Sonntag, 30. September 2018
Das Gleisdreieck
Erstveröffentlichung 2005 in Muschelhaufen


In einem „symbolischen Akt“, so die Märkische Rund-schau, ist in Neustadt an der Dosse eine Urne beigesetzt worden, die ausgerechnet den Schweif eines ruhmreichen Erzeugers von knapp 2.000 Fohlen enthält. Deckhengst Kolibri fiel mit 25 einer Kolik zum Opfer. Die Grabrede hielt ihm Gestütsleiter Horst Gresshöller. Aus diesem Mann machte ich mir einmal erheblich mehr als aus Pferden. Die Geschichte, die ich Ihnen möglichst kurz und unsentimental erzählen will, ist ziemlich genau so alt wie der verschiedene Hengst.

Ich bin Malerin in Berlin. Um 1980 war diese Stadt bekanntlich noch geteilt, und Gresshöller, Max und ich lebten im Westteil der Stadt, wo sich neben zahlreichen Agenten eine mehr oder weniger linke Subkultur tummeln durfte. Gresshöller hatte den Zusammenbruch einer maoistischen Vorhut der Arbeiterklasse überstanden und leckte noch an seinen Wunden, was ihn allerdings nicht ernähren konnte. Ein staatlich subventioniertes Studium zum Diplom-Agraringenieur nahm er erst nach seinem Gerichtsverfahren auf. Möglicherweise hat er die gegen ihn verhängte Geldstrafe von knapp 3.000 Mark erst als Gestütsleiter abbezahlt. Da er in Witzenhausen bei Kassel studierte, verloren wir uns aus den Augen. Mit Max dagegen hielt ich Verbindung. Er war damals schon Ende 40. Inzwischen lebt er bei Wismar in einer anarchistischen Landkommune, wo ich ihn hin und wieder besuche. Das Alter droht jedem von uns.

Als ich in den Bannkreis der beiden ungleichen Männer tappte, studierte ich an der Hochschule der Künste in der Klasse von Walter Stöhrer. Gresshöller fiel mir bei einem Konzert von Teller Bunte Knete auf. Wir wohnten beide in Kreuzberg; ich Nähe Mehringhof, Gresshöller am Oranienplatz. Seine Bude lag im Seitenflügel ganz oben. Im Treppenhaus stank es nach Katzenpisse. Die vergilbte Blümchentapete an Gresshöllers Zimmerwänden war von Fotos, Lageplänen und Besetzungslisten übersät, die verschiedene Filmvorhaben Gresshöllers betrafen. Wie mir erst allmählich aufging, handelte es sich dabei durchweg um Luftschlösser. Gresshöllers Bewerbung bei der Film- und Fernsehakademie am Theodor-Heuss-Platz war abgewiesen worden, und auch bei Filmproduzenten oder Fördergremien kam er nicht zum Zug. Er litt an Selbstüberschätzung. So hatte er sich Teller Bunte Knete als Trompeter angedient, obwohl sein Ansatz miserabel war. Am liebsten wäre er auch Clown und Architekt, Politiker und Olympiasieger gewesen – allerdings nicht im Reiten. Er fühlte sich zu allem berufen und machte nichts richtig. Der Architekt Mies van der Rohe hätte ihm eingeschärft, weniger sei mehr.

Allerdings konnte Gresshöller hervorragend fotografieren. Er hatte einen Riecher für verblüffende Einstellungen. Entsprechend rückte er sich gewissen Konzertbesucher-innen gegenüber in günstiges Licht. Wahrscheinlich verdankte er auch seinen Fischzug auf dem Schrottplatz, zu dem er sich angeblich binnen weniger Sekunden entschließen mußte, diesem Blick für filmreife Situationen. Der Schrottplatz lag unweit der Yorckbrücken am Rande des Gleisdreiecks, das wir damals oft durchstreiften. Da Gresshöller völlig mittellos war, kam er ja trotz oder wegen seiner hochfliegenden Pläne nicht umhin, immer mal wieder für ein paar Tage oder Wochen als schnöder Hilfsarbeiter Geld zu verdienen. Auf dem Schrottplatz konnte er einen erkrankten Magnetkranfahrer vertreten. Der Schrott wurde in Güterwaggons verladen. Er schaukelte in großen Trauben am Kranausleger; nahm Gresshöller den Strom weg, schlug er polternd oder klirrend im Waggon auf. Ich verfolgte das gelegentlich, wenn ich vom U-Bahnhof Yorckstraße kam. Dann lief ich durch die Wildnis weiter zu Max. Den Gedanken, die Schrottraube schlüge Max und mich zu Matsch, durfte Gresshöller bei den emanzipatorischen Ansprüchen, die damals in Schwange waren, natürlich nicht haben.

