Freitag, 27. September 2019
Zeit der Luchse
Dieser Kurzroman, Umfang rund 80 Druckseiten, spielt in der Freien Republik Mollowina anno 1904

Teil I (1–4) + Teil II (5–8) + Teil III (9–13) + Teil IV (14–23)


1

Der Züricher Journalist Norbert Angerschmied wohnte mit seiner Frau Clara unweit des Hauptbahnhofs am Limmat-quai. An einem Januar-Nachmittag des Jahres 1904 zog er seinen etwas veralteten großkarierten Wintermantel an, steckte den erfreulichen Brief aus Kusmu, den er morgens in seiner Post vorgefunden hatte, in die Innentasche und fuhr mit der Tram Richtung Norden, um seinen Freund und voraussichtlichen Reisegefährten Sean O‘Brien aufzusuchen. Der Ire war Bildender Künstler, vor allem begnadeter Zeichner. Er hauste im Leutschenbachquartier in einer Dachstube. Die Küche teilte er sich mit zwei Kollegen, alle Künstler. Telefon hatten sie nicht. Seans Stube war eng, ging aber immerhin mit ihrem einzigen Fenster auf einen Streifen sogenannter Familiengärten, der sich dort durchs Quartier zog. So hatte der Ire aus der Grafschaft Galway, Sohn eines Dorfschulmeisters, selbst im Winter hin und wieder Gelegenheit, mit seinem Feldstecher eine Kohlmeise oder ein Rotkehlchen zu beobachten. Im vergangenen September hatte er sogar einen Einbrecher ertappt. Der Mann füllte gerade seinen Rucksack mit frischen Kartoffeln, die er dort unten im Mondschein ausgrub. Sean ließ ihn graben. Später tupfte er in Anlehnung an die nächtliche Szene ein hübsches Aquarell aufs Papier. Er schickte es seinen Eltern, die ihre Erfahrungen mit Kartoffelanbau und Kartoffelklau hatten.

Sean war zu Hause. Sein Besucher in dem bräunlich-gelblich karierten Mantel durfte sich in den einzigen, etwas schäbigen Sessel des Künstlers legen, bedeutungsvoll mit dem Brief aus Kusmu wedeln und erst einmal frisch aufgebrühten Tee trinken. Den Mantel behielt er an, weil Sean nicht gerade üppig eingeheizt hatte. Norbert war ein stattlicher, dunkelhaariger Mann, der Sean deutlich überragte. Um seinen schlichten, wenn auch dichten Schnauzbart hatte er mit Clara schon viele Kämpfe ausgetragen. Er bestand auf ihm, weil die einen sagten, der Schnauzbart unterstriche die Gemütsruhe, die Norbert eigne, während die anderen sagten, er mildere die Gemütsruhe. In der Tat war Angerschmied von ausge-glichener und friedenstiftender Wesensart, obwohl er ein durchaus kritischer Kopf war, nebenbei ein guter Schütze. Geboren 1866, war er im Hessischen Ried aufgewachsen, genauer bei Stockstadt am Rhein auf einem Gutshof. Das hatte er sogar in seinem „Bewerbungsschreiben“ nach Kusmu erwähnt. Er hatte auch Georg Büchners (oder eher Weidigs/Eichelbergs) Traum von einem in jeder Hinsicht großen Vaterland erwähnt, den er nicht unbedingt teile.

Sean zupfte ihm den Brief aus der Hand, rückte seinen Schemel unters Dachfenster und begann zu lesen. Zürich hatte damals rund 150.000 EinwohnerInnen, davon fast ein Drittel Ausländer, darunter viele Deutsche. O‘Brien, der Ire, war fast 10 Jahre jünger als Angerschmied, der Rheinhesse. Englisch sprachen sie beide fließend. Norbert hatte sich nie danach erkundigt, ob die irische Insel, neben keltischen Druiden oder Kobolden, auch von Engeln wimmele, wenn aber ja, dann war der blond- und schulterlanggelockte Sean ein sowohl drahtiger wie fröhlicher Engel. Jeder liebte ihn. Er war nur etwas hitzköpfig. Sein Körper war vollendet gebaut. Was Wunder, wenn er sich auch als Aktmodell gelegentlich ein paar Franken verdiente. Ansonsten hielt er sich haupt-sächlich mit verblüffend rasch aufs Papier geworfenen Porträts über Wasser. In Zürichs Künstler- und Emigrantenkreisen war er als „der blonde Schnellfeuer-bleistift“ bekannt. Daneben fiel ihm das Erlernen von Fremdsprachen ungewöhnlich leicht. Für einen Grund- und Fernkurs in Meidunisch würden ihm, wie sich zeigen sollte, wenige Wochen reichen.

Der Brief aus Kusmu, dem Hauptstädtchen der Freien Republik Mollowina, war in tadellosem Englisch verfaßt. Normalerweise war die Landessprache Meidunisch. Die für den Brief benutzte Schreibmaschine dürfte allerdings nicht mehr nagelneu sein, sagte sich Sean. Die Zeilen schwankten wie das Schwarze Meer, an das die Republik im Osten grenzte. Immerhin hatte man offensichtlich die Typen ausgekratzt, sodaß einem das Schriftbild nicht wie ein Kugelhagel ins Gesicht sprang. Auf einen aufwendig oder angeberisch gestalteten Briefkopf hatte man verzichtet. Oben stand hingetippt: Freie Republik Mollowina, Rätin für Auswärtiges Fila Peptan, und just diese Frau hatte den Brief auch unterzeichnet. Er lautete folgendermaßen.

Lieber Herr Angerschmied,

vielen Dank für Ihr Interesse. Ihr Wunsch, unser unbedeutendes Land zu besuchen und es zu schildern, ehrt uns selbstverständlich, zumal Sie mit der Tribune ein zumindest unter kritischen Menschen durchaus angesehenes Blatt vertreten. Wir haben es übrigens schon seit mehreren Jahren abonniert, nämlich seit dem Umsturz im glorreichen Jahr 1901. Somit sind Sie, mitsamt Ihrem irischen Freund, dem Grafiker, herzlich eingeladen.

Für Verpflegung und Unterkunft werden wir sorgen. Ja, Schußwaffen können Sie, zu Ihrer Sicherheit, mitbringen. Sie dürfen sie sogar im Dutzend zollfrei und für uns kostenlos einführen, denn wir haben nach wie vor, trotz erfolgreicher Revolution, eher zu wenig davon. Da Sie Ihre Herkunft von einem Gutshof erwähnten, kam uns die Idee, den beiden Gästen, für die Inlandsreise, einen zweispän-nigen Planwagen vorzuschlagen und zur Verfügung zu stellen, in dem sie an beliebiger Stelle (sowohl des Landes wie des Wagens) auch übernachten und mit dem sie sich in der gesamten Republik frei bewegen können, also ohne die üblichen AufpasserInnen, meist „Fremdenführer“ oder „Dolmetscher“ genannt. Sie werden hier in jedem Dorf mindestes zwei oder drei Leute finden, die halbwegs gut Englisch sprechen. Wir schicken Ihnen in gesonderter Sendung außerdem ein Wörterbuch der Landessprache einschließlich Grammatik, ferner die jüngste Ausgabe unseres Wochen-blatts Kurier Kusmu und eine ins Englische übersetzte Broschüre mit verschiedenen Betrachtungen und Dokumenten, die Verfassung unserer Republik eingeschlossen. Wie sich versteht, würden wir Ihr Vorhaben rechtzeitig im Kurier ankündigen und alle Einheimischen um uneingeschränkte Unterstützung Ihrer Forschungsreise bitten.

