auch übernacht. Bald nach dem Abendbrot wurde in einem Hof der GO ein Lagerfeuer entfacht. Darum hatten Jugendliche gebeten, die heute erstmals an einer Wehrübung teilgenommen hatten, und sie hatten auch einen Stapel morscher Zaunpfosten herbeigekarrt, die sie nun nach und nach in die Flammen schoben. Da der Hof zur Straße lag, zog das Feuer auch Leute aus benachbarten GO‘s an. Sie holten sich einen Stuhl oder eine Kiste herbei oder schlenderten umher. Daneben strichen etliche Katzen über den Hof. Besondere Getränke gab es nicht, aber Musik, denn es fanden sich auch zwei Bouzoukis und eine Fidel ein. Stimmten ihre SpielerInnen bekannte Volks- oder Partisanenlieder an, fielen oft Dutzende von Dörflern ein, es war recht eindrucksvoll. Der Geiger war ein vollbärtiger älterer Mann, der über eine beinahe schmelzende Baßstimme verfügte. Die Dunkelheit im Dorf verlieh ihr einen geheimnisvollen Zug.

Es blieb nicht aus, daß man in einer Gruppe um Maurer und die Gäste aus der Schweiz vom Krieg und von der Revolution sprach. „Im Grunde sind unsere militärischen Anstrengungen in der Tat Sandkastenspiele“, gab ein derber Kerl in Norberts Alter mit einem spöttischen Seitenblick auf Maurer zu bedenken. „Wenn die nur wollen, blasen die uns wie Entenflaum von der Landkarte.“

Norbert sah Maurer fragend an. Der verstülpte eine Weile nachdenklich seine Lippen, dann nickte er. „Barbu hat leider nicht ganz unrecht. Unsere Revolution verdankt sich einer seltenen günstigen Zwischenlage, die die Luchse zu nutzen wußten. Wir hatten Fürsprecher im bulgarischen Königshaus, und wir gewannen die Russen, an denen sich der Sultan gegenwärtig nicht zu vergreifen wagt. Aber schon zettelt Petersburg in der Mandschurei Streit mit Japan an. Die Deutschen verwüsten Südafrika. Und ringsum, in Mitteleuropa, schreiten Aufrüstung und kapitalistische Krise voran. Alles riecht nach großer Prügelei, und wenn uns andere revolutionäre Bewegungen und neugeschaffene Republiken in europäischen Ländern nicht entlasten, werden wir zwischen den Schlägern aufgerieben.“

„Wie stehen denn die Chancen, solchen Beistand zu bekommen? Wie schätzen Sie das ein?“ wollte Norbert nach kurzem Schweigen von Maurer wissen.

Maurer beugte sich leicht zum holprigen Boden des Hofes. „Sie sind ja recht groß gewachsen, Herr Angerschmied“, sagte er dabei. „Die Chancen stehen ungefähr so.“

Er hielt seine flache Hand in Höhe der Fußknöchel Norberts und bekräftigte diese Demonstration mit einem säuerlichen Nicken, als er sich wieder auf seinem Stuhl zurücklehnte.

Norbert nickte ebenfalls, ohne noch einmal das Wort zu ergreifen. Der dunkle Hof leerte sich allmählich. Das Feuer sank zusammen.

Plötzlich griff Maurer in eine Brusttasche seiner groben grauen Leinenjacke und zog ein gefaltetes Papier hervor. „Kennen Sie Mihail Baks berühmte kurze Ansprache Wer sind die Feinde des Menschen?, Herr Angerschmied ..? Gut, dem läßt sich abhelfen. Mihail verfaßte sie vor rund zwei Jahren unter dem Eindruck einer Begegnung mit einem verkrüppelten Kind in einem unserer Gebirgsdörfer. Das Kind heißt Constantina, ein Mädchen. Die Ansprache findet sich neuerdings in einem Buch von Mihail, aber wir haben sie von Fila Peptan auch ins Englische übersetzen und in unserer Druckerei in kleiner Auflage abziehen lassen, für ausländische Diplomaten oder eben Gäste wie Sie. Ich habe stets ein Blatt mit der Übersetzung dabei, für alle Fälle. Das Original kann ich auswendig, wie so mancher in unserer Republik.“

Damit reichte er Norbert das Blatt. Der hielt es etwas näher ans zusammengesunkene Feuer, überflog es und las dann den Text gleich laut vor, damit auch Sean etwas davon hätte.

