Mittwoch, 3. Oktober 2018
Folgen eines Skiunfalls
Geschrieben 2017


Nach dem „tragischen“ Unfall ihres Gatten wird die 39jährige Mecklenburgerin Heike Zuberdorf mit Beileids-bekundungen und Tröstungen überhäuft. Sie hatte mit ihm und den Kindern, auf seinen Wunsch hin, in einem „Skiparadies“ der Alpen Urlaub gemacht. Bei einer Abfahrt an steilem Hang war seine Bahn ausgerechnet von einem Berliner Bundesminister gekreuzt worden, der ihn so über den Haufen fuhr. Der Minister lag jetzt mit ernsten Schädelverletzungen im Krankenhaus, während Ralf noch im Rettungshubschrauber gestorben war. Ein Teil der Kommentatoren nahm den Minister, der eindeutig fahrlässig gehandelt hatte, mit dem Argument in Schutz, er habe wenigstens einen Helm getragen, Ralf Zuberdorf dagegen nicht. Ja, das war Heike im ersten Augenblick auch seltsam vorgekommen. Aber sie kannte ihn. Wahrscheinlich war die Verlockung zu groß gewesen, seine langen, blonden Locken im Fahrtwind wehen zu lassen und dadurch die Herzen weiblicher Skihaserl aufzuwühlen. Er hatte auch in der Belegschaft des Kreiskrankenhauses, wo er als leitender Anästhesiearzt beschäftigt war, hier Begehrlichkeit, dort Neid erweckt. Nun war er hin.

Dem Pech mit dem Helm stand der glückliche Zufall gegenüber, daß es Ralf an diesem Vorfrühlingstag des Jahres 2009 nicht gelungen war, sowohl Heike, vor allem aber die beiden gemeinsamen Kinder mit auf den Berg zu zerren. Ein Söhnchen ihrer sehr netten Pensionswirtin hatte Geburtstag gehabt und Heike damit einen willkom-menen Vorwand geboten, sich zu verweigern. Von der schon länger währenden allgemeinen Entfremdung zwischen den Gatten einmal abgesehen, haßte sie gerade das supersportliche Mitläufertum Ralfs. Dabei hatten sie beide noch die DDR erlebt, wenn auch die erklärtermaßen „leistungsorientierte“ und dabei krampfhaft motorisierte. Selbstverständlich mußten sie nun im nagelneuen, allradgetriebenen Monsterauto VW-Touareg in die Alpen aufbrechen – es wäre kaum verblüffend gewesen, wenn die ganze Familie schon auf der Autobahn hopsgegangen wäre. Und was den sündhaft kostspieligen Kult um Skiausrü-stungen und Tiefschneeschwängerungen anging, hatte er Heike bereits vor der Abreise mit Ekel erfüllt. Ralfs aktive Rolle in der Ex-PDS hatte ihn nicht daran gehindert, diesen Kult zu billigen, ganz im Gegenteil. Diese „Linken“ standen auf Volkswagen. Kurz, sie ließ es sich zwar wohlweislich nicht anmerken, war aber im Grunde heilfroh, daß dies alles ein unverhofftes jähes Ende gefunden hatte, Ralf eingeschlossen. Nicht auszudenken, wenn er, wie der Minister, überlebt hätte und nun in einer Klinik im Koma läge, wo sie alle zwei Tage zu erscheinen und tiefste Trauer zu heucheln hätte! Und das vielleicht noch auf Jahre hin. Furchtbar.

Der Minister war übrigens bald wieder auf die Beine gekommen, gleichwohl geflissentlich zurückgetreten. Ein alpenländischer Staatsanwalt sah sich sogar gezwungen, gegen den Minister zu ermitteln und ihn schließlich der Fahrlässigen Tötung anzuklagen. Doch mit rund 33.000 Euro Strafe und 5.000 Euro „Schmerzensgeld“ an die Witwe kommt der Politiker ziemlich glimpflich davon. Immerhin bietet er der Witwe und ihren Kindern, auf seinen „guten Ruf“ bedacht, sofort eine „weitaus höhere“ Entschädigung an. Darüber wird geheim verhandelt. Unterdessen überlegt sich Heike, ob sie dieses „Blutgeld“ überhaupt annehmen darf – eben wegen der schon eingangs geschilderten Sachlage. Sie überwindet ihre Skrupel zum einen der Kinder wegen, zum anderen der ihr selber gebotenen Chance zuliebe, endlich ein anderes, ja überhaupt zum ersten Male ein eigenes Leben zu führen. Immerhin stehen ihr nach gut einem Jahr, Ralfs Lebensversicherung eingeschlossen, auf einen Schlag rund 100.000 Euro zur Verfügung. Darüber, wie so ein eigenes Leben nun aussehen könnte, zerbricht sie sich allerdings nicht weniger den Kopf.

