Montag, 1. Oktober 2018
Blick nach drüben
Geschrieben 2014


Am 17. Juni 1953 sind die drei DDR-Beamten (von der Volkspolizei und vom MfS) Georg Gaidzik, Gerhard Händler und Johann Waldbach zum Wachdienst in der Magdeburger Haftanstalt Sudenburg eingeteilt. An diesem Tag war, wie fast jeder weiß, in verschiedenen Städten der DDR, je nach Standpunkt, ein „Arbeiteraufstand ausgebrochen“ oder aber vom Grenzzaun gebrochen worden. Was Magdeburg angeht, versuchte eine Gruppe von Aufständischen zwecks Gefangenenbefreiung das genannte Zuchthaus zu stürmen. Diese Leute besaßen ein paar Schußwaffen, die sie der Vopo entwunden hatten. Bei ihrem Angriff auf die Wachhabenden kamen die drei Beamten um. Sie waren 24, 32 und 33 Jahre alt. Wer im einzelnen schoß, ist teils umstritten, teils unbekannt. Verluste auf Seiten der ErstürmerInnen gab es nicht. Sie zerstreuten sich, als ein sowjetischer Panzer aufzog.

Im ganzen sollen die damaligen Unruhen, auf beiden Seiten, 50 bis 70 Todesopfer gefordert haben. Es ist natürlich anzunehmen, daß sich unter den „Aufstän-dischen“ etliche Provokateure befanden. Wer sandte sie aus? Für die Linke besteht meist kein Zweifel: die AuftraggeberInnen konnten nur CDU, CIA, RIAS Berlin heißen – ein Rundfunksender, der die Unruhen kräftig schürte. Folgt man dagegen dem 2009 veröffentlichen Buch Deutsche Daten des aus der DDR stammenden Schriftstellers Friedrich Dieckmann, wurde der Aufstand von denen angezettelt, gegen den er sich richtete: Ulbricht und Semjonow. „Hochkommissar“ Wladimir Semjonow vertrat damals die UdSSR und deren Armee. Sie alle hatten sich im ostdeutschen Volk unbeliebt gemacht, durch krasse Normerhöhungen und BesatzerInnengebaren etwa, hätten jedoch, so Dieckmann, durch Zugeständnisse keine Schonung mehr erlangt. Also mußte, wie üblich, ein massiver „feindlicher“ Angriff von außen her („westliche Provokateure!“), damit die Mannen um Ulbricht und Semjonow als Erretter der Nation auftreten konnten.

Den Hintergrund dieser Taktik gab für Dieckmann ein Kampf zweier Linien in der Sowjetunion ab, der die gesamte europäische Friedensordnung betraf. Eine Fraktion um den Geheimdienstchef Lawrenti Berija habe, mit Einvernehmen Winston Churchills, auf die Beendigung sowohl des (kostspieligen) „Kalten Kriegs“ wie der deutschen Teilung, somit auf die Preisgabe der (kostspie-ligen) DDR gesetzt. Das war jedoch gar nicht nach dem Geschmack des Parteisekretärs Chruschtschow und der Roten Armee. Also konnte auch ihnen eine Gelegenheit, die Unverzichtbarkeit sowjetischer Präsenz in Ost-deutschland zu demonstrieren, nur willkommen sein. Der kräftig geförderte Aufstand wurde niedergeschlagen; Ulbricht saß wieder fest im Sattel; Berija wurde verhaftet und im Dezember 1953 erschossen; Adenauer (der „deutsche Einheit“ immer nur als Lippenbekenntnis gekannt hatte) gewann die westdeutschen Wahlen im September 1953 haushoch – die deutsche Teilung war zementiert.

