Mittwoch, 3. Oktober 2018
Max Alsberg und Hans Litten
Geschrieben 2015/16


Max Alsberg (1877–1933) stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die ursprünglich im nordhessischen Städtchen Volkmarsen saß, wurde aber in Bonn geboren. Nach dem Studium ließ sich der durch und durch demokratisch gestimmte Jurist, zukünftige Honorarpro-fessor (ab 1931) und Schriftsteller (sogar Theaterstücke) 1906 als Rechtsanwalt in Berlin nieder. Als solcher stieg er zum „Star“ auf, der selbst in schnöden Illustrierten zu Wort kam. Daneben veröffentlichte er juristische Arbeiten für seine Zunft. Erstaunlicherweise hatte Alsberg zumindest anfänglich auch einige prominente Reaktionäre verteidigt, darunter den Großkapitalisten Hugo Stinnes (Schiebereien?) und 1920 den Bankier und „deutsch-nationalen“ Politiker Karl Helfferich. Für Gerhard Jungfer* erklärt sich die breite Verfügbarkeit Alsbergs aus dessen Hochschätzung der Unschuldsvermutung: jeder Klient ist zunächst lediglich angeschuldigt; die wahre Sachlage (die womöglich eine Verurteilung verlangt) muß sich erst zeigen. Das ist wohl eher naiv. Vorverurteilung durch die Presse, Voreingenommenheit der Richter und die Trickkiste des Staranwaltes entscheiden den skandalträchtigen Prozeß zu mindestens 80 Prozent. Was Helfferich angeht, wurde er mit einer milden Geldstrafe gestreichelt; der von ihm durch Wannen voll Schmutz gezogene Reichsfinanzminister Matthias Erzberger dagegen durfte seinen Hut nehmen. Gut 10 Jahre darauf zählte Alsberg jedoch zum Verteidigerteam im berüch-tigten „Landesverratsprozeß“ gegen Carl von Ossietzky und Walter Kreiser von der einflußreichen linken Zeitschrift Weltbühne. Dieser Prozeß wurde verloren. Mit dem Machtantritt der Faschisten mehren sich die Verfolgungen auch gegen Alsberg. Seine Kanzlei wird angegriffen, der Entzug seiner Lizenz ist nur noch eine Frage von Wochen. Deshalb weist er, laut Jungfer, auch die Bitte ab, den Kollegen Hans Litten zu verteidigen. Ende März 1933 begibt sich Alsberg, über Baden-Baden, ins schweizer Exil. Als auch seine Entlassung als Hochschullehrer vorbereitet wird, erschießt er sich bei St. Moritz, Graubünden, in dem Sanatorium, in das ihn, nach einem Nervenzusammen-bruch, seine Ehefrau Ellinor gebracht hatte. Alsberg war 55. Soweit ich sehe, hatte er keine Kinder.

In meinem 24bändigen Brockhaus (Band 1 von 1986) kommt Alsberg nicht vor. Dieses Schicksal teilt er mit dem erwähnten Rechtsanwalt Hans Litten (1903–38), der sich, vier Jahre nach Alsbergs Ende und erst 34, im KZ Dachau eigenhändig erhängte, wie zumeist angenommen wird. Der Rockmusiker Little Richard war wichtiger. Selbstverständ-lich muß Litten als Mordopfer begriffen werden. Eine Flucht hatte er mit dem Argument verworfen, viele Tausend deutsche ArbeiterInnen müßten ebenfalls im faschistischen Deutschland ausharren, weil ihnen die Mittel zur Flucht fehlten. Einige von ihnen hatte er vor Strafen bewahrt. Prompt wurde auch Litten am frühen Morgen des 28. Februar 1933, während der Reichstag noch qualmte, aus dem Bett geholt und in „Schutzhaft“ genommen.

Der Sohn eines reaktionären preußischen Justizrates und einer künstlerisch interessierten Ingenieurstochter hatte schon früh ein starkes Gerechtigkeitsempfinden ausgeprägt. Er schloß sein Jurastudium in Berlin ab und ließ sich dort 1928 gemeinsam mit seinem in der Roten Hilfe engagierten Kollegen Ludwig Barbasch als Anwalt nieder. Zu den Höhepunkten von Littens Laufbahn zählte der Edenpalast-Prozeß vom Mai 1931, bei dem es um einen SA-Überfall auf proletarische Besucher eines Tanzlokals ging. Es gelang Litten, Adolf Hitler vorzuladen und derart in die Enge zu treiben, daß sich der zukünftige „Reichs-kanzler“ in einem Wutanfall bloßstellte. Das vergaß er Litten selbstverständlich nicht. Im selben Jahr brachte der rote Rechtsanwalt durch eine Finte (Jungkommunist Heidrich ohrfeigt Polizeipräsident Zörgiebel) ein Gericht zu dem Eingeständnis, am sogenannten Blutmai 1929 habe es ohne Zweifel antikommunistische Exzesse der Berliner Schutzpolizei gegeben. Gleichwohl wird Karl Friedrich Zörgiebel nie belangt. 1953 erhält er (für 32 tote und rund 200 zum Teil schwer verletzte Demonstranten oder Schaulustige) das Große Bundesverdienstkreuz, wie ich schon einmal früher erwähnte.

