Dienstag, 2. Oktober 2018
Reise nach Fort Lashermink
Kurzroman mit 12 Liedern

Geschrieben 2018. Umfang (einschließlich [$] Noten) rund 55 Druckseiten


Gegen Ende des 19. Jahrhunderts reisen drei Männer aus Topeka, Kansas, in zwei Planwagen, in denen sich unter anderem ein Klavier und mehrere gut vernagelte Holz-kisten verbergen, gen Nordwesten durch die Prärie. Offiziell als Musiker und Händler unterwegs, ist ihr heimliches Ziel ein Zeltdorf versprengter Oglala-Sioux in den Bighorn Mountains. Diese Versprengten stemmen sich hartnäckig gegen den Sog in die Reservate. Die Yankees haben ihnen neuerdings ein Bollwerk vor die Nase gesetzt, Fort Lashermink. Die Gefährlichkeit der Unternehmung jener drei Männer liegt auf der Hand. Gleichwohl absolvieren sie etliche musikalische Auftritte, wobei ihnen sogar noch ein 9jähriges Mädchen zuläuft. 12 Songs der kleinen Band, von ihr selbst verfaßt, finden sich in den folgenden Bericht eingebaut. Dieser endet mit einem sorgsam geplanten nächtlichen Überfall seitens der von den Gästen beschenkten Sioux, dem Tod eines Musikers und folglich der Auflösung der aus Kansas angereisten Band.

Inhalt

1 Die Elfe mit dem Pferdehuf [$ Gold]
2 Topeka, Piano-Saloon [$ Ahnung]
3 Kesselwerfen in Hastings [$ Hört ihr das Horn]
4 Mary Dryer mit Truthahngeier und schwarzem Kojoten
5 Madonnen Marke „Tishunka-wasit-win“ und „Slue-Foot-Sue“ [$ Liebe]
6 Sidney, Kirche [$ Kirchenmusik]
7 Ein blinder Passagier fliegt auf [$ Mein Söhnchen]
8 Fluchtburg Steinbruch [$ Kosmologie]
9 Ein Major, der vor Musikern strammsteht [$ Trapper]
10 Eine Konkurrenz taucht auf, die Platte River Shuffle Band [$ Mückentanz]
11 Pulverdampf und Open Air für Rollender Fuchs [$ Uhren / $ Alaska-Slim im Fährgeschäft]
12 Das Ende vom Lied [$ Wird eins geboren]
Nachhut



1 Die Elfe mit dem Pferdehuf

Um 1900 wurde der Mittlere, nicht mehr ganz so „Wilde“ Westen der USA von einer kühnen jungen Gangsterin in Atem gehalten, meistens „the nymph with the horse‘s hoof“ genannt, auf deutsch vielleicht die Die Elfe mit dem Pferdehuf. Mit bürgerlichem Namen hieß sie, nach ihren Adoptiveltern aus Topeka, Kansas, Julia Rosenfield. HistorikerInnen kennen sie zwar, haben allerdings selten eine Ahnung davon, wie das hübsche weiße, im übrigen blonde Mädchen zu seinem indianisch klingenden Spitznamen, ja noch nicht einmal, wie es, neun Jahre jung, nach Topeka kam. Wir werden es bald erfahren.

Die Elfe mit dem Pferdehuf konnte reiten wie der Teufel, schwamm wie ein Lachs und beherrschte Feuerwaffen deutlich besser als Kochlöffel. Sie war auch eine beachtliche Lassowerferin. Vor allem aber hatte sie eine asiatisch angestrichene Nahkampfkunst ausgebildet, bei der sie sich unter anderem ihr bedauerliches sogenanntes „Handicap“ zunutze machte, nämlich ihren sprichwört-lichen (linken) „Pferdehuf“. Näheres wird im Moment nicht verraten. Jedenfalls wurden die Grundlagen all dieser Fertigkeiten, die ihr später bei Überfällen auf Banken, Minenbüros oder soldhaltige Militärzüge sehr dienlich waren, auf ihrer 1884 unternommen Reise durch die westlich vom Städtchen Sidney, Nebraska, gelegene Prärie und in einem Indianerzeltdorf der Bighorn Mountains gelegt. Wie gesagt, war sie damals erst neun. Knapp 15 Jahre später, 1897, suchte sie in Begleitung ihrer Bande just ihre Kindheitsstadt Sidney wieder auf, um in einem dortigen Saloon den regional bekannten und gefürchteten Revolverhelden Duff Shephard zur Rede zu stellen. Ihr und ihren in jenem Jahr sechs MitstreiterInnen waren Schmähreden ans Ohr gedrungen, die Shephard über sie, die Bandenchefin, verbreitet hatte. Sie versetzte ihm an der Theke überraschend eine Ohrfeige und bat ihn dann unter Verweis auf die Deckung durch ihre bewaffneten MitstreiterInnen, seinen Coltgürtel vorübergehend an seinen Begleiter auszuhändigen und dann mit ihr auf den staubigen Vorplatz des Saloons zu treten, weil sie gerade Lust hätte, sich ein bißchen mit einem Großmaul zu prügeln.

Von diesem Vorfall schwärmten einheimische Schulmäd-chen noch nach Jahrzehnten. Die blonde Julia, mindestens einen Kopf kleiner als Duff, täuschte zunächst einen Faustangriff vor, trat ihren Schmäher dann jedoch in die Weichteile, worauf er sich verständlicherweise aufheulend verkrümmte. Nun umrundete sie ihn wie der Blitz und gab ihm von hinten, ebenfalls mit einem Tritt ihres linken, etwas unförmigen Stiefels, den Rest. Er fiel auf die Schnauze und knurrte seinen Haß in den Staub, ehe er sich wieder aufrappelte, um sich nun erst recht wie ein zer-schrammter Bär auf die schmale Weibsperson zu stürzen. Aber Julia ergriff seinen ausgestreckten rechten Arm und beförderte ihn unter Ausnutzung des Hebelgesetzes durch eine rasche Körperwende und einen Hüftwurf über ihre Schultern erneut in den Staub. Das hatte ihr einmal ein aus Japan stammender Koch beigebracht, als sie bereits, mit 17, Zureiterin in Topeka war. Duff kochte in der Tat vor Wut und Schmerz. Allerdings blieb er wohlweislich auf der Straße liegen, bis sich Julia auf ihr Pferd geschwungen und in Begleitung ihrer MitstreiterInnen in leichtem Trab Richtung Ortsrand entfernt hatte. Dann schwor er unter Zeugenschaft seines Begleiters, der ihm aufhalf, bittere Rache. In den wenigen Jahren, die Julia damals noch zu leben hatte, gelang sie ihm aber nie.

Noch keine 30, wurde der Elfe mit dem Pferdehuf, auf der Flucht in Illinois, ein brüchiger Steg über einen Creek zum Verhängnis. Ihr treues Pferd brach ein, worauf sie sich selber, Julia, am Brückengeländer das Genick brach. Als er davon erfuhr, war ihr Adoptivvater in Topeka entsetzt und drei Tage lang unfähig, etwas zu essen. Er hatte Julias Weg in die Gesetzlosigkeit nicht unbedingt gefördert, aber zumindest verstanden und keineswegs verurteilt. Er war sogar stolz auf sie gewesen, wie er sich in jenen drei Trauertagen eingestand. Dann tröstete er sich mit dem Gedanken, sie habe jedenfalls einen jähen Tod gehabt – ja vielleicht sogar einen rechtzeitigen, lauern doch in der Regel, wenn nicht mehr Militärdienst und Krieg, immer noch Liebeskummer, anderer Gram, Krankheit und Altersgebrechen hinter der Tür, sobald ein Mensch die 30 oder gar die 40 überschreitet. Nach dieser Erwägung ging Julias Adoptivvater in den Piano-Saloon.

[$] gold (pdf, 20 KB)



2 Topeka, Piano-Saloon

Das Städtchen Topeka am Kansas River und Oregon Trail, seit 1861 Kansas' Regierungssitz, zählte im glorreichen Jahr der angedeuteten Präriereise, also 1884, noch keine 30.000 EinwohnerInnen. Nebenbei bemerkt, wird das e im Namen als langes i gesprochen, dafür das o fast wie ein e ... Immerhin, um 1870 hatte Topeka Eisenbahn bekommen, und keine 10 Jahre später sogar eine große Irrenanstalt, vorwiegend für „Verbrecher“. Auch dieser Kelch ging an Julia vorbei. Die entscheidende Attraktion stellte jedoch der Piano-Saloon dar, weil er Stammclub und Hauptbühne der Top Ekas und auch die Brutstätte des Planes zu jener Reise war, durch die ja das Mädchen Julia überhaupt erst zu neuem Lebensmut und nach Topeka kam.

Die Top Ekas machten Unterhaltungsmusik. Und zwar keine schlechte, obwohl sie nur zu dritt waren. Ihre Hauptinstrumente waren Klavier, Tenorbanjo oder Gitarre und Horn. Dazu kam in vielen Stücken Gesang. Da sich bei ihnen eine originelle Besetzung mit solidem Können, breitgefächertem Repertoire und gelassenem Auftreten paarte, waren sie im Raum Topeka durchaus beliebt. Die Gage, die sie im Piano-Saloon bekamen, konnte nicht gerade üppig genannt werden, aber sie hatten an den Auftrittstagen auch die gesamte Zeche einschließlich eines warmen Essens frei. An einem Märzsonntag des Jahres 1884, an dem es noch einmal kräftig schneite, gab es, nach dem „Frühschoppen“-Auftritt der Band, frische Forelle. Niemand wußte, wer den Frischfisch aus welchem Eisloch gezerrt hatte, aber er war vorzüglich zubereitet. Er war noch nicht ganz verputzt, als Sandy unter Abgabe einiger Gräten oder Schuppen knurrte, man möge einmal das Schmatzen einstellen, denn er habe eine wichtige Botschaft zu verkünden.

„Ihr wißt ja gar nicht, was für Glückspilze ihr seid“, sagte er in der für ihn wie für alle Indianer bezeichnenden unbewegten Art. „Nämlich, die Sache ist die: In diesem Sommer unternehmen die Top Ekas eine ausgedehnte Tournee durch die Prärie.“

Genau genommen, war Sandy nur ein Halbblut. Knapp 1,80, schlank, athletisch, hatte er zwar eine Hakennase, aber nicht das blauschwarze Haar seiner Cheyenne-Mutter, vielmehr dunkelbraunes, etwas krauses, das er jetzt, mit 30, kurz trug. Sein Vater war ein weißer Trapper gewesen, der sich dem Stamm seiner Indianerbraut angeschlossen hatte.

Während Sandy über seiner Fischgräte sichtlich auf das große Erstaunen seiner beiden Kollegen lauerte, kratzte sich Ed hinterm Ohr und versetzte spöttisch:

„Was du nicht sagst ..! Die Prärie soll ja auch von schmackhaften Forellen nur so wimmeln, und auf jeder dritten Bodenwelle steht ein Klavier ...“

Der untersetzte, stämmige Ed Rosenfield, ursprünglich „Edmund“ getauft, war mit Mitte 50 deutlich der Gruppenälteste. Obwohl sich sein blondes Kopfhaar schon stark gelichtet hatte, war er, wie alle am Tisch, bartlos. Meistens zeigte er ein etwas verschmitzes, im Grunde aber sehr friedfertiges Mondgesicht. Er spielte das Horn. Gelernter Tischler und Stellmacher, war er über eine Kirche zum Blechblasen gekommen, in der sein Vater Küster gewesen war.

Pianist Steve Crockett zwinkerte Ed anerkennend zu und beschränkte sich, an den Saitenschläger und Hauptsänger Sandy gewandt, auf die nüchterne Gegenfrage: „Und warum sollten wir ..?“

Sandy erklärte es auf der Stelle. Wir müssen uns jedoch noch kurz mit Steve beschäftigen, immerhin der Gründer und unbestrittene Leiter der Band. Um 40 und gut 1,85 groß, pflegte er sich gemächlich zu bewegen, obwohl er fast hager war. Er strömte eine gewisse Feinheit aus, daneben Skeptizismus. Dem entsprach sein eher schmaler, dafür breiter, oft nach unten gewinkelter Mund. Er hatte regelmäßige Gesichtszüge und rotes, kurzes Haar. Durch sein ausgeglichenes Wesen eignete er sich als Schlichter und Vermittler. Er spielte auch gern Billard. Da er von einer Farm stammte, war er nicht gerade unsportlich, doch Sandys Ehrgeiz, stets das schnellste Pferd zu reiten oder die schönste Frau zu vögeln, ging ihm ab. Er verdiente ein Zubrot als Musiklehrer, Chorleiter und Klavierstimmer. Als Pianist und Arrangeur der Band stand er unbedingt am richtigen Platz.

Damit zurück zu Sandys Eröffnung, die Band werde verreisen. Nach einer Jugend als Vertriebener, Siouxknabe und Cowboy bei einem weißen Viehzüchter war Sandy in die Städte gegangen, um sich vielleicht eine gewisse Bildung anzueignen und so zu begreifen, was in Nordame-rika eigentlich geschah. Immerhin waren die Eingeborenen schon beinahe ausgerottet, und die Überlebenden wurden emsig in Pferche getrieben, die die Yankees „Reservate“ nannten. Gerade eben erst, im November 1883, hatte der sogenannte Oberste Gerichtshof der USA befunden, IndianerInnen hätten kein Anrecht auf die Staatsbürger-schaft, weil sie von Geburt her „fremdstämmig“ seien. Das muß man sich einmal vorstellen. Keine „roten“ Eingebo-renen mehr, sondern grellgrüne, oder blau-orange karierte! In Chicago schloß sich Sandy einer mehr oder weniger anarchistisch gestimmten weißen Gruppe an, die Schulungsarbeit leistete, aber auch vor drastischen Geldbeschaffungsmaßnahmen nicht zurückschreckte. 1881 lernte er den reisenden Pianisten Steve kennen, der in Topeka, seiner Heimatstadt, mit einem Hornisten eine kleine Band gründen wollte. Von seinem Vater her, dem Trapper, schon mit dem Tenorbanjo vertraut, ließ sich Sandy nicht ungern überreden. So verwandelte er sich in wenigen Monaten in einen überwiegend friedlichen Berufsmusiker. Aber nun, im März 1884, suchte ihn ein alter Genosse aus Chicago auf und erzählte ihm, sie hätten kürzlich ein schönes dickes Ding gedreht. Sie seien bereit, den Löwenanteil der Beute (im ganzen rund 27.000 Dollar) in den Abwehrkampf der Oglala-Lakota-IndianerInnen aus den Bighorn Mountains zu investieren, von deren Bedrängnis sie durch indianische, auch Sandy wohlbekannte Freunde erfahren hatten. Die Yankees, so hörten die Genossen, verstärkten dort gegenwärtig ihren Stützpunkt, Fort Lashermink. Die Soldaten durchkämmten bereits die Wälder. Das könne nicht hingenommen werden. Sie hätten auch schon eine Idee, auf welche Weise der Zaster beziehungsweise die davon erworbenen Schußwaffen unbeschadet in die Bighorn Mountains gelangen könnten: eben durch eine „Tournee“ einer großartigen dreiköpfigen Band aus Topeka. Wie sich verstehe, gingen die Spesen auf Rechnung der Genossen aus Chigaco – im Moment hätte man ja Geld genug …

[$] ahnung (pdf, 14 KB)



3 Kesselwerfen in Hastings

Um es gleich zu sagen, gab es in politischer Hinsicht durchaus Meinungsverschiedenheiten in der Band, die sich am Ziel der Reise sogar noch zuspitzten. Aber sie verhin-derten weder die Reise noch die gemeinsame grundsätz-liche Solidarität mit den Eingeborenen Nordamerikas. Es war eher eine moralische, keine militärstrategische Frage. Sogar Sandy glaubte nicht mehr wirklich daran, der Untergang der PrärieindianerInnen lasse sich noch abwenden; nur hatte er von den drei Musikern den größten Grund, die weißen Eroberer zu hassen. Übrigens hieß er ursprünglich „Little Half“, die kleine Hälfte. Als er, im Gegensatz zu seinen „gemischten“ Eltern, im Jahr 1864 das berüchtigte Sand-Creek-Massaker überlebte, war er knapp 10. Von daher nannte er sich später nach dem Ort des Geschehens, dem Big Sandy Creek in Colorado. Im Laufe der Wirren von Flucht und Verfolgung geriet Sandy zu den nördlichen Nachbarn, den Oglala, also auf Sioux-Gebiet. In einer Gruppe unter Häuptling Rollender Fuchs wurde er aufgenommen und adoptiert. Er lernte rasch Lakota, tat sich als Krieger hervor und war (1876) sogar an dem berühmten Phyrrussieg der vereinigten Cheyenne/Sioux über die Custer-Soldaten am Little Bighorn River beteiligt. Während sich die Leute von Rollender Fuchs bald darauf, das Reservat verschmähend, in den Bighorn Mountains verschanzten, sattelte Sandy auf Cowboy um, wie schon erwähnt. Eben dem inzwischen betagten „Rollenden Fuchs“ wollten sie nun die durch die Prärie geschaukelten Kisten mit Waffen übergeben. Auch Schießunterricht war geplant.