Wer sind die Feinde des Menschen? … Ihr wißt es natürlich. Die Feinde der Menschen sind Hunger, Krankheit, Kälte oder Gluthitze, Unfallgefahr, Einsamkeit, Wahnsinn oder Verbitterung, alle gipfelnd im Tod. Was aber geschieht über weite Strecken auf diesem Planeten? Als seien es der Feinde noch nicht genug, bekämpfen sich die Menschen untereinander. Klasse gegen Klasse, Reich gegen Arm, Weiß gegen Schwarz, Stark gegen Schwach, Jeder gegen Jeden – der Krieg auf allen Ebenen reißt nie ab. Das ist mit ungeheuren Kosten aller Art verbunden, Beschämung und Schuldgefühle eingeschlossen, allerdings auch mit Triumph-gefühlen gewisser „Sieger“, die sich an der sozialen Zerfleischung bereichern. Doch in der Mollowina können wir dies alles nicht gebrauchen. Wir wünschen es nicht, es soll draußen bleiben. Wir benötigen unsere bescheidenen Kräfte, um Dreschmaschinen zu bauen, Brunnen zu bohren und Tag für Tag unsere Suppentöpfe zu füllen. Wir benötigen sie ferner, um unsere Kranken zu heilen, unsere Greise zu betreuen, unsere treuen Pferde zu pflegen, unsere Niedergeschlagenen zu trösten, ja selbst um einem Menschen, der sich als häßlich empfindet, vielleicht etwas mehr Glück zu ermöglichen. Wir sind weißgott keine heile Welt, aber eine Welt des Miteinanders, des Mitleids und der Solidarität – also des Heilens.



7

Seans Nachbarin auf dem Dachstuhl war eine sehnige Frau um 50, die mal wie eine Dohle, mal wie eine schwarze Katze auf dem Gebälk umherhüpfte. Sie hatte ihn bereits vermehrt mit Seitenblicken bedacht, aber nicht etwa, weil sie mit dem blonden Lockenkopf anzubändeln gedachte. Sie nagelten heute, am ersten vollen Tag der Schweizer im Dorf Noravita, die Dachlatten des neuen Dorfgemein-schaftshauses auf. Die Latthämmer zum Nageln waren recht schwer, obwohl sie auf einer Seite des Hammer-kopfes schnabelförmig zuliefen. Sean trug seinen Hammer, wie jeder hier, fachmännisch in einer Schlaufe am Gürtel, sofern er nicht gerade einen der 10 Zentimeter langen Nägel ein- beziehungsweise krummschlug. Deshalb guckte ja diese Stanca, seine Nachbarin, weil er ein Krummschläger war. Jetzt kam sie zu ihm und meinte nachsichtig:

„Es geht besser, wenn du den Hammer einfach fallen läßt.“

Sean schluckte und äugte unter sich, wo gerade ein junger Zimmermann an dem Sägebock schaffte, der auf dem zukünftigen Dachboden stand. Er nickte hinunter und sagte zu Stanca: „Das wird ihm wenig gefallen, wenn ich meinen Hammer einfach fallen lasse!“

Sie verdrehte die Augen und lächelte. „Ich meine damit, es sei günstiger, den Hammerkopf nicht krampfhaft auf den Nagelkopf zu drücken, wie du es machst, vielmehr locker auf diesen fallen zu lassen.“ Dazu sei es freilich erforderlich, den Stiel des Hammers weit hinten zu umfassen, statt den Kopf des Hammers fast zu erwürgen, wie Sean. Der Hammer müsse frei schwingen.

Ja, aber dann träfe er vorbei! wandte Sean ein.

„Nein, das tust du nicht – nur, wenn du Angst hast.“

Sie machte es ihm vor. Mit vier bis sechs federnden Schlägen trieb sie 10er Nägel ein, für die er bislang, sofern er sie nicht gleich krumm schlug, mindestens 20 Schläge brauchte!