Der Minister hatte es sich einfach gemacht. Kaum zurückgetreten, hatte ihn ein Autokonzern als Manager „übernommen“. Heike war Kinderärztin, hatte diesen Beruf freilich nicht lange ausgeübt, weil Ralf darauf gedrungen hatte, sie als Hüterin des Hauses und der beiden Kinder hinter dem schmiedeeisernen Gartenzaun zu wissen. Dieses Haus verkauft sie nun. Damit hat sich ihr Vermögen glatt verdoppelt: 200.000 Euro. Sie war von Anfang an entschlossen, Mecklenburg zu verlassen, und zwei Jahre nach dem Skiunfall nimmt sie den Vorschlag ihrer Schwester Annett an, sich in deren Haus einzukaufen. Es liegt in der thüringischen Kleinstadt Truhn unweit des Marktplatzes auf einer Böschung, die sich nach hinten, zum Friedhof hin, in langgestreckten Gärten fortsetzt. Heike erwägt einerseits, sich in dem Städtchen als Kinderärztin niederzulassen, denn der Bedarf ist da. Andererseits hat sie neuerdings einen ungeheueren Bildungshunger und schmökert sich durch den Vormittag, sobald die Kinder in der Schule sind. Dabei kommt ihr Annetts Posten als Leiterin der Stadtbücherei entgegen. Eine eigene ärztliche Praxis würde sie erfahrungsgemäß auffressen. Sie überlegt noch hin und her, als sie schon wieder einen Mann trifft, der ihr Leben verändern wird, hoffentlich zum Besseren.

Heike hatte sich bewußt nicht eigens nach neuen Geliebten umgeschaut; sie hatte eher die Nase voll von Männern. Dabei war sie eine durchaus anziehende, auch eindrucks-volle Person. Mit 1,74 nicht gerade klein, an Busen und Hintern wohlgerundet, hatte sie ursprünglich sogar ähnlich prächtige Locken wie Ralf aufgewiesen, nur diesmal kastanienbraun. Sie hatte die Pracht bereits zu seiner Beerdigung radikal stutzen lassen. Die Schwieger-eltern dachten: aus Gram.

Drei Jahre später wurde sie in der Truhner Stadtbücherei nicht durch Locken, sondern zunächst durch den bebil-derten Vortrag eines etwas geschwätzigen, kinnbärtigen einheimischen Oberstudienrates aufgewühlt, der sich offensichtlich selber gerne reden hörte. Aber seine Botschaft war immer noch niederschmetternd. Der Mann hatte Indien und Pakistan bereist und zeigte oder schilderte Bilder unglaublichen Elends und unglaublicher Gegensätze. Er, vielleicht auch Annett, hatten einen ungefähr Rembrandt-großen Computerbildschirm aufge-stellt, darauf rief er seine Fotos auf. Als Lehrer verstand er es natürlich, sie mit Anekdoten und sogenannten Hintergrundinformationen zu würzen. Die 30 oder 40 Leute im Saal hatten sich unter seiner Führung in 10- bis 2o-Millionen-Molochen wie Lahore und Karachi unzähliger schmutz- und beulenstarrender bettelnder Hände zu erwehren; sie mußten über Heroinabhängige und Obdachlose steigen, die buchstäblich wie die Ölsardinen auf den Bürgersteigen lagen; sie hätten den stinkenden, zähen Smog in den Straßenschluchten locker mit den Schwertern des vorbritischen Adels teilen können; sie wurden in preiswerte „Restaurants“ gezwungen, deren Inhaber sich nur deshalb notdürftig über Wasser halten konnten, weil sie ihre vergleichsweise billigen Speisen mit „Second-Hand-Öl“ zubereiteten oder servierten, das schon einmal in den teuren Restaurants benutzt worden war. Diese Lokale und die Geschäftspaläste zeigte der Mann natürlich ebenfalls. Er berichtete von einer Korruption in der Elite und deren Bürokratie, gegen die Städte wie Schwerin, ja selbst Düsseldorf Horte der Sittsamkeit waren. Wie sich versteht, ließen sich die Alt- und Neureichen ihre gesunden Tafelwässerchen aus Übersee kommen. In Pakistan stürben jedes Jahr mehr als 200.000 Kinder allein durch verseuchtes Trinkwasser, flocht der Vortragsredner einmal beiläufig ein, und dieser Satz brannte sich unter Heikes nun kurzgelockter Ponyfrisur mit glühendem Eisen ein.

Wie ihr Jonathan später erzählte, saß der Oberstudienrat auch im Truhner Stadtrat – und zwar, wie ihr Ex-Gatte, für die Ex-PDS. Jonathan Blüth war das andere aufwühlende Ereignis des Abends. Heike hatte sich nach Vortragsende in ihrer Erschütterung an den immerhin bartlosen Kahlkopf gewandt, weil er zufällig neben ihr saß und weder nach Gregor Gysi noch nach Springerstiefeln roch. Er war geringfügig kleiner als sie, nicht dick und hatte sie gelegentlich aus recht verschmitzten Augen traurig angesehen. Sie schätzte ihn auf gut 50. Wie sie bald erfuhr, war er von Hause aus Tischler und hatte zuletzt in einer örtlichen anarchistischen Kommune gelebt. Als beider-seitiger Ärger aneinander zunahm, nutzte Jonathan die Möglichkeit, mit 60 in „Frührente“ zu gehen, auch gleich dazu, die Kommune zu verlassen und wieder allein zu wohnen. In Wahrheit war er nämlich Jahrgang 1950 und damit rund 20 Jahre älter als Heike. Aber davon merkte sie in seinem Bett wenig. Er wurde ihr neuer Geliebter.

