Montag, 1. Oktober 2018
Unglücksfälle
Geschrieben 2015/16. Umfang rund 20 Druckseiten.


Ernst Balcke + Fritz Alexander Kauffmann + Walter Brandorff + Clemens Eich + Richard Reichensperger + T. E. Lawrence + Ödön von Horváth + Walther Kauer + Jacques Lusseyran + Henri Frick + Arnaud de Montaigne + Ferdinand Sauter + Ernst S. Steffen + Hans Giese + Leonard Steckel + Lauri Viita + Alexander Wampilow + Émile Zola.

Ernst Balcke (1887–1912), Berliner Student, Freund des später hochgelobten Lyrikers Georg Heym (1887–1912). Beide Genannten starben mit 24 Jahren. Auch die Berliner Lufttemperatur des 16. Januar 1912 dürfte für beide ungefähr gleich gewesen sein, knapp 14 Grad Minus. Im Wasser war es vermutlich nicht nennenswert wärmer. Die beiden waren zur Havel gefahren, Schlittschuhlaufen. Balcke stand damals im Begriff, sein Studium der Romanistik und Anglistik an der Berliner Universität abzuschließen. Sein Busenfreund Heym, der mit seinem ihm aufgezwungenem Dasein als angehender Jurist unzufrieden war und kurz vor dem Fehler stand, eine Offizierslaufbahn einzuschlagen, hatte im Jahr zuvor bei Rowohlt einen Gedichtband veröffentlicht. Wenige Jahre später wurde Heym von allen „Experten“ unter die Gipfel der deutschsprachigen Lyrik des 20. Jahrhunderts eingereiht. Allerdings hatte sich damals auch der junge Balcke schon als „Dichter“ versucht. Und bei dem Ausflug stürzte er gegen 14 Uhr nicht weniger tief als sein Freund. Bei Schwanenwerder hatte sich in der Strommitte plötzlich eine Öffnung vor einem von ihnen aufgetan, die man für die Wasservögel ins Eis gehackt hatte. Offenbar konnte der betreffende Läufer diesem Loch nicht mehr ausweichen, stolperte, fiel hinein. Der andere versuchte ihm vielleicht zu helfen – und kam dabei ebenfalls um. Beide Freunde wurden Tage später tot aus der Havel gefischt.

Von Augenzeugen ist in den Quellen, die das Internet bietet, nie die Rede.* Gleichwohl wissen die meisten von diesen Quellen genau: Balcke war zuerst verunglückt, nämlich mit dem Kopf auf den Rand des Eislochs geschlagen, während Heym erst ertrank, als er den Freund herauszuziehen trachtete. Es macht sich einfach zu gut. Wer wollte noch an einem Gipfel der Lyrik vorübergehen, den eine versuchte Lebensrettung krönt? Wobei nicht selten auch Details beweiskräftig sind. So versichern einige Quellen, Heyms Mütze, eine gelbe oder blaue vielleicht, habe sich unmittelbar neben dem Eislochrand gefunden! Und nicht etwa Balckes rote oder bunt geringelte Mütze. Nur die Mütze von Heym behielt Oberwasser und Beweiskraft.** Was freilich die jungen Männer angeht, wühlte sie jener „Todeskampf der Farben“, von dem Balcke in seinem Gedicht Sturm geschrieben hatte, beide nicht mehr auf.

Gerhart Fischer (1894–1913), ältestes Kind des bekannten Berliner Verlegers Samuel Fischer, wird mit erst 19 Jahren, gleichfalls in Berlin, von einer Typhusinfektion dahin-gerafft, vielleicht durch verunreinigte Nahrungsmittel. Einzelheiten sind mir nicht bekannt, dürften aber aus der Literatur über seinen Vater hervorgehen.

* Laut Spiegel 23/1960 war sich die Berliner Zeitung anderntags noch nicht einmal über den genauen Unfallort sicher. Man vermutete ihn lediglich in dem Eisloch Höhe Schwanenwerder/Kladow, weil es die einzige freie Stelle des zugefrorenen Wannsees gewesen sei. Der Wannsee ist Teil der Havel.
** Möglicherweise führen der Herausgeber der „Hamburger Gesamt-ausgabe“ Karl Ludwig Schneider oder der jüngste Heym-Biograf Gunnar Decker (2011) schlagendere Belege oder Argumente an?


Der schwäbische Kunstpädagoge und Schriftsteller Fritz Alexander Kauffmann (1891–1945) überlebte das Kriegsende um keine zwei Wochen. Zuletzt Hochschul-lehrer in Halle, hatten ihn die Nazis gleich 1933 zwangs-pensioniert, obwohl er keineswegs kommunistisch, vielmehr konservativ gestimmt und dem elitären Form-denken der Jahrhundertwende verpflichtet, ansonsten unpolitisch war. So zog er sich, immerhin bei vollen Bezügen, wieder nach Ebersbach an der Fils (bei Stuttgart) zurück, wo seine Familie seit 19o5 ihre aus Kloster Denkendorf verlegte Nahrungsmittelfabrik betrieb. Das Unternehmen stellte vor allem Essig, Senf, Likör und Gurkenkonserven her und wurde inzwischen von Kauffmanns Bruder geleitet. Dort, in einem Neubau der Fabrik, hatte sich der mit der Kunsthistorikerin Gertrud Gradmann verheiratete Ästhet Fritz Alexander unterm Dach ein Studio zum Lesen und Schreiben eingerichtet. Neben Kunsttheoretischem entstand hier vor allem sein autobiografisch geprägter, auf Kauffmanns Kindheit im Kloster fußender Roman Leonhard, der erst 1956 posthum erschien. Für den in Esslingen lebenden Lektor und Literaturwissenschaftler Thomas Scheuffelen hat der in einem „kriegswichtigen“ Betrieb gewissermaßen hinter Gurkenfässern und Senftöpfen verborgene Kauffmann mit diesem, nicht ganz beendeten Manuskript ein klar, genau und eindringlich geschriebenes „geheimes Hauptwerk der inneren Emigration“ hervorgebracht.* Vielleicht hat es Kauffmann auch geholfen, die Demütigung durch die „Entfernung aus dem Schuldienst“ zu überwinden und sich nebenbei über den allmählichen Verfall einer ländlichen Unternehmerfamilie zu trösten, der übrigens, in der Realität, eine „Verstoßung des Vaters aus Familie und Firma“ einschloß. Karl Kauffmann soll zum Prassen und zu „enttäuschungsbedingten Wutausbrüchen“ geneigt haben; vielleicht geschah es ihm recht.**

Wenn Kauffmann sein ohne Zweifel recht rückwärts-gewandtes Werk über den Knaben Leonhard nicht mehr ganz vollenden konnte, lag es genauso unzweifelhaft am Fortschritt. Mit der offiziellen Ebersbacher Webseite, Sparte Stadtmuseum Alte Post, ausgedrückt, hatten die EbersbacherInnen „nach dem Bau der Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts und mit dem Aufkommen des motorisierten Individualverkehrs im 20. Jahrhundert“ zu lernen, „auch mit den Nachteilen des Verkehrs zu leben.“ Für Kauffmann, inzwischen 53, war die Lektion am 19. Mai 1945 beendet.

Die Berichte über den Unfallhergang sind naturgemäß spärlich und eher unzuverlässig. Man bedenke, wir befinden uns in den unmittelbaren Nachkriegswirren, wo es weder Polizei noch Lokalzeitungen, dafür umso mehr Sorgen gab. Nach einem Gespräch, das 1996 (!) mit Kauffmanns Schwägerin Margarethe geführt worden ist***, hatte sich der Schriftsteller hilfsbereiterweise erboten, drei Ebersbacher „Fremdarbeiterinnen“ mit einem Firmenwagen zum Göppinger Bahnhof zu bringen, wo sie noch einen Zug nach Italien zu erwischen hofften, von dem man Wind bekommen hatte. Bei Uhingen sei Kauffmann jedoch ein Konvoi von US-Militärfahrzeugen entgegen gekommen, aus dem gerade ein Gefangenen-transporter geschert sei, wohl zum Überholen. Mit diesem Transporter sei Kauffmanns Wagen frontal zusammen gestoßen. Für Kauffmann und eine Insassin endete dieser Unfall tödlich. Eine andere Insassin erlitt einen Kieferbruch. Diese Italienerin, eine Frau Dr. Curti, sei später noch einmal zu Besuch in Ebersbach gewesen.