Max hatte bereits angegrautes Haar, das er durch ein Stirnband nach hinten zwang. Der Lötkolben, mit dem er Stangenschellack zum Ausbessern kleiner Furnierschäden zu verflüssigen pflegte, hatte ihm einmal die Stirnlocken versengt. Er war klein und drahtig und bewegte sich geschmeidig wie eine Katze durch sein vollgestelltes Gewölbe. Er wohnte ziemlich originell. Vom Landwehr-kanal bis zur Drehscheibe vor den ehemaligen Lokschup-pen zog sich eine niedrige, gelbe Backsteinbrücke durch das verwilderte und streckenweise geradezu verwunschene Bahngelände. Die Bögen im Bereich des Hochbahnhofs Gleisdreieck hatte man zugemauert und als Werkstätten oder Läger vermietet. Während die Tore auf eine bucklig gepflasterte Gasse gingen, erstreckte sich auf der anderen Seite eine Art von Gehölzen durchsetzte Steppe, die neben zahlreichen verrosteten Schienen allerlei verfallene Gemäuer oder Reparaturgräben verbarg. Sie war ein Tummelplatz für Hasen und Rebhühner, Fledermäuse und Singvögel. Blühten Ginster oder Fingerhut, kamen auch die Bienen.

Max hatte ein rückwärtiges Fenster zur Hintertür erweitert. Hier saßen wir öfter zu dritt bei erstaunlich erlesenem Wein, während sich um die Spitze der Kirche am Bülowbogen, die über der westlichen Häuserfront zu sehen war, das Abendrot legte. Gresshöller besorgte den Wein zum Spottpreis von Amselfelder, indem er im Supermarkt Etiketten umklebte. Max steuerte, neben Käse und Oliven, vor allem Anekdoten bei. Sein Vater war im Ruhrgebiet auf Zeche gewesen. Im Mai 1952 wurde der junge Arbeiter Philipp Müller bei einer Demonstration gegen die Wiederbewaffnung der BRD in Essen hinter-rücks von Polizisten erschossen. Das machte Max zum Linken. Um kritisch wirken zu können, wurde er Lehrer, aber ironischerweise gerade als solcher dann ein Opfer der Berufsverbote zur Zeit einer sogenannten sozialliberalen Bundesregierung. Der schon von Adenauer und Schumacher geschürte Antikommunismus rechtfertigte jede Schandtat. Max machte aus der Not eine Tugend; er stieg aus. Er hatte auch in Kunst und Werken unterrichtet und verlegte sich nun aufs Restaurieren von Möbeln für Westberliner Antiquitätenhändler und Raumausstatter. Sie lieferten ihm die Stücke in die Bogengasse und holten sie auch wieder ab.

Gresshöller war ihm eines Tages am ehemaligen Stellwerk über den Weg gelaufen, wo Max seinen Ziehkarren mit Balken und Brettern belud. Daß Max in seinem Gewölbe auch wohnte, war streng genommen gesetzwidrig, doch danach krähte kein Hahn. Er hatte einen Ausguß, einen Verschlag mit WC und einen großen, eisernen Ofen, in dem er Tonnen an Reichsbahngebälk verfeuerte. Selbst Beschläge oder Glasscheiben konnte er verwerten. So hatte er die beiden Torflügel, um mehr Tageslicht in seinem Gewölbe zu haben, mit Bullaugen versehen. Sie gingen nach Osten. Es konnte nicht ausbleiben, daß ich eines schönen Tages auch einmal einen Sonnenaufgang bei Max erlebte. Für mich hätte die Sonne Grund gehabt, auf Max' Stirnband neidisch zu sein, das sich auf seinem zerschlissenen Bettvorleger ringelte.

