Samstag, 29. September 2018
Die Lothars und das Private
Geschrieben 2016


Ich hole zunächst mit dem Vater aus, den ich sogar noch aus meiner eigenen, nichtkinofreien Kindheit kenne, Hanns Lothar. Bekanntlich verkörperte dieser beweg-liche, hagere Schauspieler, 1929 in Hannover geboren, den pfiffigen deutschen Jungen – mal gelassen, mal schnod-drig, zumeist als charmante Nervensäge. Das war genau das Richtige für die westdeutsche Wirtschaftswunderzeit. Lothar gehörte seriösen Bühnen an, zuletzt dem Thalia Theater in Hamburg, trat aber auch gern in Fernsehkrimis auf.

1962 gab er den armen Schlucker Axel in Rainer Erlers Film* Seelenwanderung geradezu herzzerreißend. Axels Kumpel Bum war freilich vom Naturell her gar nicht der Richtige für die Wirtschaftswunderzeit. In der proleta-rischen Kneipe Trübsal blasend, befinden die beiden, Bum (Wolfgang Reichmann, rundlich, mit großer Stirnglatze) sei zu gutherzig, nicht kaltblütig genug, um endlich einmal auf einen grünen Zweig zu kommen. Das gibt Axel den Vorschlag ein, Bum möge sich seiner Seele entledigen. Tatsächlich gelingt es Bum, durch geballte Anstrengungen, seine Seele in einen leeren Schuhkarton zu „denken“, den ihnen der Wirt gegeben hat. Axel macht schnell den Deckel zu; Bum versetzt den Karton anderntags für fünf Mark im Pfandhaus und bahnt so seinen unaufhaltsamen Aufstieg zum skrupellosen Kapitalisten an. Von Axel will er jetzt nichts mehr wissen – bis er ausgebrannt im Sarg liegt und erkennt, aufgrund der verlorenen Seele ist ihm der Weg ins Jenseits versperrt; er muß als „Geist“ durch die Stadt seiner Erfolge irren. Damit beginnt die Jagd nach dem Schuhkarton. Axel steht Bum bei, obwohl ihn dieser so schäbig behandelt hat. Der Herzensgute ist hier Axel, der durchtriebene Ganove.

Daß Lothar außerdem singen konnte, bewies er unter anderem als Christian Buddenbrock in einer Verfilmung des bekannten Romans von Thomas Mann. Lothar liebte Frauen, Fußball, Boxen, Alkohol. 1967 ereilte ihn bei Bühnenproben in Hamburg eine Nierenkolik, an der er starb. Er war 37. Seine zweite Gattin Gabriele, ein Mannequin von nur 23 Jahren, war gerade auf Reisen.

Damit zu einem Apfel, der nicht weit vom Stamm fiel, Marcel Werner (1952–86) mit Namen. Laut Zeit-Nachruf war der Berliner Schauspieler „ein langer, dürrer, schräger Mensch, immer bekümmert und deshalb immer auch ein wenig komisch“. Dieser Mensch war ein Sohn, den Lothar 1952 mit seiner Kollegin Elfriede Rückert (später Werner) gezeugt hatte. Marcel Werner spielte, sowohl auf der Bühne wie in einigen Filmen, vorwiegend Sonderlinge. Er trat im Juni 1986 in Hannover mit 34 Jahren endgültig ab. Man spricht zumeist von einem Langzeit-Selbstmord durch chronischen Alkoholismus. Die Zeit meinte etwas verwaschener, Werners Drang zur Selbstzerstörung habe seine Lust zur Selbstdarstellung überwogen. Möglicherweise streifte jener erste Drang auch noch andere. Laut Spiegel (19. Oktober 2007) lernte Werner 1978 die Schauspielerin Marion Michael kennen, die 1956 als barbusiges „Dschungelmädchen“ eingeschlagen war. Sie hielt Werner für die Liebe ihres Lebens. Der Spiegel: „Ein schöner Mann, Trinker, gewalttätig. Ein Jahr später flieht sie vor ihm.“

Das Phänomen der Wiederholung ist nicht nur in Stamm-bäumen auffällig. Im 1982 veröffentlichten Kinderfilm Bananen-Paul von Richard Claus und Petra Haffter versetzt ein ausgerissener Zirkusbär eine Kleinstadt in Panik, obwohl er ein gutmütiger Bursche ist. Werner gab darin einen Fotografen. Das Werk könnte manchen Betrachter an ein Glanzstück meiner Kindheit erinnern: an das 1952 erschienene Jugendbuch Der Löwe ist los von Max Kruse.** Als Werner für immer seine Augen schloß, 1986, rief sich der Ex-Scherben-Frontman Rio Reiser mit einem Hit, wie sich rasch zeigen sollte, zum König von Deutschland aus. Über Adolphe Adams Komische Oper Wenn ich König wär’ von 1852 war bereits Gras gewachsen.

Damit sollen keine Vorwürfe erhoben sein. Von nichts kommt nichts; wir sind alle nur Varianten. Eher würde ich über jene Leute Verachtung ausgießen, die sich um jeden Preis mit „Neuigkeiten“ hervortun müssen – im Falle von Produzenten neuer Automodelle selbstverständlich um einen möglichst hohen Preis. Leider gilt das Ganze auch, zu ungefähr 80 Prozent, für die ganze „moderne Kunst“, Literatur eingeschlossen. Jetzt erhoben die Jarrys, Schwabs und Baselitze die Aufgabe zur Norm, von der Norm abzuweichen. Dabei belief sich der Sinn der Aufgabe darauf, Ruhm und Einkommen des Neuerers zu mehren. Der schweizer „Dramatiker“ Werner Schwab, 35, soff sich ebenfalls tot.