Was Hornist Ed anging, hielt er sich persönlich am liebsten aus allen Handgemengen oder Schlachten heraus. Er dachte jedoch, wenn es den Fuchs-Leuten ein Bedürfnis war, nicht kampflos unterzugehen, sollte man sie unterstützen. Davon abgesehen, lebten die umzingelten IndianerInnen auch ohne feindlichen Beschuß im Elend und wären für jede Wolldecke und jeden Dollar dankbar, den man ihnen zusteckte. Für Steve lag die Sache noch einfacher. Er verabscheute Politik, hielt alle Menschen für Lügenbolde oder wenigstens SelbstbetrügerInnen und bedauerte jeden, der sich nicht in die Musik oder sonst eine künstlerische Betätigung retten konnte. Auch diesbezüglich stand es in den Bighorn Mountains sicherlich nicht zum Besten. Schließlich wußte er durch Sandy, welcher mageren Eintönigkeit die Sioux mit ihren Sprechgesängen, Handtrommeln und Fünf-Loch-Flöten unterlagen. Vielleicht konnte er ein paar Indianerkindern als Musik-Pädagoge Gutes tun.

Es lag auf der Hand, daß Steves mitreisendes Piano alle naselang unpäßlich war, von dem Wirbelsturm, der sie bei Scottsbluff anfallen sollte, vorläufig gar nicht zu reden. Deshalb waren Steves Erfahrungen als Topekas einziger wirklich befähigter Klavierstimmer auf dieser Tournee sehr wertvoll. Vor Reiseantritt hatten sie sein privates Klavier aus seiner Wohnung gezerrt und auf den ersten Planwagen gehievt, wo es dann auch meistens stehenblieb. Diese Aktion wurde sogar vom örtlichen Korrespondenten des Kansas City Evening Stars verfolgt, wollte er doch landes-weit und exklusiv über die bevorstehende ungewöhnliche Sommerfrische der Top Ekas berichten. Zum Glück fuhr er aber nicht mit. Es wäre auch eng geworden. Der erste Planwagen, auch Klavierwagen genannt, diente den drei Männern hinfort in der Regel als Bühne, aber auch zum Schlafen. Traten sie irgendwo auf, pflegten sie einfach die Plane auf einer Längsseite hochzurollen. Die anderen Planen verstellten sie für den Auftritt mit großen Pappen, die die Akustik sowohl veredelten wie verstärkten. Mikrophone und Lautsprecher hatte man damals noch nicht, jedenfalls nicht in der Prärie. Zwar hatte David Hughes bereits 1878 ein Kohle-Mikrophon erfunden, doch es wurde erst 1890 von A. White entscheidend verbessert. Der zweite Planwagen war randvoll mit nützlichen Gütern beladen, wie sie nur zu gern von Indianern eingetauscht wurden, etwa Kupferkessel, Messer und Scheren, Wolldecken. Freilich gedachten sie sie gar nicht zu tauschen; es waren Geschenke. Das banden sie aber wohlweislich keinem auf die Nase. Erst recht behielten sie das Versteck der schon erwähnten Kisten mit nagelneuen Schußwaffen für sich. Denen diente just der Berg aus Kesseln und Decken als Tarnung.

Wegen der ziemlich schweren Fracht und dem unweg-samen Gelände fuhren sie a) mit Pferden, b) dreispännig. Sie merkten bald, ihre sechs wuchtigen Zugpferde fraßen ihnen fast die Haare vom Kopf. Das überwiegend versengte, harte Präriegras glich einer Striegelbürste, und die wenigen Ufergebüsche, die sie streiften, waren bereits von anderen Viechern abgeerntet worden. Es stimmt schon, die Prärie hat auch ein paar gefällig wirkende, oft blau blühende Blumen zu bieten, von denen ihnen später Mary Dryer unbedingt die Namen eintrichtern mußte; etwa den Rittersporn, oder den Dotted Blazing Star: auf Latein Liatris punctata, eine fransige lila Aster mit walzenförmigem Blütenstand. Aber dergleichen Schönheiten wurden von ihren Gäulen nicht angerührt; eher wären sie tot umgefallen. So mußten sie in den Ortschaften, wo sie auftraten und campierten, oft Hafer zukaufen. Andererseits, an Geld fehlte es den Abgesandten des Anarchismus ja nicht. Deshalb hatte Sandy sogar seinen Wunsch durchgesetzt, auch noch ein feuriges (und teures) Reitpferd mitzuführen. Es sollte bei Notfällen der Benachrichtigung oder der Verfolgung dienen. Meistens saß Sandy auch ohne Notfall auf dem gescheckten Mustang, weil er dessen Sattel den harten Kutschbänken oder den Fell-Lagern an Deck des ersten „Prärieschoners“ vorzog. Streckenweise stapften die jeweiligen beiden Fuhrmänner auch zu Fuß durch die erwähnte Striegel-bürste, die Leinen von der Seite aus haltend. Zwar hatte Ex-Stellmacher Ed Planwagen mit einer sogenannten Federung aufgetrieben, aber auch diese Neuerung war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Nach einem halben Tag auf dem Kutschbock glich man einem fahrlässigerweise durchgeklopftem Rindersteak. Ab Ende Juni kam noch die Sommerhitze hinzu.

Da die Top-Ekas-„Konzerte“ nicht angekündigt waren, hielt sich der Zulauf in Grenzen. Wer sich kurzfristig freimachen konnte, war aber dankbar für die Abwechs-lung, die sie boten. Schon der kleine Treck mit anfangs sieben, später acht Gäulen zuzüglich einer blonden Meisterschützin, deren schwarzem Köter sowie einem zugelaufenem kleinen, blonden Mädchen stellte ja eine gewisse Attraktion dar. Sodann waren die drei Musiker offensichtlich keine Dilettanten.Wie sich versteht, hatten sie viel Blues und Ragtime im Programm, aber auch umgearbeitete Choräle und drei Kunstlieder von dem Deutschen Hugo Wolf. Manche Stücke stammten von ihnen selber. Soweit Gesang vorkam, wechselte sich Sandy, der einen hübschen vollen Bariton besaß, mit Ed ab, der eher hell und etwas schneidend sang. Zuweilen sangen sie auch im Duett. Wie auch immer, lockten die Künstler aus Topeka selbst aus Männeraugen manche Träne, dann wieder flogen die Tanzbeine und Hüte, weil die Leute begeistert waren. Nach dem Konzert gingen auch die Musiker mit ihren Hüten herum, Münzen einsammeln, für Pferde-Hafer und die Kriegstanzkasse des Häuptlings Rollender Fuchs …

Das im folgenden abgedruckte, natürlich von Ed angeregte Lied lehnt sich an das Eingangsthema eines Trios für Horn, Violine und Klavier des Deutschen Johannes Brahms an, op. 40, geschrieben 1865. Von diesem Werk besaß Ed eine vollständige Ausgabe der Noten.

[$] hoert ihr das horn (pdf, 20 KB)

Den ersten nennenswerten Ärger hatten die Top Ekas bereits bei ihrem dritten oder vierten Konzert. Sie hatten in Hastings Halt gemacht. Die beiden Wagen standen, in stumpfem Winkel zueinander, am Ortsrand unweit eines Brunnens unter dem einzigen hohen Baum, der in Hastings auszumachen war. Der Platz war staubig, notfalls jedoch zum Tanzen geeignet. Der Baum war ein Hickory, meinte Ed zu Steve, „prima hartes Holz“. Steve selber verstand wenig von Naturkunde. Um Sandy war es in dieser Hinsicht nicht viel besser bestellt, obwohl er halber Indianer war, und die pflanzen- und vor allem vogelkun-dige Mary Dryer und ihr Kojote (wie sie den schwarzen Köter bald nannten) stießen erst einige Tage später zum Treck. Sandy hatte aber die glückliche Idee, für den Auftritt sein eingerolltes Lasso über den untersten Ast des Hickorys zu hängen, weil er für ein bestimmtes Lied einen Lynchmord zu unterstreichen dachte, der darin angepran-gert wurde. Ihre Coltgürtel legten sie selbstverständlich vor den Auftritten ab, weil sie keine Helden markieren und keine Strolche provozieren wollten. Die Coltgürtel lagen dann jenseits des schräggerückten Klaviers auf ihren Lagerstätten, unter denen sie ohnehin schon ihre Flinten verborgen hatten. So auch in Hastings, wo sich rund 50 Einheimische vor der mobilen Bühne eingefunden hatten. Sie nickten mit, tauschten Bemerkungen aus und klatschten auch zuweilen – mit den Händen, ist hier gemeint.

Das besagte Lied war freilich noch gar nicht dran, als Sandy, zwischen zwei Stücken sein Banjo nachstimmend, plötzlich die Ohren spitzte und den zweiten Planwagen, den sogenannten Gerümpelwagen also, ins Auge faßte. „Warte mal!“ raunte er Steve zu. Er schob sein Banjo aufs Klavier und schwang sich auch schon vom Wagen, wobei er geistesgegenwärtig gleich sein Lasso vom Hickoryast zog. Ein Messer hatte er sowieso stets im Stiefel. Dann glitt er rasch durch die vorderen Zuschauerreihen zum zweiten Wagen mit der auf beiden Längsseiten geschlossenen Plane. Vorn und hinten waren die Planen so verzurrt, daß noch ein Durchstieg oder Ausguck blieb. Kaum hatte Sandy von der Deichsel aus ins Innere gespäht, als ihm unter großem Gepolter irgendein bartstoppeliger Strauchdieb fast ins Gesicht sprang, der sogar noch den Griff von einem ihrer Kupferkessel umkrallte. Der Bursche landete glücklich auf dem Platz und nahm Reißaus. Er konnte ja nicht wissen, es in Sandy leider mit einem überragenden Krieger, insbesondere Lassowerfer zu tun zu haben. Prompt ließ Sandy das Lasso pfeifen und brachte den Flüchtenden zu Fall. Der Kessel polterte noch eine Pferdelänge über den harten Platz, während der Strolch mit einer Hand seine knollige Nase, mit der anderen Sandys Lasso rieb, in dem seine beiden Beine staken.

Sandy zeigte sich großmütig, weil ihn sein vortrefflicher Lassowurf bereits genug befriedigte. Er ging zu seinem Opfer, befreite es vom Lasso und half ihm sogar auf die Beine. Dann nickte er zu dem fortgerollten Kessel und sagte:

„Nimm ihn, du Sohn einer räudigen Hauskatze, und verpiß dich!“

Wie sich versteht, sagte er das, als indianisch geprägter Mann, so unaufgeregt, daß es weder für das staunende Publikum noch für Steve und Ed auf der Bühne deutlich hörbar war. Das Bild, das sich ihnen bot, war jedoch unmißverständlich: der Räuber raffte den Kessel auf und drückte sich um die nächstgelegene Hausecke. Daraufhin johlte das Publikum – während Steve und Ed erleichtert aufatmeten, weil der Dieb offensichtlich nicht bis zu den Waffenkisten vorgedrungen war. Sie bargen fast 100 ziemlich neuartige, übrigens deutschstämmige Repetier-gewehre (Paul Mausers M 71/84, Röhrenmagazin für 10 Schüsse) und kiloweise Munition.



4 Mary Dryer mit Truthahngeier und schwarzem Kojoten

Es war sechs oder sieben Tage vor ihrem Eintreffen in Sidney, das im Südwesten von Nebraska liegt. In der Regel hielten sie sich an den zerfurchten Trail, obwohl dessen Säume oder Böschungen nicht gerade einladend mit Abfällen aller Art, darunter viele Scheißhaufen, übersät waren. Nun hatten sie aber, mangels für Auftritte geeigneten Ortschaften und überdies kraft eines Sonnenbrandes ihres besonders hellhäutigen Pianisten, der ihm die Auftritte wahrscheinlich ohnehin nur vergällt hätte, einen größeren Schlenker durch die leicht gewellte, vom Wind gekräuselte Prärie gemacht. Sandy rieb dabei Steves Nacken und Rücken alle zwei Stunden mit einem Wunder wirkenden Pflanzenöl ein; zur Belohnung durfte er wieder reiten. Er schoß zwei Fasane. Gegen Abend hielten sie, mit Eds Worten, nach einem „romantischen“ Plätzchen für ihr Bratfeuer und Nachtlager Ausschau.

Was sie stattdessen, neben den üblichen spärlich gesäten Yuccas und verkrüppelten Kiefern, mitten in der Prärie erblickten, war diese unmögliche Frau. Im Schatten ihrer kleinen Kutsche und eines umso größeren aufgepflanzten Sonnenschirms vor einer Staffelei hockend, malte sie. Mitten in der Prärie! Sie steckte in halblangen blaßgrünen Leinenhosen und einem nicht minder blaßgrünen Hemd. Gewiß hätte man sie von weitem auch für einen Maler halten können. Da Sandy Ohren und Augen wie ein Luchs hatte, meinte er allerdings schon auf 300 Meter, von der Wölbung unter ihrem Hemd her sei sie ein Weibsbild; ferner liege auf dem kleinen Klapptisch neben ihr ein Truthahngeier, außerdem schnarche unter der Kutsche ein nicht zu kleiner, schwarzer Köter, während der Gaul ihres Einspänners weiter hinten zum Grasen angepflockt sei. Prompt schlug der Köter an, ließ sich aber selbst bei ihrem Näherkommen nicht dazu herab, aus seiner lauschigen oder verlausten Höhle zu kriechen. Das blond- und kurzhaarige Weibsbild hielt es nicht viel anders. Wie sich später zeigte, aquarellierte sie, malte also mit Wasser-farben. Ohne sich darin nennenswert zu unterbrechen, warf sie nur hin und wieder einen Blick, der möglichst gelangweilt wirken sollte, in Richtung des sich nähernden Trecks. Wahrscheinlich war sie kaum kleiner als Ed, jedoch deutlich schlanker.

Bei 100 Metern hatte Sandy das Zweitwichtigste heraus. „Sie malt diesen vergammelten Truthahngeier“, knurrte er Steve von der Höhe des Schecken aus zu. Steve saß seit zwei Stunden, mit den Leinen in der Hand, auf dem Kutschbock des Klavierwagens. Eds Gäule hielten sich hart an dessen Hinterräder: der verschmitzte Hornist steuerte den Gerümpelwagen. So hatten sie die beiden Wagen, zur leichteren Unterscheidung, schon wenige Stunden nach Abreise getauft.

Sie machten unweit der Staffelei Halt, zogen ihre Cowboy-hüte und begrüßten die Malerin mit höflichen Floskeln über das Wetter. Prompt klärte sie die Mannsbilder mit ihrer hellen, schon jetzt etwas schnippisch klingenden Stimme darüber auf, sie hätten es mit Mary Dryer aus Texas zu tun. Vermutlich war es dort unten noch heißer.

„Ah-ja“ erwiderte Steve, „sehr angenehm.“ Dann stellte er alle drei namentlich vor und fügte mit einem Nicken zu dem Klapptischchen hinzu: „Und den Truthahngeier haben Sie aus Texas mitgebracht ..?“

Sie bedachte ihn mit einem wütenden Blick, während der schwarze Köter unter der leichten Kutsche schon wieder zu knurren anfing. Sie hieb ihren feinhaarigen Pinsel in ein Glas mit Wasser und knurrte nun ebenfalls:

„Den habe ich vor ungefähr drei Stunden von Ihrem wunderschönen blauen Präriehimmel geholt.“

Sie sahen sich verblüfft, vielleicht auch belustigt an und umringten nun Frau Dryers Staffelei. Nach einer Weile versicherte ihr Ed, der von Malerei keinen blassen Schim-mer hatte, sie hätte den Vogel wirklich ausgezeichnet getroffen. Die anderen grinsten. Frau Dryer hatte ein ganz nettes Katzengesicht, darin grüne Augen, die zu ihren Klamotten paßten. Steve schätzte sie auf Ende 20. Selbstverständlich wußte sie, die Kerle glaubten ihr kein Wort und hielten sie für eine elende, aus Texas verwehte Aufschneiderin.

Nun erhob sie sich von ihrem Faltschemel, griff in die Kutsche und zog eine hübsche doppelläufige Flinte hervor. Sie nickte zum ungefähr 50 Schritte entfernt geparkten Gerümpelwagen mit den drei noch eingeschirrten Dickbäuchen an der Deichsel und erkundigte sich, ob ihre Gäule schreckhaft seien. Vermutlich meinte sie, bei Schüssen. Ed machte eine sorglos wirkende Handbewe-gung und erklärte:

„Keine Bange! Wir ballern jeden Tag bei den Wagen herum, aus Trainingsgründen, wissen Sie ..?“

Nein, das wußte sie natürlich nicht. Dabei stimmte es sogar. Davon abgesehen, daß die Präriereise nicht gerade gefahrlos war, verfolgte sie schließlich Schulungszwecke, bei deren Erfüllung sie sich nicht vor Rollender Fuchs und seinen Leuten blamieren durften.

