Sonntag, 30. September 2018
Schotter für Conradi
Geschrieben um 2005


Geräusche, die nicht in die Landschaft paßten, ließen Conradi vom Zeichenblock aufblicken. Offenbar war ein kleines, grellgrünes Auto von der Landstraße abgekom-men. Es klebte aber nicht an einem Baum; es stak im Graben. Vielleicht war nur ein Reifen geplatzt. Jetzt zwängte sich auch schon ein Mensch aus der Fahrertür. Conradi griff nach seiner Kamera, in der ohnehin das Teleobjektiv saß, weil er das unter ihm liegende Schotterwerk nach Motiven für seine Skizzen abgesucht hatte. Es war Sonntag. Im Moment versuchte er sich an der schwierigen Draufsicht auf ein Förderband, das sich unterhalb der Abbruchkante über mehrere Stufen des Basaltbruchs zog. Bis zur Landstraße mochten es 400 Meter sein. O lala! Das war ja eine bemerkenswerte junge Dame, die da um ihr ungehorsames Autochen ging – ähnlich elegant gekurvt wie die Straße von Gudensberg nach Metze! Sie trug ein beiges Kostüm. Allerdings ging sie gar nicht, vielmehr hinkte sie. Ob sie sich verletzt hatte? Nun, man konnte ihr ja einmal unter die Arme greifen. Conradi warf Kamera und Zeichenblock in seinen Rucksack und trabte durch die Krüppelkiefern zu seinem Fahrrad hinab. So entkam er zumindest vorübergehend seiner zeichnerischen Fron. Er hatte sie sich nur auferlegt, weil er im letzten Sommer bei der Aufnahmeprüfung an der Braunschweiger Kunsthochschule durchgefallen war. In diesem Sommer wollte er es in Kassel versuchen. Mit 26 mußte er sich sputen; es gab Altersgrenzen.

Da er auch seinem Fahrrad die Sporen zu geben verstand, traf er im Nu an der Unfallstelle ein. Dieter Conradi stellte sich ordentlich vor und deutete erklärend auf seinen Aussichtspunkt. Die Fahrerin des nagelneuen VW-Lupo nickte erfreut. Zwei Autos waren bereits an ihr vorbeige-fahren. Sie hieß Birte Golz und trug ihr halblanges, dunkles Haar zurückgekämmt. Ihr ovales Gesicht war ähnlich gut geschnitten wie ihr Anzug. Ihr Wagen sei mit dem Knall plötzlich ausgebrochen. Sie zerstreute Conradis Bedenken, sie könne sich dabei verletzt haben. Sie hinke schon immer. Conradi nickte und wandte sich dem Lupo zu. Indem er nach den Reifen sah, konnte er eine gewisse Betretenheit überspielen.

Tatsächlich war der rechte Vorderreifen platt. Da er an der Böschung klemmte, war zunächst nicht an ihn heranzu-kommen. Birte deutete auf ihr Handy, das durch den Unfall vom Beifahrersitz gerutscht war. „Dann werde ich wohl Walter anrufen müssen, damit er mit dem Landrover kommt und meinen armen kleinen Lupo aus dem Graben zieht“, versuchte sie zu scherzen. „Ich wohne in Escheberg, wissen Sie?“

Conradi hatte keine Ahnung, wo Escheberg lag. Er war im Torfmoor am Wiehengebirge aufgewachsen, also bereits in der Norddeutschen Tiefebene. Doch der Name Landrover sagte ihm durchaus viel. Der Landrover war der Porsche unter den Geländewagen. Es kam hinzu, daß Conradi untrüglich spürte, wie sich die wohlgekleidete, schlanke Frau bereits für ihn erwärmte, obwohl er eher an einen Holzfäller erinnerte. Vielleicht konnte er diesem Walter Paroli bieten. Conradi war ein kräftiger Hüne, dem gelocktes, braunes Haar auf die Schultern fiel, unter dem sich sein Rucksack nur wie ein Lendenschurz ausnahm.