Wie sie sich nach einiger Zeit nicht scheute, auch Annett oder anderen Bekannten gegenüber festzustellen, wurde er zugleich ihr Lehrer. Nicht etwa in Liebeskünsten, das hatte sie nicht nötig. Nein, es stellte sich heraus, Jonathan Blüth war sowohl gut belesen wie im Selberschreiben beschla-gen, und obwohl er nahezu jede herkömmliche Lehr- oder Volksmeinung unerschrocken und oft verblüffend, sofern nicht verärgernd, gegen den Strich zu bürsten pflegte, ließ sich Heike Schritt für Schritt von den meisten seiner Auffassungen überzeugen und nahm schließlich seine Warte, im großen und ganzen betrachtet, selber ein. Das vollzog sich selbstverständlich nicht in Wochen, vielmehr in einigen Jahren, und es brachte manche Gefechte und manche Ernüchterungen für Heike mit sich. So löste einmal ein Tadel Heikes an die Adresse ihrer halbwüch-sigen Töchter eine ausgiebige Erörterung über Pädagogik und letztlich über soziale Strukturen überhaupt aus. „Aber ich muß sie doch irgendwie erziehen!“ schimpfte Heike jammernd. Prompt entgegnete Jonathan: „Erziehung ist neuzeitlicher Mist“, und im Laufe der mit einiger Lektüre verbundenen Erörterung stellte sich heraus, daß auch die Familie Mist war, leider sogar ein viel älterer. Diese Erörterung beschwor tausend unerfreuliche Bilder aus Heikes Kindheit und natürlich auch aus ihrer Zeit mit Dr. Ralf Zuberdorf herauf, und am Ende sagte sie entsetzt: „Jonathan, ich komme aus der Hölle!“

Jonathan seinerseits war viel zu gefestigt, um sich noch nennenswert ändern zu lassen. Das erwartete Heike auch gar nicht. Für ihn war die Welt eine völlig mißlungene, leidvolle und offensichtlich unheilbare Erfindung von weiß der Teufel wem. Wenn er noch immer darin ausharre, dann nur deshalb, weil er leider nicht wisse, ob es nach dem „Ausstieg“ nicht noch schlimmer komme – „und neuerdings natürlich wegen dir!“ beeilte er sich mit schmachtendem Blick hinzuzufügen. Es war die Wahrheit. Ihre mit Wissensdurst, Gerechtigkeitsliebe, Mut und Herzenswärme gepaarte Sinnlichkeit machte ihn in der Tat um Jahre jünger und stimmte ihn auch wieder zuversicht-licher. Nebenbei konnte er bald ziemlich sicher sein, mit Heike endlich eine geeignete Nachlaßverwalterin gefunden zu haben, die sich zumindest darum bemühen würde, nach seinem Ableben die Webseite zu betreuen, die er seit Jahren betrieb. Auf ihr stand sein gesamtes literarisches Werk, es war nicht wenig. Von spärlichen Veröffentli-chungen in Periodika abgesehen, hatte er nie einen Verlag für seine Schriften erwärmen können. Er nahm an, sie fanden sie viel zu respektlos oder abseitig, obwohl sie durchaus gediegen, ja sogar „brillant“ geschrieben waren, wie einige KennerInnen des Faches meinten. Aber diese Leute waren kaum weniger einflußlos als er selber. Auch seine Webseite wurde, soweit er sah, woanders so gut wie nie erwähnt.

