Sonntag, 30. September 2018
Astrid
Geschrieben 2015


Zunächst war sie lediglich „Prinzessin von Schweden“. Am 4. November 1926 gab es dann wieder einmal eine Traumhochzeit, die der knapp 21jährigen den Weg auf den Thron der Königin von Belgien ebnete. Sie wurde in Stockholm mit dem belgischen Thronfolger und späteren König Leopold III. vermählt – beides selbstverständlich bildhübsche Menschenkinder, wie geschaffen für das gerade aufkommende Massenfutter namens Illustrierte. Beim Gatten handelte es sich um den ältesten Sohn des belgischen Königs Albert I., dessen Vorgänger wiederum der berüchtigte Leopold II. gewesen war, der von 1865 bis zu seinem Tod im Jahr 1909 unter anderem über beträchtliche Landstriche in Afrika geherrscht hatte.

Dieser Leopold war damals mit Hilfe des umstrittenen „Afrikaforschers“ und Halunken Henry Morton Stanley bereitwillig in die verwaisten Fußstapfen der Portugiesen und in die Lücke getreten, die ihm die anderweitig beschäftigten Briten geboten hatten. Als sich der rauschebärtige König 1908 gezwungen sah, den riesigen Kongo als seinen Privatbesitz preiszugeben und dem belgischen „Staat“ zu verkaufen (!), wechselte der Imperialismus lediglich die Kleider. Landraub, Zwangs-arbeit, Monokultur, Aushungerung der Schwarzen, dafür emsige Fütterung sogenannter Konzessionsgesellschaften, die das Land um Megatonnen an Palmöl und Kautschuk, Schlachtvieh und Kupfer erleichtern durften – alles ging auch unter Albert I. und Leopold III. seinen gewohnten Gang. Noch des Letztgenannten Sprößling Baudouin besitzt die Unverfrorenheit, 1960 bei der Unabhängigkeits-feier in der Kongo-Hauptstadt (die zu diesem Zeitpunkt nach wie vor Leopoldville heißt) auf die grundlegende Bedeutung des „großen Werkes“ Leopolds II. zu pochen. Nach den verbreiteten Schätzungen sorgte das Werk, von allen verheerenden Begleiterscheinungen abgesehen, für 10 Millionen Tote. Daran konnten Albert I. und Leopold III. anknüpfen. Für Baudouin blieb dann nicht mehr viel zu tun; der Kongo war bereits ausgepreßt wie eine Zitrone. Baudouin hatte Leopold III. 1951 auf dem Thron abgelöst, weil inzwischen zu vielen Belgiern die Rolle, die sein Vater während der Besatzung Belgiens durch die deutschen Faschisten gespielt hatte, gar zu fragwürdig vorgekommen war. Überdies hatte Leopold III. während des Krieges den Fehler gemacht, sich erneut zu verheiraten, diesmal mit der „bürgerlichen“ Flämin und Golferin Mary Lilian Baels. Damit hatte er für sehr viele BelgierInnen (vor allem die wallonisch gesinnten) einen unverzeihlichen Verrat an der „göttlichen“ Astrid begangen. Dagegen scheinen sie ihm niemals krumm genommen zu haben, daß er sie ins Jenseits befördert hatte.

Wie schon früher angedeutet, zählt die Bemerkung, der Fahrer oder die Fahrerin hätten „die Kontrolle über ihren Wagen verloren“, im Zusammenhang mit Autoverkehrs-unfällen zu den Lieblingsformeln deutscher Berichterstat-tung, Lexika eingeschlossen. Sie bietet den angenehmen Vorteil, jede persönliche oder gesellschaftliche Verantwortlichkeit unauffällig ins Reich der Fabel oder noch besser: der Verschwörungstheorie zu verweisen. Dafür war eben „höhere Gewalt“ im Spiel. Möglicherweise entstand die Formel 1933 im politischen Bereich, als das deutsche Volk durch einen dummen Zufall die Kontrolle über seinen Staat verlor. Jedenfalls werden in der Folge Legionen von hitz- und hohlköpfigen Fußballprofis, Popstars, Millionenerben oder Throninhabern an ihren Lenkrädern vom Schicksal überwältigt. So auch im Falle Leopolds.