So winkte Conradi ab. „Das ist nicht nötig“, sagte er und nickte gen Norden. „Ich arbeite derzeit in Metze bei einem Landwirt. Brede hat einen Schlepper, gegen den Ihr Wägelchen – Sie entschuldigen bitte – ein Kinderwagen ist. Ich ziehe Sie damit raus und helfe Ihnen beim Radwechsel. Was halten Sie davon?“

Das Abenteuer nahm seinen Lauf. Bald darauf fühlte sich Birte wie von den blauen Bändern des Frühlings getragen, die ja an diesem Sonntag weder von einem Stäubchen getrübt noch durch Lärm zerfetzt werden konnten. Werktags war die ganze Senke vom Rattern des Schotterwerks beherrscht. Seine Staubfahnen hüllten je nach Windlage zusätzlich den Güntersberg oder den gegenüber liegenden Nenkel ein – eigentlich ein hübsches, bewaldetes Köpfchen. Conradi hatte seine neue Bekannte kurzerhand auf den Gepäckträger von Anni Bredes Fahrrad verfrachtet. Er hatte vorgegeben, Birte nicht allein lassen zu wollen. In Wahrheit verlangte es ihn, beiläufig mit seiner Stärke zu prahlen. Birte zögerte nicht, einen Arm um Conradis Hüfte zu legen, während sie „im Damensitz“ krampfhaft ihre feingearbeiteten orthopä-dischen Schuhe hochhielt, damit sie nicht auf der Land-straße schleiften. Conradi erfreute sich am Abdruck ihres festen Busens. Er hatte seit über zwei Monaten keine Frau mehr gehabt.

Wiederum wenig später klemmte Birte zwischen Conradi und dem gewaltigen Schlepperrad auf einem zurückver-setzten, schmalen Zweitsitz. Wie sie bald darauf sehen sollte, überragten allein die Hinterräder dieses Ungetüms ihren eigenen Wagen. Da Conradi die Frontscheibe einen Spalt breit nach vorn geklappt hatte, rührte der Fahrtwind mit Conradis langen Locken in Birtes erhitztem Gesicht. Bei ihr war es mindestens schon zwei Jahre her. Damals hatte Stefan die Kasseler Musikakademie verlassen, um sein Klavierstudium mit Hilfe eines Stipendiums in Paris fortzusetzen. Die Wirkungsstätte von Gabriel Fauré und Nadja Boulanger befeuerte ihn allerdings auch in Gestalt einer blutjungen Bistroinhaberin, die beim Tanzen nicht hinkte. Seine beflissenen Briefe an Birte versiegten bald.

Während Birte im Dröhnen des Schleppers, der mit über 50 Sachen von Metze zum Schotterwerk brauste, bereits die Osterglocken vernahm, drang die entscheidende Botschaft für Conradi erst beim Radwechsel an dessen Ohr. Zum Glück hockte Birte ein paar Schritte hinter ihm auf der Straßenböschung – sie hätte sonst womöglich sein jähes Herzklopfen gehört und das Radkreuz zittern gesehen, mit dem er die Muttern anzog. Er hatte noch einmal dem Zunamen nachgehakt, den ihm Birte genannt hatte. Jetzt vergewisserte er sich:

„Golz mit Z – wie der bekannte Maler?“

„Ja“, erwiderte Birte. „Der ist mein Vater.“

Conradi gestand die Aufregung, die ihn nach Birtes Offenbarung befallen hatte, ein paar Wochen darauf seinem alten Kumpel Zillig gegenüber ein. Sie saßen nach dem Mittagessen auf der Terrasse, die sich vom runden Eckturm des Schlosses Escheberg längs der Giebelwand zog, und wähnten sich unter vier Augen und Ohren. Der Hausherr war bereits nach dem Frühstück in seinem silberfarbenen Maserati nach Kassel geeilt, um sich für zwei Wochentage in der Malklasse blicken zu lassen, die ihm dort unterstand. Das Ehepaar Walter und Hildegard Jensch – es führte dem Professor Golz und seiner Tochter Birte die Hauswirtschaft – hatte sich zur Mittagsruhe in die kleine Orangerie zurückgezogen, wo es wohnte. Vom Salon her war gedämpftes Klavierspiel zu vernehmen. Das waren Birte und Zilligs Gefährtin Mechthild, die sich an Leo Weiners Fuchstanz in der Bearbeitung für vier Hände versuchten. Es sollte sich rächen, daß Conradi von Musik wenig Ahnung hatte. Ob gerade zwei oder vier Hände am Werke waren, konnte er nicht unterscheiden.