Nebenbei eröffnet Dieckmann, sonst ein guter Stilist, seine Aufsatz-Sammlung mit einem langatmigen Essay über den idealen deutschen Nationalfeiertag, der zu allem Unglück (der Essay) ähnlich fruchtlos geraten ist, wie ich Kohls ostdeutsche „blühende Landschaften“ aus eigener Anschauung kenne. Zur Krönung verkündet Dieckmann in diesem Essay kategorisch, ohne uns auch nur ein Komma einer Begründung zu gönnen: „Wieder andere werden einen Staats-, einen Nationalfeiertag schlechthin für überflüssig erachten. Wer das tut, erkennt mittelbar Staat und Nation für entbehrlich, was keine realistische Position ist; wir brauchen beide so dringlich wie Kooperation und Verflechtung in kontinentalen und globalen Bezügen.“ Statt sich die Mühe dieses schlechthin überflüssigen Essays zu machen, hätte er genauso gut erklären können, ein Gestirn ohne Steueroasen sei undenkbar.

Ich will noch einen Blick auf die bald darauf (1961) errichtete Mauer werfen. Eins sollte klar sein: Hat es eine angebliche Volksrepublik nötig, ihre Bevölkerung gewaltsam am Verlassen des Landes zu hindern, weil sich diese Bevölkerung weder aufgrund der republikanischen Zustände noch aufgrund der Argumentation der republika-nischen Regierung mit dem Dableiben anfreunden kann, sollte diese „Volksrepublik“ ihren Laden lieber aus freien Stücken schließen, ehe sie zurecht in Verruf gerät. Von daher gibt es an den Todesopfern des DDR-Grenzregimes, möglicherweise über 1.000, nichts zu beschönigen.

Allerdings stelle ich es mir auch nicht angenehm vor, statt in der DDR in einer verschlossenen dunklen Transport-kiste zu ersticken. So erging es dem kleinen Holger H.. Dessen Vater, früher schon bei einem Fluchtversuch über die Ostsee gescheitert, schlug nun den Weg über den Kontrollpunkt Dreilinden nach Westberlin vor. Ein Westberliner Bekannter mit Lastwagen stellte sich, im Januar 1973, als Fahrer der Fuhre zur Verfügung. Der Vater kam in eine, die Mutter mit dem 15 Monate alten Holger in eine andere Kiste. Man hatte die Kontrollen schon fast durchstanden, als Holger zu brüllen anhob. Da es der Mutter nicht gleich gelang, ihn zu beruhigen, hielt sie ihm kurzerhand den Mund zu. Dummerweise litt ihr Holger zu dieser Zeit an einer Mittelohrentzündung und einer Bronchitis zugleich, sodaß er nicht durch die Nase atmen konnte. Der Lastwagen erreichte glücklich Westberliner Gebiet – aber mit dem erstickten Holger als Leiche.

Unerschrocken betrachtet, hätte man freilich auch den vielen westlichen Demokraten das Maul zuhalten müssen, die sich über das grausame DDR-Grenzregime ereiferten, während sie mit ihrem Hintern krampfhaft den Deckel des bodenlosen Fasses drückten, in dem die niedergemähten PrärieindianerInnen, die ausgepeitschten Kongo-Neger, die totgeschlagenen Chinesen des britischen Empires, die Verbrannten aus Hiroshima, die abermillionen Toten diverser Algerien- und Vietnamkriege, die Opfer bundesdeutscher Polizeipistolen und so weiter ächzten. Allein an der Grenze zwischen Mexiko und Nordamerika, die mit Zäunen, Mauern, US-Nationalgardisten und Abschiebegefängnissen gespickt ist, kommen jährlich, seit Jahrzehnten, zwischen 250 und 500 Menschen um. Hat sich da jemand entrüstet? Auf diese obszöne Doppelmoral weist Gert von Paczensky in seinem Buch über die Weiße Herrschaft unentwegt hin. Man hätte unseren Faßdrük-kern ins Gesicht sagen müssen, sie seien „herzlose Mörder, Plünderer und Verschwörer, wie sie die Welt ihresgleichen noch nicht gesehen“ habe. So Hartley Shawcross, britischer Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen – auf die bösen Nazis gemünzt. Sollte das geflügelte Wort „Haltet den Dieb!“ im Englischen keine Entsprechung haben? Von Paczensky knöpft sich auch wiederholt* die unzulässige „Vereinzigartigung“ der faschistischen Verbrechen vor. Sie hat genau die angedeudete Funktion. Darauf komme ich in Band 18 zurück.

* Etwa S. 125, 159, 240 (Fischer-TB 1982)
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