Freitag, 5. Oktober 2018
GipfelstürmerInnen
Geschrieben 2015


Samuel Brawand. Am 20. August 1902 auf dem Gipfel des Wetterhorns (rund 3.700 m) von einem Gewitter über-rascht, beendete ein Blitz das Leben des schweizer Berg-bauern und Bergführers. Er war erst 34. Sein vierjähriger Sohn war erfreulicherweise noch nicht dabei. Dafür kamen, neben Brawand, dessen Berufskollege Fritz Bohren (31) und beider Schützlinge Robert (31) und Henry Fearon (29) aus Irland um.* Der schreckliche Vorfall trug allerdings nicht zur Erleuchtung von Brawand jun. bei, der ebenfalls Samuel hieß. Junior wurde zunächst Bergführer wie Papa und heftete sich einige alpenländische „Erstbe-steigungen“ an den Filzhut. Dann stieg er, als Sozialdemo-krat, zum National- und Regierungsrat auf. Er starb erst 2001 mit 103 in Grindelwald.

Damit möchte ich eingeräumt haben: nicht jeder Berg-steiger stirbt zu früh. Er nimmt ein solches Schicksal jedoch in Kauf – damit auch die Lasten, die er seinen sogenannten Lieben sowie dem Gesundheits- und Rettungswesen diverser Länder aufbürdet. 2011 sind beim „Bergsport“ allgemein allein in den schweizer Alpen (einschließlich Jura) 151 Menschen zu Tode gekommen. Insgesamt gerieten dort im betreffenden Jahr 2.644 Menschen in „Bergnot“ und setzten solcherart die Rettungsmaschinerie in Gang.**

Die moderne Frau hält mit. 1954 stellte die französische Modezeichnerin Claude Kogan (1919–59) am Cho Oyu (im Himalaya) mit 7.600 Metern einen Höhenweltrekord für Frauen auf. Fünf Jahre später, wohl mit 40, kam sie im selben Gebirge unter eine riesige Lawine, die außerdem eine belgische Kameradin und zwei einheimische Begleiter erstickte. Ihr Gatte Georges Kogan, ein belgischer Bergnarr, war bereits 1951 hopsgegangen, offenbar gleichfalls „im Dienst“, in Südamerika. Das hatte sie aber nicht beirren können. Prompt wurde in der Großstadt Villeurbanne (bei Lyon) eine Grundschule nach der emanzipierten Dame benannt, die Ecole Claude Kogan. Früh übt sich, was ein Meister werden will – beispielsweise so einer wie der bekannte südtiroler Gipfelguru Reinhold Messner, der 2010 das Werk On Top. Frauen ganz oben auf den Buchmarkt warf.

Feinde des „Bergsports“ hört man sich immer mal wieder fragen: Warum machen die das? Die Antwort gab der Politiker, Bankier und Alpinist Ruedi Schatz (1925–79) aus St. Gallen am Beispiel seines Landsmanns Seth Abder-halden (1926–60), der mit 34 in der Nordflanke des Säntis (Ostschweiz) in einer „Schneebrettlawine“ umkam: „Er lebte für die Berge.“ Wahrscheinlich wachsen sie dadurch besser.

Ruedi Schatz selber schaffte 20 Jahre mehr. Dann „be-zwang“ ihn die Urnäsch. Das ist ein appenzeller Flüßchen, das just am Fuße des Säntis entspringt. Im „Wildwasser“ der Urnäsch kam der 54jährige Schatz beim Kanufahren um. Es ist schon fast zum Lachen. Man wundert sich nicht, wenn auch der rheinische (Kölner) Künstler und Höhen-rauschler A. F. Gruenwald, der sich Johannes Theodor Baargeld (1892–1927) genannt hatte, sein Leben, mit 34, in der Bergen ließ. Er verunglückte bergsteigend am Mont Blanc. Im Hauptberuf, als Künstler, war Baargeld „Dadaist“ gewesen.

LeserInnen, die es gern philosophisch-poetisch haben, aber messnersche Vollbärte hassen, werden wahrschein-lich schon bei Leo Maduschka (1908–32) fündig, der 1932 mit seiner Zeitschriftenserie Bergsteigen als romantische Lebensform aufhorchen ließ. Just im selben Jahr, Anfang September, rückte der 24jährige bayerische Bergsteiger, Nietzsche-Anhänger, Einsamkeits-Apostel und Schrift-steller der Civetta Nordwestwand der Dolomiten auf den Leib – wo er aufgrund eines Wettersturzes, in einen Felsspalt verkeilt, über Nacht erfror.

* Fritz Balmer, Jungfrau Zeitung (Thun), 19. August 2002
** klettern.de 13. März 2012

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