„Mein Gott!“ zitierte Conradi die Gedanken, die ihn beim Radwechsel durchzuckt hatten. „Du hast die Tochter von Johannes Golz aufgegabelt! Er ist der Star der Kasseler Kunsthochschule! Seine Gemälde werden zum Stückpreis von 300.000 Mark und mehr gehandelt! Im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt/Main hängt ein Riesenformat von ihm im Treppenaufgang; du hast es vor wenigen Monaten mit eigenen Augen gesehen.“

Zillig ließ seinen Blick über den verwunschenen Schloß-park gleiten, der ihnen zu Füßen lag, und nickte grinsend. „Ja, sicher. Ich sehe es auch. Ein richtiger Malerfürst eben!“

Conradi sagte sich zerknirscht, seine Offenherzigkeit sei etwas unbedacht gewesen. Schließlich hatte er Zillig im wesentlichen zu dem Zwecke eingeladen, ihm mit seinen jüngsten Errungenschaften zu imponieren. Das aber gelingt am besten, wenn man sie beiläufig wie Selbstver-ständlichkeiten erwähnt.

Am Straßengraben verhielt sich Conradi geschickter. Beim Aufziehen des neuen Reifens vermied er Überhastung. Dann kratzte er sich am Kopf und meinte zu Birte, es sei vielleicht angebracht, den überstandenen Schrecken zu begießen. Vielleicht sei Birte auch hungrig. Einen Imbiß und Tee mit Rum bekomme er in seiner bescheidenen Kammer sicherlich noch zustande. Dann könne Birte immer noch gemütlich nach Hause fahren.

Daran glaubten sie allerdings beide nicht. Schloß und Gut Escheberg liegen zwischen Zierenberg und Breuna abgeschieden inmitten bewaldeter Hügel; von Gudensberg aus waren das ungefähr 30 Kilometer. Doch hätte Birte selbst einen Katzensprung weiter in Niedenstein gewohnt, sie wäre bei Bredes prächtigem Aushilfsknecht geblieben. Es ging gegen 18 Uhr. Die Feldlerchen, die beiderseits der Landstraße aufstiegen, nahmen das Trillern des Teekessels und die Lustschreie eines Liebespaars vorweg.

Gegen sechs in der Frühe mußte Conradi raus, um die 120 Bullen zu füttern, die Brede mästete. Sie standen in einer langgestreckten Halle zu beiden Seiten einer betonierten Rampe aufgefädelt – ja, in dem Stahlrohrgestänge aufgefädelt wie zukünftige Steaks. Birte warf einen mitleidigen Blick hinein, verdrückte sich dann aber, weil Brede nahte. Es wurde gerade erst hell. Auf dem First der Halle trompetete eine Amsel. Birtes Befremdung wich wieder Jubel. Ihr neuer Geliebter winkte dem knallgrünen Lupo gleichsam schöpfend mit seiner Schirmmütze nach, als wolle er Birte wieder einfangen. Auf den Kopf gefallen war Conradi wirklich nicht.

Birte war putzmunter und übermütig wie ein einjähriges Pferd, das nach langem Winterstall über die aprilgrüne Wiese fliegt. Sie schob die neue CD der Del McCoury Band ein. An ihren Titel, der Birte längst geläufig war, verschwendete sie keinen Gedanken: The Cold Hard Facts (1997). Welches Feuerwerk entfachten doch Banjo, Baß, Mandoline, Gitarre, Geige, während sich Del McCourys glasklare Tenorstimme über den noch taufeuchten Chattengau und den welligen Langenberg erhob, den gleich die Morgensonne krönen würde!

Am folgenden Wochenende besuchte Conradi Birte auf Schloß Escheberg. Drei Tage später wohnte er schon dort.

Birtes Vater hatte keine Einwände gehabt. Ob er wirklich an Conradis künstlerische Begabung glaubte, wird sein Geheimnis bleiben. Doch dürfte er zumindest gehofft haben, an diesem stattlichen Draufgänger könne seine Tochter nur einen willkommenen Halt finden. So erklärte er sich bereit, mit Conradi für die Aufnahmeprüfung zu arbeiten. Sie betrieben das durchaus ernst. Dabei war sämtlichen Beteiligten allerdings klar, daß Johannes Golz auch seinen beträchtlichen Einfluß in die Waagschale werfen würde.