Ein Historiker könnte Zeugin Kauffmann sicherlich mühelos wegen Befangenheit ablehnen; schließlich neige jeder dazu, lieber „die Amis“, wahlweise „die Russen“, als den eigenen Schwager mit Schuld beladen zu sehen. Aber genauso wäre die Annahme voreingenommen, der Schwager sei, des Zuges wegen, gerast oder sonstwie leichtsinnig gefahren. Vielleicht würde der Historiker sein Heil in den Akten der damaligen BesatzerInnen Süd-deutschlands suchen – in der Hoffnung, diese Akten, falls überhaupt vorhanden, seien nicht frisiert. Kurz, die Aus-sicht auf Wahrheitsfindung ist denkbar gering. Tatsache ist, der Zweite Weltkrieg hatte bereits für zigmillionen Tote gesorgt, und jetzt waren es, eher unauffälligerweise, wieder zwei Tote mehr.

Zum Ausgleich schnell den sächsischen Lektor und Erzähler Werner Benndorf (1912–45) – offenbar ein bündisch bis faschistisch gestimmter Ekstatiker (Arabische Glut, 1936), der im Sommer 1941 in den Krieg gezogen war. Kaum aus der Gefangenschaft nach Leipzig zurückgekehrt, kam der 33jährige ebendort am 18. Dezember 1945 bei einem Verkehrsunfall unter die Räder, „den – nach nicht mehr verifizierbaren Angaben – ein Fahrzeug der sowjetischen Besatzungsmacht verursacht haben soll“, wie bei Horst Denkler**** zu lesen ist. Na also, ich sagte es doch, die Russen ...

* „Hinter Gurkenfässern und Senftöpfen“, Esslinger Zeitung, Pfingsten 1996
** Laut Kai Kauffmann, in: Ferchl/Harbusch/Scheuffelen: Literarische Spuren in Esslingen, Esslingen 2003, S. 137–45
*** Maschinenschriftliches Skript, Juli 1996, Stadtarchiv Ebersbach
**** Werkruinen, Lebenstrümmer, Tübingen 2006, S. 74


Walter Brandorff (1943–96), österreichischer „Fantasy“-Autor, vornehmlich Horror. Die Webseite seines Verlages preist „ein Werk voller Gräßlichkeiten und Boshaftigkeiten, schnörkelloser Humor vom Feinsten“. Trifft das zu, hatte Brandorff natürlich völlig recht, wenn er sich weigerte, im Bett zu sterben. Er verbrannte in der Nähe seines Wohnhauses in einem Hubschrauber.

Robert N. Bloch zufolge* liegt das Haus abgeschieden an einem Hang bei Wolfsberg in Kärnten – der kleinen Stadt, in der Brandorff, Sohn eines Vermessungsingenieurs, auch aufwuchs. Seine Mutter war wenige Tage nach der Geburt gestorben. Der Halbwaise besucht eine heimische, zuchtvolle Klosterschule und studiert Jura. Zwar geht er nebenbei den unterschiedlichsten, möglicherweise eindrucksstarken Hilfsarbeiten nach, doch am Ende steht, teils in der Landeshauptstadt Klagenfurt, eine Bilderbuch-karriere des „Doktors“ als Gerichts- und Finanzbeamter. 1980 hat er es bereits zum Leiter des Wolfsberger Finanzamtes gebracht. 1991 ernennt ihn der Bundesprä-sident zum Wirklichen Hofrat. In das alte, jedoch instandgesetzte Bauernhaus am Hang zieht Brandorff mit Frau und Sohn 1993. Zwischenzeitlich überwindet er eine lebensbedrohliche Krebserkrankung – nüchtern wie er war, hatte sich der (heimliche) Horror-Schriftsteller bereits von seinen Kollegen im Amt und der Welt überhaupt verabschiedet, aber er wurde geheilt. 1995 ließ er sich pensionieren. Allerdings war er noch, neben dem Schreiben, „im Vorstand einer Privatstiftung“ tätig, so Blochs Bezeichnung. Dabei seien öfter „Inspektionsflüge“ angefallen, und so auch am 8. August 1996, als sich bei Wolfsberg, kurz nach dem Start, wegen Nebels der angedeutete Hubschrauberabsturz ereignet habe. Die Presse habe ausführlich über den spektakulären Unfall berichtet. „Man sieht Fotos der Verunglückten. Nur einer fehlt: Walter Brandorff. Noch im Tod bleibt er unnahbar.“

Soweit Bloch, soweit es den Unfall betrifft. Die Anzahl der Verunglückten nennt er nicht. Aber die Sache mit den Fotos stimmt. Jedenfalls trifft es auf die vielgelesene österreichische Kronen Zeitung zu, die mir freundlicher-weise zwei Artikel geschickt hat, die am 9. und 10. August 1996 erschienen. Nach dieser Darstellung herrschte am Unglückstag im Bezirk Wolfsberg in der Tat dichter Nebel, überdies starker Regen. Um seine fünf Fahrgäste, eine Abordnung der in St. Andrä ansässigen Firma Kostmann, plangemäß ins östliche Ungarn zu befördern, riskierte der Pilot des Hubschraubers offenbar einen Blindflug, geriet dabei schon im engen Lavanttal zu tief, schlug unweit der Südautobahn, der Stadt Wolfsberg und deren großer Nachbargemeinde St. Andrä eine 100 Meter lange Schneise in den Wald und endete in einer „Flammenhölle“, wie das Blatt schreibt. Von den im ganzen sechs Insassen starben fünf, darunter der Pilot der Klagenfurter Firma Goldeck-Flug, die mit der Firma Kostmann verbandelt sei. Der Pilot habe als erfahren gegolten. Die Abordnung bestand aus Spitzenmanagern und Geschäftsfreunden des Bau-, Rohstoff- und Transportunternehmens Kostmann, das nach meinen Recherchen rund 180 MitarbeiterInnen und Niederlassungen bis nach Rumänien hat. Der mißglückte Flug nach Ungarn galt, laut Kronen Zeitung, einem „firmeneigenen Schotterwerk“. Ja, um Schotter scheint es in der Tat nicht unwesentlich zu gehen, wird doch der mitverstorbene, 53 Jahre alte Dr. Brandorff als „Finanz-berater“ der Firma Kostmann bezeichnet.

Ich lasse dahingestellt, wem oder welchen Beweggründen wir Blochs „objektiv“ schonende Darstellung der Unglücks-umstände zu verdanken haben. Immerhin scheint sie dem Wesen seines Gegenstandes zu entsprechen. Bloch zufolge muß der Finanzbeamte und Schriftsteller aller Welt gegenüber, Frau und Sohn eingeschlossen, ein wahres Buch mit sieben Siegeln gewesen sein. Seine Frau A., laut Bloch eine Malerin, versichere allerdings, sie habe die Wortkargheit und Verschlossenheit ihres Mannes nie gestört. Sie nennt ihre Ehe mit Brandorff „glücklich“. Von seinem Schreiben weiß sie angeblich nichts. Sogar Fotos sind kaum vorhanden – was Wunder, wenn selbst die Kronen Zeitung in dieser Hinsicht ins Leere griff ... Einmal sieht man Brandorff unscharf als Urlauber an einem Biertisch: mit Kinnbart, wohlgescheitelt, goldrandige Sonnenbrille, Zigarette rauchend – ein Spießbürger wie all die anderen Wolfsberger SpießbürgerInnen, deren Geheimnisse ihm freilich als Finanzamtsvorsteher bestens bekannt waren, wie sogar Bloch anmerkt. Darin liegt schon ein erheblicher Unterschied.