Sie winkte beschwichtigend ab, ehe sie sich wieder zu ihrer Stelle begab. „Die Meister fallen nicht vom Himmel, höchstens vom Dach ...“

Das neue Dorfgemeinschaftshaus war nicht völlig „rund“, wie Redakteur Charly im Rathaus behauptet hatte, sondern zwölfeckig. Nur an der Westseite, wo bis vor kurzem die Ruine der Dorfkirche stand, gab es einen kleinen Anbau, der gleichsam die Bühne des neuen Gebäudes verlängerte. Die Kirche war schon vor der Revolution bei einem Gewitter zerstört worden. Ihre Natursteine fanden sich nun zum Teil in den Grundmauern und Wänden des Neubaus wieder. Er wirkte recht gescheckt, aber gerade das gefiel den Dorfleuten. Selbst die niedrigen, fast unter den Deckenträgern ausgesparten Oberlichter des Zwölfecks saßen nicht wie an der Schnur aufgezogen, sondern taumelten leicht. Der Bau war eingeschossig, wenn auch bis zur Decke knapp fünf Meter hoch. Er hatte im Durchmesser immerhin 18 Meter und sollte rund 600 Sitzplätze bieten. Das mäßig steile Dach lief in der Mitte in einem Türmchen aus, das derzeit noch ungedeckt war. Hier würde demnächst die alte Kirchenglocke schaukeln. Was den Innenausbau anging, schwebte den Noravitalen nichts weniger als eine Art Amphitheater vor. Die Stufen sollten sogar abschlagbar sein, damit die „Käseglocke“, wie der Neubau inzwischen hieß, hin und wieder auch als Tanz- oder Ausstellungssaal verwendet werden konnte. Es war ein ziemlich aufwendiges und auch sonst fragwürdiges Projekt, und die LDV hatte es nur „als Versuchsballon“ genehmigt. Bislang kamen regelmäßige Vollversammlungen ganzer Dörfer nicht in Frage: dafür waren die Dörfer der Mollowina, mit 700 oder gar 1.000 Einwohnern, schon zu groß. Das begriffen viele jedoch als Nachteil, und man strebte Abhilfe an.

Am heutigen Feierabend tappte der muskulöse irische Zeichner doch leicht gerädert zur GO Kürbiskern, wo man ihnen einen hübschen Stellplatz zwischen dem Garten der GO und einer großen Wiese überlassen hatte. Der schmale Flecken diente zuweilen als Lagerplatz für Baumstämme. Auf der Wiese grasten ihre Braunen im Verein mit drei Gäulen aus dem Dorf. Günstigerweise wurden Wiese, Garten und Holzplatz von einem Rinnsal durchquert, in das Sean nun gleich seine müden Füße stellte. Offenbar waren aufgenagelte Dachlatten keine Treppe: das Stehen und Balancieren auf ihnen schmerzte mit der Zeit in den ganzen Beinen, quälte die Bandscheiben und machte die Füße schwer wie Blei. Norbert nickte ihm aus dem Wagen aufmunternd zu, ohne sich im Schreiben zu unterbrechen. Die Plane hatte der Schnauzbart an beiden Wagenseiten hochgerollt, und ihre beiden großen Koffer dienten ihm, gestapelt, als Schreibtisch. Er saß an seinem ersten Artikel.

Am nächsten Tag würde Sean zudem seine Arme bedauern. Er würde erkennen, Dachziegeln haben ihr Gewicht, vor allem, wenn sie, in Kette, „bergauf“ geworfen werden mußten. Immerhin winkte ihm für den über-nächsten Tag eine beinahe sensationelle Entschädigung. Das wußte er aber noch nicht.

