Mittwoch, 3. Oktober 2018
Panglos I & II
Ungeschriebener Roman, 2016


Als Mauds Handy dudelte, war sie gerade im Begriff gewe-sen, mit der verkantet geführten Hacke die Pfahlwurzel einer kräftigen Distel freizulegen. Die unerwünschte Pflanze ging ihr fast bis zum nackten Knie. Maud stützte sich mit der einen Hand auf den Hackenstil und griff mit der anderen zu ihrem Gürtel. Sie trug eine hellblaue kurze Hose.

Was die Distel anging, kam es natürlich darauf an zu verhindern, daß ihre Wurzel neben den jungen Kartoffeln im Acker stecken blieb. Ein paar MitstreiterInnen auf dem Acker guckten bereits lauernd. Das galt allerdings Mauds Handy. Mit einiger Wahrscheinlichkeit war die 43jährige Irin mit dem feuerroten Schopf und den lustigen Sommer-sprossen auf Sichtweite der einzige Träger eines Handys. Man sah zur Rechten verschiedene weißgetünchte, blinkende Gebäude der Kartoffelkommune, zur Linken einen Olivenhain, der den sanft ansteigenden Acker krönte. Auch das schmale, teils silbrige Laub der Oliven-bäume flirrte in der Vormittagssonne. Vom Meer her wehte eine sanfte Brise. Die Wellen der Ägäis beleckten den hellen Sandstrand gleich jenseits der erwähnten Gebäude und des Damms der Inselbahn.

Falls Maud Gedanken an Badefreuden gehegt haben sollte, wurden sie ihr von „Snoopy“ Willem rasch genommen. Von ihm kam der Anruf. Er sagte:

„Du weißt, welche Gäste wir auf dieser Insel der Glück-seligkeit seit einigen Jahren zumindest insgeheim am meisten fürchten, Maud ..?“

Zwar wußte sie es auf Anhieb nicht, weil Willem ihr noch keinen Aufenthaltsort genannt hatte, aber sein unheil-schwangerer Tonfall ließ sie unwillkürlich den Hackenstiel umkrampfen. Willem fuhr fort:

„Ich stehe unweit der Victor-Serge-Klippen am Strand und erfreue mich am Anblick eines gelben Schlauchbootes mit Außenbordmotor, das heillos überfüllt war. Es sind ungefähr 50 Leute, Maud ...“

Sie erschrak. Während ihr die Hacke entglitt, fragte sie ungläubig: „Ungefähr 50 Bootsleute ..?“

„Ja. Angeblich kommen sie aus Libyen.

„AfrikanerInnen?“

„Ja, es sieht so aus. Neben mir steht ein abgezehrter, schwarzer Mann um 30, der leidlich Englisch spricht. Ein Genosse von der GO Silbermöwe hat uns alarmiert. Indira ist auch hier. Die Gäste aus Übersee hätten uns fast abgeküßt. Da haben wir erst einmal davon Abstand genommen, ihr verdammtes Schlauchboot mit unseren Dienstpistolen zu durchsieben. Bewaffnet sind sie jeden-falls nicht, wenn wir uns nicht irren.“

„Ach du liebe Scheiße, ach du liebe Scheiße!“ jammerte Maud und trat nach der noch nicht gefällten Distel. „Und was machen wir jetzt?“

„Erst mal Wasser trinken, würde ich sagen. Wir führen den lieben Besuch zur Kantine der Silbermöwe, dann sehen wir weiter. Oder was meinst du?“

„Ja, macht das! Ich bin spätestens in einer halben Stunde dort.“

Die Kartoffelkommune, in der Maud schon seit rund 20 Jahren lebte, war die größte Wohngemeinschaft der GO Kaute, die wiederum zum Dorf Diogenes gehörte. Bis zum Bahnhof hätte Maud nur einen Katzensprung gehabt, doch da die Personenzüge der Inselbahn lediglich im 30-Minuten-Takt verkehrten, schwang sie sich auf ihr Fahrrad, nachdem sie sich etwas frisch gemacht und einen Becher kalten Pfefferminztee getrunken hatte. Das Rad wies eine 7-Gang-Kettenschaltung und sogar einen nach unten gekrümmten Rennlenker auf.

