Mittwoch, 3. Oktober 2018
Der Mann im Trafoturm
Erstveröffentlichung 2006 in Die Brücke

Da ich Spielzeug prüfe und an der Erteilung von Prädi-katen und Zertifikaten mitwirke, bin ich oft auf Reisen. Kürzlich hatte ich in Tabarz im Thüringer Wald zu tun, wo die Firma Kellner lustige Steckfiguren aus Buchenholz herstellt, deren VorläuferInnen aus Plastik bereits in der ehemaligen DDR beliebt waren. Die Begegnung mit Hans Georg Kellner und seinen wenigen Mitarbeitern (beiderlei Geschlechts) gestaltete sich erfreulich, außerdem schneite es. Ich entschloß mich, meinen Aufenthalt um einen Tag zu verlängern, um zu wandern. Zum Ziel erkor ich mir das Städtchen Waltershausen, das neben einer vielgerühmten Barockkirche ein Puppenmuseum aufweist. Gegen Abend konnte ich dann mit der Thüringer Waldbahn wieder nach Tabarz zurückkehren. So kam es auch, allerdings war ich um eine unverhoffte Sehenswürdigkeit reicher.

Ich lief durch den verschneiten Wald. Nach gehöriger Steigung senkte sich der Weg in eine Schlucht, durch die sich ein hübsches Rinnsal schlängelte. Leider vernahm ich nicht nur den schrillen Flugruf des Schwarzspechts, sondern auch Motorenlärm. Bald darauf kam eine Art Fauchen wie von einem riesigen Luchs hinzu, das in einem gewaltigen Aufklatschen endete. Offenbar wurde am Westhang Holz geschlagen.

Als mir ein über den Fahrweg gespanntes rotweiß schraf-fiertes Plastikband Einhalt gebot, stapfte ich vorsichtig ausäugend den Hang hinauf, um auf den Herd des Lärmes zuzuhalten. Ich stieß auf zwei behelmte Männer mit Kettensägen. Der eine schnitt die Äste von einer gefällten Kiefer, während der andere gerade einer mächtigen Lärche zu Leibe rückte. In diesem Moment ging mir auf, zwar durchaus viel von Holzspielzeug zu verstehen, nichts dagegen von der Gewinnung des erforderlichen Rohstoffes. So sah ich nach kurzer Absprache mit dem Mann an der Kiefer beim Fällen der Lärche zu. Ich hielt mich dabei rund fünf Meter hangaufwärts des todgeweihten Baumes. Die Erläuterungen berücksichtigt, die mir die beiden Männer wenig später in einer Teepause am frischen Baumstumpf gaben, geht der Waldarbeiter beim Fällen nach folgendem Muster vor.

Zunächst sägt er in der gewünschten Fallrichtung eine keilförmige Kerbe in den Baumfuß, die dem Stamm einen Spielraum zum Abknicken gewährt. Dann bringt er entgegengesetzt, allerdings eine Handbreit höher, den horizontalen Fällschnitt an. Bei dickeren Bäumen muß er ihn von hinten durch Eisenkeile unterstützen, weil das Gewicht des Stammes sonst das Schwert der Kettensäge einklemmen würde. Er sägt jedoch nie bis zur Fallkerbe; vielmehr läßt er eine ungefähr armdicke Bruchleiste stehen. Nähert sich die fressende Kette dieser Grenze, fängt der Baum in der Regel schon zu wanken an. Die gleich darauf borstig wirkende Bruchleiste, die an Baumstümpfen oft noch gut zu erkennen ist, steuert den Fall wie ein Scharnier.

„Sie haben hier zufällig den Normalfall erlebt, wenn ich so sagen darf“, nickte Herr Friedhelm Ranft den mindestens 25 Meter langen Lärchenstamm hinab, bevor er mir mit seinem Teebecher zuprostete. „Als Holzfäller müssen Sie stets auf der Hut sein. Ein ungünstiger Schwerpunkt, eine Fäule im Kernholz oder ein Verhaken beim Niedergehen können den abknickenden Stamm unberechenbar ausschlagen lassen. Die Unfallrate ist hoch.“

Der untersetzte Landwirt lebte jedenfalls noch; der gelüftete Helm hatte seine Altersglatze zum Vorschein gebracht. Aus einem Jeep, der in der nächsten Schneise stand, hatte sein Mitarbeiter Lem Schröfer einen dritten Becher hervorgezaubert, sodaß ich ebenfalls in den Genuß des heißen Getränkes kam. Den schwarzmähnigen, hageren Schröfer schätzte ich auf Mitte 40. Seltsamerweise paarte sich seine Zurückhaltung mit einem scharfen, fast durchdringenden Blick. Beide Männer kannten den Spielzeugmacher Kellner aus Tabarz, wo ich herkam.

