Mittwoch, 3. Oktober 2018
Vorübergehendes Hauen und Stechen auf der Schweinsblaseninsel
Geschrieben 2017


Der Name ist ein Notbehelf, was vermutlich auch schon aus ihm hervorleuchtet. In Wahrheit hat diese Insel, auf der nach meiner Einschätzung ein durchaus fesselnder Roman spielen könnte, gar keinen Namen. Sie gilt noch nicht einmal als „Insel“. Dabei ist sie nachweislich von viel Wasser umgeben. Sie mißt ungefähr 7 mal 10 Kilometer. Ihre rund 300 BewohnerInnen, Kinder eingeschlossen, leben in drei auseinander liegenden Küstendörfern. Sie kennen keinen Namen für ihre Insel, weil sie kein anderes Land kennen. Sie kennen auch keine anderen Menschen. Die hügelige, teils bewaldete Insel liegt also irgendwo abgeschieden im Meer. Schiffe oder Flugzeuge kennt man allenfalls aus großer Entfernung – wie Kometen ungefähr.

Der Stand der insularen Technik entspricht in etwa dem europäischen von 1600. Es gibt ein kleines Erzvorkom-men, das zur Eisengewinnung dient (Jagdwaffen, Handwerkszeug, Kessel). Nachrichtentechnik gibt es nicht. Notfalls werden Läufer ausgeschickt, oder aus Freude. Soweit man zurückdenken kann, trat eigentlich noch nie ein wirklicher Notfall ein. Schließlich ist der Begriff der Invasion unbekannt, mangels denkbarer Eindringlinge, und für hausgemachte Umstürze ist man zu faul. In beschränktem Umfang wird Papier hergestellt, weil man (seit einiger Zeit) eine handschriftliche Chronik führt, die wichtige Ereignisse, Entdeckungen oder Erfindungen sowie Beschlüsse vermerkt. Sie liegt in drei Exemplaren auf die Dörfer verteilt vor, wegen Brand- oder Wasser-gefahr. Sie wird beim jährlichen Sommerfest der InsulanerInnen, das auch Vollversammlung ist, öffentlich vervollständigt. Möglicherweise dient sie in den Dörfern gelegentlich zur Unterrichtung der Kinder, aber auf keinen Fall in Schulen. Alle Bände und Exemplare der Chronik sind in Bergziegenleder gebunden. Zu den Delikatessen der Chronik – die zum Beispiel so gut wie nie von Verbrechen berichten kann, weil kaum welche vorkommen– zählt der Eintrag über einen Anschlag. Ein Insulaner hatte ein Exemplar der Chronik wutentbrannt angezündet, weil er sich darin übergangen fühlte. Man wollte ihn zunächst töten, aber dann zeigte er sich reuig und wurde zu einer Abschrift der ganzen Chronik verdonnert, Skizzen und Miniaturen eingeschlossen.

Beim einheimischen Klima könnte man sich an Elba erinnert fühlen, obwohl die „Schweinsblaseninsel“ natürlich nicht im Mittelmeer liegt. Gleichwohl gibt es an ihrem Lageort weder Tropenschwüle noch Hurrikane. Während die Temperaturen im (überwiegend feuchten) Winter selten unter 10 Grad fallen, steigen sie im Sommer (eher trocken) selten über 28 Grad. Trotzdem werden Tom und Mark weitgehend auf den kostenlosen Anblick wippender Frauenbrüste verzichten müssen, sind doch entblößte Oberkörper außerhalb des Badens verpönt. Mit dem unerwarteten Eintreffen dieser beiden Männer dürfte ein beschlagener Autor das Romangeschehen eröffnen. Den Insulanern des Dorfes A., die nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen sind, stehen immerhin die Münder auf, weil ein riesiger, qualmender Vogel herandonnert. Es handelt sich, unter uns gesagt, um ein propellergetriebenes einmotoriges, zweisitziges Leichtflugzeug, das auf einer schmalen Landzunge der Insel notzulanden versucht. Das mißlingt. Die Maschine kracht am Ende der Landzunge vor einen Felsen und geht in Flammen auf. Kurz vorher gelang es allerdings den beiden Insassen, sich irgendwie aus dem Cockpit ins Wasser zu werfen. Es sind die schon erwähnten beiden Männer, die leicht verletzt geborgen werden. Der blondgelockte ältere, um 35, stellt sich als „Tom“ vor. Er war der Pilot. Der dunkelhaarige jüngere, um 25, ist Toms Neffe „Mark“. Er wirkt etwas erschöpfter und verstörter als sein Onkel. Die Sprache der beiden versteht natürlich kein Mensch.