Bloch schätzt Brandorff als mißtrauischen Zeitgenossen ein, der sich selbst – und seine ihn bedrückenden bitteren Erfahrungen oder Alpträume – lieber in literarischem Gewande einer anonymen Leserschaft vorstellte, als sich handfester Nähe und Geselligkeit auszusetzen. Kommerzielle Interessen habe er dabei nicht verfolgt. Wahrscheinlich sei er noch nicht einmal auf „Publicity“ und Nachruhm ausgewesen. Das würde ihn denn von Berufskollegen wie Stephen King unterscheiden. Aber in sonstiger moralischer Hinsicht dürften ihn keineswegs Welten von dem Großverdiener und Zyniker aus den USA getrennt haben. Oder von unseren Ministern, die ihre Entlassungsurkunden regelmäßig noch am selben Tage in die Stechuhren von Unternehmen der Privatwirtschaft stecken, mit denen sie sowieso schon seit Jahren zu tun hatten, in ihrem Öffentlichen Amt.

* „Walter Brandorff – ein bitterer Erzähler des Grauens“, Beitrag im ARCANA. Magazin für klassische und moderne Phantastik, Nr. 1 (2002)

Meinen flüchtigen Eindruck vom Schauspieler und Schriftsteller Clemens Eich (1954–98) habe ich bereits vor einigen Jahren, unter E, in diesem ABC gegeben. Da er seine Texte, im Gegensatz zu seinen Eltern Ilse Aich-inger/Günter Eich, stets in eine Düsternis hüllte, die für Komik, Selbstironie oder sonst eine Frechheit nicht den geringsten Durchschlupf bot, ist es vielleicht nur konsequent, wenn auch Clemens Eichs Ende bis heute ziemlich im Dunkeln liegt. Es beläuft sich in den mir erreichbaren Quellen auf die Formel, der 43jährige sei im Februar 1998, nach mehrtägigem Koma, den Folgen eines Sturzes auf einer Treppe der Wiener U-Bahn erlegen. Tageszeit und sonstige Umstände dieses Sturzes werden so wenig genannt wie die körperliche und seelische Verfas-sung des Gestürzten. Von jener Düsternis her läßt sich nur ganz allgemein vermuten, der Sohn so prominenter Eltern sei von der Verfehltheit der Welt inclusive der eigenen Existenz geradezu durchdrungen gewesen. Seine Veröffentlichungen waren teils beweihräuchert, teils verhöhnt worden. Mehrere Quellen gestatteten sich angesichts der Unfallmeldung den zaunpfahldicken Wink auf zahlreiche Passagen in Eichs 1995 erschienenen Roman Das steinerne Meer, die vom Tod und von Todeserwartung sprechen. Sogar ein tödlicher Sturz (offenbar im Gebirge) werde eindringlich beschrieben: „Plötzlich ist der Ton weg. Nur noch ein Nachhallen. Nichts. Wie ein Sack, der in die Tiefe fällt. Der Aufprall. Ein Klatschen. Ein Zerschellen.“

Erstaunlicherweise widerfuhr dem Literaturwissen-schaftler und Journalisten Richard Reichensperger (1961–2004) sechs Jahre später ein sehr ähnliches Schicksal wie Eich. Auch Reichensperger, seit Jahren als „Sekretär“, nämlich als Vertrauter und Berater Ilse Aichingers bekannt, starb mit 43, starb in Wien – und starb „an den Folgen eines Sturzes“. Bloß die Treppe fehlt in den Meldungen. Die Welt spricht von einer „Kopfver-letzung“ des schmalen, wuschelköpfigen Mannes, der sich, Elfriede Jelinek zufolge, stets flink, doch mit Anmut zu bewegen verstand. In Jelineks Nachruf heißt es zu dem Unfall (falls es einer war) diplomatisch und nichtssagend, Reichensperger sei „fast genauso gestorben“ wie Eich. Selbstverständlich kannten sich die beiden Männer – eine andere Frage ist, welche Gefühle sie einander entgegen-brachten. Darauf geht Jelinek nicht ein. Gerfried Sperl vom Wiener Standard, für den Reichensperger regelmäßig geschrieben hatte, unterstreicht, wie Jelinek, die Hilfsbe-reitschaft des Verstorbenen auch nicht-prominenten Menschen gegenüber, wobei Reichensperger günstiger-weise nicht nur ein glänzender Schreiber, sondern auch ein „Börsenspezialist“ gewesen sei*, der offenbar öfter Treffer erzielen konnte. Es mag natürlich sein, daß er manchmal oder zumindest einmal auch schieflag und sich in großer Bedrängnis sah, etwa wegen akuter Verschuldung oder weil er sich ohnehin schon an ihm anvertrauten Geldern vergriffen hatte. Aber das ist reine Spekulation, wie ich betonen möchte. Als ErfinderIn eines Kriminalromans täte ich gleich noch zwei Morde dazu.

* derStandard.at 29. April 2004

Als wahre Stärke des britischen Wüstenhelden T. E. Lawrence (1888–1935), ursprünglich Archäologe, Leutnant und Geheimagent, soll sich die Schriftstellerei entpuppt haben. Jedenfalls wurde sein erstmals 1926/27 veröffentlichter und bald an die große Glocke gehängter autobiografischer Reise- und Kriegsbericht Die sieben Säulen der Weisheit schon um 1930 zu einer Säule der Weltliteratur ausgeformt. Der Autor hatte die Araber, im Interesse des Empires, erfolgreich zur Erhebung gegen die osmanische Herrschaft angestachelt und dabei die Führungsqualitäten eines echten Raubritters (auf Kamel) bewiesen. Nun glänzte die Säule seines Werkes vor allem von dem guten Licht, das Lawrence darin auf sich selber warf. Mit der Zeit kerbten allerdings etliche ForscherInnen ungefähr 1.000 Fragezeichen in die Säule, weil sie von Unwahrheiten wimmelte. Das mußte Lawrence, der sich inzwischen wieder in der Rolle des einfachen Militär-angehörigen gefallen hatte, nur noch ansatzweise selber miterleben. 1935, kaum aus der Königlichen Luftwaffe verabschiedet, war er an einem Montag im Mai bei Wareham, Dorset, wo er ein Häuschen hatte und an Übersetzungen arbeitete, mit seinem Motorrad Brough Superior SS100 auf der Landstraße unterwegs. Dabei wollte er angeblich zwei Jungen auf Fahrrädern ausweichen, die er aufgrund eines Buckels in der Straße zu spät gesehen hatte. Beim Bremsen flog er über den Lenker und zog sich schwere Kopfverletzungen zu, denen er sechs Tage später in einem Militärhospital erlag. So gesehen, hatten zwei ungezogene Buben einen unschuldigen, erst 46 Jahre alten Wüstenfuchs zur Strecke gebracht. In einigen anderen Augen stiegen dagegen auch in diesem Fall böswillige Fallensteller auf, woran ich selber, mangels überzeugender Mordmotive, nicht glaube. Somit bliebe als Alternative nur noch die bekannte dritte Möglichkeit: er hat sich umgebracht, bei der man vermutlich, beflissen auf Motivsuche, rasch ins Uferlose geriete.