Als Heike Einblick in Jonathans materielle Lebensführung erhielt, gereichte es ihr aufgrund ihrer bürgerlichen Vergangenheit und ihres Erbes teils zur Scham, teils zur Wut. Zwar wohnte er mietfrei. Ein Gönner der Kommune hatte Jonathan auf seinem jenseits des Marktes gelegenen Anwesen ein eher schäbiges, schmales Hinterhofhäuschen überlassen. Jonathan hatte den Oberstock wohnlich hergerichtet und nutzte das Erdgeschoß als Werkstatt und Brennholzlager. Er zahlte dem Gönner lediglich eine Pauschale für Strom- und Wasserverbrauch. „Ich stelle dir gerne Quittungen aus“, hatte der Gönner gesagt, „fürs Sozialamt. Auch deine Heizkosten könntest du doch eigentlich geltend machen, wenn du denen schon die Miete ersparst.“ Das hatte Jonathan dankend abgelehnt. Er haßte Bürokratie, und es war schon viel, wenn er sich vom Sozialamt die Krankenversicherung erstatten und seine Rente aufstocken ließ, die sich wegen mancher „Ausfall-zeiten“ auf lächerliche 230 Euro belief. Sie legten 170 drauf, womit er auf den von ihnen errechneten monat-lichen „Regelbedarf“ von rund 400 Euro kam. Davon lebte er. Heike gegenüber hatte er außerdem argumentiert: „Warum soll ich den Staat mehr schädigen, wenn es unnötig ist? Diese zusätzlichen Anzapfungen steckt er sowieso locker weg, weil er sie dem Kleinen Mann auf der anderen Seite prompt wieder aus der Tasche zieht, denn eine Belastung der von ihm gemästeten Elite kommt selbstverständlich nicht in die Tüte.“ So schlug Jonathan unter dankbarer Billigung seines Gönners Stück um Stück eine eingefallene Scheune ab, die am selben Hof lag. Dadurch gewann er Balken, Latten und Bretter, die er vor oder in seiner Werkstatt in Brennholz verwandelte. Er sägte ausschließlich von Hand, abwechselnd links und rechts. Das nervte niemanden und hielt ihn selber fit – argumentierte er Heike gegenüber. Sie kicherte und warf sich gleich an ihn.

Heikes Töchter, inzwischen auf eigenen Wunsch Gymnasiastinnen und zunehmend „auf Achse“, gerieten über viele Monate hinweg in eine gewisse Verlegenheit, sobald sich Freundinnen oder Freunde erkundigten, was eigentlich ihre Mutter so treibe oder demnächst vorhabe. Vom Arztberuf hatte Heike Abstand genommen. Sie spürte, sie würde sich irgendwie öffentlich und anklä-gerisch betätigen müssen, doch was die Ausführung dieses Planes anging, stolperte sie von Idee zu Idee. Sie verwarf eine jede, weil ja auch in dieser Hinsicht, durch ihre Lektüre und ihre Gespräche mit Jonathan befördert, leider immer mehr ausschied. Ob man nun ein libertäres Kinderheim, eine sogenannte Freie Schule oder einen Buchverlag gründete, eine parteipolitische Laufbahn in Angriff nahm oder das genossenschaftliche Rösten „fair“ eingekaufter Kaffeebohnen unterstützte – es war und blieb, wie sie befanden, mindestens vergeblicher, meistens freilich eher schädlicher reformistischer Käse. Denn an dem Goldenen Kalb des Privateigentums, des Marktes und des Staates rüttelten diese Maßnahmen nicht; sie fütterten es eher noch.

Der erlösende Gedanke stellte sich im dritten Jahr ihrer Liebschaft an einem Sommerabend ein. Diese Erlösung würde sich letztlich sowohl für das Paar wie für Heikes Töchter recht makaber gestalten, aber das vorauszusehen, wäre wohl zuviel verlangt gewesen. Richtung Schloßberg schlendernd, streiften sie einen stadtbekannten schlichten, quadratisch in Sandstein gefaßten Brunnen, der selbst im Winter sprudelte, weil er von Quellbächen aus den nahen bewaldeten Hügeln gespeist wurde. Ein kleines Mädchen hatte sich gerade von seiner Mutter losgemacht und schickte sich mit verdrehtem Köpfchen an, den köstlichen Brunnenstrahl in seinen Hals laufen zu lassen. Doch die Mutter, wohl eine Auswärtige, erspähte noch rechtzeitig das Schild Kein Trinkwasser, das in den Beckenrand eingelassen war. So schimpfte sie, riß ihr Töchterchen zurück und riet ihm für die Zukunft dringend von solchen leichtfertigen Alleingängen ab. Heike blieb entsetzt stehen. Während das Mädchen sichtlich einschrumpfte, vor Schreck und Scham, mischte sich Jonathan ein, indem er auf das Schild tippte und der Mutter versicherte, das brauche sie nicht zu ernst zu nehmen. „Das Wasser ist gut, direkt aus den Bergen, das wird Ihnen jeder zweite Einheimische versichern!“ Darauf ging die Frau nur mit einem abfälligen Blick ein, ehe sie sich mit ihrem Töchterchen im Schlepp entfernte.

Heike seufzte schwer, Jonathan strich ihr beruhigend über die Schulter. Sie setzten sich übereck auf den Brunnenrand und ließen ihre Hände durch das kühle Wasser gleiten. „Ja, noch ist es gut“, nickte Heike aufs Wasser, „aber wie lange noch, Jonathan?“ Sie mußte wieder an die Kinder in Pakistan denken und sagte das auch. Jonathan nickte und schwieg. Dann sprach Heike von dem eingeschüchterten durstigen Mädchen, von den vielen tausend Verwun-dungen, die ein jeder aus seiner Kinderstube mit sich schleppe, von den zerfetzten oder selber Granaten wer-fenden Kindern in Somalia oder Syrien, aber sie sprach auch von ihren wohlbehüteten, bald erwachsenen eigenen Töchtern, die offensichtlich nicht so gut geraten waren, wie das Wasser, das neben ihnen aus dem gebogenen Brunnenrohr plätscherte, wobei es noch nicht das größte Übel sei, daß sie ihrer Mutter erst in dieser Woche wieder das brandneuste und superschickste smartphone aus den Rippen geschmachtet, genörgelt und geschnitten hätten ...