Frau Dryer begnügte sich mit Eds Auskunft, faßte nun Steve ins Auge, den sie wohl als den Wortführer der drei Höhnischen aus Topeka empfand, und fragte ihn, ob er bereit sei, seinen Cowboyhut einmal vorübergehend dem Leitpferd des Gerümpelwagens aufzusetzen.

Steve war etwas verunsichert, bejahte aber ihre Frage. Darauf riß sie dem Truthahngeier eine Flügelfeder aus, klemmte sie hinter das Band von Steves Hut und nickte auffordernd zum Gerümpelwagen. Er ging folgsam hin. Während er den Schädel des braven Leitpferdes mit seinem interessanten Hut verzierte, tätschelte er es selbstverständlich in aller Freundschaft, flüsterte ihm aber auch unauffällig ins nun verborgene Ohr, vielleicht sei es am sinnvollsten, Frau Dryer flugs in den Gerümpelwagen zu verfrachten, um sie in Topeka bei der Irrenanstalt abzuliefern. Kaum war er wieder bei der Staffelei eingetroffen, schritt die Verrückte ans Werk. Sie spannte den Hahn ihrer Büchse, legte an, zielte sorgfältig – und schoß die Truthahnfeder von Steves Hut. Es war deutlich zu sehen, weil sich die schwarzbraune Feder mit dem Krachen des Schusses ungleich mehr rührte als das durchaus ähnlich gefärbte stoische Leitpferd. Sie trudelte in Fetzen zu Boden.

Es war ein Meisterschuß. Ed und Steve waren stark beeindruckt, was sie der Schützin gegenüber auch nicht verhehlten. Sandy dagegen blieb seiner Indianerart treu und damit stumm und reglos wie der Truthahngeier auf dem Klapptischchen. Man merkte aber gleichwohl, seine dunkel funkelnden Augen verschlangen keineswegs Frau Dryers Jagdbeute, den Vogel, vielmehr sie selber. Auch Ed himmelte sie bereits an. Das kann ja heiter werden, sagte sich Steve ungefähr drei Stunden später, als sie am steinigen Ufer eines nahen Rinnsals mit gefüllten Mägen zu viert um ein nur noch müde züngelndes Feuerchen saßen, während im Hintergrund irgendein verwaister echter Kojote den roten Abendhimmel anheulte. Sie hatten den Truthahngeier nämlich, nebst den von Sandy geschossenen Fasanen, kurzerhand gerupft und gebraten. Sicherlich war Frau Dryer, solange es noch hell gewesen war, der gutgebräunte geschmeidige Kriegerkörper des Banjo- und Gitarrenspielers nicht entgangen, während das hagere und halbverbrannte Rothaar Steve schon auf drei Meilen nach Sandys Einreibemittel stank. Das hatte der Kollege prima eingefädelt, dachte Steve.



5 Madonnen Marke „Tishunka-wasit-win“ und „Slue-Foot-Sue“

Mary hatte bei dem Festschmaus überraschend vorge-schlagen, sie könne sich dem Treck vielleicht für einige Meilen anschließen, und die Männer hatten sich überrum-peln lassen und zugestimmt. Damit hatten sie für mehrere Tage gleich zwei Nervensägen am Hals, Mary und ihren schwarzen Kojoten. Nicht, daß der Köter in einem fort geheult hätte; er war eher maulfaul. Dafür bettelte er aber mit seinen gelblichen Kulleraugen unablässig um Aufmerksamkeit, Lob und Liebe, wie es so Hundeart ist, und schleckte jedem Mitreisenden die Haut von den Haxen und Pfoten, ob sie nun nach Tinktur stanken oder nicht. Für Steves Empfinden war ein Haus- oder Hofhund überflüssiger wie tausend Präriehunde, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, wo er vielleicht die Hütte einer Schäferin bewacht, die weder über Pferde noch über Schießkünste verfügt. Jetzt hatten sie bereits acht Pferde, und da hätte sich im Morgengrauen Rollender Fuchs persönlich anschleichen können, die Gäule hätten es gemerkt und sofort im Chor geschnaubt. Ironischerweise standen ja gerade die IndianerInnen auf Hunden, obwohl sie ihre Habe längst nicht mehr von Hunden ziehen ließen. Nicht selten verspeisten sie sie auch, vor allem junge, mopsige Hunde. Schon deshalb mußte Sandy den schwarzen Kojoten verteidigen, wenn dieser seinen Kollegen einmal zu sehr auf die Nerven ging. Ansonsten hätte er auch ein stinkendes, scheeläugiges Stachelschwein verteidigt, falls es Mary Dryers Stachelschwein gewesen wäre. Eines nachts, als die Männer unter ihren dünngegerbten Büffeldecken im Klavierwagen lagen, verplapperte sich der schweigsame Sandy und verriet, er habe die blonde Malerin, die von einer texanischen Ranch stammte, schon am Tage ihrer Begegnung mit ihr nach seiner Lieblingsschwester getauft: Tishunka-wasit-win. Als er seinen weißhäutigen Kameraden auch eröffnete, das heiße auf englisch „Schönes-Pferd-Mädchen“, seufzte Ed tief und murmelte: „Ach ja, das ist gut gesagt, das ist sie weißgott ...“

Wer ihn kannte, wußte allerdings, daß Ed alles andere als ein Schürzenjäger war. Möglicherweise waren seine sexuellen Begierden ähnlich gering wie seine Eitelkeit entwickelt, denn schüchtern war er keineswegs. Er lebte als einziger von der Band mit einer Frau zusammen, und zwar seit Jahren mit derselben. Laura war Hebamme, im Hospital von Topeka fest angestellt. Eigene Kinder hatte sie nie gewollt. Den Haushalt schmiß Ed. Steve räumte gerne ein, mit den Rosenfields ein offenbar selten glück-liches Paar zu kennen. Er selber scheute feste Verbin-dungen mit Frauen, weil er die Heimtücke fürchtete, die so oft der Preis für wachsende Vertrautheit war.

Während Sandy jene Namens-Enthüllung unterlief, lag Mary ein paar Pferdelängen weiter in ihrer einspännigen, mit Klappverdeck ausgerüsteten Kutsche und sagte sich, falls sie nicht schon schnarchte, weiß der Teufel was. Wahrscheinlich gar nichts. Sie war nicht berechnend, das mußte man ihr immerhin zugute halten. Sie war nur launisch. Sie handelte, wie es ihr gerade in die blonde Rübe kam, und in dieser ging es offenbar nicht sonderlich wohlgeordnet zu. Sie brachte es fertig, vor dem Frühstück den blauen Himmel zu rühmen – um schon beim ersten Becher Kaffee verbissen zu bestreiten, man könne den Himmel „blau“ nennen. Ihren Kojoten hätschelte und beschimpfte sie fast gleichzeitig. Mit den Musikern hielt sie es ähnlich. Im Lauf der Zeit reimte sich Steve zusammen, sie sei von Hause aus ziemlich unausgeglichen und wisse im Grunde nicht, was sie wolle. Angeblich hatte sie sowohl Kunst wie Ornithologie studiert und nun den Auftrag eines renommierten Verlagshauses ergattert, Illustrationen eines populären Buches über die Vögel Nordamerikas zu liefern. Allerdings schwärmte sie auch oft von Pferdezucht, Rodeos, Kanufahrten, Bärenjagden, Dostojewski-Romanen, Sarah Bernhardt und noch vielem anderen, nur auffälligerweise nie von Männern. Sie war also keineswegs eine Slue-Foot-Sue. So hieß ein ziemlich gewöhnliches Frauenzimmer indianischer Herkunft, das irgendwo in den Südstaaten in Saloons als „Kellnerin“ gearbeitet hatte. Das „volkstümliche“ Lied der Slue-Foot-Sue war von Steve neu vertont worden, um Hauptsänger Sandy einen Hit zu verschaffen, mit dem er die jeweils anwesenden Männerherzen fast immer traf. Sue verzehrt sich nach den ruppigen Zärtlichkeiten eines Liebhabers, der sie verlassen hat, und räsoniert dabei über „die“ Männer überhaupt; so seien sie eben: roh, treulos und liebenswert. Was Slue-Foot eigentlich hieß, war keinem so richtig klar. Ein deutscher Musikwissenschaftler übersetzte es Jahrzehnte später mit „Schlurffuß“; andere schlugen Schlapp- oder Plattfuß vor. Vielleicht war die Kellnerin durch den Saloon gewatschelt, aber eine scharfe Zunge hatte sie. Der Musikwissen-schaftler schrieb, der Balladentext erinnere ihn vom Tonfall her stark an das Lied der Seeräuber-Jenny aus Brecht/Weills Dreigroschenoper von 1928. Lag er richtig, ahnen wir, wer sich bei wem bediente.

Zum Leidwesen sämtlicher drei Männer war Mary ungefähr so musikalisch wie ein Truthahngeier. Sie konnte schießen, traf aber kaum einen Ton, wenn man sie einmal zum Singen genötigt hatte. Gleichwohl eröffnete sie ihnen eines morgens beim Frühstück, sie habe von einem Chor geträumt, wenn auch nur kurz. Zum Auftakt habe es gehießen, es sei doch eine günstige Gelegenheit, bei dem und dem Präriefest einen Auftritt des neuen Soundso-Chores einzuflechten, bei dem sie, Mary, offenbar mitwirkte. Alle ChorsängerInnen waren aufgeregt, weil sie eigentlich noch gar nicht genug geübt hatten. Aber dann habe die Szene bereits gewechselt: es sei plötzlich um ein akrobatisches Wagenrennen gegangen, erzählte Mary. Sie stand mit den anderen Chorleuten oder sonstwelchen MitstreiterInnen auf einem von drei feurigen Rossen gezogenen Streitwagen, der unter den Augen des Publikums (vielleicht gab es Tribünen oder Hügel mit Zuschauern darauf, die wie Mary ein Fernrohr besaßen) auf ein langgestrecktes, schmales, bestenfalls 30 Meter breites Maisfeld zuraste. Aufgabe der Insassen sei es nun gewesen, sich in den Sekunden des Durchbruchs vom Wagen aus nach den Seiten hin in den Mais zu hechten, damit es dann so aussehe, als wären sie vom Erdboden verschluckt worden. Tatsächlich donnerten die Rosse nach dem Durchbruch mit wie leergefegtem Streitwagen in die Prärie, während von den Abgesprungenen nicht ein Hemdzipfel zu erblicken gewesen sei. Wahrscheinlich habe das Publikum „Ah“ und „Hurra“ geschrien und seine Hüte in die Luft geworfen, aber darüber sei sie sich schon nicht mehr sicher. Das war alles, was sie noch von diesem Traum wußte, behauptete sie jedenfalls.

Steve schrieb den Traum heimlich auf. 15 Jahre später kramte er das entsprechende Heft hervor und trug Marys Traum einem mit ihm befreundeten Psychologen vor, der sich gerade für eine Neuerscheinung aus Wien begeistert hatte, Freuds Traumdeutung. Der Experte zeigte sich von Marys Traum kaum weniger angetan. Marys Sehnsucht nach dem Kollektiv springe einen ja aus diesen Bildern geradezu an. Deshalb, ihrer Einsamkeit wegen, sei sie vermutlich auch Hundehalterin gewesen. Sie habe aber wohl selber geahnt, jene Sehnsucht werde, bei ihrer eigensinnigen Störrischkeit, nie zu stillen sein. Deshalb der Absprung. Allerdings – sie sei ja ins Maisfeld gehechtet, ins Verborgene und auf die Erde zu, ins Mütterlich-Weibliche mithin. Ob die Malerin womöglich starke lesbische Neigungen besessen habe?

Steve kam diese Auslegung eigentlich ähnlich grotesk vor wie der Traum. Trotzdem sah er den Freund verblüfft an, denn dessen abschließende Frage war keineswegs aus der Luft gegriffen. Niemand von den drei Männern hatte Mary damals „bekommen“, wie es ja immer heißt. Vielmehr setzte sie sich nach einem Konzert in Sidney, dem wir uns aus anderen Gründen gleich widmen werden, wieder von ihnen ab, nachdem sie dabei eine dralle, braungelockte Schullehrerin kennengelernt hatte, die in ihrem Alter war. Als die Männer am nächsten Vormittag abzogen, konnten sie Marys Kutsche neben dem Schulhaus parken sehen, in dem die Dralle auch wohnte. Zwar war das Klappverdeck geschlossen, weil es am Vortag geregnet hatte, doch das Pferd war ausgespannt und mümmelte hinter dem Gartenzaun von der Petersilie. Es fehlte bestimmt nicht viel, und Sandy hätte das Kutschenverdeck, vom Sattel des Schecken aus, mit seinem Karabiner durchlöchert. Gleichwohl verzog er keine Miene.

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6 Sidney, Kirche

Obwohl Sidney immerhin 1.000 EinwohnerInnen aufwies, war ihr dortiger Auftritt nur mäßig besucht. Vielleicht lag‘s am Regen. Sie hatten den Pfarrer einer baptistischen Kirche mit Engelszungen überredet, ihnen das Gotteshaus für ihre Unterhaltungszwecke zur Verfügung zu stellen. Es war eine Art Baracke. Da sie sich aber frech mit einem freistehenden Glockenturm brüstete, ein mageres Holzgerüst, in dem eine zylindergroße Bimmel baumelte, berieten sie sich mindestens drei Minuten lang, ob sie den nachfolgend abgedruckten Song darbieten konnten, ohne den Pfarrer zu kränken, der nämlich anwesend war. Sie taten es – und er schmunzelte sogar.

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Die Dralle war natürlich ebenfalls in der Baracke anwe-send. Eben deshalb wurde ja die Nervensäge der Band auf sie aufmerksam und ließ sich gleich nach Konzertende bereitwillig von ihr ins Schulhaus schleppen. Dies alles waren jedoch Bagatellen gegen Steves Begegnung mit Julia. Der Vorfall berührte Steve noch auf dem Nachtlager und beim Frühstück so sehr, daß er schmerzlich das Gesicht verzog, sobald er das neunjährige, blonde Mädchen in Gedanken vor sich sah. Beim Konzert hatte es ganz hinten auf einer Truhe gesessen, offensichtlich ohne Begleitung, und ihre Darbietung mit großen Augen verfolgt, von denen schwer zu sagen war, ob sie zu einem Hochzeits- oder eher zu einem Beerdigungsgast gepaßt hätten. Aus der Nähe sah dann Steve, sie waren grau. Ansonsten trug das Mädchen ein kleingeblümtes Kleid, das ihm wohl bis zu den Knöcheln ging, jetzt freilich, auf der Truhe, etwas hochgerutscht war. Vermutlich hatte das weiße Mädchen durchaus braungebrannte Beine. Steve war in der Pause an der Truhe vorbeigeschlendert und hatte der kleinen Besucherin in aufmunterndem Tonfall verraten, gleich ginge es mit einem flotten Stückchen weiter, zu dem man ohne weiteres das Tanzbein schwingen könne.

„Oder tanzt du etwa nicht gern ..?“ fügte er im Weiterschlendern schon fast über seine Schulter hinzu.

Sie hatte sich eigentlich über die Ansprache gefreut, aber jetzt wurde sie beinahe schlagartig gleichzeitig rot und blaß.

„Kann nicht!“ erwiderte sie leise, gleichwohl trotzig. Dann wandte sie ihren Blick nach innen. Das war eine deutliche Abweisung.

„Warum solltest du nicht tanzen können?“ gab Steve in jenem munteren Tonfall zurück.

Sie sah noch für einen Augenblick durch ihn hindurch, dann nickte sie auf ihren linken Stiefel, der wie der andere auf den Dielen stand, und sagte kurzangebunden:

„Hab nen Klumpfuß.“

Steve blickte erschrocken hin. Tatsächlich, der linke Stiefel glich dem rechten keineswegs; er war unförmiger und auch höher, weil er nur mit einem vorderen Teil der Sohle auf den Dielen stand. Und er hatte es übersehen!

Er schüttelte seinen Kopf, teils über sein Mißgeschick, teils über diese haarsträubende Mißbildung eines sonst gut gewachsenen, ja geradezu bildhübschen Mädchens, und äußerte mit rasch zusammengerafften unverfänglichen Worten sein Bedauern. Sie biß ihre Zähne zusammen und schwieg. Um diese Betretenheit zu bannen, hakte Steve mit den üblichen Fragen nach: wie sie denn heiße; ob sie auch bei der Drallen in die Schule ginge, die sich gerade angeregt mit der Künstlerin Mary Dryer unterhalte; was sie einmal werden wolle und dergleichen.