Ob jene Kinder oder Halbwüchsigen aufgetrieben und befragt wurden, könnte ich nicht sagen. Dafür habe ich den Eindruck, das Motorrad war länger als sein Fahrer. Hilde Spiel wies schon vor 55 Jahren* auf die Kleinwüchsigkeit des arabischen Napoleons hin, 1,65 Meter. Vielleicht hatte es ihn deshalb auf die Kamele gedrängt, wo er doch aus Wales nur Schafe kannte. Einige Quellen behaupten, nach Kriegsende habe er sich über das falsche Spiel gegrämt, das England und Frankreich (gegen die Türken) mit der arabischen Unabhängigkeitsbestrebung getrieben hatten – andere dagegen, er habe den Spielplan durchaus gekannt. Jedenfalls, so scheint es, war Lawrence mitnichten Rebell; er bewunderte starke Männer wie Mussolini, wahrschein-lich auch Hitler. Er grämte sich wohl eher über seine nicht untadelige Herkunft: der Vater, ein walisischer soge-nannter Baron, hatte das Kindermädchen seiner eigenen Gattin geschwängert, mit der er offenbar nicht mehr zusammenlebte. So entstanden und in „wilder Ehe“ aufgewachsen, könnte der Sprößling gleichsam von Hause aus einerseits geltungssüchtig, andererseits insgeheim begierig nach Schattendasein, Selbstkasteiung oder ähnlichen Bestrafungen gewesen sein. In der Tat unterstellen ihm einige Quellen, er habe sich regelmäßig nach sadomasochistischer Art und Weise vergnügt. Dabei ist über sein Liebesleben so gut wie nichts bekannt. Spiel, die ihm mutig Verkrampftheit, Ruhmessucht und Verlogenheit bescheinigt, erwähnt als seine zeitweilige engste Vertraute die Gattin seines Freundes Bernard Shaw, Charlotte, die natürlich beträchtlich älter als Lawrence war. Ich könnte mir denken, im Grunde ermangelte es ihm an jeglicher inneren Festigkeit, auch Charakter genannt. Doch wie soll man sich dann seine unbestreitbaren Erfolge als Einfädler komplizierter geostrategischer Schachzüge und achtungsgebietender Beduinenführer erklären?

* Welt im Widerschein, München 1960, S. 103–7

Ödön von Horváth (1901–38), Schriftsteller. Für Carl Zuckmayer war er nach Brecht „die stärkste dramatische Begabung“ seiner Zeit. Die Zeit selber geizte auch nicht mit Dramatik. Die sozialkritischen „Volksstücke“ des in Berlin lebenden jungen Österreichers mit dem ungarischen Namen, etwa Geschichten aus dem Wiener Wald, waren zunächst umstritten, dann kamen sie kaum noch zur Aufführung, weil sich das faschistisch verwaltete deutsche Kapital anschickte, alle Bühnen der Welt zu beherrschen. Horváth hielt sich nun vorwiegend in Österreich oder der Schweiz auf, dabei nicht selten bei den Zuckmayers in Henndorf bei Salzburg oder Chardonne am Genfer See. Horváth war ein hübscher, dunkelhaariger, etwas tapsig wirkender Mann. „Wenige Menschen waren so geliebt, von Frauen, Freunden, Kindern, kaum einer hatte so wenig persönliche Feinde“, schreibt Zuckmayer in seinen 1966 veröffentlichten Erinnerungen.*

Am 1. Juni 1938 steigt der erfolgreiche Dramatiker aus Rheinhessen mit seinem Töchterchen Winnetou – es trug wirklich diesen verfehlten Namen – auf den Chardonner Mont Pèlerin, um auf den dortigen Waldwiesen Narzissen zu pflücken, „auch für Ödöns Zimmer“. Plötzlich braust schwarzes Gewölk heran, das sie unter den nächsten Heustadel scheucht, wo sie vor Kälte und Angst zittern. „Dies war der gleiche Sturm, der vom Atlantik her über ganz Frankreich hingegangen war und etwa eine Stunde oder eine halbe Stunde vorher Paris heimgesucht hatte.“ Kaum ins Hotel zurückgekehrt, muß Zuckmayer durch den Telefonanruf eines gemeinsamen Freundes erfahren, Ödön von Horváth sei soeben bei dem Gewitter mitten in Paris von einem herabstürzenden Ulmenast erschlagen worden.

Später, beim Begräbnis in Paris, erfuhr Zuckmayer auch die merkwürdige Vorgeschichte dieses Unfalls. Gewährs-mann aller Informanten dürfte der angebliche Augenzeuge Fritz H. Landshoff, damals Exil-Verleger in den Nieder-landen, gewesen sein. Horváth hatte ursprünglich vorge-habt, von Amsterdam aus, wo er mit dem Querido-Verlag über einen neuen Roman verhandelt hatte, geradewegs zum Genfer See zu fahren. Doch dann habe der 36jährige, für alles „Skurrile und Absonderliche“ stets besonders aufgeschlossen, einen vielberedeten Hellseher aufgesucht, berichtet Zuckmayer. Offenbar stützte sich jener bei seinen Weissagungen gern auf irgendein Geschenk, das der Klient von einem Freund oder einer Freundin erhalten und nun dem Hellseher vorzulegen hatte. Allein aufgrund dessen habe der Hellseher festgestellt, Horváth müsse sofort nach Paris fahren, weil ihn dort „das entscheidende Ereignis Ihres Lebens“ erwarte. Das deckt sich weitgehend mit den Angaben in Landshoffs Erinnerungen, die 25 Jahre nach denen Zuckmayers erschienen.** Der Verleger sagt, er habe Horváth auf den Hellseher aufmerksam gemacht und ihn auch bei der Konsultation begleitet. Die folgenschwere Weissagung zitiert er mit den Worten: „Sie stehen am Vorabend einer Reise, auf der Sie das größte Erlebnis Ihres Lebens haben werden.“ Offenbar nahm nun Horváth an, der gute Mann beziehe sich auf den gerade in Paris weilenden Hollywood-Regisseur Robert Siodmak, der brieflich Interesse an einer Verfilmung von Horváths jüngster Erzählung Jugend ohne Gott bekundet hatte. Nebenbei handelt es sich dabei um ein meisterhaft geschriebenes eindringliches Prosastück, das möglicher-weise sowenig einer Verfilmung bedarf wie ein Klavier einen Heustadel benötigt.

Tatsächlich fuhr Horváth anderntags nach Paris und traf für den Nachmittag des 1. Juni eine Verabredung mit Siodmak und dessen Frau Bertha in einem Kino. Doch dann sei Horváth, so wieder Zuckmayer, schon vom Regen des aufziehenden Sturmes durchnäßt, aufgeregt am Kassenhäuschen erschienen – nur um Entschuldigung zu erheischen: man möge seine Karte bitte zurückgeben, er habe etwas Dringendes vor. Damit sei er wieder im „peitschenden Regen“ verschwunden. Die Ulme am Round Point, die Horváth Minuten später zum Verhängnis wurde, konnte Zuckmayer am Begräbnistag noch besichtigen. Das Übrige empfand nicht nur Zuckmayer als ziemlich rätselhaft. Immerhin hätten „alle näheren Freunde Ödöns“ bestätigt, Horváth habe seit jeher an einer „Phobie“ vor herabfallenden Gegenständen gelitten, fügt Zuckmayer hinzu. „In den Städten schlug er große Bögen um jeden Neubau. Er hatte öfter geäußert, er werde einmal von einem Dachziegel erschlagen werden. Was an alledem zufällig, was ursächlich ist, entzieht sich menschlicher Beurteilung.“ Landshoff spricht von einer „makabren Geschichte“, die der erschlagene Autor „hätte selbst erfunden haben können“, und betont im übrigen, was ihn selber angehe, sei er aller Hellseherei stets „mit tiefem Mißtrauen“ begegnet.

Klar ist nur eins: Siodmak ließ sein Vorhaben fallen. Dafür drehte er (1943) Draculas Sohn.