Die Victor-Serge-Klippen lagen ungefähr fünf Kilometer weiter südlich. Maud war kein Haferhalm, sie trat kräftig in die Pedale. Trotzdem zitterte sie. Ihre Gedanken flatterten durchaus heftiger – nämlich nicht nur in eine Richtung – als ihre durch eine weiße Schirmmütze notdürftig gebändigten roten Locken, während sie über die schmale, asphaltierte Straße sauste, die mal den Bahndamm, mal die einwärts gelegenen Hänge oder Felsen streifte. Günstigerweise mußte sie nicht auf den Autoverkehr achten, weil es auf Panglos so gut wie keinen gab. Nach rund einem Kilometer kam ihr ein zweispän-niges Pferdefuhrwerk entgegen. Der Anhänger war hoch mit Möbeln, Kisten und Koffern beladen. Es sah nach einem Umzug aus. Obwohl sie die drei Leute auf dem Kutschbock noch nicht einmal vom Sehen kannte, riefen sie ihr ausgelassen „Hallo Maud!“ zu. Sie zwang sich zu einem ähnlich fröhlichen Winken, bevor sie vom Schatten der steilen Fuhre verschluckt wurde. In Wahrheit hatte sie das Amt, dem sie ihre Bekanntheit verdankte, auf dem zurückliegenden Kilometer schon mindestens ein Dutzend mal verflucht.

Maud O'Conner war seit etlichen Jahren die Verteidi-gungsrätin der Freien Republik Panglos. Wahrscheinlich war sie, von ihren beiden Vorgängern einmal abgesehen, der erste Mensch auf der Welt, der sich mit dieser defensiven Amtsbezeichnung keine Beschönigung leistete. Wen hätten rund 12.000, in militärischer Hinsicht bestenfalls mäßig ausgebildete RepublikanerInnen, Kinder und Greise noch abgezogen, auch angreifen sollen? Die Republik verfügte noch nicht einmal über einen kleinen Kreuzer, mit dem sie die rund acht Kilometer bis zur ostkastonischen Küste hätte überwinden können, um die Hafenstadt Nokto zu beschießen. Dort legten die Fähr-schiffe der Republik an.

Normalerweise hätte sich Maud bei ihrer Radfahrt auf der Küstenstraße am Wetter, der Landschaft, dem Meer und dem Himmel erfreut, die sich allesamt so wohltuend von den Bedingungen abhoben, unter denen sie auf der ungleich größeren Insel Irland aufgewachsen war. Doch heute hatte sie für nichts davon ein Auge. Mehrmals war sie sogar versucht, während der Fahrt ratsuchend zu telefonieren, mit dem Chef vom Dienst in Muh zum Beispiel, oder mit „Papa Seppl“ (der eigentlich Giuseppe hieß). Sie verwarf das jedes Mal. In wenigen Minuten würde sie ein genaueres Bild von der „Katastrophe“ haben, und auf eine halbe Stunde mehr oder weniger kam es bestimmt nicht an. Die „halbe Stunde“ wurde ihr von einem Zug der Inselbahn eingegeben, der sich gerade aus dem Dorf Saccozetti löste und ihr nun mit mäßiger Geschwindigkeit entgegen kam. Auch hier hieß es winken. Die leidlich schnittigen, ausnahmslos grellorange lackierten Triebwagen fuhren auf zwei Gleisen mit Oberleitungsstrom in beiden Richtungen um die gesamte Insel. Es hatte nicht an Versuchen gefehlt, sie in Kunstwerke oder Wandzeitungen zu verwandeln, aber die betreffenden Rebellen waren darin noch stets gescheitert. Diese Händel waren allerdings Possen im Vergleich zu dem, was nun auf Maud zukam.



II

Die 380 Quadratkilometer große Insel Panglos liegt auf der Höhe von Neapel und Istanbul rund acht Kilometer vor der ostkastonischen Küste in der nördlichen Ägäis. Das Klima ist warm und mild. Die ungefähr nierenförmige, fruchtbare Insel wird von einigen Gebirgen bis 1.200 Meter Höhe durchzogen. Ihre rund 12.000 BewohnerInnen siedeln vorwiegend in rundum verteilten Küstenortschaften von maximal 1.000 Einwohnern. Diese Dörfer sind durch eine zweigleisige Eisenbahn verbunden, die sowohl Menschen wie Güter befördert. Hauptanlegestelle ist das Hafendorf Muh, das die kürzeste Verbindung nach Nokto an der ostkastonischen Küste gewährt. Die Fähren werden von der Republik Panglos betrieben, allerdings vom „großen Nachbarn“ Kastonien (dem die Insel früher einmal gehörte) bezuschußt, da die Stadt Nokto von den nicht wenigen ausländischen Besuchern der Inselrepublik, zum Teil auch vom Handel mit dieser profitiert. Die Insel hat keinen Flugplatz. Die vorhandenen Straßen und Fahrwege werden fast ausschließlich von Pferde- oder Maultierfuhr-werken und Fahrrädern benutzt. Verkehrsschilder und Ampeln sind unbekannt. Geld wird lediglich im Außen-handel und BesucherInnenverkehr verwendet. Obwohl die Inselrepublik über zahlreiche Sandstrände verfügt, hat sie den herkömmlichen Tourismus nahezu eingedämmt. Sie kann sich weitgehendst selbstversorgen, ist also mehr oder weniger autark.