„Lem verfaßt sogar öfter Texte für ihn“, verriet mir Ranft nicht ohne Stolz. „Für den Katalog und so.“

„Sie schreiben?“ wandte ich mich erstaunt an Schröfer.

Er zuckte nur mit den Achseln. Ranft dagegen warf seinen Handrücken fast bis unter Schröfers Nase und polterte halb belustigt und halb vorwurfsvoll:

„Er könnte längst in aller Munde sein und von Büchern statt von Bäumen leben, wenn er nur gewollt hätte!“

Wie sich versteht, sah ich fragend von einem zum anderen. Ranft schmunzelte nur. Schröfer war inzwischen vermut-lich seinerseits neugierig auf meine Berufstätigkeit geworden, denn wir unterhielten uns später noch ausführ-lich darüber. Zwar blieb er mir eine Erklärung schuldig und bückte sich zum Lärchenstumpf, um seinen Helm wieder aufzusetzen, doch dabei schlug er mir vor:

„Wenn Sie sich ohnehin in Waltershausen umsehen wollen, können Sie ja einmal am Nachmittag bei mir vorbeischauen. Wir machen hier nur noch bis eins.“

„Das nehme ich gerne an. Sie müßten mir nur verraten, wo ich Sie finde.“

Schröfers Arbeitgeber Ranft schüttelte grinsend seinen Teebecher aus. „Nichts leichter als das! Lem bewohnt als einziger Thüringer ein Trafohäuschen. Es ähnelt einem zierlichen Wachturm. Wenn Sie gleich in die Stadt kommen – hinter dem Sägewerk rechts ab – werden Sie es kaum übersehen können. Es liegt am Waldtor schräg gegenüber von dem plätschernden Brunnen. Das Wasser friert nie ein.“

Ich behielt mein Erstaunen für mich und nickte. Dann dankte ich den beiden Männern, um sie wieder ihrem gefahrvollen und vermutlich auch schweißtreibenden Geschäft zu überlassen. Während ich den Hang hinunter stapfte, rissen sie ihre Sägen an. So singen heutzutage im Winter die Wälder.

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Der Trafoturm hatte ein steiles Ziegeldach. Westgiebel und Eingangstür gingen auf einen kleinen Platz, der von ein paar eher schäbigen Vorstadthäusern umstellt war. Mit der Ostseite hatte das eckige Türmchen an einem Haus geklebt, das günstigerweise abgerissen worden war. Dadurch konnte Schröfer einen Kamin anmauern, der ihm im Inneren seiner neuen Bleibe kostbaren Platz gestohlen hätte. Beim Eintreten fiel man beinahe in den wuchtigen, eisernen Ofen, der das Erdgeschoß beherrschte. Zur Linken schlossen sich eine schmale Spüle und eine Toilettenschüssel an. Zur Rechten war eine Eisenleiter in die Wand eingelassen, die durch je eine Luke ins Ober- und ins Dachgeschoß führte. Hinter ihr lag ein unterteiltes ovales Fenster, das diesem um 1900 errichteten Umspann-häuschen im Verein mit einer Dachtaille einen Hauch von Jugendstil verlieh. Nachdem die Stromkabel unter die Erde gewandert waren, ließen die Stadtwerke es entkernen und vergaßen es fast. Lem Schröfer bekam es vor einigen Jahren für rund 8.000 Euro.

Neben manchem anderen hatte Schröfer einen witzigen Lastenaufzug eingebaut. Schließlich verlangte ihm die senkrechte Leiter ab, sich stets mit zumindest einer Hand festzuhalten. Nachdem ich die Haustür hinter mir geschlossen und meinen Mantel an sie gehängt hatte, bat mich Schröfer von der Luke her, die Teekanne vom Ofen zu nehmen und in die Aufzugskiste zu stellen. Diese lief im rechten Winkel zur Leiter zwischen zwei Schienen ebenfalls senkrecht durch den Turm. Ich kletterte ins Obergeschoß. Die Teekanne folgte mir, weil Schröfer ein über Rollen laufendes Zugseil betätigte.