Was die Anreise betrifft, schlagen wir Ihnen vor, die Eisenbahnstrecke über Wien–Belgrad–Sofia zu nehmen. Auf ihr können Sie bis zur bulgarischen Küstenstadt Burgas vordringen, und von dort aus ist es nur noch ein Katzen-sprung bis zur Mollowina. Wir würden Sie mit dem erwähnten Pferdefuhrwerk in Burgas am Bahnhof erwarten, sofern Sie mit allem einverstanden sind und uns schließlich per Telegramm – auch das läuft über Burgas zu uns, Adresse siehe unten – Ihre voraussichtliche Ankunftszeit mitteilen. Geben Sie aber das Telegramm nicht in letzter Minute auf. Der Bote aus Burgas bringt es lediglich bis in ein grenznahes Dorf der Mollowina, von wo aus es dann nach Kusmu befördert wird. Das Ganze dauert mindestens fünf Stunden. Nachts wird gar nicht zugestellt.

Telefon gibt es bei uns leider nirgends. Ja, schlimmer noch, wir kommen sogar grundsätzlich ohne elektrischen Strom aus, unsere rund 40.000 RepublikanerInnen wollen es so. Machen Sie sich also auf einige „Primitivität“ gefaßt. Aber der frische, erquickende Wind, der hier seit dem Umsturz weht, wird Sie für manche Unbequemlichkeit entschädigen. Sollten Sie bis zum Herbst ausharren, können Sie auch den jüngsten Jahrgang unseres zurecht berühmten Weines kosten, wenn auch nur vom Stock. Die abgefüllten Flaschen gehen nahezu vollständig an ein Handelsunternehmen in Sofia, gegen gute Devisen. Wir selber meiden Alkohol wie auch andere Drogen. Wir empfehlen Ihnen das gleiche. Dagegen wird Sie in der Regel jede GO mit Kaffee bewirten können, wonach Sie ja eigens gefragt haben. Die GO‘s sind unsere „Grundorganisationen“, in jedem Dorf ungefähr sieben bis zehn. Unsere „Hauptstadt“ Kusmu besteht aus drei aneinander grenzenden Dörfern, kann Ihnen also ungefähr 21 bis 30 mal Kaffee anbieten. In der Regel jedenfalls – falls der Rat für Wirtschaft das Geld hatte, soviel Kaffee zu importieren …

Ich sehe Ihrer geneigten Antwort entgegen und grüße Sie herzlich, F. P.

Wie erwartet, hatte Sean beim Lesen des Briefes wiederholt geschmunzelt. Jetzt rieb er sich unterneh-mungslustig die Hände und sagte: „Na prima – die Sache kommt ins Rollen! Vielleicht wird sie endlich den Weltruhm an unsere Namen heften.“

„Gut möglich, mein blonder Sohn! Dann laß uns doch gleich mal die Einzelheiten besprechen.“

Sean nickte und schenkte Tee nach. Er hatte die Kanne auf die halbwegs warme Ofenplatte gestellt.

Als Norbert seinen Plan einer mehrteiligen und illustrierten Reportage aus dem neuen Balkanzwergstaat der Redaktion der New York Daily Tribune vorgeschlagen hatte, war er nicht nur nicht auf Widerstand, sondern sogar auf Lob und Ermunterung gestoßen. Es gebe viele Gerüchte und Verleumdungen über die Mollowina, dagegen nichts Authentisches. Er möge nur hinfahren, jedoch einen Vertreter für die Zeit seiner Abwesenheit beschaffen. Angerschmied war seit mehreren Jahren der Mitteleuropa-Korrespondent des nordamerikanischen Blattes. Er schrieb auch noch für ein paar andere Blätter, darunter die renommierte Frankfurter Zeitung. Die hätte ihm aber die geplante Reportage kaum abgenommen. Ohnehin zahlte die Tribune vergleichsweise gut und zeigte sich auch bei den Spesen nicht knausrig. Ferner hatte er bereits bei einem Berliner Buchverlag vorgefühlt, ob man gegebenenfalls an einem Band mit den überarbeiteten Artikeln aus der Mollowina nebst zahlreichen Grafiken von Sean O‘Brien interessiert sei. Man war es. Und so hatte er an jenem Januartag einigen Grund, am Abend gemeinsam mit Clara eine Flasche badischen Schwarzrieslings zu entkorken. Ab voraussichtlich Mitte Mai würde er ja erst einmal auf dem Trockenen sitzen beziehungsweise auf den Bohlen eines Pferdewagens liegen. Vielleicht war es ein Abhärtungskurs.



2

Die zum Schwarzen Meer hin gestreckte Mollowina mißt im Schnitt 70 mal 40 Kilometer. Das entspricht ungefähr dem um 90 Grad gestürzten „Großherzogtum“ Luxemburg. Aber das mitteleuropäische, schon kräftig industrialisierte Ländchen wies um 1900 bereits über 200.000 Einwohner-Innen auf, während es in der Mollowina lediglich ein Fünftel davon waren. Zwischen den Gebirgszügen Jamboten (im Norden und Westen) und Rezoven (im Süden) wurde das fruchtbare Land von etlichen kleinen Flüssen getränkt. An der Küste gab es ein beachtliches Bernstein-Vorkommen. Das Hauptstädtchen Kusmu lag ziemlich genau in der Landesmitte, am Hauptfluß Kus. Die nächste größere Stadt befand sich bereits in Bulgarien, es war die Hafenstadt Burgas, die am Nordfuß der Jamboten lag. Bis zur Grenze, die über den Kamm dieses Gebirges lief, waren es von Burgas aus keine 30 Kilometer. Der südliche, etwas fragwürdige Nachbar der Mollowina war die Türkei. Ihr hatte man das Ländchen vor fast genau drei Jahren abspenstig gemacht. Die Grenze lief über den Kamm der Rezoven. Seit dem Umsturz war sie vorsichtshalber mit etlichen Wach- und Signaltürmen gespickt. Das hatte man sich jedoch im Norden, in den Jamboten, erspart, wie die Gäste aus der Schweiz gleich sehen würden. Mit dem Königreich Bulgarien bestand eine „friedliche Koexistenz“.

Der Fernzug aus Sofia lief mit nur geringer Verspätung in Burgas ein. Angerschmied und O‘Brien hievten ihr Gepäck auf einen Handkarren und steuerten den Bahnhofsvorplatz an. Dort reckten sie sich erst einmal in dem Maisonnen-schein, der ungebrochen aufs Pflaster fiel, rieben sich die Augen und sahen sich erfreut an. Die Post lag dem Bahnhof gegenüber, und vor ihr parkte tatsächlich ein zweispänniges Pferdfuhrwerk, dessen Wagenplane mit dem revolutionären Wappen bemalt war, das sie bereits vom Kopf des Kurier Kusmu und dem Deckblatt der ihnen mitgeschickten Broschüre kannten. Es zeigte, in Gelb-Blau-Grün, einen stilisierten Luchs, der sich ähnlich einer Brücke über einen stilisierten Fluß spannte, und war eher unaufdringlich durch einen schmalen rotschwarzen Rahmen eingefaßt.