Sean hatte seine verschwitzte Kleidung ins Rinnsal geworfen und mit einem Stein beschwert. Nun, nachdem er sich selber gesäubert hatte, wusch er auch die Kleidungsstücke. Er nahm es dabei nicht so genau, denn die RepublikanerInnen verfuhren nicht anders, wie die Schweizer inzwischen mitbekommen hatten. Seife oder dergleichen verschmähten sie in diesem Land. Das würde nur Wasser und Erdreich verunreinigen, hatten sie gesagt. Für das eigene Kopfhaar nahmen sie hin und wieder heißes Wasser, sonst aber nicht. Ein paar bleibende Flecke in ihren gewaschenen Hemden und selbst Unterhosen machten ihnen nichts aus. Für Handtücher, Bettwäsche, Vorhänge etwa veranstalteten viele GO‘s regelmäßig kollektive Waschstunden, die sie gern bis zum Klamauk trieben, damit diese Verrichtung nicht so stumpfsinnig sei. Im Winter sei das Vergnügen allerdings eher gering, das übersähen manche Gäste. Man schiebe die „große Wäsche“ möglichst bis zum Frühjahr auf.

Nachdem er seine ausgewrungenen Sachen über eine Leine geworfen hatte, ging Sean mit Norbert zum Abendbrot. Bei diesem erfuhren sie von einem älteren Kürbiskernler, der ihnen zufällig gegenüber saß, das Türmchen der „Käseglocke“ erhielte sogar eine neu angefertigte Wetterfahne. Es stellte sich heraus, der von Bartstoppeln und Narben übersäte Mann fertigte sie derzeit selber an. Er war früher Dorfschmied gewesen – hauptsächlich für den Gutsherrn von Noravita, für einen Hungerlohn. Natürlich habe der Gute nach dem Umsturz rasch das Weite gesucht.

„Was durfte er denn mitnehmen?“ wollte Norbert mit Seans sprachlicher Unterstützung wissen.

„Na, seine Gräfin, seine Brut, seinen Jagdhund, sein Tafelsilber, sein Bargeld und ein paar wertvolle Möbel, soweit sie auf zwei Fuhrwerke paßten. Mehr nicht.“

„Bekam er für seinen Hof und die Äcker eine Entschädigung?“

„Wo denken Sie hin! Dafür hatte die neue Republik kein Geld. Außerdem war es ja sowieso alles gestohlen. Die erben sich ihre Güter oder ganzen Dörfer von Jahrhundert zu Jahrhundert schön zu, aber wo der Segen ursprünglich einmal herkam, danach fragt kein Schwein … Erst der Luchs fragt danach“, grinste er.

Die Schweizer nickten zwinkernd, während sie ihrem Gegenüber mit ihren Bechern Brunnenwasser zutranken. Dann kam Norbert noch einmal auf die Wetterfahne zurück. Wie sie denn aussehe, was sie darstelle? Von der Nord- und Ostseeküste her kenne er sogar Fische und Schwäne als Kirchenwetterfahnen, aber das sei es ja wohl nicht ..?

Der Mann hob seine schruntigen Hände leicht vom Tisch und erwiderte stolz wie Oskar: „Selbstverständlich stellt sie einen Luchs dar.“

Nachdem sie beim Abwasch mitgeholfen hatten, zogen sich die Schweizer, müde wie sie beide waren, zu ihrem Wagenplatz zurück. Sie saßen noch ein Weilchen auf einem verwaisten Baumstamm, der vielleicht, für Bauholz, zu krank oder krumm gewesen war. Es wurde dunkel. Ringsum machten etliche Vögel Musik. Allerdings ließen sich auch ein paar Elstern vernehmen, deren höhnisches Meckern eher an den Genfer See zu Doktor Frankenstein gepaßt hätte.