* Als wärs ein Stück von mir, hier Sonderausgabe Ffm 2006, S. 127 ff
** Amsterdam, Keizersgracht 333, Berlin 1991, S. 110


Auf einem Porträtfoto, das ihn vollbärtig und dick bebrillt zeigt, das dichte dunkle Haar zurückgekämmt, erinnert der schweizer Schriftsteller Walther Kauer (1936–87) vielleicht nicht zufällig an den älteren, bärbeißigen hes-sischen Kollegen Ernst Kreuder. Beide wandten sich, im Nachkriegseuropa noch selten, gegen einen „Fortschritt“, der unsere natürlichen Lebensgrundlagen, dabei auch deren Schönheiten zerstört. Kauers Pathos galt dabei aber nicht dem Kosmos, vielmehr dem Kleinen Mann. Ein Gastspiel im ostdeutschen Hort des Proletariats blieb erheiternd kurz.* In seinem ausgezeichneten Roman Spätholz von 1976 zeigt sich das Pathos lediglich angenehm gestutzt. „Held“ der Geschichte ist ein alter Tessiner Bergbauer, Rocco, der sich zunächst grimmig entschlossen gibt, seinen noch älteren Walnußbaum vor den Motorsägen der vom reichen Geschäftsmann Korten in Marsch gesetzten GemeindearbeiterInnen mit dem Gewehr zu verteidigen. Noch erfreulicher als seine Nüchternheit ist Kauers nahezu vollständiger Nicht-Avantgardismus in der Form dieses Romanes. Nur auf das zeittypische lümmelhafte Weglassen der Gänsefüßchen bei direkter Rede wollte er nicht verzichten, damit ihn keiner für so hinterwäldlerisch hielte wie etwa eine Berner Bäuerin, die sich Stöckelschuhe verkneift. Durch Verab-schiedung der Gänsefüßchen beraubt sich ein Autor nicht nur wichtiger stilistischer Möglichkeiten; er verschlechtert „natürlich“ auch die Lesbarkeit seines Textes. Dies scheint allerdings im Spätkapitalismus der Sinn aller Reformen zu sein: Verschlechterung.

Kauer bewegte sich trotz einiger Literaturpreise zeitlebens am Rande des Existenzminimums. Er war eben Außen-seiter. Mehrmals verheiratet, taugte er zum Familienleben wenig. Zuletzt lebte er mit einer Gefährtin westlich von Bern im romantischen Städtchen Murten (am gleich-namigen See), doch seine Fortschrittsfeindlichkeit konnte ihn nicht daran hindern, sich öfter auf ein Motorrad zu schwingen. Ende April 1987, inzwischen 51, fuhr oder brauste Kauer am frühen Nachmittag von Bern nach Murten. Kurz vor der Ankunft in seinem Städtchen stürzte er und blieb mit tödlichen Verletzungen auf der Land-straße liegen. Da die Polizei nach brieflicher Auskunft von Kauers einzigem Kind Jakob keine Spuren von anderen Beteiligten fand, aber auch „keine gesundheitlichen Probleme vorlagen“, habe der Staatsanwalt eine Übermü-dung des Fahrers und beispielsweise einen „Sekunden-schlaf“ angenommen und die Ermittlungen eingestellt.

Jakob Kauer zufolge war sein Erzeuger in Murten so etwas wie ein „Stadtoriginal“ gewesen. Man habe ihn geliebt – oder gehaßt. Was Wunder, schließlich habe er gesagt oder geschrieben, was er dachte, da mache man sich nicht nur Freunde. Aber er sei kein „Stänker“ gewesen – was man von dem eingangs erwähnten Kreuder nicht unbedingt behaupten kann. „Oftmals einen über den Durst getrunken mit entsprechendem Gehabe, kannte man meinen Vater weit herum. Eine Fasnachtszeitschrift ohne seine Kommentare und Texte war wohl keine richtige Fasnachtszeitung.“ Auch sei er ein begnadeter Koch gewesen. Da kann man sich lebhaft vorstellen, wie der Gefährtin, die schon mal das Gemüse geputzt und das Fleisch eingerieben hat, das Geschirrtuch aus der Hand fällt, als sie nach Öffnen der Wohnungstür einem verdäch-tig gefaßt wirkenden Polizeibeamten gegenübersteht.

* Andreas Petersen im Tages-Anzeiger, 19. Juni 2014

Jacques Lusseyran (1924–71), französischer Hoch-schullehrer und Schriftsteller, seit dem achten Lebensjahr durch einen Unfall in der Schule blind. Seine Eltern sind WissenschaftlerInnen und geben ihm ihre Neigung zu Rudolf Steiners Anthroposophie mit. Nach dem Unfall lehren sie ihn Blindenschrift. Er bleibt ein ausgezeichneter Schüler. Trotz seiner beträchtlichen Behinderung nimmt Lusseyran als junger Mann an der Resistance teil, was ihm, durch Verrat, im Sommer 1943 ein halbes Jahr Gefängnis, Krankheit und die Überstellung ins KZ einbringt, nach Buchenwald. Hier helfen ihm seine hervorragenden Deutschkenntnisse und der Glaube an sein „inneres Licht“, wie er es nennt. Nach der Befreiung ist ihm aufgrund seiner Blindheit der Staatsdienst in Frankreich verwehrt. So wird er Freier Schriftsteller, Dozent und Vortragsrei-sender. Angeblich zeigen sich viele Menschen von seiner „charismatischen“ Ausstrahlung beeindruckt; wahrschein-lich versteht sich Lusseyran als „Heiler“, wie schon sein Mentor Georges Saint-Bonnet. Als er 1953 den Prix Louis Barthoux für ein autobiografisches Buch erhält, beglückwünscht ihn auch Albert Camus. 1969 erlangte Lusseyran eine Professur (für französische Literatur) in Honolulu, Hawaii, doch das tropische Klima bekommt ihm nicht. Mit der Aussicht auf einen Lehrstuhl in Basel hält er sich im Sommer 1971, inzwischen 46 Jahre alt, bei Verwandtschaft in Frankreich auf. Hier wird ihm an einem Julimittag eine Fahrt nach Nantes mit dem von seiner dritten Ehefrau Marie (31) gesteuerten Auto zum Verhängnis. Der Wagen sei bei Ancenis auf nasser Straße plötzlich ins Schleudern geraten und gegen ein Fahrzeug des Gegenverkehrs geprallt, heißt es in einem Artikel von Conrad Schachenmann.* Beide Lusseyrans wurden dadurch aus ihrem Wagen geschleudert und zusätzlich von einem dritten Auto überfahren. Offenbar starben sie noch am Unfalltag. Die sechs anderen Beteiligten seien unverletzt geblieben. Für Marie dürfte es eher ein Glück gewesen sein, sich nicht unter den Überlebenden zu befinden.

* in: die Drei, Frankfurt/Main, Nr. 9/1971

Henri Frick († 1968), Sohn eines in Frankfurt/Main lebenden linken Schriftstellers, kam ebendort mit 10 Jah-ren unter ein Auto. Die näheren Umstände werden selbst durch Hans Fricks schmales Buch Henri (von 1970) nicht deutlich, mit dem der Vater versuchte, seines Entsetzens und seiner Schuldgefühle, übrigens auch seiner Trunk-sucht Herr zu werden. Jedenfalls war er am Todestag nicht mit seinem Sohn gemeinsam unterwegs gewesen. Ob Frick selber Autofahrer war, bleibt ebenfalls unklar. Leider wird die ganze Dramaturgie und Ausdrucksweise des laut Nachwort* „authentischen“ Buches von dieser Art Verschwommenheit getragen. Das ist dem Anliegen des Autors, eine herz- und rücksichtslose, „brutale“, ja „mörderische“ bundesdeutsche Gesellschaft anzuprangern, nicht gerade zuträglich. Nebenbei bemerkt, befremdete mich Fricks Behandlung sowohl der (namenlosen) Mutter Henris wie der Frauengestalt Nadja: eine Behandlung, die mich einen kräftigen selbst- und herrschsüchtigen Zug des Adorno-Anhängers befürchten ließ. Vielleicht war der Zug ja nicht „permanent“ – Fricks Lieblingsfremdwort, getreu der damaligen Zeit. Der Schriftsteller erlag 2003 mit 72 schwerer Krankheit.

Schon 1941 war der 5jährige Barnaby Milford, Sohn einer Sängerin und eines Komponisten, im britischen Links-verkehr getötet worden. Nach Peter Hunter (2009) hatte ihn sein Vater Robin, wohl in Epsom bei London, am 3. Mai zum Kauf von Manuskriptpapier in einen nahen Laden ausgesandt. Dabei wurde der Bub, der sein Kinderrad genommen hatte, von einem Lieferwagen umgefahren. Der Vorfall schwang vermutlich noch bei Robin Milfords Selbstmord im Jahr 1959 mit.