Die Zuwendung von diesem in mancherlei Hinsicht „großen“ Klavierspieler schien Julia recht gut zu tun. Mit diesem Namen stellte sie sich vor. Auch erfuhr er, sie lebe bei einer Pflegemutter, die Damenschneiderin sei und sich „natürlich“ in den Kopf gesetzt habe, aus dem behinderten Pflegetöchterchen gleichfalls eine Damenschneiderin zu machen. „Dabei brauchst du deinen Fuß nicht, mein Schwälbchen!“ äffte sie die Pflegemutter nach. Sie lerne jetzt schon sticken und nähen und helfe bereits in der Werkstatt mit. „Sie zwingt mich dazu!“ schloß sie wütend.

Sandy rief bereits vom Klavier her. Sie mußten weitermachen. Steve dachte einen Augenblick nach und entgegnete:

„Sagte sie ‚Schwälbchen‘ ..? Fliegen ist vielleicht zu viel verlangt, Julia. Aber wie wärs denn mit Reiten? Besitzt du ein Pferd? Leider nicht? Na, dann zwingst du sie halt, dir eins zu kaufen, als einzige Damenschneiderin von Sidney verdient sie doch Geld genug!“

Er zwinkerte, riß sich los und verwandelte sich wieder in den Pianisten und Leiter einer auswärtigen Band. Als er bei Konzertende zum wiederholten Male zu der Truhe neben der Eingangstür blickte, war sie verschwunden – Julia.



7 Ein blinder Passagier fliegt auf

Von dem Regen, der sie in den Schoß der Kirche getrieben hatte, waren am nächsten Morgen noch nicht einmal Pfützen übriggeblieben. Der Himmel war wieder blau. Eigentlich mußte man ja dankbar sein, wenn es in der Prärie einmal anhaltend regnen sollte, aber das hätte Steve den Ritt auf ihrem feurigen Schecken vergällt. Er hatte sich das Reitpferd auserbeten, weil er vom Rücktransport des Klavieres Kreuzschmerzen hatte. In der Baracke hatten sie lediglich ein altes Harmonium vorgefunden, das wie eine schrottreife Dampflokomotive tutete. Später erfuhren sie, bei den Gottesdiensten werde es von der drallen Lehrerin betätigt, bei der Mary Dryer untergeschlupft war. Gott sei Dank!

Wie sie inzwischen erkannt hatten, war die Versorgung mit Trinkwasser bei einer Präriereise nicht gerade kinder-leicht. Sofern überhaupt vorhanden, zeigten Gewässer oder Wasserlöcher in der Regel eine faulige oder alkali- und urinhaltige braune bis schwarze Brühe, die man besser nicht zu sich nahm, schon gar nicht ungekocht. Quellbäche waren seltener als Goldgruben. In den meisten Siedlungen gab es immerhin Brunnen, an denen sie ihr Trinkwasser-faß (vor allem für die Gäule) und ihre Feldflaschen auffüllen konnten. Die Feldflaschen hatten ihnen Sandys Chicagoer Genossen im Verein mit den Schußwaffen besorgt. Sie hatten sogar noch ein Dutzend im Gerümpel-wagen liegen, um sie Sandys Leuten beziehungsweise denen von seinem Häuptling Rollender Fuchs zu verehren. Wie die anderen, dachte Steve ziemlich häufig mit Bangen an ihre zündende Fracht. Bislang hatten sie Glück gehabt. Was die Oglalas mit den Waffen anstellen würden, war wieder eine andere Frage, die auch nicht gerade zur Beruhigung diente. Vor allem Ed, das wußte Steve, hatte großes Unbehagen bei der Vorstellung, zum Anrichten von Blutbädern beizutragen.

Um Mittag erblickte Steve, der inzwischen vorausritt, über einer Bodenwelle zur Rechten die Wipfel von einigen Zitterpappeln. Diese Baumsorte kannte er, als Farmer-sohn, immerhin; sie deutet auf Bodennässe, und so war es auch. Die Pappeln standen an einem Fluß. Sein Wasser wirkte sogar einigermaßen einladend. Der Sweetwater River konnte es allerdings noch nicht sein; er kam erst in Wyoming aus den Bergen. Längs des Ufers zockelnd, machten sie bald darauf an einer seichten Stelle Halt, tränkten die ausgeschirrten Pferde und ließen sich dann ein paar Schritte höher zur Rast nieder. Sie sahen ein paar Kähnen oder Flößen zu, die vorbeikamen, wobei sie sich auch nicht scheuten, Marys Fernrohr einzusetzen, das die Künstlerin gestern Sandy für die Jagd geliehen und dann vergessen hatte. Während sie Kaffee kochten und im selben Feuerchen Speck für ihr Fladenbrot rösteten, erörterten sie unter anderem die Frage des Badens; schließlich mußten sie jetzt keine geschlechtlichen Rücksichten mehr nehmen.

Neben dem Speck hatten Ed und Sandy ohne Zweifel noch an dem Schock zu kauen, den ihnen Marys Flucht in „Weiberarme“ versetzt hatte. Sie äußerten sich nur lustlos zum Baden und schleuderten die lauwarm gewordenen Neigen in ihren Kaffeebechern jedesmal mindestens drei Meter weit. Steve dagegen war eher froh darum, die Künstlerin und ihren Kojoten losgeworden zu sein. In einer knappen Woche wollten sie bei Rollender Fuchs sein, und wer weiß, wie sich die beiden vor Hunderten von braunhäutigen Kriegern und vor allem „Squaws“ aufge-führt hätten. Das Fernrohr konnten sie ja möglicherweise auf dem Rückweg bei Marys neuer Sidneyer Flamme abliefern.

Plötzlich zuckten sie einträchtig zusammen, starrten wie ein Mann zum Gerümpelwagen und tasteten bereits nach ihren Colts. Aus dem Wagen hatte es gedröhnt!

Sie sahen sich entgeistert an. „Nicht schon wieder!“ sagte Steve in normaler Lautstärke, um dann flüsternd und mit einem Nicken zum Wagen fortzufahren: „Ed kommt von links, Sandy von rechts! Ich bleibe hier und gebe euch notfalls Feuerschutz.“

Die beiden standen geräuschlos auf, zogen ihre Colts und nahmen den Gerümpelwagen in geduckter Haltung von den Seiten her in die Zange.

Als Ed in Höhe der Deichsel eingetroffen war, polterte es erneut im Wagen, diesemal unweit des vorderen Schlupfloches. Sekunden später ließ sich eine helle, kindliche, durch die Planen etwas abgedämpfte Stimme vernehmen:

„Nicht schießen, Onkel! Ich ergebe mich.“

Schon flog ein Ding in den Staub neben der Deichsel, das selbst von der Feuerstelle aus ohne Fernrohr als Zwille zu erkennen war: ein kurzer, gegabelter Ast mit einem roten Gummiband an den Enden der Gabel. Ed staunte nicht schlecht. Er starrte mit verkniffenen Augen zum Schlupfloch, entspannte sich schließlich und sagte:

„Na gut, du Erdferkel, dann komme mal schön aus deiner Höhle geklettert!“

Das Ferkel gehorchte. Zwar steckte es in einer kurzen Lederhosen, war aber trotzdem weiblicher Natur – ein kleines, blondes Mädchen. Als es neben der Deichsel stand, merkte Ed, es hinkte. Jetzt fiel ihm auch wieder das Mädchen aus der Kirche in Sidney ein, von dem sie beim Frühstück sogar noch gesprochen hatten. Steve hatte es Julia genannt. Vermutlich war Julia nicht nur wegen ihres körperlichen Gebrechens verlegen. Aber sie war auch frech. Sie schnupperte plötzlich, heftete ihren Blick zielsicher auf Steve, der das Feuer und den gebratenen Speck hütete, und platzte heraus:

„Oh Mann – was hab‘ ich für ‘nen Kohldampf!“

Ed kicherte und bedeutete ihr mit einem Wink seines Colts, sich in Bewegung zu setzen. Als sie das befolgte, sah man natürlich wieder ihr Hinken. Die Gefühle aller Männer waren sehr gemischt. Sandy steckte seinen Colt ein, fischte einen Teller aus dem Klavierwagen, reichte ihn Steve und ließ sich mit unbewegtem Gesicht wieder, wie Ed, auf seinem Platz am Feuer nieder. Steve füllte auf und nickte Julia ermunternd zu, wenn er auch lieber ungläubig seinen Kopf geschüttelt hätte. Sie bedankte sich artig und aß. Als der Teller leer war, reichte ihr Ed auch noch Wasser, das er in seinen leeren Kaffeebecher gefüllt hatte. Später sollte sie ihre eigene Feldflasche bekommen.

Während sie trank, erkundigte sich Steve, wie sie es verdammt noch mal bewerkstelligt habe, sich unbemerkt in ihren Gepäckwagen zu schmuggeln. Er legte dabei eine gewisse Bewunderung in seine Stimme, und das schien Julia erneut zu gefallen. Sie grinste sogar ein wenig. Nach ihrer Darstellung hatte sie die Lage noch am Abend ausgekundschaftet und sich gesagt, wenn sie sich nachts in den Wagen stehle, würden mindestens die Pferde unruhig. Deshalb habe sie sich gegen morgen am nördlichen Ortsrand an der Straße versteckt und auf den Treck gewartet. Zu ihrem Glück zählte ja nicht mehr Dryers Kutsche mit dem Kojoten dazu. Als sie der Gerümpel-wagen, an zweiter Stelle, passiert hatte, sei sie von hinten aufgesprungen und vorsichtig in die Kessel und Decken geschlüpft. Sie hatte auch einen Rucksack mit Wäsche und Nähzeug dabei. Nur an Proviant und Wasser habe sie nicht gedacht. Gleichwohl sei sie einmal bei einem Zwischenhalt, bei dem die Männer an der Treckspitze irgendetwas diskutierten, aus dem Wagen geschlüpft, um im hohen Gras zu pinkeln. So drückte sie sich aus. Sie hätte gebetet, der Treck setze sich nicht unversehens in Bewegung – ohne sie. Der liebe Gott habe ihr geholfen. Aber es gebe auch einen bösen Gott. Der schicke Moskitos, Klapper-schlangen, Schulbücher und ähnliche Plagen.

Die Männer waren belustigt. Gleichwohl wollte Ed nach einer Weile von der jungen Frau wissen, was sie nun für Pläne habe?

Sie wollte mitfahren. Wenigstens für eine Zeitlang. Und sie wollte reiten lernen. Mit der entsprechenden Geste vom Feuer weg fügte sie hinzu, Pferde gebe es hier ja genug.

Die Männer sahen sich kopfschüttelnd an. Hinken hin, hinken her, das Mädchen schien recht aufgeweckt zu sein. Sicherlich hatte auch keiner von ihnen Lust, Julia am Schlawittchen zu packen und auf dem Schecken in stundenlangem Ritt nach Sidney zurückzuschaffen.

„Immerhin hat sie ja den Zettel auf den Küchentisch gelegt“, sagte Steve zu Sandy, dem er noch die meisten Vorbehalte gegen die Aufstockung des Trecks durch ein erneutes Weib, wenn auch ein blutjunges, zutraute. „Falls sie uns nicht angeflunkert hat! … Von daher ist es eher unwahrscheinlich, daß uns der Town-Marshall wegen Kindesentführung jagt ...“

„Ich lüge nicht!“ rief Julia erbost und warf Eds leeren Trinkbecher Steve vor die Kniee. „Wenn ihr das glaubt, kann ich auch gleich wieder gehen!“

Ed kicherte. Sollte sie nur mal gehen, mit ihren kurzen und auch noch ungesunden Beinen, 15 Kilometer ..!

In der Tat hatte sie nicht gelogen, wie die Damenschnei-derin Wochen später Ed bestätigte. Sie hatte Julias Zettel sogar aufbewahrt. „Muß für eine Weile verreisen, liebe Mama, mach dir keine Sorgen! Julia.“

Da ihn Steve fragend ansah, nickte Sandy. „An mir soll es nicht liegen. Sie wäre nicht der erste Mensch, dem ich das Reiten und Lassowerfen beigebracht hätte.“

Steve lächelte und sagte zu Julia: „Du bist aufgenommen. Kannst du schon schwimmen?“

Julia strahlte, wegen der Aufnahme, obwohl sie die Frage verneinen mußte.

„Dann bringt dir Sandy auch das gleich bei!“

Sie lösten die Runde am Feuer auf. Die Musiker hatten sich nämlich bereits darauf geeinigt, das vorhin erwogene Bad mit einem Wäschewaschen zu verbinden. Sie stanken ohnehin schon ähnlich wie Frau Dryers schwarzer Kojote. Sie zogen sich aus und ließen ihre Hemden, Strümpfe und Unterhosen zusammen mit anderen Kleidungsstücken, die sie aus dem Klavierwagen holten, kurzerhand in der Seichte fallen, um sie zunächst einmal einzuweichen. Wegen der Strömung beschwerten sie sie mit einigen dicken Kieseln. Dann gingen sie ins Wasser.

Wie sie verstohlen aus den Augenwinkeln sahen, schien es Julia wenig auszumachen, sich ebenfalls zu entkleiden beziehungsweise plötzlich drei nackte Männer um sich zu haben. Erstaunlich genug, bei der Pflegetochter einer Damenschneiderin. Ihren verunstalteten linken Fuß – verkrümmt, verdreht, die Ferse hochgebogen – gaben sie vor zu übersehen. Aber das kannte Julia schon; das konnte man ihr nicht weismachen. Nicht ihre Nacktheit: ihr Klumpfuß war ihre wunde Stelle, sozusagen ihre Blöße. Beim Reiten störte er nicht weiter, wie sie bald erfahren sollte; aber bevor man ihn beim Baden oder Schwimmen im Wasser verstecken konnte, mußte man erst einmal hineinkommen. Das war eine Klippe, die sie erst später, nach mehreren Jahren, einigermaßen überwand.

Einige weitere praktische Fragen des Trecklebens, die nicht aufgeschoben werden konnten, klärten sie nach dem Baden beim Wäschewaschen. Am wichtigsten war die Frage des Nachtlagers. Sie konnten ihr einziges Kind ja schlecht in den überfüllten Gerümpelwagen stecken, wo vielleicht Gespenster lauerten oder eine Munitionskiste hochging. Andererseits war es im Klavierwagen nicht merklich weniger eng. Ed hatte aber die großartige Idee, mit Hilfe einer Pferdedecke, einiger junger, am Flußufer abgeschnitten Eschenstämmen und Seilen zum Binden ans Planengestänge, im Bug des Klavierwagens eine Art von Hängeboden einzuziehen. Im Ergebnis lag ihr blondes Kind quer über den Schläfern Steve und Ed und ein- bis vierkopfhoch unmittelbar unter der gewölbten Plane. Zum Hinaufklettern fand sich eine Strickleiter.

Als Julia dieses Lager probeweise erklomm, sich oben ausstreckte und räkelte und dann wieder aufsetzte, um ihre (noch gestiefelten) Beine baumeln zu lassen, war sie sichtlich begeistert. Sie meinte, jetzt sei sie fast in die Fußstapfen ihrer „richtigen“ Mutter getreten; es sei wie eine Bühne. Darauf kam Steve aber erst spätabends zurück, als sie allesamt in den Fallen lagen – Julia übrigens todmüde. Was sie damit gemeint habe? Sie erklärte kurz, ihre Mutter sei Schauspielerin in Saint Louis, Missouri, gewesen. Von daher hätte sie auch (sie, die Tochter) ihren Namen – „von Shakespeare, dem Stückeschreiber“, sagte sie stolz. Leider sei aber ihre Mutter einer schweren Krankheit erlegen, als Julia noch kaum laufen konnte. Deshalb sei sie zu ihrer Tante in Sidney gegeben worden, „dieser alten Schraube“ … Das heißt, so richtig laufen gelernt hätte sie eigentlich nie, denn mit dem schlimmen Fuß sei sie bereits auf die Welt gekommen … Naja, es gebe sicherlich auch Schlimmeres … Damit war das Mädchen eingeschlafen.

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8 Fluchtburg Steinbruch

Am nächsten Tag, als sie auf Scottsbluff zuhielten, kam Wind auf, während sich der blaue Himmel plötzlich anschickte, schwefelgelb zu werden. Es war am frühen Nachmittag. Die Pferde wurden unruhig. Die Kutscher, gegenwärtig Ed und Steve, kniffen die Augen zusammen, da zunehmend Staub durch die Luft wirbelte. Sandy, der hinter den Treck zurückgefallen war, kam jetzt im Galopp zu ihnen geprescht und stieß mit einem Nicken nach vorn hervor: „Wirbelstum! Das kann übel werden. Wir brauchen eine Deckung!“

Das Schwefelgelb am Himmel hatte sich bereits in andere Farben verwandelt, die immer unheimlicher, im ganzen dunkler wurden. Wolkenfetzen jagten hindurch. Die Windstöße, die ihnen ins Gesicht und in die Wagenplanen schlugen, wurden minütlich heftiger und dichter. Ed und Steve fluchten wie echte Fuhrknechte. Julia, die neben Steve auf dem Kutschbock des Klavierwagens saß, hatte ihre Stupsnase schon in seinem Rücken vergraben. Er scheuchte sie mit dem Argument ins Wageninnere, sie möge Sandy Marys Fernrohr hinausreichen. Sie tat es, und wie sich versteht, blieb sie gern drin.