Wie Tom und Mark rasch aufgeht, sind sie bei Leuten gelandet, die sich vorwiegend als Jäger- und Sammler-Innen sowie FaulenzerInnen betätigen. Das letzte bedeutet, sie spielen auch viel, Musik eingeschlossen. Im Dorf C. gibt es zum Beispiel eine erstklassige Band, die neben verschiedenen Trommeln und Flöten zwei Marimbas einsetzt, eine tiefe, die den Baß ersetzt, und eine hohe. Bei diesen Marimbas werden die Töne durch unter den Klanghölzern angebrachte Kalebassen verstärkt. Dafür kennen die InsulanerInnen erstaunlicherweise keine Spielbälle, das ist wichtig. Bei all diesem Treiben herrscht Gleichberechtigung und Gelassenheit. Die Dörfer sind egalitär verfaßt und begreifen sich insgesamt als Einheit. Man besucht sich häufig, wohnt sogar oft für Wochen in einem Nachbardorf, und hilft einander aus. Von persönlicher Habe abgesehen, etwa ein paar Hemden, ein über dem Bett hängender Traumfänger oder ein reich beschnitztes Jagdmesser, ist alles Gemeineigentum. Habgier, Lokalpatriotismus und Konkurrenz sind weitgehend unbekannt. In der Sprache der InsulanerInnen – eine Sprache, die weder einen Namen für sich selbst noch ein Wort für so etwas wie eine „Sprache“ kennt – gibt es selbstverständlich auch keine Wörter für Geld, Wert, Ware, Wohlstand, Ehrgeiz und dergleichen mehr.

Da die Verhältnisse gut überschaubar sind, kommen die InsulanerInnen nahezu ohne Vorschriften und Vertre-tungen aus. In der Regel finden in jedem Dorf nach dem gemeinsamen Frühstück kurze Arbeits- beziehungsweise Mußebesprechungen statt: wer macht heute was? Das Gemeinschaftshaus ist groß genug, um alle Dorfbewohner-Innen zu fassen, ansonsten rund, spitzdächig und aus in der Sonne gebrannten Lehmziegeln gebaut wie alle Häuser der Dörfer. Die Leitung der Plena geht reihum, was aus einer (markierten) Namenstafel ersichtlich ist. Die jeweilige Leiterin hat sich um eine gewisse Vorbereitung und Abkürzung zu bemühen; kein Palaver. Daneben werden zu wichtigen Fragen Gesprächsrunden angesetzt, die teils durch Kleingruppen vorbereitet werden. Den regen Austausch zwischen den drei Dörfern und die jährlichen Sommerfeste erwähnte ich bereits. Auch in diese Gepflogenheiten wird das neue Fußballspiel eingreifen. So könnten sich Tom und andere Besessene, die er für dieses Spiel gewonnen hat, in den Kopf setzen, das kleine Amphitheater, das ungefähr auf Inselmitte in den Hügel liegt, zu einem echten „Stadion“ zu erweitern. Mit der Konkurrenz fängt das Opfern an.

Wie man bereits erahnt, besteht die Grundidee des vorgeschlagenen Romanvorhabens darin, den kulturellen Horizont der aus der sogenannten Zivilisation notgelan-deten Gäste mit dem der Insel zu konfrontieren. Vielleicht sollte ich noch die Ernährungslage der Insel umreißen. Sie ist ausgezeichnet. Den Löwenanteil der Nahrung liefert das Meer durch Fische, die leicht zu fangen sind. Das gilt auch für Lachse, die jährlich die vorhandenen Bäche hinauf-wandern. Manchmal bricht einer auch gern für nächtliches Flußangeln auf, um beispielsweise Aal, Zander und Karpfen nachzustellen und dabei von seiner gerade verreisten Geliebten zu träumen, oder es tun sich ein paar Leute zusammen, um nachts aufs Meer zu fahren, weil dann die Fische die Schleppnetze leichter übersehen. Der typische Insulaner ist, entgegen dem Vorurteil, so wenig Gewohnheits- wie Gesetzestier; er liebt die Abwechslung. Deshalb betreibt er auch keine Viehzucht, von etwas Imkerei einmal abgesehen. Warum mühsam ein Hausschwein mästen, wenn einem das Wildschwein, geschickt genug aufgespürt, fast in die Arme läuft, um das Dorf mit Braten, Borsten und eben mit seiner Blase zu beliefern? Übrigens jagen die Frauen nicht schlechter als die Männer; sie zimmern – und fußballern leider auch, wie sich zeigen wird. Hauptwaffe der JägerInnen sind Pfeil und Bogen. Fallen werden nur eingesetzt, sofern sie die Beute nicht quälen. Feuerwaffen sind unbekannt.

Als Haustiere könnte man allenfalls die Färberläuse, Kreuzspinnen und C-Hörnchen anführen. Die Färberläuse, woanders auch Cochenillen genannt, werden von ein paar Leuten des Dorfes A. (das an der Südküste liegt) auf einem kleinen Kakteenfeld gehalten. Sie geben ein prächtiges Karminrot ab, für Kleider oder Wolldecken beispielsweise, weniger für Fahnen. Die Kreuzspinnen, im mitteleuropä-ischen 20. Jahrhundert wegen ihres angeblichen „Rotationsprinzips“ zum grünen Wappentier herabge-würdigt, bringen den Häusern der Inseldörfer Glück, wobei sie mit ihren in manchen Fensterhöhlen ausge-spannten zierlichen Netzen sogar Gewitter fernhalten. Bleiben noch die C-Hörnchen. Sie tummeln sich haupt-sächlich in der Gegend des Dorfes C., wie der Name bereits andeutet. Sie sind nämlich ausgesprochen musikliebend. Sobald die erwähnte Band auch nur eine Flöte anbläst, unterbrechen sie ihre paarweisen, spiralförmigen wilden Jagden um die Stämme der Eßkastanien, hocken sich auf den nächsten Holzstoß und machen mit gespitzten Pinselohren gespannt Männchen. Als Jagdobjekt sind sie selbstverständlich tabu.

