Montag, 1. Oktober 2018
Selbstmorde
Geschrieben 2016. Umfang rund 20 Druckseiten.


Nicolas Chamfort + Adalbert Stifter + Victoria Benedictsson + Ambrose Bierce + Emma Waiblinger + Ernst Toller + Wolfgang Döblin + Carl Einstein + Erich Ohser + Jochen Klepper + Simone Weil + Börries von Münchhausen + Stig Dagerman

Das dramatische Werk des aus der Auvergne stammenden, selbst bei Hofe früh erfolgreichen, zunehmend allerdings antifeudalistisch gestimmten französischen Schriftstellers Nicolas Chamfort (1741–94) kann ich nicht beurteilen. Dagegen möchte ich behaupten, seine Maximen, Charaktere, Anekdoten, die kurz nach seinem Ableben dank eines aufmerksamen Herausgebers in Buchform auf die Nachwelt kamen, seien ein ähnlich überschätzter dürftiger Komposthaufen, wie ihn uns etwas früher schon Vauvenargues eigenhändig vor die Füße warf. Seitdem zählen beide Autoren zu den allseits bekannten „großen Moralisten“ ihres Landes. „Der Mensch lebt oft mit sich und bedarf der Tugend“, liest man bei Chamfort, „er lebt mit anderen und bedarf der Ehre.“ Chamforts Lieblings-begriffe sind Charakter und Spitzbube – den ersten gilt es vor dem zweiten zu schützen. Während der Wert des Charakters auf Verdienst beruht, quillt er bei den (oft adeligen) Spitzbuben aus Ruhm und Stellung. Aber selbst die Pariser Wasserträger hatten den heraufkommenden, durch die Revolution enorm beförderten Kapitalismus bereits gerochen und begriffen, wie Chamfort immerhin selber sieht. „Sechs Sous der Eimer“, rief einer von ihnen unverdrossen, obwohl in den Straßen seines Revieres gerade Barrikadenkämpfe stattfanden. Prompt kam eine Bombe geflogen und riß ihm einen Eimer aus der Hand. „Zwölf Sous der Eimer“, rief er gelassen.

Unter Robespierre wanderte der allgemein als hübsch, charmant, geistreich und witzig beschriebene Autor und Redner Chamfort, inzwischen Anhänger der (gutbürger-lichen) Girondisten, ins Gefängnis. Angeblich kam er, nach wenigen Tagen, nur deshalb wieder frei, weil er seine Partei verleugnet hatte. Doch im Herbst 1793 war er erneut von Verhaftung bedroht oder bildete sich diese Gefahr jedenfalls ein. Möglicherweise hatten ihn auch seine soziale Zwischenlage und seine allgemeine abgrundtiefe Verzweiflung über die Verderbtheit des Menschenschlages, Wasserträger eingeschlossen, an einen Punkt gebracht, wo er nicht mehr weiter wußte. Ich gebe eine detail- und aufschlußreiche Schilderung von Camus wieder, von dem sich im Anhang meiner Enzensbergischen Schmuckaus-gabe* der Maximen Auszüge eines 1944 über Chamfort verfaßten Textes finden.
An dem Tag, da Chamfort glaubt, die Revolution habe ihn verurteilt, angesichts des endgültigen Scheiterns, schießt er sich [in seinem häuslichen Arbeitszimmer] eine Kugel in den Kopf, die seine Nase zertrümmert und das rechte Auge durchbohrt. Er lebt noch, macht sich noch einmal ans Werk, will sich mit einem Rasier-messer [eher wohl: Brieföffner] die Kehle durchschneiden, zerfetzt sich aber nur das eigene Fleisch. Blutüberströmt wühlt er mit seiner Waffe in der eigenen Brust, und nachdem er sich noch die Adern geöffnet hat, bricht er in einem See von Blut zusammen, das unter den Türen durchsickert und schließlich die Leute alarmiert. Man kann sich diese selbstmörde-rische Wut, diesen Zerstörungswahn nur schwer ausmalen. Aber den Kommentar dazu findet man in den Maximen: „Man erschrickt über heftige Entschlüsse, aber sie passen für starke Seelen, und kräftige Charaktere ruhen sich in Extremen aus.“
Soweit ich weiß, lebte Chamfort allein, von seinem Diener einmal abgesehen, der den übel zugerichteten Schriftsteller fand und daraufhin nach einem Arzt rief. 10 Jahre früher hatte Chamfort bereits seine wichtigste Geliebte, Anne-Marie Buffon, durch Tod verloren. Schon seine Kindheit in Clermont dürfte kaum ein Hort der Geborgenheit gewesen sein, wuchs er doch sehr wahrscheinlich, unehelich vom örtlichen Dompfarrer mit einer Adeligen gezeugt, bei Zieheltern in einer Kaufmannsfamilie auf. Nun erlag er seinem, auf sich selbst gerichteten „Zerstörungswahn“, im Frühjahr 1794, mit 53 Jahren.

* Ein Wald voller Diebe, Nördlingen 1987, Seite 27, 162, 401

Der österreichische Maler und Schriftsteller Adalbert Stifter (1805–68) war auf beiden Gebieten vornehmlich Landschafter. Dabei zog er dem Ungewöhnlichen oder auch nur Lautstarken erklärtermaßen das Unscheinbare vor. Wäre er damals nicht erst 12 gewesen, hätte er den Tod seines Vaters Johann trotzdem nicht gemalt. Der böhmische Leinweber und Flachshändler geriet am 30. November 1817 bei Windstille unfallweise auf einer Schotterstraße bei Wels in Oberösterreich unter sein mit Flachs beladenes Pferdefuhrwerk, sodaß er erschlagen wurde oder erstickte. Der Wagen war umgekippt. Warum, ob zum Beispiel die Pferde scheuten, etwa wegen Eisglätte oder Schneeballbeschuß, ist bei den spärlichen zeitgenös-sischen Angaben nicht mehr zu klären. Das war also schon einmal ein schlecht Start für den Knaben Adalbert. Immerhin durfte er sich bilden und eine Hochschule besuchen. Später, als Gatte der Amalia Mohaupt, einer recht verwöhnten Offizierstochter und Modistin, hätte Stifter selber gerne Kinder gehabt. Als dies aus mir unbekannten Gründen nicht klappt, nimmt das Ehepaar eine angeblich halb verwilderte Nichte Amalias auf, die 1841 in Ungarn geborene Juliane, sechs Jahre alt. Sie reißt aber dauernd aus und macht ihren Gönnern nur Sorgen. 1859, inzwischen 18, ist sie schon vier Wochen überfällig. Dann wird die „Zigeunerin“ tot am Donauufer gefunden, wohl ertrunken. Nach etlichen Quellen ist auch dieser traurige Vorfall ungeklärt, wobei sich hier noch der Verdacht auf Selbstmord zum Geschehen gesellt. Stifter hatte diesen Verdacht sogar selber, wie der Psychoanaly-tiker Thomas Ettl aus Frankfurt/Main in einer ausführ-lichen Betrachtung* belegt, die der eine anregend klug, der andere gewohnt spitzfindig und abenteuerlich nennen wird. Möglicherweise traf Stifter, der auch Pädagoge war, keine Schuld am Tod der Ziehtochter. Dafür dürfte ihn gleichwohl Schuldgefühl gewürgt haben, hatte er seine „blühende Rose“ Juliane doch ohne Zweifel zumindest mit den Augen verschlungen, die ihn in Julianes Todesjahr mit hartnäckiger Entzündung zu quälen begannen, und ganz gewiß stieg die Angst um seinen guten, biedermeierlichen Ruf in seinem zusehends umfangreicheren Leib auf. Jedenfalls möchte man fast darauf wetten, der Vorfall, der ja auch in Stifters erzählende Prosa einging, habe bis zu seinem eigenen Selbstmord nachgewirkt.