Wir schlürften mit Rum versetzten Tee und unterhielten uns bedächtig. An den vier kleinen Fenstern trudelten Schneeflocken vorbei. Durch die Luke stieg die Ofen-wärme. Schröfer hatte mir einen bequemen Clubsessel angeboten, der bald die Hälfte seiner Wohnstube einnahm. Er selber saß auf seinem einzigen Stuhl. Eine schmale Holzplatte, die ihm sonst als Schreibtisch diente, war nach unten an die Wand geklappt. Auf dem Estrich lag Linoleum. Die fensterlose Kaminwand wurde von einem verglasten Einbauschrank eingenommen, der vor allem Bücher enthielt. Welche von Schröfer allerdings nicht.

„Mit dem Duo Name/Erfolg verhält es sich offenbar ähnlich wie in der berüchtigten Wohnung-Arbeit-Relation“, holte Schröfer lächelnd zu seiner Erklärung aus. „Ohne das eine bekommen Sie das andere nicht. Jahrelang ging ich mit meinen Texten betteln. Von 500 Redakteuren, Kritikern und Lektoren erlebte ich 300 als das Schweigen der Wälder und die restlichen 200 als MeisterInnen der Vertröstung. Kam ich hin und wieder in einem Feuilleton zum Zug, das ohnehin jeder zweite überblätterte, wurde mir bedeutet, ich möge dies als Gnade auffassen. Selbst die HerausgeberInnen winziger Literaturzeitschriften erfuhr ich als HerrscherInnen über Gedeih und Verderben. Ich beteiligte mich auch an zahlreichen Wettbewerben. Allerdings war ich von den meisten ausgeschlossen, weil ich noch keine Buchveröffentlichung vorzuweisen hatte. Unterdessen wurden Erfolgreiche wie Grass, Walser, Aichinger mit Literaturpreisen geradezu beworfen; der Teufel scheißt stets auf den größten Haufen.

Schließlich machte mich jemand auf den Ströhlinpreis aufmerksam. Für den deutschsprachigen Raum ist es der einzige renommierte Literaturpreis, der für unveröffent-lichte Prosamanuskripte vergeben wird. Vor einigen Jahren war er auf 22.000 Euro dotiert. Ich reichte ein Manuskript ein, das bereits über mindestens 22 Lektorats-anrichten gewandert war. Wie Sie inzwischen vermuten werden, konnte ich den Preis zufällig ergattern. Aber was meinen Sie, was plötzlich los war? Mein Telefon stand kaum noch still. Alle Welt bekniete mich um Texte, bot mir Buchverträge oder TurmschreiberInnenposten an und ersuchte mich um ein Interview. Bei diesem Aufheben gewann ich den Eindruck, noch eine Stunde vor der Vergabe des Ströhlinpreises ein unwichtiger, bedeutungs-loser – ein anderer Mensch gewesen zu sein. Dadurch stürzte ich in eine Identitätskrise. Ich beendete sie mit der Feststellung, lieber jener andere Mensch bleiben zu wollen. Ich sagte alles ab und wechselte die Adresse. Diesen Turm habe ich mir von dem Preisgeld gekauft und hergerichtet. Wie ich meinen Lebensunterhalt bestreite, wissen Sie.“

Wir sprachen dann noch eine Weile über Fragen des Innenausbaus und der Lebensführung. Ich versäumte es auch nicht, Schröfers WC im Erdgeschoß zu benutzen sowie einen Blick durch die obere Luke ins Dachgeschoß zu werfen. Es wurde im wesentlichen durch ein von einer Musikanlage flankiertes Matratzenlager ausgefüllt. Auf der hellgrauen Überwurfdecke lagen ein paar bunte Kissen. Außerdem schaukelten sich talismax und taliselse auf ihr, die zu Kellners oft umwerfend komischen Steckfiguren zählen. Zwischen ihnen – leuchtend blau mit Knollenkopf und Antennenarm – Kellners zeitgemäße Kreation maxy, das Handy zum Stecken. Sämtliche Teile aus Buchenholz, alle austauschbar. Die Kombination ist dem Kind überlassen.
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