Das galt bis zum Eintreffen der beiden weißhäutigen Männer auch für das einzige größere Raubtier der Insel, den Luchs. Unter den Bergziegenrudeln, die den Insulanern neben Fleisch Leder und Wolle lieferten, richtete er keinen nennenswerten Schaden an. Ein gut getarnter, oft regungslos verharrender echter Faulpelz, war er am Tage kaum zu sehen. Auf Beutezug ging er in der Morgen- und Abenddämmerung. Er griff aber niemals Menschen an, auch keine Kinder. Dann gab es noch die Aspisviper. Zwar war diese, 60 bis 90 Zentimeter lange einzige Giftschlange der Insel vorwiegend tagaktiv, doch die Dörfer und die Menschen mied auch sie. Man sah sie gelegentlich an sonnigen, steinigen Hängen. Im Winter hielt sie Starre. Aufgescheucht, floh und warnte sie in der Regel, statt sofort anzugreifen. Ein Biß von ihr war selten tödlich. Meist blieb die Vergiftung lokal, die Schmerzen waren aushaltbar. Man wußte auf der Insel einen wirksamen Kräuteraufguß gegen ihre Bißwunden.

Neben Eßkastanien und Kräutern unterschiedlichster Art bot die Insel Früchte wie Nüsse, Pflaumen, Oliven, Pilze, Muscheln in rauhen Mengen, man brauchte sie nur aufzulesen oder zu pflücken. Etwas mühsamer gestaltete sich die Kartoffelernte. Die Kartoffel war die einzige Frucht, die nennenswert angebaut wurde. Neben den Fischen stellte sie sogar die zweite Säule der Ernährung dar. Die Ernte im Herbst war stets ein Fest. Die Kinder trugen das vergilbte Kraut für Feuer zusammen, in deren Glut gleich ein paar Pfund Kartoffeln gebacken wurden. Die anderen Kartoffeln wurden eingekellert. Für den Transport der Ernte standen Kiepen, Körbe und verschiedene Schub- oder Ziehkarren zur Verfügung, vor die sich selbst die Kinder mit Begeisterung spannten. Zug- und Reittiere waren ja mit der Viehzucht entfallen. Als Haupttransportmittel zwischen den drei Dörfern dienten Boote, vor allem Kanus. Mit ihnen wurde natürlich auch gleich die Kunde von der Ankunft der Weißhäutigen in die Dörfer B. und C. gebracht.

Tom war in der anderen Welt Fußballstar und junger Lebemann gewesen. Er hatte gerade den Trainerposten eines Spitzenclubs übernommen. Seinen Neffen hatte er zu der vermeintlichen Spritztour (in Toms eigenem Flugzeug) als Belohnung für den frischen Doktor-Titel Marks eingeladen. Mark ist etwas handwerklicher und auch etwas kulturkritischer als sein Onkel geartet. Gelernter Elektriker, hatte er Informatik studiert und in „sozialen Netzwerken“ mitgemacht. Ursprünglich wollte ich lediglich Tom auf der Insel absetzen; durch die Verdopplung der Gäste kann der Romanautor jedoch glaubwürdiger von den haarsträubenden westlichen Zuständen sprechen. Beispielsweise fühlt sich Mark von Gestalt und Hautfarbe der InsulanerInnen her an eine Flugreise nach Mumbai (früher Bombay) erinnert, die ihn ziemlich erschütterte. Ein größerer Gegensatz als zwischen der Insel und einer durch und durch verseuchten fernöstlichen 20-Millionen-Metropole ist sicherlich kaum denkbar. Für die Insulaner-Innen selber ist er zudem völlig unvorstellbar. Davon abgesehen, wird der Kampf, der auf der Insel entbrennt, auch zu einer Spaltung zwischen Tom und Mark führen.

Ein Buch wirkt fast immer wie aus einem Guß geschrieben. In Wahrheit wird die Arbeit an ihm im Laufe von Wochen oder gar Jahren, ja selbst an nur einem Tage fortwährend unterbrochen, weil der Autor etwa zum Bäcker oder aufs Klo muß. In der zweiten Hinsicht muß ich für diese Skizze weitgehend passen. Man kann lesen, was man will, Peter Farb, Wolfgang Lindig, Jost Herbig zum Beispiel: um Kothaufen und Urinlachen machen sie alle einen mehr oder weniger großen Bogen – ob schamhaft oder einfach nur aus Schlamperei. Niemand verrät, wie und wo der Jungsteinzeitler oder die Aztekin aufs Klo ging. Diesseits allen westlichen Hygienefimmels lauern in unseren Ausscheidungen möglicherweise wenig Gesundheitsgefah-ren; Urin wird ja sogar streckenweise als Heilmittel empfohlen. Immerhin erwähnt Herbig einmal, es habe lange gedauert, bis der Neandertaler auf die Idee kam, seine Küchenabfälle nicht kurzerhand auf den Höhlenfuß-boden fallen zu lassen, wo sie natürlich Ungeziefer, Schimmelpilze, Ratten und dergleichen, und damit Bakterien in Scharen anzogen. Vielleicht war er wenigstens so nett, seine Kotwürste nicht auf die Pantoffeln seiner Hausfrau, sondern draußen von irgendeinem Donner-balken auf die erstarrte Aspisviper fallen zu lassen. Das brachte ihm hin und wieder mindestens einen Schnupfen oder Rheumatismus ein. Aber diese „Scham“, wie sie die InsulanerInnen an den beiden Weißhäutigen beobach-teten, kannte er wohl kaum.