Jetzt löste sich eine menschliche Gestalt aus dem Wagenschatten und winkte ihnen einladend zu. Vermutlich hatte sie Angerschmied, den hünenhaften, schnauzbärtigen Gesandten der US-Presse, an seinem hellgrauen Cowboyhut erkannt, denn so war es vereinbart worden.

Wie sich am Fuhrwerk herausstellte, hatte sich die dunkelblonde Rätin für Auswärtiges persönlich zu ihrem Empfang und Transport bemüht. Sie begrüßte die beiden Schweizer herzlich, wobei sie irgendetwas in der mollowinischen Landessprache sang, wie man mit einigem Recht formulieren könnte, und wie es Norbert dann auch in seinem ersten Artikel für die Tribune tat. Sean nickte sofort eifrig und entgegnete in derselben klangvollen, singenden Sprache, wenn auch etwas radbrechend:

„Es freut uns, hier zu sein!“

Das belustigte Fila Peptan offensichtlich, machte sie aber zugleich auch ein wenig verlegen, wie bei einem Kompliment. Dann ging sie zum Englischen über.

Sie war etwa in Seans Alter, um 30, auch fast von seiner Mittelgröße, allerdings deutlich dürrer. Norbert würde auf dem Kutschbock, als sie die Pferde anziehen ließ, ihre sehnigen Arme bemerken. Der Reporter eines Modejour-nals hätte sie als „wenig attraktiv“ beschrieben. Mit ihrer sommersprossigen Stupsnase erinnerte sie an eine Magd. Vielleicht war sie ja auch eine gewesen, vor der Revolution. Sie kutschierte ausgezeichnet. Englisch sprach sie perfekt.

Die Ankömmlinge hatten der Rätin versichert, im Augenblick weder hungrig noch ruhebedürftig zu sein. Deshalb fuhren sie gleich aus der Stadt, nachdem die Männer auch die Pferde begrüßt hatten. Es waren zwei kräftige Braune mit langen schwarzen Haarfransen über den Hufen. Burgas zählte rund 12.000 EinwohnerInnen und damit viermal so viel wie Kusmu. Fila Peptan hatte am Stadtrand im Planwagen übernachtet und dann den Vormittag genutzt, um das Postamt und außerdem eine Eisenwarenhandlung aufzusuchen. Mit der bulgarischen Post hatte die Republik ein Abkommen.

Der Laie hätte sich vielleicht gefragt, ob sich die Rätin am Stadtrand nicht gefürchtet habe. Norbert dagegen, Sohn eines Pferdeknechts und Stiefsohn einer Gutsherrin, kannte sich aus. Wer mit Pferden reist, hat stets die angenehmsten Wachhunde um sich, und im übrigen war anzunehmen, die kleine Umhängetasche der Rätin werde auch von einer hübschen kleinen Pistole ausgebeult. Dies alles bestätigte sich später.

Kaum aus der Stadt, bat Norbert um die Leinen. Er wollte sich wieder hineinfinden. Das gelang ihm durchaus gut. Auch die Rätin hatte nichts an seiner Gespannführung auszusetzen. Nach einem knappen Stündchen Trab ließ er die Braunen in Schritt fallen, weil sie nun das Gebirge zu bewältigen hatten. Oben angekommen, legten sie eine Pause ein. Es war am späten Nachmittag. Sie hielten neben einem Schildhäuschen der Bulgaren, das allerdings unbesetzt war. Gleich dahinter war das Wappen der Republik an der gepflasterten Landstraße aufgepflanzt. Der Ausblick ins Tal war verheißungsvoll. Etliche Dörfer funkelten wie Lämmer oder Forellen, die gerade dösten. Man konnte sogar die Kathedrale von Kusmu sehen. Deren Hauptkuppel prahle mit einer überwiegend abgeblätterten Vergoldung, behauptete Sean, der seinen Feldstecher hervorgeholt hatte. Jenseits deuteten sich die Rezoven an, das südliche Gebirge. Beide Höhenzüge waren streckenweise bewaldet und bargen manches Wild – selbstverständlich auch den Luchs. Im Osten glitzerte das Schwarze Meer. Dann schwenkte Sean den Feldstecher auf eine näher gelegene Flußaue. „Ich hab‘s doch geahnt, Störche!“ murmelte er. „Sie staken da umher und picken ihr Abendbrot auf.“ Doch Norbert winkte ab und sagte auf Englisch: „Die hab‘ ich zu Hause auf dem Dach gehabt.“ Die Rätin lachte.

Während der Abfahrt einigten sie sich darauf, heute nicht mehr bis nach Kusmu zu traben, sondern im nahen Dorf Seth in der GO einer guten Freundin der Rätin abzusteigen. Es werde ja ohnehin bald dunkel, dann sähen sie nicht mehr viel, hatte Fila Peptan gesagt. In der GO könnten sie den Planwagen parken und die Pferde versorgen. Für sie selber sei bei der Freundin immer ein Bett frei. Aha, eine Lesbe! dachte Sean. Aber damit lag er falsch, von dem klischeehaften Zug seines Denkens einmal abgesehen. Norbert schalt ihn deshalb ein paar Stunden später, als sie in ihrem Planwagen auf den Strohsäcken lagen. Er sah es ein.

Die Freundin, Isabela mit Namen, war eine knuffige, dunkelhaarige Kleine, die fast wie ein Gummiball hüpfte, während sie einen Rundgang durch das Dorf machten. Sie hatte auch dunkle Augen. Das Dorf lag auf halber Höhe am Hang und war fast vollständig von Weingärten eingefaßt. An den Rebstöcken sah man die kleinen grünen Beeren, aus denen demnächst die Devisen gepreßt würden. Es war ja der Südhang der Jamboten – der Südhang des ganzen Balkans. Das erwähnte Unternehmen in Sofia konnte den Mollowina-Wein ausgesprochen teuer verkaufen, denn alle FeinschmeckerInnen Europas verzehrten sich danach. Das Dorf wirkte durchaus belebt, aber vergleichsweise still. Sie wurden viel gegrüßt, und wiederholt ergaben sich Gespräche, weil man etwas von der Rätin wissen wollte, oder umgekehrt. Ein alter knorriger Mann schüttelte sogar Norberts Arm wie einen Pumpenschwengel. Wie die Rätin erläuterte, hatte ein Enkel von ihm einmal in einem alpenländischen Hotel gearbeitet, als Kellner. Jetzt gehöre der Enkel zu den Kusmuer Postkurieren. Darauf kommen wir demnächst zurück.

