Dienstag, 2. Oktober 2018
Sid Hookers letzte Worte
Geschrieben um 2013. Umfang 14 Druckseiten.


Gestern war Gregory Melville hier. Ich rechne es ihm hoch an, daß er den weiten Weg nicht scheute, und selbstver-ständlich war unsere beiderseitige Freude groß. Allerdings meinte er, es sei sicherlich auch ein angenehmerer Ort des Wiedersehens als diese schäbige Gefängniszelle denkbar. Ich nickte nach nebenan und sagte: „Vielleicht sollten wir den Marshal fragen, ob er uns in den Hof läßt ... Da könnte ich dir gleich die Stelle zeigen, wo ich in drei Tagen baumeln werde.“ Gregory musterte mich aus verkniffenen Augen, entschloß sich schließlich zu einem Lächeln und schüttelte langsam seinen bereits ergrauten Kopf: „Offenbar noch ganz der alte, mein lieber Sid. Neben deiner Abenteuerlust wußte ich auch deinen Sarkasmus schon immer zu schätzen. Es sind ja tolle Geschichten, die man aus Alabama hört. Also, pack mal aus! Die sozia-listischen Biedermänner an der Ostküste sollen staunen!“

Gregory war schon zur Zeit der legendären Begegnung zwischen dem Gespann Emerson/Thoreau und dem Rußlandflüchtling Michail Bakunin Redakteur der New York Tribune gewesen. Bekanntlich fand diese Begegnung 1861 in Emersons Haus Old Manse in Concord, Massachusetts, statt. Bakunin stand damals im Begriff, sich von Boston aus nach Europa einzuschiffen. Weniger bekannt ist die Teilhabe meiner Wenigkeit an diesem sehr interessanten Gedankenaustausch. Ich war damals erst Mitte 20 und wußte nur nebelhaft, was ich eigentlich wollte, aber Thoreau hatte mich ans Herz geschlossen, wohl vor allem der „Balladen“ wegen, die ich damals verzapfte. Ein Jahr darauf lag Thoreau, mit gerade einmal 44, im Sarg. Was den rauschebärtigen Bürgerschreck Bakunin angeht, dürfte er nicht ganz unschuldig daran gewesen sein, daß ich mein Poetisieren bald darauf einstellte und mich dafür an verschiedenen mehr oder weniger anarchistisch gestimmten Manifesten versuchte. Später gab ich ein Blatt heraus, das Emerson mißfiel, dagegen Gregorys Unterstützung fand. Ihn hatte ich bei jener Gesprächsrunde im „alten Pfarrhaus“ kennengelernt. Wie sich versteht, breitete er sie damals brühwarm in der Tribune aus, was seinem Ruf als journalistischer Spürhund durchaus zugute kam, war doch Bakunin eigentlich oder angeblich „incognito“ gereist. Gregory und ich verstanden uns prächtig, obwohl er deutlich älter war, und schanzten uns in der Folge manche Gelegenheit zu. Rund 15 Jahre nach unserer ersten Begegnung ging ich wegen einer Erbschaft nach Alabama, doch wir blieben in Verbindung. Das war vor fünf Jahren. Und jetzt noch drei Tage ...

Gewiß war es mir gestern ein Vergnügen gewesen, Gregory die Geschichte der Licksfits-Umtriebe in manchen hübschen Einzelheiten exklusiv zu unterbreiten. Marshal Logan, der mich gut leiden kann, hatte uns vor Störungen oder Lauschern abgeschirmt. Aber nicht minder gewiß sah ich mich gezwungen, Gregory die Auflage zu stellen, den LeserInnen seines renommierten Blattes ausgerechnet die wichtigsten und „sensationellsten“ Einzelheiten vorzuent-halten. Schließlich hieß ich nicht Todd, der uns bedenken-los verraten hatte. Diese Einzelheiten betrafen hauptsäch-lich Shayes Rolle bei unseren diversen „ungesetzlichen“ Aktivitäten und bei der Bestrafung Todds. Die zuletzt genannte Unternehmung brachte mir dummerweise meine Verhaftung ein. Selbstverständlich kam es nicht in Frage, die Liebe meines Lebens mit ins Verderben zu reißen. Shaye war nach ihrem Schuß auf den Köter, der mich ins Bein gebissen hatte, unverletzt entkommen, und etwas später war es ihr auch noch gelungen, sich mit den versprengten Kämpfern und Kämpferinnen der Licksfits-Truppe jenseits der Grenze in Mississippi wieder zu vereinigen. Andrerseits fand ich es äußerst ungerecht und jammerschade, Shayes Verdienste unter den Scheffel stellen zu müssen. Da ich aber zu Gregory volles Vertrauen hatte, erklärte ich ihm die Klemme, in der ich saß, und nahm ihm den Schwur ab, die Licksfits-Geschichte vorläufig nur in zensierter Form unter die Leute zu bringen, jedoch dafür zu sorgen, daß sie mehr erführen, sobald auch Shaye einmal unter der Erde läge. Zum Beweis für diese um einige Wahrheiten ergänzte Form der Geschichte erbat sich Gregory entsprechende Aufzeich-nungen von mir, mit denen ich zur Stunde gerade beschäftigt bin, wie man liest. Wir vereinbarten auch einen „todsicheren“ Weg, wie ihn diese Aufzeichnungen erreichen würden, ehe mich der liebe County-Sheriff aufknüpfen ließe.

