Sonntag, 30. September 2018
Die Fußmatte
Geschrieben um 2015


Ein junger Mensch, der es sich noch heutzutage mutwillig mit einem potentiellen Arbeitgeber verscherze, könne nicht mehr alle Tassen im Schrank haben, wurde Madlenka später als Kommentar der Frisörin zugetragen.

Von der Frisörin hatte sie erfahren, eine Frau Hufmeister aus der X-Straße suche eine stundenweise Betreuerin für ihre demente Mutter. Madlenka ging gleich hin. Das heißt, genauer gesagt nahm sie ihr Fahrrad, lag die X-Straße doch im sogenannten Gewerbegebiet. Das kleine, noch nahezu nagelneue Büro- und Wohngebäude des Diplom-Ingenieurs Hufmeister hatte zwei Eingänge, dienstlich und privat, und klemmte zwischen einer Baufirma und einem Logistik-Unternehmen, während es nach hinten, wie Madlenka erspähen konnte, auf den rückwärtigen, tadellos geschorenen Mittagspausenrasen der Firma Schnober ging, die in ihren Fabrikhallen bekanntlich schmackhaften Kuchen backt und in Klarsichtfolie packt. Jedenfalls war es bei Ostwind sogar auf der anderen Seite der Stadt bekannt, wo Madlenka im baufälligen Häuschen ihrer Tante wohnte. Schnobers süßlich-klebrige Geruchsschwaden konnten ganze Bienenschwärme binden, sofern sie nicht rechtzeitig die Flucht ergriffen. Vielleicht hatten die Hufmeisters wenigstens das Fenster der dementen Mutter, falls es nach hinten ging, mit einer geruchsdichten Jalousie versehen lassen, damit überhaupt noch Heilungsaus-sichten bestanden.

Madlenka erreichte die linke, private Eingangstür, klin-gelte und blinzelte eine Zeitlang auf die bunte Fußmatte, während sie verschiedene polternde Geräusche vernahm, die aus der Wohnhälfte des Hauses drangen. Schließlich wurde die Tür aufgerissen. Eine schweratmende, gehetzt wirkende blonde Frau um 50 rief:

„Ja, bitte, was ist denn!?“

Hoffentlich war es nicht schon die demente Mutter! Madlenka hob beschwichtigend die Hände und flötete: „Entschuldigen Sie bitte die Störung … Man sagte mir, Sie suchten ...“

Weiter kam sie nicht. „Himmel, doch nicht jetzt!“ rief die stämmige Frau Hufmeister. „Das Essen steht auf dem Herd; meine Enkelin macht mir am Handy die Hölle wegen eines Gardinenstoffes heiß, den sie bei Ikea gesehen hat und den natürlich ich bezahlen soll; meine Mutter plärrt, weil sie sich mit dem Rollstuhltrittbrett im Treppengeländer verfangen hat – und dann kommen auch noch Sie! Kommen Sie bitte am Nachmittag wieder.“

Damit lächelte sie zur Entschuldigung gequält und warf die Haustür wieder zu.

Madlenka runzelte ihre Stirn, sah unwillkürlich auf die ihr bereits bekannte Fußmatte und schüttelte ihren übrigens rötlich schimmernden Bürstenhaarschnitt. Das konnte man mit ihr nicht machen! Sie klingelte erneut.

Etwas fiel im Hausflur um und klingelte ebenfalls, vielleicht ein Fahrrad, dann war ein Fluch zu hören, gleich darauf wurde auch die Haustür erneut aufgerissen:

„Was ist denn noch? Haben Sie mich nicht verstanden? Sind Sie am Ende taub? Und sowas will einen behinderten Menschen betreuen!“

Das war Madlenkas Chance – die Taubheit. Sie stocherte mit ihrem Zeigefinger senkrecht nach unten vor ihre Füße, wo die bunte Fußmatte mit dem Schriftzug Herzlich willkommen lag, sah dabei freilich Frau Hufmeister geradewegs fragend ins Gesicht.

Frau Hufmeister stutzte, dann schnaubte sie verächtlich. „Unfug! Das gilt doch nicht immer!“

„Es steht aber immer drauf ...“

Frau Hufmeister stemmte ihre Arme in die Hüften und höhnte: „Ja, soll ich sie denn jedesmal, wenn ich unpäßlich bin, hereinholen, Sie verzogenes Kind? Da hätte ich ja viel zu tun.“

Madlenka winkte ab. „Nicht nötig. Drehen Sie sie einfach um. Schreiben Sie Geh zum Teufel auf die andere
Seite ...“
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