Vor allem war kein Maschinenlärm zu hören. Gewiß waren Kindergeschrei und Hufschlag oder das Rollen eisenbereifter Wagenräder auf Pflaster keine Musik, aber solche Klänge schnitten selten bis ins Gedärme. Auch Hunde waren kaum zu hören. Ferner fiel den Schweizern die Abwesenheit jeglicher Läden auf. Kein Bäcker, kein Kramladen, keine Gaststätte – nichts. Immerhin hatte Seth rund 800 EinwohnerInnen. Diese Abwesenheit konnten sie sich freilich ganz gut erklären, ohne die Rätin zu bemühen, weil es bereits in der Broschüre behandelt wurde. Sofort nach dem Umsturz hatten die drei wichtigsten Schritte der siegreichen „Luchse“ darin bestanden, 1. zur Schaffung von Grundorganisationen (in den Dörfern) aufzurufen, 2. diese GO‘s zu bewaffnen, soweit der Vorrat reichte, 3. in der ganzen Republik schlagartig das Geld abzuschaffen. Man benötigte keine Läden mehr, weil es nichts mehr zu kaufen gab. Jede GO – zwischen 70 und 100 Köpfen stark – versorgte sich weitgehend selbst, und soweit Ausgleich erforderlich war, wurden die entsprechenden Güter oder Leistungen eben verteilt. Seth zum Beispiel karrte sich seine Säcke mit Kartoffeln oder Mehl aus dem einen oder anderen Dorf der Ebene heran. Brot backte jede GO selbst. Jede GO hatte auch einen Gemüse- und Blumengarten, einen Hühnerhof und manchmal auch eine Schmiede. War in dem Dorf der Ebene, das eine Wassermühle betrieb, der Hufschmied erkrankt oder verreist, ließ man die Säcke für Seth von Isabela herankarren, verstand sie sich doch ebenfalls auf Hufbeschlag und erledigte das dann bei ein paar dortigen Gäulen gleich nebenbei. Ein Pferdefuß dieses wohltätigen Systems lag natürlich in dem Problem der Benachrichti-gung und Verständigung, aber man hatte hier eins im Überfluß: Zeit.

Dieser Überfluß paarte sich günstigerweise mit einer erstaunlichen Anspruchslosigkeit. Das galt durchgehend, wie die Schweizer bald sahen, vom alteingesessenen Kleinpächter bis zum Landes-Schiedsrat Mihail Bak oder anderen führenden „Luchsen“. Ein gewöhnlicher europäischer oder nordamerikanischer Politiker wäre an Stelle der Rätin selbstverständlich im Bahnhofshotel von Burgas abgestiegen, das auch über etliche Pferdeställe und Wagenschuppen verfügte – auf Kosten der Dummköpfe, von denen er gewählt oder jedenfalls erduldet worden war. Sie sahen es auch bereits bei dem Abendbrot in Isabelas GO, die übrigens „Wiedehopf“ hieß. Kern des Dorfes war ein großes, ehemals herrschaftliches Weingut. Dort herrschte für die gemeinsamen Mahlzeiten oder Erörterungen von bis zu 100 Leuten, Säuglinge und Greise eingeschlossen, naturgemäß kein Platzmangel. Die WiedehopflerInnen bewohnten und bewirtschafteten jedoch ein Quartier aus rund einem Dutzend kleineren Häusern oder Höfen. Im besten dieser Häuser, das ohnehin von der Bauersfamilie verlassen worden war, hatten sie die meisten Zwischenwände herausgerissen und noch ein Stück angebaut. So kamen sie zu dem Küchen- und Versammlungshaus, in dem Sean und Norbert jetzt ihre erste Kollektiv-Mahlzeit auf mollowinischem Boden erlebten. An mehreren schlicht gezimmerten, wenn auch gut gehobelten verschieden großen Tischen kaute man mit Butter oder Schmalz bestrichenes dunkles Brot, ließ hin und wieder eine eingelegte daumenkleine Gurke, seltener ein kaum größeres Stück einer Dauerwurst knacken. Auch mit dem gelben festen Schafskäse ging man sparsam um. Dazu trank man Brunnenwasser und unterhielt sich angeregt. Sean schlug im Wörterbuch, das er wohlweislich mit ins Haus genommen hatte, den Namen der Oliven nach und ließ sich eine Schale davon reichen. Die Leute freuten sich. Daraufhin eröffnete Fila Peptan den Wiedehopflern, Mister O‘Brien stamme von der irischen Insel, wo leider weder die Oliven noch die Freiheit zu Hause seien. Das erregte Heiterkeit. Die anwesenden Kinder lachten mit, obwohl sie wahrscheinlich nicht so genau wußten, in welcher Gegend die irische Insel lag.

In der Kleidung kamen zumindest die erwachsenen WiedehopflerInnen nicht an ihren Totemvogel heran: sie trugen unauffällige, meist aus Leinen oder Schafwolle gearbeitete bäuerliche Sachen, bei denen sie vor allem auf Haltbarkeit wert legten, wie Norbert von Isabela erfuhr, die leidlich Englisch sprach. Das werde nur an Festtagen durchbrochen. Sie meinte damit hauptsächlich Geburts- und Todestage, fand Norbert später heraus. Die üblichen Feste, von Ostern über Hochzeiten bis zum „Tag der Befreiung“ oder dem „Tag der Einigung“, beging man in der Mollowina nicht, einige alteingesessene Greise und Greisinnen ausgenommen. Man behandelte sogar die sogenannten Sonntage wie gewöhnliche Wochentage. Deshalb durften jene Greise und Greisinnen zwar ihre Bibelkränzchen halten, aber niemand von ihnen wagte es, aus diesem Anlaß einen rüstigen Sohn zu bitten, die Glocken zu läuten. Die Republik hatte die christlich-orthodoxen Kirchen des Landes und die für einige Jahre zur Moschee umgewidmete Kusmuer Kathedrale durchaus gern übernommen. Es waren schließlich willkommene Versammlungs- oder Veranstaltungsräume – man mußte sie nicht erst mühsam und kostspielig besorgen, im Gegensatz zu großen Töpfen etwa, in denen sich Kartoffeln für mindestens 50 Leute kochen ließen. Auch die Glocken waren nützlich. Sie schlugen Alarm, falls ein Brand ausgebrochen war oder ein feindlicher Überfall drohte. Dagegen beschnitt man sie in ihrer Zusammenarbeit mit den Kirchturmuhren: sie durften jetzt nur noch die vollen Stunden schlagen, nicht mehr die Viertelstunden, wie es zu Zeiten der Gutsherren, Fabrikanten und türkischen Militärs der Fall gewesen war.

Die Töpfe verweisen zurück aufs Essen. Beim Frühstück würden die Schweizer erstaunt feststellen, die meisten WiedehopflerInnen mampften oder knabberten aus ihren Näpfen, was in den Züricher Blättern soeben als jüngster Schrei „gesunder Ernährung“ ausgegeben worden war: der einheimische Arzt Bircher-Benner habe eine Getreide-Trockenfrüchte-Mischung „erfunden“, die er „Müsli“ nannte. Durch die Rätin übersetzt, behauptete ein Mann in Norberts Alter jedoch, dieses Zeug bilde bereits seit mindestens 20 Jahren sein Frühstück. Er war vor der Revolution Bibliothekar in Sofia gewesen. Er nannte das Zeug „Badende Körner“. Es sei in der ganzen Mollowina beliebt, wobei es natürlich, je nach Vorratslage und persönlicher Vorliebe, vielfach variiert werde. Er zum Beispiel hatte an diesem Morgen auf Früchte gänzlich verzichtete. Seine knusprig gerösteten Haferflocken waren lediglich von Walnußbröckchen durchsetzt. Das Ganze schwamm in ein paar Eßlöffeln Saft aus einer Flasche Brombeermost, die auf dem Tisch in seiner Nähe stand. Im Herbst nehme er gern auch Pflaumenmost. Aha, dachte Sean, ein Abführmittel! Und diesmal lag er nicht ganz so schief.