Nach einer Weile, in der sie beide schwiegen, erhellte sich Heikes Miene. Sie straffte sich, schlug energisch aufs Wasser und verkündete: „Jonathan, wir müssen endlich Schluß machen!“

Jonathan wischte sich ein paar Brunnenwassertropfen von Stirn- und Kopfhaut, runzelte dieselbe und erkundigte sich: „Du meinst, wir sollten uns trennen? Oder gemein-sam in den Brunnen stürzen ..?“

„Unfug! Wir, das ist die Welt. Die Welt muß endlich damit aufhören, Kinder in die Welt zu setzen. Jeder mitfühlende und verantwortungsbewußte Mensch hat ab sofort darauf zu verzichten, Kinder zu zeugen oder zu gebären, die ja doch nur zu dem Hauptzweck auf die Welt kommen, gequält zu werden und die Qual fortzusetzen, falls sie ihre Kindheit überhaupt überleben. Die ganze Menschheit muß weg. Die Menschheit hat freiwillig abzudanken, weil sie eine Pest für diesen Planeten und noch einige Nachbar-planeten ist. Hast du das nicht selber schon irgendwo so geschrieben? Na also. Die Menschheit hat auszusterben. Die Begründung dafür findet sich unter anderem in deinen Schriften; man müßte sich nur die Mühe machen, sie zu studieren. Aber das können wir natürlich nicht gleich von jedem verlangen, obwohl es auch ein Vergnügen ist, sie zu studieren. Folglich müssen wir zum Auftakt unserer Bewegung und für alle AnfängerInnen ein vergleichsweise kurzes Manifest verfassen. Du wirst dieses Manifest verfassen, mein lieber Jonathan!“

Sie sprachen noch die halbe Nacht über diese Sache. Jonathan lehnte sie nicht rundum ab, meldete aber etliche Bedenken an. So sei ja abzusehen, daß sie sich mit einem derartigen „Programm“ nicht nur den Hohn, sondern auch den Haß sämtlicher vorhandenen ideologischen Lager auf den Hals ziehen würden. Das meiste davon bekäme natürlich Heike als öffentlich auftretende Initiatorin ab. Nicht nur deshalb werde die „Bewegung“, die ihr vorschwebe, vermutlich eine Sekte mehr unter tausend bereits bekannten Sekten bleiben. Weder „die Intelligenz“ noch das sogenannte einfache Volk würde dieses „Programm“ begrüßen, ganz im Gegenteil. Denn nichts sei dem Menschen heiliger als der Mensch, dieses Schwein. Wer an der Mission oder auch nur der Daseinsberechti-gung des Menschen, daneben auch der Zeugungskraft der Männer zweifle, treffe die Leute im Mark. Entsprechend gereizt würden sie reagieren.

Heike war nicht mehr von ihrer Idee abzubringen. Sie war entschlossen, sich in der Rolle als Gründerin, Generalse-kretärin und ersten Vortragsrednerin des BAM in einer neuen Lebensaufgabe zu bewähren. „Na, ganz so neu ist die nun auch wieder nicht“, murmelte Jonathan schon im Halbschlaf. Aber er schrieb das verdammte Manifest.


&

Manifest des Bundes für die Abdankung der Menschheit, kurz des BAM

Der Mensch ist eine Mißgeburt. Er sollte es endlich einsehen und freiwillig von diesem Planeten und allen womöglich schon eroberten Nachbarplaneten abdanken. Die Methode dazu ist so schonend wie einfach: er setzt ab sofort keine Kinder mehr in die Welt. Sowohl die ungebo-renen Kinder wie die Planeten werden aufatmen und es ihm danken und von seinem freiwilligen Aussterben rühmend bis in die fernsten Galaxien künden.

Der sogenannte Fortschritt hat sich als grausamer Hohn erwiesen. Er hat die Menschheit nicht nur nicht beglückt und befriedet, vielmehr ihre Lage von Jahrhundert zu Jahrhundert verschlimmert. Statt die Kette der Kriege durchzutrennen, wurden die Waffen ausgefeilt. Die angebliche Erhöhung der Bequemlichkeit wird mit ungeheuerlichen ökologischen und gesundheitlichen Schäden erkauft. Der Mensch betet Killermaschinen wie Autos, Flugzeuge und Drohnen an und sorgt durch immer neue „Informationstechnologie“ für die Verblödung seiner selbst und vor allem seiner Kinder. Unsere Kleinen sind die größten VerliererInnen des Fortschritts. Wieviele Millionen von ihnen mußten bereits ins Gras beißen, ehe sie laufen oder rechnen konnten? Wer wollte die Wunden zählen, die ihnen sowohl verseuchtes Trinkwasser wie vergiftetes Familienleben schlägt?