Gottseidank lebten die InsulanerInnen nicht mehr in der Eiszeit, und so nehme ich einmal an, sie waren sozusagen von Hause aus ziemlich gesund. Andererseits ist man natürlich nirgends vor heimtückischen Krankheiten oder Unfällen oder vor den bekannten Zeitbomben namens Zähne gefeit, die ein jeder Mensch zeitlebens mit sich herumschleppt, solange er noch welche hat. Wahrschein-lich gibt es auf meiner Insel nur Volksmedizin; keine Spezialisten. Ist einmal eine Operation erforderlich, wird sie ohnehin von mehreren Leuten vorgenommen; eventuell Beiziehung aus anderen Dörfern. Mit Tom und Mark mag die Insel Glück haben, sonst können wir den Roman gleich vergessen. Denn was wäre heimtückischer, als bei einem solchen Besuch Pocken, Syphilis oder Aids einzuschlep-pen? Wobei ich mich bislang vergeblich frage, wo eigentlich die erste, dann ansteckende Geschlechtskrank-heit der Menschen hergekommen sein soll. Wenn doch ursprünglich alles gesund war? Außer den israelitischen Königen und Propheten? Vielleicht kam sie ebenfalls von Gott, wie das Mana und die Atombombe.

Man könnte sich hämisch fragen, ob die beiden Besucher nicht gesucht würden. Nun, im Prinzip schon, aber nicht in der Gegend der Insel, hatten sich die Männer doch völlig verflogen. Und ihre Handys zerschmolzen in den Flammen. Sie müssen also notgedrungen bleiben. Was ihr Vorleben bedeutet, werden sie trotz rascher Fortschritte im Erlernen der Inselsprache kaum klarmachen können. Aber sie können es zumindest teilweise demonstrieren. Was Fußballstar Tom angeht, findet er den Müßiggang, die Anspruchslosigkeit und die losen Sitten der Insulaner-Innen zwar zunächst „ganz witzig“, wie auch diese seine seltsamen Andeutungen über westlich-kapitalistische Lebensart „zum schießen“ finden. Aber das bleibt eine Dreitagegrille. Dann zeigt sich, der hünenhafte, weißhäutige Draufgänger, der bereits sein 180.000 Euro schweres Flugzeug gegen den Felsen fuhr, kann oder will sich diese merkwürdige Zufriedenheit der InsulanerInnen auf keinen Fall zu eigen machen. Er ist chronisch managerkrank, daneben selbstverständlich eitel. Das führt natürlich zu gewissen Konflikten. Den einen oder anderen Insulaner, Frauen eingeschlossen, kann er vielleicht durch seinen von blonder Lockenpracht gekrönten athletischen Körper betören, nicht jedoch durch seine Besserwisserei. Allerdings heimst er weite Sympathien ein, als er den Insulanern zeigt, wie man, aus Leder, einen Fußball anfertigt und wie man damit spielt. Eben die Lederhülle dieses Fußballs wird mit der titelgebenden Schweinsblase gefüllt, ehe die Blase ihrerseits aufgeblasen und abgeknotet und die Hülle (mit Nadel und Faden) geschlossen wird.

Neffe Mark, nicht ganz so dunkelhaarig wie sämtliche Einheimische, erwärmt sich zunehmend für das Insel-leben, obwohl er einiges zu leiden hat. So hat er Heimweh, verliebt sich unglücklich und erlebt Reinfälle mit „Erfindungen“. Auf die Frage der Liebe werde ich wohl noch irgendwie eingehender zurückkommen müssen. Was die Fußballwelle angeht, schwimmt Mark zunächst auf ihr mit. Viele InsulanerInnen, vor allem junge, begeistern sich für das neue, von Tom zündend eingeführte Spiel. Die gewohnte Lebensordnung gerät ins Wanken, zumal sich einige InsulanerInnen auch Toms Normen des Bewun-derns, des Siegens, des Wachstums, des Übervorteilens, des erbarmungslosen Wettstreits – kurz des Fußball-krieges zu eigen machen. Dem fallen sogar erste Luchse der Insel zum Opfer, hatte Tom doch die großartige Idee, Kleidungsstücke aus Luchspelz und Schmuck aus Zähnen oder Klauen des Tieres in Prämien, in Geld also zu verwandeln. Das wäre die zweite Grundidee: die drei Inseldörfer bekämpfen sich immer erbitterter, schaden dem „Gegner“, wo es nur geht, bis hin zur drohenden Ausrottung nicht nur des Luchses sondern auch der InsulanerInnen.

