Mittwoch, 3. Oktober 2018
Elba oder Die Republik dankt ab
Geschrieben 2016


Wenn der schwedische Schriftsteller Daniel Atterbom vor knapp 200 Jahren ein zweibändiges Werk mit dem Titel Die Insel der Glückseligkeit vorlegte, wird es doch eigentlich höchste Zeit, mit dem Roman Die Insel der Kinderlosigkeit nachzuziehen. Vielleicht verbreitete er noch etwas Aufklärung, statt Romantik. Sein Grundge-danke wäre: ein sich selbst regierendes Volk begibt sich aus freien Stücken seiner Zukunft. Es beschließt sein Aussterben. Damit sorgt es möglicherweise oder sogar sehr wahrscheinlich für das Aussterben der Menschheit überhaupt, denn soweit es von der Insel dieses Volkes aus feststellbar ist, von Elba aus also, blieb es bei der 1920 erfolgten Invasion Außerirdischer auf der Erde „aus Ver-sehen“ allein von der Menschheit übrig. Die Invasoren trollten sich dann wieder.

„Aussterben“ heißt genauer, man verbietet sich eines Tages aufgrund der niederschmetternden Erfahrungen mit dem Versuch eines echten humanen Zusammenlebens das Zeugen und Gebären von Kindern. Der Beschluß wird um 1960 gefaßt. Erzähler ist ein Republikaner, der ab 2020 Bericht erstattet, wobei er viele Rückblenden gibt. Selbstverständlich ist auch er schon nicht mehr der Jüngste. Wahrscheinlich ist er, wie ich, Jahrgang 1950. Mit anderen Worten: 2020, 100 Jahre nach Gründung der Republik, ist das Inselvolk bereits erheblich dezimiert und vergreist. Ein wichtiges Thema ist gerade diese vermutlich durchaus problematische Vergreisung. Wie werden die Alten mit ihrer zunehmenden Hinfälligkeit oder mit denkbaren Bevormundungen oder gar Machtspielen seitens der noch nicht ganz so alten RepublikanerInnen fertig?

Zu den Rückblenden des Erzählers gehört eine „Rebellion“ von 1990. Ein Pärchen will um keinen Preis auf Nach-wuchs verzichten. Schließlich gebärt die Frau sogar heimlich. Elba ist ein gebirgiges Land. Aber sie wird aufgespürt. Der Erzähler selbst ist es, der den Säugling wohl oder übel umbringt. Damals war er um 40. Es folgten Racheakte, Selbstmorde und dergleichen.

Ich nehme an, trotz mancher Kämpfe gelingt es den Elbanern im großen und ganzen, den Konsens und den Frieden zu wahren. Das hieße, man ist entschlossen, mit der freiwilligen Abdankung der Menschheit wirklich Ernst zu machen. Man will weder einen Zweiten Weltkrieg, die Atombombe, einen nächsten Napoleon, Schwälle von Touristen noch das ständige Wiederaufkeimen von Konkurrenz, Streit, Herrschaftsgelüsten auf der – ab 1920 – einsamen republikanischen Insel. Einen bemerkens-werten Ausdruck dieser Rückfälle stellte der in den 1950er Jahren ausgetragene „Fußballkrieg“ zwischen diversen Inseldörfern dar. Abwerbungen, Bestechungen, Unfairneß wie in (nie gekannten) Bundesligazeiten, obwohl es gar kein Geld und keine „Aufstiegsmöglichkeiten“ gibt. Der Erzähler bedenkt diese offenbar doch „natürliche“ Veran-lagung des Menschen zu Eigennutz und Machtbegehren wiederholt. Für mitverantwortlich an den Rückfällen hält er die Generationsunterschiede. Es waren vorwiegend jüngere Leute, die den „Fußballkrieg“ betrieben. Altersweisheit richtet nichts aus, wenn stets eine Jugend nachwächst, die darauf scheißt. Dasselbe gilt natürlich für denkbare gewaltsame Maßregelungen, etwa durch Herrschaft weiser Greise, ein historisch altes beliebtes Modell. Solche Diktaturen können Rebellion oder Chaos nur befeuern. Kurz, hier liegen tragische Klüfte vor, die kaum zu überbrücken sind. Es hilft nur, keine Kinder mehr zu zeugen.

Ein weiterer Grund meiner hier und dort geschmähten „kulturpessimistischen“ Weltsicht liegt in der offensicht-lichen Neigung der Menschheit zu Elefantismus. Tall is beautiful hat sie sich in ihre Fahnen gewebt, mögen auch die Gipfelkonferenzen platzen oder Europa in Fetzen auseinander fliegen. Im bedeutsamen Beschlußjahr 1960 dürfte die 224 Quadratkilometer große, längliche Mittelmeerinsel Elba (ungefähr 10 mal 22 Kilometer) um 3.000 RepublikanerInnen aufweisen, die überwiegend auf rund 10 Dörfer verteilt sind. Man schaffte es trotz der Anfangsschwierigkeiten, sich kommunitär zu organisieren (siehe Konräteslust, Panglos) und aller Fortschritts-, Wachstums- und Wohlstandsvermehrungideologie abzuschwören. Elba bietet dafür günstige klimatische und landschaftliche Bedingungen. Die Rückblenden geben somit auch durchaus positive Einblicke in ein wirklich alternatives Gesellschaftsleben. Um 1900 hatte Elba, das zur Erzgrube geworden war, drei moderne Hochöfen für die Stahlgewinnung bekommen – 20 Jahre darauf zählte es zu den ersten Maßnahmen der neuen Räteregierung, sie stillzulegen. Für die paar Pflugscharen, Hirschfänger und Hammerköpfe, die man zu schmieden hatte, bedurfte es keiner Hochöfen und keiner gefahrvollen Herkulesarbeit in deren Gluthitze. Wahrscheinlich konnte dieser Kurs in den 1920er Jahren nur deshalb eingeschlagen werden, weil die „natürliche“ Inselbevölkerung gerade durch den Ersten Weltkrieg stark geschrumpft, andererseits um ein Häuflein anarchistischer Gäste bereichert war. Dieses Häuflein ergreift die Gelegenheit beim Schopf.