Den gleichen Hohn beobachten wir in der sogenannten Emanzipation. Die Verfeinerung der Sitten und des Geschmacks hat zu einer Blüte der Nadelstichtaktiken geführt; hilft aber alles nichts, schlägt man zuguterletzt einander tot wie einst im Neandertal. Die Frauen überbieten sich darin, alle Schandtaten nachzuäffen, die bislang den Männern vorbehalten waren. Der Prozeß der Zivilisierung stellt sich im wesentlichen als Enteignung dar: von den Produktionsmitteln, von der Selbstver-sorgung, von der Unabhängigkeit. Die bürgerliche Freiheit beläuft sich auf das Recht, unnütze Dinge zu kaufen, solange Geld und Kredit reichen. Gutgeschmierte Politi-kerInnen machen die Mästung der Elite und die Verdum-mung des Volkes unter sich aus. Verkünden sie die Ergebnisse, dürfen wir sie im Fersehen bewundern.

Wackere ErlöserInnen des Volkes, denen die Mittel für eine theologische Laufbahn fehlten, haben es immer wieder mit Revolutionen versucht. Wir aber beknieen unsere LeserInnen von der sogenannten linken Seite: laßt endlich euren feigen, schlappschwänzigen Zweckopti-mismus fahren, stopft eure Durchhalteparolen in die Mülltonne, es wird euch zur Ehre gereichen. Schließlich haben sich jene „Umstürze“ ein ums andere Mal als Fehlschläge erwiesen. Mal wechselte das Joch nur die Farbe, mal legten die BefreierInnen noch was drauf. Der Machtinstinkt des Menschen ist stark genug, um ihm nachzugeben, sobald einer oder eine an den Schalthebeln steht. Eigennutz geht über alles, Leichen eingeschlossen. Der Zweck heiligt die Mittel. Die Mühle der privat- oder staatswirtschaftlichen Apparatur zwingt dem Menschen ihre Mahlweisen auf. Wer einmal mitmacht, kommt nie mehr heraus.

Die letzten Hoffnungsschimmer auf Umkehr werden von der unaufhaltsamen Elefantisierung der Welt zertreten. Wesentliche Schübe erfuhr sie durch den Imperialismus und die postmoderne „Globalisierung“, zu der man den Elefanten wohlweislich verniedlicht hat. Die Welt und ihre prägenden Einrichtungen haben einen Grad der Größe, Verflechtung und Unüberschaubarkeit erreicht, der sie zunehmend unwägbar und unbeherrschbar macht. Wie wollte man unsere Mammutkonzerne, Gipfelkonferenzen, Atomkraftwerke, Zig-Millionen-Städte, Spionage- und Morddienste, Bürokratenheere und das ganze materielle und digitale Verkehrswesen wieder rückgängig machen oder auch nur verkleinern? Nur durch Krieg. Und nach dem Krieg kann dann wieder aufgebaut werden, falls noch ein paar eingekellerte Großmütter und Kindersklaven unverstrahlt geblieben sind.

Nein, sagen wir, laßt uns lieber vorher aus freien Stücken einen Schlußpunkt setzen. Verweigern wir unseren Eliten die Soldaten, die Pizzaboten und alle anderen nützlichen Idioten. Zeugen und gebären wir keine Kinder mehr. Erfreulicherweise haben ja unsere Verhütungsmittel die Ausrottung der IndianerInnen und der mitteleuropäischen Hexen überstanden. Somit spricht nichts dagegen, sich weiterhin miteinander zu vergnügen, solange die Welt noch nicht eingeschrumpft ist.

Hier könnten einige Frauen einwenden, sie hätten doch so gerne ein Kind. Dazu sagen wir: Ihr sitzt einer roman-tischen Grille auf, ja mehr noch, einem Elefanten der Mütterlichkeit, des sehnlichen Kinderwunsches und der wahren Liebe, der in antiken Stadtstaaten und neuzeit-lichen Industrienationen aufgeblasen wurde, damit sich die adelige oder bürgerliche Dame nicht zu Tode langwei-len muß. Nun hat sie den Elefanten in ihrem dicken Bauch und streichelt ihn. Später zeigt sie ihm auch die Peitsche oder die erwähnte Nadel. Heute verhätschelt sie ihn, morgen verflucht sie ihn, immer schön im Wechselbad.

Befragt ein paar zufriedene, sogenannte primitive Völker: sie kennen weder das süße Christkind in der Krippen noch den „Stolz“ seines Erzeugers, der sich schon die Hände reibt, weil er den Sprößling nach seinem Bilde formen oder aber brechen wird. Müßt ihr unbedingt Kinder haben, dann adoptiert welche. Noch gibt es genug Waisen auf der Welt, viel zu viele. Erzieht sie aber nicht! Schlagt ihnen nur ein paar bewährte Verhütungsmittel vor.


