Dienstag, 2. Oktober 2018
Andreas Dietsch
Der sozialistisch gestimmte schweizer Bürstenbinder, geboren 1807, war die treibende Kraft des Versuchs, mit zukünftigen Kommunarden in die USA auszuwandern, um dort die Siedlung New Helvetia / New Aarau zu gründen. Die Auswanderung gelang, und zwar im Jahr 1844 mit 43 TeilnehmerInnen. Die „Kommune“ dagegen löste sich schon im folgenden Jahr endgültig auf, nachdem sie, durch Blauäugigkeit, Erschöpfung, Krankheit, Geldmangel, Wintereinbruch und den üblichen Streit unaufhaltsam zerbröckelt und ihr vielfach gebeutelter Anführer (wohl Anfang 1845) gestorben war. Man hatte am Osage River in Missouri Land gekauft, das freilich nur noch von sieben Erwachsenen und elf Kindern erreicht worden war. Der 37jährige Bürstenbinder und Chef-Organisator war vermutlich völlig ausgelaugt, vielleicht auch verbittert. Halder/Limmat schreiben, man wisse nichts von den näheren Todesumständen Dietschs, und dabei werde es wohl auch immer bleiben. Das ist das eine Erschreckende: diese Schlampigkeit oder Gleichgültigkeit vieler Beteiligter, Nold Halder und den Limmat-Verlag eingeschlossen, der ja immerhin eine Literaturliste gibt und Wilhelm Weitlings Besuch in Iowa (1851) erwähnt. Dietsch war mit dem kommunistischen Agitator bekannt gewesen. In Iowa hatten ein paar Schiffbrüchige vom Osage River erneut eine Kolonie gegründet. Übrigens hatte Dietsch zwei kleine Töchter mit auf die Auswanderung genommen. In seinem Tagebuch werden sie gelegentlich erwähnt; von ihrem weiteren Schicksal erfährt man jedoch auch von Halder oder den Verlagsleuten nichts.*

Einen Schimmer von Recherche bietet 2014 eine schweizer Zeitung: „In alten Grundbüchern ist der Landkauf von Andreas Dietsch und anderen Mitgliedern der Auswande-rungsgruppe bestätigt. Ebenso aktenkundig ist, dass die jüngere Tochter von Dietsch namens Rosetta, die nach dem raschen Ende von Neu Aarau nach Iowa weiterge-wandert war, das väterliche Land am Osage River 1859 verkaufte.“ ** Nebenbei: die Mutter, Susanna geb. Hagnauer, war bereits in Aarau gestorben, wohl 1843, mit 35, bei oder nach der Geburt des dritten Kindes.

Das andere Erschreckende ist die Ignoranz, die Dietsch und offensichtlich auch seine MitstreiterInnen der Indianer- und Sklavenfrage entgegenbringen. Die ist mit der Einfalt von Dietsch und anderen nicht zu entschul-digen. Allerdings lag sie leider ganz im kolonialen Trend jener Epoche, wenn ich mich nicht irre. Auch die angeblich revolutionär gestimmten Geister unter den Auswanderern hatten keine Bedenken, ihre neuen Siedlungen und andere höchst demokratische Projekte, darunter Verlagshäuser, auf gestohlenem, mit Indianerblut getränktem Grund zu errichten. Sie wollten Freiheit – zunächst einmal für sich. Das Ergebnis sehen wir heute. Das ganze wiederholte sich übrigens knapp 100 Jahre nach Dietsch, als tausende von verfolgten Antifaschisten ihr Heil im angeblichen Hort der Demokratie suchten – ihr Heil. Dem eigenen Anspruch zuwider wirkten sie auf diese Weise sowohl an der Legiti-mierung wie an der Kräftigung des US-Imperialismus mit, ob als Geschäftsleute, KünstlerInnen, Professoren.

* Dietschs schmales Tagebuch wurde 1978 unter dem Titel Die großartige Auswanderung des Andreas Dietsch und seiner Gesell-schaft vom Züricher Limmat-Verlag herausgegeben. Darin findet sich auch Nold Halders Studie über Dietsch, die wohl zuerst in den Aargauer Neujahrsblättern 1960/61 erschienen war. Halder starb 1967. Möglicherweise gehen jüngere US-Publikationen über das Limmat-Buch hinaus.
** Heinrich Rauber, „Vor 150 Jahren wollte Aarauer eigenes Reich gründen – nun wird er geehrt“, Aargauer Zeitung, 30. Juni 2014. Im Sommer 2018 schickte ich dem Alpen-Blatt eine Anfrage – kein Echo.

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