Er und sein Schlafkumpel waren bereits im ersten Morgengrauen aus dem Stroh gerissen worden: von den Hähnen des Dorfes. Das waren sie beide nicht mehr gewohnt. Dann hatten sie sich wohl oder übel in ihre Morgenmäntel gehüllt und waren schlaftrunken zu einem nahegelegenen Weingarten getappt, um erst einmal genüßlich ihr Wasser zu lassen, bevor es an andere Taten, etwa Gymnastik, Katzenwäsche, Frühstück, ging. Auch die Singvögel erwachten nach und nach. Sie hatten sich am späten Abend bei der Rätin eigens erkundigt, ob das freie Pinkeln in der Freien Republik gestattet sei. Das hatte sie bejaht. Urin sei guter Dünger, solange man nicht schlimm erkrankt sei und nicht über Tage hinweg auf dieselbe Stelle pinkele: dann sei dieser Dünger zu konzentriert, zu stark.

Plötzlich spitzte Sean die Ohren und hob bedeutungsvoll den Finger; fast hätte er sich dadurch seinen Morgen-mantel durchnäßt. Aus der Nähe drang ein dumpfer, panflötenartiger, bezaubernder Vogelruf zu ihnen, kurz gereiht, etwa „pu-pu-pu“, und dies wiederholt. Er hatte den Ruf noch nie in natura gehört, kannte jedoch Beschreibungen aus der Literatur.

„Na also“, flüsterte er befriedigt. „Das dürfte der Wiedehopf sein.“

Norbert quittierte es mit salbungsvollem zustimmenden Nicken und klopfte ihm anerkennend die Schulter. Zum Glück hatten sie sich inzwischen fertig entleert.

Alle RepublikanerInnen waren in der Regel Frühauf-steherInnen. Der Grund lag auf der Hand: sie hatten keine elektrische Beleuchtung. Die GO Wiedehopf frühstückte um Sieben. Gegen Neun spannten die Gäste an und verließen das Weindorf Seth. Bis Kusmu würden sie noch zwei oder drei Stunden benötigen. Die Rätin verkürzte den Schweizern die Zeit, indem sie die Landschaft erklärte und Anekdoten vom Umsturz zum Besten gab. Die historischen Hintergründe kannten die Schweizer natürlich schon aus der Broschüre.



3

Die fruchtbare, durch Boden und Klima begünstigte Mollowina war seit altersher ein Zankapfel zwischen Bulgarien und der Türkei. Zuletzt war sie in osmanischer Hand. Sie war und ist jedoch ganz überwiegend von Meidunen besiedelt. Die im südlichen Balkan zerstreute Minderheit der Meidunen ist offiziell christlich-orthodox, in Wahrheit eher heidnisch gestimmt. Sie spricht einen rumänischen Dialekt, eben das Meidunische. Die Türken – genauer eine Handvoll Militärs und Bürokraten – behandelten die Einheimischen wie Schmutz, unterließen es freilich nicht, sie dabei tüchtig auszupressen. Ihre entscheidenden Handlanger waren selbstverständlich die Gutsherren, Popen und, soweit vorhanden, Fabrikanten des Landes. Man gewährte diesen Speichelleckern ein paar Vergünstigungen und strich ihre fetten Steuern ein. Wie sich versteht, hatten die Junker ihre Erträge ihrerseits gnadenlos aus Volk und Boden gezogen.

Der Aufstand war hervorragend vorbereitet worden. Treibende Kraft waren „die Luchse“, ein studentisch und anarchistisch gepräger Bund. Ihr geheimes Hauptquartier hatte in Sofia gelegen, doch sie hatten überall im Ländchen Vertrauensleute. Sie hatten auch einen echten Türken, der am Vortag des Aufstands in Kusmu bei den Besatzern hoch zu Roß als Kurier aus Adrianopel (Edirne) auftrat. In dessen gesiegeltem Schreiben hieß es, der Sultan werde übermorgen im unweit der Grenze gelegenen Städtchen I. ein neues modernes Silberbergwerk einweihen; man habe jedoch von Attentatsplänen Wind bekommen, weshalb es erforderlich sei, umgehend Schutztruppen aus Kusmu nach I. zu verlagern. So kam es, daß rund die Hälfte der 400 in Kusmu stationierten Soldaten eilends gen Süden in die Revoten, das Grenzgebirge, aufbrachen. Kaum wälzte sich der Troß auf der anderen Bergseite zu Tale, machten einige Dutzend mit Kanonen bewaffnete Luchse die Grenze dicht. Unterdessen übertölpelten andere Luchse in Kusmu die geschwächte Garnison und nahmen alle türkischen Soldaten und Bürokraten in Haft. Mit nur einem gefallenen Luchs und sechs oder sieben Verwundeten war der Blutzoll dieses Umsturzes ausgesprochen gering. Die eingesperrten Türken dienten bald darauf dem Austausch gegen gefangene Genossen. Das größere Druckmittel stellten freilich die Duldung oder gar der Beistand dar, den sich die Luchse, gegen gute Handelsversprechungen, von Bulgarien und Rußland gesichert hatten. An der Küste tauchten sogar pünktlich am Aufstandstag zwei russische Kriegsschiffe auf, die den Türken die Lust an einem Gegenschlag nahmen. Die Gesandten des russischen Zaren beschränkten sich nicht aufs bedrohliche Ankern; ein Teil der Matrosen schwärmte sofort aus, um die Gruben des Bernstein-Tagebaus zu besetzen, den bislang die Türken betrieben hatten. Das entsprach den Vereinbarungen mit den Aufständischen. Seitdem beutete die kleine russische Kolonie an der Schwarzmeerküste das mollowinische Bernstein-Vorkommen aus und verschiffte die begehrten Harze regelmäßig nach Sankt Petersburg.

Einen Bruchteil des Bernsteins hatte sich die neue Republik für eigene Zwecke ausbedungen. Den Grund hatten die Schweizer schon bald nach ihrer Ankunft in Burgas an der Hemdenbrust der dürren Rätin für Auswärtiges entdeckt. Fila Peptan trug ihr Bundesab-zeichen als Brosche. Andere Luchse hatten es umhängen, ob auf oder unter dem Hemd. Man ahnt es bereits, es waren kleine, handgeschnitzte stilisierte Luchse aus Bernstein. Sean hatte sich auf Anhieb in sie verliebt – in die Brosche.

Die mal honig-, mal purpurfarbenen Kleinode hatten den Luchsen bereits vor dem Umsturz als Ausweis gedient. Nun wurden sie in Ehrenabzeichen umgewandelt. So kam es zum einzigen „Verdienstorden“ der Republik, wie man sagen könnte. Die „Veteranen“ besaßen ihn sowieso schon, und im übrigen wurde er künftig von der Landesdelegier-tenversammlung vergeben, notfalls auch wieder aberkannt. Die zumeist gutgeschulten „Luchse“ standen in hohem Ansehen. Sie genaßen jedoch keinerlei Vorrechte und Vergünstigungen. Sie hielten seit dem Aufstand auch keine Versammlungen mehr ab. So gab es in der Mollowina weder Staat und Partei noch Schattenkabinett. Man pflog jene „direkte Demokratie“, die später noch viele VolksbeglückerInnen im Munde führen sollten, ob rote oder grüne.