* von Eberhard Günther in der Ostberliner Ausgabe von 1972

Arnaud de Montaigne (1541–64), Bruder des – richtig … Den angeblichen Erfinder der Prosaform „Essay“ Michel de Montaigne kennt schließlich jeder, wenigstens dem Namen und der angeblichen Bedeutung nach. Stimmt dieser berühmte Montaigne in seiner Betrachtung Philosophieren heißt sterben lernen beispielsweise in die über alle Epochen erklingenden Hymnen auf den blutrünstigen und herrschsüchtigen Alexander „den Großen“ ein, schwant Lesern wie mir, daß die Grenzen von Montaignes Ketzertum niedriger als die Katzenklappen in seinen häuslichen Küchentüren und Scheunentoren verlaufen. Umso erstaunlicher, wenn der Schloß- oder Gutsherr von der Dordogne im selben, mit antiken Lesefrüchten überladenen Text auch das Schicksal seines Bruders Arnaud de Montaigne streift. Als sich der junge Hauptmann ein Jahr nach dem frühen Tod von Michels Busenfreund De la Boétie (mit 32) beim schon damals allgemein beliebten Ballspiel vergnügte oder ertüchtigte, war er erst 23. Er landete ebenfalls im Sarg. Nach Mitteilung seines Bruders hatte ihn einmal der Ball „ein wenig über dem rechten Ohr“ am Kopf getroffen – einige Stunden nach Spielschluß wurde Arnaud von einem Schlaganfall weggerafft, den die Ärzte auf jenen Treffer zurückführten.* Möglicherweise hatten die jungen Leute in der Tat dem Schlagballspiel gefrönt, das ziemlich alt sein soll. Dabei wurden die eher kleinen Bälle mit Stöcken („Pritschen“) Richtung Gegner gedroschen und kamen sicherlich zuweilen Gewehrkugeln gleich.

* Essais, einbändige Auswahl von Herbert Lüthy im Manesse Verlag, Zürich 1985, S. 127

Ferdinand Sauter (1804–54), Wiener Original, im Broterwerb kaufmännischer Angestellter, ansonsten obrigkeitsfeindlicher „Dichter“ und Kneipengänger. Was Versfüße angeht, wurde Sauter oft für seine Improvisa-tionskunst gerühmt, doch gegen einen komplizierten Beinbruch im Jahr 1839 war sie machtlos: seit damals hinkte er. Vor allem deshalb steht er hier. Nach brieflicher Auskunft Ludwig Lahers, der neulich einen Roman* über Sauter veröffentlichte, hatte dieser auf einer ausgedehnten Fußreise durch das Salzkammergut mit einem Freund darum gewettet, er sei in der Lage, von jenem hohen Felsen dort auf die Landstraße zu springen. Er war es in der Tat – und verbrachte anschließend mehrere Wochen im Hallstatter Krankenhaus.

Immerhin besuchte und tröstete ihn dort Nikolaus Lenau, und über den ganzen Vorfall, vom Leichtsinn bis zu Lenau, habe Sauter ein 13strophiges Gedicht verfaßt, teilt mir der Linzer Schriftsteller mit. Daneben war Sauter, in dem sich die Ausgelassenheit mit Schwermut und Hypochondrie paarte, mit Franz Schubert und Moritz von Schwind bekannt, der ihn 1828 auch verewigt hatte. Später ver-kehrte Sauter im Literatenzirkel Johann Nepomuk Vogls, aber auch unter namenlosen Zechbrüdern. Er wohnte ärmlich im Wiener Vorort Hernals, wahrscheinlich solo. Nach Sauters „Gemüts- und Liebesleben“ angegangen, sagt Laher, dazu könne er keine Auskunft „in einer Nußschale“ geben; er habe es in seinem „exakt recherchierten“ Roman ausgebreitet. Sauter selber kam, wohl nicht unabsichtlich, zu Lebzeiten nie zu Buchveröffentlichungen. Er wurde freilich nur 50, weil er im Herbst 1854 einer damals in Wien ausgebrochenen Cholera-Epedemie zum Opfer fiel. Die deutsche Wikipedia verkündet, er sei sogar „das erste“ Opfer dieser Epedemie gewesen, was nach Laher Unfug ist. Sauter habe sich im Gegenteil mit Hilfe der Presse „über die dort beworbenen Wundermittelchen gegen die Seuche“ informiert und sie alle, „eins nach dem anderen“, ausprobiert. Er habe kaum noch seine Wohnung verlassen und die Wiener Innenstadt gemieden. „Allerdings ging er zu dem einen oder anderen Begräbnis eines an der Cholera verstorbenen Bekannten oder Freundes und dürfte sich bei dieser Gelegenheit angesteckt haben.“ Berühmt ist Sauters selbstgeschmiedete Grabinschrift.

* Aufgeklappt, Innsbruck 2003

Ernst S. Steffen (1936–70), süddeutscher Ganove, später Schriftsteller. Der Sprößling eines gewalttätigen Vaters war 1967 nach 13 Jahren Haft (wegen verschiedener „Eigentumsdelikte“) begnadigt worden, was sicherlich auch durch sein literarisches Wirken befördert worden war. Er hatte im Knast zu Schreiben begonnen und die Fürsprache einiger prominenter Schriftsteller errungen. Vielleicht hätte es das 31jährige ehemalige „Heimkind“ vorgezogen, hinter Gittern zu bleiben, wenn ihm jemand erzählt hätte, die Freiheit sei fragwürdig und währe in seinem Fall auch nur drei Jahre lang.

1969 erscheint Steffens erstes Buch, der Gedichtband Lebenslänglich auf Raten. Er werde von sich getragen wie ein Anzug, ist da etwa zu lesen, und hoffe, daß sich nach seiner Entlassung aus dem Knast noch ein Leihhaus für ihn finde. Er lebt jetzt in Heilbronn und Saarbrücken. Während er möglichen Arbeitsstellen und Geliebten und ganz allgemein dem Glück hinterher läuft, sitzen ihm die PfänderInnen und seine Ängste im Nacken. Der „Schreibdruck“ für den einmal Gedruckten tut das Seine hinzu. Kaum säuft er mit seinen Gönnern und fährt ohne Führerschein, ist er wieder unsicher oder aufgeregt und füttert sein Magengeschwür mit Tabletten. Er lernt Schreibmaschine, macht Führerschein, legt sich, nach einem Hund, auch ein Auto zu, das er sich eigentlich gar nicht leisten kann, ein „rotes Cabriolet“, wie es heißt, möglicherweise jener Porsche, den schon Schürzen- oder LatzjägerInnen wie James Dean und Janis Joplin begehrten. Ende 1970, wenige Monate vor dem Erscheinen seines zweiten Buches mit „Aufzeichnungen aus dem Zuchthaus“ Rattenjagd, fährt Steffen bei Baden-Baden mit seinem kaum abbezahlten Sportwagen in den Tod. Rosemarie Bronikowski zufolge* war der 34jährige „in verzweifelter Stimmung“ ins Schleudern geraten und gegen einen Baum geprallt. Vermutlich war ihm das Schlingern zwischen Selbstverachtung und Größenwahn schon in der Wiege, spätestens aber in dem erwähnten „Heim“ beigebracht worden.

* Vortrag in der Stadtbibliothek Heilbronn, 23. Juni 2006. Die badische Schriftstellerin und Gefangenenbetreuerin starb soeben, im März 2016, mit knapp 94 Jahren.