&

Zu Jonathans Verblüffung schlug Heikes Initiative fast wie eine Bombe ein. Das lag aber wahrscheinlich nur an glück-lichen Zufällen und an Heikes Geschick. Sie hatte Annett, ihrer Schwester, die Email-Adresse eines Redakteurs des noch halbwegs kritischen und parteiunabhängigen Internetportals Dampfbad aus der Nase gezogen. Der Mann war einmal Annetts Liebhaber gewesen. Und siehe da, er war von Heikes Vorstoß begeistert. Allerdings betonte er auch gleich, es werde Ärger geben. Er brachte das Manifest nebst einem Gespräch mit Heike, in dem sie Erläuterungen gab und auch beschrieb, wie sie sich das praktische Wirken des Bundes vorstellte. Daraufhin hagelte es sowohl beim Portal wie in Heikes Computer LeserInnenbriefe. Zustimmung und Ablehnung hielten sich anfangs ungefähr die Waage. Rasch griffen andere Portale oder Blätter die Sache auf, darunter sogar ein vielgelesenes Mainstream-Wochenmagazin, das einen Mordsspaß und eine nicht unbeträchtliche Auflagensteige-rung zu wittern schien. Damit lag es nicht schief. Aber so sehr diese Publizität auch den Bekanntheitsgrad des Bundes steigerte, heizte sie doch auch die Stimmung gegen ihn an. Mit seinem Titel „BAM BAM und BUM BUM / Eine Kinderärztin bläst zum Großen Sterben“ hatte das Wochenmagazin bereits den Ton und die Richtung der öffentlichen Debatte angegeben, die nun für einige Frühherbstwochen durch Medien, Internet oder Säle tobte. Fernsehauftritte hatte Heike übrigens grundsätzlich abgelehnt, und auch die MitstreiterInnen, die sich rasch einstellten, hielten sich daran. Heike reiste per Eisenbahn durch kleine und große deutsche Städte, um Vorträge zu halten, Diskussionen zu leiten und Interviews zu geben. Private Abenteuer versagte sie sich. Sie telefonierte fast täglich mit Jonathan.

Wie schon angedeutet, kam sie bei ihren Veranstaltungen mit der Argumentation, die aus dem Manifest lugte und die in Jonathans Schriften ausgebreitet war, kaum zum Zug. Meistens hatte sie sich mit gehässigen oder törichten Anwürfen auseinanderzusetzen und des chronischen Personalisierungsdrangs der Leute, darunter natürlich auch der Journalisten, zu erwehren. Schon das Wochen-magazin hatte in seiner erwähnten Titelgeschichte mitzuteilen gewußt, das Manifest trage unverkennbar die Handschrift des Truhner Ex-Tischlers und Ex-Kommu-narden Jonathan Blüth. Der gute Mann habe mit seinen ins Internet gestellten Schriften durch Jahre hinweg kaum einen müden Hund hinter dem Ofen hervorgelockt, sehe aber nun, da ihm die fesche junge Generalsekretärin ihre Gunst geschenkt habe, offenbar die Chance, doch noch groß herauszukommen, bevor er das Zeitliche zu segnen habe. So etwas fand Heike infam, sagte dies aber nicht öffentlich. Sie hatte Stärke und Gelassenheit zu bezeigen.

Auf die Reaktion verschiedener Fraktionen des Sozialis-mus und Kommunismus hätte Jonathan bedenkenlos das neue schlichte Tourenfahrrad gewettet, das ihm Heike zum 65. Geburtstag geschenkt hatte. Schließlich kannte er den Verlauf der sogenannten Gebärstreik-Debatte von 1913. Diese Initiative (der Verhütung unerwünschter Geburten) war von einigen linken Berliner Ärzten ergriffen worden, um den üppigen proletarischen Kindersegen zu drosseln, der ja doch nur künftiges Ausbeutungs- und Kanonenfutter darstelle. Das brachte ihnen von den führenden Sozial-demokraten, Frau Clara Zetkin und Frau Rosa Luxemburg eingeschlossen, den Vorwurf ein, sie wollten dem Klassenkampf die Massenbasis entziehen. Kaum anders argumentierten die Nachfolge-Organisationen in ihren Schimpfkanonaden gegen das BAM-Manifest, wobei sie die naheliegende Frage, warum wahre Millionenheere von gar nicht oder „prekär“ Beschäftigten den Kapitalismus nicht schon längst hinweggefegt hätten, elegant umgingen. Die sozialistischen und kommunistischen Kräfte setzten also nach wie vor auf Quantität, womit sie sich als gelehrige SchülerInnen des marktwirtschaftlichen Wertgesetzes erwiesen und nebenbei als ernstzunehmende KoalitionspartnerInnen des Kapitals empfahlen. Einige „anarchistische“ Gruppen oder Aktivisten hielten zwar eher die Qualität hoch – aber in diesem Falle die Qualität jener Kinder, die durch „fragwürdige, von oben angestif-tete Bremsmaßnahmen“ daran gehindert werden sollten, sie außerhalb des Mutterleibes zu entfalten. Denn der Nachwuchs aus dem Proletariat oder aus anarchistischen Zirkeln bringe doch ohne Zweifel für den Widerstand geeignetere Eigenschaften mit als die Brut der korrupten Elite. Hier trafen sie sich wieder mit den Kommunisten. Denn sie fuhren fort: „Wollen Zuberdorf und Blüth am Ende genau diese Brut begünstigen und damit den Planeten kampflos der fröhlich sprießenden Elite über-lassen?“ Damit hätte sich eigentlich die Frage aufgedrängt, wo die Elite denn eine für ihr Gedeihen unerläßliche Massenkundschaft hernähme, wenn die Völker tatsächlich in den Gebärstreik treten sollten? Sie stellten sie lieber nicht. Nur in einer Versammlung in Oldenburg kommen-tierte dazu eine offensichtlich solitäre Anarchistin: „Wahrscheinlich setzt die Elite dann auf zweigleisige Inzucht: jede nicht topgesunde Göre kommt in die Kunden-Kiste ...“