Er heißt übrigens Robin McIntosh und residiert ebenfalls hier in Grove Hill, wo ich vor Gericht stand und zur Stunde einsitze. Um den Ort der Gerichtsverhandlung hatte es zunächst ein gewisses Gerangel gegeben, bis man sich auf Grove Hill einigte, weil die Licksfits einen gehörigen Teil ihrer „Straftaten“ im Clarke County verübt hätten und weil ich mit Todd sogar in Jackson abgerechnet hätte, wo ich seit etlichen Jahren gemeldet bin. Vielleicht sollte ich auch an europäische LeserInnen denken. Grove Hill ist die „Hauptstadt“ des Countys, und Jackson am Tombigbee River liegt nicht weit von ihr entfernt. Im Umfang nehmen sie sich wenig. Der Europäer wird sie vielleicht Nester nennen, weil sie kaum mehr EinwohnerInnen als Emersons Städtchen Concord zu bieten haben, um 2.000 nämlich. Vielleicht sagt dem Europäer sogar der Name Alabama nichts? Um die Lage also kurz zu klären: Als ich vor rund fünf Jahren erfuhr, ein gewisser Thomas O'Brien, der sich als mein Patenonkel herausstellte, habe mir seine bei Jackson in Alabama gelegene Sägemühle vermacht, mußte ich grad wie der Europäer erst einmal zu einer Landkarte der neuerdings wieder Vereinigten Staaten greifen. Unser „Bürgerkrieg“ zwischen den Nord- und den Südstaaten endete 1865. Alabama zählt zu den in Sklaven und Schießeisen verliebten Südstaaten und grenzt bei Mobile sogar mit einem Zipfel an den Golf von Mexiko. Im ersten Augenblick war ich deshalb keineswegs von Onkel Thomas' Geschenk erbaut. Doch dann sagte ich mir, da unten ist es köstlich warm, selbst die Winter sind mild, und wenn alle Stricke reißen, kannst du diese verdammte Sägemühle verhökern und dich mit dem Batzen Geld wieder an Bord eines Küstenschiffes begeben. Und so geschah es auch … zur Hälfte. Der zweite Teil des Nofallplans, nämlich als reicher Mann wieder nach Neuengland zurückzudampfen, fiel ins Wasser, weil mir auf einem Steg über den Beaver Creek (der die Mühle antreibt) eine schwarze Hexe in den Weg trat. Das war Shaye.

Nicht, daß sie dunkelhäutig wäre. Die Tochter des Trappers Jack Licks hat lediglich etwas Choctaw-Blut in den Adern – aber das hat völlig ausgereicht, um die eher kleine, stämmige, schwarzgelockte Person nicht nur mit hitzigem Köpfchen auszustatten. Ich war sofort hinge-rissen. Allein ihre grauen, kaum merklich geschlitzten Augen sprühten mehr vor Lebenslust als die Felsen im Creek von der Gischt. Könnte sie in vier Tagen hier sein, brauchte sie sich lediglich bäuchlings ein wenig in Trauer auf meinem Grabhügel zu winden, um mich wieder zum Leben zu erwecken. Aber ich ließ ihr durch Frank versichern, falls sie auf die Idee käme, mit unserer Truppe das Gefängnis von Grove Hill zu stürmen, wären wir auf immer geschiedene Leute. Es wäre verfehlt. Sie bewachen mich seit meiner Festnahme, als sei ich der wieder auferstandene „Wild Bill Hickok“, der neulich in Deadwood, Black Hills, ins Gras biß. Dabei ist auch das verfehlt. Wenn schon, dann ist hier nur sie, Shaye Licks, die Heldin. Es liegt mir freilich fern sie zu verklären. Ned Buntline, dieser alte, herzkranke Säufer, Prediger und Schreiberling, hätte sie jede Wette als gertenschlanke, verrufene Squaw gegeben, der in jedem Stiefel je ein blutverschmiertes Messer locker sitzt. Buntline reüssierte bekanntlich um 1870 mit einer Woge aus verlogenen Groschenromanen über den angeblichen „Wilden Westen“, die nicht nur die Ostküste heimsuchte. In Wahrheit paarte sich Shayes Freiheitsdurst mit großem Verantwortungs-gefühl. Ihren Scharfsinn hinzugenommen, verwundert es also nicht, wenn sich das doppelbödige Konzept der Licksfits vor allem ihr verdankte. Ohne ihre Anregungen hätte ich es bestenfalls zustandegebracht, auf dem Gelände meiner Sägemühle so etwas wie die Brook Farm aufzuziehen. Vermutlich wäre auch diese „Kommune“ nach wenigen Jahren den Bach heruntergegangen. Da ist es doch schöner, nach fünf Jahren erfüllten Vagabunden-lebens an einem Strick zu baumeln und den ganzen großen Rest der Truppe, zigtausende Dollars eingeschlossen, unbeschadet in Mississippi oder Louisiana zu wissen.

Der Hebel zu unserem Konzept war Shayes Trompete gewesen. Sie beherrschte sie erstaunlich virtuos und träumte von einer Kapelle, die jedes lahme alabamische Rind zum Tanzen, ja vielleicht sogar ganz New Orleans zum Wackeln bringen würde, denn von dieser vergleichs-weise nahen Küstenmetropole träumte sie ebenfalls. Doch als Tochter eines Trappers schoß sie auch verdammt gut, und so überschlugen sich unsere Pläne sozusagen von einer Umarmung zur nächsten. Die „Kommune“-Idee sagte ihr durchaus zu, nur stellte sie sich eine solche Unterneh-mung irgendwie „beweglicher“ vor. Selbstverständlich verspürten wir beide nicht die geringste Lust, Tag für Tag an einer lärmenden Gattersäge oder auch nur auf Gemüseäckern zu schwitzen. So verkauften wir die Sägemühle, wie schon angedeutet, behielten aber die sich anschließende Farm, da wir diese zunächst als Aufmarsch-gebiet, später als Winterquartier der ins Auge gefaßten Truppe zu nutzen gedachten. Hier gaben sich bereits in den ersten Wochen Dutzende von Gästen die Türklinke beziehungsweise die Querstangen unserer Pferdekoppel in die Hand. Wie sich versteht, kamen wir nicht umhin, streng zu sieben. Andrerseits stellten sich mit den Leuten Begabungen und Anregungen ein, auf die wir von allein gar nicht gekommen wären. Schließlich hatten wir rund 30 MitstreiterInnen beisammen, die kühn und emsig an die Bildung der fahrenden Artisten- und Lebensgemeinschaft Licksfits schritten. Wir schafften uns etliche Planwagen, Zug- und Reitpferde und auch einige nagelneue Schuß-waffen an. Wir bauten Zirkuskulissen und übten die ersten Nummern ein.