Die folgenden Angaben entnehme ich vorwiegend Irmgard Littens Buch über ihren ermordeten Sohn, das erstmals 1940 in mehreren Ländern zugleich erschien.** Danach war Hans Litten, obwohl weit links stehend, erklärter-maßen parteilos. Olden nennt den jungen Berufskollegen einen „revolutionären Christen“, spricht von seinem „heiligem Eifer“, seiner Sorgfalt, seiner Uneigennützigkeit. Daher auch jene Weigerung zu fliehen, obwohl, wie seine Mutter versichert, im Ausland ein Haus und ein Geldguthaben auf ihn warteten. In linken und liberalen Kreisen genoß er einen hohen Ruf. Nach Irmgard Litten beziehungsweise den vielen Zeugnissen, die sie anführt, war ihr Sohn auch in der mehrjährigen Haftzeit vielverehrt. Er galt als vorbildlich, äußerst gelehrt und strikt solidarisch, verriet also auch niemanden, obwohl er wiederholt Zeiten schwerer Mißhandlungen und Folterungen durchzumachen hatte. Vom erschreckend verbreiteten Sadismus des Nazi-Personals einmal abgesehen, verdankte er diese Qualen vornehmlich jenem Zusammenstoß mit Hitler vor Gericht, sodann seiner Weigerung, das Anwaltsgeheimnis zu brechen und erwünschte Auskünfte über andere Strafsachen zu liefern. Lieber unternahm er an Gipfelpunkten der Züchtigung (mehrere) Selbstmordversuche, etwa mit Zyankali, das seine Mutter, die ihn, soweit gestattet, unermüdlich besuchte, oder andere Freunde besorgt hatten. Wie er immer wieder zu Heiterkeit und Tatkraft zurückfinden konnte, ist schwer zu verstehen. Neben seiner Gerechtig-keitsgläubigkeit spielten wohl Gutherzigkeit und ein asketischer Zug mit. Litten war in der Freiheit strenger Vegetarier, also auch Tierfreund gewesen. Daneben liebte er Kinder, hatte aber selber offenbar keine.

Und ja, er liebte das Recht. Ob er vielleicht auch Recht-haber war, kann ich schlecht beurteilen. Ohne Zweifel ging sein „asketischer Zug“ mit einer gewissen Sturheit einher, mit der er in seinen vielen Diskussionen und KZ-Lehrveranstaltungen seine zum Teil recht abseitigen Auffassungen verfocht, ob sie nun politische Maßnahmen oder die Rolle des Mittelhochdeutschen im Schulunterricht betrafen. Vielleicht war er in dieser Hinsicht gerade nicht sonderlich duldsam. Sollte er also auch einen fanatischen Zug besessen haben, scheint mir doch sicher, obwohl es nirgends ausdrücklich gesagt wird, daß er konsequent friedliebend war, es also verabscheute und ablehnte, irgendetwas, ob Meinung, Parteilinie, Recht, Unrecht oder Laune, mit Machtmitteln durchzusetzen. Andernfalls wäre er Kommunist geworden, nicht revolutionärer Christ. Olden weist sehr richtig und fast unübertrefflich prägnant darauf hin, Wert und Würde jeder Rechtsprechung beruhten hauptsächlich auf der Unvoreingenommenheit der Richter und der Glaubwürdigkeit der Zeugen und des Eides. Also nicht etwa hauptsächlich auf Buchstabengläu-bigkeit, wie ich schon früher wiederholt betont habe. Doch in jener „Welt des Kampfes und der moralischen Abstumpfung“ um 1930 sei dieses Fundament mehr und mehr der „Parteileidenschaft“ zum Fraße gefallen, also dem Clandenken, der Eigennützigkeit, der Vorteilsnahme, dem Kampf um die Macht. Selbstverständlich schließt dieser Machtkampf nicht nur die Rechtsbeugung, sondern den Betrug mit allen Mitteln ein. Und sehe ich mich um, haben wir dieses Klima, bei dem man das Recht getrost in der Pfeife rauchen kann, heutzutage, um 2000, schon wieder. Auf allen Kanälen wird schöngefärbt und verleumdet; auf allen Kanälen wird zur Lüge erzogen; der aufrichtige Mensch gilt bereits als krank.