Nach einigen Semestern Jura in Wien hatte sich Stifter, nun dem Kunstschaffen frönend, hauptsächlich zunächst als Hauslehrer, ab 1850 als Beamter, nämlich Schulrat in Linz, Oberösterreich, ernährt. Seine Werke fanden durchaus Anerkennung, warfen aber nicht die Einkünfte ab, die ein liberal gestimmter kultivierter Bürger und dessen mitunter sogar als verschwendungssüchtig bezeichnete Gattin wie selbstverständlich für unabdingbar hielten. Ganz stark war Stifter insbesondere auf dem Gebiet der Eß- und Trinkkultur. Liest man, was er allein an einem gewöhnlich aus sechs Mahlzeiten bestehenden Tage vertilgte, etwa an Schnitzeln mit Kartoffelsalat, Forellen und gebratenen Enten, möchte man dem dickwangigen Beamten, der 1865 vor allem aus gesundheitlichen Gründen als „Hofrat“ in Pension geschickt wurde, am liebsten ein Rudel abgemagerter und zerlumpter Landarbeiterkinder aus Böhmen oder Ungarn auf den nicht gerade zierlichen Hals schicken. Wen wundert es, wenn der dicke Dichter des Unscheinbaren aus allen hier angedeuteten Gründen zusammengenommen immer kränker geworden war und sowohl körperlich wie seelisch entsprechend viel zu leiden hatte. Als sich zu seiner zermürbten Leber noch ein Grippevirus gesellte, hielt es der 62jährige nicht mehr aus und brachte sich am 26. Januar 1868 auf dem Krankenlager mit einem Rasier-messer eine Wunde an der Halsschlagader bei. Er starb zwei Tage darauf, ohne noch einmal zu Bewußtsein zu kommen. Der witzig benamte Hausarzt des Säufers, Carl Essenwein, schrieb „Zehrfieber infolge chronischer Leberatrophie“ in den Totenschein, wofür er wahrschein-lich** zwei Gründe hatte: Erstens wäre Stifters Tod vermutlich auch ohne den nicht gerade mörderischen Schnitt in Kürze eingetreten; zweitens bestand in Linz die ungeschriebene Übereinkunft, Selbstmorde prominenter und katholischer Mitbürger sowieso nach Kräften zu vertuschen.

* „Die Juliana und der Stifter-Bertl“, 2014
** Elisabeth Buxbaum (Hrsg): Adalbert Stifter: Wien und die Wiener in Bildern aus dem Leben [1844], Wien 2005, Kommentar S. 346–49


Sollte Rott von Brahms umgebracht worden sein, siehe weiter oben, dann hießen die Mörder der schwedischen Schriftstellerin Victoria Benedictsson (1850–88) Georg und Edvard Brandes – jedenfalls in den Augen einiger Feministinnen. Der zuerst genannte Bruder verfügte als angesehener dänischer Gelehrter und Schriftsteller über großen Einfluß. Die Bonner Dramaturgin Barbara Damm behauptet* allerdings, Benedictssons 1886 veröffentlichter Roman Frau Marianne sei keineswegs nur von dem Starkritiker gerügt worden, der zugleich, für eine kurze, brüchige Zeit, ihr Geliebter war. Im übrigen war das Echo auf den Roman durchaus geteilt. Nur den „Progressiven“ im Lande Schweden dünkte er harmlos und sentimental – ein klarer Rückfall, wie sie fanden. Zwei Jahre später war die Autorin tot.

Die Tochter eines verbürgerlichten schonischen Landwirts hatte sich erst mit 30, um 1880, im Gefolge einer langwierigen Beinerkrankung (Reitunfall) aus den Fesseln sowohl ihres freudlos-frommen Elternhauses wie ihres mehr als doppelt so alten Gatten Christian freigestrampelt, der im südschwedischen Hörby Postmeister war und bereits fünf Kinder in die Ehe „eingebracht“ hatte. Sie wäre lieber Malerin geworden. Jetzt aber wurde die zweifache Mutter von ihrer ausgedehnten Bettlektüre zum Schreiben verführt. Darin war sie von einem freigeistigen US-Amerikaner namens Charles de Quillfeldt und ihrem neuen jungen Vertrauten Axel Lundegård, Sohn des örtlichen Pastors, ermutigt worden. Schon ihre erste größere Veröffentlichung, noch unter männlichem Pseudonym vorgenommen, die Sammlung wirklichkeits-naher Erzählungen aus dem südschwedischen Volksleben Från Skåne (Aus Skåne) von 1884, erntete viel Beifall. Ein Jahr darauf erzielte sie mit dem Roman Pengar (Geld) ihren größten Erfolg. Diese jüngste Prosa spiegelte eben ihren Befreiungskampf wieder – einen weiblichen also. Gleichwohl läßt sich in ihrem Tagebuch der Verdacht lesen, sie sei „womöglich eine Frauenhasserin“. Ein antipatriarchaler Vampir war sie jedenfalls nicht, wie ja dann auch Frau Marianne bekräftigte. Fotos verleiten dazu, auf eine kantige und spröde schonische Bäuerin zu schließen. Nach Übersetzer Johannes Wanner** hängten ihr manche Publizisten den Makel der „frigiden Hysterikerin“ an.

Leider lernt sie in den literarischen Kreisen von Stockholm und Kopenhagen, in die sie nun eintaucht, auch Georg Brandes kennen. Damm stellt ihn als einen „brillanten Herold der neuen Literatur und verheirateten Lebemann“ vor, der sich mit einem Bündel „positivistischer Essays“ in ganz Europa berühmt geschrieben habe. „Obgleich Brandes schriftstellerisch durchaus ebenbürtig, hängt Victoria Benedictsson bald als aufmerksame Schülerin und Geliebte an seinen Lippen.“ Das ist 1886 der Fall. Doch verschiedenen Quellen zufolge nimmt Brandes sie weder als Geliebte noch als Autorin wirklich ernst. Sie ist eine Anregung für ihn, mehr nicht. Die Enttäuschung mit dem „Rückfall“ Frau Marianne kommt hinzu. Brandes' Bruder Edvard, ebenfalls Schriftsteller, hatte in seiner eigenen Kopenhagener Tageszeitung Politiken eine vernichtende Kritik veröffentlicht. „Das Todesurteil über meine Schriftstellerei, vielleicht über mich selbst“, trug Benedictsson dazu in ihr Tagebuch ein. Vermutlich war sie rundum verunsichert, beschämt, gekränkt. Im Januar 1888 unternahm sie einen ersten Selbstmordversuch.

Der Umstand, daß sie sich allerdings auch nicht von Brandes lösen konnte, machte sicherlich einen beträcht-lichen Teil ihrer Verstörung aus. Eine Paris-Fahrt aufgrund eines Stipendiums der Schwedischen Akademie half ihr nicht auf die Beine. Selbst ihr Mentor Lundegård wußte keine Mittel mehr gegen ihre Lebensmüdigkeit. Im zweiten Anlauf brachte sich die inzwischen 38jährige Schwedin im Juni 1888 in einem Kopenhagener Hotel um. Angeblich durchtrennte sie ihre Halsschlagader mit einem Rasiermesser. Guardian-Autorin Germaine Greer erinnert (am 26. Juli 2007) an Prud'hons Geliebte Constanze Mayer, Malerin wie er, und behauptet zudem, man habe Benedictsson in demselben Hotelzimmer aufgefunden, wo Brandes sie dereinst „verführt“ hatte. Der oder die nächste wird uns versichern, auch das Rasiermesser stammte von Brandes.