Nach den erwähnten emanzipatorischen Ideen waren Besitzdenken, Eifersucht und Geheimniskrämerei streng verpönt. Gresshöller gab sich also viel Mühe, seine rasch anwachsende Verstörung zu überspielen. Max nahm das Liebesdrama ohnehin gelassener. Dadurch genoß ich für einige Monate das Privileg, über zwei recht verschiedene Geliebte zu verfügen. Gresshöller, der auch in dieser Hinsicht unbedingt das Podest der Nummer 1 innezuhaben wünschte, lief zu großem Feuer auf, während mich an Max vor allem das Rücksichtsvolle, ja beinahe Höfliche betörte. Nebenbei war er der erste Mensch, der mir die Marxsche Werttheorie in ihrer ganzen Tragweite begreiflich machen konnte. Außerdem verführte er mich zu den Büchern Marlen Haushofers. Zwar halte ich die Behauptung, jedem Menschen sei als Liebespartner nur ein auserwählter anderer Mensch bestimmt, nach wie vor für schwachsin-nig; betrüblicherweise steht mir aber seit mehreren Jahren noch nicht einmal einer zur Verfügung.

Durch Gresshöllers beherzten Zugriff auf dem Schrottplatz beziehungsweise auf dem Platz des benachbarten Brenn-stoffhändlers erfuhr unsere heikle Dreiecksgeschichte eine sozusagen amtliche Lösung. Die beiden Plätze waren durch eine mannshohe Mauer getrennt. Allerdings thronte Gresshöller auf dem Magnetkran, als er den Brennstoff-händler Achmed al Mousawi auf seine schwere Limousine zuwatscheln sah, die im Schatten eines aufgebockten Tanks hart neben der Mauer parkte. Der beleibte, stets tadellos rasierte und gekleidete Geschäftsmann war gebürtiger Libanese. Da Gresshöller ihn aus politischen und ökologischen Gründen hassen mußte, nahm er mit Schadenfreude zur Kenntnis, daß Mousawis linker Arm in einer Schlinge steckte, die er um den Hals trug. Mit dem rechten Arm dagegen drückte er eine große, pfeilerförmige Blechbüchse an sich, wie man sie aus Teegeschäften kennt. Um die Wagentür öffnen zu können, schob er die Büchse kurzerhand aufs Dach der Limousine. In diesem Augenblick tauchte in der Tür des flachen Bürohäuschens eine Frau auf, die über den Hof rief:

„Herr Mousawi – das Fax von Liebenheimer ist eingetroffen!“

Der Brennstoffhändler machte auf dem Absatz kehrt. Möglicherweise wollte er das Fax sofort beantworten, denn er verschwand hinter seiner Bürodame in dem Häuschen, dessen Fenster durch Innenjalousien gegen die grelle Mittagssonne abgeschirmt waren.

Gresshöller dagegen hatte in seinem Inneren sofort das Bild der hüpfenden Blechbüchse empfangen, wie er uns später versicherte. Es kam noch schärfer. Nachdem er den Kranausleger über die Mauer geschwenkt hatte, ließ er mit klopfendem Herzen den Magneten über dem Dach der Limousine ab. Zwar bäumte sich der schwere Wagen sichtbar auf – doch nur die Blechbüchse schoß dem Magneten in die Fänge. Klasse! stieß Gresshöller zwischen den Zähnen hervor. Dann entführte er seine Beute in die weitläufigen Schrottberge und nahm sein normales Verladegeschäft wieder auf.

