Sonntag, 30. September 2018
11 Unglücksräbinnen
Geschrieben 2015/16. Umfang 12 Druckseiten.


Barbara Kepler + Fanny Kaplan + Xiao Hong + Ines Angelika Mosig + Gerda Taro + Meta Scheele + Ulla Mel-chinger + Christine Chubbuck + Paula Köhlmeier + Anna Halman + Veronika Fischer

Barbara Kepler (1573–1611). Im Jahr 1597 war der Astronom Johannes Kepler noch jung (25) und unbe-rühmt. Rund drei Jahre früher hatte er einen Posten als Hochschullehrer für Mathematik in Graz, Steiermark, ergattert. Nun schritt er daran, eine Familie zu gründen. Seine Braut Barbara besitze hier „Güter, Freunde und einen reichen Vater; ich dürfte, allem Anschein nach, in einigen Jahren kein Gehalt mehr brauchen“, teilt er seinem Tübinger Förderer und Freund Michael Mästlin brieflich mit. Koestler versichert*, über die Person der Braut oder über Keplers Gefühle für dieselbe finde sich in dem Brief kein Wort. Immerhin erspart uns Kepler dadurch Heuchelei.

Wahrscheinlich kommt seine Gefährtin auch sonst, in der Quellenlage überhaupt, äußerst dürr weg – obwohl sie doch so „einfältig und fett an Gestalt“ war, wie der Astronom irgendwo anders festgestellt haben soll. Volker Bialas (2004) streift sie nur flüchtig und erwähnt ihren Tod lediglich indirekt. Aber auf ihres Gatten Charakter gibt er viel. Auch von Mechthild Lemckes Rowohlt-Monografie (1995) über den Gatten heißt es, die Autorin gehe kaum auf Persönliches ein. Sind Männer wie Kepler Sonnen, erzielen ihre Gefährtinnen bestenfalls die Aufmerksamkeit von Möndchen entfernter, nur aus „Rotverschiebung“ ermittelter Planeten. Diese krasse Schieflage macht die zumeist mißliche Situation der Weiber Prominenter noch schlechter: Offenbar haben wir in den spärlichen, leider ziemlich ungünstigen Aussagen des ehrgeizigen und rhetorisch beschlagenen Gatten auch schon die einzige nennenswerte Quelle zum Wesen der jungen Hauseselin, mit der er 14 Jahre lang verheiratet war und fünf Kinder zeugte.** Daran rüttelt wahrscheinlich auch Gadi Algazis erstaunlich gründliche Betrachtung des Keplerschen Haushaltes von 2012 nicht***, die im Internet leider nur bruchstückhaft einsehbar ist. Algazi stützt sich hauptsäch-lich auf einen langen, wohl 1612 entstandenen Briefent-wurf des Astronomen.

Erschreckender-, wenn auch üblicherweise hatte Barbara, Tochter eines wohlhabenden Müllers aus Gössendorf bei Graz, bereits zwei Ehemänner über sich ergehen lassen müssen, ehe sie, als junge Witwe, von dem schwäbischen „Sterngucker“ umworben wurde. Erstmals zwangsver-heiratet mit 16, war sie bei ihrer dritten Hochzeit im Jahr 1597 erst 23. Für Johannes stellte sie sich als seine Bürde heraus. „In ihrem ganzen Tun ist sie wirr und unbeholfen. Sie gebärt auch schwer. Alles übrige ist gleicher Art.“ Er stellt sie als blöde, mürrisch, wehleidig, zänkisch, geizig hin. Ihre Liebe habe ausschließlich Kindern gegolten, aber damit hatte sie ja ebenfalls Pech. Nur zwei von den fünf Kepler-Sprößlingen überlebten ihre Kindheit. Zuletzt, in Prag, wurde Barbaras Liebling, der sechsjährige Friedrich, ein Opfer der von Soldaten eingeschleppten Pocken. 1611 wurde das Unglück der Mutter von einem „Ungarischen Fieber“ gekrönt, das epileptische Anfälle und Geistesstö-rungen mit sich brachte. 37 Jahre alt, sei Barbara Kepler „in geistiger Umnachtung“ gestorben, schreibt Koestler.