Die Gelegenheit war die erwähnte „Invasion“. Sie steht hier in Gänsefüßchen, weil man nichts Genaues über sie weiß. Vielleicht konnte man damals aus dem Radio ein paar Anhaltspunkte aufschnappen, aber hinfort war man ja isoliert. Elba wurde, weiß der Teufel warum, bei dem Vernichtungs- und Raubzug der Invasoren ausgespart. Offenbar gingen diese Wesen mit ganz ungeahnten Mitteln und Waffen vor. Offenbar hatten sie, aus der Ferne, einen Narren an dem Goldklimper der Erde gefressen; vielleicht kannte ihre Heimat kein Gold. Sie zogen mit einer Art Staubsaugervorrichtung ihrer Raumschiffe den ganzen Klimper ein und machten im gleichen Zug alle Zweibeiner mit Menschenherzen kalt. Ein Techniker der Insel sprach damals von der Möglichkeit elektronischer Programme; vielleicht waren die Invasoren in dieser Richtung vorzüglich ausgerüstet. Wenn diese Hochtechnologie Elba gegenüber „versagte“, kann es nur entweder dummer Zufall oder verschlagene Absicht gewesen sein. Vielleicht saßen die Invasoren jetzt wieder auf ihrem Heimatpla-neten oder weiß der Himmel in welchem Schwarzen Loch, guckten eine Art von Filme über das Treiben auf Elba und lachten sich schief.

Zu den ersten Kämpfen der Republik Elba zählte die Abwehr der Neugier in den eigenen Reihen. Elba liegt von anderen einst bewohnten Inseln, darunter Korsika, 30 bis 50, vom italienischen Festland immerhin noch 10 Kilometer entfernt. Selbst vom höchsten Berg der Insel, dem Monte Capanne mit rund 1.000 Metern, konnte man mit den vorhandenen Ferngläsern nicht viel von den Vorgängen jenseits der Meeresstraßen sehen. Radio, Funk, Telefon waren tot. Zeichen trafen nicht ein. Aber man hatte ein paar seetüchtige Boote, und so tobte der Kampf darum, ob man, auch um den Preis von Lebensgefahr, einen Erkundungstrupp ausschicken sollte. Im Ergebnis wurden die seetüchtigen Boote abgewrackt, was nebenbei dem Vorrat an umschmelzbarem Alteisen zugutekam. Fremde Schiffe trafen nie ein. Die Wahrscheinlichkeit, allein „auf der Welt“ zu sein, erhöhte sich bis 1960 von Jahr zu Jahr. Eben darin lag ein Nebengrund für die Initiatoren des „Gebärstreikbeschlusses“. Sie hatten nicht nur die Rückfälle ins Bürgerliche und Kriegerische satt; sie sahen auch die einmalige Chance, die Erde und womöglich bald auch den Mond und den Mars und so weiter ganz und gar von der Plage namens Menschheit zu befreien.

Was das Jahr der „Invasion“ 1920 angeht, könnte man einen Teilauszug der Bevölkerung erwägen. Das würde die Überschaubarkeit und die „Reinheit“ der Republik begünstigen, denn wer sich zuerst in die vorhandenen seetüchtigen Boote schmisse, das wären natürlich die reaktionär Gesinnten. Die Aussicht auf Geld und Gold, die sie sich von einem entvölkerten Festland versprechen, ist ihnen teurer als die Vermeidung der guten Aussicht, ebenfalls vernichtet zu werden. Das setzte freilich BesatzerInnen des Festlandes oder dessen Verseuchung oder ähnliches voraus. Vielleicht läßt man das Geschwader schon auf halber Strecke hopsgehen, auf dem Sund. Aber wie?

Die erste Riesenhürde für den Verfasser des Romanes läge freilich schon in der „Invasion“ selber. Sie klingt doch reichlich unwahrscheinlich. Ungleich praktikabler wäre es, Elba von den todbringenden Folgen eines fetten Atom-krieges auszunehmen – aber das hat bereits Robert Merle mit Malevil (von 1972) getan, nur etwas weiter nördlich. Ferner käme der Autor kaum umhin, sowohl über das Elba von 1920 wie das Elba der Gegenwart gute, hautnahe Kenntnisse zu haben. Schließlich muß er wissen, wie ein Bad im dortigen Mittelmeer schmeckt, welche Reit- und Zugtiere wie durch das Laub der dortigen Kastanienwälder rascheln oder wie anstachelnd der Biß einer Aspisviper wirkt. Es gibt jedoch zum einen, soweit ich es untersucht habe, so gut wie keine Literatur über die elbaischen Verhältnisse vor den beiden Weltkriegen, jedenfalls nicht auf deutsch oder englisch, und zum anderen kann man das heutige Elba wirklich vergessen, wenn mich nicht alles täuscht. Ein Autor, der sich freiwillig in diese Hochburg motorisierter Touristenhorden begäbe, müßte doch, neben einigem Geld, eine echte Meise haben.
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