Was die künstlerische Begabung von Johannes Golz selber angeht, war sie nicht unumstritten, wie man so schön zu sagen pflegt. Golz hatte schon während seines Studiums gerne Stilleben mit Flaschen, Vasen, Krügen und dergleichen gemalt, doch eines Tages brachte ihn ein Streich von Klassenkameraden auf die Idee, diese Gefäße einmal umgekehrt auf ihre Unterlagen zu stellen. Seitdem malt er seine berühmten Stürzleben. In Berlin-Mitte stürzen sich seine Gefäße sogar auf den Bundeskanzler, über dessen Schreibtisch sie an der Wand hängen. In einem um 1990 erschienenen 24bändigen Brockhaus wird Johannes Golz mit neun Zeilen gewürdigt. Als der betreffende Band herauskam, war Golz kaum über 50. Der italienische Maler Francesco Furini muß sich im selben Band mit sieben Zeilen begnügen. Dabei konnte die Überzeugungskraft seiner eindrucksvollen Maria Magdalena etwa, die in Wien hängt, schon einige Zeit auf uns wirken. Furini malte sie um 1640.

Aus einigen Andeutungen Birtes ließ sich schließen, sie habe selber recht schwer an dem Verdacht getragen, womöglich habe ihr Vater – statt sich mit seinen Sujets gedanklich und handwerklich auseinanderzusetzen – nur eine billige Masche ersonnen, die ihm zu Aufsehen und Ruhm verhalf. Ihre früh verstorbene Mutter war alles andere als eine Karrieristin gewesen. Als sie mit Birte schwanger ging, gab sie ihren Platz in einem renom-mierten Kammerorchester auf. Sie spielte Cello. Sie litt an der Verschlossenheit ihres Mannes, die mit Prunksucht einherging. Seine Pläne, Schloß Escheberg zu kaufen, hieß sie nicht gut – aber dann starb sie.

Conradi war schlau genug, um nicht wie ein Kronprinz in Schloß Escheberg einzuziehen. Er gab den etwas hinterwäldlerischen Naturburschen, der sich immer nur ungern, gleichsam notgedrungen und sicherlich nur vorübergehend zu all den Annehmlichkeiten drängen ließ, die dort auf ihn warteten. Er grämte sich, weil er nichts zu Kost und Logis beitragen konnte. Brachte ihm Birte ein schickes neues Hemd mit (78 Mark), wehrte er entsetzt ab, bevor sie ihn dazu bewegen konnte, es zumindest einmal anzuprobieren. Natürlich stand es ihm ausgezeichnet. Galt es bei ihren gemeinsamen Ausflügen die Eintrittskarten oder die Rechnung des Kellners zu begleichen, griff Conradi unwillkürlich nach seiner Geldbörse, um sie dann – nach Birtes Ermahnung – ratlos und verstört, wie es schien, in der Luft hängen zu lassen, bevor er sie zerknirscht, gleichsam in sein hartes Schicksal ergeben, in seine Gesäßtasche zurücknestelte. Bei seiner Gerissenheit mußte er sich natürlich sagen, eine solche Rolle sei unmöglich als Dauerbrenner zu gestalten. Aber Conradis Nahziel war ja die Aufnahmeprüfung, die bereits im Juni stattfinden würde. Sie würde ihm zumindest den Bafög-Höchstsatz einbringen, denn bei seiner Mutter, die in der Küche eines Altenheims arbeitete, war nichts zu holen.

Da sie sich dort begegnet waren, lag es nahe, das Schotterwerk am Güntersberg zu ihrem persönlichen Wallfahrtsort zu machen. Mindestens einmal in der Woche fuhren Birte und Conradi dort hin. Conradi zeichnete; Birte ließ sich unterdessen von Alfons Resch – dem Platzwart – in die Geheimnisse der Geologie, des Basaltabbaus und der Schotterherstellung einweihen. Das war doch einmal etwas Handfesteres als Gesang: ihr Hauptfach an der Akademie. Sie schwänzte sogar einen Workshop mit einer Altistin aus Mailand, um Conradis Gegenwart besser ausschöpfen zu können. Vielleicht ahnte sie, es handle sich nur um ein Intermezzo.

Am Vormittag dieses Mittwochs, der Birte schließlich in die Untersuchungshaft führte, trafen die Osnabrücker-Innen Zillig und Mechthild auf Schloß Escheberg ein. Sie waren nur auf der Durchreise. Gegen Abend wollten sie bereits im Schwarzwald sein. Das erwähnte Terrassen-gespräch zwischen Zillig und Conradi fand nach dem Mittagessen statt. Birte belauschte es unabsichtlich. Sie hatte lediglich vor, Mechthild mit der Platte der Del McCoury Band bekannt zu machen. Die Platte lag in ihrem Turmzimmer. Also eilte sie – soweit es ihr Hinken zuließ – vom Salon aus eben dort hin.

