Mittwoch, 3. Oktober 2018
RetterInnen
Geschrieben 2015/16


Richard W. Higgins (1922–57), Pilot der US-Luftwaffe, zuletzt in Bayern. Mit ihm führe ich in einen kurzen Abschnitt über Personen ein, die Lebensrettung mit ihrem Leben bezahlten. Captain Higgins, 34 und dreifacher Familienvater, hatte am Vormittag des 5. Aprils 1957 über der bayerischen Stadt Fürstenfeldbruck einen Triebwerk-schaden an seinem Jagdflugzeug. EinwohnerInnen sahen die Maschine mit Rauchfahne im Schlepp in anfänglich nur 300 Meter Höhe über die Dächer preschen, während sie weiter an Höhe verlor.* Statt gemäß der Anweisungen vom Kontrollturm des nahen Luftwaffenstützpunktes sofort „auszusteigen“ (Schleudersitz), bugsierte Higgins sie aber noch über freies Feld, um ein Inferno in der Stadt zu vermeiden. Dort zerschellte er mit ihr. Seine offensicht-liche, mit eigenem Kopf oder Herzen gefällte befehlswid-rige und uneigennützigen Entscheidung hatte er ohne Zweifel in Sekundenschnelle treffen müssen. 10 Tage später beschloß der Stadtrat, Higgins durch Benennung einer Straße zu ehren. Zum Beschluß, den Fliegerhorst zu schließen, wo die Freunde aus den USA unter anderem westdeutsche Kampfpiloten zur Abwehr der bolschewi-stischen Gefahr ausbildeten, konnte man sich leider nicht durchringen. Heute fliegen sie gegen die islamistische Gefahr. Nie für Öl oder Gas.

Der Nachname dieses aus Massachusetts stammenden „Helden von Fürstenfeldbruck“ weckt meine Erinnerung an einen fesselnden, erstmals 1975 erschienenen und alsbald verfilmten Roman des Briten Jack Higgins: Der Adler ist gelandet. Dieser „Bestseller“ dreht sich um den tollkühnen Versuch einer deutschen Fallschirmjäger-gruppe, Winston Churchill (1943) bei einem Truppenbe-such aus der Höhle des englischen Löwen zu entführen. Der Coup unter Oberstleutnant Kurt Steiner mißlingt wahrscheinlich nur, weil die erfolgreich eingedrungenen Soldaten Sturm und Brandt bei einer dem Dorf vorge-spielten Übung der Royal Army zwei vom morschen Steg gefallene Kinder aus dem reißenden Mühlbach retten, indem sie sie ans Ufer werfen. Sturm wird dabei im Mühlrad zermalmt. Brandt kann seine Leiche bergen, macht aber den Fehler, bei ihrer Untersuchung einen Teil von Sturms Zweit-Uniform zu enthüllen – es ist die von der deutschen Wehrmacht. Das bekommen die dankbaren Dörfler entsetzt mit. Gleichwohl ist Steiner später auch noch so großherzig, sie alle, die Geiseln waren oder sein könnten, aus der Dorfkirche abziehen zu lassen, wo sich das aufgeflogene Kommando verschanzt hat. Er und seine Leute seien nicht die Hunnen, als die man die Deutschen beschimpfe. Das ist genau Higgins' Programm. Er nimmt die übliche Verherrlichung von Gewalt, Krieg und Heldentum unter dem Deckmantel des fairen oder ehrenvollen Kampfes, der unbedingten Kameradschaft und eines stillen oder schnoddrigen „Antifaschismus“ vor, der die „Männer“ selbstverständlich nicht daran hindern kann, ihre gottverdammte Pflicht zu tun, also sich fleißig und durchaus brutal fürs sogenannte Vaterland zu schlagen. Für dieses Programm setzt Higgins leider seine große dramaturgische und stilistische Begabung ein. Da er natürlich auch gebildet ist, garniert er es mit skeptischen Äußerungen seiner Helden – nicht etwa über den politökonomischen oder sozialpsychologischen Sinn des Blutbades, sondern über den Sinn des Daseins schlechthin. Eine billige Melancholie: sie kostet nichts, man muß sein Leben nicht ändern.