Als Astrid im Sommer 1935 mit ihrem Gatten Urlaub in der Schweiz machte, war sie 29. Sie galt gleichermaßen als besonders anmutige, mütterliche, großherzige und „skandalfreie“ Königin. Am 29. August unternahm das Herrscherpaar eine Autospazierfahrt „inkognito“ ohne seine bis dahin drei Kinder. Ob die Königin zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem vierten Kind schwanger ging, ist in den Quellen umstritten. Kurz nach neun Uhr vormittags geschah es also: König Leopold „verlor“ bei Küssnacht am Vierwaldstättersee auf der kurvenreichen Uferstraße „die Kontrolle“ über seine eher gemächlich fahrende Nobel-karosse Packard 120-C, ein für damalige Verhältnisse so kräftiges wie schnittiges Cabriolet, das daraufhin die steile Uferböschung hinunterstürzte. Entgegen sonstiger Gepflogenheit hatte Leopold selbst gesteuert, nicht sein Chauffeur Pierre Devuxst. Dieser hatte im Fond des Wagens gesessen. Zudem war dem Packard noch ein Begleitfahrzeug gefolgt, vermutlich mit Leibwächtern besetzt. Während sowohl der 33 Jahre alte König wie sein Chauffeur mit geringen Verletzungen davonkamen, wurde Astrid, wohl beim Zusammenstoß des offenen Wagens mit einem Baum, auf die Böschung geschleudert. Sie starb noch am Unfallort an ihren schweren Kopfverletzungen.

Dem Hechtsprung des Packards folgte der mediale Stein-schlag auf den Fuß. 2010 heißt es dazu in einem Gedenk-artikel des Züricher TagesAnzeigers: „Der Tod Astrids wurde zum Medienereignis. Am Nachmittag erschien ein Extrablatt der Luzerner Neuesten Nachrichten. Journalisten aus der ganzen Welt machten sich auf den Weg nach Küssnacht. Gleichzeitig flog Walter Mittelholzer exklusive Bilder von der Einsargung der Toten in einer gecharterten DC2 der Swissair zu einer internationalen Presseagentur nach London. Noch am Unfalltag verließ der Sarg per Bahn die Schweiz. In der Bahnhofshalle von Luzern drängten sich die Schaulustigen. Auf dem Bundeshaus standen die Fahnen auf Halbmast.“

Nun konnte sich die Traumhochzeit als Traumbegräbnis vollenden. Den Bildjournalisten zuliebe wurde Astrids arg entstellter Kopf in Bandagen gelegt, ehe sie unter den Augen der Weltöffentlichkeit in die königliche Gruft der Liebfrauenkirche zu Laeken in Brüssel gesenkt wurde. Den Textjournalisten schärfte man neben der Schlagzeile Das Ende einer großen Liebe ein, Leopold habe seinen drei Kindern schon gleich nach dem Unfall streng verboten, zukünftig über ihre Mutter auch nur ein Wort zu verlieren – so gewaltig war sein Schmerz. Außerdem habe er verfügt, in ihrem Gemach dürfe nichts angerührt werden, während er Astrids blutverschmierten Rock in seinem eigenen Gemach verstaute. Den Unfallwagen hatte er Mitte September mit offensichtlicher Billigung der zuständigen Behörden an einer tiefen Stelle bei Meggenhorn im Vierwaldstättersee versenken lassen. Den würden Lenins eidgenössische Getreue nicht mehr in die Finger bekommen. Wer heutzutage auch nur einen Fernseher in den Vierwaldstättersee würfe, hätte mit der Todesstrafe zu rechnen – sofern er kein König oder Parlamentsabgeord-neter wäre.

Immerhin war der Unfallwagen vor seiner Versenkung von Fachleuten der kantonalen Motorfahrzeugkontrolle untersucht worden. Danach wiesen Bremsen und Steuerung des 1.600 Kilogramm schweren Acht-Zylinder-Sportwagens keine Mängel auf. Dem Polizeibericht zufolge schieden auch schlechter Straßenzustand oder widrige Witterungsverhältnisse als Unfallursachen aus. Somit konnten die Spekulationen blühen wie in Küssnacht die Kletterrosen, zumal die vorhandenen Aussagen einer Wüste glichen. Nach einem Artikel Jost Auf der Maurs, der 2006 in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen ist*, gab es mit dem Spenglergesellen Friedrich Krebser lediglich einen Augenzeugen. Dem Polizisten Adi Kälin gegenüber hatte Krebser die Geschwindigkeit des Packards auf 70 bis 80 Stundenkilometer geschätzt. Nach Krebsers Darstel-lung wies die mit Straßenkarte bewehrte Astrid gerade zum Berg Rigi, worauf auch Leopold dort hin blickte. In diesem Augenblick sei das rechte Vorderrad des Packards über den Bordstein ausgeschert. Der Fahrer müsse daraufhin Gas gegeben haben, da das linke Hinterrad beschleunigte. Der Wagen machte einen Satz, prallte gegen einen Birnbaum und schlidderte die Böschung hinunter Richtung Schilf. Kurz darauf sei das Begleitfahrzeug losgeprescht, um Hilfe zu holen. Es kehrte mit den beiden Ärzten Armin Jucker und Robert Steinegger zurück, die Astrids Kopfverletzungen begutachteten und ihren Tod feststellten.

