Dienstag, 2. Oktober 2018
Randolph Bourne
Wegen Wirbelsäulen-Tuberkulose hatte Bourne, geboren 1886, von Kind auf unter einem entstellten Gesicht und einem Buckel zu leiden. Er maß lediglich fünf Fuß, um 1 Meter 50. Auch sonst war seine Kindheit kein Deckchen-sticken.* Der Vater verarmte und tauchte unter. Der verkrüppelte Sprößling konnte jedoch Klavier erlernen und nutzte dies zum Broterwerb. Max Eastman, der Redakteur der Masses, schrieb sogar, Bournes Pianovortrag habe einem Tränen sowohl der Freude wie des Mitleids in die Augen getrieben.** Schon während eines Studiums an der Columbia-Universität in NYC schrieb Bourne für mehr oder weniger linke Blätter. 1913/14 unternahm er eine Europareise. Er brach sie ab - wegen Kriegsausbruch. Präsident Wilsons Friedens-Tiraden empfand er als Heuchelei. Bourne vertrat kosmopolitische und antimili-taristische Standpunkte, wies auf die Symbiose von Aufrüstung und Staat hin*** und warnte folgerichtig auch vor dem Kriegseintritt (1917) der USA. Was Wunder, wenn er selbst von liberalen und linken Blättern zunehmend geschnitten wurde. Kaum hatte er das Kriegsende begrüßt, raffte ihn, 32 Jahre jung, die gewaltige Welle der sogenannten Spanischen Grippe dahin.

In der Belletristik schätzte Bourne die Romane Sinclairs und Dreisers. Sein Aufsatz über Freundschaft von 1912 liest sich gut, doch die wahrscheinlichen Erschwernisse des Krüppels lassen sich hinter diesem wohlgesetzten Lobpreis der Freundschaft nur schwer vermuten, von Liebschaft ganz zu schweigen. Davon erfährt man in allen Internet-Quellen nichts. Möglicherweise würde man in einer 1984 veröffentlichten Biografie fündig: Bruce Clayton, Forgotten Prophet: The Life of Randolph Bourne, Louisiana State University Press.

Die Mär von der Friedensbringerin USA hält sich noch immer so stark, daß ich mir eine abschweifende Tirade gestatten will. In Wahrheit war die USA von Gründung an (um 1780) eine rücksichtslos ausbeuterisch und eroberungswillig gestimmte Nation. Das bekamen die Briten und Franzosen, dann vor allem die IndianerInnen und die schwarzen Sklaven zu spüren. 1845 stand das US-Militär bereits vor Mexiko; es ging um Texas, das von den Vereinigten Staaten einkassiert worden war. Im Ergebnis schoben diese ihr Territorium bis zur Pazifikküste vor. Befördert von „innerer Festigung“, wozu es (um 1860) eines blutigen Bürgerkrieges bedurfte, streckten sie dann ihre Finger auch gen Alaska, über den Pazifik und in die Karibik aus (Hawai, Kuba). Spanisch-Amerikanischer (1898) und Philippinisch-Amerikanischer Krieg (Sieg 1902) brachten der USA eine Vormachtstellung in der Karibik und geradezu ein deftiges Kolonialreich im Pazifik ein. Hunderttausende an Leichen, dazu an Vertriebenen und Gedemütigten pflasterten ihren Weg. Die einzige Rücksichtnahme, die sie für geboten hielt, war die Zurhilfenahme höflicher Kriegsvorwände (Februar 1898 Explosion der USS Maine vor Havanna) und abgrundtiefer Scheinheiligkeit. Laut Brockhaus (Band 23 von 1994, S. 176–79) verkündete die sogenannte „Monroedoktrin“ von 1823 „die Überzeugung von der ‚offenbaren Bestimmung‘ der USA, ihr freiheitlich-demokratisches System über den ganzen nördlichen Kontinent auszudehnen“, und um 1900 strebte sie bereits „einen Platz unter den Weltmächten“ an. Gott wollte es so. Aber es war keine himmlisch-irdische Vetternwirtschaft, keine Begünstigung des Lieblingskindes Gottes; es geschah der Ausbreitung der Demokratie zuliebe. 1902 marschierte die USA in Venezuela ein, 1904 riß sie sich die Kanalzone in Panama unter den Nagel. „Zahlreiche Interventionen in Lateinamerika“ folgten.

Im Lichte dieser Linie, Agitprop-Muster eingeschlossen, muß man auch den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg sehen, der 1917 erst nach Überwindung großer Widerstände in der eigenen Bevölkerung erfolgen konnte. Präsident Wilson gab ihn selbstverständlich als „Kreuzzug für die Demokratie“ aus. Seine PR-Leute stellten das kaiserliche Deutschland gerade so als preußisches Untier hin, wie man später den roten russischen Bären an die Wand malte. Aber selbst Brockhaus räumt ein, daß dahinter nicht nur „missionarisches Denken mit universalem Anspruch“ stand. Vielmehr sei es auch um enorme Rüstungslieferungen an die Alliierten und die Absicherung der dafür von der USA gewährten Kredite sowie um die Einsicht gegangen, ohne Kriegsteilnahme käme die USA bei einer günstigen Gestaltung der weltweiten „Friedensordnung“, also beim Wettlauf der imperialistischen Mächte, entschieden zu kurz. Damit kam auch noch die Gesundung diverser US-Konzerne an der Ausrüstung der eigenen, in Übersee kämpfenden Truppen hinzu. Das ganze Moralin-Gesäusel der gewinnsüchtigen und machthungrigen KriegstreiberInnen kann man getrost in die Schuhwichsdosen ihrer Soldaten stecken, immer und überall. Ich sage nur noch Jugoslawienkrieg 1999.

* Jeff Riggenbach
** John Simkin 2014
*** Jeff Riggenbach 2011

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