* 2005
** 2003


Ambrose Bierce (1842–1914), US-Schriftsteller, ursprünglich Soldat, dann Journalist. Als Greis zog er möglicherweise in die mexikanische Revolution; jedenfalls galt und gilt er seit Anfang 1914 als „verschollen“. Der Schriftsteller, mitunter „Bitter Bierce“ genannt, hatte mit mustergültigen, oft makaber oder unheimlich gefärbten Kurzgeschichten und seinen bissigen Aphorismen aufhorchen lassen, die in verschiedenen Ausgaben und Auswahlen meist unter dem Titel The Devil's Dictionary (Des Teufels Wörterbuch) versammelt sind. „Politik, die – Vom verkommenen Teil unserer kriminellen Schichten bevorzugter Lebensunterhalt. – Interessenkonflikt, maskiert als Prinzipienstreit. Die Leitung öffentlicher Angelegenheiten zu privatem Vorteil.“

Aus einer kinderreichen Farmersfamilie in Ohio stam-mend, schlug Bierce zunächst erfolgreich eine militärische Laufbahn ein. Er nahm auf Seiten der Unions-Truppen (der „Nordstaaten“) an verschiedenen Schlachten oder Erkundungen teil. Als er, um 1865, nicht über den Rang eines Leutnants hinauskam, stieg er auf Journalismus um. Zeitweise arbeitete er in Großbritannien und Kalifornien; zuletzt, bis 1913, als Kolumnist (für Blätter des mächtigen Randolph Hearst) oder Korrespondent in Washington D.C.. Leider wurde er chronisch asthmakrank. Außerdem hatte er drei Kinder, von denen zwei lange vor ihm starben. Dem US-Journalisten Don Swaim zufolge* holte sich der 26jährige Leigh (1901) bei einer Sauftour in New York eine Lungenentzündung, während der 17jährige Day Bierce (1889) im Rahmen eines kleinen Liebesdramas in Chico, Kalifornien, zunächst seinen Rivalen, dann sich selber erschoß. Was Wunder, wenn der Vater zunehmend ebenfalls soff. Das Eigenschaftswort allein definierte er in dem erwähnten Wörterbuch wie folgt: „in schlechter Gesellschaft“. Um 1890 ging der von seiner Ehefrau geschiedene Bierce eine Liebschaft mit der Schriftstellerin Gertrude Atherton ein, von der man allerdings liest, sie habe Haare auf den Zähnen gehabt.

1913, inzwischen 71, bricht der alte Sarkastiker ins vom Bürgerkrieg geschüttelte Mexiko auf. Wahrscheinlich schloß er sich dort den Rebellen-Truppen Pancho Villas an oder ging sie zumindest um Interviews an. Als sein letzter Aufenthaltsort (im Januar 1914) wird meist die umkämpfte Stadt Chihuahua angenommen. Seitdem fehlt jede Spur von ihm, nimmt man Dutzende von Gerüchten aus. Verschiedene Nachforschungen, auch amtliche, blieben ergebnislos. Bierces Verschwinden zählt bis heute zu den großen Rätseln der Literaturgeschichte. Wenn Don Swaim behauptet, am 2. Oktober 1913 habe Bierce seiner Nichte Lora von Reiseplänen gen Mexiko geschrieben und hinzugefügt: „To be a Gringo in Mexico — ah, that is euthanasia“, stellt sich die Sache allerdings nicht mehr gar so mysteriös dar. Um dem häuslichen Leid, dem drohen-den Siechtum, der Heil- oder Irrenanstalt zu entgehen, war der Weg nach Mexiko für einen militärisch erfahrenen Journalisten sicherlich ein naheliegender Weg. Wer dann letztlich den Abzug betätigte, ist eher unerheblich. Insofern könnte Bierce also durchaus seinem Sprößling Day nachgeeifert haben.

Sollte das Rätsel noch gelöst werden, dann keinesfalls von Fachleuten in Israel. Dort ist es nämlich trotz der engen Freundschaft des Landes mit den USA seit über 100 Jahren verboten, sich mit Bierce** zu beschäftigen. „Manna, das – Nahrung, die den Israeliten wunderbar in der Wüste zuteil ward. Als sie nicht länger geliefert wurde, siedelten die Israeliten sich an und bestellten den Boden, den sie gewöhnlich mit den Leibern der ursprünglichen Bewohner düngten.“

* The Ambrose Bierce Site, Chronologie
** Alle Zitate nach der Übersetzung Gisbert Haefs: Des Teufels Wörterbuch, Zürich 1986


Emma Waiblinger (1897–1923), heute fast vergessene schwäbische Schriftstellerin, erschießt sich mit wohl 26 Jahren in der elterlichen Wohnung in Esslingen aus Gründen, die sich leider auch mit Hilfe zweier immerhin vorhandener Porträts aus der Feder von Kolleginnen*/** nur wenig erhellen lassen. Die Tochter eines zur Schwer-mut neigenden Buchhändlers hatte zunächst, wahrschein-lich verordnet, Kindergärtnerin und Hebamme gelernt. Aus ihrem 1920 in Heilbronn erschienenen Roman Die Ströme des Namenlos läßt sich mit Vorbehalt schließen, sie hätte gern Medizin studiert. Der aufmüpfige Geist dieses Erst- und Letztlings soll ihr einerseits Mißbilligung, andererseits Begeisterung „vieler Leserinnen“ eingetragen haben. Tatsächlich aber arbeitet sie nach der Veröffent-lichung doch wieder als Kindermädchen, diesmal beim Schriftsteller und Arzt Ludwig Finckh am Bodensee.*** Eine „heftige Darmerkrankung“ zwingt sie zu einem Sanatoriumsaufenthalt. Im Herbst 1923 aus der Schweiz in die Heimatstadt zurückgekehrt, spricht sie von Auswande-rungsplänen (Amerika), lernt Englisch, ersteht eine Schiffskarte und packt bereits die Koffer – um sich Ende November das Leben zu nehmen.

Bei ihrem sozialen und geschlechtlichen Hintergrund fragt man sich eigentlich schon ganz pragmatisch, ob Emma überhaupt schießen konnte und woher sie die Pistole hatte. Und muß nicht nach der Tat auch Polizei im Haus gewesen sein? Die Kolleginnen verraten es nicht. Ihre Familie habe keine Erklärung für diesen Selbstmord gefunden, schreibt Tietz. Nach einem Bericht von Waiblingers Schwester Elisabeth hinterließ sie auch keine Abschiedszeilen. Dafür habe sich im Ofen die Asche ihres zweiten Buchmanus-kriptes gefunden, das dieses Mal einen männlichen Helden haben sollte. Tietz hält es nicht für unwahrscheinlich, Waiblinger sei just in eine solche „Schreibkrise“ geraten, wie sie bereits in ihrem ersten Roman geschildert wird. Neben Elisabeth hatte Waiblinger zwei Brüder, wobei der ältere Bruder, Erwin, im Ersten Weltkrieg „fiel“; der jüngere bleibt namenlos. Von einem Porträtfoto blickt uns Emma aus hübschem, leise lächelnden, durch die Wangenknochen etwas slawisch wirkenden Gesicht zum Verlieben an – freilich weiß man als Außenstehender ja nicht, ob sie zum Beispiel nicht hinkte, wenn auch vielleicht „nur“ im Gemüt. Über ihr Wesen erfährt man also ebenfalls sehr wenig. Als Hebammenschülerin (in der Tübinger Frauenklinik) soll sie „beliebt“ gewesen sein. Ihre Romanheldin, Agnes Flaig – übrigens braunhaarig, von „geradem“, ansprechendem Wuchs und in vorteilhaftem „Kleidlein“ sicherlich „hübsch“ anzusehen (S. 238) – hatte mit „heftigen Gefühlen“ zu kämpfen. Aber Flaig hat sich nicht erschossen, vielmehr zuletzt an die normale Welt angepaßt.

Waiblingers Roman, übrigens „Ludwig und Dorle Finckh gewidmet“ und 1921, dnb zufolge, immerhin in zweiter Auflage „4. bis 5. Tsd.“ erschienen, ist in der wenig distanzierenden Ich-Form erzählt. Das würde zum Versuch einer jungen Autorin passen, sich über ihren eigenen Werdegang Rechenschaft abzulegen – und ihn dabei selbstverständlich mit einer gesellschaftsfähigen Lösung zu krönen, die ihr selber, außerhalb des Romans, vermutlich oder sogar offensichtlich verwehrt war. Ihre Agnes „kommt an“, wenn ich ein Modewort meiner Zeit benutzen darf. Sie kommt im schwäbischen Mittelstand und im schwäbischen Mittelmaß an. Das auf Ordnung, Sauberkeit, Fleiß und Tugend pochende Hausmütterchen in der jungen Frau siegt über die mal rebellisch, mal schwermütig gestimmte, jedenfalls stets leidenschaftlich glühende Dichterin in der jungen Frau. Als solche hätte sie gern die ganze Welt umspannt. Mit einer dicken Buche am Waldrand war ihr dies einmal als Schulmädchen unter gewaltigem Knacken der Handgelenke gelungen, doch was die Welt betrifft, erwies sich diese dann doch als gar zu übermächtig. So kriecht Agnes zu Kreuze und geht die Ehe mit dem dicken Buchhändler Adolf ein.