* Arthur Koestler: Die Nachtwandler, deutsche Fassung Bern 1959, S. 271–74 und 387
** Zudem gab es wohl noch eine Tochter, die Barbara bereits in die Ehe mit Johannes eingebracht hatte.
*** Gadi Algazi, „Johannes Keplers Apologie“, in: Reich / Rexroth / Roick (Hrsg): Wissen, maßgeschneidert. Experten und Experten-kulturen im Europa der Vormoderne, München 2012, S. 214–48


Fanny Kaplan. Über Anarchisten sind ähnlich unzählige falsche (und oft bösartige) Vorstellungen im Umlauf wie beispielsweise über Rasputin. Selbst in dem 1905 veröffentlichten Roman Professor Unrat von Heinrich Mann wird der titelgebende Gymnasiastenschreck unangemessenerweise wiederholt als Anarchist bezeichnet. Auch Schüler Lohmann, von Unrat nie „gefaßt“, höhnt angesichts der vom Professor und seiner Geliebten Rosa Fröhlich aufgezogenen Lasterhöhle, der Tyrann habe den Pöbel in seinen Palast gerufen, um ihm die Anarchie zu verkünden. Tyrann ist er natürlich. Menschenfeind Unrat straft und schadet für sein Leben gern, hat immer recht, dafür nicht einen Funken Selbstkritik. Aber Anarchist? Ich selber verstehe mich so, und ich verstehe darunter den Anhänger einer Ordnung ohne Herrschaft, was bedeutet, daß er autoritäre Knochen wie Unrat am wenigsten gebrauchen kann. Ich nehme an, Heinrich Mann saß damals einem um 1900 beliebten Klischee des Anarchisten auf. Es verdankte sich „Kämpfern“, die Victor Serge (in seinen überragenden Erinnerungen) „Desperados“ nennt. Serge lebte unter ihnen. Sprengen sie Zaren, Polizeiprä-fekturen, Kaffeehäuser oder sich selbst in die Luft, dann aus menschenverachtender Selbstherrlichkeit, die auf wenig Eigenliebe schließen läßt. Das heißt nicht, ich sei grundsätzlich gegen Anwendung von Gewalt. Vielmehr heißt es, daß ich Gewalt verabscheue und möglichst zu vermeiden suche. Das ist ein wichtiger Unterschied, auf den etwa George Orwell hingewiesen hat.*

Die blutjunge angebliche „Anarchistin“ Fanny Kaplan, Tochter eines jüdischen Lehrers aus der Ukraine, hatte sich 1906 an einem Attentat auf einen nichtbolsche-wistischen Regierungsbeamten in Kiew beteiligt. Sie erlitt durch die Bombenexplosion schwere Sehschäden und wurde in Gefängnisse und entlegene Zwangsarbeitslager gesteckt, wobei sie ins politische Lager der Sozialrevoluti-onäre wechselte. Im Sommer 1918 sah die gesundheitlich zerrüttete, inzwischen 28 Jahre alte Frau im obersten „Volkskommissar“ und bolschewistischen Parteichef Lenin einen neuen Zaren. Als er am 30. August nach einer Rede eine Moskauer Waffenfabrik verließ, brachten ihm zwei Pistolenkugeln Schulter- oder Nackenverletzungen bei, von denen er sich nie mehr richtig erholen konnte. Als Schützin wurde Kaplan festgenommen. Angeblich bekannte sie sich auch in einer kurzen Stellungnahme zu der Tat, schwieg jedoch im folgenden eisern. So wurde sie nach wenigen Tagen von der Geheimpolizei Tscheka kurzerhand in einer Moskauer Garage ohne formelles Gerichtsverfahren erschossen. Unter Historikern ist Kaplans Täterschaft aufgrund zahlreicher Ungereimt-heiten, darunter Kaplans Sehschwäche, umstritten. Manche glauben, sie habe als Sündenbock herhalten müssen oder habe aus freien Stücken die wahren Täter gedeckt. Doch wer auch immer schoß – laut Jens Teschke** räumte Armeechef Leo Trotzki ein, wer den Nutzen davon hatte: „Die Revolution wurde bemerkens-werterweise nicht durch eine kurze Phase der Ruhe stabilisiert, sondern durch die Bedrohung durch das Attentat.“

* Essay „Lear, Tolstoy and the Fool“ von 1947
** Artikel für Deutsche Welle, Stand August 2018


Xiao Hong (1911–42), chinesische sozialkritische Schriftstellerin aus halbwegs wohlhabendem Grundbe-sitzerhaus in Nordostchina. Sie hat sich zeitlebens – nicht sehr lang – gegen Unbilden wie lieblose Eltern, Zwangs-verheiratung, Kriegswirren (Bürgerkrieg, Einfall der Japaner), Männergewalt überhaupt, Hunger und Krankheit zu wehren, darunter, laut Petri Liukkonen*, Tuberkulose. Gefördert von Lu Xun in Shanghai, hat sie 1935 einen ersten Bucherfolg. Sie lebt mit verschiedenen Liebhabern zusammen und stirbt im japanisch besetzten Hongkong, 30 Jahre alt. In ihrem letzten, oft als „ihr Meisterwerk“ bezeichneten Buch Geschichten vom Hulanfluß (1942)** nimmt sie die unterwürfige, abergläubische, rechthaberische, schadenfreudige, verfressene, frauenfeindliche, grausame chinesische Seele ohne Zweifel mit einer bemerkenswerten feinen, bissigen Ironie aufs Korn, doch die Klassen- und Staatsfrage schneidet sie darin um keinen Millimeter an. Allerdings muß man bedenken, sie war schon todkrank. Sie wollte ihre bittersüße Kindheit retten.