Selbst die angeblich radikalen FreiheitskämpferInnen warfen sich demnach weniger zu Verfechtern des mütter-lichen Selbstbestimmungsrechtes, mehr zu BehüterInnen „des Lebens“ auf. Damit konnten sie unzähligen Demo-kraten, etlichen Bischöfen, einigen neofaschistischen Parteien oder Wehrsportgruppen, der Berliner Bundes-kanzlerin und selbst dem französischen Juristen, Staatstheoretiker und führenden Hexenverfolger Jean Bodin (1530–96) die Hände reichen. Er hatte kein Blatt vor den Mund genommen: „Derjenige also, der die Zeugung oder die Heranreifung der Kinder behindert, muß ebenso als Totschläger angesehen werden wie derjenige, der einem anderen die Gurgel durchschneidet.“*

Es war die übliche niederträchtige Umdeutung. Nicht die Leute, die mörderische Verhältnisse in Schutz nahmen oder beschönigten, die Jahr für Jahr für Millionen an toten, kranken, durchängstigten Kindern sorgten, waren die Schurken – die Schurken waren vielmehr die Leute, die Millionen von ungeborenen Kindern eben das Schicksal solcher Verhältnisse zu ersparen suchten. Das gab natürlich keiner von den Umdeutern zu. Sie wiesen auch den Verdacht weit von sich, ihre vom Manifest hervorge-lockte Aggressivität gelte letztlich dem Sakrileg, den Wert des Menschen als „Krone der Schöpfung“ anzuzweifeln und so herabzusetzen. Sie behalfen sich mit Spitzfindig-keiten und Verleumdungen. Sie warfen dem Bund Miesmacherei, Defätismus, Unrealismus, Populismus, Revoluzzertum und weiß der Teufel was vor. Ging ihnen diese Munition aus, war immer noch Heike Zuberdorf da, die sich aufgrund ihrer merkwürdigen Vergangenheit und ihrer Offenherzigkeit prima durch den Schmutz ziehen ließ.

Nach einer Veranstaltung Ende Oktober, auf der sie (in Passau) mit überreifem Fallobst beworfen worden war, redeten Heikes MitstreiterInnen ihr zu, die nächsten drei Veranstaltungen abzusagen und sich erst einmal zwei Wochen Heimaturlaub zu gönnen. Das sah sie ein. Sie ließ sich zwei Tage von Jonathan trösten und verwöhnen; dann setzte sie sich an ihren Computer, um Berge von Emails durchzusehen und zum Teil zu beantworten. Abends drang der Lampenschein aus ihrem Dachzimmer durch die schütteren Bäume und Gebüsche, die auf der Böschung standen, doch noch passierte nichts.

Für den Freitagabend hatten ihre Töchter sie zu einem Kammerkonzert eingeladen, das im Saal des Gymnasiums stattfand. Sie wollten zu Fuß gehen. Als sie zu dritt in den Schein der Laterne traten, die unweit ihres Vorgartentores an der gekurvten Einbahnstraße stand, sprang 50 Meter weiter links ein Motor an. Während sich das schwere, mit zwei Vermummten besetzte Motorrad den drei Frauen näherte, mischten sich Salven aus einer Maschinenpistole in den Motorenlärm. Dann drehte die Maschine auf und bog stadtauswärts in die Hauptsraße. Am Gartentor blieben die durchsiebten Körper der drei Frauen zurück.

Am nächsten Vormittag konnten die Medien in ihren aktualisierten Meldungen sogar von vier Todesopfern berichten, die die „entsetzliche Bluttat“ in Truhn gefordert habe. Mit Hilfe einer Blausäure-Kapsel, die ihm vor rund zwei Jahren von Dr. Heike Zuberdorf beschafft worden war, hatte sich der 66jährige Jonathan Blüth am frühen Morgen in seinem Hinterhofhäuschen das Leben genommen. Auf der Hofseite seiner Haustür hatte sich ein angepinnter Zettel gefunden: „Liebe Annett! Ich bin bei Heike. J.“

* Heinsohn/Steiger München 1989, S. 93
°
°