Erstaunlicherweise ist bei Auf der Maur kein Wort der Stellungnahme zu bekommen, die man sich von Leopold selbst, seinem Chauffeur und seiner Begleitmannschaft erwartet hätte. Er teilt vielmehr mit, Polizist Adi Kälin habe damals am Unfallort notiert: „Die in Betracht kommenden Personen verweigerten jede Auskunft und die Mitteilung ihrer Personalien. Ein Herr in Chauffeuruni-form gab schließlich nach mehrmaliger Aufforderung seinen Paß ab. Er sagte nur: 'Ich bin nicht selbst gefahren, sondern mein Herr.'“ Erst im Rathaus Küssnacht und im Beisein des belgischen Konsuls Von Moos, so Auf der Maur, habe sich eine Begleitperson Leopolds zu der Erklärung herbeigelassen, bei der Verunglückten handle es sich um die belgische Königin. „Aber da ist der Leichnam bereits eingesargt und auf dem Weg in die Villa Hasli-horn.“ Die lag bei Luzern. 2010 behauptet Grenzecho-Redakteur Gerd Zeimers, Leopold selber sei „zu den tragischen Ereignissen nie befragt“ worden.** Aber tragisch waren sie jedenfalls. Schon wieder Höhere Gewalt.

Man kann sich nun aussuchen, ob damals lediglich die bekannte blaublütige Hochnäsigkeit waltete oder ob die Herrschaften aus Belgien womöglich irgendetwas zu verbergen hatten. Immerhin, das blutverschmierte Kleid hatte Leopold gerettet, auch wenn er es wahrscheinlich niemals der Brüsseler Kriminalpolizei oder den dortigen Gerichtsmedizinern unter die Nase rieb. Der Schweizer Bundesrat war daneben untertänigst genug, die Gemeinde Küssnacht und einen weiteren privaten Eigentümer zu nötigen, dem Staat das Unfallgrundstück zu verkaufen, damit es dem trauernden König geschenkt werden könne. Der hatte sich nämlich in seinen glücklicherweise kaum verletzten Kopf gesetzt, am Unfall- oder Tatort eine Gedenkstätte zu errichten. Nach der Übereignung bestellte er bei etlichen belgischen Architekten und Künstlern eine Kapelle, die vermutlich unter den Kronen des Kitsches im Guinness Buch der Rekorde verzeichnet ist. Mit Rücksicht auf die bekannte Armut des belgischen Königshauses wurde sie zumindest teilweise mit Hilfe der belgischen Veteranenvereinigung finanziert, die dafür 50.000 Franken Spendengelder gesammelt hatte. Auf die Idee, das Geld in eine Gedenkstätte für auch nur eine dunkelhäutige Bewohnerin des kolonialen Kongo zu stecken, wären die Veteranen selbstverständlich nicht im Traum verfallen. Die Einweihung der Astrid-Kapelle fand im Sommer 1936 statt, parallel zur Berliner Olympiade. Weitere gewaltige Kosten entstanden um 1960, als die Kapelle versetzt wurde, weil sie sich, nach Ansicht diverser Behörden, als untragbares gefährliches Hindernis für den touristischen Auto- und Fußgängerverkehr herausgestellt hatte. Der Rubel muß rollen.

Eine Außenseiterposition unter den Begutachtern des Falles nimmt der Anthroposoph Fedor Kusmitsch ein, der seine Informationen 1935 aus erster Hand bezogen haben will. Auf dieser Grundlage behauptet er 2001 im Rahmen eines ausführlichen Artikels über die drohende, von „westlichen Logen“ und Kapitalzentren wie Brüssel befehligte Neue Weltordnung, Leopold habe damals auch seinerseits „inoffiziell“ einen befreundeten Mechaniker beauftragt, „den Wagen und insbesondere die Lenkung zu untersuchen. Der Experte reist in der Folge nach Brüssel, um Leopold Bericht zu erstatten: beide Lenkachsen seien angesägt gewesen, berichtet er Leopold. Dieser schweigt darüber und läßt das Wrack des Wagens an der tiefsten Stelle im Vierwaldstättersee versenken.“ Aber nicht etwa, um den Packard nicht mehr sehen zu müssen oder um späteren Schnüfflern ein Schnippchen zu schlagen! „In Wirklichkeit“, so Kusmitsch, wollte Leopold der Öffent-lichkeit die schmerzliche Erkenntnis ersparen, daß es sich bei dem angeblichen Unfall „um einen fehlgeschlagenen Königsmord“ gehandelt habe.***

Der ganze Rummel wiederholte sich 1997, wenn auch in größerer Dimension und Perfektion, nachdem „Lady Di“ Diana Spencer (36), die sagenumwobene Ex-Gattin des britischen Thronfolgers Charles, in Begleitung ihres steinreichen ägyptischen Liebhabers Dodi Al-Fayed (42) in Paris mit einem Mercedes S 280 vor den Tunnelpfeiler einer Stadtautobahn gerast war. Spencers Begräbnis wurde weltweit von geschätzt 2,5 Milliarden Menschen verfolgt.

* NZZ 27. August 2006
** am 28. August 2010 in Grenzecho.net
*** Fedor Kusmitsch in Nummer 21/22 der Symptomatologischen Illustrationen, Basel 2001, S. 11

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