* 2014? Der Kalendermacher L. scheint als Bibliotheksleiter in Kuusankoski/Kouvola, Südfinnland, zu leben.
** deutsch im Insel-Verlag 1990, Übers. Ruth Keen


Ines Angelika Mosig (eigentl. Ilse Jewan-Mosig), 1910–25. April 45, Berliner Nazi?-Mädel-Schriftstellerin und Verlagslektorin. Es liegt ja nahe, der Chinesin eine Kollegin von der anderen Seite gegenüber zu stellen, aber leider ist über Mosig so gut wie nichts in Erfahrung zu bringen. Was propagierte sie? Wurde sie, mit 34, gebombt oder zog sie es vor, wie gewisse Evas im Führerbunker, Gift zu schlucken? Ein SA-Sturmführer Kurt Jewan, vermutlich ihr (späterer?) Gatte, war 1933/34 Häuptling der neuen „Studentenschaft“ der Berliner Universität.* Im dürren, wie so oft quellenlosen Wikipedia-Eintrag heißt es, Mosigs Bücher Fräulein, bitte schreiben Sie! (Roman, 1941) und Mein lieber Mann! (Feldpostbriefe der Autorin, 1942) seien in der SBZ/DDR geächtet gewesen. Der Urheber des Eintrags ist inzwischen gestorben. Die berühmte „Schlacht um Berlin“ 1945 währte vom 16. April bis zum 2. Mai.

Die Bielefelder Germanistin Petra Josting (Kinder- und Jugendliteratur 1933–45, Stuttgart 2001) antwortet mir freundlich und postwendend (am 12. Aug. 2018) – bedauert jedoch, auch nichts Näheres über die Person Mosig zu wissen. Sie meint, man könne vielleicht die Archive der Verlage bemühen, in denen Mosigs Werke erschienen (u.a. Scholz in Mainz und Heyne in Dresden), oder, wegen möglicher NS-Mitgliedschaft, das (ehemalige) Berliner Document Center (jetzt im Bundesarchiv).

* Christoph Jahr, Hrsg: Die Berliner Universität in der NS-Zeit, Band 1, Franz Steiner Verlag 2005, S. 121

Gerda Taro. Während sich Eileen O’Shaughnessy an den Schreibmaschinen und Telefonen der POUM nützlich machte, betätigte Gerda Taro ihre Kamera – sogar an der Front. Die 1910 geborene Schwäbin, Tochter eines jüdischen Kaufmanns, hatte ab 1929 die nichtstaatliche Gaudigschule in Leipzig besucht, der es um die Förderung der Selbsttätigkeit ihrer Schützlinge ging. Nach kurzer Haft wegen antifaschistischer Umtriebe traf Taro im Herbst 1933 gemeinsam mit ihrer Freundin Ruth Cerf in Paris ein. Sie fand Arbeit in einer Bildagentur, nachdem sie den ungarischen Fotografen Robert Capa kennengelernt hatte, der ihr Lehrer und Geliebter wurde. Von da an arbeiteten sie zusammen. Capa, weitaus bekannter als sie, kam „erst“ 1954 mit 40 als Kriegsberichterstatter in Indochina um, wo er auf eine Landmine trat. Zwei Jahre darauf folgte ihm sein Freund und Mitgründer der Pariser Magnum-Agentur David Seymour ins Grab. Der 44jährige wurde beim Beobachten eines Gefangenenaustausches im Krieg um den Suez-Kanal erschossen.

Taro hatte ihren ersten Presseausweis im Februar 1936 erhalten. Schon im Sommer traf sie mit Capa im republikanischen Barcelona ein. Das Gespann besuchte diverse Fronten. Die „geschossenen“ Fotos gingen im Rahmen verschiedener Zeitschriften um die Welt. Selbstverständlich bildete Taro, neben den Greueln des Krieges, auch gerne unerschrockene Kämpferinnen ab. Auch ihr selber hat es laut Alfred Kantorowicz' Kriegstagebuch nicht an Mut gefehlt. An der Cordoba-Front sei die „anmutige Reporterin“ 1937 mit „Basken-mütze über dem schönen rotblonden Haar“ und einem „zierlichen Revolver“ im Gürtel aufgetaucht, um zu einer polnischen Kompanie vorzudringen. Sie hatte ursprünglich gleichfalls einen polnischen Nachnamen getragen, Pohorylle. Zu ihren fototechnischen Eigenheiten gehörte die Untersicht, durch die sich der Himmel weitete. Davon abgesehen, war die „lässige Schönheit“ aus Schwaben, laut Irme Schaber*, der erste weibliche Frontfotograf überhaupt.