Ich wäre nicht verblüfft, wenn die junge Frau Waiblinger die Wonnen sexueller Ekstase nie erfuhr, bevor ihre Pistole krachte und sie, statt nach Amerika, ins Jenseits beförderte. Das Liebesverlangen von Agnes ist riesig, bleibt jedoch an schwärmerischen Beziehungen zu verschiedenen verehrten Mädchen, Frauen, Herren und zum Gymnasi-asten Gottfried stehen, der wohl noch rechtzeitig, ehe etwas hätte „passieren“ können, durch eine tödliche Krankheit aus dem Verkehr gezogen wird. Daß sie jene Wonnen dann wenigstens noch mit ihrem Gatten erfahren wird, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Das Los von vielen Millionen unterdrückter Frauen allein in Mitteleuropa muß vor dem Hereinbruch der angeblichen Goldenen Zwanziger Jahre furchtbar gewesen sein.

Tatsächlich sucht die Autorin Waiblinger in einer schlichten, etwas unbeholfenen und entsprechend wortarmen Sprache Verständnis, die zumindest über weite Strecken durchaus anrührt. Waiblinger ist auch selten geschwätzig; sie muß sich zur Mitteilung überwinden. Mit ihrer auffallenden, möglicherweise urschwäbischen Verniedlichungssucht (sie freut sich ausschließlich über „Kleidlein“ oder aus der Küche aufsteigende „Gerüchlein“) versöhnt eine sanfte Ironie, die sich selbst bei jener Schreibhemmung der designierten Romanschreiberin Agnes bewährt, die diese dann in Adolfs von einem Schlag Kinder durchtobten „verkommenen“ Haushalt führen wird. Der zu Herzen gehende Tonfall der gebeutelten Himmelsstürmerin hat mich wiederholt an Meta Scheele erinnert, siehe im vorigen Band (14). Mit dieser teilt Waiblinger auch den unpolitischen Zug. Von sozialem Aufrührertum kann nicht die Rede sein. Es ist schon viel, wenn sich das Schulmädchen Agnes mit ihren Freun-dinnen für die vagabundisch angehauchten biedermeier-lichen Werke des badischen Schriftstellers Victor von Scheffel erwärmt, gestorben 1886. Buchen und Kuchen ja, aber Fabriken und Kanonen kennt sie nicht.

Tietz streicht allerdings Waiblingers ungewöhnliches Pochen auf Frauenbildung heraus, die Chance auf eine literarische Laufbahn eingeschlossen. Dieses Feld war ja damals in der Tat fast allen niederen wie höheren Töchtern noch nahezu verschlossen. Sie hatten Dienstmädchen oder Hausfrau und Mutter zu werden. Das schmeckte Waiblinger gar nicht; wohl deshalb gab sie etlichen Heiratskandidaten, die sich Tietz zufolge um sie bemühten, Körbe. Tietz weist auch darauf hin, daß Alter Ego Agnes ihren Schreibgelüsten keineswegs als „Jugendtorheit“ abgeschworen hat; sie verspüre sie am Ende des Romans nach wie vor, habe sie lediglich tief in ihr Innerstes versenkt. Hier liegen „Triebverzicht“ und „Verdrängung“ auf der Hand, um mit dem damals aufsteigenden Sigmund Freud zu sprechen. Dennoch kommt es mir ähnlich ablenkend, jedenfalls zu kurz gegriffen vor, den tragenden, vermutlich krank oder selbstmordreif machenden Konflikt, wie Tietz, mit dem Widerstreit zwischen „traditioneller Frauenrolle“ und „schriftstellerische Existenz“ zu benennen. Wahrscheinlich hätte sich eine Unterstützung genießende und erfolgreiche Schriftstellerin Waiblinger nur etwas später umgebracht, mit 35 oder so. Trifft dieser Verdacht zu, saß der Wurm in ihrem grundsätzlich zerrissenen, für Befriedung ungeeigneten Gemüt.

Ihr schönstes dramaturgisches Glanzlichtlein setzt Autorin Waiblinger leider ausgerechnet bei der Herbeiführung des Happy Ends. Adolf war ursprünglich mit Margret verheiratet, einer älteren Schwester von Agnes, der Agnes nun im „chaotischen“ Haushalt zu helfen versucht. Auf Margret wälzt Waiblinger die „schlampige“ Hälfte ihres Wesens ab – prompt muß die liebe Schwester dann auch, wie Gottfried, durch Krankheit vorzeitig in den Sarg wandern. Kaum ist Margrets Leiche erkaltet, erlaubt sich Adolf harmlose Anzüglichkeiten und bringt sogar einen Heiratsantrag vor. Agnes ist empört, schmeißt ihre Sachen in den Koffer und verläßt das Haus. Da pfeift es in ihrem Rücken durch die Luft: Der stets zum Scherzen aufgelegte Adolf, der oben im erleuchteten Fenster grinst, hat ihr – „die hast du vergessen“ – ihre eigenen Pantoffeln nachgeschmissen! Sie klatschen aufs Pflaster, und Agnes zeigt ihnen selbstverständlich die kalte Schulter. Doch ein paar Monate später reist sie reumütig wieder an. Nachdem sie die Treppen bewältigt hat und klopfenden Herzens ins Canossa der buchhändlerischen Wohnung eingetreten ist, streckt ihr Adolf, der übermütige beleibte Spitzbube, ihre Pantoffeln entgegen: „Ich habe sie damals wieder von der Straße herauf geholt und sie dir aufgehoben; ich wußte ja, daß du wieder kommen würdest.“ Da wurde Agnes rot und sah zu Boden. (257)

* Rosemarie Tietz: Anne Schieber, Emma Waiblinger, Isolde Kurz. Drei Schriftstellerinnen in Esslingen am Neckar, Esslingen 1987, S. 23–42
** Irene Ferchel über Waiblinger in: Literarische Spuren in Esslingen, 2003, S. 133–35
*** Bei Tietz bleibt Finckh unerwähnt. Den Nachschlagewerken zufolge ist der Mann erst im hohen Alter gestorben, 1964, wenn auch leider als Nazi, wie zu fürchten ist. Da er fleißiger Briefeschreiber war, bat ich das Reutlinger Stadtarchiv um Auskunft und erhielt den Bescheid, in Finckhs Korrespondenz fänden sich keine nennenswerten Erwähnungen der Emma Waiblinger.


Der namhafte deutsche Schriftsteller Ernst Toller (1893–1939), Sohn jüdischer ostpreußischer Kaufmanns-leute und nach Ernüchterung im Ersten Weltkrieg zunächst auf führenden Posten der linksradikalen „Münchener Räterepublik“ aktiv, erhängte sich im Mai 1939 wenige Tage nach Francos Madrider Siegesfeier in seinem Hotelzimmer in New York City. Er war 45. Er hatte von seinem Exil aus (seit 1933 in der Schweiz, 1937 in den Staaten) unermüdlich für antifaschistische Projekte gewirkt, voran zur Unterstützung des republikanischen Spanien. Toller habe sich „in völliger Verzweiflung über die Trägheit der demokratischen Welt und die Brutalität der faschistischen Führer“ umgebracht, schreibt Berufs- und Gesinnungsgenosse Gustav Regler später in seinen Erinnerungen.* Aber das dürfte wieder einmal nur ein Viertel der Wahrheit gewesen sein. So war es Toller trotz seines Namens mißlungen, in England als Dramatiker, in Hollywood als Drehbuchautor Fuß zu fassen. Ferner hatte ihn (1938) gerade seine erheblich jüngere Ehefrau verlassen, die Schauspielerin Christiane Grautoff, die ihm durch einige Jahre hinweg eine große Stütze gewesen war. Nun wurde ihr die Bürde „Toller“ angeblich** zu schwer; man kann es ihr schlecht verdenken. Toller kam nämlich kaum mehr aus seinen zunehmend von Schlaflosigkeit begleiteten „Depressionen“ heraus. Laut Wolfgang Frühwald hatte er sich schon um 1935 in London in psychoanalytische Behandlung begeben, bis ihn diese „Krankheit“ wenige Jahre später „überwältigt“ habe. So dürfte der Madrider Fanfarenstoß Tollers ganzes Elend und seinen Griff zu Strick oder Bademantelgürtel, je nach Quelle, „lediglich“ beschleunigt haben.

