Montag, 1. Oktober 2018
Bibliophile Stürze
Geschrieben 2015


Neue Berufe wie Düsenjägerpilot, Geigerzählerputzer oder MondspaziergängerIn zu erfinden, war im Grunde unum-gänglich, weil ja unablässig Berufe aussterben, die bis dahin für tödliche Arbeitsunfälle und damit die Regulie-rung des Arbeitsmarktes sorgten. Einen Tod, wie er Friedrich A. Ebert beschieden war, muß man heutzutage, wo alles am Bildschirm gelesen und verwaltet wird, bereits mit der Lupe suchen. Der Pfarrerssohn stand seit 1825 an der Spitze der Dresdener Königlichen Öffentlichen Bibliothek. „Am 10. November 1834 war er damit beschäftigt, mehrere Bücher wegzustellen; dabei fiel er aus beträchtlicher Höhe von der Bücherleiter und starb an den Folgen dieses Falles am 13. November“, war vor gut 100 Jahren in Richard Bürgers Biografie zu lesen.* Darüber scheint die Forschung bis heute nicht hinausgekommen. Bürger ist allerdings wahrheitsliebend genug um anzumer-ken, der 43 Jahre alte Mitbegründer der Bibliothekswis-senschaft sei bereits von beruflicher Hingabe, Ehekrach (Amalie geb. Hadenius, seit 1826 Ebert) und wiederholten Grippeanfällen geschwächt gewesen. Ebert auf der Leiter war sozusagen nur das Tüpfelchen auf dem i.

1883 zog der Fortschritt auch in die Universitätsbibliothek der kleinen Stadt Göttingen ein: die Bibliothek bekam einen Neubau und in diesem sogar einen Fahrstuhl. Anders wäre der studierte Klassische Philologe Gustav Löwe, der sich bereits als Mitarbeiter an Ritschls großer Plautus-Ausgabe verdient gemacht, aber inzwischen seine Berufung im Bibliothekswesen gefunden hatte, womöglich noch in 200 Jahren nur in engsten Fachkreisen bekannt. In seiner Eigenschaft als Kustos der Universitätsbibliothek stürzte Löwe am 14. Dezember bei einer Begehung des Neubaus in den Fahrstuhlschacht** und starb zwei Tage darauf, ohne sein Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Er war 31.

Der Wiener Dramatiker Hans Chlumberg ist wahrschein-lich zu unrecht ziemlich unbekannt. Sein 1930 uraufge-führtes Stück Wunder um Verdun nimmt in antimilita-ristischer Absicht den Schlachtfeldtourismus aufs Korn, woraus sich ein Riesenkonflikt zwischen den Lebenden und Millionen wiederauferstandener Kriegstoten ergibt. Von diesen möchten jene nichts wissen. Die merkwür-digste Satire gelang Chlumberg allerdings im selben Jahr bei einer in Leipzig stattfindenden Theaterprobe: er stürzte in den Orchestergraben. Das kostete dem 33jährigen Dramatiker das Leben.*** Er bekam in Wien die Chlumberggasse.

Knapp 60 Jahre später fand Chlumberg in Jean-Pierre Ponnelle tatsächlich einen Nachahmer. Der Sproß einer musisch gestimmten französischen Weinhändlerfamilie, in jungen Jahren bei der Résistance, hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Bühnenbildner und Opernregisseur einen Namen gemacht. Etliche seiner Inszenierungen wurden verfilmt. Allerdings hatte er sich, ob aus Theater-besessenheit, Arbeitswut oder Ruhmsucht, auch stark verausgabt, sodaß er schon gesundheitlich angeschlagen war, als er im Sommer 1988, inzwischen 56, in Tel Aviv bei Proben zu Carmen in den ungesicherten Orchestergraben fiel. Wenige Wochen später erlag er den Folgen dieses Sturzes in einem Münchener Krankenhaus.

* Leipzig 1910, bes. S. 57–63
** laut Meyers Konversationslexikon von 1885–92, Band 17
*** laut Christa Karpenstein-Eßbach, in: Guilhamon / Meyer (Hrsg): Die streitbare Klio, Frankfurt/Main 2010, S. 120

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