Allerdings kam sie schon nach einem knappen Jahr unter die Erde. Zu Taros letzten Arbeiten zählt ein Foto des Ortsschilds von Brunete (bei Madrid) mit bewaffneten Kämpfern davor. Am 25. Juli 1937 erlebt sie an der Brunete-Front einen anhaltenden Luftangriff der berüch-tigten faschistischen, wenn auch nicht gekennzeichneten deutschen Legion Condor. Sie hockt in einer Art Fuchsbau, fotografiert – und bleibt unversehrt. In der Nacht jedoch, beim Rückzug der RepublikanerInnen, gerät sie unter einen eigenen Panzer, weil sie vom Trittbrett eines Lastwagens abgerutscht ist. Sie wird überrollt.

Als die 26jährige am 1. August auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise bestattet wurde, folgten Tausende dem von Pablo Neruda und Louis Aragon angeführten Trauerzug, der sich in eine Demonstration gegen die heuchlerische „Nichteinmischungspolitik“ der westlichen Demokratien verwandelte. Unter der Hand lieferten sie Franco Waffen und „dämmten“, im Falle Frankreichs und Portugals, die Flüchtlingsströme ein. Was den Einsatz der Legion Condor angeht, sollte Hermann Göring später in Nürnberg schwärmen, er sei „ein ausgezeichnetes Training für Mensch und Material“ gewesen. Gefeierte Bomberpiloten wie Johannes Trautloft wurden, nach 1945, nicht etwa aufgeknüpft oder mit 20 Stockhieben bedacht; sie wurden Brigadegeneral und Luftwaffeninspekteur der Bundeswehr.

Alberto Giacometti schuf für die verunglückte Fotografin ein Grabmal, das allerdings nicht mehr erhalten sein soll. In Stuttgart gibt es seit 2008 einen Gerda-Taro-Platz. Schaber behauptet, viele Aufnahmen von Taro seien nach dem Zweiten Weltkrieg dem berühmteren Capa zugeschrieben worden – vor allem aus kommerziellen Gründen, weil sie sich auf diese Art besser verkaufen ließen. Zudem habe Capa eingeräumt, wegen der unter anderem geschäftsschädigenden Kommunistenhatz in den USA habe es sich für ihn angeboten, eine nachträgliche Arbeitsteilung einzurichten: „Ich war der Fotograf und Gerda die Kommunistin.“ Sie war ja tot.

* Gespräch mit der Deutschen Welle, 24. Juli 2012

Meta Scheele fiel „zu Hause“ – unter das Programm Euthanasie. 1904 als Tochter eines norddeutschen Schulrats und Heimatforschers geboren, hatte sie unter anderem Geschichte studiert und 1928, mit nur 23 Jahren, in Göttingen ihren Dr. phil. gemacht. Zwei Jahre darauf heiratet sie ihren Göttinger Kollegen Werner Pleister, der sie in ein „nationalkonservatives“ Umfeld zieht. Sie geht mit ihm nach Berlin, wo er, als eingeschriebenes Mitglied der NSDAP, von 1932 bis 1937 die Literarische Abteilung des Deutschlandfunks leitet. Er macht weiter Karriere; 1952 ist er der erste Fernsehintendant der BRD. Aber Meta Scheele hat sich schon 1937 von ihm getrennt. Die verstörte, wenn nicht gar zerrüttete Frau kehrt in ihre Heimat zurück, nach Ratzeburg und Lübeck, und wie es aussieht, blüht sie dort keineswegs auf. Wahrscheinlich gelingen ihr nun auch keine literarischen Arbeiten mehr. Scheele hatte um 1930 begonnen, Rezensionen und Feuilletons für die Presse und auch eigene erzählende Werke zu verfassen, in denen sie Geschichtsschreibung mit Fabulieren vermischt. Sie konnte, nach ihrer Dissertation und einem Band mit Gedichten, mindestens vier solcher Bücher veröffentlichen, darunter Die Sendung des Rembrandt Harmenszoon van Rijn, die später auch als „Wehrmachtsausgabe“ erschien.

Im November 1938 fand sich Scheele in der Lübecker Nervenheilanstalt Strecknitz wieder – auf wessen Betreiben, geht aus den Quellen nicht hervor. Aber es kam noch viel dicker. Im September 1941 wurde Scheele, mit anderen „Geisteskranken“, in die sogenannte Eichberg-Klinik bei Erbach/Eltville im Rheingau geschafft – in Wahrheit eine von den Ärzten Friedrich Mennecke und Walter Schmidt geleitete Tötungsanstalt im Rahmen jenes faschistischen „Euthanasie“-Programms. Hier wird die 37jährige Ex-Schriftstellerin am 1. Juni 1942 umgebracht.