Das wichtigste und schwierigste Training betraf freilich das Zusammenleben – ein Training, das sich selbstver-ständlich auf unseren Reisen bis zuletzt fortsetzte. Wie sich zeigte, war es beträchtlich einfacher, mit gekonnten Parodien auf Saloon-Schlägereien, Goldgräbergebaren und Showdowns zu glänzen, als ein unheldisches und aufrich-tiges Miteinander in der eigenen Gruppe durchzusetzen. In dieser Hinsicht war unsere größte Stütze Margaret Fullers Tochter Conny, eine verschmitzte Frau Ende 40, die uns von George Ripley vermittelt worden war. Sie spürte den verheerenden Drang zum Rechthaben und zum Ein-schüchtern in den banalsten Gesprächen und Verrich-tungen des Alltags auf, ohne die Betroffenen je zu beschämen. In unserer Zirkusband saß sie am Schlagzeug, man glaubt es kaum.

Shaye verstand es, die Leute nicht zuletzt durch ihre Musikalität zu begeistern. Sie hatte für jede heikle Situation die richtigen Takte oder Stücke bereit, und wenn sie sie nur pfiff. Sie brachte es auch fertig, einen Lulatsch wie Slim, der anfänglich zu allem seinen Senf geben mußte und dann kein Ende im Labern fand, mitten in der Gesprächsrunde als Zielstange für ihr Lasso zu benutzen, was sehr wirkungsvoll war, weil er buchstäblich mit Händen und Füßen zu reden pflegte. Alles lachte, Slim eingeschlossen. Jeder begriff Shaye im Grunde als Chefin, obwohl wir selbstverständlich alle gleichberechtigt waren und jede wichtige Entscheidung im Konsens fällten. Allerdings sah sich ein „harter Kern“ um Shaye und mich dazu gezwungen, die geplante illegale Seite unseres öffentlichen Wirkens in der ersten Zeit wohl oder übel stillschweigend von der Konsens-Regel auszunehmen. Wir wollten erst einmal etwas Erfahrung sammeln. Die Licksfits hatten sich über einen langen Sommer hinweg bereits einen gewissen Namen in unserem Heimat-County gemacht. Selbst ein reaktionäres Blatt wie die Tombigbee News zeigte sich uns gewogen, weil wir unsere Attacken gegen Rassismus, Ausbeutung und so weiter „auf höchstem künstlerischem Niveau“ vorbrachten und an den Lagerfeuern in unserer Planwagenburg nachweislich keine entführten Säuglinge brieten. Unsere eigenen nebenbei auch nicht. Aber im kommenden März, als wir mit unserem Troß gen Osten zum Conecuh River aufbrachen, um zunächst die Gegend zwischen Andalusia und Troy mit unseren Darbietungen zu erfreuen, wollte es der „harte Kern“ wissen. Er setzte sich eines Nachts vorübergehend zu Pferd von der Truppe ab, um die Bankfiliale der Wells Fargo in Elba, Coffee County, aufzusuchen. Wir raubten sie kurz nach Öffnung aus.

Shaye und mir war bereits vor der ersten Suche nach Mitstreitern für unser Projekt „klar wie Klosbrühe“ gewesen, es würde auf Dauer unmöglich sein, eine Gruppe von über 40 Köpfen (die Kinder eingeschlossen) allein durch Zirkusvorstellungen, Tanzveranstaltungen, Jagd, Nüsse sammeln und freundliche Sachspenden seitens der Bevölkerung zu ernähren. Wir mußten also Geldquellen erschließen, die uns möglichst wenig Arbeit aufbürden würden. Da kam Engelbert, von dem wir jenen Spruch mit der Klosbrühe übernahmen, sozusagen goldrichtig. Er stammte von deutschen Einwanderern ab und hatte im Raum Texas/Kalifornien einige Jahre für die Wells Fargo als Postreiter und Kutscher gearbeitet. Man hielt ihn schon aufgrund seiner Abkunft für solide, und dann hatte er sein eckiges Gesicht auch noch mit einem rötlichen Bart eingerahmt, der jeden Gedanken an schwarze Gesichts-tücher in weite Ferne rückte. So hatte man ihn auch bald als „Geldbriefträger“ verwendet, wie er dazu zu sagen pflegte. Als er bei uns eintraf, hatte er eine längere Flucht hinter sich – und keinen halben Dollar mehr in der Tasche. Engelbert war also der erste „Kommunarde“, den wir in unsere illegalen Absichten einweihten, und dann verdankten wir auch unseren ersten Coup in Elba eben ihm. Wir ritten zu sechst. Es war ein ziemlich harmloser Überfall am hellichten Tage, der dem Trottel in der Bank nur ein paar Kratzer, uns dagegen rund 3.200 Dollar einbrachte. Dabei hatten wir für den Raub selber lediglich zwei Leute eingesetzt. Die anderen waren mit ihren ausgeruhten Gäulen an günstigen Punkten, die ein spurloses Wegtauchen gestatteten, postiert worden – nach Art einer Staffel also, über mehr als 30 Meilen hinweg. Die Verfolger hatten keine Chance.