Gemäß ihrer Verfassung ist Panglos eine freie und egalitäre Republik, die keine Bündnisse mit anderen Staaten oder Staatsverbänden eingeht. Zu Kastonien steht sie seit Jahrzehnten in unterschiedlich enger friedlicher Koexistenz, je nach dem Regime, das auf dem Festland gerade herrscht. Ihre Gründung verdankt sie dem Zweiten Weltkrieg und der Überzeugungskraft der anarchistisch geprägten Volksfront, die die deutschen, italienischen und bulgarischen BesatzerInnen von der Insel fegte. Zwar zogen es nicht wenige damalige EinwohnerInnen vor, die Insel nach Ausrufung der Republik mit dem Festland zu vertauschen, doch dafür kamen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte libertär gesinnte Kräfte aus allen Teilen der Welt. „Nationalität“ oder gar „Rasse“ der Inselbevölkerung lassen sich inzwischen unmöglich bestimmen. Als Haupt-verkehrssprache setzte sich Englisch durch.

Das Fundament der Inselgemeinschaft bilden die Grund-organisationen (GOs), die im Schnitt um 100 Personen umfassen, Kinder eingeschlossen. Sie regeln den Alltag ihrer Angehörigen nahezu selbstständig. Sie sind auch für Neuaufnahmen oder Ausschlüsse von Republikanern zuständig, was bedeutet, daß kein „höheres“ Gremium bestimmen kann, wer zur Republik gehört und wer nicht. Ansonsten wird die Republik vom Inselrat verwaltet, der jährlich auf der Vollversammlung der Republik gewählt wird. Zwar sitzt der Inselrat offiziell im Rathaus Muh, doch die Örtlichkeiten haben bei der Verwaltungsarbeit keine große Bedeutung, da fast alles über Intranet und Telefon läuft. Auf diese Kommunikationsnetze hat jeder Republikaner völlig ungehinderten Zugriff. Daneben ist das Intranet auch von jedem Ausländer einsehbar. Mit anderen Worten: es gibt in Panglos nicht die geringste Geheimarbeit.

Da die Republik jedes Gewaltmonopol verachtet, sind alle RepublikanerInnen bewaffnet und entsprechend ausgebildet. Gewiß hätte dieser Umstand zumal in den Anfängen der Republik niemals ausgereicht, imperia-listische oder andere kriminelle Übergriffe auf die Insel zurückzuschlagen. Was ihr schlicht zugute kam, war das Nichtvorhandensein der Begehrlichkeiten, die sonst solche Übergriffe veranlassen. Die Gebirge der Insel waren ihrer Gold- und Edelsteinvorkommen längst beraubt, Öllager hatte es nie gegeben, und für den weißen Marmor allein hätte wahrscheinlich selbst der jeweilige Hampelmann im Weißen Haus von Washington keinen internationalen Konflikt riskiert. Im übrigen hat Panglos Beistandsverträge mit einigen Staaten, darunter Rußland und Persien.