Sandy suchte vom Sattel aus die Gegend ab. Ringsum war Prärie, hatten sie doch den North Platte River längst verlassen. Es gab hier nur Bodenwellen. Sandy schwankte auf seinem Schecken bereits wie ein Matrose im Mastkorb. Nach einer Weile rief er gegen die Sturmböen an, da vorn, in der Anhöhe, klaffe so etwas wie ein Loch; vielleicht sei es ein Steinbruch. Er liege gegen den Wind. Steve gab Ed ein Zeichen und trieb seine drei Gäule an, obwohl sich diese lieber unter dem Wagen verkrochen hätten. Übrigens waren die Zugpferde jeweils pfeilförmig eingeschirrt; das Leitpferd hielt die Spitze.

Das neue Ziel lag ungefähr eine halbe Meile entfernt. Da sie vom Trail ausscheren mußten, betete Ed, die Wagen-achsen mögen halten, während sie, die Insassen, dem Sturm trotzend, über Stock und Stein rumpelten, streckenweise sogar flogen. Steve betete dafür, die Planen mögen halten, denn er dachte an ihr neues Pflegekind und an sein altes Klavier. Die Präriehunde am South Platte River würden sich schieflachen, wenn es weiße und schwarze Tasten in ihre Baue hagelte. Sie waren Musiker, keine Luchse, Kojoten oder Schlangen, und der Sturm brachte ihnen jetzt bei, wie man ordentlich faucht und pfeift und heult und das Gerümpel in Eds Wagen zum Klappern bringt. Als sie die halbe Strecke bewältigt hatten, schlugen ihnen auch die ersten Regentropfen ins Gesicht, wie Fäuste. Dafür sah man kaum noch die Hand vor Augen, so finster wurde es. Sandy brüllte jedoch, es sei tatsächlich ein Steinbruch, und feuerte die Kutscher zum Durchhalten an. Sein Schecke stieg wie beim Rodeo. Die Zugpferde keuchten mit dem Sturm um die Wette.

Als sie mitsamt der Gäule halbtot in den Steinbruch torkelten, schien sie fast ein windstiller Hafen zu empfangen, so deutlich war der Unterschied. Die kaum sichtbaren Steilwände schirmten sie ab. Sie umgaben den Platz ungefähr hufeisenförmig. Aus Angst vor Steinschlag hielten sie wohlweislich im Zentrum an. Um die Pferde konnten sie sich zunächst nicht kümmern, weil es auch im Steinbruch heftig regnete. Sandy band nur den Schecken an irgendeinen Baumstamm von dem er hoffte, er flöge nicht in Kürze weg. Immerhin deuteten der Baum und ein paar Gebüsche, die sie erahnten, darauf hin, daß der Steinbruch schon seit längerem außer Betrieb war.

Sie versammelten sich im nahezu finsteren Klavierwagen, schälten sich aus ihren klatschnassen Kleidern und warfen sie kurzerhand durch die Schlupflöcher nach draußen. Dann rieben sie sich mit Handtüchern halbwegs trocken. Julia hatte das bereits getan, wie sie den Männern versicherte. Sie lag auf Steves Schlafmatte (Strohhäcksel in Büffelfell eingeschlagen) unter mehreren Wolldecken und klapperte trotzdem mit den Zähnen. Hoffentlich hatte sie sich keine Lungenentzündung geholt. Die Wagenplane schien noch dicht zu sein. So krochen die drei Männer ebenfalls unter Decken. An Feuer war selbstverständlich nicht zu denken, obwohl sie stets einen Korb mit trockenem Holz an Bord hatten. Ed hallizunierte bereits von heißem grünem Tee, den er viel lieber als Kaffee trank. Das war immer noch besser, als wenn er von Mary Dryer hallizuniert hätte. Allerdings hatte er nicht unrecht, als er nach einigen Minuten das schwere Atmen oder Seufzen im dunklen Wagen etwas unvermittelt unterbrach, indem er lakonisch verkündete:

„Mary hat uns gerettet.“

„Ach“, gab Sandy knurrend zurück. „Durch Telepathie ..?“

„Nein, durch ihr Fernrohr.“

Da konnte Sandy natürlich schlecht widersprechen.

Nach rund einer Stunde hörte es sich so an, als habe der Regen aufgehört. Auch ihr Planwagenhimmel wurde allmählich wieder heller. Sandy spähte nach draußen. Der Baum mit dem angebundenen Schecken sei noch da. Die Felswände tröffen wie kleine Wasserfälle. Es gebe aber einen Überhang, wo man vielleicht halbwegs im Trocknen sitzen könne.

Sie zogen sich an und versorgten zunächst ihre Pferde. Sie schirrten die Zugpferde aus, weil sie ohnehin im Stein-bruch zu übernachten gedachten. Wahrscheinlich war es schon nach 18 Uhr. Die Pferde waren abzureiben, für ihren todesmutigen und treuen Einsatz zu loben und mit viel Hafer zu füttern. Zum Saufen gab es genug Pfützen. Julia ließen sie schlafen. Sie gesellte sich nach einer weiteren Stunde zu den Männern, als sie unter dem Überhang am Feuer saßen, auf dem bereits der Wasserkessel sang. Zwar rieb sie noch ihre Augen, meinte jedoch, sie fühle sich fieberfrei. Da waren sie erleichtert genug, um ihr spontan einen großen Becher mit heißer, wenn auch gezwungener-maßen milchloser Schokolade zu spendieren.

Allmählich wurde es unter dem Felsüberhang geradezu gemütlich. Sie ließen sich Bohnen mit Speck schmecken, ertrugen geduldig Julias brennende Fragerei nach ihren früheren Reise-Abenteuern, wenn nicht gar -Heldentaten, und lachten über den höhnischen Ruf irgendeiner Eule, die über den Steinbruchkamm strich. Mary hätte sofort den Namen des Vieches gewußt. Mit der Abenddämmerung verschob sich die Gemütlichkeit allerdings ins Feierliche und Andächtige. Es war vielleicht kein Wunder; schließlich war man wieder einmal nur um Haaresbreite dem Tod von der Schippe gesprungen. Der Himmel war klar – und im Westen rötlich. Da sie weder die Rocky Mountains noch die dort absinkende Abendsonne sehen konnten, forderte Steve Julia auf, ihnen das mutmaßliche Aussehen der Abendsonne zu beschreiben.

Sie dachte nicht lange nach. „Ein roter Ball ist sie. Die Riesen aus dem Felsengebirge spielen gern mit ihr Fußball. Keiner von ihnen hat Klumpfüße. Manchmal verhakt sich ihr Ball in den Wipfeln der Fichten, dann machen sie lange Gesichter.“

Während Eds Mondgesicht schmunzelte, hakte Steve nach: „Und dann? Können sie sich den eingeklemmten Ball nicht wiederholen? Sie sind doch groß genug!“

Jetzt wurde Julia doch ein wenig verlegen. Sie kratzte sich hinterm Ohr. Schließlich erwiderte sie lächelnd:

„Ich glaube nicht. Die Sonne ist zu weit weg. Draußen im Weltall ist sie.“

Steve nickte anerkennend und sprach Marys neuer drallen Flamme, Schullehrerin in Sidney und damit auch von Julia, insgeheim ein fettes Lob aus. Nach einer Weile sagte er versonnen:

„Manchmal steht die rote Abendsonne wie zum Greifen nahe am Horizont. Man schätzt dann, 10 Kilometer im Galopp, und man habe sie erreicht und könne sie vielleicht noch am selben Abend umrunden. In Wahrheit ist sie immer rund 150 Millionen Kilometer von uns entfernt. Somit dürfte sie beträchtlich größer sein, als sie zuweilen auf uns wirkt. Nur ist sie eben weit weg … Wenn ich mich recht erinnere, ist sie 1,4 Millionen Kilometer dick, was dem 109-fachen Durchmesser unserer Erde entspricht. Sie soll eine riesige Gas- oder Plasmakugel sein. Ein Abreiten ihrer Oberfläche dürfte sich übrigens kaum empfehlen, denn diese ist 6.000 Grad Celsius heiß.“

Julias offener Munde zeigte ihm, der Unterricht in Sidney hatte sich nicht in Details verloren. Inzwischen waren die Sterne herausgekommen, und im Trichter des Steinbruchs glitzerten ein paar davon. So kramte er weiter in seinem „astronomischem“ Wissen und fuhr schließlich fort:

„Der uns zweitnächste Stern, nach der Sonne, ist Proxima Centauri – schon 4,2 Lichtjahre von uns entfernt. Weißt du, was das heißt, Julia? Das sind ungefähr 37 Billionen Kilometer. Kannst du dir das vorstellen?“

Sie war ehrlich genug, um mit dem Kopf zu schütteln.

„Ja“, sagte Steve, „das übersteigt unsere lächerlichen irdischen Maße. Dabei ist es nur ein Klacks! Tatsächlich hat das Universum noch ganz andere Entfernungen zu bieten; vielleicht ist es sogar unendlich. Aber auch das kann sich kein Sterblicher vorstellen, Unendlichkeit … Im Grunde ist dies alles verflucht rätselhaft, das irdische Geschehen eingeschlossen. Die einen werden Präriehunde, die anderen Sergant oder Colonel in der Army. Hier kommt ein Wirbelsturm, dort nicht. 1.000 Tote, 10.000 Obdachlose, und eine Menge Waisenkinder – so welche wie Sandy und du, meine liebe Julia. Ich bin kein Waisenkind – warum nicht?“

Er hatte sich wohlweislich gehütet, auch die fragwürdige Austeilung von Klumpfüßen anzuführen. Vielleicht kam sie früher oder später von selber darauf. Vielleicht fand sie in Steves Beklagung der in der Welt herrschenden Willkür einen Trost.

Sandy schien Gedanken lesen zu können. Er hatte sich nicht in Steves Vortrag eingemischt, stieß aber nun Ed an, der neben ihm saß, und erkundigte sich, ob er nicht, vorm Schlafengehen, ein besinnliches Lied auf Lager habe, das irgendwie tröstlich stimme. Sandy werde auch gern die Gitarre aus dem Wagen holen.

Der kleine, etwas rundliche Gatte der Hebamme lächelte, dachte eine Weile nach und nickte dann zustimmend. Nachdem Sandy, mit der Gitarre, wieder erschienen war, griff Hornist Ed in die Saiten und stimmte ein schlichtes altes Lied aus der Heimat seiner deutschen Vorfahren an. Julia fand, es war herzergreifend. Ed hatte nur die Anfangszeile übersetzt, die offenbar auch den Liedtitel enthielt: „Guter Mond, du gehst so stille in den Abendwolken hin ...“

Vom Rest des Liedes erfuhren seine Kollegen erst, als sie im Wagen lagen und Julias Atemzügen lauschten, die anzeigten, sie schlief bereits. Denn nun kicherte Ed unvermutet und versicherte ihnen dann, das Lied vom stillen Mond sei ein durchaus trauriges Lied. Dessen angenommener Sänger habe an Einsamkeit und unstill-barem Liebesverlangen gelitten und dem Mond sein wundes Herz ausgeschüttet.

„Hoffentlich ergeht es dem Kind einmal besser“, fügte er noch seufzend hinzu. Dann überließ er seine Mitstreiter ihren Gedanken – oder ihren Träumen.

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9 Ein Major, der vor Musikern strammsteht

Als letzte Ortschaft vor dem Indianerlager wollten sie Casper besuchen. Das Städtchen lag am North Platte River, zudem am Fuße der Rocky Mountains. Gegen Topeka war es geradezu winzig; gleichwohl hatten sie gehört, es gebe dort eine imposante Music Hall, in die zur Not die ganze Einwohnerschaft hineinpasse, 500 Köpfe. Außerdem winkte Casper neuerdings Bahnanschluß. Es hatte schon jetzt verschiedene Werkstätten, Läden, Sündenpfuhle und einen Wasserfall zu bieten, weshalb es die Schaulustigen, Trapper und Glücksritter von halb Wyoming zu sich saugte. Heute, 2018, ist Casper 120 mal so groß – wogegen der Durchmesser unseres Planeten im selben Zeitraum gleichblieb, wie Geographen versichern.

Sie hatten noch etwa 15 Kilometer bis zur Stadt zu bewältigen, als Sandy, der vorausgeritten war, in scharfem Galopp zurückkehrte. Es war um Mittag. In den wenigen schlaffen, völlig unbewegten Gebüschen, die den staubigen Fahrweg begleiteten, dösten ein paar Wiesenstärlinge oder Elstern, während Julia in Steves Rücken, im Klavierwagen, ein Schläfchen abhielt. Ed schloß mit dem Gerümpelwagen bis zu Steves Kutschbock auf, weil er zurecht annahm, es gebe Neuigkeiten. Nun hielt Sandy den Schecken vor ihren Zugpferden an, deutete mit Marys Fernrohr hinter sich und eröffnete ihnen, ein ganzes verfluchtes Fähnlein Soldaten komme auf sie zu.

„Haben sie dich gesehen?“

„Ich fürchte, ja.“

„Besitzen sie ebenfalls ein Fernrohr?“

„Ich glaube, nein.“

Ed und Steve nahmen es ziemlich gefaßt, weil sie mit solchen Zwischenfällen durchaus gerechnet hatten. Da mußten sie durch. Was sie vor bald drei Wochen allerdings noch nicht gewußt hatten: sie führten ein ausgerissenes, am Ende sogar gestohlenes Kind mit sich! Deshalb kratzten sie sich unter den Hutkrempen und sahen sich ratsuchend um.

Erfreulicherweise wurde eine Bodenwelle, die ungefähr 150 Meter zu ihrer Linken lag, von zwei oder drei Felsbrocken und sogar einer verkrüppelten Kiefer geziert, die vielleich etwas Schatten spenden konnte. Sie sahen sich an, nickten und riefen Julia aus dem Schlaf. Als sie sich neben Steve auf den Bock schob, erläuterten sie ihr die Lage. Sie wurde augenblicks hellwach, weil sie eine riesige Bewährungsprobe witterte. Ed schärfte ihr ein, sich wie ein guter Indianer zu verhalten, nämlich sich nicht zu verraten. Dann bat er sie um ihre Feldflasche, die sie, wie alle, am Gürtel baumeln hatte, und schüttelte sie. Da sie fast leer war, füllte er sie bedächtig aus seiner eigenen Flasche nach. Schließlich ließ er sich von Sandy das Fernrohr geben und reichte es ebenfalls an Julia weiter:

„Damit bist du über die Vorgänge, die hier stattfinden, gut im Bilde. Achte aber darauf, daß das Ding nicht in der Sonne aufblinkt! Verstanden?“

Julia nickte begeistert und flitzte zu ihrem Versteck.

Sie rangierten die Wagen wieder in Kette, gaben den Pferden Wasser und tranken auch selbst ein paar kräftige Schluck. So täuschten sie eine kleine Mittagspause vor. Nach fünf Minuten trudelte auch das Fähnlein Soldaten bei ihnen ein. Es sah nach einer berittenen Streife aus. Es waren genau 10 Gemeine, geführt von einem Major, wie sie unschwer erkannten, im ganzen also 11. Da hätten sie bei einer Schießerei vermutlich den Kürzeren gezogen, obwohl ihr Treck geradezu von Waffen starrte, wenn man jene mitzählte, die seit drei Wochen unterbeschäftigt in den Kisten des Gerümpelwagens dümpelten.

Der Major war ein stattlicher Mann, dessen gewichster schwarzer Schnauzbart ringsum in schneidige Gesichts-züge überging. Nachdem er seinen Leuten mit der Hand einen Halt signalisiert hatte, hielt er seinen Fuchs an, schimpfte auf die Hitze und schob sich erst einmal den Hals seiner Feldflasche unter den Schnauzbart. Dann fuhr er sich mit dem Handrücken durch den Bart, um die Tropfen abzuwischen, und erkundigte sich in kumpel-haftem Tonfall nach ihrem Woher und Wohin.