Wahrscheinlich deutet sich Scheeles bis zur Verwirrung führende Unentschiedenheit bereits in ihrem ersten Roman Frauen im Krieg an, der 1930 in Gotha erschien. Schon dem Titel mangelt es an Genauigkeit. Es geht der Autorin nämlich gerade um das Problem, daß die Frauen nicht im Krieg stehen, aber als Mütter, Gattinnen, Bräute, die zu Hause bleiben müssen, gern gewichtige Beiträge zur Verteidigung des Vaterlandes, Schmiedung der Volksge-meinschaft – kurz, zum sozialen Ganzen leisten würden. Die junge Bürgerstochter Johanna kommt sich jedenfalls reichlich überflüssig oder unausgefüllt vor, während ihre Mutter sie ans Haus fesselt und ermahnt, auf ihren sicherlich schon in Kürze siegreich aus Frankreich heimkehrenden Verlobten Klaus zu warten. Aber der Erste Weltkrieg zieht sich hin. Die Ärmlichkeit greift um sich, Mißgunst und Gehässigkeit nehmen zu, selbst die „Argu-mente“ für den Krieg drohen schäbig oder fadenscheinig zu werden. Johanna probt den Aufstand durch Mitarbeit in einem Lazarett. Später arbeitet sie sogar in einem Kinderheim, gibt ihrem in den Revolutionswirren heimkehrenden Bräutigam den Laufpaß und reist in die Hauptstadt, um in der Zentrale eines Frauenverbandes zu arbeiten und nebenher Medizin zu studieren.

Leider bleibt Scheeles Kritik an der Männerrolle ähnlich schwach beziehungsweise verwaschen wie die am Krieg. Diese wird einmal von einer Munitionsfabrikarbeiterin namens Bohr und später von Müttern der Heimkinder vorgebracht. Warum die von Frauen in die Welt gesetzten Kinder eines Tages als Kanonenfutter zu dienen haben, wird allerdings nie erörtert oder auch nur angedeutet. Ökonomische und politische Interessen kommen nicht vor. Entsprechend bleibt das, was Scheele als „Aufbruch der Frau“ hinstellt, völlig im Nebel. Aufbruch, Frauenwahl-recht, Freiheit – wohin und wozu? Nur, um es den Männern gleich tun zu können? Diesem nebelhaften Schritt in die Freiheit wiederum entspricht der beschwö-rende bis pathetische Zug der betreffenden Romanpas-sagen. Ansonsten ist der Roman erfreulich schlicht und anschaulich geschrieben und mutet uns nur wenige Holprigkeiten zu. Er hat etwas Bescheidenes und Tapferes. Jedenfalls geht ihm jedes Gramm Zynismus ab, ganz im Gegensatz zu den Erzählungen von, sagen wir, Katherine Mansfield, die zwar die glanzvollere Stilistin, im Grunde aber noch unpolitischer als Scheele ist.

Die Münchener Fernsehansagerin Ulla Melchinger (1932–69), ursprünglich Bürokraft und Mannequin eines Sportartikelherstellers, gehörte in den 5oer Jahren zu den bevorzugten Adretten des Bayerischen Rundfunks (BR). Knittergesichter wollte man da nicht. Durch eine Rolle in einem Lehrfilm wurde Melchinger dazu verführt, eine Laufbahn als Schauspielerin einzuschlagen, was ihr aber, nach einigen Nebenrollen um 1955, offensichtlich mißglückte. Der Weg zurück in die Ansagerei war ihr inzwischen versperrt. Möglicherweise blieb ihr nur die Ehe. Seit 1966 soll sie mit einem etwas jüngeren Dr. Klaus L. verheiratet gewesen sein, der erst 2005 starb. Sie selber warf sich, angeblich und wenig vorbildlich, im Mai 1969 vor einen Zug. Wo und warum, war nicht zu ermitteln. Die ungefähr 37jährige hinterließ, neben dem Witwer, ein Kind. Dessen Name ist ebenfalls unbekannt, sonst hätte ich es, wahrscheinlich vergeblich, angeschrieben.