Den Ausgang der Geschichte überlasse ich anderen. Vielleicht entscheiden sie sich tatsächlich mutig für die vollständige gegenseitige Vernichtung bis zum letzten Ersatztorwart. Das wäre immerhin im Sinne von Heike Zuberdorf und ihres verdienstvollen, wenn auch verdammt kurzlebigen Bundes für die Abdankung der Menschheit. Mir persönlich wäre freilich die Lösung lieber, auf der Höhe des Kampfes, nach schon etlichen Opfern, eine Umkehr zu bewirken, indem man Einpeitscher Tom von Verschworenen isolieren, bloßstellen, notfalls töten läßt. Auf deren Seite schlägt sich nach einigem Zögern auch Mark. Vielleicht tobt der Kampf lediglich zwischen den Inseldörfern B. und C., weil Tom aus A. verjagt wurde oder dem Ruf einer neuen Geliebten folgte, die seinen Plänen aufgeschlossener gegenüber steht. Aus A. käme schließlich die Initiative, ihn kaltzustellen und die Nachbardörfer wieder zur Vernunft zu bringen. Vielleicht setzt man Tom am Ende mit vereinten Kräften, nebst Vorräten, in ein Kanu und schiebt ihn dann, in einer entsprechenden Strömung, aufs offene Meer hinaus. Soll er doch, wenn nicht von Dritten gerettet, kämpfen, das wollte er ja stets.


2

Ich habe mich entschlossen, in zwei gesonderten Abschnitten noch die Themen „Mythologie“ und „Sozial- und Liebesleben“ der InsulanerInnen zu behandeln. Dabei droht meiner Mythologie sicherlich der händereibende Vorwurf, mit ihr säße ich genau dem Größenkult auf, den ich sonst bei jeder Gelegenheit verdammte. Darauf erwidere ich: eine andere Mythologie ist gar nicht denkbar. Der Mensch wird sich immer verloren vorkommen, wenn er sich eines Tages in eine ihm völlig überlegene Welt geworfen sieht, deren Sinn ihm niemand verrät. Hier wird er Verzweiflung und Verkrüppelung nur durch die Erklärung vermeiden können, schließlich sei er an diesem Schicksal nicht schuld. „Finstere Mächte haben uns hier hineingestoßen“, sagt er dann zu seinesgleichen, „aber das heißt ja noch lange nicht, daß wir das üble Riesen-Zwerge-Spiel auf Erden ebenfalls pflegen. Stimmt ihr mir zu?“ Die Mythologie der InsulanerInnen wurde Mark eines Tages von der jungen Insulanerin J. mit den folgenden Worten vorgestellt.

Es gibt zwei Welten, zwei benachbarte: eine feste und eine flüssige. Beide sind riesig, aber nur in der festen Welt leben Riesen. Gewitter zeigt eine Orgie der Riesen an. Ihre Weiber senden aus ihren Scheiden Blitze, um ihre Bereitschaft und ihre Standorte zu signalisieren. Darauf schlagen die Kerle ihre Penise an Bäume, daß es nur so donnert. Nun wissen die Weiber: aha, sie kommen.

In grauer Vorzeit standen da so ein paar Riesen zusammen auf einem Berg nahe der Grenze, blickten über das endlose Wasser und seufzten: „Mein Gott, das ist ja furchtbar, diese Einöde, da wird man ums Haar schwermütig, wenn man da immer draufgucken muß, ohne den geringsten freudigen Anhaltspunkt zu haben!“ Deshalb kamen sie überein, wenigstens ein bißchen Abhilfe zu schaffen. Der Stärkste von ihnen nahm einen Klumpen vom Berg und warf ihn mit aller Kraft hinaus, so weit er konnte. Aus diesem Klumpen erwuchs das, was du Insel nennst, mein lieber Mark. Und weil er den Klumpen vorher in seinen Atemstrom gehalten hatte, erwuchsen dem Klumpen wiederum das, was man möglicherweise Zwerge nennen könnte, obwohl es eigentlich überflüssig ist. Das waren also wir, die BewohnerInnen der Insel. Nun sind wir zwar durchaus keine Zwerge, aber es stimmt, unser Land ist klein. Deshalb warf damals eine Riesin eine Ovaríanuß hinter dem Klumpen her. Aus dieser Nuß sprießten dann die schönen und nützlichen Sträucher, die du ja inzwischen kennst und zu schätzen weißt. Indem sich unsere Männer und Frauen von Anbeginn der Ovaríanuß bedienten, wenn sie keine Kinder zu machen wünschten, blieb die Inselbevölkerung immer schön klein. Denn es wäre ja Wahnsinn gewesen, in einem fort Kinder aufs Land zu setzen, daß sie sich schon bald auf die Füße treten und um den letzten Bissen Hasenkeule oder die letzte Kartoffel prügeln.