Ed lüftete seinen Hut um zwei Millimeter, indem er ihn lediglich antippte. „Händler aus Kansas, Major. Dachten, wir könnten mit den verfluchten Inds ein paar hübsche Geschäfte machen.“

Da er den mißtrauischen Blick des Majors auf Sandy sah, fügte Ed eilig hinzu: „Nur ein Halbblut, Major, dumm wie Bohnenstroh, versteht auch kein Wort Englisch, außer money! Der Kerl führt uns.“

Es war dem Offizier anzusehen, die Sache gefiel ihm nicht. Deshalb beschloß er wohl, andere Saiten aufzuziehen. „Hier wird viel geschmuggelt, meine Herren!“ stellte er drohend fest. „Dürften wir die Ware einmal sehen? Mit anderen Worten: Die Planen hoch, ihr Strolche!“

Es war wohl an der Zeit einzuschreiten. Das Klavier für die Unterrichtung der Indianerjugend in christlicher Kirchenmusik hätten sie ihnen vielleicht noch durchgehen lassen; die Waffenkisten dagegen kaum. Sie hätten ja den ganzen „Gerümpelberg“ in ihrem zweiten Wagen sofort mit Vergnügen auf den Fahrweg geschaufelt. So zog Steve ein zusammengefaltetes Papier aus der Brusttasche seines karierten Flanellhemdes und reichte es dem Major mit den Worten aufs hohe Roß hinauf:

„Vielleicht erübrigen sich weitere Inspektionen und Unhöflichkeiten, Herr Major, wenn ich Sie hiermit um Nachsicht für unser kleines Versteckspiel bitte ...“

Er nahm das Papier unwirsch entgegen, entfaltete es – und nahm innerhalb von 20 oder 30 Sekunden die Blässe von unbeschriftetem Papier an. Während er sich bereits straffte, reichte er dem rothaarigen Fuhrmann seinen gewichtigen Ausweis zurück; dann salutierte er und stieß beflissen hervor:

„Wir bitten vielmals um Verzeihung, Colonel. Wir wünschen Ihnen selbstverständlich viel Erfolg. Können wir Ihnen noch irgendwie behilflich sein?“

Steve winkte gutmütig ab. „Konnten Sie ja nicht wissen, Major … Nein, im Moment sind wir gut versorgt. Aber vielleicht kommen wir später auf Ihr Angebot zurück. Sie sind ja wohl in Fort Lashermink zu finden ..? Na, prima. Sie können abtreten.“

Darauf beeilte sich der Major, seinen Salut zu bekräftigen, während er seinem Fuchs schon im selben Atemzug die Sporen gab, wobei er vermutlich einige Verärgerung abließ. Seine 10 Gemeinen trotteten belämmert hinter ihm her. Sie waren um einen Spaß gekommen und wußten noch nicht einmal, warum.

Das Wunder wirkende Dokument bestand aus einem echten Briefbogen des Washingtoner Hauptquartiers der US-Army und einer Fälschung auf demselben. Sandys alte Genossen hatten sie damit ausgestattet. Es wies auch ein echtes, Steve zeigendes Porträtfoto auf, und stellte fest: „Colonel William Hicks ist für den diesjährigen Sommer in geheimem Auftrag in den Staaten Kansas, Nebraska und Wyoming unterwegs. Falls er es wünscht, ist ihm alle erdenkliche Hilfe zu leisten, soweit sie nicht gegen die Verfassung der USA verstößt.“ Folgt Datum und Unterschrift (General).

Sie machten noch ein paar müde Scherze, während sie dem Trupp nachblickten. Als er von einer Bodenwelle verschluckt worden war, zeigte sich prompt Julias blonder Schopf über den Felsbrocken. Ed winkte sie herbei. Das befolgte sie. Allerdings war ihre Gangart über ihr bekanntes Hinken hinaus etwas merkwürdig. Während das Fernrohr hinter dem Bund ihrer Lederhose stak, verbarg sie ihre Hände, die wahrscheinlich etwas anderes hielten, hinter ihrem Rücken. Sie waren gespannt.

Julia machte vor ihnen auf dem Fahrweg Halt, nickte in Richtung des abgezogenen Militärs und sagte großspurig: „Die wären wir los. Das habt ihr gut gemacht, Männer!“

Das war nun eher großmütig gesagt – die Männer schmunzelten. „Danke sehr“, verbeugte sich Ed.

„Und wie habt ihr das gemacht ..?“

Steve winkte ab. „Wir haben ihm meinen alten Militärpaß unter den Schnauzbart gehalten, hast du ja gesehen. Das genügte ihm. Ich war nämlich einmal Leutnant gewesen, mußt du wissen, man sollte es kaum glauben ...“

Julia staunte in der Tat. „Ein richtiger Offizier? Dann kanntest du früher keine Furcht?“

Steve sah sie stirnrunzelnd an, weil er nicht genau wußte, ob sie ihre Frage ernst meinte, aber dann handelte sie bereits. Sie warf ihm das längliche Ding, das sie in ihrem Rücken verborgen hatte, jäh vor die Füße – und weidete sich köstlich daran, daß er instinktiv zurückwich.

Es war eine Klappersschlange. Ungefähr armlang, überzeugte sie jeden Militär durch die Tarnfarbe Hellbraun mit großen, dunkleren Flecken darin. Zur Beruhigung der Männer wirkte ihr Kopf noch breiter und flacher als gewöhnlich; offenbar war sie von jemandem erschlagen oder zertreten worden. Sie äugten fragend auf Julias Schnürstiefel.

Sie nickte und sagte in aller Lässigkeit, die sie ihrem Triumphgefühl abringen konnte: „Ich war kaum um die Felsen gebogen, da scheuchte ich sie unerwartet auf. Sie griff mich sofort an, aber ich wußte auch sofort, was zu tun war. Ihr seht es ja ...“

Die Männer verstülpten im Verein die Lippen, wiegten ihre Hüte, die voller Anerkennung waren, und sparten nicht mit unverhohlener Bewunderung. Sie war noch nicht einmal überzogen. Solche erfolgreichen Abwehren versehentlich aufgescheuchter Klapperschlangen gelingen selbst gestandenen Cowboys oder Indianerhäuptlingen nicht immer. Dann sind sie erst einmal gebissen und vergiftet. Sie verrieten Julia freilich nicht, daß Sandy eine Kräutermischung mit sich führte, aus der sich im Notfall ein Aufguß für Schlangenbißwunden bereiten ließ. Todesfälle durch Klapperschlangen kommen ohnehin selten vor. Das geschwollene, verfärbte Fleisch des Opfers schmerzt nur teuflisch. Übrigens sind die Klapper-schlangen eher in der Dämmerung und nachts auf der Jagd, aber sie sonnen sich zuweilen. Vielleicht hatte das Julias Opfer gerade getan.

„Hat sie wenigstens noch geklappert, bevor sie ihren Rachen aufriß?“ wollte Steve von Julia wissen.

Sie dachte etwas verlegen nach. „Ich glaube, nicht. Es ging zu schnell.“ Dann hellte sich ihre Miene auf: „Vielleicht bin ich ja zufällig gerade zuerst auf ihre Klapper getreten … mit meinem gesunden Fuß ...“

Ed und Steve lachten: das war Galgenhumor ... Allerdings wirkte die kurze, elfenbeinfarbige Schwanzrassel, in der die zwischen ihnen liegenden Schlange auslief, noch unversehrt. Steve wußte, das „Instrument“ bestand aus beweglichen Hornringen. Vielleicht konnten sie Julia für die Band daran ausbilden: Percussion …

Prompt fragte sie: „Und was machen wir jetzt mit ihr? Muß man sie begraben?“

Während Ed kicherte, verdrehte Sandy seine Augen, was er sich hin und wieder gestattete. Dann bückte er sich, hob die Schlange auf und warf sie durchs Schlupfloch in den Klavierwagen. „Die gibt’s nachher zum Abendbrot!“ sagte er und klopfte Julia erstmals die Schulter.

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10 Eine Konkurrenz taucht auf, die Platte River Shuffle Band

Die Music Hall in Casper war gut besucht. Sie bot, wie jeden Samstag, Tanzmusik. Ed und Steve zwängten sich an einen der Tische auf der Galerie, die an den beiden Längsseiten der großen Tanzfläche eingebaut worden war, denn vorläufig hatten sie nicht vor zu tanzen. Dazu fanden sie die Musik zu interessant. Sandy und Julia hatten sie bei den Wagen gelassen, Wache schieben. Die beiden machten sich ohnehin nicht viel aus Tanzvergnügen. Erfreulicher-weise gab es unter der Decke des hohen Saales etliche Oberlichter, die zumindest einen Teil der Schweiß-, Alkohol- und Tabakfahnen absaugten, die über der Tanz-diele wallten. So konnte man die Vorgänge auf der Bühne halbwegs gut verfolgen, ohne gleich Marys Fernrohr zu bemühen.

Die siebenköpfige, dreifarbige Platte River Shuffle Band lieferte einen originellen Vorgeschmack auf jene Musik, die hundert Jahre später mal „Jazzrock“, mal „Latinrock“ hieß. Wie sie nach dem Konzert erfuhren, war der Bandgründer, ein weißer Saxophonist, vor einigen Jahren aus New Orleans ans Felsengebirge verweht worden. Er fand ein paar MitstreiterInnen und machte mit ihnen zunächst die Musik, die er eben aus Louisiana gewohnt war. Doch dann stießen Liz und Chiyoko zu ihnen, zwei „Marimbinas“, wie sie bald genannt wurden. Die Marimba ist ein Schlagin-strument mit liegenden Klangstäben, die mit Filzklöppeln angeschlagen werden. Durch Kalebassen, die unter den Klangstäben angebracht sind, werden die Schwingungen der Stäbe, also die Töne, verstärkt. Die schwarze Liz spielte die tiefe, die gelbe Chiyoko die hohe Marimba. Das stimmte auch ungefähr mit den Gestalten der beiden jungen Musikerinnen zusammen. Während die stämmige Liz einen üppigen Busen über ihren fast dumpf dröhnenden Klangstäben wippen ließ, war die zierliche Liz, eine Japanerin, dürr wie Präriegras. Dennoch hüpften beide Weibsbilder streckenweise wie von der Tarantel gestochen an ihren Instrumenten umher, ohne sich erkennbare Fehlschläge und Mißtöne zu leisten. Es war ein Feuerwerk aus Musik. Durch die beiden Marimbas – erläuterte ihnen Liz später – hatten sich sowohl ein Klavier wie auch ein Baßinstrument (Baßgeige oder Tuba) erübrigt. Aber sie ersetzten sie keinewegs; sie schufen eine neue Farbe. Sänger der Gruppe war ein Schwarzer, der über eine betörende, geradezu einschmeichelnde Baritonstimme verfügte. Er spielte zudem eine Western-gitarre, mit Stahlsaiten. Ein spanischstämmiger Weißer machte an seiner Flamencogitarre den entscheidenden Rythmus. Die restlichen Instrumente waren, neben dem Saxophon, eine Querflöte und Percussion.

In einer Pause verließ Steve seinen Kollegen Ed und die Galerie und drückte sich an der Bühne herum. Fast alle MusikerInnen hatten sich durch eine Seitentür nach draußen begeben, aber Liz war noch da, weil sie in einem großen Koffer irgendetwas suchte. Er sprach sie an und bekundete sein Interesse an den Marimbas. Sie erklärte bereitwillig, es gebe auch große Marimbas über fünf Oktaven oder mehr für die tiefen und die hohen Töne in einem. Sie würden mitunter von Musikern gespielt, die in jeder Hand zwei Klöppel hielten und auf diese Weise mit vier Klöppeln gleichzeitig oder nahezu gleichzeitig spielten; das finde sie allerdings „affig“, jedenfalls überflüssig. Steve verkniff sich ein Schmunzeln, weil sie selber ja sozusagen auch aus dem Urwald stammte. Obwohl kräftig gebaut, hatte sie an ihrer Marimba durchaus geschmeidig gewirkt. Sie lachte offensichtlich gern, ließ weiße Zähne und selbst ihre Augen blitzen, die deutlich dunkler als ihre Haut waren. Ihr schwarzes Kopfhaar war fransig; es hing ihr bis über die Schultern.

Die Klangstäbe ihrer Marimba waren zweireihig-chromatisch angeordnet, wie beim Klavier. Steve bat sie um einen Klöppel und schlug ein paar Phrasen mit Blue-Notes aus einem bekannten Stück an, ohne sich zu verhauen. Sie war verblüfft und meinte, eigentlich lasse nur seine Klöppelführung zu wünschen übrig. Ob er Berufsmusiker sei?

„Mehr oder weniger schon“, nickte Steve.

„In dieser Gegend?“

Er zwinkerte und sagte: „Leider nur besuchsweise … Ich spiele Klavier bei den Top Ekas aus Kansas. Derzeit tingeln wir durch die Prärie. Wir haben zwei Planwagen, wissen Sie? Und ein Klavier.“

Ihre Verblüffung hatte sich offensichtlich gesteigert. „Durch die Prärie? Und dann noch mit Klavier ..? Wo stehen denn eure Wagen?“

„Unten am Fluß, auf der Wiese gleich neben der Gerberei.“

„Kann man da mal vorbeikommen?“

Selbstverständlich bejahte und begrüßte er das. Am nächsten Tag tauchte sie in Begleitung des Saxophonisten und des Sängers gegen 11 bei ihnen auf. Die Bitte der drei, ihnen ein paar Kostproben der Top-Eka-Musik zu Gehör zu bringen, weitete sich in kurzer Zeit zu einem kleinen Freiluftkonzert aus, weil sich zunehmend auch andere Einheimische von ihrer Darbietung anlocken ließen. Um 12 klatschten bereits mehrere Dutzend Leute Beifall, wenn die drei Musiker aus Kansas ein Stück beendeten und sich artig verbeugten – außer Ed. Er verbeugte sich inzwischen nicht mehr, sondern blieb auf seinem Faltschemel sitzen, um sich gleichsam, anstelle seines Hornes, an seiner rechten Wange festzuhalten. Er hatte ihnen bereits nach dem Frühstück eröffnet, nachts hätten ihn Zahnschmerzen befallen. Sandys Gebot folgende, kaute er wie ein mümmelndes Kaninchen in einem fort Salbeiblätter, doch es schien nicht so richtig anzuschlagen. Um halb eins streckte Ed die Waffen. Er ließ sich von einem Einhei-mischen den nächsten Bader nennen, steckte reichlich Geld ein und eilte die Böschung zur Mainstreet hinauf.

Er hatte Glück im Unglück, wie die anderen nach gut einer Stunden sahen. Der Bader war zu Hause gewesen und hatte ihn um einen eiternden Backenzahn sowie 8 Dollar 50 erleichtert. Da er sowieso schon beim Geldausgeben war, hatte Ed in einem Store für Farmer und Trapper auch gleich noch ein Geschenk für Julia erworben. Dies alles erzählte er ihnen durch seine schlechten Zahnreihen gepreßt, weil er noch auf den blutigen Propfen in seiner neuen Backenzahnlücke beißen mußte.

Die meisten Schaulustigen hatten sich inzwischen verlaufen. Die drei MusikerInnen von der Konkurrenz saßen aber noch an der Feuerstelle. Das Päckchen für Julia, ordentlich in irgendein altes Plakat eingeschlagen, hatte fast unauffällig unter Eds angelegtem Arm geklemmt. Jetzt überreichte er es Julia. Obwohl sie gleichfalls leidend war, wie Ed, war sie beim Auswickeln gespannt wie ein Flitzebogen. Aber dann hatte sie doch Mühe, eine gewisse Enttäuschung zu verbergen.

Es war irgendein luftiges helles Textilstück. Als sie es wie zum Staubausschütteln fallen ließ, erinnerte es sie an die sogenannten „Untergardinen“, die ihre Pflegemutter in Sidney an den Fenstern hatte. So etwas konnte sie natürlich am wenigsten gebrauchen. Sie zog ein Gesicht, als hätte sie Eds Zahnschmerzen übernommen, und knurrte:

„Is‘n das ..??“

Ed lächelte nachsichtig und überlegen. „Es ist ein Moskitonetz. Man kann es über oder vor einem Bett, am besten sogar vor einem Hängeboden anbringen. Dann hat man vor den Viechern die ganze Nacht Ruhe, weil sie nicht durch die engen Maschen dieses feinen Gebildes schlüpfen können.“

Ihr Gesicht hellte sich rasch auf. „Tatsächlich? Das ist ja eine Wolke!“

Damit umhalste sie Ed und knutschte ihm die gesunde Wange.

Besucherin Liz war jetzt klar, warum die braungebrannten Beine und Arme des Kindes so mit Pusteln übersät, so zerstochen waren. Offenbar zog sie Mücken an. Steve bestätigte es. Bislang sei es für Julia noch halbwegs glimpflich abgegangen, weil sie sich, ihr zuliebe, stets gehütet hatten, in nächster Nähe von Tümpeln oder auch nur Brunnen zu campieren. Nun aber dieser üble Fluß! Er nickte hinter sich. „Wir fanden auf die Schnelle keine bessere freie Stelle. Jetzt ist der Platz okay ..!“ schloß er und sah die schwarze Marimbina wieder an, übrigens ziemlich unverfroren. Sie lächelte verständnisvoll ...