Die Kindheit Hans Gieses (1920–70), schwuler Sohn eines südhessischen Kirchen- und Staatsrechtlers, dürfte auch nicht so glänzend gewesen sein. Giese junior wurde Mediziner und „Sexualwissenschaftler“, nie dagegen Rebell. Als junger Mann hörte er vielmehr Vorlesungen Martin Heideggers und gewann den faschistischen Psychi-ater Hans Bürger-Prinz zum anscheinend lebenslänglichen Mentor. Nach dem Krieg arbeitete Giese streckenweise mit dem Ex-Nazi-Filmregisseur Veit Harlan zusammen. Laut homowiki.de war Gieses Ersuchen um Habilitierung um 1950 von der Universität in Frankfurt/Main abgelehnt worden – nicht etwa wegen seiner Nazifreundlichkeit, sondern wegen seiner ruchbar gewordenen Homosexu-alität. Ab 1959 durfte er an der Hamburger Universität als „außerplanmäßiger“ Professor ein privates Institut für Sexualforschung betreiben, das er bereits in Frankfurt gegründet hatte. Später soll er sich gar noch der APO zugewandt haben und als Autofahrer von einem Mercedes auf eine Citroen-Ente umgestiegen sein. Dem angemessen gab er ab 1968 bei Rowohlt die Buchreihe „Rororo-Sexologie“ heraus. Giese eine maßgebliche Rolle am Sturz des unseligen Paragrafen 175 zu bescheinigen, ist nach homowiki.de verfehlt. Er habe Homosexualität für eine Krankheit gehalten und sie einerseits in der heimlichen, bürgerlichen Form eingehegt, sonst aber bekämpft sehen wollen, auch strafrechtlich. Giese wünschte keineswegs als schwuler, vielmehr als bedeutender Mann in vieler Munde zu sein, war also wahrscheinlich von Hause aus schüch-tern, entsprechend ehrgeizig und stets zu Zugeständnissen oder Anpassung, sprich Opportunismus bereit. Einfluß besaß er durchaus. Noch kurz vor seinem unerwarteten Tod bestellte ihn das Düsseldorfer Landgericht als Gutachter im zweiten Prozeß gegen den Knabenmörder Jürgen Bartsch.

Gieses Ende ist so umstritten wie sein vorheriges Wirken. Nach einem Streit mit seinem 26jährigen Geliebten H., einem Schauspielschüler, sei er an einem Julitag 1970 vom gemeinsamen Urlaubsort an der Côte d'Azur aus zu einer Bergwanderung aufgebrochen, von der er nicht zurückkehrte, heißt es im Spiegel (32/1970). Man fand den 50jährigen tot, 40 Meter tief gestürzt. H. war unterdessen allein nach Avignon gefahren. Es habe weder Zeugen des Unglücks noch Anhaltspunkte für ein Verbrechen gegeben. Bedenkt man Gieses schlechte Gemütsverfassung, kann sowohl ein Unfall wie ein Selbstmord vorliegen. Von einer amtlichen Version des Geschehens spricht das Wochen-blatt nicht. Von Gieses brauner Vergangenheit übrigens auch nicht.

Leonard Steckel (1901–71) war pikanterweise Eisen-bahnersohn. Er selbst wurde Schauspieler und Regisseur, vornehmlich als Theatermann. Seine ersten Bühnenerfolge feierte er in Berlin, doch 1933 als „Jude“ gebrandmarkt, flüchtete er sich für etliche Jahre nach Zürich, wo er bald auch inszenierte, und zwar eher linke als rechte Stücke, etwa von Shaw, Brecht, Max Frisch. 1955, schon Vater einer erwachsenen Tochter, ging er eine zweite Ehe ein: mit einer Fotoagentin namens Hermi aus München, wo Steckel dann auch wohnte. 1966 brachte das Züricher Schauspielhaus Dürrenmatts neue Komödie Der Meteor auf die Bühne. Die Hauptrolle des Literaturnobelpreis-trägers Schwitter, der es nicht schafft, zu sterben, hatte Dürrenmatt Steckel auf den Leib geschrieben. Der schaffte immerhin noch fünf Jährchen. Inzwischen wieder öfter in Deutschland und dort auch in Berlin zu sehen, hatte Steckel für den Sommer 1971 eine Welttournee mit Brechts Schlager Herr Puntila und sein Knecht Matti geplant. Er hatte den „Puntila“ bereits 1949 in einer denkwürdigen Inszenierung unter Brechts eigener Regie in Ostberlin gespielt. Sein Partner als „Matti“ war damals Erwin Geschonneck gewesen. Doch aus der Welttournee wurde nichts, weil der 70jährige Theatermann aus München am 9. Februar im Allgäu, genauer zwischen Kaufbeuren und Kempten, mit der Eisenbahn unterwegs war. „Mit 130 Stundenkilometern legt sich der TEE 56 Bavaria auf dem Weg nach Zürich hinter dem Bahnhof Aitrang in eine Rechtskurve. Das sind 50 km/h mehr als erlaubt. Der Zug entgleist, zerstört das Gegengleis, einige Wagen stürzen eine Böschung hinab“, schildert das Exil-Archiv.* Gleich darauf bohrt sich auch noch ein aus Richtung Kempten kommender Schienenbus in die Wracks. Die Bilanz: 42 Verletzte, 28 Tote, unter diesen Leonard Steckel.

Da auch beide beteiligten Lokführer starben, konnte nicht mit Sicherheit ermittelt werden, warum der TEE in der Kurve zu spät oder nur unzureichend gebremst hatte. Ein „menschliches Versagen“ liegt nahe. Ein ähnlicher Unfall ereignete sich am 9. Februar 2016 etwas weiter östlich bei Bad Aibling, Landkreis Rosenheim, als auf eingleisiger Strecke zwei Regionalzüge zusammenstießen: 85 Verletzte, 12 Tote. In diesem Fall wurde inzwischen der zuständige Fahrdienstleiter in Untersuchungshaft genommen. Nach Presseberichten schloß seine mutmaßliche Fahrlässigkeit ein, sich während des Dienstes auf seinem Mobilfunk-telefon irgendeinem fesselndem Spiel hingegeben zu haben. In meiner anarchistisch verfaßten thüringischen Zwergrepublik Konräteslust, die eine eigene Nebenbahn-strecke Richtung Gotha betreibt, kommt sowas nicht vor. Ja, mehr noch, es wäre sogar undenkbar gewesen, obwohl es in dieser 3.000köpfigen Gemeinschaft auch ein paar Handys gibt.

* Stand 2016

Lauri Viita (1916–65), finnischer „proletarischer“ Autor. Viita wuchs mit sechs Geschwistern in der „roten“ Hügelsiedlung Pispala nahe der Industriestadt Tampere auf, die knapp 200 Kilometer nördlich von Helsinki an einem ausgedehnten See liegt. Diese Gegend ist Haupt-schauplatz des 1950 erschienenen, dann vielgelesenen Romans Moreeni („Moräne“). Für meinen Geschmack rührt das stark autobiografisch gewürzte Erzählwerk etwas zu ausgiebig und betulich im Alltag des finnischen Volkes, ohne dabei je in die tieferen Schichten persönlicher und politischer Konflikte vorzudringen. Gleichwohl stellt es erstaunlicherweise kein stilistisches Ärgernis dar. Wenn der junge Viita das Gymnasium in Tampere vorzeitig verließ, dürfte es eher an seiner Aufsässigkeit als am häuslichen Geldmangel gelegen haben. Er trat als Tischler/Zimmermann und Bauarbeiter in die Fußstapfen seines Vaters. Der war ein wortkarger, etwas einfältiger Mann, doch immerhin kein Tyrann, falls der Romanschil-derung geglaubt werden darf. 1939 zog der Sprößling in den sogenannten Winterkrieg – ausgerechnet die „rote“ Sowjetunion hatte Finnland angegriffen. Auf diese bekannt dialektische oder gummihafte Moskauer Auslegung der Gebote des ständig beschworenen „Proletarischen Internationalismus“ spielt Viita im Roman nur noch kurz an.* Er „diente“ bis 1944 im Krieg – und damit auch einer inzwischen mit dem faschistischen Deutschland verbündeten finnischen Regierung. Allerdings trat er nie einer Partei bei und nahm in Kauf, selbst als gemachter „Arbeiterschriftsteller“ von Finnlands Kommunisten geschnitten zu werden. Im Tampere der Nachkriegszeit hatte sich um den dunkelhaarigen, kantigen Kopf ein Zirkel meist proletarischer Autoren gebildet, in dem er mit seiner kraftvollen Stimme den Ton angegeben haben soll.