Wenig später wurde dem selbstzufriedenen Gresshöller heiß und kalt, denn offenbar hatte er mit seinem vermeintlichem Bubenstreich in ein Wespennest gestochen. Auf dem Nachbarhof brach geradezu ein Tumult aus. Mousawi in seinem Maßanzug fluchte wie ein Eseltreiber und stellte im Verein mit seiner Bürodame den ganzen Hof auf den Kopf, während er dieser sämtliche Höllenstrafen verkündete. Schließlich warf er sich mit hochrotem Kopf in seine Limousine, um den Tagedieb vielleicht noch auf der Yorckstraße zu stellen. Demnach schien die Blechbüchse nicht nur Tee oder Kekse zu enthalten. Gresshöller war gespannt wie das Drahtseil vom Magneten und fieberte dem Feierabend entgegen, während er sich mal einen grausigen, mal einen ergötzlichen Büchseninhalt ausmalte.

Auf das Naheliegendste war er nicht gekommen. Mir erklärte er später, wahrscheinlich habe er schon zu viel Hochachtung vor dem Kreditkartenwesen gehabt, das um 1980 gerade zur Blüte kam. Die Büchse war vollgestopft mit Bündeln aus Banknoten.

Nachdem er das Ausmaß seines Glücks begriffen und die Scheine in fliegender Hast durchgezählt hatte, vollführte Gresshöller wahre Freudentänze um seinen schäbigen Küchentisch. Es waren rund 130.000 Mark. Ohnehin völlig abgebrannt, zupfte er sich einen Hundertmarkschein aus dem Haufen und lief zum nächsten Supermarkt, um sich mit Qualitätswein einzudecken, ohne sich die Mühe des Etikettenumklebens machen zu müssen. Daß er sturzbesoffen gewesen sei, gab er später unumwunden zu, doch die grandiosen Pläne, die er beim Trinken im Angesicht des Geldberges schmiedete, enthüllte er Max und mir lieber nicht.

Für Gresshöllers jähe Ernüchterung sorgte am frühen Morgen die Polizei, die bei ihm Sturm klingelte. Sie nahm ihn mit. Dieses Mal hatte die Kassiererin Argwohn geschöpft. Als die Filialleiterin Gresshöllers Hundertmark-schein prüfte, stellte er sich als gefälscht heraus.

Zu Max' Verblüffung gab Gresshöller sowohl bei den Vernehmungen wie im Gerichtsverfahren die Quelle des Falschgeldes nicht preis. Er habe den in einer Plastiktüte steckenden Batzen im U-Bahnhof Soundso gefunden, als er die Abfallkörbe nach einer halbwegs genießbaren Tages-zeitung durchsuchte. Ich dagegen kannte Gresshöller besser. Die Kehrseite seines prahlhänsischen Draufgänger-tums war ein neurasthenischer Zug. Er konnte wegen Leberflecken oder Seitenstichen in Panik geraten. Andere Drohungen setzten sich ihm sofort in Verfolgungswahn um. So auch im Fall des Brennstoffhändlers Mousawi, in dem er einen Mafiaboß witterte. Blutrache, weil man in der Hasenheide ein türkisches Mädchen schief angeguckt hatte – das war für Gresshöller kein Teppichwitz. Al Mousawi der Schreckliche würde ihn mindestens mit glühenden Zigaretten küssen und an den Füßen aufhängen lassen, auf daß Gresshöller ahne, wie einer am Kran schaukelnden Teebüchse zumute sei. Dann lieber für ein paar Monate in den Knast wandern, weil man Falschgeld in Verkehr gesetzt hatte. Doch sein Rechtsanwalt ersparte ihm sogar die Marter der Gefangenschaft.

Ich habe keine Ahnung, was aus Gresshöllers Schreck-gespenst geworden ist. Mit dem Löwenanteil des verwil-derten Gleisdreiecks mußten auch die Gewerbehöfe dem Fortschritt Marke Potsdamer Platz weichen. Vielleicht betreibt ein Sohn des Al Mousawi nur ein Wettbüro, in dem die kleineren Ganoven Kreuzbergs oder Lichtenbergs auf den einen oder anderen Nachkommen des berühmten Deckhengstes Kolibri setzen.
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