Als sich die Gäste am späten Nachmittag vorerst zurückzogen, hatte man, von Band zu Band, ein paar weitreichende Verabredungen getroffen. Darauf kommen wir in Kürze zurück. Julia nahmen sie mit, weil sie dem Kind die Stadt zeigen wollten, insbesondere die Hausecke am Hotel Zum Berglöwen, an welcher der Eismann mit seinem Handwagen stand.

Ed schüttelte mißbilligend seinen Kopf, als sie den vier Personen nachblickten. Sie saßen an der erkalteten Feuerstelle. „Ausgerechnet Eis! So ein Gift für die Zähne! Ich sage euch, wir haben diese Frage – nämlich der Zahnpflege – bislang sträflich vernachlässigt!“

Sie konnten ihm schlecht widersprechen. Sandy pflegte immerhin seine Salbeiblätter zu kauen und hin und wieder mit angespitzten oder am Ende zerfaserten dünnen Zwei-gen in seinen Zahnreihen zu stochern oder zu wienern. Ed begnügte sich mit dem gelegentlichen Stochern. Der einzige von ihnen, der die neuartige Zahnseife und eine Bürste aus Schweineborsten besaß, war Steve, aber er griff immer nur danach, wenn er sich rasierte, und das war in der Regel alle drei Tage. Oder vor einem besonders wichtigen Auftritt. Oder vielleicht in Zukunft, wenn ein Stelldichein mit einer gewissen Marimbina bevorstand ...

„Jedenfalls sollten wir ab sofort wenigstens Julia zur regelmäßigen Zahnpflege anhalten“, fuhr Ed fort. „Oder meint ihr nicht?“

Sie meinten doch und nickten zustimmend.

Ed tastete nach seiner geschwollenen Backe und sah an sich herunter. „Ich meine, bei mir selber kommt es ja nicht mehr so darauf an … Ich liege sowieso bald in der Kiste. Aber dieses Kind! Neun Jahre ist sie erst, stellt euch das vor. Doch sie hockt bereits auf unseren Zugpferden, als hätte sie der Große Geist persönlich dort angegossen. Habe ich nicht recht?“

Sandy und Steve nickten beide, ja sie lächelten sogar einträchtig.

Wer bereits gewußt hätte, daß Julia, wegen eines brüchigen Steges, kaum die 30 erreichen würde, hätte ihrer gewissenhaften Zahnpflege womöglich etwas weniger Bedeutung beigemessen. Ihr späterer Adoptivvater Ed wurde beinahe 80!

Im übrigen steckte man auch in den Mücken nicht drin. Wer wußte schon, ob so ein winziger Quälgeist Julia nicht bereits den Todesstoß versetzt hatte oder es in Kürze täte. Der Bader hatte auf Eds entsprechende Frage behauptet, die Mücken wählten ihre Opfer nach der vielverspre-chendsten Ausdünstung. Wer zum Beispiel gern schwitze und stark nach Milchsäure rieche, habe die Viecher sofort auf dem Hals. Infizierten sie einen dann auch noch beim Stechen und Blutsaugen mit todbringenden Erregern, etwa der Malaria, habe man doppeltes Pech. Dagegen sei der Mensch, auch der weiße, bislang machtlos. Es helfe nur, an Gott zu glauben und ihn durch eifriges Beten gnädig zu stimmen. Heute sei Sonntag! Ob er am Vormittag wenigstens in Caspers neuer schöner Kirche gewesen sei? wollte der Bader mit einem neckischen Zeigefinger-schütteln von Ed wissen ...

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11 Pulverdampf und Open Air für Rollender Fuchs

Die Entfernung zwischen Casper und Fort Lashermink betrug ungefähr 60 Kilometer. Das Zeltdorf der Oglalas um Rollender Fuchs lag ziemlich genau auf halber Strecke, wenn auch in einem Waldtal des Vorgebirges gut versteckt. Es umfaßte rund 450 Personen, 162 Ponys und mindestens 70 Hunde. Die deutlich größeren, edleren und besser genährten Pferde der Neuankömmlinge aus Kansas wurden, wie auch ihre beiden Planwagen, zumindest von den Indianerknaben sichtlich bestaunt. Die Indianer-männer beschränkten sich auf ein kaum merkliches anerkennendes Nicken. Die Weiber, soweit sie überhaupt zu entdecken waren, hielten ihren Blick zum Boden gesenkt. Das hatte Julia bald spitzgekriegt: hier hatten die Frauen nicht viel zu melden. Sie hielten sich meistens stumm im Hintergrund. Selbst im Tipi der eigenen Familie wagten sie den Mann kaum anzusehen, sei er selbst ihr Gatte oder ihr Bruder. Essen taten sie erst, wenn die Männer gegessen hatten. Ob Häuptling oder nicht, der Mann war Chef.

Einige Frauen tauten immerhin etwas auf, nachdem die Gäste auf dem Dorfplatz feierlich begrüßt worden waren und Häuptling Rollender Fuchs die „Bescherung“ eröffnet hatte. Es ging um die Fracht des Gerümpelwagens. Jetzt zerrten zwei Weiber mitunter in zwei verschiedene Rich-tungen am Bügel eines Kupferkessels, oder ein anderes Weib ließ eine Schöpfkelle unter seinem buntbestickten weiten Rock verschwinden. Wie sich versteht, wurden die Holzkisten, die zuletzt zum Vorschein kamen, sofort von jungen Männern ins Tipi ihres Häuptlings geschafft. Als Julia verwundert fragte, was denn in diesen Kisten sei, winkte Steve ab:

„Jede Menge Bibeln und Gesangbücher! Rollender Fuchs wollte unbedingt welche haben.“

Zwar quittierte sie diese Auskunft mit Stirnrunzeln, doch gleich darauf wurde sie abgelenkt, weil Schöne Lippe zu Sandy trat, um ihn mitsamt der beiden Gespanne zum vorgesehenen Standplatz zu führen. Schöne Lippe war gleichsam ein Stiefbruder von Sandy. Sie waren, als Knaben, im selben Tipi aufgewachsen und hatten demselben Geheimbund angehört. In ihren jeweiligen Bünden oder Bruderschaften pflegten die durch und durch kriegerisch gestimmten Siouxmänner einerseits wie Pech und Schwefel zusammen zu halten; andererseits wett-eiferten sie wie die Besessenen um die Palmen des Ruhmes, die bei Gefechten, Jagd- oder Diebeszügen (nach Pferden) oder bei Rennen (mit Pferden) winkten. Das Sammeln von Feindberührungen („Coups“) oder Skalpen hatte inzwischen stark nachgelassen, kraft der Einschnü-rung durch die Weißen.

Der Standplatz für die Gäste lag am Beginn einer großen Pferdekoppel, die sich im Osten, zur Prärie hin, ans Zeltdorf anschloß. An ihr waren sie bei der Ankunft bereits vorbeigekommen. An ihrer Längsseite, parallel zum Weg, rieselte ein Quellbach, der ausgezeichnetes Wasser führte. Wie sich zeigte, war er sogar mückenfrei.

Die Indianerjungen hatten den Bach etwas weiter unterhalb der Koppel gestaut, um eine Badestelle zu erhalten. Allerdings war sie für Julia tabu, weil sie für das ganze weibliche Geschlecht tabu war. Die Weiber hatten noch weiter unterhalb ihre eigene Badestelle. Die Weiber pflegten auch separat miteinander zu plaudern, wetteifern, spielen. Als Julia über diese Geschlechtertrennung noch nicht ganz im Bilde war, versuchte sie einmal, sich unter das Lassowerfen einer Handvoll Knaben zu mischen. Sie schickten Julia vom Platz. Bald darauf bekamen sie freilich mit, welche Fertigkeiten das blonde Mädchen sowohl im Lassowerfen wie im Reiten bewies – und staunten Bauklötze. Aber eine Einladung gewährten sie Julia trotzdem nicht. Hätten sie sich das heraus genommen, hätten ihnen ihre großen Brüder die Ohren auf Pfeillänge gezogen. Andererseits mußte Julia anerkennen, die ganze Zeit, die sie in diesem Waldtal verbrachte, immerhin 10 Tage, wurde sie von nicht einem Indianerjungen, wegen ihres Hinkens, scheel angeguckt oder gar gehänselt. Diese Sitte hatten die Knaben in Sidney für sich gepachtet gehabt.

Der Platz, wo die Siouxjungen mit ihren Lassos zunächst nach Baumstümpfen, dann nach verwirrt kläffenden Kötern warfen, war auch der Schießplatz. Hier standen Scheiben oder gar Strohpuppen für Pfeile oder Kugeln. Der Schießplatz lag oberhalb der Tipis auf einer ausgedehnten sonnigen und daher trockenen Terrasse, die dann in Wald überging. Ein Winkel dieser Terrasse diente auch als „Scheißplatz“ – wie sich versteht, war dieser auch wieder streng nach Frauen und Männern getrennt. Aber Klohäuschen hatten die Sioux nicht. Sie ließen ihre Ausscheidungen trocknen, häufelten sie von Zeit zu Zeit und schütteten Erde darauf. Den Hintern wischten sie sich mit Grasbüscheln ab, wie Julia beobachten konnte. Sie nahmen also kein Papier – wo hätten sie das auch hernehmen sollen?

Der Schießplatz war bereits nach ihrem Ankunftstag täglich für etliche Stunden von Dutzenden von Kriegern belegt, die mit erstaunlich fabrikneu wirkenden Feuerwaffen bemüht waren, ihre Treffsicherheit zu verbessern. Die Chefs dieser Übungen waren Sandy und Ed. Sie zeigten den Kriegern auch, wie die Waffen zu zerlegen und zu reinigen seien. Nebenbei erwähnt, wurde das Waldtal selbstverständlich rund um die Uhr bewacht. Die ersten Vorposten standen bereits weit oben am Berg, sodaß sie auch die Prärie im Auge hatten.

Wenn eben gesagt worden ist, „rund um die Uhr“, ist es etwas unangemessen. Zur Erläuterung sei das folgende Top-Eka-Stück eingeschaltet.

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Und wo war Pianist Steve Crockett abgeblieben? Er hatte eine wichtige Mission in Casper zu erledigen. Die Sache war die. Man hatte am dortigen Flußufer ein gemeinsames Freiluftkonzert der beiden Bands ins Auge gefaßt. Sandy hatte nämlich gewußt, mit der Böschung des Schieß- und Scheißplatzes verfüge das Waldtal beinahe über eine Art Amphietheater. Vorausgesetzt, die Shuffles hätte Lust dazu, könne man am Fuße der Böschung glatt einen originellen großen Auftritt hinlegen. Und in der Tat, sie hatte Lust. Als Steve ergänzte, sie seien im Augenblick recht flüssig und könnten den Shuffles pro Nase 50 Dollar für dieses Gastspiel zahlen, hatten die Musiker aus Wyoming gleich noch mehr Lust, denn soviel bekamen sie in Caspers Music Hall bei weitem nicht. Daneben könnten ihnen die Kollegen gern die Kutsche berechnen, die sie für die An- und Abreise mieten mußten, hatte Ed hinzugefügt. Allerdings hätten sie, die Top Ekas, erst mit Rollender Fuchs zu sprechen, das sei unumgänglich. Man müsse sich also noch einmal verständigen, ob der Auftritt genehmigt sei. Als Termin für den Auftritt hatten sie den kommenden Freitag ins Auge gefaßt.

Tatsächlich dachte Rollender Fuchs nicht lange nach: er gab den Künstlern grünes Licht. Er bat sich lediglich strenge Verschwiegenheit der MusikerInnen aus Casper aus. So kam es, daß Steve beim Abendbrot vor dem Klavierwagen seine Uneignung zum Schießlehrer unterstreichen und am Mittwoch in der Frühe den Schecken satteln mußte. Man ahnt natürlich, es war ihm nur lieb. Liz hatte ihnen die Adresse der Wohnung aufgeschrieben, die sie sich, in Casper, mit Chiyoko teilte. Als Steve dort am späten Nachmittag auftauchte, war er, vom Ritt her, zwar etwas zermürbt, aber noch immer leidlich gut rasiert. Wie es der Zufall so wollte, war Chiyoko gerade in der Stadt unterwegs. Deshalb kam er Liz bereits beim Nachmittagstee nahe genug, um das Geld für eine Übernachtung im Hotel Zum Berglöwen zu sparen: Liz lud ihn in ihr Zimmer ein.

Am Donnerstag begleitete Steve die Mietkutsche der Platte River Shuffle Band ins Oglala-Lager. An der Pferdekoppel eingetroffen, setzten sie gleich eine erste gemeinsame Probe, damit auch die Besprechung des Programms an. Schon hier fanden sich etliche Zaungäste ein, denen zum Teil der Indianermund aufstand. Solche merkwürdigen und üppigen musikalischen Geräusche hatte sie noch nie gehört. Es mag im Zeltdorf den einen oder anderen Kundschafter oder Medizinmann gegeben haben, dem schon einmal ein Banjo spielender Cowboy über den Weg gelaufen war – aber diese Klangorgie der insgesamt 10 ausheimischen MusikerInnen war ihnen jede Wette fremd. Deshalb war auch niemand von den Musikern erstaunt oder beleidigt, als ihnen Sandy nach dem eigentlichen Konzert verriet, die ZuschauerInnen auf der Böschung hätten eher aus Verwirrung und Abendkühle mit den Füßen getrappelt – und die überschwenglichen Dankes-worte, die Rollender Fuchs am Ende ihres Auftritts von der Bühne aus sprach, hätte er ihm eingetrichtert, Sandy. Ihr Halbblut versicherte ihnen jedoch, gleichwohl hätten sie einen starken Eindruck bei den Fuchs-Leuten hinterlassen; falls sie nicht vorher verhungert oder erschossen wären, erzählten sie bestimmt noch in 30 Jahren davon.

Als Bühne dienten, am Freitagabend, selbstverständlich die beiden Planwagen. Sie hatten sie einige Schritte vor der Böschung in einem stumpfen Winkel aufgestellt. Ihr dreiteiliges Programm dauerte wohlweislich nur eine knappe Stunde. Den ersten Teil bestritten die Top Ekas vom linken, den zweiten die Shuffles vom rechten Wagen aus allein. Zuletzt spielten die vereinigten Bands ein verhältnismäßig langes feuriges Stück (15 Minuten), das der Shuffle-Saxophonist eigens für diesen Anlaß gleichsam über nacht komponiert und dann, mit Hilfe seiner Leute, auf ein Dutzend Notenblätter kopiert hatte. Er hatte es in einem afrikanisch gefärbtem Stil geschrieben, den man ein paar Jahrzehnte später in Kuba Mambo nannte. Stark „zerhackt“, wie es manche auch vom Tango sagen, riß diese Musik derart mit, daß man normalerweise mit ihrer Hilfe eine ganze Ponyherde in einer Stunde von Casper bis Topeka hätte treiben können. Die IndianerInnen aber hockten mit geweiteten Augen auf der Böschung und trappelten mit den Füßen, vielleicht vor Entsetzen und Ungeduld ...

Den größten Heiterkeitserfolg erzielten die Top Ekas im ersten Teil mit dem nachfolgend dokumentierten, bis dahin schon öfter bewährten Stück der Band. Sandy erklärte dem Publikum zuvor, was Walfische und Eskimos seien, denn diese Dinge hatte ja auch noch niemand in Natur gesehen. Schlittenhunde waren immerhin bekannt. Noch am selben Abend wurde in so manchem Tipi gerätselt, wie Slim wohl den Walen das Zaumzeug angelegt und sie dann am Abtauchen gehindert habe.

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12 Das Ende vom Lied

Spätestens am Sonntag fragte sich Steve mit einem gewissen Bangen, wie es nun weitergehen sollte. Die Shuffles – in deren schwarze Marimbina er sich offensicht-lich verliebt hatte – waren bislang noch nicht abgereist, weil sie sich bei den IndianerInnen, im Gegensatz zu Julia, einstweilen pudelwohl fühlten. Der Schießunterricht war im wesentlichen abgeschlossen. Und da Steve sowenig wie Ed Lust hatte, an Bärenjagden oder Kriegszügen teilzunehmen, konnten sie eigentlich eine letzte Pfeife mit Rollender Fuchs schmauchen und den Heimweg oder sonst einen Weg antreten. Er liebäugelte sogar schon mit dem Gedanken, die Shuffles in den nun freien „Gerümpel-wagen“ zu packen und dann noch eine Zeitlang vereint, mit zwei Bands, durch die Gegend zu gondeln. Sie hatten erst Mitte August, das Wetter war geeignet. Aber es sollte etwas anders kommen.