Unser „harter Kern“ war sich somit darüber im klaren, daß das künstlerische Unternehmen Licksfits zu einem guten Teil als Tarngeschäft begriffen werden mußte und auch erst dadurch auf das Niveau eigentlicher Lebenskunst zu heben war. Aber das konnte auf Dauer nicht insgeheim, ohne ausdrückliche Billigung der ganzen Gruppe vonstatten gehen. In manchen Planwagen wurde ohnehin schon gemunkelt, weil es wieder einmal Schwierigkeiten in der Terminplanung (Zirkus/Raubzug) gegeben hatte oder weil das jüngste krumme Ding, über das sich die Blätter empörten, zufällig wieder einmal in der Nähe unserer Wagenburg gedreht worden war. Zu allem Unglück luden wir „Illegalen“ uns im August jenes zweiten Sommers einen Deputy Sheriff aufs Gewissen, unsere erste, aber bis heute auch einzige „feindliche“ Leiche, nimmt man Norris' Dogge und unseren lieben Todd einmal aus. Wir hatten bei Greenville den Weg einer Postkutsche gekreuzt, die neben den Fahrgästen und Schutzleuten eine hübsche, kleine Kiste mit Goldbarren beförderte. Wir konnten das Kistchen fast mühelos übernehmen, aber dann setzten uns ein paar eigentlich unbeteiligte Leute eines zufällig vorbeikommenden Gefangenentransportes nach, voran jener Tropf von Deputy, der wahrscheinlich von seiner Beförderung träumte – zum Sheriff, nicht ins Jenseits. Shaye schoß ihn im Reiten mit ihrer nagelneuen Büchse, einer Winchester 76, vom Pferd.

Wir lagerten damals unmittelbar am Ufer des Conecuh Rivers. Für den Tag nach dem Coup bei Greenville war keine Vorstellung angesetzt. Heil zurückgekehrt, baten wir die Gruppe um eine außerordentliche Vollversammlung, da eine Gefahr im Anzug sei. Shaye gewann zwei Mädchen aus dem nächsten Dorf, die sich in der Wagenburg schon fast heimisch fühlten, fürs Kinderhüten. Wir rund 30 Erwachsenen begaben uns nach Mittag auf eine nahe, von drei dicken Eichen beschirmte Anhöhe. So hatten wir Schatten und zugleich freie Sicht auf ungebetene MithörerInnen. Wir saßen wie immer im Kreis. In der Mitte lag „zufällig“ ein schwarzes Tuch. Engelbert, inzwischen von seinem roten Bart befreit, erhob sich, sah mit ernster Miene in die Runde und verkündete, spätestens übermorgen könnten die lieben Genossinnen und Genossen in der Andalusia Post oder im Montgomery Observer lesen, bei Greenville sei eine Postkutsche überfallen worden. „Ratet mal, was sie, neben den Fahrgästen und den Liebesbriefen, an Bord hatte ..?“ Erwartungsgemäß bekam er keine Antwort, es sei denn, man erblickte eine solche in dem Umstand, daß sich sein unheilschwangerer Gesichtsausdruck nun auch in der Runde ausbreitete. Engelbert zog einen kleinen, schmalen Goldbarren aus der Messertasche seiner kurzen Lederhose, warf ihn auf das erwähnte Tuch, grinste und nahm wieder Platz.

In jeder Gruppe von Goldschürfern, Viehhirten oder Gesellschaftern eines Eisenbahnunternehmens hätte es für Minuten, wenn nicht Stunden heillosen Aufruhr gegeben. Die Licksfits dagegen waren inzwischen gut geschult, und das bewährte sich auch in dieser heiklen Situation. Es dauerte keine drei Stunden, bis unser „illegales“ Programm die überwiegende Zustimmung der Truppe besaß, obwohl zu diesem Zwecke wesentliche Fragen moralisch-politischer und selbstverständlich auch taktischer Natur zu erörtern waren. Erstaunlicherweise erwies sich der erschossene Deputy noch nicht einmal als die härteste Nuß. Jeder sei schließlich selbst dafür verantwortlich, auf welche Seite er sich stelle, wurde argumentiert, und dann habe er auch die möglichen Folgen zu tragen. Niemand habe den Deputy dazu gezwungen, sich seine Brötchen ausgerechnet im unmittelbaren Handlangerdienst für den menschenfeindlichen Kapitalismus zu verdienen. Nicht anders hätten wir später argumentiert, wenn 12 Soldaten der Unions-Armee so dumm gewesen wären, unsere mit Dynamit gewürzten Drohungen nicht ernst zu nehmen. Wie sich versteht, bildete sich niemand von uns ein, der Kapitalismus und sein Staat ließen sich durch möglichst durchgreifende Schießereien aus den Köpfen der Leute putzen. Dazu versuchten wir, wenn überhaupt, eher durch unsere satirischen Husarenstückchen im Zirkus und das Vorbild unserer Lebensweise beizutragen. Unsere spärlichen „Gewaltakte“ stellten lediglich Notwehrmaß-nahmen von armen, freiheitsdurstigen Schluckern dar, die wir ja waren. Nach dieser Versammlung unter den Eichen waren wir allerdings drei weniger. Drei Genossen verließen uns anderntags, weil sie den neuen „illegalen“ Kurs nicht mittragen wollten. Das nahmen wir ohne Groll hin. Nach einigen Jahren ohne sie darf auch als gesichert gelten, daß sie dicht hielten, uns also nicht verrieten. Das war Todd vorbehalten.

Todd hatte damals ebenfalls unter den Eichen gesessen. Er hatte unsere Geldbeschaffungsaktionen gut geheißen und beteiligte sich in der Folge auch selber daran. Er war um 30, blond, eher schmächtig, aber wendig wie ein Wiesel, was uns sowohl bei solchen Aktionen wie bei manchen akrobatischen Zirkusnummern zugute kam. Reiten konnte er wie der Teufel. Zu behaupten, ich hätte schon immer Unheil in ihm gewittert, wäre glatt gelogen. Er stand mir einfach nicht besonders nahe, das war alles. Selbst Conny Fuller zeigte sich später überrascht davon, daß er uns nach dem Eisenbahn-Coup, bei dem er als einziger Aktivist geschnappt wurde, ans Messer zu liefern versuchte. Das gelang ihm zwar nicht, aber damit war das Projekt Licksfits gestorben. Conny meinte allerdings, etwas unangenehm sei ihr zuweilen Todds Mangel an Humor aufgestoßen. Humorlosigkeit passe ja eigentlich nicht zu guten, offenen, freiheitsliebenden Menschen, zumal wenn sie eher Kabarett als Zirkus machten. Ich nehme an, sie hat recht. Wahrscheinlich läßt sich noch nicht einmal sagen, Todd habe schon immer dazu geneigt sich zu verstellen. Nein, das tat er keineswegs. Mit seiner Behendigkeit täuschte er sich höchstens selbst. Denn im Grunde seines Herzens war er ein ängstlicher, verklemmter Mensch – ein Duck-mäuser, hätte Thoreau gesagt. Irgendwann fühlt sich so ein Duckmäuser von den ihn umgebenden freiheitlich gestimmten Menschen zu sehr bedrängt, vielleicht sogar beschämt, und dann wird er unter Umständen, wenn nicht gewalttätig, zum Verräter.