Christine Chubbuck (1944–74). Die studierte US-Journalistin aus Ohio war zuletzt, bis zu ihrem Tod, als Reporterin und Moderatorin in Sarasota, Florida, beim Fernsehsender WXLT-TV tätig, auch Channel 40 genannt. In ihrer Vormittagssendung Suncoast Digest des 15. Juli 1974, einem Montag, faßte die 29jährige einen folgen-schweren, offensichtlich halb spontanen Entschluß. Als die Filmrolle mit dem Bericht über eine Schießerei in einem Restaurant des örtlichen Flughafens klemmte, schaltete Kamerafrau Shay Taylor zur Moderatorin der Show zurück. Daraufhin teilte Chubbuck ihrem Publikum schlagfertig mit, gemäß der Tradition des Senders, sie stets mit den frischsten Blut- und Ekelvorfällen „in living color“ zu versorgen, sähen die Damen und Herren zu Hause nun alternativ einen Selbstmordversuch. Schon setzte sie sich, laut Sarasota Herald-Tribune vom nächsten Tage, den Lauf einer Pistole hinters rechte Ohr, drückte ab und fiel, von ihrem wehenden langen schwarzen Haar begleitet, mit dem Oberkörper vornüber, also gleichsam dem Fernseh-publikum in den Schoß. Dann sorgte der geistesgegen-wärtige Technische Leiter dafür, daß auch der Bildschirm schwarz wurde. Aber von dem vorausgehenden Knall dürften noch alle Teelöffel in Floridas Küchen gezittert haben. Chubbuck hatte die Pistole aus einer unter ihrem Pult verborgenen Einkaufstasche gezogen. Nun tobten die Telefone des Senders. Chubbuck starb noch am selben Tag im Krankenhaus.

In den zurückliegenden Wochen hatte sie in Überein-stimmung mit ihren Vorgesetzten an einer Sendung zum Thema Selbstmord gearbeitet und sich in diesem Rahmen beiläufig beim Sheriff nach der sichersten Methode des Sicherschießens erkundigt. Angeblich hatte sie seit Jahren mit „Depressionen“ zu kämpfen und war deshalb auch schon häufig in Behandlung gewesen. Ihr jüngerer Bruder Greg sprach oder spricht* von „bipolar disorder“. Sie sei Perfektionistin mit makaberem Humor gewesen; vielseitig begabt, jedoch unstet; viel bewundert, aber mit Selbst-zweifeln geschlagen. Die attraktive Frau habe nicht verhehlt, noch immer „Jungfrau“ zu sein, doch entspre-chende Annäherungsversuche zerstoben. Wahrscheinlich litt sie an diesem Mangel an engen Freundschaften am meisten. Dem Bruder zufolge bastelte sie Kinderpuppen, von denen sie immer welche mitsichführte. Auch in der Einkaufstasche mit der Pistole hätten sich zwei Puppen gefunden.

Horatia Harrod** glaubt, die „Krankengeschichte“ von Chubbuck werde meist überbewertet. Man gehe dabei den Vorurteilen der zeitgenössischen Quellen auf den Leim. Dagegen sprächen Chubbucks letzte Worte (vor der Kamera) deutlich von ihrem Unbehagen an dem Seifenoper-Kurs ihres Senders. Einige Arbeiten von ihr waren zugunsten von Geschichten gekippt worden, die mehr „Sensation“ hatten. Selbst ihr Bruder Greg habe bestätigt, daß Chubbuck diese Tendenz im US-Journa-lismus verabscheute. Ich wage hier nicht zu richten, spreche mich aber unbedingt dafür aus, Chubbucks mutige Tat insbesondere kerngesunden heutigen Nachrichten-sprechern von Fernsehsendern zur Nachahmung ans Herz zu legen. Das Ekelhafteste an diesen Sendungen sind ja keineswegs die Bilder und Nachrichten, von denen Chubbuck sprach, vielmehr ist es die gefolgstreue, karrieredienliche Ungerührtheit, mit der diese Bilder und Nachrichten, etwa aus dem zertrümmerten syrischen Aleppo oder von der Raumfährenabschußrampe auf Kap Canaveral, Florida, von der einen oder anderen aufpo-lierten Knechtsvisage dargeboten werden. Die adrette, blonde Ulla Melchinger bildete in dieser Hinsicht sicherlich keine Ausnahme, aber womöglich verstand sie sich lediglich auf den Anschein von Ungerührtheit. Ihre heutigen Kollegen sind abgestumpft.