Die Betreuung der Volksarmee obliegt dem Verteidigungs-rat der Insel, dem einzigen weltweit, der diesen Namen verdient. Selbstverständlich kann er auch eine Frau sein, dann heißt der Posten Verteidigungsrätin. Diese Rätin leitet außerdem eine winzige Polizeitruppe, deren 28 Angehörige Snoopies genannt werden. Zwar kann jeder Republikaner Gewalt anwenden und Recht durchsetzen, wie er es gerade für angemessen hält, doch in der Regel hat er Wichtigeres zu tun, zum Beispiel Oliven pflücken oder Kinder hüten, Klavier spielen oder Pferde zureiten. Die Snoopies haben vor allem ein Auge für Kriminalität, die von außen droht. Zu ihnen zählen auch Computerfach-leute, die digitalen Angriffen vorzubeugen oder zu begeg-nen haben. Sie sind keine hauptberuflichen „Polizisten“, werden aber für ihr zeitlich begrenztes Amt von ihrer jeweiligen GO von bestimmten Aufgaben entlastet, wenn auch nur dem Umfang nach. Grundsätzlich gibt es keinen Republikaner, der bestimmte Aufgaben nie übernähme, beispielsweise Kloputzen oder Knöpfeannähen.

Mit den Snoopies stehen wir vor dem entscheidenden Konflikt, der den geplanten Roman tragen sollte. Ich habe ihn durch das vorstehende Eingangskapitel angedeutet. Es liegt auf der Hand, daß die Ankunft von afrikanischen Flüchtlingen in einer kleinen Inselrepublik wie Panglos gewaltige Probleme aufwirft, nicht zuletzt moralische. Zurückschicken kann man sie kaum. Wer wollte diese Menschen? Wo würden sie nicht schikaniert? Andererseits hat Panglos mit Grund sehr strenge Aufnahmebestim-mungen. Es kann sich weder Tausende von zusätzlichen hungrigen Mäulern noch neue Mitglieder leisten, die wahrscheinlich kaum den geringsten politischen und charakterlichen Anforderungen entsprechen. Bekanntlich flüchten auf den Booten nicht unbedingt die aufgeklär-testen und uneigennützigsten BewohnerInnen Afrikas. Wie soll man auf einen Schlag Dutzende von Konsumsüchtigen, Karrieristen, schnöden Kriminellen oder auch nur seelisch und körperlich Zerrütteten verkraften? Der Witz dabei ist: begegnet man der ersten Fuhre von 50 Leuten mit Freund-lichkeit und Hilfsbereitschaft, kommen über kurz oder lang die nächsten Fuhren, weil sich die Angelegenheit in Windeseile bis zum Kap der Guten Hoffnung herum-spricht. Die Inselrepublik wird von einer wahren Flücht-lingswoge überspült. Wehrt sie sich dagegen, wird sie unweigerlich militarisiert, verroht – und zerstört.

Ich sehe im Moment keine Lösung des Problems. Ich könnte mir allerdings denken, daß es Lösungen gibt; man müßte sie eben, im Laufe des Schreibens, suchen und finden. Wobei es auch denkbar ist, der Hauptkonflikt bleibt offen. Zunächst einmal werden sich durch die Ankunft dieser (recht verschiedenartigen) Menschen Nebenkonflikte ergeben, vielleicht auch angenehme Über-raschungen. Diebstahl hier, Bereicherung durch praktische Vorschläge dort; ein sexueller Übergriff – eine neue Liebe für Maud; eingeschleppte Krankheit – Heilkunde aus dem Busch und dergleichen mehr.

Weitere Konflikte werden sich selbstverständlich aus der Erörterung des Hauptkonflikts ergeben. Vielleicht sprechen sich etliche RepublikanerInnen für eine unbarmherzige Abschiebung aus. Andere zerfließen vor Mildtätigkeit. Neoliberale oder kommunistische Blätter aus aller Welt werden Panglos mit Häme und Verleum-dungen übergießen. Vielleicht gibt es sogar vereinzelte einheimische Gewalttaten gegen die Flüchtlinge. Immer-hin ist die gesamte Republik bewaffnet, wie ich oben betonte.

Was die Struktur und Kultur der Republik betrifft, dürfte vieles aus Konräteslust übernehmbar sein, doch manches müßte auch abgeändert oder neu erfunden werden. In diesen Gesichtspunkten liegen aber nicht die entschei-denden Gründe, die mich veranlassen, das vielverspre-chende Projekt wieder zu verwerfen. Das größte Problem sehe ich in den Figuren der Flüchtlinge. Ich traue mir nicht zu, mich hinreichend in ihre Lage und ihre Haut zu versetzen und sie entsprechend überzeugend handeln zu lassen. Allgemeiner gesprochen, bin ich vom Naturell her ohnehin weder ein begnadeter Erzähler noch ein begna-deter Psychologe. Da hole ich mir die Körbe lieber für meine in Angriff genommenen Lexika über Unfallopfer und SelbstmörderInnen.
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