Die Riesen schicken täglich die Sonne. Aus Dankbarkeit wurde ihnen deshalb vorzeiten ein hübsches Relief in jenen dir bekannten mächtigen Granitfelsen gehauen, der nach Osten geht. Abends holen die Riesen die Sonne immer wieder zurück, indem sie ihre Unterwasserangel einziehen. Das Relief soll den lachenden Reichtum der Insel andeuten, falls du es noch nicht erkannt hast, mein Schatz. Es muß aber wegen der Witterungseinflüsse regelmäßig aufpoliert werden, damit es weiterhin schön spiegelt und also von den Riesen gesehen und genossen wird. Dieser eher unaufwendige, aber nicht ganz ungefährliche Ehrendienst an der Reliefwand ist ausgesprochen beliebt. Er wird auch als Auszeichnung verstanden. Bei den halbjährlichen Bootswettkämpfen unserer Kerle wird er zuweilen als Preis vergeben.

Soweit J. zur Mythologie. Ich füge noch ein paar Bemer-kungen zur Frage des Totenkultes und der Rechtspflege hinzu. Durch sie läßt sich nebenbei unterstreichen, daß sich die InsulanerInnen, Riesen hin und Riesen her, über das, was die abendländischen Philosophen mit Bierernst meist „Jenseits“ nannten, eher lustig machen. Sie haben nämlich gar keine nennenswerten Jenseitsvorstellungen. Wozu auch? Das Land ist gut, und einer Hölle bedarf es ebensowenig, weil just bei Lebzeiten gebüßt wird, falls jemand unrecht tat. Die Hauptbuße besteht darin, das Unrecht wieder gut zu machen, soweit möglich, und weiterem Unrecht vorzubeugen. Prügel- und (aufwendige) Gefängnisstrafen gibt es nicht. Jeder Häftling würde sich in einem Gefängnis sowieso umgehend umbringen. Bei schweren Vergehen und Uneinsichtigkeit beziehungsweise Wiederholungsgefahr wird der Täter getötet. Dadurch wird unter anderem verhindert, daß er seine Anlagen vererbt. Hat er (oder sie) bereits Kinder, werden wohl auch diese getötet, aus demselben Grund, und nicht etwa wegen Sippenhaftung. Hinrichtungen haben, wie alles, nicht den geringsten sadistischen Zug.

Über das Jenseits, das Geschick nach dem Tode, läßt sich also nichts Genaues sagen. Dummerweise schließt das die Unkenntnis darin ein, ob oder was Leichen empfinden. Deshalb hat es sich, für alle Fälle, auf der Insel eingebür-gert, die Leichen so kurz und schmerzlos wie möglich zu beseitigen. Sie werden mit brennbarer Flüssigkeit überschüttet und in ein prasselndes Feuer geworfen. Gedenkstätten gibt es nicht. Die aktuellen Toten werden auf den Vollversammlungen erwähnt, bis der nächste Insulaner gestorben ist.

Das Wort „töten“ kommt in der Inselsprache nicht vor. Für die Jagdbeute hat man ein anderes Wort. Ist es hin und wieder unumgänglich, einen Insulaner zu töten, wird ihm, schweren Herzens, „das Leben genommen“. So kam einmal ein Insulaner vor, der von Wahnsinn und Tobsucht befallen wurde. Nachdem er, gefesselt, drei Tage geschrieen hatte, entschloß sich der genervte Konsens, ihn zu töten. Das wurde mit allerlei Bitten um Entschuldigung und Büßmaßnahmen vergolten. Alles in allem dürfte sich freilich schon deutlich gezeigt haben: Wie sie von keinem König oder Kapitalisten beherrscht werden, stehen die SchweinsblaseninsulanerInnen auch nicht unter der Knute ihrer eigenen Ängste. Es sind „unverkrampfte“ und „gradlinige“ Leute, wie Mark sich einmal ausdrückte. Das dürften sie nicht unerheblich der Tradition ihres Sozial- und Liebesliebens verdanken.


3

Mit der völligen Gleichberechtigung der Geschlechter ist es noch lange nicht getan. Was zunächst über Bord geworfen werden muß, ist der Wahnsinn, den wir „Liebe“ nennen, und gleich anschließend gilt es, die Festung oder Folter-kammer namens „Familie“ zu schleifen. Genau zu diesem Zwecke hatten einst viele 68er die Ärmel aufgerollt. Ihre Kraft bezogen sie aus Schriften von Bronislaw Malinowski, Margaret Mead, Wilhelm Reich, Charles Bettelheim, Erich Fromm, Reimut Reiche und dergleichen. Doch wer würde sich heute noch mit solchem Gedankengut befassen? Und sich gar von ihm anregen lassen? Nicht die Färberlaus siegte, aber Rotgrün.