Littens Schicksal erinnert in vielem an den anarchistischen Schriftsteller Erich Mühsam, den seine Mutter auch wiederholt erwähnt. Allerdings wissen wir, im Unterschied zu Mühsam, in puncto Liebschaften Littens, auch durch seine Mutter, rein gar nichts. Vielleicht war er auch in dieser Hinsicht entsagungsvoll, eben ein „Heiliger“, aber offenbar um keinen Deut hochnäsig, obwohl er „aus guter Familie“ stammte. Als junger, unermüdlicher Rechtsan-walt in Berlin hatte er, laut Mutter, eine „Sekretärin“ namens Margot Fürst, die bei seiner Verhaftung (1933) erst um 20 war. Seine Geliebte war sie kaum. Sie wohnten zwar auch zusammen, jedoch gemeinsam mit Margots Gatten Max Fürst, einem Tischler und Jugendfreund Hans Littens, und den Kindern dieses Ehepaares. In dieser gemeinsamen Wohnung war Litten verhaftet worden.

Margot beteiligte sich dann beträchtlich an den geradezu titanischen Bemühungen seiner Mutter um Haftverbes-serung und Freilassung. Übrigens gibt Frau Litten zahlreiche Gespräche derart ausführlich wieder, daß man ihr Gedächtnis gewaltig nennen muß, desgleichen ihren Fleiß, mit dem sie diese Gesprächsszenen entweder gleich zu Hause protokolliert oder aber später erinnert hat. Man gewinnt den Eindruck, der etwas schwülstige Titel ihres Buches sei nicht verfehlt, nämlich sie habe fünf Jahre lang nur für die Rettung ihres Sohnes gelebt. Dabei bleibt sie stets bescheiden und hält sich selber und den Rest der Familie im Hintergrund. Selbst von ihren Gefühlen, darunter vor allem Sorgen, Ängste, Gram, gibt sie wenig preis. Als junge sächsische Ingenieurstochter und Lieb-haberin der Kunstgeschichte war Irmgard betrüblicher-weise an den weit rechts stehenden Juristen Fritz Litten geraten, der es (in Königsberg) bis zum Universitätsrektor, „Geheimen Justizrat“ und Berater der preußischen Regierung brachte. Sein Verhältnis zu Sohn Hans war „schlecht“. Dafür wurde Irmgard Litten in ihrem Kampf von Hans' Brüdern Rainer und vor allem Heinz unterstützt, beides (linke) Theaterleute. Rainer, auch Filmschauspieler, floh vor Verfolgungen, über Frankreich, in die Schweiz; Heinz, als Dramaturg in Chemnitz gefeuert, harrte noch aus. Nebenbei war der ganze Kampf natürlich sehr kostspielig, aber am Geld scheiterte in diesem Fall nichts. Zudem konnte Irmgard Litten zahlreiche „Beziehungen“, teils zu Ministern, in die Waagschale werfen – vergeblich. Man kann daraus ersehen, welche Kragenweite dieser Todfeind der Faschisten (und von Hitler persönlich) namens Hans Litten besessen haben muß. Ferner ist es, bei der Vornehmheit seiner Mutter, umso erstaunlicher, wenn diese wiederholt keinen Hehl aus ihrem Haß auf die Faschisten macht. Sie träumt sogar von Rache, Abrechnung, Vergeltung.

Was daraus wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. 1933 amtsenthoben, ging ihr Gatte mit ihr nach Berlin, und dann, bald nach dem Tod von Sohn Hans, nach London ins britische Exil. Dort arbeitet Irmgard Litten an ihrem Buch sowie, zwecks Geldverdienst, für das „Informations-ministerium“ und die BBC. 1950, schon verwitwet, kehrt sie nach Deutschland zurück – und zwar nach Ostberlin. Dort stirbt sie drei Jahre darauf mit 73. Eine schwerge-prüfte und große Frau.

* Aufsatz von 1988, hier auf Stephan Bartons Alsberg-Webseite
** Eine Mutter kämpft gegen Hitler, hier DDR-Ausgabe Rudolstadt 1985, Originalvorwort von Rudolf Olden.

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