Wie sie am Montagvormittag von Sandy und Rollender Fuchs persönlich auf dem Schießplatz erfuhren, war in der Nacht ein nördlicher Vorposten mit schäumendem Pony im Zeltdorf eingetroffen. Die Fuchs-Leute hatten nämlich einen Gewährsmann unter den „zahmen“ Indianern, die vor den Palisaden Fort Lasherminks lagerten, um Aufträge, Schnaps oder Abfälle zu erbetteln, und eben dieser Mann, den man auch Spion nennen konnte, hatte dem Posten die brandneue Nachricht gesteckt, am Sonntag in der Frühe sei eine Waffen- und Munitionsfuhre im Fort eingetroffen, die im Kern aus dem neuartigen Sprengstoff bestehe, Dynamit genannt. Die Yankees hätten die ganze Fuhre in ihrem „Pulverturm“ eingelagert und gleich die Wachen an demselben verdreifacht. Als Rollender Fuchs diese Lage Sandy bald nach Morgengrauen in seinem Tipi umrissen hatte, war das Halbblut der Top Ekas sofort Feuer und Flamme gewesen. Schließlich lag damit auf der Hand, was zu tun war. Man hatte lediglich den Pulverturm, der „geschützt“ inmitten des Forts lag, hochgehen zu lassen, und schon wäre man die rund 700 Militärs, die in Lashermink stationiert waren, auf einen Schlag los, falls man es richtig anstellte.

Als Steve und Ed von Sandy etwas eingehender über den Plan des beabsichtigten nächtlichen Überfalls ins Bild gesetzt worden waren, schwiegen sie erst einmal etliche Minuten lang. Sie saßen inzwischen bei den Ponys am Bachufer. Schließlich schüttelte Ed seinen Kopf:

„Die Sache behagt mir ganz und gar nicht, Sandy. Es wäre ja glatter Massenmord. Dazu ein heimtückischer, möchte ich einmal behaupten. Nein, so etwas kann ich nicht gutheißen.“

Steve kannte Sandy. Er wußte, ihr Halbblut würde nicht sofort aufbrausen, aber nach einer Weile würde es Ed eine Memme nennen und ihm mit leiser, klirrender Stimme alle Schandtaten an den Kopf werfen, die die Weißen schon in Nordamerika begangen hatten – sogenannte Massaker eingeschlossen. Dem wollte er lieber zuvorkommen.

„Du spielst dein ‚Honighorn‘, wie es unsere roten Freunde nennen, richtig, Ed, aber ich glaube, du denkst falsch“, sagte Steve. „Erstens denkst du nur in Massen, und zweitens denkst du nur in Waffen. Beides ist unange-messen.“

Er fischte noch einmal nach geeigneten Argumenten, indem er angestrengt in den Bach blinzelte, dann fuhr er fort: „Wenn ein Kind in einem Bach ertrinkt, ist es für alle Beteiligten nicht angenehmer als ein Schiffsunglück, bei dem gleich tausend Leute hopsgehen. Jeder Mensch ist einmalig, und der Tod ist immer schrecklich. Durch die ‚Quantifizierung‘, wie manche Philosophen dazu sagen, wird der Tod nicht schrecklicher. Er behält auch bei 10.000 Opfern dieselbe Qualität, eben das Leben Auslöschende, das uns so erschreckt … Eine andere Frage ist, warum einer sterben muß. Das Schiffsunglück wäre womöglich unvermeidbar gewesen, wegen Sturm; dagegen war die oft grausame, viele Tode bringende Eroberung des nordamerikanischen Kontinents durch weiße Goldsucher, SiedlerInnen und Soldaten keineswegs unvermeidbar. Man hätte auch auf sie verzichten können … Und damit zum zweiten Punkt, den Waffen. Man überschätzt sie meist. Viele Verheerungen unter den Eingeborenen richteten die Weißen ja keineswegs an, indem sie sie kurzerhand erschossen. Sondern viele Eingeborenen starben erst nach Tagen oder Monaten, nachdem das Abschlachten der Bisonherden und Wälder, die Verseuchung mit Pocken-viren, die großmütige Austeilung von Branntwein ihre Wirkung getan hatten. Auch das ist Massenmord, Ed, wenn man es schon so nennen will. Es fällt nur weniger auf.“

Nach einer Weile scharfen Nachdenkens sah Ed auf und lächelte teils verlegen, teils versöhnlich. „Du hast nicht ganz unrecht, Steve. Aber du wirst auch verstehen, wenn ich mit solchen krassen Gegenschlägen nichts zu tun haben möchte.“

Er nickte über die Pferdekoppel zu ihren Wagen, wo Julia ein falbes Zugpferd derart sorgfältig und behutsam striegelte, daß man am liebsten mit ihm getauscht hätte. Die Pferde waren von Anfang an in das blonde Kind vernarrt gewesen. Wenn sie zukünftig nur seine Stimme hörten, bekamen sie bereits Glanz in den Augen. Julias Duft – den die Mücken nicht leiden konnten – brachte die prallen Bäuche der Zugpferde fast zum Schmelzen. Ed fuhr fort:

„Vor allem muß ich darauf bestehen, Julia aus der Sache heraus zu halten. Sie muß vorher verschwinden. Die Sache kann ja schiefgehen, und dann haben wir am nächsten Tag eine Kolonne von Yankees auf dem Hals, die das Zeltdorf mit Kanonen zusammenschießen. Davon abgesehen, früher oder später droht so ein Strafgericht sowieso. All diese Gewalttaten ziehen immer nur neue Gewalttaten nach sich.“

Steve nickte, erwiderte aber einstweilen nichts. Er wartete auf Sandys Stellungnahme.

„Ihr habt beide gut gesprochen, meine Freunde“, sagte Sandy bedächtig. „An dem Kriegsplan rüttelt das nicht. Ich halte auch an meiner Beteiligung fest, denn Schöne Lippe wurde bereits für die Hauptrolle bestimmt, weil er hier der beste Bogenschütze ist. Wie ihr wißt, ist er auch mein Stiefbruder. Ich will ihn unterstützen und seinen Rückzug decken. Euch dagegen schlage ich vor, rechtzeitig vor der Unternehmung – die bereits morgen beginnen soll, näm-lich mit unserem Abritt nach Lashermink – abzureisen. Begleitet die Kutsche unserer Kollegen nach Casper und wartet dort auf mich. Am Mittwoch gegen Abend werde ich mit dem Schecken bei euch eintreffen. Seid ihr einver-standen?“

Sie waren es.

Sie fuhren gleich nach Mittag. Vorher rauchten sie mit Rollender Fuchs und einigen anderen Stammesältesten die Pfeife und überreichten dem Häuptling als Abschiedsge-schenk ein dickes Bündel aus schwarzbraunen Federn – es waren die von Mary Dryers Truthahngeier. Rollender Fuchs war gerührt. Selbstverständlich dankte er den Musikern noch einmal für „all das Gute“, was sie seinen Leuten bereits getan hatten. 2.000 Dollar Bargeld, die ein Medizinmann des Dorfes hütete, zählten dazu.

Anderntags lösten sich 54 ausgesuchte Krieger vom Dorf. Sie ritten die besten Ponys, die vorhanden waren. Fort Lashermink lag in einer Flußschlaufe. Ringsum hatten die Yankees auf ungefähr 300 Meter Breite den Wald abgeholzt, damit sie ein schönes Schußfeld hatten. Das würde allerdings im nächsten Morgengrauen eher den Angreifern zugute kommen. Den „zahmen“ Indianern, die in einer Bucht des Waldrandes in einigen schäbigen Zelten oder Hütten hausten, hatte der Gewährsmann der „Füchse“ dringend empfohlen, sich um Mitternacht unauffällig zu verdrücken. Sie würden also auch nicht im Wege sein. Der Plan ging folgendermaßen.

Nach dem Anritt, der äußerst umsichtig zu erfolgen hat, verbergen sich die Krieger ringsum im Wald. Im Grunde bestehen die Angreifer lediglich aus Schöne Lippe und Sandy. Sie schleichen sich kurz vor Sonnenaufgang von Osten her bis zu einer bestimmten Stelle am Fluß vor. Etwa in Höhe des Wachturms, der dem Pulverturm am nächsten liegt, wächst dort ein kleines Gebüsch am Ufer. Hier verbirgt sich auch Sandy. Der Fluß ist an dieser Stelle keine sieben Meter breit. Nun schwimmt oder taucht Schöne Lippe, nur mit Lendenschurz bekleidet, geräuschlos zum anderen Ufer, wo sich fast unmittelbar die Palisade und der besagte Wachturm erheben. Dann wirft Sandy mit Hilfe seines Lassos ein schmales Bündel über den Fluß, das einen Bogen, drei Brandpfeile, zwei Messer und eine Schachtel mit Zündhölzern enthält. Möglicherweise hören die beiden Wächter auf dem Turm einen kleinen, dumpfen Aufprall, aber wegen der Nacht und des Palisadenschattens können sie nichts erblicken, was ihren Argwohn entfachte. So schlurfen sie wieder zu ihren Schemeln, um wie zuvor zu plaudern, zu dösen oder zu saufen. Nun zieht Schöne Lippe das Lasso ein und wirft es ungefähr zwei Pferdelängen vom Wachturm entfernt über eins der Pfostenenden, die in der Palisade unregel-mäßig herausstehen. Es hält. Das Bündel auf dem Rücken, steigt er wie eine Katze ein …

Tatsächlich gelangen Einstieg und Brandstiftung wie geplant – nur beim Rückzug Schöner Lippes gab es gewisse Komplikationen, die für das einzige Todesopfer der Angreifer verantwortlich waren.

Sandy war ihm natürlich mit den Augen gefolgt, als er die Palisade erkletterte, das Lasso umhängte und nun, sich in den Hof hinablassend, von der Palisade verschwand. Sandy sollte ihm Feuerschutz geben, sofern und sobald es erforderlich war. Das war das einzige, was er tun konnte. Beim Angriff selber konnte er seinem tollkühnen Stiefbruder nicht helfen.

Es war eine einzigartige Meisterleistung. Schöne Lippe löste das Lasso von der Palisade und schlang es um seine Hüfte, denn er brauchte es später noch. Die beiden Messer trug er mittlerweilen quer zwischen den Lippen. Er spähte unablässig umher, während er zur Tür des Wachturms schlich. Erfreulicherweise stand sie offen. Bei jeder Stufe der hölzernen, quadratisch im Turm eingebauten Wendeltreppe tastete er zunächst mit den Zehen vor, ob sie auch nicht knarren würde. Als er sich nach ungefähr fünf Minuten der Ausgangsluke näherte, wurde der Überfall, den er vorhatte, nahezu unwägbar. Schließlich wußte er nicht, wo die beiden Trottel von Soldaten sitzen oder stehen, vielleicht auch liegen würden. Für genauere Feststellungen hatte er selbstverständlich keine Zeit. So konnte er nur raten, auf seine blitzschnelle Auffassungs-gabe – und auf seine Beidhändigkeit bauen. Es gelang ihm. Bevor die beiden Wächter brüllen oder gar schießen konnten, hatte er sie, je ein Messer in der Hand, nahezu gleichzeitig erstochen.

Der Rest war vergleichsweise ein Kinderspiel. Schöne Lippe hängte zunächst sein Lasso außen an den Turm – dadurch wußte Sandy nebenbei, er hat es geschafft. Dann setzte er die drei entzündeten Brandpfeile ab, und zwar auf das Holzschindeldach des etwa 40 Meter entfernten Pulverturms und zwei beinahe an ihn stoßende Stroh-dächer. Die Flammen und die Alarmschreie oder -Schüsse aus den benachbarten Wachtürmen schlugen fast gleichzeitig hoch. Pferde wieherten auf. Keine zwei Minuten später setzten auch die Explosionen aus dem Pulverturm ein. Trümmer flogen durch die Luft; in der Flußschlaufe tobte das Inferno.

Schöne Lippe hatte genug gesehen. Er schwang sich über die Fensterbrüstung und ließ sich an seinem Lasso zum Ufer hinab. Doch dabei geschah das Mißgeschick. Von irgendwo kam ein brennender Balken geflogen, der ausgerechnet am Flußufer dicht vor Schöner Lippes Nase niederging. Der Balken traf ihn keineswegs; er beleuchtete ihn aber. Dadurch bekamen die Wächter vom nächsten Turm mit, was dort gespielt wurde und begannen damit, den nackten Mann am Fuß der Palisade unter Beschuß zu nehmen. Sie verfehlten ihn zwar, doch inzwischen hatte sie Sandy von seinem Gebüsch aus aufs Korn genommen, um Schöne Lippe zu decken. Einen von den beiden Wächtern traf er sogar. Der andere aber traf ihn. Erst dann wurden beide Wächter von den Druckwellen des hochgehenden Dynamits vom Turm in den Fluß gefegt. Das überlebten sie nicht.

Schöne Lippe war mittlerweilen seinerseits durch den Fluß getaucht. Er konnte sich zunächst nicht um seinen Stiefbruder kümmern, weil er sich bedeckt halten mußte. Er schlich bis zum Waldrand und reihte sich dort in der Postenkette der 52 übrigen Krieger ein. Sie umlief das gesamte Fort. Im ganzen gelang es in den nächsten 10 Minuten ungefähr drei Dutzend Soldaten, dem Inferno der Flammen und Detonationen oder dem grotesken Gebrüll ihrer Offiziere zu entrinnen. Sie liefen in ihren sicheren Tod, denn dafür war die mit nagelneuen Repetiergewehren ausgerüstete Postenkette eingerichtet worden. Büchsen-licht gab es ja jetzt genug. Ungeachtet der Rauchpilze war der Himmel über dem Fort grellrot, und im Osten schickte sich nun auch die Sonne an, über die Bodenwellen der Prärie zu steigen.

Ed nannte es später, als er davon hörte, die abschließende Grausamkeit. Die „Füchse“ hatten vor dem Überfall beschlossen, die Flüchtenden erbarmungslos wie die Hasen abzuknallen, weil sie nicht einen Augenzeugen der Unternehmung wünschten. Das verhaßte Fort sollte gleichsam wie von Geisterhand vom Erdboden verschwin-den. Deshalb durchkämmten sie, nach weiteren 10 Minu-ten, bei ihrem Abzug auch noch einmal die umliegenden Wälder. Tatsächlich gibt es bis heute lediglich verschie-dene, einander kräftig widersprechende Gerüchte darüber, wie der Brand in Fort Lashermink entstanden sei und warum es nicht einem Soldaten gelang, ihn zu überleben.

Was den Schecken angeht, traf er anderntags durchaus pünktlich bei den beiden Planwagen, die wieder am Fluß standen, in Casper ein. Er wurde jedoch nicht von Sandy, vielmehr von dessen Stiefbruder geritten. Schöne Lippe hatte außerdem noch sein eigenes Pony als Handpferd dabei, für den Heimritt. Er blieb nur ein Viertelstündchen.

Nachdem er die erfolgreiche Unternehmung in Lasher-mink umrissen hatte, sagte er: „Meinem teuren Bruder war nicht mehr zu helfen. Der Wächter hatte ihn ins Herz geschossen. Bevor wir abzogen, bargen wir Sandys Leiche und banden sie auf sein treues Pferd. Er wird eine würdige Bestattung bekommen. Unsere Kinder und Kindeskinder werden sein Andenken bis in alle Ewigkeit tragen – solange es auf Erden noch IndianerInnen gibt.“

Er erhob sich von seinem Faltschemel und schickte sich zum Aufbruch an. „Ihr erinnert euch an die Federn des stolzen Truthahngeiers? Wir werden Sandys Grabstätte damit schmücken.“

Damit grüßte er mit flacher Hand und schwang sich auf sein Pony.

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Nachhut

Mit Sandy war auch die Band gestorben. Ed drängte es nun zu seiner verehrten Frau nach Topeka zurück. Er begnügte sich für den Heimweg mit drei Pferden. Zwei davon hatte er gekauft; das dritte war der Schecke – den nun nicht mehr Sandy, vielmehr Julia ritt, das hinkende neunjährige Waisenkind. Bei Ed war ihr sowieso immer am wohlsten gewesen. Er wollte sie adoptieren. Sie ritten in Sidney vorbei, und „die Schraube“ sperrte sich nicht lange, als ihr Ed ein paar Hundert-Dollar-Scheine unter die Nase hielt.

Die beiden Planwagen nebst Gespannen gingen in die Hände der Shuffles über. Die MusikerInnen nahmen Steve als achtes Mitglied auf. Angeblich kaufte er sich bald darauf ein Akkordeon und brachte es auch auf diesem Instrument zu einer gewissen Meisterschaft. Ob er mit Liz Kinder zeugte, ist nicht bekannt. Aber bereits im folgenden Jahr, 1885, sollen die Schuffles auf Durchreise in Topeka erschienen sein. Da war bestimmt viel los.

Neben schon weiter oben angeführten Quellen, darunter Royal B. Hassricks Sioux-Studie, waren mir zwei Bücher von Dee Brown nützlich: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses und Im Westen ging die Sonne auf (original The Westerners).
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