Die Vorstellung, wie sich Birte, nach Atem ringend, über die ausgetretenen Sandsteinstufen der Wendeltreppe im Schloßturm emporstemmt, fällt nicht schwer. Warum jedoch mußte sie ausgerechnet dort oben hausen? Das Schloßgebäude bot ihr schließlich Zimmer genug, die bequemer zu erreichen waren. Vielleicht ermöglichte ihr das Turmzimmer die Darstellung ihres Widerspruchs. Sie konnte sich dort als Außenseiterin, Verbannte, verwun-schene Prinzessin fühlen – und hatte sich doch tagein tagaus gegen dieses Los zu stemmen.

In Höhe einer Schießscharte angekommen, die sich ungefähr drei Meter über der Schloßterrasse befand, hielt Birte bestürzt inne. Sie hatte Conradis Stimme vernom-men, die entsetzliche Worte von sich gab. Sie hörte Conradis Eingeständnis, während des Radwechsels an der Landstraße habe ihn die Begegnung mit Birte in helle Aufregung versetzt – wegen ihres berühmten Nach-namens. Sie hörte weiter:

„Ohne dies wäre es vermutlich bei der einen Nacht geblieben. Gewiß, sie ist sehr anziehend. In trauter Zwei-samkeit kann sie wie ein Feuerball über dich kommen. Da vergißt du ihr Hinken. Aber man bewegt sich doch auch in der Öffentlichkeit. Unsere Ausflüge sind mir immer ziemlich peinlich.“

Birte krümmte sich am Geländer der Wendeltreppe, als sei sie von einer Haubitzenkugel im Magen getroffen worden. Um etwas zu tun, taumelte sie weiter treppauf. Ihr Vorsatz, die McCoury-CD zu holen, leitete sie in ihr Turmzimmer und wieder bis in die Eingangshalle zurück. Dort jedoch sah sie sich außerstande, Mechthild diese Platte zu unterbreiten, mit der sie vor einem Monat ihre zündende Begegnung mit Conradi gefeiert hatte. The Cold Hard Facts. An der Garderobe hing ihre Handtasche. Sie stopfte die CD hinein. Dann wankte sie in den Salon zu Mechthild, schützte Unwohlsein vor, wünschte Mechthild eine gute Weiterreise und zog sich ins Arbeitszimmer ihres Vaters zurück. Als Conradi und Zillig wenig später ihre Köpfe durch die Tür steckten, winkte sie beschwichtigend. Conradi begleitete die beiden BesucherInnen auf den Schloßhof, wo Zilligs Motorrad stand, eine 750er Yamaha.

Was sollte Birte tun? Sie konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Die Flammen der Scham loderten in ihr und hüllten ihr Gehirn in beißende Rauchwolken. Beschämend war ja nicht nur die Enthüllung zum bloßen Namensschild; sie war auch einfältig und blind genug gewesen, sich nach Strich und Faden belügen zu lassen. Was hätte sie jetzt für die Anwesenheit ihrer Mutter gegeben! Birte entschloß sich jäh, ihrem Leben ein Ende zu machen. Damit würde sie bei ihrer Mutter sein. Allein der Entschluß kam bereits einer Erlösung gleich; sie hörte auf zu weinen. Jetzt kam es nur noch darauf an, ihn in die Tat umzusetzen. Das würde sie bewerkstelligen. Zumindest das!

Naheliegenderweise dachte Birte zunächst daran, sich vom Schloßturm zu stürzen. Vielleicht hingen noch die Abgasschwaden von Zilligs schwerem Motorrad auf dem Hof. Aber Hildegard und Walter Jensch zuliebe, denen Birte viel Verständnis und Fürsorge verdankte, verwarf sie diesen Plan wieder. Schließlich hätten die Jenschs sie vom Hofpflaster kratzen müssen. Ihr Vater hätte das nicht gemacht, von Conradi ganz zu schweigen. Conradi ekelte sich ja schon so vor ihr. Damit wurde Birte klar, sie hatte ihn vor ihrem Abtritt zur Rede zu stellen. Diese Tapferkeit konnte sie ja wohl von sich verlangen.