„Es heißt, sie seien diebisch“, sagte Sean. „Auch der Gutsherr war ein Räuber. Nur in dieser Republik scheint man sich im Paradies zu wähnen. Man läßt die schwer zu beschaffenden Schloßschrauben und die Bohrwinde mit ausgestelltem Griff zum Kurbeln und erlesen gearbeitetem Bohrfutter übernacht auf der Baustelle liegen, wenn auch in einer regendichten Holztruhe; man schließt in der GO nicht eine Tür ab; ja selbst das Rathaus in Kusmu nicht, wie ich hörte, dabei hängt bei der Bildungsrätin diese Cosette zum Abküssen an der Wand, die unter Hehlern sicherlich einige tausend Franken einbringt. Klaut denn hier keiner? Haben die keine Angst vor Diebstahl?“

Norbert sah ihn belustigt von der Seite aus an. Sean schien es aber ernst zu meinen. Also stellte Norbert fest: „Die Angst vor Diebstahl dürfte in diesem Land gegenstandslos sein. Es gehört doch sowieso allen alles, von der persönlichen Habe einmal abgesehen. Was sollte da einer stehlen? Klaut aber einer die Schloßschrauben und hantiert mit ihnen in seiner GO, kommen garantiert die Genossen an und sagen: Wo hast du denn diese schönen Schrauben her? Die bringst du mal schön zurück!“

„Das stimmt“, räumte Sean ein. „Da waltet jene ‚soziale Kontrolle‘, von der Mister Charly auf der Rathaustreppe sprach.“

„Der Kriegsrat erzählte mir vorgestern am Lagerfeuer sogar, Wilderei in den Grenzwäldern sei äußerst selten. Will sich aber ein Eindringling Cosette aus dem Rathaus unter den Nagel reißen, muß er sich schon sehr gut verkleiden.“

„Der Kriegsrat ...“, murmelte Sean und schüttelte grinsend seine Locken. „Der oberste Turner dieser Republik ...“

„Im übrigen habe ich den Eindruck, unter diesen Leuten hier ist die Habgier, die wir aus unseren Breiten kennen, ziemlich gering gesät. Sie finden kein Glück darin, genausoviel, mehr oder wenigstens anderes zu besitzen als der Mitbürger. Ihr wesentlicher Besitz sind wahrscheinlich Eigentümlichkeit, Persönlichkeit, Selbstvertrauen, und wer sollte ihnen die rauben?“

„Na na na“, sagte Sean. „Jetzt schreibst du aber Zeitung. Du färbst schön!“

Norbert lächelte. „Ja sicher! Das Häßliche spornt niemanden an.“

Bald darauf gingen sie zum Wagen, ließen die Plane herab und streckten sich auf den Laken und unter den Bettbezügen aus, die ihnen die Rätin für Auswärtiges aus ihrer GO mitgegeben hatte. Sie könnten ihre Bettwäsche jederzeit bei einer anderen GO gegen frische eintauschen, hatte sie erklärt. Also mußten sie sie nicht unbedingt waschen, auch ein Glück.



8

Sean lud im Erdgeschoß der „Käseglocke“ gerade Sägeabfall auf einen Handkarren, man benötigte Platz. Da kam aus dem Dorf ein ihm unbekannter älterer Mann gelaufen und rief schon von der Straße her:

„Bogdan, Luigi ist krank!“

Bogdan, ein dürrer, aber biegsamer Lulatsch Anfang 30, war der örtliche Schiedsrat. Er unterhielt sich unweit des Handkarrens gerade mit ein paar Zimmerern oder Tischlern über den Innenausbau. Jetzt unterbrach er sich und fragte den keuchenden Boten:

„Was hat er denn – Luigi?“

Wie sich herausstellte, war Luigi ein halbwegs flotter mausgrauer Wallach, den die Noravitaner wechselweise zum Reiten benutzten. Jetzt wälze er sich schon seit bald einer Stunde auf der Koppel herum, schwitze wie ein Wasserfall und finge bereits damit an, sich mit den Hinterhufen in den Bauch zu treten, sagte der Mann. Es sehe nach einer Kolik aus. Doch niemand von allen, die er inzwischen befragt habe, könne sich die Ursache dieses Anfalls erklären. Jedenfalls litte Luigi stark, und sie könnten ihn ja nicht gleich auf Verdacht erschießen – „das einzige Reitpferd im Dorf!“

Bogdan wrang seine Hände, musterte das schnaufende Gesicht des Botens bekümmert und prüfend zugleich und vergewisserte sich: „Niemand hat eine Idee? Wenigstens irgendeine Arznei ..?“

Der Mann schüttelte seinen Kopf.