Toller war sicherlich ein anziehender Mann. Der Verleger Fritz H. Landshoff***, mit dem Toller auch befreundet war und streckenweise (in Berlin und Amsterdam) eine Wohnung teilte, bescheinigt ihm einerseits große Güte, Hilfsbereitschaft und neben einem „oft kindlichen Sinn für Humor“ eine „leidenschaftliche Hoffnung auf eine bessere Welt“. Andererseits habe er freilich auch Tollers Eitelkeit gesehen, „deren er sich so durchaus bewußt war, daß sie beinahe rührend wirkte – seine gelegentliche Freude an der nie versagenden Wirkung seines besonders, nicht nur auf Frauen wirkenden Charmes, der zeitweise die Zweifel, die er an sich selbst hatte, beschwichtigen konnte –, und seine heimliche Liebe zum Luxus, deren er sich ein wenig schämte, weil er sie nie vor seinem Gewissen rechtfertigen konnte.“

Man will es kaum glauben, daß dieser Mann dereinst, bis 1924, geschlagene fünf Jahre in bayerischen Gefängnissen gesessen hatte, und das zu einem guten Teil auch noch freiwillig – falls er in seinem Charme nicht ein wenig schöngefärbt hat. Die fünfjährige Haftstrafe hätte sich sogar sehr leicht durch ein Todesurteil erübrigen können. Sie war eine Folge von Tollers „Rädelsführerschaften“ in jener kurzlebigen Münchener Räterepublik, die er später klipp und klar als „Fehler“ bezeichnete. In dieser Haftzeit erschrieb er sich seinen Ruhm als einer der führenden, noch vor Kollegen wie Brecht, Kaiser, Sternheim rangierenden Dramatiker der Weimarer Republik. Jeder wird den einen oder anderen Titel schon einmal gehört haben, Masse – Mensch etwa, ein Stück, mit dem Toller seine Zelle hätte aufwischen können, so sehr trieft es von Pathos, oder Hoppla, wir leben! von 1927. Diese damals viel Aufsehen erregende Revue um eine gescheiterte Revolution und die Charakterruinen, die sofort von den Barrikaden auf die siegreiche Seite wechseln, ist ungleich genießbarer, weil sie sich aller Durchhalteparolen und eines „Happy Ends“ enthält. Karl Thomas, der aus einer Irrenanstalt entlassene Ex-Revolutionär, läßt als Hilfskellner des Grand Hotels in letzter Sekunde seinen Plan fallen, den Arbeiterverräter und Minister Wilhelm Kilman zu erschießen – stattdessen geht aber das Licht aus und der Schuß wird trotzdem abgegeben, nur von einem anderen, vaterländisch gestimmten Attentäter. Nun wird der Mord prompt Thomas angehängt, zumal er seine Absicht dazu beim Verhör nicht verhehlt. Selbst seine Ex-Genossen schenken seinen Beteuerungen, ein anderer habe geschossen, keinen Glauben. Im Gefängnis macht dann zwar noch die Nachricht die Runde, der wahre Täter sei gefaßt worden, Thomas somit unschuldig, aber da ist es zu spät, weil sich dieser in seiner Verstörtheit und Verzweiflung in seiner Zelle erhängt hat. Damit hätte mancher hellsichtige Mensch erahnen können, wie es 12 Jahre später dem Dramatiker selber ergehen würde.

1933, schon auf dem Sprung ins US-Exil, legte Toller mit Hilfe seines Freundes Landshoff seine empfehlenswerten Jugenderinnerungen vor.**** Darin behauptet er, in seiner Häftlingszeit habe er eine vielversprechende Fluchtmög-lichkeit im Verein mit einem Freund und vermittels eines Zahnarztbesuches nach langen quälenden Abwägungen ausgeschlagen, weil er die Arbeit an seinem Drama Hinkemann nicht unterbrechen wollte. Der Freund nimmt die Möglichkeit wahr und entkommt. Darauf habe das Justizministerium Reisen zum Zahnarzt sofort verboten. Im nächsten Absatz äußert sich Toller zu der Begnadigung, die man ihm 1919 bereits nach sechs Monaten Haft angeboten hatte. „In Berlin wurde mein Drama Die Wandlung gespielt, mehr als hundertmal, der bayerische Justizminister wollte eine Geste der Großmut zeigen und mich freilassen. Ich verzichtete auf den Gnadenakt, ihn annehmen, hieß die Heuchelei der Regierung unterstützen, es widerstrebte mir hinauszugehen, während die Arbeiter weiter gefangen bleiben sollten.“

So also erklärte Toller selber seinen sicherlich sehr beachtlichen Verzicht. Mehr sagt er dazu nicht. Die Witterung dafür, er habe im Schreiben gerade eine ausgesprochene Glückssträhne erwischt und stehe nach weiteren viereinhalb Jahren womöglich als strahlender Märtyrer an den Rampen der hauptstädtischen Theater, war demnach für keinen Deut im Spiel. Gegen Ende seines Buches kommt er noch einmal auf die Zwiespältigkeit der Haft zurück. Kurz vor der Entlassung stehend, habe ihn jäh die Angst vor der Freiheit angefallen. Er sei sogar nahe daran gewesen, sich umzubringen. Trotz vieler Schikanen, die er erdulden mußte, habe ihn das Gefängnis doch immerhin versorgt und geschützt. Jetzt drohten ihm neue Kämpfe; auch hätten Tausende Erwartungen an ihn, die er vielleicht nicht erfüllen könne. Diesen Anfall überwand er.

* Das Ohr des Malchus, Köln 1958, S. 509
** Nicole Düsberg im Kölner Stadt-Anzeiger vom 3. Januar 2003
*** Amsterdam, Keizersgracht 333, Querido Verlag, Berlin 1991, S. 116
**** Eine Jugend in Deutschland, Amsterdam 1933, hier Stuttgart (Reclam) 2011, S. 220/21 & 234 und Nachwort von Wolfgang Frühwald


Wolfgang Döblin (1915–40). Die Phänomene Zufall und Wahrscheinlichkeit werden tagein tagaus als Beruhigungs-pillen oder Schreckgespenster verabreicht. Sie werden auch gern des langen und des breiten erörtert, obwohl sie meines Erachtens von keinem Sterblichen wirklich ver-standen werden können. Das habe ich neulich andernorts zu erläutern versucht. Arthur Koestler blies vor rund 50 Jahren ins selbe Horn.* Die Gesetze der Wahrscheinlich-keit, die in den Naturwissenschaften die Kausalität abgelöst hätten, funktionierten zwar – wie jeder Physiker, jede Versicherungsgesellschaft oder jeder Croupier bezeugen könnte – doch sei niemand imstande zu erklären, wie und warum sie funktionieren. Der große Mathematiker Johann von Neumann habe sie einmal schwarze Magie genannt. „Dabei können wir es belassen.“

Als Sohn des bekannten Schriftstellers Alfred Döblin war Wolfgang Döblin, geboren 1915 in Berlin, zwangsläufig Jude. Er verstand sich außerdem als Sozialist – in erster Linie jedoch als Mathematiker, wobei er sich just der Wahrscheinlichkeitstheorie verschrieben hatte. In ihr soll er, trotz seiner Jugend, Erstaunliches geleistet haben. Dem Faschismus gemeinsam mit Eltern und Geschwistern über Zürich nach Paris entronnen, studierte er ab 1933 Mathematik und Physik an der Sorbonne. Zudem arbeitete er mit dem renommierten Wahrscheinlichkeitstheoretiker Paul Lévy von der École Polytechnique, der ohnehin mit seinem Vater befreundet war. Kaum hatte Wolfgang Döblin 1938 (mit 23 Jahren!) seinen Doktor gemacht, rief das Militär, weil seine Familie inzwischen (1936) eingebürgert worden war. Und beim Wehrdienst holte ihn der Faschismus ein. Im Kampf an der Saar-Front errang Döblin, der als eher insichgekehrter Mensch beschrieben wird, sogar eine Auszeichnung. Doch im Juni 1940 wurde seine Einheit in den Ardennen oder Vogesen aufgerieben. Da die Kapitulation Frankreichs, nach den vorhandenen Informationen, unmittelbar bevorstand, trennte sich der 25jährige Döblin von seinen Kameraden und versteckte sich auf einem Bauernhof im lothringschen Dorf Housseras. Aber eben hier traf kurz darauf eine deutsche Vorhut ein, wie er, vielleicht von einem Heuboden aus, beobachten konnte.