Die 19jährige Erzieherin Nelly Pütz (1939–59) aus Düren rettete ebenfalls zwei Kinder – zwei nichtdeutsche zumal, grad wie bei Higgins. Sie war an einer Sommerfreizeit der Kindergruppe der Aachener Arbeiterwohlfahrt im belgischen Nordseebad Middelkerke als Betreuerin beteiligt, wofür sie sogar eigens Schwimmen gelernt hatte.** Am 22. Juli 1959 erspähte sie an einer fürs Baden gesperrten Stelle belgische Kinder, die in der Brandung offensichtlich um ihr Leben kämpften. Zwei von ihnen konnte sie an den Strand bringen, bevor sie, beim dritten Versuch, selber von der tückischen Strömung erfaßt wurde und ertrank. Nach Pütz sind mehrere pädagogische Einrichtungen benannt.

Der 28jährige Feldwebel und erfahrene Sprengmeister der Bundeswehr Erich Boldt (1933–61) traf seine Entschei-dung am 16. November 1961 – falls die Geschichte stimmt – nicht weniger schnell. Als er bei einem „Gewöhnungs-sprengen“ auf dem Truppenübungsplatz Putlos, Schleswig-Holstein, mit zwei auszubildenden Soldaten im Deckungsgraben stand, rollte eine bereits gezündete Ladung, warum auch immer, in den Deckungsgraben zurück. Boldt warf sich sofort auf sie, wodurch er seinen beiden Schützlingen das Leben rettete. Sie blieben nahezu unverletzt, während Boldt starb. Kriegsminister Franz Josef Strauß, bekannter Hätscheler des „Witwenmachers“ Starfighter, versicherte Boldts Witwe umgehend, man werde dessen „vorbildliche Pflichterfüllung“ (!) nie vergessen. Zur Benennung der Kaserne (und Unteroffi-zierschule des Heeres) in der sächsischen Kreisstadt Delitzsch nach dem holsteiner Helden kam es allerdings erst 1992, also nach der berüchtigten „Wende“ (vom kalten zum wiederaufgewärmten Krieg). Bis 1990, so Ditmar Wohlgemuth***, trug diese Kaserne den Namen des in Eilenburg geborenen kommunistischen Widerstands-kämpfers Kurt Bennewitz, der noch kurz vor Kriegsende von der SS ermordet worden war.

Otto Schmid (1922–63), schwäbischer Fußballer, eher klein, aber sprungkräftig, langjährig gefeierter Torhüter, zeitweise außerdem Spielführer des VfB Stuttgart. 1950 mit dem Club immerhin „Deutscher Meister“ geworden, hing Schmid seine Torwarthandschuhe zwei Jahre darauf an den Nagel und übernahm das Amt des Jugendtrainers. Sohn Peter erwähnt****, damals habe es als Meister-schaftsprämie pro Kopf 500 DM plus Sachgeschenke gegeben, während es 1992 schon 50.000 DM gewesen seien. Schmids Mannschaftskamerad Erich Retter, ein Verteidiger, berichtigt allerdings, es seien 1950 letztlich 2.000 DM gewesen, die just unter Schmids Anführung bei der Clubleitung herausgeschunden wurden.***** Jedenfalls dürften die damaligen Ballkünstler noch keine „Vollprofis“ und Millionäre gewesen sein. Schmid etwa war hauptberuflich als Bauingenieur im städtischen Hochbauamt angestellt. Zum Zeitpunkt seines Todes (am 16. März 1963) war er laut Nachruf in den VfB-Vereins-nachrichten****** schon seit längerem als Bauleiter im Stuttgarter Vieh- und Schlachthof stationiert. Einzelheiten deutet Sohn Peter an: „Eine Halle brannte, er ließ die Tiere heraus und bekam nicht mehr genügend Luft, ein Hirnschlag beendete sein kurzes Leben.“ Der zweifache Vater, in die lokale Poesie als „Der Gummi-Schmid, der Gummi-Schmid, / hält besser noch als Glaserkitt“ eingegangen, war 41 gewesen. Schmid galt allgemein als heiter und hilfsbereit. Sohn Peter schildert ihn als streng, aber gerecht. Ob das herausgelassene, eigentlich zum Abmurksen bestimmte Vieh in die Wälder entkam, ist nirgends zu erfahren.

* Michael Volpert auf der Fürstenfeldbrucker Webseite im April 2007
** Webseite Nelly-Pütz-Berufskolleg, Düren
*** Leipziger Volkszeitung, 15. November 2011
**** auf hefleswetzkick.de im Juni 1992
***** Stuttgarter-Zeitung.de 22. September 2013
****** Nr. 68, März–Mai 1963

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