Was woanders „Staatsbürgerschaft“ hieß, wurde allein von den Grundorganisationen der Republik verliehen, den GO‘s. Man konnte die GO wechseln, mußte aber jedenfalls einer GO angehören. Die Bewaffnung jeder GO ist bereits erwähnt worden. Die führenden Luchse aus dem Kusmuer Rathaus hatten weder ein Gewaltmonopol noch ein Paßrecht. Spielte eine GO nicht mit, spielte sie nicht mit. Der Grenzschutz in den Revoten oblag den entsprechenden Gebirgsdörfern. Polizei war unbekannt. Im allgemeinen bestanden die Dörfer der Mollowina aus sieben bis 10 GO‘s. Zum Zeitpunkt der Forschungsreise der Schweizer wies die Mollowina rund 50 Dörfer auf, die drei ehemaligen Stadtbezirke von Kusmu eingeschlossen. Für Kusmu bestand übrigens ein Aufnahmestopp, sollte es doch eher verkleinert als aufgebläht werden. Man riß sogar ein paar Häuser eigens zu dem Zweck ab, an ihrer Stelle GO-Gärten anzulegen. Der wahre Luchs lebte und wirkte auf dem Land. Dort entstanden auch schon einige neue Manufakturen. Dagegen wurde eine am Kus gelegene Textilfabrik geschlossen, die aus (bulgarischer!) Baumwolle Exportware hergestellt hatte. Das bekam auch dem Kus, dem Fluß, ganz gut.

Auf die möglichst große Autarkie der GO‘s ist bereits hingewiesen worden. Dabei standen auch die Jagd und das Sammeln von Wildfrüchten hoch im Kurs. Was auf den Dörfern nicht selbst hergestellt werden konnte, wurde, auf Bestellung, von Kusmus angekarrt, etwa Kaffee und verschiedene Metalle oder Maschinenteile, die der Rat für Wirtschaft im Ausland einkaufte. Spezialisierung und Zentralisierung mied man in der Mollowina wo es nur ging. Eine Dorfküche etwa für 800 Leute oder ein Zuchtbetrieb mit 500 Hühnern oder Schafen wären zu anfällig und zu kostspielig gewesen. Zu den Ausnahmen zählten, neben dem Gestüt in Kusmu, das wir gleich berühren werden, einige im Land verteilte Getreide- und Sägemühlen und Keltereien für den Wein. Den Bernstein an der Schwarzmeerküste schürften die Russen. In jedem Dorf gab es ein paar Pferde und Fuhrwerke, jede Menge Handwagen, einige Fahrräder, mindestens eine Schmiede und oft auch eine Dreschmaschine, diese mit Göpelantrieb. Allem „Fortschritt“ stand man grundsätzlich skeptisch gegenüber. Ein Kraftwerk war keine von Hand gekurbelte Kaffeebohnenmühle. Fiel es aus, oder flog es in die Luft, war „die Kacke am dampfen“, wie der Rheinhesse in Norbert Angerschmieds Kindheit zu sagen pflegte. Selbst häusliche Wasserleitungen und Taschenuhren wurden in der Mollowina verschmäht. Günstigerweise waren die Winter mild, sie brachten selten Frost. Und was sollte einer Geld oder seine Gemütsruhe für eine Taschen- oder Armbanduhr zum Fenster herausschmeißen, wenn er von überallher eine Kirchturmuhr sah oder vernahm?

Wie sich versteht, war mit der Abschaffung des Geldes auch das Privateigentum an allen Produktionsmitteln, Gebäuden, Ländereien fortgefallen. Diese Vorrichtungen und Liegenschaften waren nun gleichsam Volkseigentum, wenn auch stets bestimmte GO‘s für sie verantwortlich waren. Der Tausch, oft ungerecht genug, wich der Verteilung. Veränderungen in der Nutzung oder Pflege wurden nicht durch Winke mit Schecks eingeleitet, sondern durch Erörterung und Vereinbarung. Erfreulicherweise war den Landbewohnern das Teilen nicht ganz fremd gewesen. Nur wurden die Sippen jetzt, mit den GO‘s, sozusagen größer und durchmischter. Was blieb, war der Zündstoff für Streit. Da kam ein eigenmächtiger Holzeinschlag vor, hier machte jemand schöne Schuhe bevorzugt für die eigene GO. Aber es hatten sich neue Mittel der Konfliktbewältigung eingestellt und zum Teil auch schon gut eingespielt. Davon werden wir noch hören.



4

Sie näherten sich dem Kus und der Hauptstadt der Republik, 3.000 EinwohnerInnen schwach. Mit zwei Stadtbezirken, jetzt Mühldorf und Ratsdorf genannt, schob sich Kusmu vom südlichen Flußufer einen kleinen Hügel hinauf. Die Kathedrale blinkte ihnen von halber Höhe zu; der Sonnenschein hatte sich nämlich gehalten. Die meisten Häuser standen kaum nach, weil ihre Wände aus Lehmziegeln (auf Naturstein-Fundament) in hellen Farben getüncht waren. Auf ihrer Seite, am Nordufer des Kus, lag der dritte Stadtbezirk, jetzt „Pferdedorf“. Der Name leuchtete den Schweizern rasch ein, weil dieser Bezirk offensichtlich im Kern aus einem ausgedehnten Gestüt bestand. Auf den Koppeln, die ringsum zu sehen waren, tummelten sich zwar noch keine Pferde; die Rätin meinte, es sei noch zu früh, das Gras zu jung. Aber an den Gebäuden des Gestüts bewegten sich bereits zahlreiche Pferde, übrigens auch Menschen. Dann fiel ihnen eine schwarzschopfige Frau auf, die erstaunlicherweise eine buntbesetzte und -bestickte Weste trug. Sie ritt auf einem Sandplatz mit einem Schimmel, der aus der Ferne recht feurig wirkte, gemächlich im Kreis. Jetzt schien die Frau auch ihrerseits den Planwagen auf der Landstraße bemerkt zu haben. Sie versetzte den Schimmel jäh in Galopp und preschte über die Koppeln auf die Straße zu.

Die Rätin hatte bereits angehalten und blickte der Reiterin bewundernd entgegen. „Raluca“, erklärte sie ihren Begleitern. „Eine Luchsin der ersten Stunde. Sie ist sozusagen unsere Chef-Zureiterin, außerdem Tierärztin. Sie hat in mehreren ausländischen Städten studiert und gearbeitet, sogar in Wien, bei den Lipizzanern. Von Pferden versteht sie alles. Manche sagen, sie allein hätte die Revolution schon zur Hälfte gewonnen, weil sie die richtigen Gäule für uns hatte. Naja ...“

Sie ließ den etwas spöttischen Nachsatz in der Luft hängen. Vielleicht hatte sie sich um Objektivität bemüht und wollte das nun nicht trüben.

Raluca hatte den Schimmel inzwischen vor dem Koppelzaun abgebremst. Der blonde Lockenkopf sieht ja ganz reizend aus, dachte sie, während sie ihren Schimmel lobend knuffte. Dann warf sie dem Kutschbock einen Handkuß zu. „Die Zeitungsleute aus der Schweiz ..?“

Alle drei Reisenden nickten lächelnd. Norbert schätzte die Frau auf sein Alter, Ende 30.

„Ich dachte es mir“, fuhr sie fort. „Ich hoffe, ihr hattet eine schöne Fahrt ..?“

Auch das wurde bejaht. Zwar war die Zureiterin ähnlich dunkelhaarig wie Isabela aus Seth, aber deutlich größer und schlanker als sie. Ihre eher helle Stimme hatte gleichwohl etwas Einschmeichelndes, wahrscheinlich genau das Richtige für Pferde. Ihr hübsches Westen-jäckchen stand offen, wie Sean auffiel. Wäre es zugeknöpft gewesen, hätte es wohl ganz schön gespannt.