Der Erfolg seines (ersten) Gedichtbandes Betonmüller von 1947 beflügelte Viita, eine Existenz als Freier Schriftsteller zu wagen. Noch scheint er sich gesund zu fühlen. Im ganzen geht Viita drei Ehen ein, denen exakt sieben Kinder entspringen, wie im Falle seiner Eltern. Seine zweite Gattin, bis 1956, war die Autorin und Übersetzerin Aila Meriluoto. Mit ihr lebte er in verschiedenen kleineren Städten Südfinnlands. Mit der Zeit fürchtet sie sich allerdings vor ihm, ist er doch offensichtlich gemütskrank geworden. Viita begibt sich wiederholt in psychiatrische Behandlung. Meriluoto läßt sich schließlich scheiden. Laut Petri Liukkonen** schildert sie das Ehe- und Krankheits-drama später in ihrem Buch Lauri Viita (1974). Verschie-dene Gutachter sollen Viita Schizophrenie oder, moderner, eine bipolare Störung bescheinigt haben. Aber seine Arbeit an einer Roman-Trilogie wird im Dezember 1965, wohl in Helsinki, nicht etwa durch einen Anfall, vielmehr durch einen Autounfall durchkreuzt. Viita erliegt seinen inneren Verletzungen am nächsten Morgen in einem Helsinkier Krankenhaus. Habe ich die finnische Wikipedia richtig verstanden, saß der 49jährige proletarische Autor in einem Taxi, das von einem betrunkenen Lkw-Fahrer gerammt wurde. Der Mann sei ein Jahr darauf mit anderthalb Jahren Gefängnis bestraft worden.

* in der deutschen, von Carl-August von Willebrand übersetzten Ausgabe Ein einzelner Weiser ist immer ein Narr, München 1964, auf S. 409
** in seinem Authors' Calendar, Stand 2008


Der sibirische Journalist und Dramatiker Alexander Wampilow (1937–72) aus dem Dorf Kutulik veröffent-lichte sein erstes Buch unter dem Pseudonym Sanin mit 24 Jahren rund 150 Kilometer weiter südlich in der Großstadt Irkutsk, wo man ihm heutzutage, vermutlich in Bronze gegossen, ganz öffentlich vor einem Theater begegnen kann. Wampilow verfaßte in 10 Jahren fünf Stücke, die sowohl in der Sowjetunion wie in der DDR häufig aufgeführt wurden, darunter 20 Minuten mit einem Engel, Entenjagd, Letzter Sommer in Tschulimsk. Lola Debüser lobt sie (in einer Ostberliner Ausgabe von 1976) über den Klee, obwohl man sie auch sämtlich für einen Tschechow-Aufguß halten könnte, der an der inzwischen angeblich sozialistischen Wirklichkeit unkritisch vorbeigeht. Mit Blick auf das zuletzt genannte Stück (oder auf eine Fata Morgana) pflichtet ihr auch der österreichische „Literaturvermittler“ György Sebestyén* bei: „Zaghafter Optimismus durchflutet eine schamvolle Tragödie – in der Scheu dieses genialen Sibiriaken steckt die unbändige Kraft von kühnen, ja verwegenen Grübeleien.“ Nur das Langstreckenschwimmen beherrschte der geniale Sibiriake, in dessen wortreichen Stücken mehr Wodka als Regen rinnt, möglicherweise nicht vollkommen genug. 34 Jahre alt, soll er im Sommer 1972 bei einer Bootsfahrt auf dem Baikalsee, über die Debüser nichts Näheres verlauten läßt, ertrunken sein. Wampilows Wirkungsort Irkutsk liegt unweit vom Südzipfel des riesigen langgestreckten Sees.

Erfreulicherweise findet sich das Nähere in einem augenscheinlich recht gut belegten Artikel der englisch-sprachigen Wikipedia. Danach hätte Wampilow, neuerdings mit Olga Mikhailovna Vampilova verheiratet und Vater eines Töchterchens, am 19. August seinen 35. Geburtstag gefeiert, sofern er nicht am 17. angeln gegangen wäre. Im Verein mit seinem Irkutsker Kollegen Gleb Pakulov gedachte er just für die Geburtstagsfeier einen Haufen Fische aus dem Baikalsee zu ziehen. Auf dem See werden die beiden jedoch von einem Sturm überrascht, der ihr Boot zum Kentern bringt; wahrscheinlich war auch ein im Wasser treibender Baumstamm im Spiel. Während sich Pakulov an das umgekippte Boot klammerte, habe sich Wampilow, ein ausgezeichneter Schwimmer, zum fernen Ufer gewandt, um Hilfe zu holen. Doch er kam nie am Ufer an. Wahrscheinlich hätten ihn Wasserkälte und Herz-schwäche übermannt. Man habe später nur noch seine Leiche aus dem See gefischt.

Was aus Pakulov (und seinem Seelenfrieden) wurde, läßt sich dem Internet nicht entnehmen. Begnügen wir uns mit ein paar Takten zum Baikalsee. Eine russische Quelle behauptet, Wampilow habe von einer „Datscha“ am Ufer des vielbesungenen Binnengewässers geträumt. Dafür hat es nicht ganz gereicht. Der Baikalsee ist sehr tief, im Schnitt 750 Meter, und erwärmt sich selbst im Hoch-sommer kaum über 10 Grad.

* wahrscheinlich in: Studien zur Literatur, Eisenstadt 1980

Egon Friedell bezeichnet Émile Zola (1840–1902), den berühmten französischen „naturalistischen“ Schriftsteller, der Comte und Darwin verehrte und die größte Stütze des verfolgten jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus war, in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit* aufgrund „seiner Verachtung alles Göttlichen und Anbetung der Masse und der Maschine“ als „einen Höhepunkt des modernen Paganismus“, also des Heidentums. Von daher habe auch sein haarsträubend zufälliger und sinnloser „technischer Tod“ nichts Befremdliches. Von anderen Gesichtspunkten aus allerdings durchaus; es gab und gibt Mordgerüchte. Folgendes trug sich Ende September 1902 in Paris zu.

Mit seiner Gattin Alexandrine eben erst von seinem Landhaus in Médan zurückgekehrt, ließ der 62jährige Schriftsteller den Ofen im gemeinsamen Schlafzimmer anheizen, denn das Sommerwetter war vorbei. Sie gingen zu Bett – und zumindest er wachte niemals mehr auf. Er wurde am nächsten Vormittag mehr oder weniger tot auf den Dielen vorgefunden, während seine Frau bewußtlos im Bett lag. Die Ärzte vermuteten eine Kohlenmonoxidver-giftung der beiden durch einen verstopften Kamin – dieses Gas ist bekanntlich geruchlos. Im Krankenhaus wurde leider nur Alexandrine wieder zum Leben erweckt. Allerdings erbrachten Richard Cavendish zufolge** weder eine amtliche Untersuchung des Schornsteins noch amtliche Versuche mit im Schlafzimmer eingesperrten Meerschweinchen Anhaltspunkte für einen verstopften Kamin (und offenbar auch keinen Auflauf von Tierschützern vor Zolas Haus). Der Coroner entschied auf „natürlichen Tod“. Ob er dabei mehr den ärztlichen Befunden oder mehr seiner Feigheit folgte, ist mir nicht ganz klargeworden. 1953 habe jedoch ein Leserbrief-schreiber behauptet, so Cavendish weiter, der Dachdecker Soundso habe auf seinem Sterbelager gestanden, bei einer Reparatur am Nachbarhaus im Auftrag von Dreyfus-Gegnern Zolas Kamin blockiert, den Stopfen freilich am Todesmorgen vorsorglich wieder entfernt zu haben. Da der Soundso nun ebenfalls tot war, blieb die Angelegenheit ungeklärt. Dagegen war 1908 bei der Umbettung von Zolas Leichnam (ins Panthéon) ein Journalist namens Louis Gregori dingfest gemacht worden, nachdem er bei den Feierlichkeiten auf einen Trauergast geschossen hatte – eben auf Dreyfus. Der wurde aber nur leicht verletzt.

* einbändige Ausgabe München 1974, S. 1339–41
** History Today, Heft 52, 9. September 2002

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