Dann fiel ihr die Lösung ein. Sie würde nun ihrerseits die Unschuld spielen und Conradi zu einer „spontanen“ Wallfahrt in den Basaltbruch am Güntersberg bewegen. Es war ein strahlend sonniger Maitag, sodaß nichts dagegen sprach. Sie würde Conradi hinauf zur Abbruchkante lotsen und dort zur Rede stellen. Die Lösung war geradezu genial. Birte hörte bereits die Eichelhäher spotten und die Bagger kreischen. Denn wie sich Conradi auch verhalten mochte: ob er nun alles abstritt oder alles zugab – es würde Birte nichts anderes übrigbleiben, als sich in den Basaltbruch zu werfen. Da hatte er dann eine leicht zu zeichnende Draufsicht.

Conradi betrat das Arbeitszimmer. „Du lachst? Es geht dir also wieder besser?“

Es fiel Birte nicht schwer, Conradi für den Ausflug zum Güntersberg zu gewinnen; schließlich mußte er den erleichterten Liebhaber spielen. Sie parkten den Lupo wie immer neben Reschs Baracke, die unweit der Abfüllanlage für den Schotter lag. Auch zu der Kletterpartie hatte Birte Conradi bereits überredet. Allerdings steckte Resch, nachdem sie kaum ausgestiegen waren, seinen Kopf aus dem Barackenfenster und winkte sie zu sich. Dem mußten sie natürlich nachkommen. Resch wollte nur die brühwarme Nachricht loswerden, Brede liege mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Er boxte Conradi grinsend in die Seite und unkte, er lasse doch Brede hoffentlich nicht im Stich?!

Conradi zeigte ihm einen Vogel. Dann warf er sich zu einer großen Gebärde auf, die Birte das Blut in den Adern stocken ließ. Theatralisch – dabei sogar die Fersen hebend – legte er einen Arm um Birte und versicherte Resch:

„Diese Frau braucht mich dringender ..!“

Da ihr Conradis Niedertracht wie ein Basaltbrocken auf den Brustkorb fiel, erübrigte es sich für Birte, ihr erneutes Unwohlsein zu spielen. Dafür rang sie sich ein dankbares Lächeln ab. Dabei schob sie sich freilich schon auf Reschs Besucherstuhl und murmelte irgendetwas von einem kleinen Schwächeanfall. Resch schenkte ihr sofort ein Glas Mineralwasser ein. Conradi erkundigte sich besorgt, ob am Ende doch etwas Ernstes vorliege. Dabei kam ihm sogar der Gedanke, sie könnte schwanger sein. Das hätte ihm noch gefehlt! Doch Birte wiegelte ab. Tatsächlich hatte sie sich schon wieder gefangen. Sie mußte jetzt alles daran setzen, schleunigst zur Abbruchkante hinaufzukommen, sonst würde sie platzen.

Plötzlich wurde gehupt. Jenseits der Abfüllanlage winkte Heinz-Gerhard von seinem Bagger herab zur Baracke. Resch entschuldigte sich und verließ die beiden. Hinter einem Lastwagen, der gerade dröhnend von der Abfüllan-lage zur Waage fuhr, verschwand er im Steinbruch.

Besorgt, wie er tat, schlug Conradi vor, Birte möge sich noch ein wenig ausruhen, ehe sie den Berghang in Angriff nähmen. Bis dahin könne er sich vielleicht an einer Untersicht in der Abfüllanlage versuchen, die ja gerade frei geworden sei. Dagegen wußte Birte im Moment nichts zu sagen. So nickte sie nur.

Conradi klemmte sich seinen Skizzenblock wieder unter den Arm und hielt auf die Abfüllanlage zu. Es waren vielleicht 40 Schritte. Birte beobachtete ihn durchs Barackenfenster. Als er in den Schatten der brückenför-migen Anlage tauchte, äugte er an den Ständern und Leitern empor, um sich einen reizvollen Blickwinkel auszugucken. Dann stand er genau unter dem riesigen Fülltrichter und spähte auch zu diesem hinauf.

Birte hatte Resch oft genug zugesehen. In der mittleren Reihe des Bedienungspultes, das unter der Fensterbank stand, war es der dritte Knopf von links gezählt. Birte drückte ihn.

Offenbar war sie sofort zu ihrem Lupo gewankt, während der Schotter auf Conradi prasselte. Doch sie floh wohl kaum vor Strafverfolgung. Sie fuhr ohne zu rasen wie unter Narkose nach Hause. Die von Resch alarmierte Polizei griff sie kurz vorher auf, bei Zierenberg. Ihr knallgrüner Lupo bebte unter den Klängen der Del McCoury Band.
°
°