Wie wir vor einigen Monaten durch einen sturzbetrun-kenen Offizier erfahren hatten, gedachte die Unions-Armee die neue Eisenbahnstrecke von Montgomery nach Mobile zur Beförderung des Soldes der traditionell in Mobile kasernierten „Streitkräfte“ zu nutzen. Für EuropäerInnen: Montgomery ist die Hauptstadt Alabamas. Günstigerweise kannte eine Licksfits-Genossin einen Soldaten aus der dortigen Schreibstube, der mit dem Transport zu tun hatte. So wußten wir, in welchem Waggon des betreffenden Güterzuges der Zaster zu finden sein würde. Allerdings hieß es, neben den Dollars befänden sich, für alle Fälle, ein Dutzend Wachsoldaten in diesem Waggon. Wir beschlossen, sie lediglich einzuschüchtern statt zu töten. Shaye hatte fünf Jahre früher unter anderem einen baumlangen Creek-Indianer „eingebracht“, den alle Welt nur Mico rief. Mico war ein toller Gefährte, wie sich längst erwiesen hatte, zudem ein hervorragender Bogenschütze. Nun hatte er die Idee, mit dem neuartigen Sprengstoff zu arbeiten, den sie drüben in Schweden erfunden hatten, Dynamit. In geraffter Form erzählt, lief die Sache in der Tatnacht folgendermaßen ab.

In Montgomery brachte einer von uns kurz vor Abfahrt des Zuges unter dem Waggon, der vor dem Geldwagen fahren würde, ein Bündel Dynamitstangen an. Wir anderen des Kommandos, außer Mico, lauerten bei Evergreen am Beginn einer Steigung, die den Zug zu der vergleichsweise harmlosen Geschwindigkeit von rund 10 Meilen zwang. Mico dagegen hockte weiter oben kurz vor dem Ende der Steigung in einem Maisfeld. Als die Scheinwerfer der Lok bereits an seinem Versteck vorübergeglitten waren, sahen wir ein kurzes Aufflackern, dann krachte es gewaltig. Dieser Eingriff, bei dem Mico das Dynamitbündel im Gehen oder Laufen mit Hilfe eines lodernden Pfeiles gezündet hatte, führte logischerweise dazu, daß der betreffende Güterwaggon in die Luft flog. Er selber hatte sich rechtzeitig auf den Boden geworfen. Zum Glück rissen auch die Kupplungen zu den benachbarten Waggons, sonst hätte es den halben Zug vom Gleis gehoben. So aber rollten alle noch folgenden Wagen wieder die Steigung hinab, während der Kopfteil des Zuges über der Anhöhe ver-schwand. Wir hockten ziemlich genau dort im Erlenge-strüpp eines Tümpels, wo der nunmehrige erste Waggon des abgesprengten Zuges zum Stillstand kam, also der Waggon mit der Geldtruhe und den 12 Soldaten. Todd als der Wendigste von uns enterte ihn blitzschnell, pochte mit seinem Coltgriff aufs Dach und rief:

„Hört mal zu, ihr Vollidioten! Das nächste Bündel Dynamit ist genau unter euren Plattfüßen am Wagenboden angebracht. Es wird gezündet, sobald ich wieder verschwunden bin. Wollt ihr es darauf ankommen lassen oder zieht ihr es vor, eure Waffen aus dem Fenster zu werfen und diesen stinkenden Minkbau anschließend mit erhobenen Händen zu verlassen? Wir garantieren euch euer Leben. Ihr werdet lediglich gebunden. Wir wollen nur das Geld. Sobald wir es haben, ziehen wir Leine.“

Auf die Gefahr hin, als Pfennigfuchser oder Prahlhans zu gelten: diese Worte stammten von mir. Todd hatte sie auswendig gelernt, schließlich waren wir eine Theater-truppe. Er selber wäre kaum auf solche blumigen Worte gekommen, sie widersprachen seiner Natur, die ich ja bereits angedeutet habe. Man kann diese Ansprache aber auch nicht für seine Verhaftung und seinen daraufhin erfolgten Verrat an uns verantwortlich machen. Sondern er blieb entgegen unserer Absprache auf dem Waggondach, während wir die Unternehmung abschlossen. Immerhin sah er dadurch weiter als wir. Vielleicht bildete er sich aber auch nur ein, er könne uns von dort oben im Notfall besseren Feuerschutz geben. Jedenfalls waren wir genug, acht Leute ohne ihn, konnten ihn also getrost entbehren. Mico war inzwischen wieder bei uns eingetroffen. Damit zurück zu den 12 Soldaten: sie zogen tatsächlich einem möglichen In-die-Luft-gesprengt-werden die mögliche Erschießung als Gefangene vor, schmissen ihre Waffen aus dem Fenster und ließen sich von uns der Reihe nach in Empfang nehmen und an Händen und Füßen binden. Wir schoben und wälzten sie kurzerhand unter den Waggon ins Gleisbett, weil sie uns sonst nur im Wege gewesen wären.

