Montag, 1. Oktober 2018
Theodor Lessing
Geschrieben 2014


Man möchte sich fast wundern, daß er immerhin 61 wurde, ehe er 1933 Mördern zum Opfer fiel. Zu den großen Begabungen des jüdischen Gelehrten und Feuilletonisten aus Hannover zählte es nämlich, sich unbeliebt zu machen. Kollege Thomas Mann zum Beispiel hatte um 1910 darauf verzichtet, Lessing zu erschießen. Damals hatte sich eine langwierige Fehde zwischen den beiden an einer scharfen Satire Lessings über den Literaturkritiker Samuel Lublinski entzündet. Gewiß schoß der zumeist vollbärtige Lessing in einer Kehrseite seiner „weiblichen“ Nachgiebig-keit öfter übers Ziel hinaus, aber auch Mann, der hochgewachsene, schöne und bereits angesehene Mann aus München, leistete sich in dieser Auseinandersetzung, Axel Schmitt zufolge*, etliche starke, teils unverhohlen antisemitische Gehässigkeiten. Wie einige Autoren vermuten, waren die Ausfälle der beiden Kampfhähne nicht völlig von dem Umstand unberührt, daß Lessing ein paar Jahre zuvor, 1904, als Aushilfslehrer in der Reformschule Haubinda in Thüringen seine erste Ehefrau, die attraktive Blondine Maria Stach von Goltzheim, ausgerechnet an den damaligen Schüler Bruno Frank verloren hatte, der später Schriftsteller und ein Freund der Familie Mann wurde. Der Mensch wandelt allenthalben über „niedrige Beweggründe“, Lessing wußte es wohl. Meist fangen sie im Elternhaus und in der Schule an – im damaligen Hannover Einrichtungen, die der Sohn eines Modearztes und einer Bankierstochter nach eigenen Worten als „die zwei Höllen meines Lebens“ erfuhr. Dem undurchsichtigen Scheitern seiner ersten Ehe ging das undurchsichtige Scheitern seiner Schul- und Jugend-freundschaft mit dem späteren Holzhammer-Philosophen Ludwig Klages voraus, der 1899 mit dem „ekelhaften, zudringlichen Juden“ bricht. Gleichwohl scheint sich Lessing nie wirklich von Klages' bornierter, zugunsten des „Lebens“ vorgenommener Ächtung des „Geistes“ gelöst zu haben.

Nach Medizin- und Philosophiestudien wird Lessing 1908 an der TH Hannover lediglich „Privatdozent“, ohne Lehrstuhlweihen und Gehalt, weil er den Wissenschafts-betrieb schon zu sehr gegen sich aufgebracht hat. Prompt läßt der angeblich „assimilierte“ Jude im Ersten Weltkrieg (Lazarettarzt und Hilfslehrer) die verbreitete Kriegsbe-geisterung vermissen, nachdem er bereits in jenem Jahr 1908 in einer Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens auf dem Lärm herumgehackt hatte. Das fand man zumindest ziemlich albern. Später erklärt sich Lessing zum Feind Hindenburgs (1925) und hält dafür ArbeiterInnen-bildung hoch. Seine zweite Ehefrau Ada war 1919 Leiterin der gemeinsam aufgebauten Volkshochschule Hannover geworden. 1924 verfolgt er den Prozeß gegen den be-rühmten grausamen Serienmörder und ungleich weniger bekannten Polizeispitzel Fritz Haarmann, Hannover, woraus dann, nach Artikeln, ein Buch entspringt. Lessing rügt zahlreiche Versäumnisse in Ermittlung und Gerichts-verfahren und prangert die allgemeine Heuchelei an: „Dieselbe Menschheit, die nach den Materialschlachten mit fünfhunderttausend Toten ihre Feldherren mit Orden schmückte, ist über einen Mann entsetzt, der vielleicht zwanzig, dreißig Menschen umgebracht hat.“ Mit solcher Sichtweise wird man leicht „Kulturpessimist“ und entsprechend gescholten. Lessing befürchtet, die „Bestie“ heiße nicht Haarmann, vielmehr lauere sie grundsätzlich in jedem notdürftig durch „Zivilisation“ gebändigten Menschen und breche in gesellschaftlichen Krisenzeiten leicht wieder aus. Er zählte dann bald zu ihren Opfern.

1926 sieht sich Lessing nach anhaltender Bedrohung von rechter Seite aus zunächst gezwungen, seinen Hochschul-dienst zu quittieren. Obwohl sein eigener Zionismus durchaus befremdliche „völkische“ Züge hat, entfaltet er nun, schon aus Erwerbsgründen, eine breite antifa-schistische publizistische Tätigkeit, darunter im Prager Tagblatt. Am 1. März 1933 flüchtet er sich in Begleitung seiner 20jährigen Tochter Ruth in einen Zug, der ihn just in die tschechische Hauptstadt bringt. Seine beiden Töchter aus der ersten Ehe hatte er übrigens genauso alttestamentarisch benannt, Judith und Miriam. Am 10. Mai landen auch die Bücher von Theodor Lessing auf deutschen Scheiterhaufen. Er plant inzwischen, im Verein mit seiner ihm nachgereisten Gattin Ada im westböh-mischen Marienbad eine Schule für Kinder jüdischer Emigranten zu eröffnen. In diesem Kurort hat die Familie in der Villa Edelweiß eine Wohnung gemietet, die offenbar nicht im Erdgeschoß liegt, denn am 30. August erblickt die Polizei auf der Gartenseite der Villa eine lange Leiter, die zu den Fenstern des Arbeitszimmers des Schriftstellers und Pädagogen führt. Mit Hilfe der Leiter ist Lessing soeben von den drei sudetendeutschen Nazis Rudolf Max Eckert, Rudolf Zischka und Karl Hönl überrascht und erschossen worden. Sie entkamen zunächst nach Deutschland.

Lessing hatte die zweifelhaft Ehre, das erste Todesopfer des deutschen Faschismus auf tschechischem Boden zu sein. 1919 hatte er sich in seiner, für Schmitt „ungemein klugen“ Schrift Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen über den „frommen Wahn“ lustig gemacht, Geschichte spiegele Vernunft, Sinn, Fortschritt, Gerechtigkeit und dergleichen wider. Vielmehr wird sie stets, von Wünschen und Interessen geleitet, konstruiert. In ihr können die Erfolgreichen lesen, sie waren erfolgreich. Das maßgeb-liche Geschichtsbild über den Autor der Schrift meldete die Hannoversche Niederdeutsche Zeitung, Ursula Homann zufolge**, schon wenige Stunden nach den Schüssen auf ihn: „Mit Prof. Lessing ist eine der übelsten Erscheinungen der Nachkriegszeit aus dem Leben geschieden.“

* Aufsatz „Ein Januskopf der Moderne“, literaturkritik.de Dezember 2003
** Waffe der Kritik

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