Fila Peptan deutete über die Schimmelmähne zu der auffallenden Betriebsamkeit bei den Ställen des Gestüts. „Was ist denn mit den Postkurieren los? Sind die noch nicht weg ..?“

„Ja, leider nicht! Der Druck des Kuriers hat sich verspätet. Denen war eine Presse kaputtgegangen. Jetzt tut sie‘s wieder. Die Postkuriere machen gerade ihre Gäule fertig, um zum Marktplatz zu reiten.“

„Verstehe“, sagte die Rätin und wandte sich zu ihren Begleitern. „Dann könnten wir uns ja eigentlich ebenfalls sputen, um die Kuriere am Marktplatz noch zu erwischen, oder nicht?“

Norbert und Sean sahen sich an, nickten und spreizten zustimmend ihre Hände. Darauf ließ die Rätin die Braunen wieder anziehen, während Raluca abdrehte und zu ihrem Sandplatz zurücktrabte.

Das Wochenblatt Kurier Kusmu wurde stets mittwochs ausgeliefert. Die Postkuriere nahmen es dann zusätzlich zur normalen Post auf ihre Touren durch die Dörfer mit. Ansonsten beförderten sie die Post – die eingegangene wie die auf den Dörfern aufgegebene – auch noch freitags und montags, von Sonderdiensten abgesehen. Das kleine Postamt von Kusmu lag am Marktplatz, gleich neben der Druckerei; die Pferde der Kuriere standen jedoch auf dem Gestüt: daher der angedeutete Wirbel.

Der Kus war immerhin so breit wie zwei Wagen der Züricher Tram lang waren. Hier und dort lagen Kähne am Ufer, aber ein regelrechtes Schiff war nicht zu entdecken. Darüber unterhielten sich die drei Reisenden, während sie über die leicht gewölbte Steinbogenbrücke rumpelten. Der Kus sei wohl schiffbar, meinte die Rätin, aber aufs Segeln gegen den Wind oder ohne Wind verstehe sich nicht jeder, und Treideln sei verdammt mühsam. Sie meinte die Rückführung des Schiffes flußaufwärts, also gegen die Strömung, durch an Seilen ziehende Uferläufer, ob Mensch oder Pferd. Außerdem stelle die Brücke auch noch ein echtes Hindernis dar. Vor einiger Zeit hätten einmal Leute aus dem westlichen Landesteil Holz, das in den dortigen Jamboten geschlagen worden war, auf dem Kus Richtung Küste geflößt und die Baumstämme unterwegs häppchenweise, für Bauholz, an verschiedene Dörfer geliefert. Das sei, wie man ihr erzählt habe, sinnvoll und lustig gewesen. „Die Leute hatten eine zweispännige Kutsche auf ihrem Floß mitgeführt, und kurz vor der Küste, bevor die Kutsche, mangels Baumstämmen, untergegangen wäre, bugsierten sie sie an Land und fuhren stolz wie Zaunkönige in die westlichen Jamboten zurück.“

Sean lachte und stellte sich eine köstliche Skizze von der Unternehmung vor. Dann sagte er zur Rätin: „Ein Schiff mit Dampfmaschine kommt nicht in Frage ..?“

„Richtig“, nickte die Rätin lächelnd. „Kommt nicht in Frage.“

„Da fällt mir doch glatt eine bedauernswerte Berufs- und Blattkollegin ein“, sagte Norbert. „Margaret Fuller hieß sie. Haben Sie einmal von ihr gehört, Frau Peptan?“

Das verneinte sie.

„Fuller hatte 1846 als Korrespondentin der Tribune trotz ihrer Angst vor dem Wasserweg eine Europareise angetreten. Es ging auch alles gut; in Italien lachte sie sich sogar einen Mann an. Aber als sie im Sommer 1850 im Verein mit dem Mann und einem Kleinkind zurückfuhr, lief das Segelschiff, das sie genommen hatten, nur wenige Steinwürfe vor Fire Island, also unweit von New York City, bei einem heftigen Sturm auf eine Sandbank und schlug leck. Der Sturm zertrümmerte das Wrack, als sei es ein Vogelfutterhäuschen. Das war das Ende der jungen Familie und noch anderer Passagiere. Fuller war 40 gewesen. Wie gesagt, das Schiff war ein Segler. Aber hören Sie, ich habe erst neulich darüber geschrieben: Wenige Wochen früher, am 4. Februar jenes Jahres 1850, um 8 Uhr 20, wenn ich mich richtig erinnere, war in der Maschinenfabrik A. B. Taylor & Co., New York City, ein 200-PS-Dampfkessel explodiert. Die lokalen Zeitungen überboten sich mit Extrablättern. Am Ende waren 63 Tote und rund 70 Verletzte zu beklagen.“

Die Rätin nickte bedächtig, soweit das bei dem Gerumpel zu bewerkstelligen war. „Wollte man allen Katastrophen-opfern, die sich die fortschrittliche Menschheit allein an einem Tage leistet, einen Pflasterstein setzen, reichte der Weg, den wir bislang von Burgas aus zurückgelegt haben, wahrscheinlich kaum aus. Aber man setzt sie nicht, die Steine; man reiht sie wohlweislich nicht aneinander; man zieht alles schön in die Länge und vertuscht die Grausamkeit der Zivilisation nach besten Kräften.“

Von stattlichen Kastanienbäumen flankiert, nahmen sie die leichte Steigung zum Marktplatz in Angriff. Es war wie in Seth und anderen Dörfern: sie wurden viel gegrüßt und sahen nicht ein Ladengeschäft oder Wirtshaus. Entsprechend waren nirgends Reklameschilder zu erblicken. Selbst auf Schilder oder Spruchbänder mit revolutionären Anordnungen, Mahnungen, Durchhalte-parolen hatte man verzichtet. Das einzige, was einer als Appell zu gemeinnützigen Taten hätte verstehen können, waren die Pferdeäpfel-Eimer nebst Kehrblechen und Handfegern, die überall hingen oder standen. Auch an den Fuhrwerken schaukelten sie. Die Pferdeäpfel waren allen Gärtnern und Gärtnerinnen der Republik ein willkom-mener Dünger, nach dem man sich in Dublin oder Zürich mittlerweilen die Hacken ablief.

Sie waren bereits von etlichen berittenen Postkurieren überholt worden. Am Marktplatz bot sich ihnen fast das Bild einer eben mobilisierten Kavallerie. Vorm Postamt und der benachbarten Druckerei tänzelten rund ein Dutzend mit dem Schweif schlagende rassige Pferde aller Farben, deren Satteltaschen gerade mit Zeitungspäckchen und Briefen vollgestopft wurden. Man konnte die Pferdeäpfel gar nicht so schnell zusammenfegen, wie sie fielen. Sean war so begeistert, daß er vom Bock sprang, seinen Zeichenblock aus dem Planwagen hervorholte und am sprudelnden Marktbrunnen Stellung bezog, um eine Skizze von dem bunten Treiben aufs Papier zu werfen. Danach fertigte er noch am Nachmittag eine Kreidezeich-nung an. Einen Stich davon, wenn auch keinen farbigen, würde Fila Peptan in einigen Wochen unter den Illustrationen zu Norbert Angerschmieds erstem Bericht aus der Mollowina in einer Wochenendausgabe der New York Daily Tribune entdecken.