Am 21. Juli 2012 starb die 51jährige Berliner Schauspie-lerin Susanne Lothar. Sie war eine Tochter Hanns Lothars und eine Halbschwester Marcel Werners. Woran oder warum sie starb, wollte der Rechtsanwalt ihrer Familie, der „Privatsphäre“ der Verstorbenen oder der Angehörigen zuliebe, nicht verraten. „Und so blühten die Spekulationen“, schrieb die Münchener Abendzeitung nicht ohne Folgerichtigkeit. Anzeichen für eine Krankheit etwa habe man bei Lothar, die 2007 ihren Ehemann Ulrich Mühe durch eine Krebserkrankung verloren hatte, noch am 30. Juni auf dem Münchener Filmfest nicht bemerkt. In Schauspielerkreisen werde von Selbstmord gemun-kelt.*** Und wenn schon? Hat der Rechtsanwalt die von ihm vertretene „Privatsphäre“ verriegelt, weil in dieser ein Selbstmord als Makel gilt? Das würfe kein sonderlich vorteilhaftes Licht auf die von ihm Vertretenen. Wenn aber nicht – was wäre dann in diesem Todesfall noch schützenswert? Jeder, selbst die Münchener Abend-zeitung, wußte, daß mit Lothar eine ausgesprochen empfindsame und „verletztliche Charakterdarstellerin“ verstorben war. Da liegt doch ein Selbstmord gleichsam von Jugend an in der Luft. Eine andere Frage ist, warum ausgerechnet ein derart angreifbarer Mensch die Brenn-punkte öffentlichen Interesses aufsucht, Theaterbühnen und Filmfeste zum Beispiel. Sie führt vom Thema ab.

Leider ist auch die „Privatsphäre“ ein verdammt weites Feld. Immerhin ist sie, ungeachtet ihrer Abmessungen, nie ein „natürliches“ Feld. Ihre Grenzen werden in jeder Kultur und in jeder Epoche anders gezogen. In kapita-listisch verfaßten Demokratien kreist die „Privatsphäre“ vor allem um die jeweiligen Einkommensverhältnisse, ob sie nun zu Hause im Wandsafe oder auf entlegenen, meerumrauschten Steuerparadiesen geschützt werden. Das hindert freilich die wenigsten GroßverdienerInnen daran, erstens mit ihren Platinuhren zu protzen, zweitens in Talkshows oder gut honorierten Zeitungsinterviews ihr Innerstes nach außen zu kehren, drittens den Bürokraten, Polizeibeamten und Berufsschnüfflern ihres Landes zu gestatten, die menschliche Würde mit Füßen zu treten, sobald einer auch nur einen zwergfichten-großen Schatten auf die Fassade der kapitalistischen Demokratie wirft.

Wahre Demokratie lebt von Öffentlichkeit, Aufrichtigkeit, Nachvollziehbarkeit. Ich kann den anderen mitsamt seiner Beweggründe und seinen Bedürfnissen umso besser verstehen, je mehr ich von ihm weiß. Erst dadurch kann ich auch mich selber besser verstehen, denn alleinge-lassene Beschränktheit bleibt immer beschränkt. Aus diesem Hauptgrund – Vertiefung des Verständnisses – schreiben gewisse Leute Theaterstücke oder Porträtbücher. Vielleicht könnte sich durch die Vertiefung des Verständ-nisses sogar die Erhöhung des Schutzes der „Privatsphäre“ erübrigen, nämlich insofern, als durch diese Bildungs- und Vertrauensbildungsarbeit Angst abgebaut wird. Eine Gesellschaft ohne einschüchternde Strukturen und Drohgebärden würde weder Panzerschränke noch Rechtsanwälte benötigen.

Auf der Linie jener Theaterstücke oder Porträtbücher liegen sicherlich auch Biografien. Oft können diese Biografien allerdings erst einige Jahre nach dem rätsel-haften, vielerörterten, von Spekulationen umwucherten Tod der betreffenden prominenten Person erscheinen; gut Ding will schließlich Weile haben. Und weil diese Bücher dann endlich die Wahrheit von den Todesumständen ihrer Gegenstände enthüllen, gehen sie weg wie warme Semmel. Das ist volkswirtschaftlich gesehen sinnvoll, wird doch auf diese Weise ein doppelter Umsatz erzielt, zunächst durch die Spekulationen, später durch die Biografie.

* Eine Art Kammerspiel, schwarzweiß, 75 Minuten lang, gedreht nach einer Parabel von Karl Wittlinger.
** Kruses Sohn Stefan hätte leider in mein Lexikon der Unfallopfer gepaßt: der 15jährige erlitt 1968 einen tödlichen Fahrradunfall in seinem (bayerischen) Heimatort. Einzelheiten sind mir nicht bekannt. Sein Vater, Max Kruse, wurde 93, gestorben 2015.
*** Michael Heinrich, „Der Tod der Tragischen“, 26. Juli 2012

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