Auf der Schweinsblaseninsel geht es freundlich und freizügig zu. Männer und Frauen vergnügen sich je nach Wunsch und Gelegenheit. Ob dabei auch nennenswert homosexuell verfahren wird, wie in der Antike oder im Mittelalter, könnte ich nicht sagen. Jedenfalls gibt es Herzenswärme und Gefallen aneinander, was grundsätz-lich alle oder fast alle InsulanerInnen einschließt und zunächst nichts mit Sexualität zu tun hat. Wird diese aber gepflogen, sind selbstverständlich Verhütungsmittel im Spiel. Solche waren sowohl in der Antike und im Mittelalter wie bei zahlreichen Stammesgesellschaften bekannt, wie unter anderen Heinsohn/Steiger betonen.*

Gleichwohl sorgen die InsulanerInnen für regelmäßigen Nachwuchs. Sie zeugen Kinder, wenn es die Rate der Sterbefälle als angezeigt erscheinen läßt. Dafür sind Winke mit dem Zaunpfahl auf den Dorfversammlungen denkbar. Solche Winke werden am ehsten von Insulanerinnen aufgenommen, die „leicht“ gebären, womit sie anders veranlagten Insulanerinnen die Folter des Gebärens ersparen. In der Regel werden die Winke auch von mehreren Insulanerinnen gleichzeitig aufgenommen, damit das Säugen der Kleinkinder nicht zum einsamen und letztlich verheerenden Geschäft wird. Die uns ver-traute Kleinkinderstube dürfte nämlich die entscheidende Wiege sowohl jenes Wahnsinns der „Liebe“ wie der Autoritätshörigkeit darstellen. Sie züchtet Verehrungstrieb und Unterwerfungssucht. Durch gemeinschaftliches Aufziehen wird dagegen vermieden, den Säugling an Mutter und Vater zu ketten. Nach Uschi Madeisky, die von den Mosuo aus Südwestchina berichtet**, lassen sich, etwas später, auf diese Weise sogar Trotzalter und Pubertätskrisen vermeiden. Das Kind wird befähigt, sich seine „Bezugspersonen“ nach Lust und Gelegenheit zu erwählen. Allerdings leben die chinesischen Bauern und Fischer in Großfamilien (Clanen) zusammen, dabei alle unter einem Dach, was mir beides nicht sonderlich schmeckt. Bei mir steht dem Kind grundsätzlich eine rund 100köpfige Dorfgemeinschaft zur Verfügung. Solange es Säugling und Kriechling ist, lebt es im Mütterhaus. Anschließend trennt es sich von den drei oder fünf Müttern und wechselt ins Kinderhaus.

Das Kinderhaus ist eine kunterbunte, aufregende Sache. In der Regel dürfte es rund ein Dutzend Kinder zwischen drei und 13 Jahren beherbergen. HüterInnen des Hauses sind, bei monatlicher Ablösung, stets zwei Erwachsene, die auch in ihm übernachten. Sie stellen keine „ErzieherInnen“, vielmehr SchlichterInnen dar. Auf der Schweinsblaseninsel gibt es keine Erziehung. Nach einer wichtigen Grundein-sicht Hubertus von Schoenebecks*** haben wir Kindern Eigenverantwortlichkeit, Würde und Achtung nicht anders wie Erwachsenen zuzugestehen. Sie wissen schon, was sie wollen und was für sie gut ist. Wir Erwachsenen wissen es keineswegs besser. Wir haben nur die gröberen Macht-mittel und die durchtriebenere Rhetorik. Die Achtung des kindlichen Willens bedeudet selbstverständlich nicht, daß wir ihm nicht öfter aus eigenem Interesse Grenzen setzen müßten. Die Konfliktbehandlung läuft hier nicht anders wie unter Kommunarden. Erfreulicherweise brandmarkt Von Schoenebeck auch den „Lernzwang“ in der herkömm-lichen Schule. Dagegen stellt er die Familie nirgends mit auch nur einem Komma in Frage. Im Gegenteil, in einem seiner positiven Beispiele dürfen Schulkinder und ihr Lehrer begeistert „Hochzeit“ und „Ehe“ spielen. Ich schlage vor, Roy Black singt dazu Ganz in Weiß ...

Heinsohn/Steiger scheinen Von Schoenebecks „antipäda-gogische“ Warte zu teilen, heben sie doch einmal, wenn auch am Rande, die geringe Ängstlichkeit der (zu ihrer Zeit noch immer weitgehend kollektiv aufgezogenen) israe-lischen Kibbuzkinder hervor. Sie beruhe auf der allgemei-nen Wertschätzung, die ihnen im Kibbuz entgegengebracht werde. Auf der Schweinsblaseninsel werden die bereits genannten Häuser, das große Gemeinschaftshaus eingeschlossen, von einem Jugendhaus, einem Haus der Mitte und einem Altenhaus ergänzt. Jeder Dorfbewohner ist in einem dieser Häuser „stationiert“, mit einem Stammschlafplatz und persönlicher Habe. Die Grenzen sind jedoch fließend und durchlässig. Es gibt stets ein paar überzählige, eher kleine Schneckenhäuser, sodaß sich Leute, auch Paare und Zirkel, spontan zurückziehen können. Dafür gibt es eine „Besetzt“-Markierung. In den Schlafhäusern stehen lediglich „Teeküchen“ zur Verfügung, denn die täglichen Hauptmahlzeiten (morgens und frühabends) sind ja kollektive, im Gemeinschaftshaus stattfindende Einrichtungen, wie ich schon früher sagte. Wer für den Abend kocht, wird morgens auf den Arbeits- und Mußebesprechungen festgelegt, je nach Tagespro-gramm der InsulanerInnen. Ich halte diese gemeinschaft-lichen Mahlzeiten für wichtig. Nach dem intimen Gesauge an der „eigenen“ Mutterbrust gibt es doch nichts Schädlicheres als dieses uns wohlbekannte hamsterartige und neidvolle Bruzzeln, Hocken und Tuscheln an der je „eigenen“ Feuerstelle. Ehe und Familie müssen verabschie-det werden, weil sie Clandenken züchten, gruppenhaftes oder völkisches Zu- und Angehörigkeitsgefühl, halsstar-riges Pochen auf das sogenannte Eigene. Sie sind die wesentlichen Brutstätten von Hader, Streit, Konkurrenz und Kapitalismus. Wahrscheinlich läge man nicht falsch, wenn man die sogenannte Kernfamilie als Keimzelle des Krieges in all seinen Formen begriffe.