Shaye und Engelbert schlüpften unterdessen in den Waggon und warfen uns wenig später die Truhe der Army vor die Füße, die dabei erfreulicherweise aufsprang, weil sie genau mit dem Schloß auf einem scharfkantigen Feldstein gelandet war. Während wir die Dollarbündel in Windeseile auf die Satteltaschen unserer Pferde verteilten, fluchte Todd plötzlich „Verdammt!“ und fuchtelte in Richtung der Anhöhe, hinter welcher der vordere Teil des Zuges verschwunden war. Offenbar hatte man etwas gemerkt und den Zug alsbald gestoppt, denn nun stürmte eine Horde von Leuten über den Schotter oder den anliegenden Erdnußacker auf uns zu. Sie steckten teils in Bahnuniform, sonst waren es Zivilisten, aber da das Mondlicht gut war, sah man auch die Waffen, die sie schwangen. Es schien sich überwiegend um Colts und Flinten zu handeln, nur ein breiter Kerl fuchtelte mit einer Eisenstange herum, wahrscheinlich der Heizer. Wir saßen im Nu auf unseren Pferden. Shaye war dabei geistesgegen-wärtig genug, sich auch noch die Zügel von Todds Gaul zu greifen und derart die Seitenwand des beraubten Waggons zu streifen. „Nun los schon, du Hornochse“, rief sie zum Dach hinauf, „spring!“

Todd begriff und drückte sich ab. Bei seiner Behendigkeit wäre er vermutlich tadellos in seinem Sattel gelandet, wenn sich nicht einer der unter dem Waggon verstauten gefesselten Soldaten schon vor einigen Minuten dazu entschlossen hätte, sich rücklings, die gut besohlten und beschlagenen Stiefel voran, ungefähr einen Meter über die vordere Schiene zu schieben. Jetzt trat er Todds Gaul genau im richtigen Augenblick in die Haxen. Der Gaul brach aus, womit auch Shayes Gaul einen Satz nach vorn machte. Todd krachte in die Disteln, die hier den Schotter des Gleises säumten. Zwar wendete Shaye ihr Pferd noch einmal auf der Hinterhand, doch da uns bereits die ersten Kugeln um die Ohren pfiffen, rief sie: „Abhauen!“ und preschte auch schon selber davon. Wir bescheinigten ihr etwas später, als wir uns in einem Hickhoryhain unweit eines erquickenden Rinnsals die erste Pause gönnten, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Hätten wir versucht, Todd herauszuhauen, wären wir nicht umhin gekommen zu schießen, und damit hätte es sehr wahrscheinlich ein Blutbad mit Toten auf beiden Seiten gegeben. So aber bestand eine gewisse Chance, Todd aus dem Knast zu befreien, falls er nicht bereits am nächsten Signalmasten hing. Den Inhalt unserer Satteltaschen nahmen wir erst in der Werkstatt eines mit uns befreundeten Hufschmieds in Augenschein. Sam hatte seine Esse schon vor dem Morgengrauen entfacht. Es waren über 16.000 Dollar. Wir gaben Sam 400 davon ab, hatte er doch einen Schlag von Plagen, die er kaum ernähren konnte.

Zwei Tage später erfuhren wir durch einen Gewährsmann, der in Grove Hill beim County-Sheriff beschäftig war, gottseidank noch rechtzeitig, Todd habe an diesem Morgen ausgepackt, weil man ihm Straffreiheit zugesichert hatte. Gegen eine Kaution, die merkwürdigerweise der Tabakpflanzer Norris gestellt habe, und mit der Auflage, sich täglich beim Town-Marshal von Jackson zu melden, sie er daraufhin sogar auf freien Fuß gesetzt worden. Nach dieser niederschmetternden Eröffnung beschlossen wir innerhalb von wenigen Minuten, unsere Planwagen im Stich zu lassen und uns zunächst einmal aufzuteilen. Allerdings wollte Conny bei Sam vorbeireiten, um ihn zu bitten, sich um die Planwagen und die Zugpferde zu kümmern. Wie sich versteht, teilten wir auch das Gold und die Dollars auf, die wir besaßen. Wir trafen ein paar Vereinbarungen, um uns benachrichtigen und möglicher-weise wieder vereinen zu können, umhalsten uns und sprengten, einzeln oder in kleinen Gruppen, Kinder eingeschlossen, in alle Himmelsrichtungen davon.

Ich ritt mit Shaye Richtung Butler. Auf einem Saumpferd hatten wir ein paar Habseligkeiten dabei, darunter freilich weder Shayes Trompete noch mein Banjo, lag doch für jedes Kind auf der Hand, diese Instrumente fänden sich schon morgen landesweit auf unseren Steckbriefen angeführt. Unsere Farm bei Jackson konnten wir natürlich vergessen. Aber in Butler kannten wir immerhin einen vielseitig begabten und beziehungsreichen Bader, Doc Stanford, der uns wahrscheinlich dabei behilflich sein konnte, uns auch im Erscheinungsbild etwas zu verändern. Außerdem lag das Städtchen unweit der Grenze zu Mississippi. Es war ein Wunder, daß wir zu zweit heil dort ankamen, denn zunächst drohte Shaye vor Wut auf Todd zu platzen – und dann deshalb, weil ich beflissen versuchte, ihr den „Straf- und Vergeltungsgedanken“ und insbesondere „den Wahn mit der Blutrache“ auszureden, wie sie mich mehrmals höhnisch nachäffte. Als Anhänger libertären Gedankengutes blieb mir ja nichts anderes übrig. Strafe verbessert nichts, ganz im Gegenteil. Und was geschehen ist, ist geschehen. Es läßt sich durch „rächen“ nicht mehr beeinflussen. Shaye bestritt das nicht unbedingt, aber sie klammerte sich an das Wort Blut, das ich selber aufgebracht hatte. Es sei das Blut der verratenen Gruppe, das in ihr koche, und es handle sich dabei doch um ihr Blut – ob ich vielleicht wünschte, daß sie wirklich platze? Nein, das wünschte ich selbstverständlich nicht. Außerdem gestand ich mir ein, wenn ein Racheakt auch nicht zurückwirken könne, sei er in manchen Fällen doch wenigstens geeignet, für Verbesserungen in der Zukunft zu sorgen, beispielsweise durch das Mahnmal Üb immer Treu und Redlichkeit, das mit ihm gesetzt werden kann. Diesen Spruch hatte ich nicht von Engelbert, sondern noch von Bakunin. Er hatte uns damals, in Emersons Old Manse, beim Tee versichert, obwohl der Ausspruch von seinem Widersacher Karl Marx stamme, sei er so hübsch wie beherzigenswert. Emerson meinte allerdings, er stamme aus einem alten deutschen Volkslied. Da sie beide keine Belege vorweisen konnten, blieb die Sache unentschieden.