* laut People, 11. Februar 2016
** im Telegraph, 2. Oktober 2016


Paula Köhlmeier (1982–2003), österreichische Schrift-stellerin. Im August 2005 zeigt sich Martin Halter in der FAZ von einem Band mit Prosatexten Köhlmeiers beeindruckt, Maramba. Ihre Sprache sei kraftvoll aber diszipliniert, genau, lakonisch. Man rede und lebe unter ihren zumeist jugendlichen Protagonisten vor allem aneinander vorbei. Trotz einiger Unfertigkeiten, so Halter abschließend, sei es „ein großes Unglück für die deutsche Literatur“, wenn „das große Versprechen“, das in dieser Prosa liege, nun nicht mehr eingelöst werden könne.* Man muß dazu wissen, zwei Jahre vorher war die 21jährige Autorin selber einem Unglück zum Opfer gefallen. Sie hatte gerade ein Literaturstipendium des Landes Vorarlberg errungen. Sie lebte in Wien, wo sie als PR-Agentin und Filmvorführerin arbeitete, hielt sich aber öfter im Vorarlberger Städtchen Hohenems auf, wo ihr Elternhaus stand. Beide Eltern, Monika Helfer und Michael Köhlmeier, waren und sind SchriftstellerInnen. Am 22. August 2003 stieg Paula auf Wegen oder Pfaden, die ihr auch nach Auskunft ihrer nachgelassenen Prosa durchaus vertraut waren, in Begleitung einer gleichaltrigen Freundin zur Burgruine Alt-Ems oberhalb von Hohenems auf. Vielleicht war es regenglatt; vielleicht querten die Frauen Geröll. Gegen 17.00 Uhr rutschten sie beide aus und stürzten, sich mehrmals überschlagend, 50 bis 100 Meter tief auf einen Wanderweg ab. Paulas aus Lustenau stammende Freundin erlitt bei dem Absturz nur leichte Verletzungen und konnte um Hilfe rufen. Die Hohen-emserin dagegen erlag im Krankenhaus noch in der Nacht ihren schweren Kopfverletzungen.

Obwohl oder weil sie überlebt hat, möchte man nicht unbedingt in der Haut der Freundin stecken, zumal sie offenbar die einzige Zeugin war. Daneben scheint hier die Problematik der Künstlerkinder auf. In Fällen, wo beide Eltern Künstler sind, findet sie selbstverständlich einen besonders guten Nährboden, weil sich gleich zwei komplizierte Persönlichkeiten zu ganz ungeahnten Verschlingungen steigern. Aber auch dessen ungeachtet haben es Künstlerkinder immer schwer. In der Regel lastet ein starker Druck auf ihnen, wobei es ziemlich einerlei ist, ob er durch den Vater, die Mutter, die MitschülerInnen, die Branche oder die sogenannte Öffentlichkeit ausgeübt wird oder ob ihn sich der Sprößling vor allem selber macht – weil er sich beispielsweise als Titus van Rijn oder Clemens Eich einbildet, die Münchener Pinakothek oder der Darmstädter Büchnerpreis stünden und fielen jetzt mit ihm. Im Eich des frühzeitigen (ungeklärten) Treppen-sturzes versteckt sich möglicherweise auch eine Ohrfeige für Martin Halter: Was da vielleicht, falls das betreffende Künstlerkind bis dahin durchhält, zum Glück der Literaturfreunde gerät, verdankt sich nicht selten dem Unglück der betreffenden Künstlerkinder – schon zu deren Lebzeiten. Aus Maramba zitiert Karl Woisetschläger** Zeilen, die vom Hohenemser Schloßberg handeln. „Es ist ein Medizinberg. Ich ging den Zickzackweg nach oben. Die Gedanken fliegen weg und schnellen bei jeder Kurve wieder zurück. Ich kenne den Schlossberg in- und auswendig ..(..).. Der Berg ist sehr empfindlich. Bitte reden Sie leise und am besten monoton, dann hält Sie der Berg für einen Bienenschwarm ..(..)..Ich setzte mich auf die Bank ganz oben beim Aussichtspunkt und spuckte auf Hohenems hinunter ..(..).. Ich zündete eine Zigarette an und dachte an die Freunde, die ich eigentlich nicht hatte.“

Apropos Zigaretten. Immerhin erwähnt Halter vor seinem Schlußpathos den rastlosen, ihn an Ingeborg Bachmann gemahnenden Lebenswandel der jungen Autorin, die gern als „Multitalent“ bezeichnet wurde. Halter bescheinigt ihr ein sehr geringes „Talent zum Glück“ und behauptet: „Sie wollte sich kettenrauchend und schreibend selbst verzehren.“ Damit drängt sich aber noch ein weiterer Gesichtspunkt auf. Nach Auskunft auch anderer (über-wiegend lobender) Rezensenten stellt Maramba weder eine Erzählung noch eine Sammlung von Erzählungen, vielmehr eine Art Anthologie eher bruchstückhafter Miniaturen dar. Paulas Eltern sollen dazu (im Nachwort) erklärt haben: „Die Geschlossenheit eines Romans entsprach nicht ihrem Lebensgefühl. Sie erlebte viel und erlebte schnell, und was sie erlebte, konnte für sich bestehen, und die Schönheit des Augenblicks, in dem auf den Bus gewartet wird, muß nicht in eine größere Dramaturgie gespannt werden.“ Das Wort muß klingt hier in meinen Ohren recht zwiedeutig und verräterisch. Hatte Paula es nicht nötig, die Dinge in eine größere Dramatur-gie einzuspannen, oder verstand sie es, diese Herstellung von Zusammenhängen, womöglich gar Welt- und Lebensentwürfen, selbstbetrügerisch zu vermeiden? Jedenfalls darf ich versichern, es ist verdammt schwer, die Dinge in eine größere Dramaturgie einzuspannen. Es ist leichter, ein Döschen mit Zahnstochern über dem Tisch auszukippen.