Das mag ja alles sein, höre ich die EinwerferInnen, aber den Kinderwunsch und die Liebe lassen wir uns nicht nehmen. Dazu sage ich, eure brennenden Kinderwünsche und eure glühende Liebe sind beides romantischer Ziegenkäse. Nach Heinsohn/Steiger war „der Kinder-wunsch“ vor der Neuzeit hauptsächlich ökonomisch und damit gesellschaftlich begründet gewesen. Man legte es auf Erben, MitarbeiterInnen, AltenversorgerInnen an. Kinderwünsche, die turmhoch über die Triebe oder Träume eines Pavianweibchens und das Imponiergehabe eines Pavianmännchens hinausgingen, wurden belächelt, wenn nicht gar verhöhnt. Und so auch mit der Liebe. Zwar versichert Peter Farb****, selbst die vergleichsweise sehr primitiven WüstenbewohnerInnen Shoshone aus dem US-Südwesten hätten „die romantische Liebe“ durchaus gekannt, jedoch als „eine Art Wahnsinn“, der nur Jugendliche befalle, mit Nachsicht behandelt. Er gehe vorüber und mache dann dem Zweckbündnis Ehe Platz. Im gegenwärtigen Europa wird er jede Wette nicht so schnell vorübergehen, obwohl hier die Ehe nur noch nach Art der Potemkinschen Dörfer am Einstürzen gehindert werden kann. Das bereits angeführte „Kernige“ an der „festen“ Paarwirtschaft ist zu wichtig. Niemand wagt die glühende Kette des neuzeitlichen Liebesgestammels anzufassen, um sie endlich über Bord zu werfen. Angenommen, Sie nähmen sich einmal alle in den drei jüngsten Jahrzehnten veröffentlichten CDs vor und strichen sämtliche Liebes- und Liebeskummerlieder – Sie stünden vor einem Riesengebirge aus weitgehend leeren CD-Schachteln. Die Sache mit der Leere meine ich im Ernst. Für mich dient unser schöner Firnis vom Liebes- und Familienleben in erster Linie dazu, die Hohlheit unserer Köpfe, unserer sozialen Beziehungen und selbstverständlich auch unseres Erwerbslebens zu übertünchen. Er erspart uns das Erschrecken vor uns selbst.

Im ersten Kapitel erwähnte ich eine unglückliche Ver-liebtheit des Mark und einen sogenannten Traumfänger. Dieser besteht bei einigen US-Indianerstämmen meist aus einer kreisrund gebogenen Weidenrute mit einer Bespannung, die an ein Spinnennetz erinnert. Zusätzlich baumelt amulettartiger Schmuck am unteren Bogen. Über dem Bett hängend, soll dieses geweihte Gerät die guten Träume zum Schläfer oder zur Schläferin durchlassen, die schlechten dagegen abfangen, wenn ich richtig verstanden habe. Ein solches Gerät bekam Mark von jener Ange-beteten geschenkt, der seine Verehrung gar zu lästig war. Er hatte ihr versichert, sie sei wundervoll, er könne nicht ohne sie leben, er werde sie bestimmt auf Händen tragen, freilich nie zu anderen – Sie werden diesen Sermon zur Genüge kennen. Die junge Frau besprach den Traum-fänger, den sie für Mark gebastelt hatte, mit dem Sermon und schärfte dem Gerät ein, dergleichen streng abzuwei-sen. Sie hingen diesen neuen Traumfänger gemeinsam über Marks Bett im Jugendhaus auf. Wenn er genug herausgefiltert habe, möge sich Mark bitte wieder bei ihr melden, sagte sie zu ihrem Verehrer, bevor sie zum Strand huschte. Sie war mit ein paar Leuten zum Muschelfang verabredet.

* Die Vernichtung der weisen Frauen. Studie über Hexenverfolgung und Menschenproduktion, ursprünglich 1985. Erweiterte Ausgabe München 1989.
** Frankfurter Rundschau, 3. Januar 2016
*** Kinder der Morgenröte, Norderstedt 2004
**** Man's Rise To Civilization / dts. Die Indianer, 1968 / 1988, S. 44

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