Kurz und gut, einen beträchtlichen Teil unseres Rittes nach Butler verbrachten Shaye und ich mit dem Schmieden eines Racheplans. Wir waren uns bald in der Einschätzung einig, die Kaution für Todd sei nicht so zufällig ausgerechnet vom Tabakpflanzer Norris gestellt worden. Todd stammte zwar aus Selma, aber im Laufe unseres letzten Winterquartiers auf der Farm hatte er sich mit einer Zicke angefreundet, die Norris' jüngste Tochter war. Somit war anzunehmen, Todd würde sie vor oder nach seinen täglichen Rapporten beim Town-Marshal besuchen, wenn er nicht ohnehin schon auf Norris' Ranch beschäftigt und ganz wie zu Hause war. Norris' Ranch klemmte knapp zwei Meilen außerhalb von Jackson zwischen dem Beaver Creek und einem Steilhang namens Falcon's Head. Wie sich versteht, hätte es Duckmäuser Todd niemals gewagt, auf der Licksfits-Farm zu wohnen, die auf der entgegengesetzten Seite von Jackson lag. Schließlich galt sie inzwischen als Unterschlupf verruchter BankräuberInnen. Vielleicht rechnete er sogar bereits mit einem Anschlag seitens seiner Ex-Genossen, dumm war er ja nicht. Wir hatten uns vorzusehen.

Drei Tage später schlugen wir uns zwischen den Felsen, die den „Falkenkopf“ spickten, einige Morgenstunden um die Ohren. Zwar hatte uns Doc Stanford für den gefahrlosen Herritt gründlich umfrisiert, aber nun wollten wir es nicht darauf ankommen lassen, erkannt zu werden. Das galt auch für den Anschlag selbst. Ich kann die Sache kurz machen, denn diese Unternehmung gelang uns ja nicht gerade rühmlich. Wir hatten uns am Vorabend noch einmal bei einer alten Schulfreundin Shayes in Jackson nach Todd erkundigt. In der Tat schien er bereits zum Inventar der Ranch zu zählen. Nach dem Frühstück hämmerte er in der Werkstatt der Ranch herum, während sich andere Familienmitglieder im Haus oder im Schweinestall zu schaffen machten. Vielleicht zimmerte er bereits an seinem Sarg. Wie es aussah, zählte auch eine kalbgroße, schwarze Dogge zur Familie, denn sie stolzierte alle fünf Minuten einmal über den Hof um aller Welt zu signalisieren, dies alles hier gehöre ihr. Doch nach rund einer Stunde atmeten wir auf. Todd kam aus der Werkstatt und begann sich offensichtlich reisefertig zu machen. Entgegen unserer Annahme sattelte er allerdings kein Pferd sondern schirrte zwei kräftige Gäule vor einen leeren Leiterwagen. Das gefiel uns zunächst, weil wir dadurch noch früher als Todd an der Tabakscheune eintreffen konnten, die auf halbem Wege zwischen der Ranch und Jackson hart an dem Karrenweg lag, den er hoffentlich nahm. Das tat er auch, aber trotzdem machten wir ein langes Gesicht. Denn ehe die beiden Gäule anzogen, hatten sich mit jeweils artgerechten Sätzen ein schlacksiger, rothaariger Bursche um 30 und die verdammte schwarze Dogge auf den Leiterwagen geschwungen. „Mist!“ knurrte Shaye. „Das ist Liam Norris, ein Bruder von der Zicke.“ Passend beugte sich die Zicke auch schon aus einem Küchenfenster, um ihrem Liebhaber Todd nachzuwinken. „Macht nichts“, erwiderte ich. „Wir werden Liam kein rotes Härchen krümmen und dennoch zum Ziele kommen. Oder was denkst du? So viel Zeit, bis wir Todd unbegleitet serviert bekommen, sollten wir uns vielleicht lieber nicht nehmen. Immerhin bewegen wir uns hier in der Höhle des Löwen.“ Sie überlegte einen Augenblick, bevor sie zustimmend nickte. Daraufhin zogen wir uns schleunigst aus den Felsen zu unseren ausgeruhten Pferden zurück.

Wir hatten unseren Plan auf die Annahme gebaut, Todd werde sich pflichtgetreu im Laufe des Vormittags von seinem neuen Wohnsitz zum Rapport beim Town-Marshal in Jackson begeben, und der übliche Weg dahin war just der Karrenweg längs des Creeks, der die erwähnte Tabakscheune streifte. Die Richtigkeit dieser Annahme wurde später bei der Gerichtsverhandlung bestätigt. Die schmal und hoch gebaute Tabakscheune hatten wir uns zu Todds Empfang ausgeguckt, weil ihre senkrecht gestellten Seitenbretter zwecks Regelung der Belüftung der in mehreren Etagen aufgehängten Tabakbündel beweglich waren und uns somit hübsche Spalte für unsere Augen und unsere Gewehrläufe boten. Außerdem warf sie ihren Schatten günstigerweise nach hinten, sodaß unsere dort versteckten Pferde nichts zu murren hatten. Wir hockten in der ersten Etage und hörten bereits den Hufschlag und das Knarren des von Todd geführten Gespanns. Aber was wir eben nicht eingerechnet und zuletzt unterschätzt hatten, war Todds Begleitmannschaft, der rote Liam und die schwarze Dogge. Das Viech war nicht auf den Kopf gefallen. Als sich das Gespann noch mindestens 50 Meter von unserer Falle entfernt befand, stutzte Liam, griff in Todds Leinen und sagte stirnrunzelnd: „Warte mal, da stimmt was nicht ..!“