Norbert ließ sich unterdessen von der Rätin in Einzel-heiten des Kurierdienstes und der Zeitungsherstellung einweihen, wobei sie ihre Köpfe auch ins Postamt und die Druckerei steckten. Übrigens waren die Kuriere, männliche wie weibliche, nicht uniformiert. Sie trugen lediglich leuchtend gelbe Stirn-, Mützen- oder Hutbänder, das allgemeine Erkennungszeichen für Republikaner-Innen, die als Boten unterwegs waren. In der Regel waren diese Bänder geschwänzt, das heißt, sie flatterten mit den Pferdeschweifen um die Wette im Fahrtwind. Erfreulicherweise war die Mollowina klein. In eiligen Fällen war jedes Dorf von Kusmu aus in längstens einem halben Tagesritt erreichbar, oder umgekehrt. Ein regelmäßiger Zustell- und Abholdienst für diverse Nachrichten war natürlich vor allem wichtig für die Auslieferung des wöchentlichen Kuriers und die übrige Verständigung zwischen Dörfern und Republikrat. Nach dem Muster einer zwölfstrahligen gelben Blüte bedienten die Boten am Posttag Rundkurse von etwa 25 Kilometer, die alle 50 Dörfer erfaßten. Ein Pferdewechsel erübrigte sich dadurch. Am Erscheinungstag des Kuriers waren die Satteltaschen oder aufgeschnallten Tornister verständlicherweise prall gefüllt, owohl sich die Auslieferung auf je drei Exemplare des eher dünnen Wochenblatts für jede GO beschränkte, somit nur auf rund 30 Exemplare pro Dorf. An jedem Dorfplatz hing ein wetterfester zweifarbiger Doppelkasten mit schräg abfallendem Klappdeckel, der die Ab- und Zugänge enthielt. Der Bote oder die Botin nahmen also die „frische“ Post gleich mit nach Kusmu zurück, wo sie dann sortiert wurde. Beim Abritt stellten sie einen am Briefkasten befestigten „Winker“ aus, der auch dem letzten Dörfler signalisierte: das Postpferd war da. Regnete es, entrollten die Kuriere ihre aufgeschnallten langen Ponchos, die ihnen dann bis auf die Steigbügel hingen. Säcke mit Hafer, Maschinenteile, persönliche Geschenke und dergleichen Sperriges wurde nicht auf dem Postweg, vielmehr gesondert befördert, mit Pferdewagen von Fall zu Fall. Man nutzte dafür selbstverständlich auch die häufigen Konferenzen oder Besuche aus. Für Auslandspost bestand die Verbindung nach Burgas. Von dort kam auch die abonnierte New York Daily Tribune, wenn auch nur wöchentlich im Sammelpaket, und natürlich nochmals um ein oder zwei Wochen verspätet, weil die Pakte schließlich erst den Atlantik, die Prellböcke der Eisenbahn und die Schlamperei betrunkener Staatsbediensteter zu überwinden hatten.

In der Druckerei waren nur noch zwei Leute anwesend. Ein hagerer Mann um 50 räumte auf und fegte; eine junge, ölverschmierte Mechanikerin putzte die Pressen. Sie hatte den jüngsten Maschinenschaden behoben, erfuhren sie von der Rätin. Die Druckerei verfügte über zwei halbwegs moderne eiserne Handpressen, die sich aufgrund eines ausgeklügelten Hebelsystems vergleichsweise mühelos und hurtig bedienen ließen. Man konnte maximal Bögen vom Format DIN A 2 bedrucken. Der Kurier bestand in der Regel aus zwei oder drei in der Mitte gefalzter und dann ineinandergeschobener A-2-Bögen. Die rund 1.600 Exemplare einer Auflage konnten, von mindestens sieben Werkleuten, in wenigen Stunden gedruckt werden, vom Satz einmal abgesehen. Norbert fand das revolutionäre Wochenblatt erstaunlich sauber und ansprechend gesetzt und gedruckt. Es wirkte fast gediegen. Norbert sagte es der Rätin, aber der Hagere mit dem Besen hatte es auch gehört, lächelte und verneigte sich leicht. Er war der erfahrenste Setzer der Druckerei. Norbert erkundigte sich:

„Drucken Sie hier auch Bücher?“

Petru Moisescu, offensichtlich des Englischen mächtig, nickte. „In geringem Maße schon. Im zurückliegenden Winter stellten wir erstmals ein Buch von Mihail Bak her, Ausgewählte Schriften I. Kennen Sie es?“

Norbert schüttelte den Kopf.

„Dann wird es ja Zeit“, sagte der hagere Schriftsetzer und verschwand in einem Nebenraum. Zurückgekehrt, schob er Norbert, der die Hände in seinen Hosentaschen versenkt hatte, einen schmalen, in hellgrünes Leinen eingebun-denen Band unter den Arm. „Für Sie und Ihre Freunde. Dürfen Sie ausführen!“

Norbert dankte ihm überschwenglich. Inzwischen hatte sich auch Sean zu ihnen gesellt. Moisescu ergänzte mit einem Nicken durchs Fenster, wo das aus einstmals sehr hellem Kalkstein erbaute Rathaus zu sehen war:

„Drüben, in der Bücherei, haben war ein sehr schönes ausländisches Buch, erst jüngst gesetzt aus der Walbaum Roman, ein Werk aus den Staaten, das Sie vermutlich kennen: Walden von Henry D. Thoreau. Das nehme ich jedesmal zur Hand, wenn ich drüben bin.“

Die Rätin lächelte fast gerührt, aber auch ein wenig gequält. Sie hatte eine Mahnung der Rathausuhr eingefangen, derzufolge es 20 vor eins war. Das konnte der Setzer mit fast traumwandlerischer Sicherheit nachvollziehen. Er sagte:

„Ja, richtig, es gibt gleich Mittagessen. Kommen Sie doch alle drei mit in meine GO, mit eurem flotten Planwagen sind das keine fünf Minuten.“

Aber die Rätin lehnte, für ihren Teil, dankend ab. Es dränge sie in ihre eigene GO, zu ihrem Töchterchen. Dort werde sie für heute auch bleiben. Vielleicht könne man sie an ihrer GO absetzen. Die Gäste könnten ja am Nachmittag jederzeit ins Rathaus gehen, wo sich schon irgendjemand um sie kümmern werde. Abends könnten sie den Planwagen von Petrus GO zu ihrer GO kutschieren und dort übernachten. Man könne dann auch gemeinsam weitere Pläne schmieden.

Alle nickten und gingen hinaus zu den beiden nach wie vor eingeschirrten Braunen. Sean hatte sie inzwischen mit Hilfe eines Ledereimers und des Marktbrunnens getränkt. Jetzt fegte er erst einmal ihren Dung auf. Ihren Urin mußte er allerdings den Spalten des buckligen Marktpflasters überlassen. Dann hüpfte er im Verein mit dem Setzer von hinten auf den Wagen, und die Braunen zogen an.

Die Pflastersteine selber wurden mittwochs nach dem Abritt der Postkuriere mit etlichen Eimern Wasser übergossen und geschrubbt. Das hatte heute bereits die Mechanikerin gemacht. Für das Abwasser des leicht abschüssigen Platzes verlief längs der Häuser eine Rinne, die es bis zu einer nahegelegenen Pflanzenklärgrube einer GO beförderte.

Fortsetzung in Teil II
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