* 24. August 2005
** Die Presse, 5. Februar 2005


Anna Halman. Das seit Urgedenken beliebte Schneiden, Tyrannisieren, Demütigen von Außenseitern, neuerdings mobbing genannt, hat durch Video, Internet und Handy ohne Zweifel belebende neue Folterwerkzeuge und Foren gefunden. Allgemein gesprochen handelt es sich dabei sowohl um Erweiterung wie Beschleunigung der Bloßstel-lungsmöglichkeiten. Der 14jährigen Polin Anna, auch Ania gerufen, Schülerin eines Danziger Gymnasiums, wurde am 20. Oktober 2006 die Ankündigung der Lehrerin zum Verhängnis, sie habe für 20 Minuten auf dem Sekreteriat zu tun, die Klasse möge sich beschäftigen. Kaum war die Lehrerin verschwunden, wurde das als „schüchtern“ bekannte Mädchen von fünf aus Anias Dorf stammenden Mitschülern ergriffen, ausgezogen und betastet, wobei die Angreifer eine Vergewaltigung vortäuschten. Einer von ihnen nahm den ganzen Spaß per Handy auf, um ihn ins Internet stellen zu können. Anias Flehen um Gnade oder Hilfe fand auch beim gesamten Rest der Klasse kein Gehör: er amüsierte sich. Der zurückkehrenden Lehrerin wagte sich Ania nicht anzuvertrauen. Selbst ihrer Mutter gab sie, nach Hause gekommen, ausweichende Antworten. Am nächsten Tag erschien Ania nicht in der Schule – sie hatte sich inzwischen in ihrem Elternhaus mit einem Springseil* erhängt. Einige Psychologen meinten in der folgenden erregten landesweiten Debatte, nach Lage der Dinge sei dem Mädchen auch kaum etwas anderes übrig geblieben. Die Täter kamen mit glimpflichen drei Monaten Jugendhaft davon.

* Agnieszka Domańska im Magazin The Warsaw Voice am 20. Dezember 2006

Veronika Fischer (1964–2012), gebürtige Westfälin, gelernte Juristin, ehrgeizig und sogar filmbar. Prompt mausert sich das blonde „Frauchen“ um 2000 zur „knallharten“ Politikerin, wie es überall heißt, aber man ahnte auch vielerorts, „innen“ glich Fischer eher einer empfindlichen Schwimmblase. Und das sah man dann ja auch. Man sah es am Sonntag den 5. Mai 2012, als die amtierende CDU-Oberbürgermeisterin der Eifelstadt Mayen (knapp 20.000 EinwohnerInnen, westlich von Koblenz) aus ihrer am Marktplatz gelegenen kleinen Wohnung getragen wurde. Sie war 47, lebte „seit einiger Zeit“ von ihrem Mann und zwei halbwüchsigen Kindern getrennt. Schon am Samstag als vermißt gemeldet, war sie anderntags in ihre bereits durchsuchte Wohnung zurückgekehrt, wo sie abends nur noch tot vorgefunden wurde. Die Art des Selbstmordes wird nirgends genannt. Kummer mit Nahestehenden wird allenfalls gemutmaßt; vornehmlich habe Fischer unter dem von ihr mitgeschaf-fenen Arbeitsklima gelitten, den meist versteckt vorge-brachten Angriffen auf diese „Chefin“ also, die es angeblich liebte, ihre Kollegen im Stadtrat entweder stundenlang an die Wand zu reden oder mit knappen bissigen Kommen-taren an derselben aufzuspießen. Das Magazin Focus wußte auch, Fischer hatte erst Ende März einen „schwe-ren“ Autounfall gehabt, bei dem ihr Wagen in Brand geriet; sie habe sich aber noch aus diesem befreien können. Denkbare andere brennende oder nicht brennende Unfallopfer übergeht das Magazin (7. Mai 2012). Diesen Crash überstand sie also glimpflich. Dafür glaubt die Rhein-Zeitung (vom 8. Mai), das größere Übel habe die zierliche Frau, die so gern Machthaberin war, bereits wenige Tage vor ihrem Tod geahnt, als sie seufzte: „Dieser Job bringt einen um.“
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