Sicher war natürlich nichts. Solange Menschen im Spiel sind, bleibt immer ein Türchen für Ausnahmen von der Regel oder einfach nur für glückliche Zufälle offen. Gleichwohl war eine Gefangennahme und Folter durch die deutsche Wehrmacht ziemlich wahrscheinlich. So machte der junge Mathematiker eine frühere Ankündigung wahr und erschoß sich in der Scheune des besagten Bauernhofs.

Pikanterweise zogen es seine Eltern im selben Sommer vor, Richtung Lissabon und von dort aus in die USA zu flüchten. Die Mittel dazu hatten sie offensichtlich. Und später hatten sie, Marc Petit zufolge (2005)**, ein schlechtes Gewissen. Sie sollen erst in den Staaten erfahren haben, daß ihr Sohn Wolfgang schon gar nicht mehr kämpfte. Weil er unter der lothringschen Erde lag. Petit behauptet, dieser Gewissenskonflikt sei auch in Alfred Döblins letzten Roman Hamlet oder die lange Nacht nimmt kein Ende eingeflossen. Die Hauptfigur Edward habe Ähnlichkeit mit Wolfgang. Etwas später, 1957, sah sich der tote Sohn auf dem Friedhof von Housseras just von seinen gleichfalls verstorbenen Eltern Alfred und Erna flankiert. Sie wurden neben ihm begraben.

Es ist ein seltsamer Akt der Wiedergutmachung. Stephan Döblin, jüngstes Kind des Ehepaars, bestätigte Petits Feststellung von den Schuldgefühlen der Eltern vor einigen Jahren im Gespräch*** mit Christina Althen. Insbesondere der Vater habe ein schlechtes, ein kühles Verhältnis zu Wolfgang gehabt. Stephan glaubt, dieser Umstand habe die Entscheidung seines Bruder in jener Scheune, sich umzubringen, sozusagen begünstigt. Im übrigen macht Stephan, geboren 1926, keinen Hehl daraus: die Ehe seiner Eltern war seit vielen Jahren zerrüttet. Der berühmte Schriftsteller hatte bis zuletzt Geliebte, das fand seine Gattin Erna gar nicht lustig. Nachdem Alfred, der unter anderem an Parkinson litt, in einer Schwarzwaldklinik gestorben war, habe sie sich sogar geweigert, Dritte von seinem Ableben zu unterrichten. Die so gut wie unbesuchte Beerdigung sei ein Albtraum gewesen. Gleichwohl vergingen keine drei Monate, und Erna Döblin (1888–1957) machte es wie ihr Sohn Wolfgang: sie nahm sich, in Paris, das Leben, wenn auch „erst“ mit knapp 70 Jahren. Zu ihren – mir unbekannten – Gründen sagt Stephan nichts.

* Die Armut der Psychologie, deutsche Ausgabe Bern/München 1980, S. 270
** Laut Ursula Homann, literaturkritik.de, 19. Dezember 2006
*** November 2008


Zwei Wochen nach dem jungen Wahrscheinlichkeits-theoretiker bringt sich der 55jährige jüdische linke und avantgardistische Schriftsteller und Kunstgeschichtler aus Berlin Carl Einstein (1885–1940) gleichfalls in Frank-reich um. Er lebte und wirkte seit 1928 in Paris. 1932 ging er eine zweite Ehe ein: mit der aus Vorderasien stam-menden Französin Lyda Guévrékian. Trauzeuge soll der Maler und Bildhauer Georges Braque gewesen sein. Später kämpfen die Gatten in Spanien auf republikanischer Seite, bis sie vor Francos siegreichen Faschisten nach Paris zurückfliehen. Hier kommt der deutsche Staatsbürger Carl Einstein 1939/40 vom Regen in die Traufe, weil die deutsche Wehrmacht in Frankreich und weiteren Nachbarstaaten einrückt. Also bricht er erneut gen Mittelmeer auf, wird aber in Südfrankreich interniert. Um der nach seiner Einschätzung „todsicheren“ Rache der Nazis oder anderer Faschisten zu entgehen, nimmt er sich dort, trotz vorübergehender Entlassung, im Juli 1940 das Leben, indem er sich unweit der Grenze zu Spanien in den Fluß Gave de Pau stürzt. Diese Konsequenz hatte er bereits angekündigt. Seine Frau, geboren 1898, konnte seine Manuskripte retten. Sie lebte später im Iran und in den USA, wo sie erst mit gut 90 Jahren starb.*

* Ilse Korotin (Hrsg): biografieA. Lexikon österreichischer Frauen, Band 1, Wien 2016, S. 680

Der meist unter e. o. plauen bekannte sächsische Zeichner Erich Ohser (1903–44), eigentlich antifaschistisch gestimmt, paßte sich im Laufe des „Dritten Reiches“ aus wirtschaftlichen Gründen demselben an, wobei ihm seine noch heute beliebten harmlosen Bildgeschichten um Vater und Sohn als Sprungbrett dienten. Sie machten ihn wohlhabend. Ab 1940 karikierte er auch für Goebbels' Wochenblatt Das Reich – etwa die Russen als blutrünstige Wölfe, Churchill als verschlagenen Betrüger. Dadurch (weil „unabkömmlich“) konnte es der Patriot wohl auch vermeiden, in Uniform an die Front geschickt zu werden. Nach einer Denunziation wegen nazifeindlicher Äußerungen in den eigenen vier Wänden durch einen Nachbarn wurde Ohser Ende März 1944 gleichwohl verhaftet. Sein Verfahren vor dem Freisler'schen „Volksgerichtshof“ in Berlin, wo der Künstler seit 1928 lebte und unter anderem eng mit Erich Kästner befreundet war, stand für den 6. April an. Ohser war inzwischen 41. Am frühen Morgen des Prozeßtages erhängte er sich in seiner Zelle. Ein FAZ-Kritiker* bietet zukünftigen Opportunisten Formulierungskunst an, indem er versichert, Ohser habe mit den Nazis „nichts anfangen“ können, „auch wenn er für sie arbeitete.“ Dazu gibt er Ohsers „Mangel an Fremdsprachenkenntnissen“, der ihn, neben seiner Vaterlandsliebe, von Emigration absehen ließ, als „Tragik“ aus – wer kommt schon gegen Tragik an?

* Andreas Platthaus am 5. Januar 2015

Der Berliner evangelische Theologe Jochen Klepper (1903–42) wurde nicht Pfarrer, wie sein Erzeuger, verlegte sich vielmehr auf Freie Schriftstellerei. Das faschistische Schreibverbot ereilte ihn erst 1937, wurde zudem erst 1942 in Kraft gesetzt. Man hatte Klepper inzwischen als „wehrunwürdig“ eingestuft und zuletzt die ganze Familie mit Deportation bedroht, weil seine (13 Jahre ältere) Ehefrau Johanna und deren jüngere Tochter Renate Stein, wohl 18 Jahre alt, „jüdisch“ waren. Im Dezember des Jahres entschlossen sie sich deshalb (angeblich) gemein-sam, in den Tod zu gehen: Schlaftabletten und Gas. An die Wohnungstür hatten sie vorsorglich ein Warnschild geklebt. Die ältere Tochter Brigitte entging diesem Familientod, weil man ihr noch die Ausreise gestattet hatte. Klepper war 39.