Todd kam der Aufforderung nach und brachte die Pferde zum Stehen. Unterdessen hatte sich Liam schon umge-wandt und die Dogge ins Auge gefaßt. Schwupp! stand sie mit einem Sprung auf der Straße und schritt geschmeidig aber vorsichtig auf den prallen Jutesack zu, den wir gleichsam vor unseren Nasen mitten auf den Karrenweg gelegt hatten. Er war lediglich mit Tabakbündeln ausgestopft. Das wußten natürlich weder die beiden Männer auf dem Wagenbock noch die schwarze Dogge. Jetzt beschnüffelte sie den Sack und begann auch schon unheilschwanger zu knurren, während sie argwöhnisch in die Gegend blickte. Gewiß hätten wir Todd auch auf 50 Meter vom Bock holen können, aber es war Shayes brennender Wunsch gewesen, ihn aus nächster Nähe mit zärtlicher Stimme wissen zu lassen, wer ihn innerhalb der nächsten Sekunden ins Jenseits befördern würde. Jetzt mußten wir meines Erachtens blitzschnell umsatteln. Ich stieß Shaye an, nickte zum Fuhrwerk und zischte: „Los, ruf ihn kurz an! Ich lege ihn dann sofort um.“

So geschah es. Allerdings wäre es nicht übel gewesen, wenn wir Zeit gehabt hätten, die Sache noch weiter zu denken. Shaye rief also durch den Spalt: „Hallo, Todd, Darling!“ Wie zu erwarten war, zuckte Todd zusammen und wurde schlagartig blaß wie der Karrenweg. Im nächsten Augenblick hätte er, um Liam ins Bild zu setzen, möglicherweise Shayes Namen ausgeplaudert, aber vorher schoß ich. Man versicherte mir später, meine Kugel habe ihn genau ins Herz getroffen. Dann überschlugen sich die Dinge freilich. Während Todd wie ein Sack mit matschigen Kartoffeln vom Bock glitt und die schwarze Dogge mit wütendem Gebell gegen die Tabakscheune ansprang, rannte Liam bereits hakenschlagend und mit gezogenem Colt auf die Hinterfront der Tabakscheune zu. Shaye und ich hatten uns selbstverständlich auch schon in Bewegung gesetzt: wir stürzten aus dem rückwärtigen Tor zu unseren Pferden. Leider konnte ich dem Gebell der Dogge entnehmen, daß sie es bei ihrer Klugheit inzwischen ihrem Eigentümer nachgetan hatte. Als wir in unsere Sättel sprangen, keuchte der rote Liam gerade um die Scheunen-ecke, während mir sein verdammter schwarzer Köter bereits am rechten Stiefel hing. Meinen Colt konnte ich nicht ziehen, weil ich in der einen Hand noch meine Büchse, in der anderen die Zügel hielt. Während ich mit dem Büchsenschaft auf den Schädel der Dogge einhieb, rief Shaye, die schon fast zur anderen Scheunenecke gesprengt war und sich nun zu mir umsah: „Achtung, Sid, ich mache sie fertig!“ Tatsächlich krachte sogleich ihre Büchse, und die Dogge landete nach einer jaulenden Pirouette schwer im Gras. Nur war es ein paar Sekunden zu spät. Inzwischen hatte mich nämlich auch Liam erreicht und mit einem gezielten Griff um meinen Colt erleichtert. Jetzt hatte er schon zwei Schießeisen in den Fäusten. „Hau ab!“ brüllte ich deshalb zu Shaye. Zwar hielt ich noch immer meine Büchse in der Hand, aber sie war leider ungeladen, wie sich vermutlich auch Liam gedacht hatte. Er war ein paar Schritte zurückgetreten und keuchte immer noch. Zwischen uns lag jetzt die tote Dogge. Während ich hörte, wie sich Shaye auf dem Karrenweg von der Scheune entfernte, und sah, wie an meinem rechten Stiefel ein paar Blutfäden hinabrannen, knurrte Liam:

„Jetzt wirfst du mal endlich deine Flinte weg, hast du gehört? Und dann steigst du mal schön von deinem Gaul. Und dann stellst du dich mit erhobenen Flossen an die Scheunenwand, und zwar mit dem Rücken zu mir, hast du mich verstanden ..?“

Seitdem sagte ich mir schon mehrmals, ich hätte es Liam möglicherweise hoch anzurechnen, daß er mich dem Town-Marshal von Jackson lebend übergab, statt mich vorher, selbstverständlich als verschnürtes Paket, windelweich zu hauen und dann in den Beaver Creek zu werfen. Denn nur so konnte es zu diesem Bericht kommen. Andererseits hätte man das gleiche auch im umgekehrten Falle behaupten können. Ich meine damit, neben dem Verräter Todd hätten wir selbstverständlich auch Liam vom Bock des Leiterwagens schießen können. Und Shaye hätte ihn immer noch von der Scheunenecke aus erledigen können, statt lediglich seinen verdammten Köter stumm zu machen. Aber wir hatten in unserem Plan, wie schon früher bei all diesen „ungesetzlichen“ Aktivitäten, eben keine vergleichsweise unschuldigen Opfer vorgesehen, und daran hielten wir uns bis zuletzt. Darauf könnte ich vielleicht sogar stolz sein. Im übrigen nahm ich vor Gericht, außer Todd, auch noch jenen Deputy von dem Postkutschenüberfall auf meine Kappe. Das hat ja den günstigen Nebeneffekt, daß Shaye, so lange sie noch lebt, zumindest nicht im Ruf einer Mörderin steht und vielleicht nicht unbedingt mit allen Hunden gehetzt wird. Allerdings könnte es auch ein paar Strohköpfe dazu verleiten, mich als Revolverhelden zu feiern. Dagegen läßt sich einstweilen nichts machen. Ab morgen früh 8 Uhr 30 dürfte es mir ohnehin egal sein.

Neben dem Datum folgt hier die Unterschrift des Häftlings: Sid Hooker
°
°