Montag, 1. Oktober 2018
Marlowe
Geschrieben 2014


Für Brockhaus wurde der Schuhmachersohn, der in Cambridge studiert und bereits Ruhm als Dramatiker, Lyriker und Übersetzer eingeheimst hatte, 1593 im Alter von 29 Jahren „bei einem Wirtshausstreit erstochen“, aus die Maus.* Immerhin hatte er da ja schon Die tragische Historie vom Doktor Faustus, das Versepos Hero und Leander und das Drama Edward II. vollendet – was wollte er noch mehr? Erfahren zu wollen, worum es denn bei diesem „Wirtshausstreit“ gegangen sei, wäre vielleicht zuviel verlangt, können sich doch herkömmliche gedruckte Nachschlagewerke stets auf „Platznöte“ zurückziehen. Brockhaus ist aber überdies kaltschnäuzig genug, einen anderen Streit, der unter Literaturwissenschaftlern und -freunden seit mindestens 100 Jahren tobt, mit keinem Komma zu erwähnen: ob Christopher Marlowe möglicher-weise an jenem Mai-, Zech- und Zahltag im Londoner Stadtbezirk Deptford keineswegs gestorben und ob er nicht vielmehr mit dem ebenfalls 1564 geborenen Stratforder Dramatiker William Shakespeare identisch gewesen sei. Die AnhängerInnen dieser, beispielsweise ausführlich im Wikipedia-Artikel „Marlowe-Theorie“ vorgestellten Sicht (für die Gegenseite selbstverständlich eine Verschwö-rungstheorie) können sich dabei unter anderem auf Ungereimtheiten des Shakespearschen Lebens und Schaffens stützen, die heute so gut wie niemand mehr bestreitet.** Viele dem „Meister“ aus Stratford zugeord-neten Werke lassen sich nur für Einfaltspinsel jenem rothaarigen, biederen Kaufmann unterschieben, der weder vor Marlowes (angeblichem) Tod jemals durch literarische Produktion aufgefallen war noch nach seinem eigenen Ableben (1616) Hinweise auf eine solche hinterließ. Zudem war der Kaufmann bar aller höfischen Kontakte und wohl auch aller Fremdsprachenkenntnisse, ganz im Gegensatz zu dem jungen Marlowe.

Der umtriebige Akademiker Marlowe war zumindest zeitweise als Kundschafter im Auftrage Königin Elisabeths tätig gewesen, hatte dann aber schwer mit Vorwürfen wegen seines unverhohlenen „atheistischen“ Denkens und Lebenswandels zu kämpfen. Als er an jenem unheil-schwangeren 30. Mai im Hause der durchaus angesehenen Witwe Eleanor Bull mit Ingram Frizer, Robert Poley und Nicholas Skeres beim Abendmahle saß, waren gerade zwei enge Freunde Marlowes eingesperrt und gefoltert und noch andere „Ketzer“ verfolgt oder gar aufgeknüpft worden. Marlowe befand sich ohne Zweifel in einer höchst bedrohlichen Lage, ihm winkte die Todesstrafe. Die „VerschwörungstheoretikerInnen“ nehmen deshalb mit etlichen guten Argumenten an, die Messerstecherei in dem Speisezimmer sei lediglich vorgetäuscht worden. Die Genannten hätten vielmehr Marlowe auf diese Weise aus dem Verkehr gezogen, dafür den Untersuchungsrichtern eine „falsche“ Leiche untergeschoben. Fortan habe Marlowe ein anonymes Leben geführt, allerdings unter verschiedenen Pseudonymen, darunter eben „William Shakespeare“, weiterhin literarische Werke veröffentlicht. Wahrscheinlich sei er erst 1655 in hohem Alter gestorben, und zwar in Gent.

Die bislang jüngste Munition der DenkmalschänderInnen packte ein pensionierter Münchener Medizinprofessor mit einem 700-Seiten-Wälzer auf den Tisch.*** Sein Werk wurde unter anderem von der FAZ verhöhnt und verrissen, was niemanden verblüffen wird, der an die vielen offiziell erlassenen Kanons nicht mehr ganz so fest wie kleine Kinder an den Nährwert des Goldes oder wie die kommu-nistische Tageszeitung Junge Welt an den „Klimawandel“ glaubt. Im Falle Shakespears stehen neben der Stratforder Tourismusbranche immerhin die sogenannte Reputation (auf deutsch „päpstliche Unfehlbarkeit“) und die entsprechenden Einkünfte von vielen Hundert literatur-wissenschaftlichen Kapazitäten auf dem Spiel. Sie müssen recht behalten, damit ihre Sterne nicht sinken und ihre Preise nicht fallen.

* Band 14 von 1991, S. 229
** Als der Wiener Schauspieler und Publizist Egon Friedell 1927 den ersten Band seiner Kulturgeschichte der Neuzeit veröffentlichte, waren ihm die Zweifel an der Identität des „heimlichen Königs“ von England durchaus bekannt – weshalb er diese Frage kurzerhand für nebensächlich erklärte: „Vielleicht hieß er nicht Shakespeare: was kümmert uns seine Adresse!“ (Zitiert nach der einbändigen Münchener Dünndruckausgabe von 1974, S. 400.) Hauptsache, die verehrbare „Größe“ war da, soll sie doch Schüttelspeer, Marlowe oder Windbeutel heißen.
*** Bastian Conrad: Christopher Marlowe, der wahre Shakespeare, München 2011

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