Entgegen manchen schöngefärbten Quellen war der glühende Christ Klepper keinesfalls „Widerstandskämp-fer“, ja noch nicht einmal Demokrat. Ohne seine „falsche“ Ehe hätte er im „Dritten Reich“ kaum Ärger gehabt. Klepper war monarchistisch, also autoritär gestimmt. Neben einem angeblich bedeutenden Tagebuch wird oft sein zweibändiges Werk Der Vater. Roman des Soldatenkönigs (Friedrich Wilhelm I. von Preußen, um 1700) gelobt. Klepper hatte selber einen übermächtigen Vater, entschuldigte ihn aber, wie er alles entschuldigte, mit „Gottes Wille“. Die Arnsberger Freie Publizistin Ursula Homann, geboren 1930, drei Kinder, verhehlt dies alles nicht, scheint es aber auch nicht für sonderlich betrüblich zu halten.* Selbst bei ihr finde ich kein Aufmerken angesichts der Tatsache, daß wir in Kleppers Fall sogar vor einem Dreifach-Selbstmord stehen. Seine ungefähr 18jährige Stieftochter Renate, über die man leider im gesamten Internet buchstäblich nichts erfährt, starb ja ebenfalls – freiwillig? Von den lebensbedrohlichen Aussichten erzwungen? Oder vielleicht doch in erster Linie von ihren Eltern? Hier hagelt es sofort Fragen und Gesichtspunkte, mit denen man ein ganzes Ethik-Lehrbuch füllen könnte. Aber niemand stößt sich an dem Hagel. Allerdings gibt es eine vergleichsweise umfang-reiche Literatur über Klepper, vielleicht sieht es darin anders aus.

Möglicherweise hatte Klepper grundsätzlich ein gestörtes Verhältnis zu Kindern. 1933 erzielte er als Journalist und Schriftsteller die erste größere Aufmerksamkeit mit seinem gern als „frech“ ausgegebenen Roman Der Kahn der fröhlichen Leute, 1950 sogar verfilmt (Regie Hans Heinrich). Der Roman ist im zeittypischen „coolen“ Ton der „Neuen Sachlichkeit“ geschrieben, der wahrscheinlich, in seiner Kurzangebundenheit, mitverantwortlich für den Mangel an Anschaulichkeit und Buchklima ist. Nun, das fand man damals geil. Man nahm es dem Autor vermutlich auch nicht übel, daß er sich für diesen Roman aus dem Dunstkreis der zeitgenössischen Oderschiffahrt als Theologe oder sendungsbewußter Laienchrist vollständig in Nebel gehüllt hatte. Die Religion hat nicht den geringsten Anteil an der angeblichen Fröhlichkeit des gesamten Romanpersonals. Die ungefähr 12jährige, blonde Wilhelmine Butenhof, Vollwaise und „Schiffseignerin“ eines altersschwachen Frachtkahns, darf sogar ungerügt den Konfirmandenunterricht, ja sogar die Konfirmation selber schwänzen. Dafür macht sich Klepper einmal unverholen über die „frommen Leute in Köben“ lustig, „die in den Nachmittagsgottesdienst gingen statt in den Schifferzirkus“ (S. 111).**

Nun mag man die Religion vielleicht in der Tat verschmerzen können, aber leider spielt auch die Soziale Frage nicht die geringste Rolle in dem Werk. Ob Fischer, Bauer oder Bäcker; Gutsherr, Tuchfabrikant oder Reichsminister, man hat die jeweils zugemessene Bürde halbwegs redlich – und eben fröhlich zu tragen. Prahlerei ist erlaubt, sogar förderlich. Dem Schiffsjungen ist der Traum von der Kapitänsmütze unbenommen. Es ist ein völlig unkritisches, dazu wenig einfühlsames Buch. Mit Wilhelmine mutet uns Klepper ein Waisenkind zu, das in einem geschlagenen Jahr für keine Minute seine Eltern oder sonst eine Geborgenheit vermißt. Aber verloben muß sich Wilhelmine, am Schluß. Zwei Hochzeiten krönen das Werk. Bis dahin hat das Waisenkind auch das Spielen selten vermißt, denn Klepper hat ihm die Rolle der „Schiffseignerin“ verordnet, der eingebildeten Chefin, die bald ein Dutzend Leute zu ernähren glaubt. Dieser an der Oder zwischen Breslau und Stettin aufgefädelte, eigentlich bemerkenswerte Grundeinfall erweist sich dummerweise als Krampfader. Vielleicht hätte Klepper aus seiner Wilhelmine doch lieber die Flußpiratin und Rachefurie machen sollen, von der sie anfangs, nach dem Tod ihrer Eltern und der Übernahme des mürben Kahns unter Aufsicht eines Vormunds, wenigstens einmal träumen darf (S. 38). Aber das wäre, mit Günter Eich aus Lebus an der Oder gesprochen, Sand im Getriebe gewesen. Klepper stammte aus dem nahen Oderstädtchen Beuthen, dieselbe Gegend. Kurz, er hat uns mit seinem ersten Buch einen schlechten, mindestens überflüssigen Dienst erwiesen; er hätte es besser übersprungen. Es wird aber ganz im Gegenteil bis zur Stunde immer wieder neu aufgelegt.

* Webseite 1, Webseite 2
** Seitenangaben nach der Ullstein-Ausgabe Ffm 1984


Simone Weil (1909–43), Philosophin oder Priesterin? Einer ihrer Lehrer am renommierten Lycée Henri IV soll sie „die rote Jungfrau“ getauft haben. Das war keineswegs so abwegig, wie sich später zeigte. Die Tochter eines Pariser jüdischen Arztes ist ein empfindliches Kind, kränkelt oft, tut sich schwer mit Essen und Einschlafen. Zu allem Unglück fürchtet ihre Mutter Selma Mikroben, verordnet also eifriges Händewaschen, untersagt dagegen das Küssen außerhalb des Familienkreises. Von hier dürfte Simone ihre lebenslängliche Hut vor Körperkontakt bezo-gen haben. Ab 20 kommen häufige starke Kopfschmerzen hinzu. Auf dem Lycée zählt der Philosoph Alain zu ihren Lehrern, Simone de Beauvoir zu ihren Mitschülern. Manche von diesen bestätigen später, Weil habe sich sozusagen für jedes gesellschaftliche Unrecht persönlich verantwortlich gefühlt. Zumindest paaren sich Weils Hauptinteressen Philosophie und Religion mit sozialem Mitleid. Zyniker Leo Trotzki belustigt sich darüber, nachdem ihm Weil 1933 eine vorübergehende Unterkunft in ihrem Elternhaus verschafft hat, obwohl sie seine autoritären Züge (Kronstadt-Aufstand!) verabscheut. Er sagt: „Ja, sind Sie denn von der Heilsarmee?“

Umso verblüffender findet Ursula Homann* den Umstand, daß Weil ihre Augen stets vor der Verfolgung der Juden, auch durch die Nazis, verschloß. Streckenweise habe sie sogar „gehässige antijüdische Texte“ verfaßt. Nach ihrem Schulabschluß 1931 arbeitet Weil als Lehrerin an verschiedenen Provinzschulen. Wegen ihres Eintretens für die Belange von erwerbslosen Proletariern oder Landar-beitern – denen sie sogar die Hälfte ihres Gehalts abtritt – wird sie öfter versetzt. Die zierliche, dunkelhaarige „rote Jungfrau“ lebt spartanisch; auch im strengsten Winter heizt sie ihr Zimmer nicht. Ab 1934 rackert sie trotz ihrer schwachen Gesundheit in Fabriken, lernt Arbeitslosigkeit und Hunger am eigenen Leibe kennen. 1935 erwärmt sie sich durch eine Reise mit den Eltern für das republika-nische Spanien. Ihre Teilnahme am Bürgerkrieg, auf anarchistischer Seite, bleibt kurz wegen ihrer Schwäche und ihrem Erschrecken über die Grausamkeit aller Beteiligten. In Portugal und Italien 1937/38 hat sie religiöse Erweckungserlebnisse, die sie zur Gläubigen und Mystikerin machen. Aus dem besetzten Frankreich gelangt sie über Umwege 1942 nach England. Zunehmende Erschöpfung und Verelendung gehen mit Arbeiten für France Libre (De Gaulle) und intensiven Studien einher. Liebschaften werden in den Quellen nie erwähnt. Eine Neigung zum Märtyrium – die Feministin Ursula Schweers spricht von „selbstzerstörerischer Hartnäckigkeit“ – ist unverkennbar. Weil selber verhehlt diesen Zug noch nicht einmal. In ihren Aufzeichnungen oder Briefen vermutet sie, wiederholte „Prüfungen der Hölle“ vorm „Zutritt in die Ewigkeit“ seien unerläßlich; sie verkündet dort auch: „Wenn ich an die Kreuzigung denke, begehe ich jedesmal die Sünde des Neides.“ Sie verbittert und wird zur Dogma-tikerin, mit der kaum zu reden ist. Ihrer Magersucht wird sie nicht Herr. Bei ihrem Tod 1943 – die 34jährige hat gerade das Sanatorium in Ashford/Kent aufgesucht – spielen Hungern, Herzschwäche und Lungentuberkulose zusammen. Sie wird im Beisein weniger Menschen auf dem dortigen Friedhof beerdigt.