„Dann muß Raluca her!“ knurrte Bogdan finster entschlossen. „Und zwar sofort!“

„Und wie stellst du dir das vor? Hast du neuerdings ein paar Brieftauben an der Hand? Der Witz bei der Sache ist ja leider, daß Luigi unser einziger halbwegs schneller Gaul ist! Bis da einer auf einem von den zwei anderen oder von den zwei Zugpferden dieser Schweizer auch nur in Kusmu eintrifft, fährt Luigi bereits ins Himmelreich ein. Da braucht der Bote mindestens einen halben Tag.“

Bis Kusmu waren es ungefähr 25 Kilometer, das wußte Sean. Und bei dem Namen Raluca hatte er sofort die Ohren gespitzt. Die kannte er ja ebenfalls: die schwarzschopfige Zureiterin vom Gestüt, die mit dem Schimmel und der hübschen bunten Weste! Er erinnerte sich, sie war auch Tierärztin.

„Ja, so ein Mist!“ bog sich Bogdan, Hände in den Hosentaschen, hin und her, als habe er die Kolik bereits selber. Er sah hilfeerscheischend in die Runde. „Und was machen wir jetzt ..?“

Plötzlich hellte sich die Miene eines Zimmerers mittleren Alters auf, ein brauner Krauskopf mit der Schulterbreite von den Oberlichtern, die ringsum unter der Saaldecke saßen. Er nickte hinter sich Richtung Kus und sagte forsch:

„Wir nehmen den Vierer von den Wieseln! Er liegt ohnehin schon im Wasser, ich habe es vorhin gesehen. Hoffentlich ist er noch da.“

„Gute Idee, Voicu!“ lobte der Schiedsrat mit sichtlicher Erleichterung. „Ihr fliegt da hinunter, das dauert keine zwei Stunden. Natürlich seid ihr dann ebenfalls halbtot. Aber bevor sich Raluca auf ihren feurigsten Araber schwingt, soll sie euch ein Gespann geben. Mit dem fahrt ihr dann in aller Gemütlichkeit mitsamt eurem Kanu wieder nach Hause. Sie kann das Gespann ja später selber zur Rückfahrt benutzen – sie bindet ihren Araber einfach hinten an … Sehe ich alles richtig?“

„Und wenn Raluca gar nicht da ist, weil sie eine Besorgung zu machen hat?“ warf eine Tischlerin ein.

„Ja, Mensch“, stöhnte der lange Schiedsrat, „das ist Pech! Dann sollen sie die Bimmel des Gestüts läuten, da wird sie schon angelaufen kommen.“

„Und wenn sie in den Revoten oder in Burgas ist?“

„Himmelkreuzdonnerwetter!“ knurrte Bogdan ungehalten. „Dann sollen sie die Glocken der Kathedrale läuten … Also, wer fährt ..?“

Da sich, neben Voicu, auf Anhieb nur zwei weitere Personen meldeten, ein Mann und eine Frau, sah Bogdan mit stechenden Augen weiter in die Runde. Sean witterte seine Chance und überlegte nicht lange. Er sagte lässig:

„Ich mache mit.“

„Na also“, rieb sich Bogdan die Hände. „Kannst du mit dem Stechpaddel umgehen?“

„Gut genug. Auf dem Zürichsee paddeln wir öfter.“

Bogdan nickte befriedigt. „Sind alle einverstanden? Na prima. Auf gehts!“

Er wedelte mit dem Handrücken, und die vier Wasserboten trabten zum Kus. Auf dem Weg dort hin holte einer zwei Feldflaschen mit Brunnenwasser aus einem Haus, ein anderer ließ sich in der GO Wiesel die vier Stechpaddel aushändigen. Das Kanu war an einem Bootssteg festgemacht. Sie hockten sich gemäß ihrer Absprache (LinkshänderInnen!) hintereinander hinein und stachen ihre Paddel, jeweils zwei Leute auf jeder Seite, nach Art eines Zickzackstichs in den bräunlich glitzernden Fluß, der in Noravita noch keine fünf Meter breit war. Umso günstiger war hier die Strömung.

Fortsetzung in Teil III
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