Weils Werk, von etlichen Zeitungsartikeln abgesehen erst posthum veröffentlicht, blieb bruchstückhaft und unaus-gereift. Allerdings nahm sie einige warnende Gedanken, etwa zum Totalitarismus von Staat und Technik, vorweg, die sich später auch bei Hannah Arendt, Adorno, F. G. Jünger fanden. Die Legende Simone Weil dagegen, der selbst ein kritischer Kopf wie Heinrich Böll aufsaß, hätte ohne Zweifel das Zeug zur Heiligsprechung durch die Katholische Kirche, falls es den in dieser Richtung interessierten Forschern endlich gelänge, hieb- und stichfest nachzuweisen, daß die mögliche Namenstags-patronin kurz vor ihrem Tod noch getauft worden ist. Ich wünsche ihnen viel Erfolg.

* auf ihrer Webseite

Börries von Münchhausen (1874–1945), Freiherr, Gutsherr, kaiserlicher Offizier, Schriftsteller. Da er von Hause aus (Schloß Windischleuba bei Altenburg im östlichen Thüringen) nicht am Hungertuch nagte, konnte sich Münchhausen unbekümmert der Literatur, insbe-sondere der Ballade widmen. Er verdiente aber gar nicht so schlecht an seinen Veröffentlichungen und Lesungen, weil er es nicht versäumte, die Feldzüge des Ersten Weltkrieges teils zu Pferd, vor allem aber mit anfeuernden Versen zu begleiten, und nach dem schmählichen Zusammenbruch 1918 rechtzeitig den Faschisten in den Arsch zu kriechen. 1944 reihte ihn Hitler sogar auf seiner berühmten Liste unter die Gottbegnadeten (KünstlerInnen) des „Dritten Reiches“ ein. Ein Foto in einem unlängst erschienenen Buch seiner weitläufigen Verwandten Jutta Ditfurth* zeigt den durchaus hübschen, noch jungen Dichterprinzen um 1900 mit dem damals unerläßlichen hochgezwirbelten Schnauzbart. Den trug er mit Anfang 60 nicht mehr, wie spätere Abbildungen belegen, dafür Stirnglatze. Ditfurth berichtet:
Münchhausen war auch auf den Lippoldsberger Dichtertagen von 1936 ein Star. Dabei handelte es sich um eine Mischung aus Volksfest und elitärem Dichtertreffen auf Hans Grimms (Autor von Volk ohne Raum) großem Gut [bei Bad Karlshafen an der Weser]. Münchhausen und Grimm kannten sich seit ihrer Arbeit bei der Militärstelle des Auswärtigen Amtes im Ersten Weltkrieg. Unter den Zuhörern waren Wehrmachtsangehörige, SA-Leute und Hitlerjugend – bis zu 4.000 Menschen nahmen teil. Münchhausen las aus seiner Ballade „Totspieler“. Hermann Claudius beschreibt Münchhausen als „den König“, der „mit seinem achtsitzigen Maybach unter intensivem Hupen in den Klosterhof“ brauste, „die Hornschutz-brille“ zurückschob, „im weißen Staubmantel elastisch dem Wagen“ entstieg und „mit unnachahmlich charmanter Geste seiner Rechten den Kreis der Freunde“ begrüßte.
Knapp 10 Jahre später hatte der Baron die Nase voll. Er hatte 24 Ausgebombte im Schloß, die ihm auf dem Kopf herumtanzten und einen elendigen Anblick boten, und vor seiner Tür standen die Niederlage und die Alliierten. Am 16. März 1945 nahm der 70jährige einen kräftigen Schluck Schlaftabletten. Sein Sekretär habe dies als Gehirnschlag getarnt, die Familie habe von Herzversagen gesprochen, schreibt Ditfurth. Sie selber nennt es so: „Die Ratte verließ das sinkende Schiff, auf dem sie so wohl genährt worden war.“ Das Tierchen kann sich jedoch trösten: in Altenburg und Göttingen besitzt es das „Ehrenbürgerrecht“. Bis heute.

* Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis, Hamburg 2013, bes. S. 121, 276/77, 294–98

Stig Dagerman (1923–54), schwedischer Schriftsteller. Sein Weg zum Erfolg ist gleichsam mit Sprengstoff gepflastert– so etwas macht zerrissen und endet rasch tödlich. Seine Mutter, eine Telefonistin, verläßt ihn gleich nach der Geburt. Der Vater, ein Sprengmeister, gibt ihn zu den Großeltern, die einen ärmlichen Bauernhof betreiben. Mit 16 verliert Stig auch seinen Großvater, weil dieser von einem Geistesgestörten, wie es heißt, erstochen wird. Bald darauf erleidet seine Großmutter einen Schlaganfall. Mit 17 unternimmt Dagerman seinen ersten Selbstmordversuch, oder täuscht ihn jedenfalls vor. Auf dem Stockholmer Gymnasium gilt er als Tölpel vom Dorf. An den Wochenenden trägt er Zeitungen aus. Zwar gewinnt er in einem literarischem Schulwettbewerb eine Fahrt in die Berge, aber dort wird ein Freund und Zimmergenosse unter einer Lawine begraben. Nach der Schulzeit schlägt Dagerman die Laufbahn eines Journalisten und Erzählers ein. Er wird Gewerkschafter und regelmäßiger Mitarbeiter der anarchosyndikalistischen Tageszeitung Arbetaren. Hier begegnet er seiner ersten Ehefrau Annemarie Götze (Scheidung 1953). Mit 22 debütiert er mit seinem Roman Die Schlange, der die niederschmetternden Erfahrungen seines Militärdienstes verarbeitet. 1947 beeindruckt er durch die Frucht einer für Expressen unternommenen Reise durch das Nachkriegsdeutschland, dem Sammelband mit Reportagen Deutscher Herbst. Vom ermutigenden Echo getragen, folgen rasch mehrere Erzählwerke, gipfelnd in den Romanen Gebranntes Kind (1948) und Schwedische Hochzeitsnacht (1949).

Doch dann häufen sich die Schwierigkeiten. Dagerman kann nicht mit Geld umgehen; Schuldgefühle, Ängste und Zweifel, auch an sich selber, plagen ihn; seine Texte mißlingen; das unter Erfolgsdruck gesetzte „Wunderkind der schwedischen Nachkriegsliteratur“ wird dick; auch Dagermans zweite Ehe mit der prominenten Theater- und Filmschauspielerin Anita Björk scheitert. An einem Novembertag 1954 erstickt sich der 31jährige in der Garage seiner Villa im Stockholmer Vorort Enebyberg mit Autoabgasen. Einige Quellen schließen aus der Tatort-beschreibung, Dagerman sei, wie schon bei etlichen früheren Anläufen zum Selbstmord, in letzter Sekunde zurückgeschreckt („Fuß vom Gaspedal genommen“), nur diesmal vergeblich. Trifft das zu, wäre er wenigstens seiner Unschlüssigkeit treu geblieben. Eine Stiftung verleiht seit 1996 einen Literaturpreis, der Stig Dagermans Namen trägt. 2012 stirbt auch Björk – knapp 90 Jahre alt.
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